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Full text of "Zeitschrift für Theologie und Kirche"

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3ciff(^rifi 



®^5ölo0te untr Tkhtfit, 



3» !Bei6tnbung mit 

D. V. ^Mvud, VTaTtfToT txr Sl^ologit in Serliti, D. B. O*"»**», $ioftnoT 

bn X^colDoit in aJtarintTg, D. 3. ffofttn, ^iDfeTTot bn X^tDlagie in aSnlin, 

Ido. W. Krif^It/ S^mnaftalttToftffor in Stultaail, D. A. Crd, $ioftffor bei 

X^eolQgit in f&otm 

IinauSgegeben 






CItllet 3al|V0an0. 



SfreOutg t ». ISdt 

3l(abttnif<^ SnloQlbu^^anblung uon |. f. |. pal|t 
»Ml Cttlnf). 






Sbvud ton C. V. 9Baflii(T in ^rciburg i. Q. 



33090 



3S^olo%it unb üird^e oon 3« itaftan in ^erlitt l 

SHe fbui^ bed ek^angelif^en ^l^riften t)on 9ß. ^emitantt in äHarUtttfl 28 
(Bef^i^te bet Se^re Don bei Seliglett allein buT^ ben (Glauben in bet 

alten Stirbt ton 9. ^tnatt in f6tvlin 82 

65ren AierYegaarbS ©tettnng ^u S3ibel unb 2)ogma t)on Lic. theol. 

Ulir. ed^rem^f, Pfarrei in Seuaeuborf 179 

2)er jtem bet AoTneIiuderaä!|Iung, SIct 10, 1—11, 18 üon $• $• äßenbt 

in ^eibelberg 230 

2)ie Sifa^rung bet ^dllenf(|re(fen unb bet ^^tiflenftanb na4 bem 

rttt^eile Sut^etd üon 3. @iittf4tdr in @iefte]t 255 

Sltligion unb ©ocialbemohatie bon 9ß* ^etrmantt in Vtarütttfl . . 159 
kennen mit bie liefen ®otted? @ine Untetfud^ung übet ^bdquatl^eit 

unbSnabäquat^eit bet (^tiftIi($en®otteSet!enntni6 Don 9R. Reif 4Ie 

in etnttgatt 287 

^e Cffenbarung but^ S^ttftuS unb bad 9leue 2!eftament oon Lic. 

O^tax $ol|mattn, $tofe1|ot bet 2:^eologie in @ieftc]t ... 867 
9ßie Detl^alten fi^ bie aioei 93egtiffe „Opfet" unb „©aftantent" gu 

einanbet? oon it. S^tiitx, Stabt^fattet in 9aXett 426 

®Iaube unb 2)ogmatil bon D. S. Raftan in S3erltn 479 

Sad Set^ältnig be§ (^tiftlid^en ©laubend aum mobetnen ®eifteSleben 

oon 3. eattfd^dr in bieten 550 



I. 



SljeoUgte tinb £tr(^e. 



ason 
3. ftaftin 

in Serlin. 



St^eotogic unb ^irc^e bebingen unb beeinfluffen fid) gegen^ 
fcitig. Um bcr Sirdje ju biencn ift bie S^eotogie in bcr ®^ri[tcn= 
^eit cntftanben. 3fn il^rcr SEBeifc unb mit i^ren SJlitteln foll fie 
biefcn ®icnft an§rid)ten, afö SEBiffenfc^aft nämlid) unb mit gciftigen 
3Wittctn. ätbcr bic aufgäbe ift unb bleibt ber S)ienft an ber Äirdje. 
äBieberum f ann bie Äird)e foldjen 3)ienfte§ ber Stieologie gar 
nic^t entratl^en. 3)a§ ©t^riftent^um ^at ate eine geiftige ^Religion 
eine uniocrfette SEBal^rl^eit ju uertreten. 2)aju ift e§ auf bem ©oben 
ber fiulturmelt entfprungen unb ^at unter Äulturoöüem feine Stätte 
gefunben. 5)ie Äirc^e fann bal^er ba§ ©tiriftent^um nic^t erf)alten 
unb oerbreiten, o^ne neben anberm aud) bie 3)ienfte ber 3Biff enfc^aft 
in 3lnfprud) ju nehmen, ot^ne eine i^r eigentl)ümlic^e SlBiff enfc^aft^ 
eben bie S^eologie, ins; Seben ju rufen unb ju pflegen. 

S)er 3)ienft ber Sl^eologie an ber Äirc^e ift ein boppelter. 
(Sinmal begießt er jtc^ auf ba§ innere fieben ber ^rd)e felbft. 
5)ie lebenbigen Ouellen aUe§ ®^riftentf)um§ in ber SEBelt, bie Ur^ 
funben ber göttlichen Offenbarung, muffen erforfc^t, baö "^tmix^U 
fein um bie ©efc^ic^te be§ (£!^riftent^um§ in ber SQSelt mu§ rege 
erhalten , bie SEBaf^rf^eit besi d)riftlic^en @Iauben§ mu^ bargelegt 
werben. 3)ie geiftige 3trbeit, n)eld)e ba^ aUe§ erforbert, mu^ aber 
um ber ©ac^e mitten fo genau unb ]o gut mie immer möglid» 

3ritf(^rift fnt Z^eologie unb itir(^e. 1. Oa^rg.. 1. ^eft. 1 



2 ^aftan, Ideologie unb Rixä^t. 

gctl)an rocrben. 2). \). c§ tnu^ in ber Slrt unb mit bcn 9Äitteln 
ber SBiffcnfdiaft gefdE)cl^en. S)aoon tä^t fic^ gar nid)t abfcl^n. 
©d)on um il)re§ inneren Seben§ mitten braucht bie Äirc^e bie 
Sl^eologie. Unb baju fommt bann boS anbere, bie ©etbftbetiaup' 
tung be§ Kfiriftentfjum^ unb ber Äirdje im geiftigen fieben ber 
3eit. 9)lan mag* ba§ nun 2tpologetif nennen ober mit meld)em 
9tamen fonft, entbehrt merben fann aud) ba§ nic^t, e§ brängt ftc^ 
ber Äird)e immer auf§ neue auf. Unb bie Söfung biefer Slufgabe 
!ann mieberum nur oon ber fird)üc^en SBiffenfd^aft, oon ber 
2:f)eoIogie erwartet, nur t^r befoI)ten merben. 

g^reiüdi, bie 2:f)eoIogie [tet|t aud^ anbem ©nflüffen afe benen 
ber Sird)e offen. 2lfe SQ3iffenfd|aft mu^ fte fid) nad| ben Siegeln 
unb ©efe^en rid^ten, bie in aller SQSiffenfc^aft gelten, ol^ne metdje 
biefe ju fein aufhört. 3)enn roenn auc^ bie miffenfc^aftlid)e ÜJle== 
tI)obe fid) je ben ©egenftänben entfpred^enb befonbert, unb bie für 
fte ma^gebenben ^nftanjen, bie ftetS in ber ©ad)e liegen, then 
be^I)alb einer SSeränberung unterfteljn, fo ^at ba§ boc^ feine fe^r 
beftimmte Orenje. SBo man anfangt, bie ©ac^e nad) feinen 93or= 
auSfe^ungen jU geftalten unb fid) bie SJletl^obe burd) bie im oorau^ 
beftimmten ^izU oerbiegen ju laffen, ba l^ört bie aEBiffenfd)aft 
auf. 2)a§ gilt aud^ für bie 2:]^eologie. 2)urc^ bereu ^flid)t, ber 
^rd)e JU bienen, wirb hieran nid)tS geänbert. Unb be^l^alb liegt 
in bem ®ienft ber 2:^cologie jugleid) ein 6influ^, ben fie auf bie 
Äird)e übt, ein 2lnfpruc^, auf ®lauben unb Seben in ber Äird^e ein^ 
jumirfen, if)re ©eftaltung mi^ubeftimmen. 3)a8 fann nid^t anberö 
fein. Qm geiftigen Seben fc^lie^t bie 3)iettftleiftung immer etma§ 
berartigeö ein. Unb eö unterliegt feinem ä^i^eifel, ba^ bie 2:^eoIogie 
je unb je einen foldjen ©influ^ in ber Äirc^e ausgeübt l^at. 

3)iefer ®influ§ ift nic^t blo§ formaler Statur. Qn ber oben 
juerft genannten 93ejiel)ung f önnte unb follte er jmar nid[)t§ anbre^ 
fein. 2)enn ba l^anbelt e§ ftd) immer nur um bie ®rmittlung unb 
SBefd^reibung gegebener ®rö§en beS geiftig = gefc^ic^tlic^en fieben^. 
3)a t^ut bie SC^eologie gerabe ate SEBiffenfc^aft i^r befteg, roenn 
unb foroeit fie ganj hinter ber ©ac^e oerfd^roinbet, nur biefe jur 
®eltung bringt. Unb an ber genauen ^^ftfteHung ber ©ad^e ift 
roieber ber Äird^e alle§ gelegen. 35on einem (Sinflu^, ben bie 2^^eo= 



Aaftan, 2^eoIogie unb JliTc^e. 3 

h%iz ofe SBiffenfd^aft ju beanfpvud^en l^ättc uttb burd^ bcn fic bei 
Äirdjc frembe§ auferoänge, fann ha feine Siebe fein. 6§ foltte 
rocnigften^ feine Siebe baüon fein fönnen. 3)ie Stvbeit bev J^eologie 
ift ^iet pon lebiglid) formaler Slatur. 

6tn)a§ anberö oer^cUt e^ firf) mit bem anbern 2)ienft, roel- 
dfm bic 2:^eoIogie ber Äird)e ju leiften ^at. ^i) ^abe i^n fo 
bejcic^net: fte fott bie ©elbftbe^auptung be§ ®t|riftent^um§ im 
gciftigen Seben ber d)rifttid)en 9}6lfer üermittetn. 3)ie^ ift ber 
i^unft, wo von jel^er burc^ bie Jtjeologie fic^ frembe ©inflüffe in 
bet Sird)e geltenb gemad)t l^aben. Slber aurf) ba§ fann nid)t anber^ 
fein. 35a§ ®I)riftent^um mill ben ganjen SKenfc^en für fid) I)aben. 
6§ roill ni^t blo^ eine prioate 2(ngetegent)eit b^ einzelnen ®t)riften 
fein, beffen @emfitf| erfüllen unb fein ^anbeln regeln. @§ miü 
aud) ba§ geiftige Seben ber d)riftlid|en SBölfer be]^errfd)en. S)od) 
aber fc^tte^t esJ al§ Sieligion roeber SQSiffenfdjaft nod) Ä'unft, nod) 
überf>aitpt roeltlid^e Äultur in fid). ®§ mu| fid) bal^er um ju 
berrfc^en anpaffen unb anbequemen. 3)a§ ift auc^ oon je^er ge= 
fc^e^n. Slamentlid) in ber 2:l)eologie unb burd) bie J^eologie ^at 
fid) ba§ aber mie rec^t unb billig oolljogen. 

Unb man fd)lage e^ nid)t gering an, maö barin liegt. 3)a^ 
geiftige fiebcn beg SJlenfd)en ift bod) eine ©in^eit. 2tlle§ ^ängt in 
i^m unter fid) aufö engfte jufammen. 2)iefe 2lnpaffung an bie 
gegebenen 3^ormen be§ geiftigen ©ulturlebeng wirft aufbot ©l^riften^ 
t^um felber umgeftaltenb ein, fann e§ menigfteng ti)\m. Slid)t als; 
roenn ba§ (£^riftent^um nic^t feinem göttlid)en Urfprung gemä§ 
überall ate baffelbe erlebt mürbe, mo e§ überl^aupt erlebt wirb, 
nomlidi ate «ine @abt unb SQSirfung be§ göttlid)en ®eifte§. 3Iber 
bie Jyormen, in benen e^ fid^ ausiprägt, entfpred^en mel)r ober 
min ber feinem eigenen ©inn unb feiner urfprünglid)en 2lbfid)t, 
fmb bal^er auc^ mel)r ober minber geeignet, ben göttlid)en g^nfen 
in bie eingelne ©eele ju leiten. 3)a^ ift unabtrennbar oon bem 
SBec^fel ber 3^tten unb 3)inge. @§ gel)ört ju ben unerläßlichen 
Don ©Ott gewollten ©ebingungen, unter meldien ba^ ®]^riftentt)um 
fic^ in ber SBelt t>enoirflid)t. 

3)e§ ift bie ®ef(^id)te 3«iigwife- ®lcid) 2lnfang^ l^at bie 
Äirc^e eine fe^r tiefgreifenbe SSeränberung erlebt, meld)e burd) bie 



4 Itaftan, S^eologie unb ^irc^e. 

S^^cologie Dermittelt roorbcn ift. ®er ^eüögebanfe fclbft t|at eine 
anbere SBenbung erfiattcn. %x bie ©teile beS na^en 9teic^8 ber 
SBoHenbung, n)eldf)e§ ber auf§ neue fomntenbe ^err bringt, ift bie 
jufünftige SBergottung getreten, roeld^e in ber 50lenftf|n)erbung bei^ 
gefontmenen @otte§fot>ng urfad)lid) begrünbet ift. 2)a§ ift in feiner 
aSBeife ein ®egenfa^. 3)a§ ^eil ift im einen wie im anbem goU 
burd) ©t^riftum oermittelt. Unb bie fo begrünbete ©emeinfc^aft 
mit ®ott fdjmebt ber neuen Äirc^e fo gut mie ber alten ©emeinbe 
ate QxA atte§ (£I)riftent]^um§ Dor. aber bod) ! SBie tiefgreif enb ift 
bie SBerdnberung ! Qn allem, im ©lauben, in ber Setire, in ben 
Krd)lid)en Orbnungen ift jte ju fpfiren. 

(Sbm bie§ 93eifpiel jeigt freilidf) nic^t minber beutlid), mie uner= 
lä^lidl unb not^menbig biefe SWitmirfung ber S^eologie in ber @eftat= 
tung ber tird)lid)en 3)inge gemefen ift. 9Kc^t§ märe irriger ate ju 
meinen, e§ fjabe fid) babei um millfürlid^e ®ingriffe einer anma^enben 
aOBeltmeig^eit get)anbelt, ober audi nur um Opfer, meltfie bie Äird)e 
ben gerabe I)errfd)enben Strömungen be^ geiftigen fiebenS Ijatte 
bringen muffen. ®§ l^anbelte fid) für Äird)e unb ®t)riftent^um 
fd)led|terbing§ um bie ©yiftenjfrage felbft. 9Wit bem 2lu§bleiben 
ber erwarteten naiven SEBieberfunft be§ ^errn mußten bie ßuhmftö* 
Hoffnungen ber alten ©emeinbe allmäl)lid) oerbleidf)en unb in ben 
^intergrunb treten. 3Bar nun aber bo^ Olaube unb fieben^orb* 
nung I)ieran gefnüpft unb ^ierburd) beftimmt, fo mar e§ unerlä^* 
lid), ba§ ber @runbgeban!e be§ S^riftentliumig , ber nämlid) oom 
^eil in S^rifto, eine anbere SBenbung erhielt, unb im ßi^fow^n^^"' 
f)ang bamit neue gönnen be§ ®lauben§ unb 8eben§ jur ©eltung 
famen. 9Äan fann ja bann fragen, ob bie 2lrt unb SBeife, roie 
e§ gefd)ef)n, ben urfprünglic^en ^ni)alt h^ ©oangelium^ unoer ^^ 
fürjt gelaffen I)at. 3tber einen ©inn l^at ba§ nur, fofem ermogen 
mirb, ob bie fiel^rformen, roeld)e bamafö entftanben fmb, jum un= 
T)eräu§erlid)en SBefen be^ ©^riftentliumS gefrören ober nid)t. @iel)t 
man bagegen auf ben gefcHid)tlid)en 3wfammenf)ang ber 3)inge 
felbft, bann tann gar nirf)t jmeifelbaft fein, ba| eben ha^ gefc^at), 
ma§ gefd)et|en mu^te. 6§ tianbelte ftd) für ba§ Sf|riftent{)um ba* 
rum, in ber geiftigen SBelt ber 2lntife feften J^u^ ju f äffen, fic^ 
in berfelben einjubürgem. Unb ba§ tonnte nur fo gefd)eHn, ba^ 



Jlaftan, 2l)eoIoQie unb Atrd^e. 5 

bic an unb für jtd) uncvld^üd) geworbenen neuen formen be^ 
Glaubens; unb Seben^ auä biefem gegebenen SBoben erjeugt würben. 
©0 ticfgreifenb bal)er ber (Sinflu^ geroefen, roeldjen bie S^^eologie 
l^icr auf bie Äird)e ausgeübt i)at, fo war e§ bod) atte§ anbere aU 
ein roifltürlid)er Eingriff, ©ie \)at üielmetir bamit einfadi ber 
©elbftbet^auptung be§ (£^riftentl^unt§ unb ber Äirc^e im geiftigen 
Scben jener 3^it gebient. 

^nbeffen, ba§ 9Ser^ältni| ift üon je^er nic^t ein einfeitiges^, 
fonbern ba§ einer roec^felfeitigen 93eeinPuffung gewefen. SDie Kird)e 
bat an i^rem Zi)tH wieber bie ttjeologifc^e 9(rbeit oft genug in 
bcftimmte Salinen gewiefen. ^i) meine bamit nic^t ba^ allgemeine, 
ba§ bie 2^eoIogie an ba§ 6^riftentl)um gebunben ift, wä^renb 
bicfes wieberum über ®Iaube unb Seben in ber Äirdje entfc^eibet. 
3)asi ift felbftperftänblid^ unb gilt üon ber 2:l)eoIogie nur im felben 
©inn, xok oon jeber SBiffenfd)aft gilt, ba| fie in ber ©ac^e, oon 
ber fte t^anbelt, i^re 3tutoritdt l^at. SBa^ ic^ meine, ift, ba^ bie 
fird^üd^en Drbnungen, in weld)en ba§ ©l^riftent^um fid) ausprägt, 
eine Slüdwirfung auf bie tI)eotogifd)e 2trbeit ausüben, oor allem 
aber, ba§ bie ^rd)e nid)t fetten bef darauf enb in i\)xtn ®ang ein* 
gegriffen l^at. 

©d)on jene^ tä^t fic^ öfter beobad)ten. SBarum fjat j. 93. 
bie ©atiöfattion^lelire Slnfetm^ feinen Eingang in bie morgen* 
länbifc^e Äirdie gefunben, wäfjrenb fie im weiteren SSertauf für 
ba§ abenbtänbifc^e ©l^riftentl^um eine fo gro^e 93ebeutung gewon* 
nen ^at unb l^eute noc^ für oiete im 3Äittelpunft be^ tljeologifc^n 
^ntereffe^ ftel^t? 9)lan wirb nidl)t barauf oerweifen bürfen, ba^ 
ber tJ^eologifdie SBerfetir jwifdl)en biefen beiben ^älften ber ®t)riften* 
^it feit ber ©paltung mefjr unb me^r aufget)ört \)ab^. ®enn ein* 
mal trifft baö boc^ nid)t ganj ju, unb fobann würbe, wenn esi 
ganj juträfe, bie ^age nur in ber anbem 5<^ffung wieberte^ren, 
warum e§ in ber morgenlänbifdl)en ^ird)e nid^t I)ier wie wol^l 
fonft jur parallel laufenben 2tugbilbung einer analogen Seigre ge* 
fommen ift. ®ie aintwort wirb lauten muffen, ba§ bie tix6)lxd)t 
©eftattung be§ 6t|riftent^um§ im Slbenblanb baju gefüljrt t)at, basJ 
t^eolagifc^c SBerftänbni^ ber göttlid)en ^eitet^at in gormen ju 
faffen, weldje ber ©ptiäre besJ 9le^t§ entnommen finb. 3)enn 



6 Haftan, 3:^co{ogic unb Äirc^e. 

barin liegt eben eine unterfdieibenbe ®igentf|üntlid)teit be^ abenb= 
länbifc^en ®^riftentf|um^, ba§ e§ in bev römifd)en Sirene al^ ein 
SlcdjtöorganiSntuS t)öt)erer Orbnung auögebilbet roorben ift. ^a- 
bnrd) flnb ^ier aud^ bem t^eologifd)en 3)e.nfen bie Sahnen geroiefen 
roorben. SWit^in ift ba§ ein ganj t)err)on:agenbe§ SBeifpiel ber 
Stürfroirf ung , tt)eld)e bie Krd)ttd)e ©ntroidflung auf bie S^eologie 
ausgeübt i)at 

SGBic^tiger nod^ ift ba§ anbeve, ba§ bie Äird)e t)on jel^er bev 
Jt)eologie ©djranfen gejogen I)at. 3)ie Sird)e ift bie ©enteinbe 
be§ Offenbarung§gIauben§. ^m "ißrincip l^at fie nie etroaS anbevee 
gewollt unb nie etroa^ anberes; wollen fönnen afe ben ©lauben 
ausbreiten unb pflegen, welcher fid) auf bie güttlid)e Offenbarung 
ftä^t. ®er tl)eologifrf)en @ntn)idflung it)rer fief)re gegenüber ift 
fie bal)er ftet§ aud| oon einem geroiffen iWi^trauen erfüllt geroefen. 
93ei bem gegebenen, bei ber Ueberliefenmg ju be^anren ift if)re 
natürlid)e Jenbenj, inbem fie jebeö 3Wal baS gegebene aU ben 
reinen OffenbarungSglauben anfielt unb jebe Steuerung aU Slb- 
iüeid)ung oon bemfelben beurtl)eilt. ^^reilid), mag fid) bann an 
©rgebniffen ber tljeologifc^en Slrbeit in ber Äird)e burd)fe^t, mirb 
eben bamit in ben SreiS ber l)eiligen unb unantaftbaren Offen== 
barung<Jmat)r^eit einbejogen. 2)iefe ber SBorauSfe^ung nad) gleid) 
bleibenbe @rö§e mäd)ft in äBa^r^eit mit ber Szxt; mas; bie 
SSertreter biefer Senbenj in ber Äird)e im einen ^al)r]^unbert atö 
Steuerung befämpft, ^aben iijxt geiftigen Stad^fommen oielleid)t 
fc^on im fotgenben O^i^rtiunbert ate t)eilige apoftolifd)e Ueberlie* 
ferung oerttieibigt. 3Iber bie Xenbcnj ift biefelbe gleid}e, oben er* 
iüät)nte. Unb in beren 33et!^ätigung t|at bie ftirc^e je unb je ber 
t^eologifdien Slrbeit Sd)ranfen gejogen. 3)arin oor allem beftebt ber 
(äinflu^, n)eld)en fie it)rerfeiti^ auf bie J^eologie ausgeübt ^at. 

(So ift alfo baö Sßer^ältni^ bas einer gegenfeitigen ^ebingt- 
l)eit unb med)felfeitigen 93eeinfluffung. Slud^ in ber ©egenmart ift 
esJ nic^t anberö unb foll eS nid)t anberS fein. "Die ftir(i)e beanfprud)t 
mit 9{ed)t, ba^ bie itieologie i^r biene, unb ba^ fie it)ren (J^a- 
rafter als tird)tid)e 2Biffenfd)aft nic^t auS ben 9Iugen oerliere* 
9lud) t)at gerabe Sc^leiermad)er , oon welchem in ber neueren 
S^eologie bie beften unb mirffamften Ompulf^ ausgegangen ftnb^ 



jRaftan, !Xf)eo(ogie unb Aird^e. 7 

biefe ©cjic^ung alter t^cologiftfien 2trbeit auf bie ^ird^e in ber 
nad)brücfii(^ften SBcife l^croorgefjoben. 2)ie 2:]^eotogic barf Toicberum 
an i^rem 2:^cil behaupten, ba§ it)re ®icnfte bcr Äird)c ^cute fo 
ndt^ig finb loic je: au§ it)rer fird)ttd)en ^flidjt erroäd^ft il^r i^r 
gutes tirct)Ii(^eS 9led)t, mögen nun biejenigen, n>eld)e oor allem 
bie Hirct)e ju vertreten meinen, e8 anerfennen ober nid)t. 



3:^eologie unb Rird)e fmb auf einanber angemiefen. 3)a§ 
ßintlang jroifdjen beiben fierrfc^e, jene i^re 2lrbeit im uollen 
Serou^tfein i^rer firc^ütfien SSerpfiic^tung tl)ue, unb biefe auf 
fold)en 3)ienft re(i)nenb i^n frcubig oermertt)e, bag ift ba§ ^beat. 
aSBie überaff fo lä^t auc^ ^ier bie 5ßermirHid)ung be§ ^beate 
vid ju roünfc^en übrig. 2ln Stelle be§ ®intlang§ finben mir 
oft genug gegenfeitige ^Reibungen unb Äonflifte. 2:^eologie utib 
Äirc^e Rängen ju eng jufammen unb finb ju fel)r auf einanber 
angemiefen, um glei^gültig neben einanber befte^n unb ftd) ent* 
roirfeln ju !önnen. 2)ie 8BortfüI)rer ber Hird)e unb bie Sßertreter 
ber 2:f)eotogie gelten entmeber ^anb in ^anb, ober fie ftel^en 
wiber einanber. aJlan fann nid)t roirfüd) St^eolog fein, oline fic^ 
eine 3lnfd)auung baoon ju bilben, waä ber Äird^e frommt, unb 
in meinem Sinn fid^ bie fird)lid)en S)inge entmirfeln follten. 3Jlan 
fann aber ebenfo menig an ber Stixd)z arbeiten unb fid) in it)r 
bet^ätigcn, ol^nc überall auf bie 2:i^eologie ju fto^en unb beftimmte 
Sorberungen an fie ju rid^ten. 3)at)er mirb ber fel^lenbe ®inflang 
olme weiteres gum ©egenfa^, ein britteS giebt eS nid|t. SBä^renb 
ber einjclnen ^Ißerioben aber pflegt baS eine ober baS anbere ju 
übermiegen unb ber betreffenben 3^it ^^^ ©epräge ju geben. 2)enn 
nur oon einem Uebermiegen beS einen ober anbem mirb ju reben 
jein. 2>ie Stellung, roel^e bie einzelnen 93earbeiter ber 2:t)eologie 
JU ben 2:cnbenjen einnel)men, bie baS firc^lid)e Seben ber ^eit 
be^rrfd^en, ift nic^t bie gleid)e. Sbenfo ftefien bie einjelnen ftir= 
diengebiete fid) md)t gleich , maS baS in i^nen eingenommene 
3Jert)ältni§ jur Sl^eologie betrifft. 93eibeS, ©egenfa^ unb ®intlang 
fann alfo gur fetben Qtxt in oerfd)iebener SBeife neben einanber 



8 Äaftan, %i)toloq\t unb Äird^e. 

l^erge^n. Qa, bog toirb bic Siegel [ein. 9iur oon einem Ueberroie= 
gen be§ einen ober be§ anbern wirb ba^er ju gegebener Qnt bie 
Siebe fein fönnen. 

SBos^ un§ l^ier intereffirt, ift ba§ SSerl^altni^ oon 21^eoIogie 
unb Sird^e in ber ©egenroart. Slber nic^t um ju entfc^eiben, ob 
l^eute ber ©egenfa^ ober ber Sintlang bog Uebergeroic^t \)at 3)a* 
rüber lä^t fid^ nur urtl^eilen, wenn größere abgefc^loffene ^erioben 
in ber ©efd^id^te afö eigenartige ganje l^erau^treten. @in Urt^eit 
über bie Oegenroart mü^te fel^r fubjeftio auSfaUen unb l^ätte gar 
leinen SGBertl^. 2lud^ genügt e§ ju [ogen, ba§ l^eute in weiten 
Sreifcn bie 3M einung l^errfd)t, e^ beftel^e eine Spannung, roo 
nid^t ein ©onflift jroifd^en Äird[)e unb 21^eologie. ®iefe SÄeinung 
finbct iliren Slu^brudt in ber immer mieberlel^renben gorberung, 
e§ möge „ber Äird^e" (b. 1^. ben SÄaiorität^parteien ber ©ijnoben) 
eine SWitroirfung bei ©efe^ung ber t^eologifc^en Sel^rftül^Ie cinge* 
räumt mcrben. 2luf ^aftoraltonferenjen wirb l^äufig über bie 
ä^l^eologie ber ©egcnmart ju ©eric^t gefeffen, unb befretirt, wer 
„gläubig" ober „fird^Uc^" fei unb mer nid^t. 3)e§ ^lagens^ über 
bie oerberbüc^en Sftic^tungen ber 2;^eoIogie ift in ber „Krc^lid^en" 
^effe fein ®nbe. ^urj, in weiten Äreifen ift ba8 öerou^tfein 
einer foldjen Spannung oerbreitet. SB8ir fragen, mol^er e§ ftammt, 
unb worin e§ begrünbet ift. 

S)a fommt aber aUererft in ©etrad^t, ba^ e§ bie ®egenbe= 
megung gegen bie 2lufftärung unb ben 9lationali§mu§ ift, ausf 
welcher bie S^enbenjen ftammen, bie ba§ Krd^üd^e Seben ber 
©egenroart bel^errfc^en. 3)iefe ©eroegung felbft wirb moI|I aUfeitig 
afe eine fegen^rcic^e SBenbung in ber ©efc^id^te be§ ©l^riftentt^um^ 
unb ber Sirene aner!annt. ^lire Url^eber unb bie, meldte fie ergriff, 
Iiatten bie Ueberjeugung unb burften bie Ueberjeugung l^aben, ba^ 
i^ncn im SBergleic^ mit bem überauiS oerfürjten S^riftent^um ber 
rationaüftifc^en ^^eriobe eine ooßere 6r!enntni^ ber götttid[)en 
Sffial^rl^eit mieber gefc^enft fei. Unb fie befa^en fie ate eignen 
(arm erb, ben fie im J?ampf mit ben roiberftrebenben SRäd^ten 
be§ 18ten ^^a^rl^unbertö ftd) neu errungen Ratten. Site auf ben 
grül^Ung eine§ neu ermac^enben @laubeng;tcben§ liaben mo^t bie 
fpätcren auf jene 3eit jurüdgefc^aut. 



Aaftaii, ^f)eofo9ie uub Atr^e. 9 

9lun liegt «J aber an unb für fic^ fdjon in bei Statur 
einer fold^en SSeroegung, ba^ fte bie Q^beate einer früheren Q^xt 
erneuert ; xoaä bojroif d^en liegt, wirb afe Sntfrembung unb 3tbf aU 
beurt^eiÜ, ber alte ©laube unb bie alten Orbnungen werben 
ber SBal^r^it felbft gleich gead^tet, il^re SGBieber^erfteUung wirb 
erftrebt. @o ift eS aud) l^ier gegangen. Unb jroar ^at })m auc^ 
ber allgemeine geiftige 3ufammenl|ang, in welchem jene (Erneuerung 
be§ @tauben§ erfolgt ift, im felben ©inn gemirft. 3)iefer 3"- 
fammen^ang mujä aber beachtet werben. 3)ie freubige 2lner!ennung 
ber göttlid^en ^ü^rung, bie fic^ barin gezeigt i)at, überl^ebt nict)t 
ber '^flid|t, ein 95erftänbni^ ber gefc^ic^tlidjen ©ntmidflung ju 
fudien. 2td^ten mir aber barauf, fo ergiebt fid>, ba^ bie (Erneuerung 
beö ©taubenS Don einer grojäen SBeUe in ber allgemeinen 93eme=^ 
gung be§ geiftigen fiebens; getragen gemefen ift. Unb jmar mirfte 
in biefer bag ©treben, neben ben öebürfniffen bes; Serftanbes; 
benen be§ @emütl|§ i^r SRedjt ju oerf d>aff en , unb nic^t minber 
bog anbere, bie 93ebeutung ber ©efc^ic^te ju mürbigen, au§ i^r 
}u lernen unb il^ren ©eftaltungen eine bleibenbe SS3a^rt)eit abju* 
geroinnen. S)enn bie§ beibe§ d^arafterifirt bod> mit einanber bie 
Slomantif — baö SBort im guten ©inn genommen — , unb eben 
bie 9lomanti! l^at ben allgemeinen 3w[ammenl)ang abgegeben, in 
rocldiem bie Erneuerung be§ @lauben§ ju ftanbe fam. SSäenn auc^ 
in biefer bie 2:enbenj ftd^ regt, auf ben ©lauben ber äJäter }urüd== 
jugreifen unb bie ©lauben^formen ber Vergangenheit ju erneuern, 
fo entfpridjt baö nur bem allgemeinen S^aratter ber Siomantif. 
Äein SBBunber alfo, ba^ e^ baju gefommen ift. 

(£§ ift aber nor allem bie ©meuerung ber Krdjlidjen ©og- 
matit ber 9Jergangent)eit, bie mir babei im 2luge ^aben. 9Ud^t 
bie neue 53elebung beö tird)lic^en ©innsi unb baä SBieberermac^en 
bes (Slaubens; lialten mir für ein ^robutt ber Slomanti!. SBiv 
benf en f o l^od) baoon mie einer unb fagen : ba§ mar @otte§ Sügung 
unb Jü^tung. Sbenfo oerfennen mir nid>t, bajä auf ben gefc^id^t^ 
liefen 3uf ammenl^ang gefelin noc^ anbere Jaftoren mitgemirft liaben. 
aber bie SGBieberl^erfteUung ber alten 3)ogmatif ift oor allem auc^ 
eine S^^lge jene^ allgemeineren ©tiarattersi ber gangen geiftigen 
Seroegung gemefen. ©erabe in biefem ^^unft ift ber 3ufamment)ang 



10 4laftan, Ideologie uiib iUrcOc. 

beutUc^ crfenubav. OlanicntUc^ bic 'ilJfiitofopfiic @d)eUing§ unb 
|)egcfe t|at bie SRittcI baju geboten. Sluc^ bie ^iac^roirfungen 
Sd)Ieiemtac^er§ finb t)icrgegen jurüdgetreten unb liaben fic^ jum 
Jbcü in bev Strömung oerloren, roelc^e oon jenen ausging, unb 
roelc^e ber 2Biebev{)crfteKung beö alten ®ogma§ ju gute tarn. 

Unb nun i)at, roa§ ba§ tivd)Iic^e Seben ber Oegenroort 
erfüllt unb beftimmt, feine t)auptfäd^lid^en SBurjeln in biefer 
©egenberoegung gegen bie 2luf!lärung unb ben SRotionaliöntuig. 
9lber vozl&f ein Unterf d)ieb jroifd^en bamal§ unb jc^t ! 9lein äu^er* 
lid) fd)on ift ber Unterf d)ieb gro§. 9Ba§ bamal^ eine neueJ^eo:^ 
logie roar, bie gegen bie ^crrfdjaft be^ 5ftationatiömu§ in ber 
ftircl)e täntpfte, ift je^t fclber ju 93efi^ unb Sßürben getommen, 
ift „Sirene" geworben. ^Jiamentlic^ aber ift bie innere Stellung ber 
betlieiligtcn mit bem SBed)fel ber Generationen unb 3^iten unoer- 
meiblid) eine anbere geworben. SWe^r unb melir werben biejenigen 
au§ unferer SWitte abgerufen, für beren eigne ttieologifc^e ©ntwid- 
lung nod) ber ©egenfatj gegen ben ^Rationalismus; ma^gebenb 
gewefen ift. 2)ie neue ©eneration ^at einen 33efi^ angetreten^ 
ben fie nid)t erft ju erroerben braud)t. 3)a^ ba§ eine ©efabr 
cinfd)lie§t, tann nic^t bejroeifelt werben. 2lbcr id) will p- 
näc^ft nur bie 2l)atfad)e fetbft t)erDor^eben, baj5 ein foldjer 
3öed)fel eingetreten ift. Sfflel^r unb met)r finb bic Vertreter ber 
()errfd)cnben fird)lid)en Jenbengen folc^e, weld)e nid)t einen felbft 
innerlid) ertämpften fonbcrn einen übernommenen 2Bal)rl)eit§befi^ 
oertreten. Unb bie ^^ormulirung, weld)e bie c^riftlid)e 3Bat)rl)eit in 
ber überlieferten "liogmatif gefunben bat, eignet fid) ganj\ gut 
baju, in biefer 3Beife oertreten ju werben. Sinb e^ bod) lauter 
objeftioe ©ä^e, oon weldjen bie wenigften baran erinnern, ba^ fie 
erwerben mujg, wer fie beft^en will. 

3lber nod) in einem anbem 'ißuntt t)at eine gro^e 9?erän= 
berung in ber inneren Stellung jur ®ad)e ftattgefunben. 3)ieieni' 
gen, weld)e gegen Slufflärung unb 9lationali§mu§ in ber ftirdje 
tämpften, liaben ben Äampf in bem ©cwuptfein geführt, ibrem 
©egner geiftig überlegen ju fein unb mit ben aufftrebenben geifti= 
gen 9Jläd)ten ibrer ßeit im 93unb ju ftel)n. 3)arin äußerte fid> 
ber eben befprodjene allgemeine 3ufammenl)ang il)rer 'Beftrebungen. 



Ä oft an, lI)eoIoftic unb l?ir(()c. 11 

aber boÄ \)at nun nic^t gcbaucrt. S8on einem burc^fdilagenben ©in* 
flu|, n)ie it)n bamal^ ber pt)iIofopt)ifd)e ^beali^mu§ auf bo^ geiftige 
i?eben ausübte, ift l^eute gerabe gar nid^t^ met)r oorljanben. 3)a* 
Uebergeroid|t ber 9laturn)iffenfd^aften unb ^iftorifd)cn ®etaitforfd)^ 
ungen läjät ^^l|ilofopl)ie unb S^eologie überhaupt nur fdjroer auf* 
fommen. SöoUenb^ bie fd)olaftifc^cn Sefirformen ber alten 3)og' 
matif ^aben feine Slnfnüpfungöpunfte int geiftigen Seben ber 3^^*- 
3R5gen fic nod^ ]o fc^arfftnnig nertljeibigt unb noä) fo geiftnoU Der- 
treten werben, fo fann e§ bod> nid)t int 95en)u§tfein be§ ©inflang^ 
mit ben geiftigen 9Käd)ten ber ©egenroart gefc^e^n. 93iel elier xoxxb 
ein Serougtfein bes ©egenfa^e^ gegen fie fid) unroittfürlid) gettenb 
mad)en. 3)asi ift niemanbe^ (Sd^utb ober ^e^ter. ®^ ift einfad) ber 
3Becf)feI ber 3^Wen, ber biefe SSeränberung mit fid) gebracht. 

.g>at nun fo in boppelter ©ejie^ung ber urfprünglic^e ^m- 
pufö nad)gelaffen, fo ift eS ertlärlid), ba^ bie t)errfc^enben fir^* 
lirfien ^enbengen ^eute etmasi innerlich 2lnbere§ geroorbcn finb al^ 
in ber 3^W ber ©tauben^emeuerung. ^n bemfelben SWaa^e, afe 
iene§ eintrat, t)at eine Steigerung be^ autoritären ^^rincipsi ftatt* 
gefunben, unb roirb bie Uebevlieferung afe foId)e ftärfer betont* 
Wemanb roirb üertennen, ba§ auc^ basj mit reblid)em ©ifer unb 
in guter SJieinung gefdjefjn fann. ©benfo gen)i§ ift freilid), ba^ 
fiel) ^ierau§ @Iauben§trägf)eit , geiftige S3equemlid)feit unb t)art' 
näcfige 93erfd)IoffenI)eit gegen bie 3^i^^^ ^^^' S^^^ entmidfeln fann. 
Unb bergleid)en ift unter un§ meit genug nevbreitet. 9lm bebenf- 
lic^ften tritt e^ in ber ftd) fird)Ud) nennenben ^^rcffe t)eroor, 
rDe{cf)e bie fd)tec^ten ©emot)u^eiten ber politifd^en ^^Jarteipreffe auf 
bo^ fircl)lid)e ©ebiet überträgt. 

2)ie 2:t)eoIogie ift injiDifd)en if)reu eignen SBeg gegangen. 
Sie {)at ftd) in nieten i^rer SBertreter ben t{)eologifd^en Seftrebungen 
entfrembet, n)eld)e aug ber ©lauben^erncuerung entfprungen finb^. 
unb bercn ©runbgebanfe bie 2ßieberf)erfteUung ber alten 3)ogma=^ 
tif mor. 3)as{ aber, mag e§ nieten 2:l)eoIogen ber ©egettroart, ob- 
rüo^l if)r ganje§ ^erj bem ©oangeliunt unb ber Äird)e be^ 
SoangeIium§ get)ört, unmöglid) gemacht ^at, bei jenen Jenbenjen 
ju nertiarren, ift furj unb gut bie gefc^id)tUc^e ©rfenntni^ 
ber Ijeiligen ®d)rift unb beg 5)ogmag^. ^Oiatfirlid), bie 



12 Aaftau, ^^eologie unb ^ird^e. 

3Sertreter bcr iWeftauvationsitticologic rooUcti c§ nic^t SBott Iiabcn, 
ba^ e§ bieg ift, roa^ p ©rnnbc liegt, ©ie felbft net)men ja ani) 
an biefer gefd)id)tüd)en 6vfenntni§ Zi^txi, ber fid^ ^eute fein 
2:i^eoIog ganj entjietien fann. Ünb fie roiffen bod) beibeä mit 
einanber au^jugleid^en. 2llfo mu§ ber @runb jener ©ntfrembung 
in etwas anbereYn liegen, etroa barin, ba§ basJ 3Jlaa^ inneren 
£eben!§ unb d^riftlic^er Srfenntni^ auf traurige SBeife abgenommen 
liat, ober barin, bap oortibergetienbe pl^ilofoptiifdje Strömungen 
Dermirrenb einmirfen. 2tber rii^tig ift ba§ nid)t. 

Qn 9Ba^rI|eit ift bag eben genannte bie entfd^eibenbe «^nftanj. 
3)aö barf ic^ au§ eigenfter Srfal^rung bejeugen, unb nid^t menige 
werben mir barin juftimmen : oor allem bie gef d^id^tlidje ©rfennt* 
ni^ l^at eg un§ jur inneren Unmögtic^feit gemacht, in ber Sa^n 
ber Sieftauration^t^eologie ju bleiben. 3)enn biefe 6r!enntni§ 
©erträgt fic^ nic^t mit ber alten 2)ogmatif. ®a§ erfährt jeber, 
ber ®mft mit il^r mad)t unb einfach bie 3)inge nimmt, mie 
fie liegen. 

@o fte^t beibesi oielfad^ miber einanber, mas im firdjlic^en 
fieben unb voc^ in ber Jl^cologie ber ©cgenmart lebenbig ift. 
3n)ar l^at bie J^l^eologie mandierort^ auc^ roirtlidien Spielraum 
im tirc^lid^en Seben. Umgefel^rt giebt e^ auc^ t^eologifc^e 35eftre= 
bungen, meiere im ©inn ber tird)lici^en J^enbenjen gefc^el^en. 9lber 
ba^ flimmert nn^ ^ier nic^t. SBir ^aben eö l^ier mit bem ©onflift 
in tt)un, mit ber 3Jleinung, ba^ eine Spannung jmifdjen J^eologie 
unb ^irc^e jur Signatur unferer ä^it gehöre. 3)ie ©rünbe biefer 
Spannung foHten ermittelt werben. Sic liegen barin, ba^ bie 
fird^lic^e ®rneuerung and) in ber ©egenroart nod| bie tl^eologifdien 
tjormen fefttiält, in benen fie urfprünglic^ entftanben ift, formen, 
meldje Sd^rift unb 3)ogma betreffenb auf irrigen SJorau^fe^ungen 
berul^en, ba§ fid| aber bagegen in ber 2:^eologie bie genauere ge* 
fd^idjtlic^e ©rfenntni^ aufarbeitet, meldie nic^t oerfeblt, ber gefamm- 
ten tlieologifd^en Slrbeit anbere Sahnen anjuroeifen. 

Smpfinblid) genug fann biefe Spannung fic^ fühlbar ntac^en. 
^at e§ bod^ bisweilen ben 2tnfc^ein, all; ob bae gegenfeitige 
JBerftänbni^ oerloren ju gelien bro^te. S33asj bem Slieologen aÜ 
ixti)l\d)z "ißflic^t erfd)eint, nämlid^ an einem befferen SUerftaubni^ 



ber (Schrift unb 9tcformation Tjtitjuarbeitcn unb bic cntfprcd^enbcn 
(^o(gerungen barau§ ju jietrn, ba§ roirb üielfad^ Don ©ciftlic^en 
unb Saicn in bcr Kirche ate Umfturj bcurt^cilt, afe fubjcfttt)e 
9leucrung§fuci^t, bie fd^lcc^tl^in Dcrrocrflid^ fei. Untßc!el^rt ücrmag 
ber 2:^eaIo9e oft genug faum bie SWaagftobe unb SSotau^fe^ungen 
berer ju oerfte^n, bie fo urt^eilen, weit il^m überaß in benfelben 
bie gefc^ic^tlid^en ^rrtfiümer entgegentreten, auf weld^en fie berul^n. 



Äird^e unb If)eologie gefrören jufammen. SEBa§ fie ju einet 
gegebenen 3^i^ trennt, ober bod) in eine t^eilroeife gegenfeitige 
Spannung oerfe^t, fann immer nur eine Dorfibergetjenbe SJerroidf« 
lung ber gefc^id^tlic^en SSerl^ältniffe fein. SBo^ fie mit einanber 
oerbinbet, ift bie ©ad)e, beren 93ertretung unb 3)urd|füt)rung e§ 
in beiben gilt. ®iefe iSadje ift ba§ ®f)riftentl|um, ift ber ©laube. 
äuö biefer ®ini)eit ber Sad^e ^erau§, burd^ bie 93efinnung auf 
fie muffen unb tonnen bie momentanen Errungen immer roieber 
flbermunben merben. %n6) in ber ©egenroart ift eS nid^t anber^. 
6§ fragt fic^, wa^ ^ierju fü{)rt unb f)ierfür erforberlid) ift. 

9ln unb für fic^ ift ein boppelteS mögüd). ©ntmeber bie S^l^eo^ 
logie mu^ umtefiren, inbem fie fid) roieber auf it)xt fird)Ud)e 2luf= 
gäbe, bic Vertretung be§ @Iauben§, befmnt. Ober bie Älrd^e mu^ 
fic^ fügen, mu§ fic^ oon ben neuen ^mpulfen be§ ©tauben^ 
ergreifen unb beleben laffen, roeld)e ein ^ortfd^ritt ber tfieologifd^en 
@rfenntni§ it|r jugefü{)rt. SSäer bag a limine abroeifen möd^te, 
ber bebenfe, ba^ eben bieö fid) in bcr Qtit ber ®Iauben§emeuerung 
jugetragen ^at, ba§ e§ ni^t jute^t bie 2:t|eoIogie gerocfcn ift, 
burd) loclc^e bie rationaliftifc^e Äird^e aUmäf)Ud^ in anbere 93at)nen 
geleitet roarb. 9Ba§ aber ju gefc^et)cn t^ai, ob bicfe§ ober jenes, 
fonn nur bamad) bemeffen roerben, roeldje oon beiben, ob 2:]^eo= 
logie ober Äird)c, ba§ altein entfd)cibenbe ^ntereffc be§ djriftlidjcn, 
be§ er)angclifd)en OlaubcnS oertritt. 

5)ie 2:t|eologie ftel)t aud) anberen Sinflüffen al§ bcncn be§ 
®louben§ unb ber Sird)e offen. 3)a^er liegt ber Serbac^t immer 
nal)e, ba§ fie folc^en ©inflüffcn folge, roo unb roenn fic fic^ mit 
ben l)errfd)cnben fird)lic^en lenbenjen nic^t in ©intlang befinbet. 



14 Aaftaii, l^eoloqte imb JRiTd)e. 

Ißon ben SSertrctcm biefcv Scnbcnsen wirb e§ aud) in bcr @cgen= 
roaü fo angcfelicn unb bavauf ^in bic Umfet)r oon bcr ä^^ologie 
ücriangt. 

2tbcr roaS roären bcnn ba^ für frcmbe 9Wäd)tc, bcncn fie in 
ber ©cgenroart bicnftbav geioorben ? Oft ^^ ivgenb eine ptiitof opl|if d>e 
©trömung be§ 2^age§, ber fie folgt unb bic fie haä S^riftentl^um 
^u ücrfürjcn unb ben ©laubcn umjubcuten ücranta^t? ^a, im 
3ufammenl^ang mit ber ©laubcnsJcrncucrung f)at fid) eben au§ 
ben p]^iIofop]^ifd)en ©i)ftemen, bie if)r bienten, eine t^eologifd)c 
1Rid)tung erI)oben, bie etoa^ berartigc§ mit fid) brachte. @inc 
Sßcrfci^iebung bc§ c^riftlid)en @otte^gIauben§ im pantl^eiftifd^en 
^inn unb bie aSertennung ber gef c^id^tlidjcn ©otteSoffenbarung, 
il|re§ cinjigarttgen unb fibematürüci^en ®]^arafter§ roaren bie 
SUlertmate biefer Umbeutung. ^ier unb ba mirtt berglcidjen aud) 
in bcr ©egenmart nod) nad). ^m großen unb ganjen liegt e§ jebod^ 
hinter un§. 3^nnert)alb ber J^eotogie fommt eä melir unb mel^r 
äur allgemeinen 9lner!ennung , ba^ baö ®^riftentl|um mit bem 
glauben an ben perföntic^en ®ott ftel^t unb fällt, nid^t minber 
aud), ba^ ti in ber lebenbigen 93ejiel|ung auf bie gefd)id)tli(^e 
^otte§offenbarung bie unentbel|rlid)en SBurjcln feiner Äraft beft^t. 
Oiel^t man aber bcnn ^ien)on ab, wie man esi barf, fo giebt es^ 
nirgenb^ in ber ©egenmart eine pl^itofop^ifd)e Strömung, bie 
ubergreifenben ©influ^ ausübte, fo ba^ unter beren ©inmirfung 
bic 2;t)eologie oerfud)t fein fönnte, frembe <3been in ben ©lauben 
«injufül)ren. ®el^t bod) faft ein jeber feinen eigenen SBeg, unb finb 
mir bod^ oon einer Sinigung in beftimmten p^itofop^ifc^en ©runb- 
gebanfen meiter entfernt bcnn je. ©old)e, bie in p^ilofopl^ifc^cn 
fragen burd)auS nic^t übereinftimmen, treffen im tI|eotogifd)en 
^runbgebanfen bod^ felir nal| jufammen — ein beuttid^er 95en)ei3^, 
i)a§ biefer ©eban!e feine SBurjeln nid)t in einem p^itofopl^ifd^en 
<5ijftcm ^at. 3Ran mirb fagen muffen: efli ift freiließ oon ber 
^tieotogie unbebingt ju forbem, ba^ fie ba§ ®l)riftentl^um unoer* 
lürjt ermatte unb über ber SRein^eit be^ ©tauben^ madlie. 3lber 
ba^ fie in biefer ©ejie^ung gegemoärtig auf falfc^em SSäege fei, 
unb im Flamen ber Kird[)e, um ben ©onflift beijutegen, Umfe^r 
Don i^r geforbert merben mfiffe, ba§ trifft in feiner äBeife ju. 



Aaftan, Zt^tolo^it unb Aird^e. 15 

(Sö finb anbcre ®temcnte bc§ moberncn gciftigen Scbcu5, 
mit bercn ©intDirfung auf bie 2I|cologie bie (Spannung jroifd)cn 
ü)r unb ben ]^errfd)cnbcn firc^üc^cn Jenbcnjcn jufammcnl|ängt. 
^crü^rt raavb ba^ f c^on. 3)ic ftrcngcvc g e f c^ i c^ 1 1 i d) c 
Jorfd^ung bcr neuen 3^^* ^^t ^^^^^ ©influ^ auc^ auf bie 
i^ologte ausgeübt. ®ie Jotg^ beffen ift eine genauere, eine beff ere 
(Srfenntniß non ©dirift unb 3)ogma afö bie, welche eine frütjeve 
3eit befap, auf roelc^ev aud^ bie alte ®ogmatit berutit 33on 
lange i)er l^at fid) biefer Untfd)n)ung noUjogen, unb er ooKjiel)! 
ftc^ immer met)r. 3)urd| bie 3Jlad>t ber 3Bat)r^eit fe^t er fic^ 
unmiberftel^lid) burc^. ^n irgenb einem 3Jlaa^ netimen alle roiffen- 
fc^aftlii^en S^eologen ber ©egenmart roeld^er 9iid)tung immer 
baran Xl^eil. 3)er Unterfc^ieb beftet)t nic^t barin, ba^ bie einen est 
t^un unb bie anbern nid>t. @r liegt nur barin, ba^ bie einen 
tro^bem bie ©runbjüge be§ alten @efd|id)t§bilbe^ feft^alten rooUen, 
rocil fic e§ um ber 3)ogmati! mitten nid^t entbeliren ju fönnen 
meinen, mälirenb bie anbern bafür l^atten, ba^ auc^ für bie 3)og' 
matif nur ®eminn oon biefem J^rtfc^ritt ju erroarten fei. Qene 
^ten bal^er jeben ©cf)ritt auf bem SBeg ber beff eren gefc^ic^tlid)en 
ertcnntni^ für ein ^iig^ftö^^ni^ / ^ö§ fte nur nottigebrungen 
marf)en unb nadt> SWöglic^feit einfd)ränfen. 3)iefe bagegen miffen 
nic^t anber§, ofe ba^ jeber ©eminn an @r!enntnip ber SBa^rl^eit 
freubig begrübt merben mu^, boppelt auf biefem roic^tigften @e^ 
biet von aUen, unb ba^ fein bogmatifc^e^ 93orurt^eil baran ^inbern 
barf, biefen ©eroinn aUfeitig ju oerroertlien. Unb bie te^teren 
finb e§ bann, beren J^l^eologie mit ber alten Dogmatil unb be^^ 
l^alb mit ben ^errfd)enben Kreislichen S^enbengen in SBiberfprud^ 
gerötf). 

3)er Umftanb freiließ, bap e^ fid^ fo um bie gefdliic^tlidie 
®rfcnntni$, um bie ©rfenntni^ oon ©djrift unb 3)ogma lianbelt, 
milbert ben ©treit jundc^ft nic^t. ®§ ift auc^ begreiflidli, ba^ 
fünftlidje SBermittlungen gefud^t merben, unb romantif ^e SSertleifter^ 
ungen ber Sftiffe unb ©prünge \)oi) im greife fielen. 2tber, roirb 
jemanb fagen bürfen, ba^ bie S^eologie umfel^ren muffe auf biefem 
SHSege? ba§ ba§ im 9lamen ber ^rc^e ju forbem fei? SBirb 
ni^t jeber im ^rincip jugeben muffen, ha^ e§ t)ier feine SSäal^t 



16 ^aftan, S^eologie unb ^Ird^c. 

gicbt? bo§ man bie 938a^rl^eit fudjcn mu^ um jebcn ^xt\i, unb 
ba§ jebcr ®€rotnn an ©rlcnntni^ bcr SlBa^rfjcit auf bicfem Oebiet 
ein ©cminn gcrabc aud) für bic Ätrd)c ift? 9lur eine gorberung 
raupte id) ju nennen, bie l^ier mit 9ted)t erl^oben mirb. 3)ie näm? 
Iid>, ba§ nic^t innere @ntfrembung oon ber ©ad)e, oom ®^riften= 
t^um unb ©tauben, mit Objettimtät ber g^rfd^ung nerroed^felt 
ober gar für SSebingung berfelben erachtet werbe. Sttber ba§ ift 
bann nic^t eine gorberung, welche gegen bie SBiffenfc^aft nerftö^t,. 
nielme^r ift e§ etma^, rooi^ überall aud> in beren Flamen geforbert 
werben mu§, ba§ nämtid^, wer irgenb ein ®ebiet be§ geiftigen 
SebenS in ber @efd)i(^te üerfotgen unb erforfc^en will, felbft inner* 
tic^ an it)m bet^eitigt fei. ©onft fet)tt e^ bem J^orfdjer an ben 
rid^tigen SKaa^ftäben ber 93eurtt)eilung. ©o aud) ^ier. ^^nnere 
Öetlieiligung am ©tiriftentl^um, am ©lauben ift ^öebingung ber 
rid^tigen unb fad)gemä^en Jorfdjung. 2tbgefet)en baoon giebt e^ 
feine ©renken unb ©Garanten. 9hir fadjlic^e ©rünbe bürfen gelten,, 
unb nur mit guten fadjlid^en ©egengrünben taffen fic^ biefe 
befämpfen. 

9Wit{)in: an eine Umfefir ber Jljeologie ift nic^t ju benfen. 
©ie mirb ben 2Beg ber 3GBat)r^eit, ben fie betreten, ju @nbe gel^n 
muffen tro^ bes; 2lnfto^e§, ben fie baburc^ bei ben SBertretem ber 
berrfd)enben fird)lid)en Senbenjen erregt. (Sine Umfe^r ift innerlid) 
unmöglid^. Unb auf ben inneren prinzipiellen ßufammenl^ang gefel^n^ 
märe eine Umfebr ber Äird^e felbft nic^t förberlid) fonbem l^inber= 
lid). ®^ get)t t)m wie auc^ fonft mobl. @ben baffelbe, maS ben 
Sonflift oorerft gufpi^t unb t)erfd)ärft, ba§ e^ fic^ nämlid^ um baS 
©ebiet ber ©efd)ic^te, um baö 93erftänbni§ non ©djrift unb S)ogma 
unb nic^t ctma um apologetifc^e 9lu§enmerte tjanbelt, eben baffelbe 
öffnet ben Slu^meg. 6r fann nur barin liegen unb wirb einft 
allgemein barin gefimben roerben, ba^ ba§ tirc^lidje Seben burd> 
bie beffere ©rfcnntni^ ber S^eologie befrud^tet unb mit neuen 
Sräften ber SBabrtieit au§ ©otteö 3Bort erfüttt wirb. 

Ober bebürfte bie Äirc^e beffen nid^t? 3)a§ aUma^lic^ neue 
©enerationen auf ben 'tßla^ treten, meldte am Kampf ber SJäter 
gegen ben 9{ationaliömu<J nic^t S^eil genommen t)aben, bafe biefe 
ben erneuerten ©lauben nidjt alle al§ eigenen inneni ©rroerb 



Äofton, Ü^eoloöie imb ftixä^t, 17 

befi^en, bajs bei i^nen fid) bic DIcigung junt fattcn 93cfi^ unb jur 
©ctonimg bcr autoritatit)cn Uebcrlieferung cntotdclt, baoon war 
fc^on bic SRcbc. 6S wirb aber nidjt genügen, bie ©rünbe beffen 
in bcm 3Bed)feI ber ©enerationcn ju fudjen. S)ie ©rünbe liegen 
tiefer, ©ie liegen in ber ©ac^e. Unter ber 93elaftung mit ber 
gefammten bogmatifd^en Ueberlieferung ber SBergongenl^eit brol^t 
bcr eoangelifd^e ®Iaube ju erftirfen. @r wirb eben roieber in bie 
Staerfcnnung einer beftimmt abgegrenjten ©umnte non autoritatio 
überlieferten Selirformeln gefegt. 3f^ I^ff^ ^^^^ 9^^J ^^^^ 
35ctroc^t, inwiefern bem auc^ inneTlid^ eine ®ntfrembung non 
reformatorifc^em ©lauben unb eine 2lnnäl^erung an anbere gefd)id)t= 
Hd^c formen d)riftlic^er grömmigfeit ju ©runbe liegt, ^i) befenne 
mirf> iu bem ©runbfo^, bog tro^ ber innem 3nfammengef|5rigfeit 
oon ©loube unb Selirbilbung bod) im einjclnen ftet§ SJerfd^iebungen 
möglirf) fmb, unb bog c§ roo]^Igett)on ift, oui^ bem ©pongelium 
entfprid)t, perfönlid^e Seurt^eilung onberer au§ ber fad)lid)en 
3>i§fuffion femju^olten. 2lber boö mug gefogt merben, bog unter 
un^ eine Urt^eifemeife um ftdj greift, meldte bo^ SBerftänbnig 
be^ @(auben§ im coongelifc^en Sinn gor fel^r oermiffcn lägt. 
3ln bic ^eilige ©c^rift ofö @otte§ Sßort glauben fieigt boc^ von 
ber 9Wad>t ber SÖo^rf)eit in xijx ergriffen merben unb fid) it|r 
begbolb untermerfen, aber e§ lieigt nid)t, eine beftimmte SWeinung 
über i^re (£ntftel)ung nertreten unb gegen bic „negotiüc" Sriti! 
eifern. Sin S^riftum glouben lieigt bod) in i^m @otte§ gemig 
werben, feine SBo^lt^otcn erfennen unb au§ i^nen leben, ober e§ 
beigt nic^t, beftimmte Scl^rfä^c über bo§ 3}erl)oItnig ber beiben 
Staturen in if)m für richtig erftären, meiere if)re ©ebeutung für 
bie eT)ongcüfd)e J^ömmigfeit nun einmol oertoren l^oben. Um 
jenen ©louben ift e§ eine l^o^e ©oc^e, niemonb geminnt if)n, ber 
fid) nic^t befe^rt ju bem lebenbigen @ott. 3)en ©louben im Ie^= 
teren Sinn bogegen onne^men unb bei ennen , ba§ fteUt feine 
Sorberungen an ben inroenbigen SWenfc^en unb ift mit innerer 
trog^eit roo^I vereinbar. 3)og ober ber ®Iaube üon melen im 
le^tcren ©inn genommen roirb unb e§ mti)x unb met)r unter ben 
3lni)ängcm ber f|errfd)cnben Krd)tic^en Jenbenjen für fetbftoerftönb* 
lic^ JU gelten fc^eint, bo§ fei bcr ©loubc, auf ben e£J ontomme^ 

3titf(!^rift für il^eologie unb Airc^e, 1. 0<^1)ts., 1. ^t\t. '^ 



18 üaftan, ^^eologie unb Ü'ix^t. 

bog ift ipa^r^aft crf c^redtcnb. Unb jipar iDol^loerftanbcn : crfd^rcdcnb 
nic^t für ben ^^oioQ^n, bcr ben überlieferten fiel^rfä^en nic^t 
jujuftimmen oermag, fonbern erfc^redtenb für ben eoangelifd^en 
©l^riften, ber in fold^en Sleu^erungen ba§ aSerftänbni^ für ben 
©touben in fiutl^erg ©inn ju ®runbe ge^en fielet S^agen wir 
aber nad^ bem ®runb biefer betrübenben Z\)at^ad)t, fo tonnen 
vDvc uns ber (Sinfic^t nid^t entjiel^en, ba^ e« eben jene 93etaftung 
mit ber bogmatifd^en Ueberlieferung ift, roeld^e in biefem Sinne 
wirft unb n)ir!enmu§. 

^at eS jebod) mit ben l^errf^nben firc^Uc^en ^enbenjen 
eine foId)e 93en)anbtni^, bann giebt eS aud^ gerabe gar nid^tS, 
roaS fie im Flamen ber Äird)e unb um beS ©l^riftentl^umS roiHen 
}u pflegen oeranlaffen tann. 3)enn auf bem 95oben ber eoan» 
gelifd^en Äirc^e entfd^eibet nidjt, nKrö ftc^ ju einer gegebenen 3^it 
für „axäßä)" giebt, ober roa§ einen möglic^ft großen ©toff auS 
ber Krd^Iid)en Ueberlieferung fid^ irgenbmie ju affimilieren mei^. 
^ier entfd^eibet über ba§, roaS tirc^lid^ ift unb xocS bie Äird^e 
mirftid^ förbert ber ®laube, unb nur ber ©laube, eben ber 
@(aube, ber ftc^ auf baS SBort ®otteS ftü^t, mie eS nac^ feinem 
eigenen Sinn oerftanben merben mu|, unb meld^er ber Slbfid^t ber 
^Reformation entfpric^t. Unb ber entfc^eibet gegen jene l^errfdjenben 
fird^Iid^en Jenbenjen. S)a^ aber aud^ ber ®rfotg in ben ©e* 
meinben nid^t für biefe inS ©eroid^t fällt, ba^ e§ mit ber ^Belebung 
unb Kräftigung ber ©emeinben tro^ beS reblid^en ®ifer8, ber oieler* 
orten entfaltet mirb, aufS traurigfte befteHt ift, ba§ berül^re ic^ 
nur nebenl^er. ®enn ber ©rfolg ober 3Ri^erfolg entfd^eibet niemals 
über bie SBalirl^eit. Sluc^ ift biefe SSerfümmerung beS txt6)liä)m 
fiebenS baS ^robuft einer langen ©ntmirflung unb barf nicf)t auS 
bem SBerfäumnijä einer ©eneratton er!lärt roerben. Unermäl^nt 
bleiben barf eS nic^t, rocil gefagt werben mu^, ba| l^ier nidtitS 
gegeben ift, maS als ein 93emciS beS ©eifteS unb ber ^aft für 
jene 2:enbenjen geltenb gemacht werben tonnte. 

93IidEen mir aber mieber auf bie 3;l|eologie unb fragen, ob 
baS, maS in i^r lebenbig ift, ftd) gegen ben ©lauben tel^rt (als 
worauf alles antommt), fo ift ju fagen, ba^ baS ©egentl^eil ju= 
trifft. 3)ie gefd)ic^ttid)e ©rtenntni^ ber l^citigen ©c^rift bebeutet bie 



Haftan, S^eotogie unb Aird^e. 19 

^jteiung oon bcn fd^olaftifc^cn fic^rformcn bev 93ergangcn^cit. 
@ie moc^t e§ gerobeju unmöglid^ ju meinen, xok fiutl^er nod^ ge« 
meint ^at, ba| bie alten fiel^rfä^e fd)on in ber iSd^rift entl^alten 
unb mit ber Offenbarung ibenttfd^ feien. Sie jmingt einen jeben, 
für ben e§ bei bem ©runbfa^ ber ^Reformation oon ber aüein 
entft^eibenben 2lutorität be§ OotteSmort^ fein Semenben ^at, fie 
jiöingt il^n gerobeju, bie in (J^rifto bem (Slauben gefc^enfte feiig* 
ma^enbe Sßal^r^eit oon jener Sel^rform unabl^ängig ju machen 
unb bie i^r felbft entfpred^enbe Sef)rform ju fud)en. SEBieberum 
fü^rt bie gefdjid^tUd^e @rfenntni| ber fird^Kd)en @ntroirftung baju, 
ba§ romantifdje Slenbmerf bei Seite ju fc^ieben unb mit ooUer 
Äraft bei ber @rfenntni^ be^ @Iauben§ einjufe^en, meiere bie 
Sieformation unS gefd^enft I|at. S)ie ^Reformation bejeid^net nic^t 
einen Stbfo^ blo^ in einer langen continuirlic^en Sntmirflung, f onbem 
einen relatio neuen Slnfang, eine neue ©tuf e in ber aSermirtlic^ung 
be§ ®^riftent^um§ in ber SBelt. Qn beibem jufammen, in ber 
beffcren Srfenntni^ ber Sdirift unb in ber fad^gemä^en SBürbigung 
ber ^Reformation, ift ber eoangelifc^en 2:^eoIogie ber ©egenroart 
i^re Slufgabe gegeben. iSie ift fo flar unb beutlid^ gegeben, ba^ 
man fie mit ^dnben greifen fann. @§ Iianbelt ftd^ barum, bie 
Se^roerbeff erung ber ^Reformation in allen fünften burc^jufü^ren, 
roie bie Srfenntni^ ber ©d^rift, bie mir gemonnen, un§ baju bie 
3Rittel in bie ^anb giebt. 3)ie l^eilige ©c^rift unb bie ^Reformation 
fmb aber jugleic^ für bie eoangelifd^e Kird^e bie maa^gebenben 
;3nftanjen. 3[uf ber ©d^rift beruf)t unb in ber ^Reformation SRartin 
Sut^erä ift unferm @efd)led)t aufgegangen ber ®laube, ber bie 
Sa^rl)eit alle§ ©tiriftentl^umg in ber SOBelt ift. ^[nbem bie Slieo- 
logie an ber Söfung jener 9lufgabe arbeitet, bient fie batier jugleic^ 
ber Äirdtie im eminenten ©inn be§ 3B8ort§. 

2lber freilid^, e§ mirb barauf anfommen, ba§ fie biefe i^re 
3lufgabe fo erfaffe unb bearbeite, mie e§ eben um ber Sird^e mitten 
Don i^r geforbcrt merben mu^. 3t)r 3i^I ift nid^t bie gelelirte 
2)etailforfd^ung unb ein beffere^ SEBiffen um bie gefd)id^tlid)en 3)inge. 
^fyc 3iel ift bie Äirc^e, b. ^. bie görberung ber Siri^e, aU 
ber ©emeinfd^aft unb S^rdgerin be§ ©lauben^. 3)a§ Semu^tfein 
hierum mu§ tebenbiger unb ba§ bamit geftedfte 3irf ^^^ ^^^'' 

9* 



P 



20 üaftan, ^^eologte unb llitd^e. 

fc^Ioffcncr ate bte^er in§ Sluge gefaxt werben. 3)ie ^rrfje ^at 
ein SRed^t ba§ ju oerlangen, unb bie 2:^eotogie ^at bie ^ic^t ju 
beroeifen, ba§ jte bie Äird^e ju förbem unb i^r ju bienen im 
©tanbe ift. 

Sin biefer Slufgabe roill anä) unfere „ß^itf^^if* p^^ 2:f>eologie 
unb Kirche" mitarbeiten. ®er 2:f|eologie im 3)icnft ber Äirdf)e 
foUen if)re SBIStter geroibmet fein. ®ie 2:i^eologen roiH fte an bie 
Erfüllung i^rer fir(^Iid^en ^f[id)t mahnen unb fie baju aufrufen. 
3)enen, n)e(d)e in ber Kirche ttiötig fmb, mitt fie einige ^anbreid^ung 
ju bieten nerfuc^en, wie fie bie 2^t)eologie ju leiften bie ^id)t 
^at, unb nur bie S^eotogie fie ju leiften vermag. 



®ie ^nfpirationöte^re ber alten 3)ogmatifer roirb l^eute in 
ber 2^t|eologie jiemlid) attgemein aufgegeben. 3)a^ Stimmen laut 
mcrben, n)eld)e bie 2Bieberf)erfteUung biefer Set)re empfehlen, fommt 
jmar nod) t)or. 3)arin äußert ftd) ber Dert|ängni|t)oüe ®influ|^ 
meldjen bie ©meucrung ber alten 3)ogmatif in ber ©egenmart 
ausübt, dergleichen roirb aber nic^t auffommen. Qu überroälttgenb 
ift ber (Sinbrudt oon ber Ungefd^id)tlicf)feit unb Unroal|rt)eit jener 
Öe^rc/'ju beutlid^, roie roenig fie etroa§ eigentt^ümlid) d)riftlid)e§ 
ift, al§ ba§ fie roieber jünger um fid^ fammeln folfte. 9hin ift 
aber bamit nid)t gefagt, baj5 nicf)t etroa§ anbreS an i^re ©telfe 
tritt, ^eber eoangelifdje 2:f)eolog roirb baran feftl^alten, ba§ non 
einer ©rleud^tung ber crroä^lten 3^119^ ^^^^ i>^^ ®^ift ®otte§ 
}u reben fei. Unb mand^e roerben tiierin ben @toff für eine anber§ 
geartete Sefjre t)on ber Qnfpi^ötton fudjen unb ju finben roiffen. 
©df)on au§ 58orliebe für ben alten Flamen roirb ba§ gefd)e^n, ein 
folc^er 9lame, einmal eingebürgert, übt t)on felbft eine 9Wad)t auf 
bie @emütt)er au§. Slnbere urt^eilen anber§ unb roünfc^cn um 
ber Älartieit ber ße^re roiücn, ba^ man ben alten 9tamen über* 
f)avüpt aufgebe. 3)a§ aber bie SWeinungen barüber au^einanbergelm^ 
oerfc^lägt roeiter 9Uc^t§. 3)cnn roa§ immer an bie Stette ber alten 
OnfpirationSle^re gefegt roerben mag, fo bleibt eö babei, ba§ bie^- 
neue einen ganj anbem ^lai^ im S^^f^^w^^^^öng einnimmt, ats; 
bie alte öetire t^at. 6ö Jjanbelt fid) in biefer neuen 2et)re auf 



Ilafton, X^eologie unb üird^e. 21 

die JaUc um eine Setire unter anbem, nicf)t um bie ©runble^re 
be§ gonjen, um etmo^, voa^ im ß^f^^^^^^^^^fl i^^^ 9<injen au§ 
bem ©tauben gefolgert wirb, aber nid^t felbft SRebium ber Sluf^ 
faffung unb äJermerti^ung ber ©dirift ift. 3)a^ bie alte Se^re 
oenoorfen mirb, bebeutet ba^er unter aüen Umftänben, ba§ mir 
ber Eiligen Sd^rift tl^eologifc^ ganj anber§ gegenüberftel^en, afe 
bie dten traten. 

333ir fte^n i^r gegenüber mit bem ®Iauben be§ cpangelifc^en 
€^riften, fie ift unb bleibt unferem ©tauben ®otte^ SGBort. 2tber 
bdS f^lie^t nid^t au^ fonbern ein, ba§ mir aUererft mit freiem 
Sluge fe^en moUen, ma§ bie mirflid^e t)eUige Schrift mirfüdf) ift 
anb mirftidi entl^ält. ^e überjeugter mir finb, ba^ ii^r «Qnl^alt 
ben t)öd)ften SBertl^ unb bie größte Sebeutung für ben ©tauben 
befi^t, befto beftimmter merben mir e§ at§ t^eotogifdt^e ^^ftidjt er= 
fcnnen, biefen ^n^att ju ermittetn, um i^n bann im @inn be§ 
©loubenS ©erftel^en ju temen. SEBaä aber fo ba§ freie Sluge fxe^t, 
ift ein ganj anbre§ 93itb al§ bas( l^erlömmtic^e. Unb mir fönnen 
ifflS unmdgtid) auf ein boppetteS ^ilb einrid^ten, mit gefc^ic^ttic^em 
äuge ba§ eine fel^n, bann aber, rotnn eig ftd^ um bie SBermertl^ung 
in ber a)ogmatif ober in ber ^rayi§ l^anbett, jum atten ^er* 
fommlid^en Sitb jurürf!el)ren. ®^ ift oietmel^r ba^ bringenbe SSe* 
bürfni^, baß mir ba§ mir flicke mit bem 2luge be^ ©tauben^ fel^n 
lernen, unb bie bringenbe 2tufgabe, ju jeigen, baj5 ba^ für ben 
©tauben nic^t SBertuft fonbern ©eminn bebeutet. 

3)iefe 2lufgabe ift aber fomo^t ma^ ba§ atte at§ mas ba§ 
neue Jeftament betrifft geftellt. 

aSBer unbefangen feigen getemt, ma§ ba§ atte Seftament ats^ 
gefc^ic^ttid^e Urfunbe un§ jeigt, unb nun in biefem ein ganje^ ju 
fetin fid| bemül^t, ber fann nid^t bei ben ^atriard^en einfe^en, ge= 
fc^roeige benn bei ben ^rotoptaften — 9Rofe§ tritt i^m entgegen 
<ife ber gro^e ^ropliet unb ©efe^geber, ber «QSraet at^ baö SJotf 
ber Offcnbarung^retigion in§ fieben gerufen, unb bie fpäteren 
%op^en at§ bie gortfet^er beffen, ma§ 9Wofe§ gcfc^affen bat. ®§ 
bringt fid^ il|m auf, ba^ boS ®pt ber eigenttidie SBenbepunft 
in ber ©efc^ic^te ^f^raetS unb ber it)m gefd)enften Offenbarung 
gcroefen ift, bag ©yit, in metd^em baS äJotf ju ©runbe ging, unb 



22 Haft an, Zt^toioqxt unb üixdit. 

bic @cmcinbc be§ ^ubcnt^untS cntftanb. @r fommt nid^t barum 
tjcrum, ba§ aud) bic legten <3a^^^ii^^^i^tc oor ber ©rfd^cinung 
®t)rifti eine bebeutfame ^eriobe ber Offenbarung bilben, oline beren 
SBürbigung ba§ neue J^eftantent nid^t Derftanben roerben fann. Qn 
nieten ®ii^elt|eiten ift bieä gefdiic^tlic^e ©ilb noc^ unfic^er unb 
wirb e§ nieUetd^t immer unfid)er bleiben. 2lber bie großen ®runb= 
jüge ber ©ntmidtlung, meldte für ba^ 5Berftanbni| ber Offenbarung 
non Sebeutung fmb, ja an benen un§ aUererft ba§ aSerftonbni^ 
ber Offenbarung at§ einer gefc^ic^tlid^en ©ntroidtlung aufgellt 
treten beutlid^ genug I)emor. 3)ie Sirdt)e fann nid^t auf bie ®auer 
babei bleiben, im SBSiberfpruc^ mit ber gefd)ic^tlid)en SSäa^rl^eit 
ber ©emeinbe ein 93ilb norju^atten, n)etdt)e§ felbft erft afö ein 
^^robuft ber fpäteren religißfen SRefleyion entftanben ift. 95efte{)t 
bod^ auc^ fein 3w)ßifrf barüber, baj5 bie mirflid^en @otte§tl^aten 
in ber ®efd^id)te bem Olauben unenblid) metir bieten unb ungleidt) 
erbaulid)er fmb als ba£i (Sr^eugni^ ber mannidjfaltig bebingten^ 
nac^träglid^en 3)eutung. 

S)ie aWänner beS neuen 2:eftament§ fmb nic^t bie ©ogmatifer 
unb SReligiongp^üofopIien, bie man fpäter au§ i^nen gemacht t|at^ 
unb ate meiere fie Iieute nod^ nietfad^ gelten. ®^ tianbett fid^ aud^ 
im neuen S^eftament um einen lebenänoUen Organismus gefc^idjt- 
lid^er ©otteSoffenbarung. 9K(^t S^l^eorien fonbem Sl^atfadjen, abet 
mirflidtie gefd)ic^tlic^e unb nic^t bogmatifd^ conftruirte 2:^atfad[)en 
bilben ben ^nf)aU ber neuteftamentlid^en Serfünbigung. 3)a^ burd> 
©tiriftuS baS SReid^ (SotteS erfc^ienen ift 93ergebung ber ©ünben 
unb neues Seben auS ®ott, ba^ ©tiriftuS in Säälbe roieber er* 
fd^einen wirb, um baS öteic^ ber 58oUenbung aufjurid^ten, bajä in- 
jroifc^en bie c^rifttid^e ©emeinbe bie Kräfte ber jufünftigen 9BeU 
in fid^ birgt unb eben be§f)alb ber Ort jener ^eilSgüter ift, baS 
ift bie Summe biefer 58erfünbigung. 2luc^ maS fidti an t^eologifd)en 
%i)zomn baran anfdjUe^t, mirb nur non bem fjiermit gegebenen 
3WitteIpunft auS rid)tig oerftanben. ®S mu^ aufhören, ba§ biefe 
fefunbdren Oebanfcnrei^en als baS mefentlidtie unb roidtitige an- 
gefet)en, ba^ bie neuteftamentUc^en ^eyte bafür gehalten merben,. 
unf eren bogmatif c^en (Erörterungen gleid^artig ju fein, unb ba^ i^nen 
3lntn)orten auf fragen abgequält werben, bie i^ren Urliebem nötlig 



I^aftan, Zi)tolo^it unb Hirc^e. 28 



fem gelegen fjaben. 2lud) I)tcr ift e§ für bie fird)ltc^e ^^royiS, 
bcfonbcr§ für bie SSerfünbigung bei8 3Bort§, ein unenblic^er @en)inn, 
wenn bie bogmatifc^en Süffeln be§ @c^riftgebraud)§ abgeworfen 
roerben, wenn ftatt beffen ber IebenSt)oUe unb ficben geugenbe ^i)alt 
bes neuen 2:eftamenteg felbft ber ©emeinbe bargeboten wirb. 

®aj3 ein foldier SBanbel in ber Betrachtung unb SSenioertl^ung 
ber ^eiligen iSdirift eintritt, ift bie notl^wenbige ^olge beffen, baj5 
bie alte ^f^ifpitation^letire ocnoorfen wirb. ®enn mir finb nun 
fc^Iec^terbing^ bar an geroiefen, un§ an ben gefd)ic^tlid)en Qntiatt 
ber ©djrift gu l^alten. SBaS bajroifc^en treten unb bie @^rift* 
auSlegung in beftimmte Bal^nen jniingen will, mujs al$ äBidtür 
gurüifgennefen werben, Stber freilief), e§ ift ein bringenbe^ 93e* 
bürfni^, biefe gefc^i^tlic^e @rfenntni| ber ©c^rift gegenüber ben 
9lac^n)irbingen ber alten SRet^obe ju vertreten unb i^re !irc^Iid)e 
Sebeutung, i^re Sebeutung für ben ©tauben oerftänblic^ gu 
matj^n. hieran mitjuarbeiten ift eine ber 2lufgaben, welche unfere 
3eitfc^rift fic^ fteUt 3)etaiiunterfud)ungen unb fac^roiffenfd)aftlic^e 
6r3rterungen im ftrengen @inn bleiben au^gef^Ioffen. 6ine neue 
Sommelftätte für Slrbeiten biefer 2lrt ju fc^affen bürfte auc^ faum 
ein SBebürfni^ fein, ^ebenf aJte ift e§ l|ier nid)t barauf abgef et)n. Um 
bie tl^eotogifc^e Slrbeit im 3)ienft ber Sird)e ift e§ un§ ju tt)un. 

2lud) ma§ bie gefd)ic^tlic^e ©ntmicflung innerl^alb ber Äirc^e 
betrifft, barf oon einem aUgemein jugeftanbenen ausgegangen werben. 
9Son ber ®infic^t nämlic^, ba§ bie n)id)tigften ©d^e ber ftr^li^en 
Se^re nici^t fo wie fie lauten avS ber l^eiügen ©c^rift entnommen, 
fonbem ba§ ^^robuft ber firc^Iic^en fietirbilbung finb. Unb 
bog ift md)t minber eine tief greifenbe Steuerung aU bie 93er* 
roerfung ber ^fnfpirationSlel^re. ©igentlic^ mirb bod) in unb bei 
ber @ntR)ict(ung beS 3)ogma§ immer oorauSgefe^t, bajs e§ ni^tS 
neue§, fonbem in ber Schrift f^on oor{)anben fei unb nur gegen 
^aretifc^e aSerleugnung unb Steuerung gefc^ü^t merbe. 3)a§ ^^rincip 
ber ^rc^e afö ber ©emeinbe beg Offenbamng§gIauben§ lä§t eine 
anber« Raffung eigentlich au^ gar niclit ju. 93oltenbS ^aben bie 
proteftantif^en Se^rer baS 3)ogma unter biefer 5ßorau§fe^ung auf = 
rec^ter^olten unb bie 93egrünbung beffelben auS ber lieiligen ©d^rift 
gefc^öpft. Slber biefe STOeinung ift Ijeute ber gefc^icf)tlic^en Sinftc^t 



24 Kaftan, X^eologte imb Itird^e. 

unb ®rfcnntnij3 gewichen, bic eben cnua^nt loarb. Unb jeber 
ol^nc 2lu§na^me, mag er anlangen bei welchem 9tefultat immer, 
fieljt fi^ barauf angeroiefen, eine anbere SBorfteBung pon unfcrem 
S3er{|clltni| }um 3)ogma ju bilben, als eS bie ber alten prote^ 
ftantifc^en 3)ogmatü roax, %i)a^aä)lxiif gefc^ietit eS auc^ allgemein, 
meil cS not^menbig ift. 

SBenn aber, ift e§ bann baS firc^Ud) geforberte, eine ^In* 
fc^auung Ijierüber ju bilben unb ju t)ertreten, meiere nad) 3Ä6glic^= 
feit auf baSfclbe hinausläuft wie bie ber alten fiel^rer? 3)aS 
fd^eint bie SSorauSfe^ung berer ju fein, meiere fx6) ju einer 2lb* 
manblung unb 3lnpaffung ber fatliolifc^en 2lnfid|t an bie eoan* 
gelifc^en ®runbfä^e bef ennen, inbem fie lehren, ba§ fic^ im 3)ogma 
f ortf d^reitenb ber ®laube ber ©emeinbe einen immer reicheren unb 
pollftdnbigeren 2tuSbrucf oerfc^afft, ba^ jebe Qtit ju biefem SEBerf 
beS ©otteSgeifteS in ber Äird)e i^ren SBeitrag geleiftet ^abe. 2lber 
basf fann bod| nur bann als rid^tig anerfannt werben, menn ber 
©runbfa^ ber ^Reformation oon ber alleinigen Autorität ber 
I)eiligen ©c^rift babei gemurrt mirb, unb menn bie tl^atfädilic^en 
@ntftcl^ungSoerl)ältniffe beS ®ogmaS eine fold)e 3)eutung julaffen. 
SBeber baS eine nod) baS anbere ift ber ^all. SRan fann jeneS 
nur behaupten, menn man bie lieilige ©c^rift bem freien SBerftänbni^ 
entjieljt unb unter bie 3tuSlegung nad) bem fird)lic^en 2)ogma fteQt. 
3Ran fann biefcS nur aufred)t erhalten, meil man fid^ nid^t flar 
mad)t, ba| eS ein grojser Unterfd|ieb ift, ob bie fiel^re nad) prote* 
ftantifd)em ©runbfa^ als SluSbrucf beS ©laubenS entfielt, 
ober ob baS ^[ntereffe ber prafttfd)en JJrömmigfeit bei ber @nt* 
fc^eibung oon fiel)rfragen mitgeroirft \)at, ol^ne bod) felbft über bie 
Stellung ber Saugen ju entfd^eiben. ©eac^tet man biefen Unter* 
fc^ieb, bann ergiebt fi^ aud^ o^ne weiteres, ba| pon ber ©ntftel^ung 
unb ©ntroidClung beS SDogmaS t)or ber iKeformation jroar roo^l 
baS festere, aber fd)le^terbingS nic^t baS erftere gefugt werben 
fann. Unb bann ftetlt fid^ aud^ bie anbere (£infid)t ein, bajs biefe 
Dielfad^ mitmirfenbe unb eingreifenbe g^ömmigfeit feineSmegS bie- 
j enige gorm c^riftlic^er grömmigf eit geroef en ift, meiere mir eDun* 
gelifd)e ®f)riften als unfern ©lauben tennen, ben mir ber Slefor^ 
mation oerbanfen. 



Aaftan, Ideologie unb Airc^e. 25 

@5 ftet^t bat)cr nic^t fo, baj5 in bicfcr Sad)e of)ne roeitcresJ 
eine ^ofition gegeben n>ave, meiere ftc^ ate bie tirc^Iic^e bejetd^nen 
b&rfte. 3)ie eben ffijiirte ©onftruftion ift burc^ unb burd) mobern 
imb nur fomeit alt, al^ fte in fat^olifd^en 9(nfd^auungen if)ve 
SBurjeln l^at 98or allem entfpric^t ftc webet bem eoangelifc^en 
@tauben nod| ber gefd)ic^tlic^en 3Bat|r^eit. @$ voixh \x6) melmel^r 
barum ^anbeln, eine Slnfd^auung ju gewinnen, meiere vom ©tanb* 
ifnattt ber Steformation unb beS et)angelifc^en @laubenS au^ gebad)t 
ift, iDeld^e bie gefammte ©ntroicflung ber Äird)e in ber @ef(^ic^te 
oiä ein lebenbigeä ganjeä oerfte^en te^rt, aber jugleid) jum ®er* 
ftanbni^ bringt, ba§ wir in ber eoangcUfc^en Sirene, in itirem 
@lauben bos; ^i^ ^^ bi§t)erigen ©ntroicftung erreidjt t)aben, eine 
{^rm be^ ©^riftent^um^ jugleii^, welche beffer ate eine ber frütieren 
ber erfennbaren 2tbfid)t beö ^erm unb feiner Slpoftet entfpric^t. 

(Sine güKe oon Slufgaben ift barin befc^loffen. 3lud) auf 
beren Bearbeitung ift es in unfercr ^^eitfc^rift abgefet)n. 3lur 
imeberum fo, ba§ baö t^iftorifc^^fritifdie 3)etail ate fold)e§ aus- 
gefc^toffen bleibt. ®ie firc^lidje Vergangenheit foU in ber SBeife 
bargeftellt, befproc^en unb beleuchtet werben, wie t^ ba§ 3}crftänbniB 
ber fird)li^en ©egenwart forbert. 3)ie Äirc^e ift in fo eminentem 
Sinn ein gefc^ic^tlid^c^ ©ebilbe, ba§ man in i^rem 2tmt unb 2)ienft 
feine beftimmte Stellung einncl)men unb feine freubigc St)citigfeit ent- 
falten f ann, wenn man nid)t il)re ®efc^ic^tc im 2tuge bot unb bie ge= 
f^ic^tlic^en SJHttet, welche fie bietet, ju beurtt)eilen weip. 9loc^ 
aber ^errfc^t in biefen 3)ingen feine flare unb allgemein anerfannte 
Sluffaffung, feit bie SJorau^fc^ung gcfc^wunben ift, bie fird)lirf)e 
fie^re fei einfad) aus ber Sd^rif t entnommen. Um ber Äirdje willen 
unb im ^ntereffe ber ^ird^e an ber ©eftaltung neuer leitenber 
3bcen in biefer ©ac^e mitjuwirfen, barauf ift bie Slbfic^t gerid)tet. 
6ben, ej^ tjanbelt fic^ um bie 2:l)eologie im 3)ienft ber Äirrf)e. 

9lic^t jule^t in ber 3)ogmatif fmb ber 2:^eologie, welche im 
®ienft ber ftirct)e arbeiten wiU, bebeutenbe Slufgaben geftellt. Sd^on 
wo^ bisher erörtert worben, t)at fic^ inbireft jugleic^ auf biefe 
bejogen. Surfte aber, wa^ ben Sdiriftgebraudt) unb bie Beurt^eilung 
beS 2)ogmaö betrifft, auf ben weit verbreiteten Sonfenfu^ über bie 
Unjulonglic^feit ber alten ;3nfpiration§let)re unb über ben g^arafter 



26 Itaftaii, X^eologie unb ^trt^e. 

beö Sogma^ atö cincS ©rjeugniffc^ bcr fird)ttc^cn ©ntoicflung 
DcriDicfcn werben, fo t)crrfc^t auc^ über bie ©ogmotif unb bereu 
2lufgabe ein gemid^tigeg ©inuerftäubnijs. 9liemaub perleugnet, ba^ 
e§ fic^ in ber 3)ogmatif ber epangelif c^en ^rd^e um ben ®lau6en 
unb bie ®rfenntni§ be§ ®tauben§ t)anbelt. Merbingg roirb bai 
bann roieber fef|r oerfc^ieben gefaxt, bie größten 3)ifferenjen fxnb 
baburc^ nid^t auSgefc^Ioffen. @§ giebt aber roenigften^ einen ge= 
meinfamen 2lu^gang^punft. 3)er Unterfc^ieb beftet)t oor attent 
barin, ba§ bie einen unter biefem ©efic^tSpunft bie bogmatifc^e 
Ueberlieferung red^tfertigen unb bereu ©a^e afe ®Iauben§erfenntni& 
erroeifen ju fönnen meinen, rodl^renb bie anbem bafür tialten,. 
ba| bie ^Reformation un§ jmar bie Slufgabe gefteUt, auc^ ben SBeg 
jur Söfung berfelben gegeigt l^at, ba§ e§ aber eine erft nod) ju 
löfenbe 3lufgabe ift, biefen ®efic^t§punft am ganjen Krd^Uc^en 
Se^rftoff burc^jufül^ren. 3)ie Klärung biefer S^rage ju förbern, 
baö 5ßerftänbni§ für bie ©ebeutung berfelben ju verbreiten unb 
jebenfalfö für bie unbebingte ©üttigfeit jeneö ®eftc^t§punfte§ ein* 
jutreten mirb ein Hauptanliegen unferer ßeitfd^rift fein. 

3!)ie eben genannte allgemeine Jrage laßt fid^ aber nur an 
ben einjelnen Seigren unb bereu Erörterung uer^anbetn. 2luf 
biefe beftimmte, in§ einzelne get)enbe 33efprect)ung legen mir 
ba§ größte ©emic^t. !^n it)r oor allem gilt e§ burd^ tl)eologifd)e 
2trbeit ber Sird^e ju bienen. 3)enn mie immer bie allgemeine 
5rage entfd^ieben roirb, fo ift eö für bie fird^lic^e ^Ißrayis; oon un- 
mittelbarer ©ebeutung, bie einjelnen Set)ren in i^rem lebenbigen 
3ufammen^ang mit bem ©lauben ju erfaffen. 9lur barau^ fann 
fi^ eine 3lnroeifung für ^^rebigt unb Unterrid)t ergeben, mel^e 
ben ganjen 9teid)t^um ber ^riftlic^en 933at)rl^eit mirflid^ für bie 
'ißflege ber JJrömmigfeit unb beS @lauben§ oermerttyet. ®ie bog* 
matifdie 2lrbeit muß jebenfalfe fo angelegt unb fo meit fortgefe^t 
merben, baß unmittelbar ert^ellt, mie fie nun anjuroenben unb ju 
oermert^en ift. 9htr bann gefd)iet)t fie roirflid) im S)ienft ber 
Äirc^e. Unb auf bie tt)eologifct)e 3lrbeit im 3)ienft ber Kird)e ift 
e§ auc^ unb namentlid) in biefer ©ejiel^ung abgefel)n, 

2)ie Vertretung be§ ©laubenö nad) außen im geiftigen Seben 
ber Oegenmart ftellen mir bagegen in bie jmeite Sinie. @anj 



IIa flau, Ztjtoio^it unb ^ird)e. 27 

au|er Setrad)! bleiben fann auc^ ba§ nid^t. 3Ber ben glauben 
oerfunbigt mu§ fic^ bamac^ umfe^n, loie er it>n gerabe ben ^tiU 
genoffen nalie bringt. 2luc^ er fetbft bebarf ber Haren ©infic^t 
in ben 3wfcimmenf>ang be§ ®lauben§ mit ben anberen 93ebfirfniffen 
unb Stngclegenl^eiten be§ menfc^lic^en ®eifte§. ©onft wirb e^ 
feinem SBort leicht an ber überjeugenben Sraft, bejieliungämeife 
on ber nötl)igen ßi^^^tialtung fehlen, ©o entftelien au(^ t|ier 
fragen, um beren Bearbeitung fid) bie Ideologie im Sienft ber 
ftir^e ju bemühen i)at @§ liegt aber in ber 9latur ber Sac^e^ 
ba^ beraräge Xi)tmata in einer ß^itfc^^ft für S:^eologie unb ^rc^e, 
bie fic^ an einen engeren Äreiö menbct, nic^t an f olct)e, meldte erft für 
ben Glauben gewonnen werben foHen, in bie jmeite fiinie treten. 

Snblic^ bürfen aud) bie J^agen, meiere ba§ firc^tic^e fieben 
ber ®egenn)art im engeren ©inn betreffen, nic^t au^er %i)t gelaffen 
werben, 3)od) ift eg nid)t bie 3Reinung, firc^Uc^e 2:agc8fragen ju 
be^onbeln. SBo barauf eingegangen mirb, foU eS in ber ^^orm 
roiffenfii^ftüc^er Erörterung gefc^et)n, fo alfo, ba^ ber größere 
gefc^ic^tiid^e 3wf<^ntment|ang in Betracht gejogen, au^ biefem 
Orientirung unb ©eteljrung gefd)öpft mirb. 2lber auc^ ba§ mu^ 
in bie jroeite Sinie treten. 6§ gel)ört nic^t ju ben nac^ften ^njedfen 
«nb 9(ufgaben, bie mir im 2luge I)aben. — 

SÄan fann fragen, ob mirftid^ bai^ Sebürfni^ nac^ einer 
neuen tl^ologifd^en ßeitfd^rift neben ben fd^on portyanbenen oorliegt. 
Sie älntmort möge auS bem entnommen werben, maS I)ier ent* 
undelt morben ift. 3)ie Herausgeber l^aben ftd) ju biefem Unter* 
nehmen unter bem ©inbrud oereinigt, baJ5 eiS eine fird)lid)e ^^Sftic^t 
fei, ein Organ ju f^affen, n)eldt)es unter rücff^altSlof er 3lner!ennung. 
ber gefc^ic^tUc^en Jorfc^ung ju jeigen unternimmt, ba§ biefe wie 
oDe SBa^r^cit ber Äird^e (Sottet bienen mujs, unb ba| ber ©laube 
nac^ ©otteg SBort, wie it)n fintier unö geteert, mddt)tig ift, bie. 
®elt ju überroinben, auc^ bie ffielt in ber ftirdt)e. 



II. 



Die fittße ks eoangelifd^eit Ciiriftett. 



S3on 

9&. §etrmattn 

in 3Rar6urg. 



3Bir fu^cn in unfevcr Sird|c bie ©tlöfung unfeve^ inneren 
£eben§ oon bcv äJlac^t ber Sünbe unb beö lobeg. 3)ie geiftigen 
löorgänge, in welchen ein ®^rift roa^tl^aft lebenbig roirb, l|at un^ 
£utt)er uerftetyen geteert, ©ie fmb jufammengefajst im ®Iauben. 
®er (Slaube ift ba§ Sfittt^nJ^^i^«" i>c^ ©inroithing ®otte§, roetdje 
eine neue 3lrt be§ 3)en!ensJ, §üt>Icn§, SBoUeng in un^ ^eroovtreibt, 
unb un§ bie SJBelt, in ber wir leben, in einem neuen fii^te fe^en 
Idjst. 2)er ®laube ift ba^er felbft ba§ @rlebni$ ber @rIofung. 
3)a^ er ungetrübt bleibe, mujs unfere §auptforge fein. 3)aju 
gel^ört aber, ba§ man miffe, mie er immer roieber neu entftel^t. 
3)a nun ber ©laube bie ©rlöfung au§ innerer 9lotl) ift, meldjc 
ber fic^ offenbarenbe @ott in un§ bewirft, fo ift ein boppette^ 
nött)ig um auf bem SQBege jum ©tauben ju bleiben. SBir muffen 
miffen, mie mir ben ®ott finben, ber un§ frei mac^t, unb unS 
immer mieber auf eine neue Seben^ftufe liebt. 3Bir milffen aber 
üni) bie 9lotl) empfinben, au§ welcher ber ©taube ^erauöfü^rt. 
5J)enn e§ gel^ört jum SBefen beS ©tauben^, ba| er ba«, mag un§ 
fel^lt, un§ fe^en lä§t unb un§ giebt. Sutl)er§ SlBerf märe ganj 
Dergeblic^ gemefen, menn biefe ©ebanfen feine Wla6)t in ber 
®t)riften^eit gemonnen l)ätten. 2lber wenn ber ©taube felbft in 
biefem „Stirb unb SBerbe" fic^ fortbewegt unb fo oon einer 
Älarl^eit jur anbern füt)rt, fo mu$ auc^ ba^ üBerftänbniß besf 
©taubeng in ber ^rc^e immerbar in ber Ueberroinbung beg Un= 
ijollfommenen unb im SBerben begriffen fein. 333ag man auf biefem 



^errmonn, bte 9u6e bti eüangelifc^en (s:^rtftcn. 29 

öebietc ganj ju befi^cn meint, ifot man ocrtorcn. 3Bir wären 
nic^t hie ©rben fiutf)er§, wenn wir ba§ ©oangelium fo oertünbigen 
unb hcS fieben be§ @Iauben§ fo barfteden moQten, n)ie e§ im 
16. 3^t)unbert möglid) unb meßeii^t nottjmenbig mar. @§ 
gefc^iet)t ba§ aud) nirgenbg. 9Benn ®ott bie 9BeIt in neuen 
5otmen metter mad)fen lä^t, fo foll babur^ feine ©emeinbe bie 
iceltüberminbenbe Äraft h^ @Iauben§ in einer SßJeife fennen lernen^. 
tm ber it)re 5ßäter nichts miffen tonnten. ®anad) lianbelt un^ 
imMürttdi jeber, ber mirflic^ im ©tauben ftel)t unb be§t>alb ben 9luf^ 
ben ®ott in biefer Qtxt an if)n erget)en läj^t, oerftanben ^at. 

2)amit ift aber nic^t au§gefd)loffen, bajs in ber SBergangentieit 
ber Äird^e Sc^ä^e ber ®rf enntni§ liegen, bie un§ je^t f)elfen f önnen. 
?Ba§ fintier feinen ß^itfl^^^ffen gemefen ift, fann er ung freiließ 
nic^t met)r in allen 93ejiel)ungen fein. 3)amate I)at er al§ 
„Steftaurator be§ alten ®ogma§" bem ©lauben 93al)n gebrochen, 
^eute bagegen mirb er in biefer 9Wftung menigen, bie e§ emft meinen,. 
etoa§ nü^en fönnen. ®enn in ber ©emeinbe i)at nic^t metir^ 
m bamate, bie 2lutorität be§ alten 33ogma§ in ber allgemeinen 
Stimmung einen firf)eren ^att. 33ie 6rfenntni§ ber Urfprünge 
bieje§ "SJogmag ijat je^t ber Äritif eine ebenfo unroiberfte^lic^e 
3)lad)t oerliet)en, mie bamate bie 2lutorität be§ 2)ogma^ befa§. 
^a§ fmb Sbatfadien, bie jeber fennen fann. 35Benn oiele fie 
imnrillig ju ignoriren fud)en, fo erreid)en fie xooi)l ben ©c^ein 
einc^ befonberen @inoerftänbniffe§ mit Sut^er. Slber fie bringen 
fic^ in 3w)iefpatt mit fiel) felbft unb leiben an ber ©mpfinbung, 
bo^ jener ©c^ein eben nur @d)ein ift. ®enn ma§ fiutt)er in feiner 
9«1(I)ict)tlic^en Sage nid)t mujgte unb nid)t miffen fonnte, ba§ miffen 
fte beute unb tragen im ©tiHen an ben ^^olgen biefe§ 333iffeng. 
®itl)ütenun§, 2tlle§ ma§ 8utf)er feinen äeitgenoffenju geben batte, ate 
eine für un§ beftimmte @abe anjufe^en. 2lber if)n felbft moUen mir 
uns; nid)t entfc^minben laffen. 2)iefe religiöfe ^ißerf önlid)feit in i^rer 
S(^iodd)e unb in i^rer oon oben ftammenben Äraft entf)üllt ben 
Äeid)t^um \i)tt§ SBBerben^ fo rüdf)altloö, ba§ fie jeben, ber xi)x 
na^ fommt, märf)tig trifft, ©ie ift aber audf) für un§ 2:l)eologen 
eine reid)e Cuelle ber ©rfenntnijg, menn mir barauf ad)ten, mie 
^ ®laube in xf)X lebt unb fämpft. 2)a§ S^^S^ife fiutf)erS oon 



30 ^errmann, bie ^uge bed eoangeUfd^en G^^riften. 

biefcr inneren SBelt ift t^eologifd^ noä) nid^t genfigenb penDertl^et. 
^um 2I)eiI liat er felbft bie§ oeranlajst. 3)enn er felbft 1^ 
bi^roeüen ba§, n)a§ er flar gefeiten unb gefagt Iiatte^ burc^ ^Sfla^^ 
regeln, n>elc^e bie 9lot^ t^m abjroang, roieber perl)ttßt. 95efonbet8 
ift bie§ ju bemer!en an feinen Slu^fagen über bie 35ujie. Qxoax 
f)at er auc^ in biefem fünfte bie ri^tige ®rfenntni§, bie er fc^roer 
errungen l^ottc, nie ganj perteugnet. 9lber bie ^lötl^e ber Sirenen* 
teitung l^aben it)n bo^ boju gebracht, feine fc^wer erfdmpfte @r* 
lenntni^ jurüd jufteßen unb fi^ roieber in ben engen ®efic^t8frei* 
be§ römifc^en 95uJ5faframentö ju begeben. @c^on bie lutlierif^en 
ißefenntnijsfc^riften oerratl)en ba^er bent aufmerffamen Sefer, baj5 
]^ier bie ©ebanfen oon ber Sntftel^ung ber ©ujje nic^t metir auä* 
gefüt)rt werben, bie fiuttier in ben erften Kämpfen ber ^Reformation 
Derfod|ten l^atte. ^n ber ^ötgcjeit finb bann 93eftimmungen 
getroffen, mel^e, xotnn fie befolgt werben, baS d)riftli^e Seben 
Tuiniren; unb e* ftnb 5^'agen unbeantwortet geblieben, meldte fic^ 
Tiid)t nur ber S^eolog, fonbern jeber ©l^rift beantworten mu|. 

933enn wir oon Sujse reben, fo benfen wir nic^t me^r an 
^aS römif^e 93u|faframent. SBir oerfteI)en unter 95u§e eine 
^inne^Snberung, in weld^er biSl^erige formen unfereä inneren 
JßebenS jerbroc^en werben unb neue entftet)en. SDBie wir jU einer 
folc^en ©inneSänberung fommen, ba§ ift bie für jeben ©l^riften 
bringenbe JJ^age, ber bie tt)eoIogifc^e (Erörterung bienen fott. @§ 
wäre aber unpraftif^, wenn wir biefe un§ geftellte 2lufgabe in 
«iner 2lu§einanberfe^ung mit bem römifd)en 93u§faframent erlebigen 
wollten. 2)enn bei biefem ^nftitut lianbelt e§ fi^ ni^t barum, 
wie ber ®l)rift }u einer Erneuerung feinet ©inne§ fomme, fonbern 
um eine ©idierftellung be§ ©fünften, wie er ift. SBenn ftc^ bagegen 
m römifc^er ®l|rift ju wirfli^em ®l|riftentf)um burc^ringt, fo 
wirb bieg aHerbingg immer fo gefd^et)en, bajs er f\d) mit ben 
^orberungen au^cinanberfe^t, bie feine Äird)e in bem 93u§faframent 
«rf)ebt. 2)a§ ift befanntlid) auc^ bei 2utl)er ju beobachten, ©ein 
Äampf um eoangelifc^eS ®^riftentt>um ift oor Slltem ein Kampf 
mit bem ©ujsfaframent gewefen. 3)abei l)aben i^m ni^t aße 
21^eile in biefem ©ebilbe gemeiner Klugtieit unb eblen ^eite= 
x)erlangen§ biefelbe 9Kül)e gemacht. 3)er Segen unb bie ©efal^ren 



^errmann, bte 93u6e bed eDangelifc^en (£i)vtften. 31 

ber confessio oris finb il)Tn bdb flar geworben. 2)aJ5 in ber 
satisfactio operis bie e^Iud^t beS notütlid^en SRenfc^en vox bem 
feeuj ftecf c^ l^at er ebenfalfö balb ertannt. Qa, anä) baS SBic^tigfte, 
boB bie ©finbenoergebung, bie ber ©laube erlebt, etn)a§ ganj 
anbereS fei aß ber SKc^terfprud), ben bie ftirc^e burc^ ben ^ßriefter 
fpenbet ftanb i^m in DoUer Älartjeit feft, fobatb er ^rieben ge= 
funben ^atte. 2)agegen t)at i^m ba§ erfte @rforbemiJ3 be§ ^js^ 
faframentö^ bie contritio, einen fc^roeren Äampf gefoftct. ^n jenem 
Stüdf forbert ja bie fattyotifd^e ^rd^e ttroa^, bog mit ©innes^* 
önberung ausfielet S3on biefer ^orberung loäjufommen unb bie 
©inne^änberung, ol^ne bie man Don nnferm ®ott gefd^ieben ift 
richtig ju perftel^en unb Slnberen au^julegen, ift bem ^Reformator 
nic^t leid)t gemorben. 

SEBenn man Suttier^ SEBorte über bie innere öu^e ober SReue 
DOtt ben frfitieften Slufjeic^nungen an oerfolgt, fo lä^t ftd) 
nic^t überfe^en, ba^ er oor bem ^bla^ftreite anber^ oon bem 
degenftonbe gerebet l^at a\ä naäf bemfelben. fintier l^at e§ ald 
SWönc^ mit ber fc^olaftifd^en Setire oerfuc^t baj5 ber 9Äenfd), ber 
in ber 3lngft imx feine Sünbe ftet)t unb beS 2lu8fc^luffe§ oon ber 
®ttobe fid^ bemüht ift, für ben SBieberempfang ber ©nabe fic^ 
vorbereiten muffe, inbem er ooHf ommene Sleue in fic^ erjeugt, bie 
in ber Siebe ju ®ott gipfelt unb eben be§^alb aufri^tige SReue 
ift. ^n biefem ©treben mar Sut^er Derjmeifelt. 3)enn er fam 
vk fo weit, ba| er fic^ t|ätte fagen bürfen, er bereue nun feine 
Sunben in mirflic^er Siebe ju (Sott. Qm ®egentt|eit erf c^ien it)m ber 
©Ott, ben er üeben moUtc, immer mel^r atö ber fi^recflic^e 9iid)ter, 
ben er lebigli^ fürchtete. 2lu§ biefer 9lot^ rettete it|n bie 9Jer* 
^§ung oon bem Srbarmen @otte§ über ben an fi^ felbft oer* 
jagenben ©ünber. ^nbem bicfe SBer^ei^ung il)n ate eine munber= 
tare Offenbarung ergriff unb aufrichtete, erfc^ien it)m nunmetir 
bie SBerjmeiflung bie er bur^gemac^t ^atte ate ber 3iiftani>/ ^^^ 
jum Smpfang ber ®nabe „bi^poniert". 2)enn mäl^renb er in bem 
Streben, ba§ ®ebot ber ©otte^liebe ju erfüllen, ni^t§ erreid)t ^atte, 
vm er burd^ bie ®rfenntnij5 feinet gänjlic^en Unoermögen§ für 
bie erlSfenbe ©inmirtung @otte§ jugängti^ gemorben. SSon ba 
«ti l)at eä i^m feftgeftanben, ba^ bie ©nabe niemanbem ju 



32 ^errmonn, bie SBufee bed eömiflcüfc^en ©^rijlen. 

2:^cil loirb o^ne f^rocrc (Jrfc^üttcrung bcr @cclc. „@g mu§ ju 
einem Untergang fommen mit einem iglidien SÄenfc^en. SSSenn 
nu ber SWenfcI) alfo untergel)et unb junid^te wirb in oKen feinen 
Äräftcn, 9Berfen, SBefen, ba| nic^t mel)r benn ein elenber, vtx^ 
bampter, Derlaffener ©unber ba ift, bann fompt bie göttliche 
^ülfe unb Stärfe".* „@otteg 9latur ift, ba§ er an^ 9lic^t§ etma* 
mac^t, barum mer noc^ ni^t 9lid|t§ ift, ciu§ bem fann @ott au^ 
"JUdjtg mad)en".^ 3)ie 2tu§legung ber 93uj5pfalmen Dom Q. 1517^ 
in mcl(^cr er ben ©rtrag feiner inneren Kämpfe bem 93oIfe barbot, 
ift Don biefen ©ebanfen ganj erfüfft. Site bie f^Iimmften @ünbcr 
gelten if)m bie ©atten unb SSoUen, bie ^offärtigen, bie fic^ felbft 
ju Reifen meinen, bie nic^t junic^t werben motten, fonbem aud^ 
etmag fein moUen. (Sx ift ber SWeinung, ba§ nur ber 3Äenfc^ ju 
fic^ felbft fomme, ber oor fid) felbft erfd)re(f e unb ben 3om ®otte^ 
füllte. Slber in feinen 2lugen ift ba§ nun boc^ mit 9lic^ten f^on 
für fic^ felbft bie Steue, in melctier ba§ Seben eine§ neuen SÄenfc^en 
anfängt, ^ener 3wftanb ift oielme^r bie SBoHenbung be§ alten 
3Äenf(^en, ba§ 2lnt)eben ber 93erbammni§, bie tieffte unb fd^merftc 
Äranfl)eit ber Seele. 3Bot)l ift e§ nöt^ig, ba| ber aWenfd) bie 
Jiefe feinet ®lenb§ in fold)er SBeife empfinbe. @r mirb baburc^ 
ein SBefen, au§ bem @ott etmoS mad)en !ann, eine „SWaterie" 
@otte§. ®enn er mirb baburc^ erft fo geftimmt bajs er ftc^ 
rücf^altloö ber ©nabe ©otteg übertaffen unb @ott um ©cbarmen 
bitten fann. 2lber menn es^ ju foldjer 93itte fommt, fo ift ba^ 
nid)t baS SBer! be§ aWenfc^en, ber in SSerjmeiflung liegt, fonbern 
e^ ift ba§ ber Sieg unb ba§ S83er! be§ t)eiligen ©eifte^ im ^erjen. 
Solcher öitte fcl)entt @ott bie ©rfa^rung be§ S:rofte§, in welcher 
ber aWenfdf) enieuert unb fät)ig mirb, @ott gu lieben, fiuttier ^at 
fpäter erjäblt, ber Umfdjmung t)abe fid) fo in i^m oolljogen, ba| 
i^m ba§ ©ebot ©otte§ „2)u follft Ijoffen" ju .^erjen gegangen fei.* 
2lber oon einem f old^en Vorgang gilt eben : Dielt tandem Spiritus 
sanctus, qui suggessit: Qualis qualis es, certe orandum est.* 



' e. %. 47, 348. 

'' ebenbaf. 384. 

3 e. %. lat. XIX, 100. 

* ebenbaf. 25. 



^errmann, bie fSn^t bed eoangelifd^en (S^tijlen. 33 

3)icfe ^arftellung Sutl^erS oon bcm Vorgang bct ©u|c ift 
ein getreue^ 2lbbilb beffen, xocS er fclbft erlebt l^atte. @r liefert 
botier in biefer äuSlegung ber ©u^folmen einen t)ö^ft einbring* 
liifta 93enjei§ für bie 3Bat|rl^eit feinet ©runbfa^eS : vivendo, immo 
moriendo et damnando fit theologus, non intelligendo, legendo 

aut speculando.^ Slber bie äRangel biefer SarfteQung ^aben 
benfelben Urfprung wie i^re SBorjüge. ®urd| bie aufrid^ge unb 
fadftige SEBiebergabe feiner befonberen ©rlebniffe f^drft fiutl^er 
ba§ @en)iffen unb regt jum 9lad|ben!en über bie @a^e an. Slber 
eine erf<^öpfenbe tlieotogtfc^e 3)arftellung tyat er avS bemfelben 
®runbe nid^t liefern Önnen. ®rften§ betont er unroiUfürlid) ba§, 
nniS in ben entfdieibenben ©tunben befonberS l^eroorgetreten n>ar, 
bie aSw^roeifelung an fi^ felbft, ro&tirenb er unerörtert lä^t, roa^ 
i^ ba^in gefüt)rt l^atte, ba§ er fein fitttid^eS ®Ienb fo tief 
enqjfinben mu|te. S^^^^^^^ M er bo^, xoctS fic^ auS feinen 
befonberen aSerl)äItniffen ergabt nic^t pon bem gef^iebcn, roa^ für 
jeben (J^riften gut @§ wirb je^t n)oI)I allgemein anerfannt, ba§ 
bie inneren Äämpfe, roel^e Sut^er burdigema^t \)at, nid^t für jeben 
Sliriften norbilbüc^ fein fönnen.^ @§ wirb bamit auc^ nur ba$ 
Urteil befolgt roeld^ fintier felbft fpäter über biefe Kämpfe au^* 
gefproc^en t)at^ 2lber in jener ©d)itberung be§ SBorgangS ber 
9u|e, meiere fintier fuQ Dor bem 2lbla§ftreit gegeben t)at, muffen 
wir eine folc^e Unterfd^eibung oermiffen. Sutl^erS 3^itgenoffen 
ftcilid) Ratten oiel weniger ©runb, bie§ afö einen SRangel ju 
bemerfen. S)enn bamate befanben fic^ au^ 2lnbere emftlic^ 
fromme 3Wenf^en in berfelben Sage, baJ5 fie burc^ ba§ 9tingen 
nac^ innerer Säuterung ben (Sott, beffen 2)afein unb 9Kad)t für 
fie ctn)a§ felbftoerftänblic^eS mar, ju oerföt^nen fuc^ten. 2)a§ mar 
bamal§ bie bringenbfte aufgäbe für bie ®mftl|aften unb 3luf* 
rirfitigcn; für bie SÄaffe mar e§ menigftenS ein 3i>«ciC bag fie 
aU ctma§ fef)r ^ol|e§ anerfannten, menn fie auc^ nid)t banadi 
^nbelten. 3Bir mollen aurf) über jene§ 95erfat)ren nic^t ab^ 

1 6. 31. lat. XIV., 239. 

' 53ersl. ©icdt^off, Sut^erö Se^rc in if)Tet crften ©eftolt. ?Roftocf 
1887, ©. 26. 

' öergl. (£. ?1. 2. 9lufl. 9,87 unb 11,21. 

3eit!4nft für Xfttolo^it unb Äirc^e. 1. Oa^rg., 1. f>eft. 3 



34 ^errmonn, bie SBuge bc8 cöangeUWen (Sänften. 

urtl^citcn. ®8 ift ja flar, mt gro^ für 3Äenfc^en, beten ©eroiffen 
rege ift, bie Sßerfu^ung fein muJ5, auf biefem SBege bag ^cil ju 
fudien. SBenn wir un§ Dergegenrodrtigen, wie fel^r bamafö bie 
©timmung ber 93eften oon biefem ^tci be^errfc^t war, geroinnen 
roir erft ben rerf)ten ©inbrud von ber ©ebeutung beffen, roaS in 
Sutl^er vorgegangen roar. @r l^atte eS poHftänbig burc^Iebt, ba§ 
ber SBeg, auf bem ft^ bie eifrigfte J^ömmigfeit feiner Qext beroegtc, 
einen ©Triften nur unglüdfUc^ ma^en fann; unb er rou|te fic^ 
baburd^ gerettet, baj5 inmitten feiner SBerjroeiflung it|m ba^, roaS 
er fic^ fetbft I)atte erfämpfen rooHen, gefc^nft rourbe, bie ©eroipeit, 
baj5 er einen gnäbigen @ott liabe. 3lber für un8 fann boc^ nun 
biefe- innere ©ntroidflung einfach bei^l^alb nid)t uorbilbli^ fein, roeil 
auf uns jenes mönc^ifc^e <3[beal nic^t mel^r bie SWa^t ausübt, 
Don ber fic^ fiuttier befreien mu^te. 

2)ie innere Eingabe an baS @ute fajjten bie Jvommen, mit 
benen fiuttjer lebte, immer als SBerbienft auf, baS ben Qxo^d l^abe, 
bie ©etigfeit ju erroerben. 3)aS mar bie Reffet, bie Sut^er jerbrac^. 
®r erfutir, baJ5 auf biefe SBeife baS ®ute felbft über^upt nic^t 
gerooßt unb bie ©eügfeit nic^t gewonnen roerbe. S)a§ roir nun 
jene 5ßerfet>rtt)eit au^ bur^leben foßen, fann unS niemanb ju= 
mutigen. S)enn roir foUen melme^r als eoangelifdie @^]^riften pon 
oomtierein in ber Srfenntni^ fte^en, ba^ roir mit ber inneren 
Eingabe an baS @ute in ein feligeS Seben l^ineinroad^fen, baS 
©Ott uns bereits gefc^enft I|at. SBir ^aben alfo bie aÄittel über= 
fommen, ben ®ebanfen, ba§ baS ftttlidie ©treben ein SBerbienft 
fei unb fein foH, als etroaS IieiHoS SSerfel^rteS abjuroeifen. 3)ann 
fann aber auc^ jener ©ebanfe bei unS nic^t eine fold^e SBlad^t 
ber SBerfud^ung geroinnen roie bei fintier. 3Bir l^aben einen 
anberen 5^inb ju befdmpfen, unb auc^ bie 3loÜ), bie roir in ber 
S3uj3e burc^Ieben, ift anberer Slrt. ®ie terrores bleiben unS gcroijs 
nid)t erfpart; aber fie fmb bei unS anberS üermittelt. SBenn roir 
bicfen Unterfc^ieb unferer Sage oon berjenigen Sutl^erS nid^t be^» 
ad)ten, fo ift ju befürditen, baJ5 roir mit ber 9lad)a^mung eineS 
\ fremben SebenS ein leereS ©piel treiben unb barüber ben ®rnft 
i unferer eigenen 9lot]^ oergeff en. %üv unS ift bie ©ad|e ni^t bamit 
ertebigt, bajs roir baS ]^eroifcI)e ^Ringen beS SDlönd)S um feine 



^errmann, bie Säuge beä eDongetifd^en (S^riften. 35 

©eltgfeit al§ ctrooS 9lict)tigc§ crfenncn. (S§ tft ctiüaS 2lnbcrc^ 
nöttiig, bmnit wir fclbft juntd^te rocrben. 

i&it^er \)at aber aud^ in jener ©arfteßung ber 93u^e ba§, 

iw^ i^n baju gebradit \)at, in foId)cr SBeife mit bem bi§I)erigen 

Jrac^ten nad^ ber ©etigfeit ju bred^en, nid^t poßftänbig aufgebecft. 

6r fc^Ubert einfach bie 2;i)atfac^e, ba§ er bamit nic^t jum grieben 

!om unb ba§ er fd^Iiej^tid) in ber DoBen Serjroeifelung an ftd) 

jclbft einfe^en lernte, ba§ biefe§ @nbe piet beffer war atö ber 

flolje Slnfang. Slber e8 fragt fidf) nun, votSi^alb il^n fein emfte§ 

Streben, burc^ Siebe ju @ott bie ©nobe ®otte§ ju erwerben, nid^t 

befriebigte. ®aS njurbe nid^t etwa baburd^ ueranla^t, ba§ er fidf) 

innner roieber in groben ^f)Itritten prüdfgleiten fat). ®r ftellt 

fic^ pielmel)r fetbft ba§ 3^itpii5 auS, ba§ er geroijs bie ^ötye 

erflommen Ijotte, wenn e§ fiberl^aupt möglidf) wäre, in fotdf)er 

®eife entporjufommen. @§ reicht auc^ nid)t au§, }u fagen, bajs 

i^n fein ®en)iffen nidt)t liabe rul)ig werben laffen. 3)enn ba§ fragt 

jt(^ eben, roie in feinem ©emiffen bie unbefiegüdf^c Unrut)e entftanb, 

bie feinen mönd^ifc^en ©enoffen fo rätt)felt)aft mar. ©injetne 

Scu^erungen laffen ein fiidf)t auf biefe inneren SBorgänge faßen. 

3lu§ ber ebelften Ueberlieferung ber Äirc^e I)atte fiutl^er ben ©ebanf en 

oufgenommcn, baJ5 ba§ SBerlangen nadf) ©ott etroaS anberesJ fei als ha§ 

blofee SBerlangen nac^ ©eligfeit. @r meijj, „bie 3)octoresJ" nennen 

e§ samorem sui, fo ber SJlenfd^ umb J^tc^t ber gölten ober 

^ojfnung beS ^immefö, unb nict)t umb ©otte§ mitten frumm ift".* 

€r roei^ aber aud), ba§ bie bamit bejeid)ncte ©rfenntnijs erft bem 

JU eigen tüirb, ber innerlich t)on ©ott ergriffen ift, unb ju it^m 

geiogen mirb. ®enn er fätirt nad) jenen SBorten fort: „ba§ ift 

aber fc^mer ju erfennen, nodf) fc^roertidf)er loSjumerben, unb alle 

beibe nic^t, benn bur^ ©nabe be§ ^eiligen ©eift^ gefdf)et)en mag." 

Srte „2)octore§" I)atten mit jenem ©ebanJen ein biateftifdf)e§ @piet 

getrieben. 93ei Sut^er bagegen l)atte biefetbe ©rfenntni^ Äraft 

unb Seben. ®r mürbe burd) fie ju bem @etbftgeridf)t gebrängt, 

ba§ er nid)t nur l^inter feinem 3^^^ jurüdEblieb, fonbem ba§ ba§ 

3irf, ba§ er fid) geftedt f)atte, fünbig mar. 3)enn er mujste nun 

fein aufricht ige^ SRingen um bie ©eligfeit mit ber ©mpfinbung 

* €. a. 37, 359. ocTöI. 351 unb 396. 



36 ^errmann, bte f&VL%t bed etiangelifc^en (S^^ttfien. 

begleiten, ba§ er auf biefe SBeifc ®ott felbft gar nict)t fuc^e unb 
ba§ ®ute felbft nic^t rooHe, fonbem ba^ er babei im ©runbe nur 
an fic^ felbft benfe. aiber eine folc^e Kraft, bie i^n niebenoarf^ 
fanb Sutl^er in jener @rfenntni§, roeit er in ber 2:^at bereits auS 
eigener (ärfal^rung mu^te, roaS eS ^ei|t, ®ott felbft fuc^en unb 
ba§ ©Ute felbft wollen, ©r fannte bie§ 3Berf beS ^eiligen Oeifte* 
im ^erjen. Unb bie ©rinnerung baran lie| il^m feine SHu^e, afö 
er fid) in ba§ allgemeine 2^reiben l)atte l)ineingiet)cn laffen, bie 
SRegungen, mel^e nur afe ©otteS ©abe entftel^en f önnen unb bann 
}ur @elig{eit felbft get)ören, al§ eine eigene fieiftung unb al§ ein 
SÄittel jur ©eligfeit ju erftreben. 2lnftatt ju gebrauchen, mag 
©Ott il|m gegeben l^atte, tiatte er fic^ al§ einen Unfeligen bel^anbelt 
unb fid^ baburd) unfelig gemacht. 3)ic tiefe Unbanfbarfeit gegen 
©Ott, ber bie ©eugung unter ©ott Derfd^mä^enbe felbftfüd)tige 
äBiUe t|at ftc^ it)m in ber {at^olifct)en ^jse beStialb entti&Ut, meil er 
auS eigener ©rfai^rung mu^te, mie ber SlUmä^tige, ber nichts nimmt, 
fonbem nur giebt, unfer ^erj fid) unterwirft. 

®er 3uftanb, in ben er baburc^ gerieti), mar oiel peinooller 
ate ber biSl^crige ©d)merj über bie ©rfolglofigfeit feiner 93u§e, 
3)enn biefer ©^mcrj mar bod^ menigftenS burc^ bie ©inbilbung 
gemilbert morben, ba§ er nact) bem richtigen S^^k ftrebte. ^^t aber 
mar er genötl^igt, fii^ felbft, baS, ma§ er in eben biefem (Streben 
aug fi^ gemacht l)atte, ju loerabfc^euen. 3)a§ maren bie mat)ren 
terrores. ®a§ Qnbioibuelte baran mar bie befonbere ©ünbe, in 
ber er ftecfte, bie permeffene SD'lönd)erei. 3)a§ allgemeinc^riftlidie 
baran mar bie 2:l|atfa^e, ba§ ifym ber 3^9 ^^^ Oben, ber in 
i^m mirfte, ba§ noc^ nid)t crlofd^ene aSerftänbnijs für ba§ matyrl^aft 
©Ute bie Kraft gab unb ben 3tt)ang auferlegte, ftc^ felbft ju 
Derabfc^euen. 

3)a§ e§ fo mit fiutl^er jugegangen mar, jeigt bie meitere 
©ntmidlung feit 1517. ^n ber 2lu§legung ber 93u|pfalmen mar er 
oor 3lllcm barauf auSgcmefen, ben ©c^ein ju jerftörcn, ber il)n 
felbft geblenbct ^atte, ben SBal^X/ bag ber reuige ©ünber bie Siebe 
ju ©Ott in fic^ erjeugen muffe, um fid) bann ber Siebe ©otteS 
getröften ju fönncn. ©r jeigtc bort, ba§ bem ©ünber anftatt 
biefer 2lnfpannung feiner Äraft pielmefir bie SBerjmeifclung an 



^errmonn, bte f&\\%t beS eoangelifd^en ^l^riften. 37 

feiner Äraft nott^tücnbig fei. 93on biefem 5ßunfte l^at et fpdter 
oudi nid^t gefc^tüiegen. 3l6er et i^at nad) bem 3l6laJ3ftteit bie 
@ac^ babutc^ weitet geführt, ba§ et nun auc^ bie 'S^aQt bet)anbelte, 
wie ber (S^tift ju einet folc^n tec^tfc^affenen unb jum ^eil 
fä^renben Sßetjmeifelung an ft^ felbft gelangt 3)ie 2lntn)ott 
barauf ettl^eilte et natfitlid^ nad^ feinem ©tiebnijs. 3luS biefer 
Antwort abet ift beutlid) ju etfennen, baj5 et ju einer tec^tf d)affenen 
SSu^e ni^t butd) ba§ blo^e SBetlangen nac^ ©etigfeit 
gefommen xoax, fonbetn butd) bie SWac^t be§ ®uten, ba§ il^m 
Derftänbli^ geblieben war, ba§ il^n anjog unb erfd^ftttette. 

Sut^et roat but^ ben 2lblaj3ftteit genöti)igt rootben, auf bie 
^orm bet 33u§e 9tüdtftd)t ju nel^men, roetd^e bie ^td^e in ben SWaff en 
pflegte. 3)a§ roat eine ganj anbete ^taji§, afe fiut^et felbft befolgt 
^atte. 9Kd^t baj5 bct ®l|tift feine fittlid^e Haltung ju bet teinen 
Sebc ju ®ott fteigetn muffe, mutbe l|iet gefotbett, fonbetn ba§ 
er jur Sßorbeteitung auf bie 5Beid)te fid) felbft in eine Iietjlic^e 
^trübnijs übet feine ©ünben oetfe^en mftffe. ^nbem fi^ fiutl^et 
mit biefet fo felbftoetfttinblid^ etfc^einenben Jötbetung au^einanbet* 
fe^te, entmidtelte et jene ^tiftlic^e @tfenntnij5 oon bet (äntftel^ung 
n>a^ret 9leue, meiere et felbft in feinen inneten Kämpfen gemonnen 
liotte. 93ot bem 2lblaJ5ftteit mat bet ©tunbfa^ feftgeftellt, ba§ 
bet ®t)tift etft ^etuntet mllffe, bepot et aufftteben fönne. yiaäf 
bem äbta^ftteit fommt bie 3^tage jut 5ßetl|anblung, wie eine fol^e 
oufrid^tige 3)emüt^igung be$ @)]^tiften t)ot fic^ gelie. 2)amalS l^atte 
fi^ Jhitl^et mit feinem eigenen 3»^^!^'^ auSeinanbetgefe^t. ^^t 
befömpft et ben oulgäten ^fi^tl^i^^ ^^^ SWaffen, bie SReue, bie 
man jum S^^^ ^^ 99u^fa{tament3 in fi^ gu etjeugen fuc^te. 
2)amate l^atte et nac^gemiefen, baj3 eine Siebe ju ®ott, bie man 
fW> felbft abjujmingen meint, mefcnloS ift unb feinen 93eftanb l|at.^ 
^^t meift et bogfelbe oon bet SReue na^, bie bet ©ünbet um 
feiner ©eligfeit millen ju et^eugen fud)t. 

®§ ift miebetum nöt^ig, fic^ bie Sage bet ®]^tiftenl)eit ju 
Dergegcnmättigen, bie nac^ biefer firc^lidt)en Slnmeifung jur SReue 
lebte. 3)er ©laube an (Sott ftanb im Slllgemeinen ebenfo feft, mie 
ber @laube an gute unb böfe ®eifter unb ber ©laube, bajs bie 

1 »ergl. €. %, 37, 896. 



38 ^errmanu, bie $u§e bed euangeUfc^en ^^rifteii. 

erbe im anittelpunlt bcg aDScltaUS ftc^c. 58on bicfcm @ott u)u|te 
man mit bcrfclbcn ®en)i|t|cit, baj3 er bie Uebertreter feinet ®e^ 
fe^c§ mit eroiger SBerbammni^ bebrol^e, aber burd) bie ®naben= 
mittel ber Äirdje fid) beeinfluffen unb befänftigen laffe. ®g mar 
fidjerlid) nid)t fdiroer, fold)e 3Äenfd)en ju einer Slngft wegen itjrer 
©ünbe jU bringen. 2)ie 93uj3|)rebigt, bie bie ©ünbe an bem 
©efe^e ma§ unb mit bem ®erid)te ®otte8 brot|te, mar in ber 
Kird)e nid)t oerftummt unb l^atte auc^ bie ftd)tlid)e SBirfung, bie 
3Äenfc^en ju erfd)üttem unb ber Äirdje jujufü^ren. ©eö^olb 
rourbe bie ^rap§ einer 93u§e, in roel(^er bie 2lngft oor bem 
©erid^t ben ©d)merj über bie ©ünbe erregen foUte^ mit bem 
beften ©rfolge gelelirt unb ausgeübt, ^ie fiaien befanben fic^ 
babei eben fo gut roie bie Äleriter. Sie rourben nic^t nur in 
3uci^t genommen fonbem oud) bcrul^igt, unb bie Äirdie rourbe reic^. 

®egen ben fo begrünbeten unb gefiederten ®ebanfen oon 
ber 93u|e ^at fid) nun fiutl^er jucrft in bem geroaltigen Sermo de^ 
poenitentia oom ^a^re 1518 geroenbet. ^ ^ier befc^reibt er bie 
%u^e juerft in ben üblichen ätuSbrüdten unb fagt bann turjroeg;. 
eine folc^e contritio ma(^e ^eu(^ler unb ärgere ©finber, roeil bei 
il^r ber 2)lenfc^ nur burc^ bie ^^rc^t oor ber ®rot)ung beö ®e= 
fe^eg unb burd) ben ©c^merj über ben ©c^aben, ben er ftc^ juge«^ 
jogen ^abe, erfc^üttert roerbe. S)a§ eine folc^e SReue nod) ber 
SJoUenbung bebürfe, rourbe freiließ oielfad) anerfannt; aber fie 
rourbe hod) ate eine ®rfd)ütterung angefe^en^ roeldje jum ^eil 
führen fönne, alfo nfi^lic^ fei. fintier felbft ^atte früher ben aus^ 
felbftfüd)ttger Jurdjt unb Hoffnung cntfprungenen ©d)merj über 
bie ©ünben ate eine 58orftufe ber oottfommenen JReue, al§ bie 
SReue ber incipientes gelten laff en. * ^ier erf lärt er baS für einea 
^rrt^um. ®r fielet nämlic^, ba§ SÄenfc^en, bie in eine folc^e 9lrt 
oon SWeue geratl^en, in SBaljrl^eit basJ @efe^ i^affen, ba§ mit ber 
©ünbe ben ©c^aben oerfnüpft, unb baj3 fie ben Meij ber ©ünbe 
in einem folc^en SÄoment nur nod^ lebhafter empfinben. 6^ fei 
olfo bamit nic^t eine Slbroenbung oon ber ©ünbe, fonbem eine neue 



' ajcröl. e. %. lat. 1, 381-340. 
* ajerßl. ebenbof. 71. 



^ettnianu, bie 18u6e bc0 cDangcIifc^en S^riften. 39 

Jorm ber ©ünbc erteid)t. 2)a§ bcr ©ünbev fold)c SRegungcn in 
fidf ^nwrrufe, fei fc^r leicht möglic^. SBcnn er e§ aber in ber 
9Reinung t^ue, bamit tttoo^ @uted ju leiften unb fein ^eil gu 
begränben, fo perfc^limntere er feinen ä^^ftanb burc^ ^euc^elei. 
3)iefcn ttefen 93Iicf in ho^ ^mxt ber falfdjen SReue l^atte Sutl^er 
get^, rml er hcS SEBefen einer roal^rl^aftigen SReue erfannt l^atte. 
3!)a§ 3eid|en einer roal^ren SRene ift ba| man beim Slnblid eine8 
feufdjen, bemüt^igen, gütigen 3Renf(^en t)on ^erjen barüber fenf jt, 
baft man nic^t aud) fo ift. 3)er 2)lenfc^, bem baö roiberfä^rt, 
empfinbet bie ftttU^e ^aft unb £auterfeit eines ätnberen als 
etmaS fc^öneS unb ^ei^erfreuenbeS. ^aS ^at bann not^menbig jur 
e^olge, ba| er feinen eigenen 3^ft<^i^^ ^^ etmag mibermärtigeS 
unb abfc^euIic^eS empfinbet. Sutl^er mad|t babei bie ^emerfung^ 
ba§ bie in ber *^^rebigt gefd^ilberte 2^ugenb nic^t (eid)t einen folc^en 
(Sinflug über baS @emüt^ geminnte. ®iel roirffamer fei eS, 9Ren= 
fc^ onsufc^auen, in meieren boS @ute 3Rac^t ^at. ^aS ift in 
DoQtommener SBeife in ber ^^ßerfon 3»cfu ber gatt. 2:ro^bem 
n^firben fitüid) oerfommene unb unreife SÄenfc^en burc^ fein 93ilb 
nic^t mit fo unmittelbarer ©emalt ergriffen, mie burd) 3Rcnfc^en 
i^rer Umgebung. Rüdem et incipientem maxime movent exempla 
praesentia et sui saeculi. Ideo virginitatem in virginibus et inno- 
centibus pueris intuere, usque dum gemas a facie pulchritudinis 

eius. * SWenfc^en, in benen bog @ute SRac^t l^at, Reifen anberen, 
o^e ba§ fie eS miffen, burd^ bie blo^e @rfd)einung it|reS inneren 
SebenS in SBort unb SBanbel. Sie finb viva monitoria. 

S)ie 33ebeutung biefer ©ö^e ift in ber Seipjiger 2)iSputation 
gemürbigt morben. ^n einer langen unb grünbli^en äJer^anblung 
fmb fie am 12. ^uli 1519 oon @d angegriffen unb oon Cutter 
oert^eibigt* ^n ber 93annbulle Seo'S X. mürben fie oerurtlieilt 
3n ben ©c^riften, meldte fi(^ auf bie Seipjiger 2)iSputation unb 
auf biefc SBuUe bejogen, ^atte Sutl^er ba^er reid)lic^e ©elegenl^eit, 
auf ben ©cgenftanb jurüd^uf ommen. ^ Ueberall gef c^a^ eS mit bem 
freubigen SBemu^tfein oon bem 9ied)t biefer ©rtenntnig. Slber 

' e6enbaf. 333 

* ebenbo]. III, 181—202. 

^ 33ergL ebenbaf. 273-74. V, 151-52, 184-89; 494. 



40 ^errmann, bie SBuge bed eoangelifd^en ^l^tiften. 

Icibcr ^at Sut^cr bod) ni(^t fo bei biefcn ©ebanfen oerroeilt voit 
i^rc ©ebcutung csi oerbicnt l^dtte. S)iefc ®ebanfcn t)on bcv SReuc 
bitbeten einen roefentlic^en 93eftanbtl^eil ber neuen ®rfenntni| non 
ber in bem ®lauben befdjioffenen (Srlöfung. ©ie Ratten ba^r in 
bem SÄittelpunft beS SReformationSroetfe^ fielen unb immer non 
9leuem erwogen werben fotten. 2lnftatt beffen bilbet baS fräfttge 
9luftreten biefer ©ebanfen eine fd^neö oorübergel^enbe ©pifobe. 
£utl^er tommt jmar aud) fpäter no<i^ gelegentlich barauf jurüct. 
©0 nod) f urj oor feinem %oht. * 2lber er ift bod) nid^t im ©tanbe 
gemefen, bie n)id)tige ®rfenntnij3 ju fd)ü^en, afö 9Äeland)t^on fie 
perteugnete. . 3lud) il^re @ntfteUung burdi SIgricola l^at er ni(^t 
mit fixerer filar^eit jurüdgemiefen. SBor ollem ift er nic^t boju 
gefommen, bie Folgerungen barouS ju jie^en, bie ffir bie eoan« 
gelifd^e £el^re unb ^o^t^ barauS gebogen merben mußten, ^iefe 
Unterlaffung unb^ moS bamit eng jufammen^ing, boS SBieberauf^ 
lommen be§ fat^olifdien ©lauben^begrip, fmb bie beutlidiften 
^eid^en ber 9Serf ümmerung , in welcher bie Sfteformation junäd^ft 
fteden blieb, ^n ber Sluguftana unb i^rer 3lpologie ift fc^on 
leine ©pur me^r baoon, ba§ fintier e§ einft für eine l^odimidjtige 
©ac^e erflärt l^atte, ju roiffen, mie man ju rid)tiger Sleue tomme, 
unb oon ben {atl^olifd)en Se^rem gefagt l^atte: nee quomodo ad 

odium peccati perveniatur aut sciont aut docent. ©päter ift 
eg bolb bal^in gefommen, ba§ bie lut^erifd)e fiel^re oon ber 
poenitentia fic^ el^er auf ®d l^ätte berufen fönnen ate auf ben 
Sut^er, ber il^m in Seipjig miberfprad^. 

2)ie fird)lid)e Slnmeifung jur SReue, meld)e fintier oorfanb, 
mar fe^r einfad) unb aud) im Mgemeinen rid)tig. 9Äan foKte 
feine ©ttnben ftd^ oergegenmärttgen, mit aufrid)tigem ©d)mcr} fte 
pcrabf ebenen unb ben SSorfa^ f offen, nid)t me^r ju fünbigen. 
deinen ^txl biefer Slnmeifung fonnte Sutl^er für überflüffig er* 
flören motten. Slber ba8 ©ange mar i^m nid)t genug. 3)enn e§ 
blieb babei unbeftimmt, mie man e§ anzufangen l^abe, um feine 
©ünben red)t ju feigen, fte felbft ju t)erabfd)euen unb ben 9Äut^ 
ju einem neuen Seben ju faffen. 2)iefe einfalle praftifc^e grage 



* e. 31. lat. X. 127. 



^errtnann, foie SBu^e bti eoangelifi^en @;^nften. 41 

iDor c8 aber, bic .i^m am ^crjcn lag. ^nt unbcftimmte SCmoeifung 

tonnte nidjt baoor fc^tt^en, ba§ in ber ^raji^ ein SBeg einge* 

f (flogen n)urbe, ber in eine tird^lid^ üerurtl^eilte 93erberbni^ be$ 

(^tifÜic^en £eben§, in ben ^elagiani^muS fül^rte. ^elagianifc^ n)ar 

bic SSorfteltung, ba§ ber ©ünbcr felbft ju feiner SRettung etoaS 

®utc§ Dottbringen fönne. Ol^ne ä^^if^l f^ttte bie JReue eine fold)e 

gute älegung fein. SBenn fte alfo oon bem ©ünber felbft bewirft 

loecben fottte, beoor bie ©nabe i^n ergriffen unb erneuert ^atte, 

fo ffaüt man bie haeresis Pelagiana. ^ demgegenüber begnügte 

^ Sut^er ober nid)t mit ber Sluffteöung be§ ©a^eg, ba§ bie 

^cilfame Sleue ein 35Berf ber ®nobe fei. 3^ür bie fd^olaftifc^e 

S^orie l^ätte boS au§gereid)t; für baS c^rifttid)e £eben bagegen 

anb für eine i^m bienenbe S^l^eologie reichte e§ nid)t an§. fintier 

fanb aud| bei ben {ird)lid)en Sl^eologen ben guten SBillen, bie 

®nabe al$ bie rettenbe 3)lad|t, alfo aud) al& bie Urfadie einer 

rettenben 9leue anjuerfennen.* Slber er mac^t i^nen ben Sßormurf, 

ba^ jle ni^t oerftdnben, mag fie fagten. SBie er oft auöfül^rt, ^at 

er biefen (Sinbrucf be^^olb, meil biefe SSerfünbiger ber ©nabe 

ou^er (Staube roaren, eine prafttfd) braud)bare 3)arftetlung oon 

bem innern SSorgang ju geben, mie bie 9leue at§ ein äBerf ber 

©nabe in un^ entfielt unb erlebt wirb. SD3a§ fie in ber praftifc^en 

änrocifung jur SReue ju geben mußten, maren eben jene 5ötbe= 

tungen an ben fünbigen SBiUen, afö ob biefer au§ feinem 9lid)tS 

^au§ etmoS göttli^ mefenl^aftell erjeugen fönne. ^n feinem 

©elbft, in bem inneren fieben feinet ®en)u|tfein§ blieb babei ber 

STOenfc^ oon ©ott unb feiner ©nabe oerlaffen. 2)ie fc^olaftifc^en 

X^logen Ratten ein 9Äittel, ftc^ über biefen SJlangel l^inn)egju«= 

taufc^en. @g mar ba§ bie äJorftellung, ba^ bie oon ©ott gemirf * 

ten Ärofte beö ®lauben§ unb ber Siebe jenfeitg be^ ©emu^tfeins; 



' €. %. lat. ni, 273. 

' fßtx%l, iSä in ber Seipjtger 2)idputation : nee uUus praedicatorum, 
quod ego meminerim, negavit, et hunc quoque timorem, in quantum dis- 
ponit ad veram poenitentiain , praeveniri inspiratione divina. Nam indu- 
bitatom est apad Christianum contra Pelagii perfidiam, quod salutis nostrae 
iflitiam Deo inspirante habemus. Quare non fuit necessarium hoc aiferre. 
Jbid. 190. 



42 ^errmann, bie ^^uge bed euan^elifd^en (Si^viften. 

afe gef)eimm§ooUc Oualitdtcn bcftünbcn. 2)c§^alb loar ciS einer 
aufrid)tigen g^ömmigleit in biefen Reifen immer möglich, fic^ in 
bem greife ber verborgen mirfenben @nabe ju ergefien, unb babet 
bod) in bem Sid^te be§ n)irHid)en ©emu^tfetniS bem eigenen 3BiUen 
bag 5^tb ju laffen ju ben leeren ©emü^ungen, ba§ il^m innerlid^ 
frembe ®efe^ ju erfüllen. Unter ber ^errfd)aft biefer S^l^eologie 
rettete fic^ bog ®l|riftcntl)um in eine Kontemplation oßgemeiner 
9Serf|ciltniff e ; bagegen ju einer c^riftlic^en Siegelung beS concreten 
inneren fiebeng fam e§ nid)t. ^n folc^er ffieife auguftinifc^ ju 
fpeculiren unb pelagianifd) ju leben ift ben 3)urd)fd)nitt^menfc^en 
ein £eid)teg. gür einen SBal^r^eit§menfd)en roie Sutl^er bagegen 
mar biefer ^roi^fpött gmifdien ber felbftoergeffenen Kontemplation 
unb ber 3Birflid)Ieit be§ eigenen inneren Seben^ unertrdglid). ®ic 
oon ber ©nabe gemirften Äräfte be§ ©laubenS unb ber Siebe 
wollte er ate äJorgänge in bem eigenen 93emuj3tfein erleben unb 
oerftefien^ ol^ne barüber ben ©ebanten ju oerlieren, bog biefe 
@rfal)rungea nur in Äraft bleiben, menn fie in einem 2Jlt)fterium 
anfangen unb enbigen, beffen man mol^l gemig werben, aber bo^ 
man nic^t erleben fann. 

2)ie 93ebeutung ber oon fintier errungenen Srfenntnig 
beftel^t in JJ^lgenbem. Sutl^er meinte fagen ju fönncn, roie ber 
S^rift ju einer SReue fomme, bie er ate ein SBerf ber ©nahe 
(Sottet in fid) erlebe. 9Äit ber 53efd)reibung biefeS SSorgangg ift 
er ju bem ©ebanf en jurüdgefelirt, ben <3fefu§ mit ber ^orbening ber 
jistdvoia au§gefprod)cn l|atte. ^fuä ^t nid)t bie 5Wenfd)en feiig 
gepriefen, bie feiig werben motten, fonbem bie nad) @ered)tigfeit 
l)ungert unb bürftet. 2)a§ ®mpfinben ber Siloti) unb baS SBerlangen 
nac^ SRettung mad)t bie [tsidvoia, bie er forberte, noc^ nic^t au§. 
®enn bamit allein ^at man e§ nic^t ju einer ©innegfinberung 
gebradit, fonbem ju einer fräftigen 93et^ätigung be§ ©elbfter^aU 



1 M 



Söetßl. @. ?l. lat. XIV, 260 : ,fidei opus et esse videntur idem esse.* 
3n biefem 6a^e bebeutet fidei opas ben SBeiDU^tfeindüorgang ber inneren 
Eingabe an @ott unb bed Vertrauend auf ®ott. !ßutf)er miü alfo fagen, ein 
esse fidei, totlä^t^ nod^ hinter biefem SBen)ugt{eindt>organg fte^e, gebe e« ni^t. 
^'itlmtiix feien eben jene SUegungen felbft bo« ge^eimniftüott ©etoaltige, ba& 
©Ott ben Seinen ind §era giebt. 



^errmoun, bie SBuge bcä cuangelift^en ©Triften. 4^ 

tungötricbc^ , alfo ju einer Sebengäu^erung be§ SWenfd^en, her 
gerobe ein anbetet roetben foU. 3)iefen ©ebanfen abet, ba$ bet 
9Renf^ auö feinem biStjetigen SBefen t|etau§tteten muffe, ijot 
2utl|ct in feinet ©c^itbetung bet roa^tfiaftigen SReue ba^in meitet 
gcfft^tt, ba§ baS nut ate ein SBetf bet ®nabe @otte§ in un§ 
gcfdie^en fönne obet olS eine SRegung be^ ®Iauben8. 93ei ber 
Seue, mit roeldjet man fid) auf baS 95u|faftament ootbeteiten 
foKte, ^nbelte e§ fid) lebigüd) um eine SRegung beg ©elbftet^al* 
tmg§triebeS, bie ftc^ natutgemä§ in boppeltet Söeifc ankette, als 
^öUenangft unb al§ SSetlangen mä) ©eligleit. 2)utci^ bie (Sttegung. 
fol^ 3iiftö^^^ roottte bie SSu^tebigt bet Sitc^e ben 2)lenfd)en 
delfen. ®S foDte ba§ menigften^ al^ ein 2lnfang ju ootlfommenet 
9teue gen)ütbigt metben. £ut^et bagegen nennt baS a peccando 
poenitentiam incipere. ^ @§ fei nid)t abjufe^eU;. mie bet 9Äenf^ 
butc^ Sßerl)ättung in feinem fünbigen SÖefen t)on bet ©ünbe lo§= 
fommen tonne. 9tac^ feinet SReinung mu§ bei bem Slnfang mitf* 
li^t Slcue etroog 9ieue§ in bem SÄeufd^en aufn)ad)en, bie Siebe 
jur ©eted^tigfeit. Sut^et f|at alfo bamit jum etften SRal ben 
38etfuc^ untetnommen, bie innete SBemegung, in roeldiet ein (£()tift 
pt ©tlöfung gefül^tt mitb, mitflid) al§ einen SBotgang im ©e»^ 
rou^tfein ju befd)teiben unb n\6)t blo^ al§ eine 2ltt oon ^latut»^ 
V^oce^ JU be^upten. 

^ene gotbetung fiut^etä ^at nun ®d afe einen unteifen 
bie 9&it!tic^{eit übetfiiegenben ^bealiSnmi^ getabelt. 6t täumt ein^ 
ba§ aUerbingS eine mit bet Siebe jut ©etec^tigfeit beginnenbe 
Sufee löbli^et unb ooUfommenet fei, ate bie au§ bet J^tdjt oor 
Strafe aHmälilid) fic^ entnridelnbe. Slbet unfete ®ebted)lid)feit laffe 
jenen ebleten SGBeg nicfjt jU. 2)ePaIb fiätten fid) ^t^n^ unb bie 
8u|ptebiget ju bet menfd)Ud)en Sd^mädje l^etabgelaffen unb Ratten 
bie '$m6;)t vox bem ©d^aben alö Slnfangöftufe bet SReue oetfünbigt. 
6in auf biefe SBeife bi§ciplinittet SRenfd) gewönne fid), mie bet 
Sombatbe mit 9led)t fage, aUmä^Iic^ an bie @eted)tig{eit. Sutfiet 
bagegen beljanble bie SRenfc^en mie (Sngel unb oetleite fie, i^te 
©ebrec^Iic^feit ju oetgeffen.^ ®§ ift auffallenb, mie Suttjet biefen 

1 (S. ^ lat. III, 274. 

■ «. Sl. var. arg. III, 184; 190; 193. 



44 § er r mann, bic ^ufee bc8 et)an9eUfd)en (£t)riften. 

iBorroürfcn begegnet. ®rf tjatte bod) bamit gejagt ein fold^ev 2ln= 
fang ber SReue, wie Sutl^er tlin l^aben rooKe, fei bei ber tl^atfäii^s 
lid)en 93efd^affenl^eit ber 3Jlenfd)en unmoglid). Sie rid)tige 9(ntn)ort 
barauf roäre ber 9lad)n>eig; gewefen, wie bieg fdieinbar Unmöglidje 
bei bem ©l^riften bennod) gef c^el^e. Sutfier bagegen antwortet : bem 
1Wenfd)en ift e§ atterbingö unmögüd); roeber burd) 5w^d)t nod| 
hvLx6) Siebe fann er felbft fid) roieber aufrid)ten, fonbem bie 
^nabe t^ut e§. * 2)iefe Slntroort war jroar ri(^ttg, aber eS war bamit 
nid)t weiter ju tommen. 2)enn @dt rourbe boburd) nur oerle^t, 
weil er ja auc^ bie ^»nitiatine ber @nabe mit fräftigen äBorten 
befannt Iiatte. S3etet|rt unb miberlegt rourbe er auf biefe SBeife 
md)t. ®r t>atte mit ^Berufung auf bie menfd^lidie @d)n)&d)e bie 
Unmöglid^feit beg SSorgang^, ben Suttier forberte, bel^auptet. 9Kfo 
fonnte il^m nur mit bem Slac^mei^ gebient werben, mie t^atfäii^* 
lid) in bem ol^nmäd)tigen ©ünber bie ®nabe ®ottesi eine folc^e 
Äraft mal^rl^aftiger SReue erroecfe. S)aj3 fiutl^er bie§ unterließ, 
lönnte man barauf ertlären, baj3 bei bem SBortgefedit einer folc^en 
Disputation eS lebiglid) barauf abgefetien mar, ben @egner burd^ 
eine gemanbte S)ialeftif inö Unred)t ju fe^en. Slber Sutl^er l^at 
aud) in ben SRefolutioncn über bie Seipjiger S)iSputation baS SSer^ 
f äumte nic^t nad)gel^oIt. Qn ber ©djrift de captivitate Babylonica 
l^at er fogar üon bem Urfprung ber JReue fo gerebet, ba§ fein 
9Biberfprud| gegen bie oon &d oertl^eibigte !ird)lid|e ^ra^iS faum 
nod) genügenb begrünbet erfdieint.^ 2Darau§ gel^t l^eroor, ba§ 
Jßutl^er bie in bem sermo de poenitentia berfil^rte ®rfenntni§ nic^t 
fieser erfaßt l^atte unb nic^t fieser ju oermertl^en mu|te. ®r ift 
auä) fpäter niemals mit einer grfinblid^en Erörterung auf bie 
<5ad)e eingegangen. SBir muffen alfo ben Slnfa^, in welchem 
Jßutl^er fteden geblieben ift, felbft weiter ju entroideln fu^n. 

Slm ftärfften ift bei fiuttier ber ®ebanfe ausgeprägt, ba§ 
bie SReue nid)t t)om 9Äenfcl^en gemad^t werbe, fonbem in il^m 
werben muffe, ©ie bürfe nid)t gewaltfam fein, fonbem muffe auS 
ber in bie red)te innere äJerfaffung oerfc^ten ©eele frei l^eroor* 

' ebenbof. 188. 

^ Sbenbaf. V. 80: uC veritas comminationis sit causa contritionis, 
-veritas promissionis sit solatii, si credatur. 



^errmonn, bic SSufee beö etJangelifc^en ©Triften. 45- 

ge^en. S)ic poenitentia vera, iucunda, dulcis, ex spiritu nata [teilt 
er in ©egcnfatj ju bcr poenitentia violenta. ^ @r fann flc^ md)t 
genugt^uit in ber Häufung ber ätuSbrücte, n)eld|e baS freie SBerben 
bcr Steuc befc^reiben. S)ie geiftige SBerfaffung aber, avS rodd)zt 
bic Slcue T)on felbft entftel^t, ift bie Siebe jum ©uten, jur ©ered)^ 
tigteit .^ebe anberö vermittelte, wenn aud) nod) fo gro^e 3^^^ 
fnirf c^ung ift ^eu^elei. ^ 9hir bann ift bie SReue wa^rl^aftig, wenn 
man fxd) fagen fann, man mürbe bereuen, aud| menn t^ feine 
(Scfc^cSbrol^ung gäbe, nur amore novae vitae et melioris. * 2)ic 
Hauptfrage ift alfo, mie eine foId)e Siebe jur @ered)tigfeit in ber 
jxm bcr ©ünbe befangenen ©eele geboren merben fdnne. 2)arauf 
^at Suti^er geantmortet, eö gefdje^e bie§, menn ber ©ünber ben 
(Sinbrucf fittlic^er SWein^eit unb Äraft an^ bem SBerfel^r mit ^er* 
foncn empfängt. Qn biefer 2lntmort ftedft bie bal^nbrec^enbe ®r* 
fcnntni^. 

3Ber fo oon ber lebenbigen 3Wac^t be§ @uten ergriffen ift, 
bcfinbct fic^ in einer anberen inneren SSerfaffung afe ber ©ünber, 
bcr fic^ bie @efe^c§bro^ung al§ 3Baf)rf)eit nergegenmärtigt unb 
fi^ baburc^ in 3lngft üerfe^t. Qene§ fott ein 2lnfang jum Seben,. 
bic^ ein ©ijmptom be§ Sobe^ fein. SBie ift ber Unterfd)ieb be* 
fc^ffen? 3)er ©inbrurf, ba§ bie gorberung be§ ftttlic^en ®efe^e§ 
§u 9lcd)t befte^t, unb ba§ ba§ malir ift, ma§ e§ anbrot|t, fann 
|id) lange in einem ©emütf) erl^alten, ba§ ganj unter ber §errfc^aft 
ber ©flnbc fte^t. 2luc^ bie Slnerfennung biefe^ SRec^tg unb biefer 



' Sergl. ebenbaf. I, 334: Impossibile est, ut odias aliquid vero 
odio ac perfecto, cuius contrarium non prius dilexeris. Amor semper est 
prior odio, et odium natura et sponte Unit ex amore, et sie nascitur 
zelns, qui est iratus amor, id est odiuro mali propter bonum. Sic odium. 
peccati et detestatio vitae praeteritae, niilla cura, nullo labore quaesita 
Teniimt sua sponte, alioquin perversissimo ordine, et nnnquam profutura 
studio quaeritur amor iustitiae per odium peccati, imo machina despera- 
tionis et deiiciendi animi est talis perversitas. 

' Sbenbof. V, 184 : contritio quantnmlibet magna , nisi fiat 
amore iustitiae et in caritate Dei, non est vera sed simulata. — Ego- 
enim hypocritam aliter definire non possnm, quam eum, qui id, quod 
facit, non ex animo et sincero corde facit. 

3 «benbof. I, 335. 



46 ^errmaun, bic JBufte beS eüouQelifd^eii ^^riftcu. 

^a^rl^cit ift babei fünbig. 3)cnn fic gcfdjic^t mit SBibcrroiffen. 
^cr SUenfd) liegt babei mit ben ©ebanfen, beten SBSa^rl^eit er 
md)t leugnen fann, in ©tteit. Sie barauS entfpringenbe Unrul^c 
unb Slngft fann no6) gefteigert werben burd) gemo^n^cit^md^igc 
aSorfteltungen religiöfer ^erfunft unb bur(^ ©veigniffe, in n)eld)cn 
iie ©träfe ber ©ünbe greifbar l^croorjutreten fd^eint*. 2lber o^nc 
^meifcl mirb bod^ nun grabe baburd) aud) ber innere ©egenfa^ 
gegen ba§ in bem ©ebonfen be§ @efe^e§ anerlannte ®ute gefteigert. 
©0 geftaltet fic^ ber SBorgang, menn ber ©ünber ba§ ®ute nur 
fo anfdiaut mie eS nod) ein 93eftanbt^eit feines eigenen inneren 
£eben§ ift, als boS ifim roiberroartige ®efe^. ®anj anberS bagegen 
fann eS juge^en, menn bem ©ünber baS i^m felbft frembe ®ute 
bei einem Slnbern als baS fiebenSelement eines perfönlidien SBSitlenS 
entgegentritt. 2)aS fann freilid) erft re^t baju bienen, ben ©ünber 
im SBöfen ju oerl^ärten. 3)enn er l^at allen ©runb, baS ®ute 
fräftiger ju fiaffen, baS fid) il^m anfd)aulid)er aufbrängt. aber 
möglich ift auc^ eine anbere SBirfung. @S fann aud) gefd^eljen, 
ia^ ber ©ünber oon ber ©d)ön^eit fittlidier @üte l^ingeriffen 
mirb. 3)ann ridjtet er fi^ nid)t in feinem böfen 2:riebe oor ber Sr= 
fd)einung beS ©uten auf, fonbem er beugt fi(^ x>ox il^m. 3)er 
©c^merj über bie eigene ©ünbe mirb babei oiel peinlicher. 9lber 
in biefem @d)merje lebt bie ©el^nfuc^t, jjeneS ^öl^ere Seben möd)te 
fein eigenes werben. S)aS ift bie ®eburtSftunbe eines neuen aWenfc^en. 
iReine pf^d^ologifd^e ©rörterung fann bie gätte feftftellen, in meieren 
jene ober biefe 3Birfung eintreten muffe. 2)enn bie§ ift bie ©teile, 
mo baS ®mige unb 3citlid|e non bem §errn über beibeS ju einem 
JBebenbigen oerbunben mirb. SBer bie anjiel^enbe ^aft beS 
au^er^alb feines eigenen ©elbft lebenbigen ©uten entpfinbet, mirb 
in ben 95ereid| beS SebenS erl^oben. 3Ber fie nic^t entpfinbet, 
fommt in einen fd)ärferen ©egenfa^ gegen baS ®ute unb ftirbt 
bamit weiter ab. 



* 3m §inblicf barouf ttiirb aud) in ber orl^obo^:=lutlfterif(^en a)ar= 
fteüuug oon bem äßeg sut 9ieue bie S^etrad^mng bed @efe^e$ mit bei SBe> 
trad^tung ber mannic^fati^eu (^tpeifungeii bed göttUti^en Somt^ Dor Mem in 
htm %oht ß^rifti oerbuiiben. SBergL 3. ©erl^arb Loci ed. Preuss III, 242. 



Weltmann, bte ^uge bed eoangelif^en ^^riften. 47 

3n bem befc^tiebenen (Srlebni^ toirft aud| ber blo^e @ebanfe 

bc§ @uten, ber in feiner SBa^rtjeit erfaßt ift. Slud) bie rid)tenbe 

@emalt biefe^ ®ebanf eng wirb babei, unb jroar mel ftärler, erfal^ren, 

loie bei ber bloßen 93ergegenn)ärtigung be§ im Sen^u^tfein nod| 

Icbenbigen @efe^e§. 9lber eö roirft babei nod^ tttoa^ Slnbereö mit, 

baS in ber bloßen 9{egung be^ nod) nid^t erftorbenen ©emiffen^ 

febU. 3)a8 ift eben bie SBirflic^feit beS @uten, bie an einem 

Snberen iDo^rgenommen n)irb. S)aburc^ aber fann in hcS innere 

&ben be§ @üiü)erg etmoä eingefü()rt merben, boS burc^ bie blo^e 

in i^em 9led)t ücrftanbcne fitüid^e gorberung nie erjengt merben 

fonnte. (SrftenS eine oorl^er nid)t mögliche greube am @uten. 

3;a§ gilt von alten ©tufen ber fittlid^en ©ntroirf elung. I)aä @ute, 

boS un§ fe^lt, !önnen mir unS niemafe buv^ ben bloßen SBittenS- 

eiitfcl)Iu§ innerli(^ nal^e bringen. SBir tonnen im beften "^aüt in 

biefer bcftimmten ©ejiel^ung ba§ 9led)t ber fittlid)en Jorbernng 

wrfte^en. 3lber mir fetbft fönnen nic^t bemirfen, ba§ baS ®nte, 

QU bem mir bi^l^er feine e^reube l^atten, unS mol^U^uenb berül^re. 

SBie man an einem foldien SBer^alten greube l^aben tonne, bafüv 

fönnen bem in einer beftimmten Sejiel^ung fittlid) jurüdgebliebenen 

üttcnfc^en erft bie 2tigen aufgellen, menn er ^erf onen fid) frei unb 

unbefangen barin bemegen ftel^t 2)amit ift freilid) bie fiuft an 

biefem @uten nod) nid^t jur leitenben 9)tac^t in feinem eigenen 

'üfm gemorben. (S^e eS ba^in tommt, {|at er nod) oiel ju über^ 

Töinben. Slber einen Slnfang ber Umtel^r ^at er bod) nun erreid)t. 

Senn inbem er oon SDlenfdien angezogen wirb, in benen ba8 ®ute 

mächtig geworben ift, erl^ält feine SReue einen anberen <3nl^alt unb 

eine größere Äraft. Die Sfteue eine§ oon ber fittUd)en ©fite Stnberer 

ergriffenen SJlenfc^en ift fiber ben felbftföd^tigen ©d)merj ber 

falfc^en 9leue l^inau^. @in foI(^er 3Äenfd) bentt in feiner 9tcue 

nic^t boran, fid) felbft ju erl^alten, fonbem anberg ju merben. 6r 

ttdgt aud) an ber Straffolgc ber ©finbe unb bangt oor ber Strafe 

brof|ung be§ ®efe^e§. Slber fdjmerjlic^er atö ba§ empfinbet er bie 

Sünbe felbft, meil er baS malir^aftige ficben beiS guten 2ÖiUen§ 

in bem SSerfel^r mit 2lnbcren oerfpürt l^at. QrozxUn^ ift in ber 

©rfa^rung oon ber anjie^enben unb bemütliigenben Rraft fittüdier 

©fite ber Keim be§ @Iauben§ enthalten. ®ie| ift eine ©rtcnntni^. 



48 i^errmaun, bic S3u6e bed eoangelifc^eii (S^^riften. 

ipel^e in bem d^riftlic^en fßoVtiUUn mächtiger tft, ate in ber 
c^riftlic^en 3:^eoIogic. SD3er c§ überl^aupt erlebt, ba§ er burd) bic 
lebenbige SJlac^t be^^ @uten über bie @c^ranfen feinet big^rigen 
SBcfeng erlauben roirb, ift in biefem 6rlebni§ oon ®ott innerlid^ 
berül^rt. Unter bem ®influj3 biefer SDlaci^t bie eine anbere 3lrt beS 
Jül^feng unb 2)enfen§ in il^m entfielen la^t, empfinbet er bie SSläift 
®otte§. 2)enn bie ajladjt be« ®uten über bog SBirfIi(i^e ift bie 
3Jlad)t ©ottes;. ©elbft wenn ein SJlenfc^ nichts oon ®ott ju wiffcn 
meinte unb ben Flamen @otteg für leeren @d)aö l^ielte, fo mürbe 
er bod) inmitten ber ©rfal^rung, ba| bie ©rfc^einung beg ©uten 
mit fc^öpferifdier Äraft in fein <3nnere§ eingreift, fi(^ oon einer 
9Äad)t ergriffen füllen, bie er ®ott nennen müj^te, menn er ftd> 
felbft red)t nerftänbe. SD3er fid) nor ber ftttlic^en ®üte einei^ 
aJlenf dien beugt, l^at e§ in ber SRegung feiner S^rfurc^t feineSmeg« 
nur mit biefem einjelnen 2)lenfd)en ju t^un. 3)enn in feinem 
eigenen 3)enfen mirb burd) ben empfangenen Sinbrud ber ®ebanle 
einer f)öt|eren 2)lac^t erjeugt, bie in biefer einjelnen ©rfc^einung 
auf ifin einmirft. SBon biefer ^öl^eren SWad^t miffen mir un^ 
in unferer fieben^tiefe ergriffen unb ganj unb gar abl^ängig, rnenn 
mir in jenem einfad)en fittUd)cn ®rlebni| ftetien. 2)eg^alb ift bic 
6^rfurd)t oor ^^Serfonen, bie innere 93eugung oor ber ©rfc^einung 
fittUc^er ^raft unb ®üte bie äBur^el ader malir^aftigen 9letigion. 
3)er ©laube, ber einen (Efiriften tragt, ift bamit freiließ 
noc^ nic^t oollenbet. Slber ber S^riftenglaube, menn er 
ed)t ift, ift fidjerlid) nic^tg 2lnbere§ alig bie SBoIIenbung 
biefeö 9tnfang§. 

5)ie fo befdjaffene contritio nennt Suttjer vera unb ex spiritu 
nata. 35}af)rf)aftig ift fie, meil fie burc^ bie 5^'eube an ber ®r* 
fc^einung be^ ®uten mit i^ren ®ebanten an ba^ ®ute fetbft 
gebunben, auf ba§ 93effermerben, nic^t blo^ auf bag ©eligmerben 
gerid)tet ift^ 6§ ift bemgemä^ aud) bie Haltung gegenüber ber 
eigenen Sünbe anberg at^ bei ber falfd)en SReue, bie Sut^er be* 

^ 6. ^. var. arg. 1, 834: Pias tibi discutiendum est confessuro^ 
qnantuin diligas iustitiam, quam quantum odias peccatum, raaltoque maiore, 
imo solo hoc labore tibi cogitandnm est, quomodo futuram vitam agas bonam» 
quam quomodo deseras ant odias praeteritam ma]am. 



^CTtmann, bic 9u|c bcd ct>angeli{c^en G^riften. 49 

f&nq^ %oit bem @(^et} übet bte @ünbe nimmt bie rechte 
Kette nic^t il^en äluSgong. 3)aS gefd^ie^t aQerbingS naturgemäß, 
lonrn ha^ ber @ef e^eSbto^ung no^ jugangU^ @emüt^ bem leeren 
Sericmgen nac^ @el6fter^altung ober nac^ Seligteit folgt. 2)abet 
ift ber @lbiber ftd^ felbft überlaff en unb tann bann auiS bem 
eigenen .G^^ni ^ronS ju nid^tS meiter tommen al8 )u einem 
Sifmxi fiber bie @ünbe, ber in äBal^rl^eit ein (S^erj über bie 
Strafe unb bamtt ein SSerbleiben in bem alten Sßefen ift. SBenn 
bagegen bie Sleue babunl^ erregt mirb, baß bie <Srf(^einung ht^ 
(Sttten in einem ätnberen ben Sünber anjie^t unb erf (füttert, fo 
ift bog Srfte bie ^wegung ju bem @uten, baS non Slußen 1^ 
belebenb einmirft 3)araiti^ entfielet bann ein @c^mer), bei melci^m 
nic^t ber ©trafpftonb mit ber Straffreiheit, fonbem bie eigene 
ftttli^ O^nma^t mit bem in feiner ^raft unb ^fllle empfunbenen 
&ben eines Xnberen nerglid^en mirb. ' 3)ief er (Bifmsxi mirb auS einer 
er^ebenben (Erfahrung geboren.^ Saburd^ 1^ er feine eigenti^ümlic^e 
2:iefe. 2)enn in einem fo erregten SDtenfc^en ift etmaiS 9leueS ent» 
ftanben, moran ein oiel tieferer Sd^merj empfunben merben fann 
d^ an ber @elbftfu(i^t eineS oon älngft um fein @d)i(tfal erfüllten 
^eiqenS. Offenbar ift ba aUein ma^rl^aftige 9leue, mo ber @egen» 
ia^ gegen bie @flnbe nid^t oon bem eigenen fiebenStriebe, fonbem 
Den ben (Erfc^rungen auS gewonnen mirb, bie ber @ünber an ber 
SebenSmelt beS @uten gemad^t l^t. älber in biefen @egenfa^ 
unb }tt einer fo(^ 9fteue tann ftd^ ber SJlenf d) nic^t felbft bringen. 
in feinem ^ntte ber ftttli^ (Sntmidlung ift baiS möglich, bem 
fittiic^ nmt geförberten SDtenfd^en ebenf omenig, mie bem oöQig 
ro^' 3)ie 9teue ift im Anfang unb im ganzen 93er(aufe be§ 
S^riftenlebe»^ mefentlid^ biefelbe, oor Mem barin, baß fte nid|t 
ein Sert beS @flnberiS, fonbem ein SSSer! beS ^eiligen ©eifteS im 

' S. 9. var. arg. V, 188: Non amore commodi nee timore poenae 
Bed affectii solius iuatitiae peccata ponderabnnt. 

' ^. 9. yar. arg. I, 384: Poenitentia enim debet esse dulcis et ex 
dnlcedme in iram descendere ad odium peccati. SSergl. ebenbaf. V, 189: 
In medio terrore diligit iustitiam, si vere poenitet. 

' ^. %. var. arg. Ilf, 188: nee timore nee amore potest se homo 
engere ad gratiam capessendam, sed gratia praeyenit, et roovet ad 
memm Dei obtatnm et amorem institiae. 

3ritH^rift fflr Z^eo(o0{e unb ftin^e, 1. 3a^T0., 1. ^\t. 4 



50 ^crrmann, bic SBufec bed eöangclifd^en ©Triften. 

^etjen ift. ©in SBevf bc§ ^eiligen ©eiftcS ift fic abct bann, 
n)cnn fic in i^rcm ticfften ©tunbe ein @rgriffenfcin oon ®ott, 
alfo SRegung be§ @lauben§ ift. 3)icfcr ©a^ fiut^cvg ift fc^roeren 
SJH^Dcrftänbniffcn auögefe^t, roenn nid^t fidftK erfaßt wirb, roie 
bcr ©laubc babei ju oerftcl^en ift. Seibcr fann man oon fintier 
felbft md)t fagcn, ba^ et bie rid)tige 2)arftellung oom ©tauben 
feftge^alten tiätte. @ie ift ilint gerabe an biefem fünfte in einem 
Derl^ängni^Dotten SRoment be§ SHeformotionSroerfe^ entglitten. 

I)a^ bie rerf)te 9teue im ©lauben il^ren Urfprung l^abe, l^at 
nur bann einen Sinn, menn ber ©taube felbft bie g^eube am 
©Uten in fic^ trägt. 2)aS ift bann unb nur bann ber galt, wenn 
bie ©rfd^einung perföntid^er ©üte ben ajlenfd^en atg eine Offen* 
barung ergriffen unb itin baju gebracht t|at, ju ber 3Rad)t be§ 
©Uten über ba§ ©irftii^e in @l^rfurd)t aufjublidfen. 3Äan fotlte 
nun aud) meinen, ein ©l^rift l^ätte am roenigften ©runb, biefe 
Sluffaffung be§ ©tauben§ abjumeifen. 3)enn il^m f olt bie Offenbarung 
©otte§ ein 9Äenfc^ fein. 2Da§ perföntidie Seben biefe§ SRenfd^en 
l^at bie Kraft getiabt, fid) in einer reichen Uebertieferung ein un^» 
pergteic^tic^eö Organ ju fc^affen. S)er ©mpfängtic^e fann au^ 
biefer Uebertieferung bie ^Regungen ber ©eete Qefu, mie er gebac^t 
unb empfunben, n)a§ er gemoltt unb gemirft t)at, mit munberbarer 
grifc^e üerfpüren unb bie emporrei^enbe Kraft baoon erfal^ren. 
9hir mer ^efu^ fo ju finben permag, empfängt bie üotlfommene 
Offenbarung ©otteS unb roirb baburd) über bie Slngft ber SBett 
unb über bie 9lot^ eri^oben, in metd^e ba§ burd) ^efuS entfd)teierte 
©efe^ ben 3Renfd)en oerfe^t. SBenn ftd) unä ba§ perföntidie Seben 
<3[efu fo ent^üttt, fo werben mir burc^ biefe ungehemmte Kraft be§ 
guten SBitteng nid^t nur ©otteS geroi^ gemacht, fonbem mir werben 
burc^ bie 2trt, roie fic^ ;3efu§ ju ber fünbigen 9Äenfd)^eit gefteltt 
l^at, mit ©Ott oerfö^nt. 2lber baS ©rftc ift bod), ba^ mir burc^ 
bie gütte unb Kraft feiner fttttid)en ©üte fo ert)oben unb ge- 
bemütt)igt werben, ba§ mir ben ©ebanfen ©otte§ fßffen unb fein 
©inroirfen auf un§ al§ ©otte§ SRebe ju unferm fersen oerftel^en 
} muffen. Ot|ne 3w>^if^l ift nun ba, mo burc^ bie Kraft 3>cfu ber 
©taube ermerft ift, eben in biefem ©tauben aud) ba§ pofitioe Sßer= 
^ättni^ }um ©uten, ba§ 93erftänbni^ bafür, ba^ bie tautere Siebe 



io§ ßebcn^element be§ pcrfönlid)en @cifte§ ift, gcfd)affcn. ®enn 
bev ©taube entftctit ja eben bann, wenn ba§ pcrföntti^e Sebcn ^efu 
un^ ergreift unb anjie^t. ®§ ift auc^ ftar, rote ftc^ in ba§ Seben 
biefeö ©laubenS bie gleid^drtigen ®rf alirungen be^ fittlic^en 93erfef)rö 
einfügen, Don benen fintier in bem öermo de poenitentia bie (SnU 
ftebung einer roatiren 9ieue ableitete. ®enn ein 9Äenfc^, ber in 
einem folgen ©tauben lebt, roirb fidjerlid) au!^ jeber 6rfd)einung 
fittlid)er @üte, bie i^m feine eigene Sünbe tlav mad|t, ben SJerfe^r 
@ottc5 mit feiner Seele ^erauSmerten. ®ie baran fid) fnüpfenbe 
9lcue ge^t nid)t nur au§ bem (Stauben tiernor, fonbern jie gel)t 
aud| bei bem S^riften roieber in ben ©tauben über, ber tro^ ber 
tiefer empfunbenen ©ünbe ben 3"9<i«9 ju einem @ott ju finben 
roei^, ber oergiebt. Ueber bie 9teue roäi^ft in bem inneren fieben 
be§ ©l^riften ba§ Vertrauen ju ber Sarml^erjigfeit be^ @otte§, 
ber ben ©c^merj ber 9teue erroerft t)at, empor. ®§ ift atfo tiar, 
ba§ ber ri«i|tig üerftanbene d)rifttid|e ©taube immer roieber eine 
roatirl^aftige 9teue anregen mup, unb immer roieber bie bamit 
entftonbenc Srifi^ be§ inneren fiebenS überroinbet, 9tic^t in irgcnb 
ml6)m rät^fell^aften Dualitäten ift e^ begrünbet, bafe ber ©taube 
un^ in fittlid^e 9lotl^ unb -roieber au^ \\)v ^eraugfül^rt, fonbem in 
einer fel^r einfad)en, offenbaren unb oerftänblic^en 2t|atfac^e. 
3)e§^alb unb nur be§^alb tiat ber ©taube biefe ^ötiigfeit, ju oer^ 
wunben unb ju l)eiten, in bie 2:iefe unb empor ju füljren, roeit 
bie 3^atfad|e, bie itin begrünbet, ba§ innere Seben be§ 9Wenfct)en 
^efu^ ift. ®iefe 2:t)atfaci)c bleibt un§ gegenroärtig, roenn roir 
burc^ bie in il^r roirfenbe fittUdie Kraft unb ^oljeit erfdjüttert unb 
gebemütl^igt roerben. Unb roeil fie unsJ gegenroärtig bleibt, be^^alb 
fann auc^ roieberum bie in itir fid| offenbarenbe 9Kad)t ber Siebe 
unb be§ ©rbarmeng mit bem (Sünber un^ aufrid)ten. 2tlfo nic^t 
in bem fubjectinen 3Sorgang be§ ©tauben^ fdbft, fonbern in ber 
i^n begrünbenben objeftiocn 2:^atfacf)e liegt bie Kraft, bie JReue 
p werfen unb fie bann aud) roieber ju überroinben in bem Sroft 
ber SBerföl^nung unb in ber ^iioerfic^t eine^ neuen* Seben^anfangei. 
S)er ©taube aber, ber fo unter bem ©inbrurf ber "^^erfon Qefu 
entftanben ift, roirb ät)nlid)e ©rfa^rungen of)ne 3ttt)l in bem 
fittlic^en 95erfel)r mit ®l)riften machen. 3)ie ®rfd)einung fittlic^er 



*52 ^crrmann, bie 93uge btü et)angeUf(!^en CHften. 

mu, bie un§ in irgenb einer »esie^ung unfere etgene äktfomnten» 
^tt Hat ma^t, offenbart ft^ uitö and) immer mieber dS ein 
3uruf ber rettenben Siebe ®otte8. 3)a allein oerfpüren mir bie 
eigentt^fimlid^e 2:iefe unb SB&rme d^riftli^en SSerfel^rfi^ mo (Siner 
bem äinbem unmidtfirlic^ burdi feine bto|e (£rf d^einung ivm ^efter 
mirb, ber i^n in baS ^eiligt^um einführt. 2)aiS Seben in einem 
fold^en äSerlel^r ift aud^ ein £eben au^ ber Offenbatmig ©otteS. 
dS ergiebt ftd^ barauiS pon felbft ber aud^ von ber rdmifc^en 
ftir^e nic^t verleugnete @a$, ba^ baS ^riftlic^e fieben eine immer^ 
m&l^renbe poenitentia fein foQ. 

Slber biefed richtige SJerftönbnil be^ d^riftlic^en ©lauben^ 
l^at fxi) in ber enangelifc^en 3:i^eologie ni(i^t be^atq^tet ^n ber 
©egenmart nennt man ed 3)toraliSmu^. @iS mu| aud^ feine 
Sd^mierigteiten ^aben, bamit auiSjufommen. 2)enn fd^on bei ben 
Sleformatoren ift ber ri^tige älnfa^ baju balb mieber untergegangen. 
3)er rid|tige Slnfa^ ba}u lag in jener Seigre fiutl^eriS von ber ®nt« 
fte{)ung mai^r^aftiger 9%eue. 3)ie Siebe jur @ered^tigfeit Don mtU 
d^er Sutl^er eine mal^r^aftige dleue ableitet, mirb baburc^ gefd^affen^ 
ba^ ber SWenfc^ non ber lebenbigen SJlad^t beS @uten ergriffen 
unb angezogen mirb. ^iefeS ®rlebni^ aber ift bie (Sntftel^ung be$ 
©laubeng. 3)er 9»enfd^ tritt mit ®ott felbft in SBerfe^r, inbem er 
ft^ por ber SJlad^t beS @uten, bie in feine eigene äBirttic^feit 
eingreift, innerlid^ beugt. 9lur beSl^alb, meil ber älnfang einer 
mat|rt|aftigen 9leue mit ber @ntfte^ung beS @Iauben§ ibentifd^ ift, 
tann Sutl^er eine fold^e 9leue ex spiritu nata nennen. 9(lfo mit 
ber fidleren Unterfd^eibung einer mal^rl^aftigen non @ott gefd^entten 
9leue non einer ^eud^lerifd^en burd^ ben fflnbigen äBillen felbft 
l^emorgebra^ten l^ing baiS nötige 93erftanbni^ beg ®laubenS eng 
jufammen. (&^ ift au£i bem @emiffen eine^ aufrid|tigen 3)tanne^ 
geboren, ber fid^ bei ber tird^tid^en ^albmoral unb i^ren 9e^ 
fc^mid^tigung^mitteln nid^t berul^igen fonnte. Untergegangen ift ei^ 
unter ber Saft retigiöfer SSorftettungen, oon bereu SBSertl^ man 
mit 9led^t tief buri^brungen mar, bie aber al(mäl)lid^ ju einem 
SWittel ^eillofer 93erberbnij3 mürben. S)enn ba eS nic^t me^r gelang,, 
fte aliS Srjeugniffe beg ©laubend ju entmidteln, fo mürben fie ju 
Saften, meld)e bie Keime beS ©tauben^ in i^rer (Sntroicfetung 



^eirmonn, bie IBu^e bed eDangelifd^en ^l^ften. 58 

^mmten. SBir tonnen unS ben Unterfd^ieb ber Soge ber 9iefor« 

matortn Don ber unfrigen in biefer QSejiel^ung nid^t träftig genug 

oorlolten. ®ie l^aben ftd^ emftUd^ bemülit ben Glauben aU ba§ 

SBerf bti fid^ offenbatenben @otte8 ju faffen. Aber ba^ ift nur 

errei^bar, roenn man unter bem (glauben nid^tS n)eiter oerftel^t 

al8 baS ^nen>erben ®oüz^ aU einer bem ^Renfc^en fid^ tunb^ 

gebenben 9Rac^t älber burd^ itire eigene ©emöl^nung an tat^olifd^e^ 

3)enfcn unb burc^ bie unerfd^ütterte SRac^t ber religiöfen Ueber^ 

lieferung über bie allgemeine Stimmung n)ttrben bie Sleformatoren 

boju gebrangt, eine lange JReil^e religiöfer SBorfteHungen ate felbft» 

oerftdnblic^ anjufel^en, an meldte bie fubjettiDe S^rdmmigteit aU 

an feftfte^enbe 9k>rurt^eile onjufnüpfen l^abe. 9latürlid^ getiörte 

ba}u oor Mem bie SSorfteQung pon @otte^ 9SHrtIid)feit unb 

^ad)t S)ie innere Haltung aber, in n)elc^er man ftd^ folc^en 

unantaftbaren SorfteKungen anbequemt, ift t»on ber 9iegung leben« 

bigen @laubenS möglii^ft oerfi^ieben. ^nbem man ftd^ bereitmiUig 

in bie Ueberlieferung fügt t)erlegt man fi^ leii^t ben SB8eg ju ber 

€rfa^rung, mie ^rrlii^ bie mirflid^e älneignung jener SSorfteQungen 

ift, bie fid^ au8 ber einfa^ften, pon atter SEBiUfür freien unb pon 

bem 53en)u§tfein i^rer 5RotI|menbigfeit getragenen SRegung be§ 

@laubetu^ tntmätlt 3)iefe (Srfal^rung, in meld^er aQein bie @nt« 

(te^ung ber mirftid^en 9ieue au§ bem ®Iauben erlebt merben fann, 

^ben bie ^Reformatoren in ilirer JReinl^eit nii^t bemaliren fönnen. 

€ie fmb baran getiinbert bur^ bie bamalS nod^ ungebrod^ene 

Stimmung^ in melier baief atö felbftoerftanblii^ erfd^ien, vdcS in i 

Soi^r^eit bem ©tauben als eine munberbare @abe )u S^l^eil. 

roirb. Ung, im ä^it^tei!^ ^^'^ ©ociatbemofratie, fel^lt eine fold)e 

<£ntf(^uß>igung. 

9Sor bem 5^l|Ier, ben bie JReformatoren begangen l^aben, 
fönnen mir unä bemal^ren, menn mir bie 9leu§erungen bead^ten, 
in benen er bei il^nen offen l^erportritt 3Rit Siecht l^at JRitf i^I bie 
^Sebeutung ber fftd^fifi^en ftiri^eupifttation pon 1527 afö einer 
ftriftS in ber ©efd^ic^te ber JReformation betont. 2Ba8 |ie für fic^ 
fgtbft-pDn ber ne u gtiuo m i en en i)n^Üiä)m @rtenntniJ3 l^atten, mußten 
bie ^Reformatoren. SB8a8 grobe unb ungefd^irfte ^änbe au8 ber 
teformatorifd^en ^eitöprebigt gemad^t unb mie fie bamit auf bad 



54 §err mann, bic SBufte beö eoangeUfc^cn (S^^riften. 

SBolf gcroirft flattert, erfuhren fte burd) jene SSifttation. ^n her 
©inleitung be§ „Untcrrid)tö her SJifitatoren an bie ^arrlierren" 
finbet ftd) nun bie berül)mte Srflärung, in n)eld)er bie Steforma- 
toten ben ginger auf ben ^auptfc^aben legen unb bic Slnroeifung 
geben, eö beffev ju mad)en. 3)ie ^rebigt t)on ber freien ®nabe 
©otte^ in SiiriftuS war pielfad) in ben ©d)mu^ geworfen. Sin 
9Jlenfd)en, bie e§ t)or SlUem nöt^ig Ratten, ju bem Serou^tfein 
i^rer fittlid)en 'tßflid)ten erroedEt ju werben, liatte man ol^ne SBei^ 
tere§ bie SBertünbigung gebrad^t, ba§ auf ben ©lauben an bie 
©nabe @otte§ 2llle^ anfomnie. S)ie golg^ njar, ba§ bie f^limnxfte 
fittlid)e SSenoilberung au^jubrec^en brofjte. 3)ie ^rebigt, bie auf 
ben Flamen ber ^Reformatoren ging, fc^ien bie äu§erlid)en Qvid)U 
mittel ber alten Äirc^e ju befeitigen, o^ne eine ©efinnung ju er^^ 
mecfen, bie fold)cr 3nd)tmittel nic^t bebarf. 3)ie ^Reformatoren 
empfanben e§ tief, mie bamit ber ©laube gefd)änbet mürbe, ben. 
fie grabe ate eine Straft ber Srlöfung für ben mit feiner fittlic^en 
2lufgabe ringenben 3Renfd)en erfal)ren l)atten. 2lu§ biefer Stimmung 
t)erau§ ftnb jene SBorte be§ „Unterrichte ber 9Sifttatoren" gefdjrieben. 
5ßon bem bamate empfangenen Sinbrudf beö Un^eile, ba§ fid) an 
eine t)er!ef)rte 2lnmenbung ber epangelifd)en ^eifeprebigt fnüpfea 
fonnte, ift aud) ba§ fpätere SEBirten ber ^Reformatoren bel^errfd)t. 
6in beutlid)ee ©rgeugni^ jener Stimmung finb oor allem bie 
Slu^fül^rungen ber Sluguftana unb if)rer 9lpologie über bie poeni- 
tentia. 5ßon Slnfang bi^ ju ®nbe bel)anbeln biefe 2lu§fü^rungen 
ba§ 2:t)ema, ba§ bem rettenben 6rlebni§ ber fides iustificans baä^ 
(ärlebni§ fittlidjer 9lott) in ber contritio üoraufge^e. SDaneben 
mirb nod) betont, ba§ bie contritio nid)t alö ein üerbienftlidie^ 
Sffierf be§ 3Renfd)en anjufef)en fei, ba^ bie remissio peccatorum 
nid)t propter contritionem erfolge. ^ S)ie§ mu§te natürlid) gef agt 
merben, um bem ©anjen ben ®t)arafter eineö SBorgang^ ju 
ben)at)ren, mie er fid) in bem inneren Seben eine^ (Jt)riften . ab* 
fpielt, ber fein otiosus fonbcm ju bem 93en)uj3tfein feiner fittlic^en 
2lufgabe ermecft ift. ^n einem fold)en ®t)riften entfte^t bie fittlid)e 
3lott) üon felbft, aus^ ber if)n bie feinem ©lauben jutfjeil merbenbe 



> si 



Jßerßl. A. C. 5, 59. 



^errmaiin, bie 93u6c bcö cüaiiöcüfd^cn S()riftfn. 55 

Offenbarung ®ottc§ in S^rtftu§ liinau^fü^rt. SDiefcn ®cban!cn, 
ba§ ni^t bem otiosus, bcr feine terrores fcnnt, fonbem aßein 
bem fittlid) ftrebenben unb fttüirf) leibenben 3Jienfd)en ba§ fiid)t 
ber @nabe aufgelle, ^at 9WeIanc^tf|on in ben ßapiteln 2, 3 unb 5 
ber 2lpoIogie mit nid)t genug ju prcifenber @rünblid|fcit üerfolgt. 
S^aran brourf)en wix un§, wenn wir oon Sutl^er§ erften bal|n= 
bret^enben 2lu§ffil)rungen l^erfommen, roalirlid) nid^t gu [tojsen, 
ba§ I|icr in ber Slpologie bur^roeg bie contritio afe ba§ erfte, 
bie fides ofe ba§ jweite bargeftellt wirb, wie aud) in 2lrt. 12 
bcr 2(uguftana. S)enn unter bem f)ier obmaltenben ©efi^tgpunft, 
bei ber Verfolgung be^ ©ebanfenS, ba§ bie Sßerfünbigung oon bem 
erlJfenbcn ©lauben allein von bem ftttlid) erroecften 9Wenfd)en ju 
feinem ^^cil aufgenommen werben tann, oerftanb ftd^ jene SRei^en^ 
folge üon felbft. Uebrigen^ lä^t SWelanc^ti^on gelegentlid) burc^^^ 
blidten, ba§ er feine^megS meint, ber (£t|rift foÜe jur Srjeugung 
ber contritio oon ber fides abftral)ieren ; fonbem bie contritio 
vertiefe fid) in immer neuen 2lnfä^en in bem Seben be^ SJlenfd^en, 
in bem jugleic^ bie fides n)cld)ft. Et in his rebus perfectionem 
christianam et spiritualem ponimus, si simul crescant 
poenitentia et fides in poenitentia. ^ ^n biefem ©a^e bebeutet 
bo5 SBort perfectio ba§ bem ©Triften oorgeftellte ^beal. Unter 
biefem ®eftcf)t§punft aber, unter bem ©efic^t^punlt ber Slufgabe 
treten contricio unb fides neben einanber. 3)enn ber ®t)rift foll 
in feinem 2lugenblicf baoon laffen moUen, bie fides ju üben. 
SBenn 3Heland)t^on biefen ©ebanfen meiter oerfolgt l^ätte, fo 
roSre er auf jene oon fiutl^er fo oft entroicf elten ©ä^e gef ommen, 
bo^ bei ber redeten öu^e mitten in ber 2lngft bie Hoffnung, 
mitten im @efüt)l be§ 3onie§ @otte^ ber ©laube lebenbig unb 
roirffam fei. 

SBenn mir alfo biefe 2lu^füt|rungen ber 2lpologie mit bem 
senno de poenitentia unb ben auf ber ^öt)e be^felben ftel^enben 
Sa^en fiut^er§ oergleidien, fo fann oon einem äBiberfprud) nic^t 
bie Siebe fein. SßJag in ber Sttpologie über contritio unb fides 
gelehrt wirb, ift nad) ben ©runbfä^en, bie Sutt)er in bem sermo 



A. C o, coo* 



56 ^errmann, bie Stufte bt% etrangelif(^en G^rifbn. 

de poenitentia unb übtif^awpt DOt 1527 entoicfelt l^t^ einfach 
ri^tig. (S§ ift immer auc^ Sutl^etö 9)^etnung gemefen, fidem sine 
contritione esse non posse, cum gratia non infundatur sine 
magna concussione animae.^ 9Bel(l^ %otm biefe ftriftS bed imieten 
SebettS annimmt, hcS l^Sngt nod^ Sutl^etS SReimmg non ben 
inbit)ibue(Ien SSertiältniffen beS 9)>lenfc^en unb non ben göttlichen 
f^ül^rungen ab, benen er bemgemä^ unterliegt. (S& ift ober auc^ 
burdi nid^tS ermiefen, ba^ WltlanifÜ^on, menn er in ber Stpologie 
bie terrores incussi conscientiae perierrefactae bei jjebem emflen 
Stiriften norauSfe^t, babei an al^nlic^e leibenfd^aftli^e ftonq^fe ge- 
bac^t l^abe, mie |te Sutlier ate äOtönd^ burd^lebt l^atte.- 9lur boi^ fpri^t 
er bamit au8, maS aud^ fiutl^erS äOteinung immer .geblieben ift : „e^ 
mu§ }u einem Untergang fommen mit einem jeglichen SWetifd^en." 

3)ic 2lrt mie bie beiben Sef enntniff e baS SBerl^ältni^ non contritio 
unb fides faft au^fd^lie^lid^ bel^anbeln, ftimmt mit ben bo^nbrec^enben 
©ebonf en SutlierS über baS 9Bef en ber contritio fel^r mol^l jufammen. 
^[nbeffen baraug folgt nod^ ni^t, bap biefe ©ebanlen aud^ 1530 
nod^ ooßftdnbig feftgelialten unb in ben lutl^erif^en 95efenntni^= 
f^riften auSgebrüdt feien. 3)ic§ ift nielme^r offenbar nid^t ber gaU. 
®rften§ finb meber in ber Äuguftana noc^ in ber Slpologie jene 
meittragenben ®cbanfen oon bem Urfprung einer mal^r^aftigen 
SWeue auSgefül^rt. Sllle 23^eilnal^me fc^int l^ier burd^ ben einen 
©ebanfen weggenommen ju fein, ba§ ber erlöfenbe ©laube für 
ben homo otiosus ein leeret 3Bort unb nur für ben SWenfdt)en 
ein mad[)tt)one§ 2)ing fei, ber bie 9Rajieft&t unb ben unentrinnbaren 
3mang be§ ©efc^eg nerfpüre unb mit biefer (gmpftnbung @mft 
mad^e. 3)a^ baS @efe^ mit bem @oangelium jufammenge^öre, 
ba^ bie @nabe ®otte§ in Sl^riftuiS nur bem mit bem @efe^ 
ringenben SWenf^en ^rieben bringe, baS fd^ien bie einjig jeitge^ 
mä^e 9Ba]^r(|eit ju fein. Qm^itttiS \)at äRelanc^tl^on in ber 9[pologie 
allerbingg bie J^age nad^ bem Urfprung ber contritio berül^rt, 
aber er l^at bie Serl^anblung berfelben ate otiosas et infinitas 
disputationes abgemiefen.* 3)ritten8 ^at aWetand^t^on, fo oft er 

* CE. H. var. arg. 5, 194. 

' A. C. 55, 29 : de contritione praecidimus illas otiosa s et infinitas 
qoaestiones, quando ex dilectione Dei, quando ex timore poenae doleamus. 



^errmann, bie SBuge bed ebaiigeltfd^en ^^rtflen. 57 

wn ber 3ttft^'^flri9f^tt bc§ ®Iaubcn§ ju einer lieilfamen 9leue 
ttbet, immer nur ben ©loubengalt im Äuge, ber bie fd)on oorlianbene 
SennffcnSttot^ ouflSft unb in ben griebcn mit @ott überfül^rt. 
3)0^ aber eine redjtfc^affene 9leue gar nict)t anbcrS entftel^en fann, 
a(§ in einem SBorgang, ber fd|on SWegung be§ ©lauben^ ift jie^t 
er nvift in 93etrad)t. Qnx Sejeidjnung ber falfd^ unb ber roaliren 
Seue wei^ er immer nur ju fagen, ba| jener ber Xroft be§ 
^toubenS ni^t nad^folgt, mdlirenb er biefer jut^eil wirb. 3)a§ 
eme mal^rfyiftige unb l^Ifame Sfteue fd^on in einer SRegung bes^ 
®(auben§ i^ren Stnfang nelime, fagt er nirgenbä.* 

3)a§ bie ^Reformatoren 1530 bei ber (Erörterung ber 
«ontritio fo au8fd|tie^lid^ für jenen einen ©ebanfen eintraten, lä§t 
fidf au§ ben erf^üttemben ©rfalirungen ber Äird)enoifitation 
genügenb ertlären. ©ie jtnb in biefer 9fKct)tung fpäter burc^ baS 
ttuftreten be§ 3fo^. Slgricola in biefer ©ad)e beftärft morben. 
ffia^renb fiutfier ftd) mit l^eiügem @mft einer Sßcrberbnijs, bereu 
?Jerantn>ortung au(^ il^n mitbelaftete, entgegenmarf, mu^te er 
erleben, ba§ i^m ein alter ©enoffe in ben SBeg trat. 3)ie @in^ 
iDcnbungen, mit benen 3lgricola 1527 gegen bie oermeintlid^ neue 
Se^re t>on ber ?3u§e aufgetreten war, I)atte £utt)er freunbtid) 
befc^roid^tigt. 9lfe aber 9lgricola fortful^r, bie l^od^nötl^ige ^ege 
ftttiic^er 3wc^t jw ftören, unb bie @rfal|rung oon ber jermalmenben 
Äraft be§ ©efe^eS au3 ber ©emeinbe tilgen ju moüen fd^ien, fud)te 
i^n Sut^er 1538 öffentlid) nieberjuf (plagen. @§ fam ju ber dr^ 
flärung, ba§ man ftd[) oor ber ©u^Iel^re biefeg SRanne^ melir aU 
por bem 2:eufet ju t)üten l^abc. SQ3dI|renb bie ^apiften mit ilirer 
93u|e bie 9Jlenfd)en jur SJerjmeiflung bräd)ten, wolle jener bie 
öu^e llberl^aupt abfd)affen.* ©d^einbar liatte 2lgricola gegenüber 
bem Sßorgel^en ber Sleformatoren auf fiutl|er§ urfprüngüdje fiel^re 
juriidgegriffen. SRitf^I' l^at eg |aud^ fo angefef)en. ^i^ mu§ 



^ Sergl. A. C. 5, 38: Et sie olare deiiniri potest filialis tiinor talis 
payor , qui cum fide conionctus est , hoc est, ubi fides consolator et 
sofltentat pavidum cor. Servilis tiinor ubi fides non sustentat pavidum cor. 

* e. a. var. arg. 4, 484. 

' Sel^e Don ber SHe^tf. unb ^etf. I, 2. ^ufl. 201. 



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58 ^crrmann, bic SBußc bes cöangclifd^cn ß^^ciftcn. 

aber bcn aBibcrfprud), ben Softlin^ Äaroerau^ unb Soof^* flogen 
bicfc 2luffaffung erI)obcn f^abcn, für bcrcd^tigt t)altcn. grcilic^ 
fd^emcn mir bic genannten ©ele^rten ben ^etiler, ber auf beiben 
©eitcn, t)on fiutl^er unb 9JleIand^tf)on foroot)!, wie üon 2lgricola 
begangen rourbe, ni(^t aufgebedft ju I)aben. 

3n ber 93orrebe ju ber beutfdien 2lu§gabe be§ „Unterridjtö 
ber 93ifitatoren" oon 1528 pnbet ftd) bie berüt)mte ©rflärung ber 
SWeformatoren, n)eld)e burd^ ben Sinfprud^ be§ 2lgricola oeranla^t 
ift.* 1)16 9ieformatoren i^atten beanftanbet, ba§ mele üom ©tauben 
prebigten, o^e ju s^igen „wie man ju bem @lauben fommen foU'V 
ol^ne ba§ ridjtige Sßerftänbni^ be§ ®lauben§ ju eröffnen: benn 
„c§ fann Vergebung ber fünben nid^t perftanben merben on buffe". 
6§ mu§ baö ®efe^ afö ein mefentlid^er 93eftanbt]&eU be§ ©nan- 
gelium§* geprebigt merben, meil bie .^^atfad)e feft fte^t: „fidem 

in his tantum esse posse, qui habent contrita per legem 

corda"". ®egen biefe g^tberungen ift gemi^ nid)tö einjumenben. 
3)enn e§ ift mirtüdf) fo, mie bie ^Reformatoren fagen: „mo nid^t 
SRem ift, ift ein gemalter ©taub, benn red)ter glaub fol troft 
unb freube bringen, an ®ott, Solcher troft -unb freub wirb 
nid)t gefület, mo nid)t 9len) unb fd)redEen ift". aJlögen mir un§ 
aud{) eine no(^ fo jarte 2lnfang§form be§ ®lauben§ oorfteUen, 
fo ift er bod) in feinem 3Q3efen bie ®rgriffent)eit oon ber ÜDIac^t 
be§ ©Uten. Sffienn ba§ fefjlte, fo mdre ber oermeintlidtje ©laubc 
fein roirHic^er SSerfef^r mit bem lebenbigen ©ott. Denn ©ott 
ift nun einmal, im Unterfd)ieb oom atbfoluten unb oon anberen 
©ö^en, ber gute 9B3iIle, ber be§ SDBirttic^en ^err ift. 58ei bem 
unmünbigen Äinbe ift jener fieben§nero be§ ©laubeng nort^anben 
in ber ®t)rfurd)t por ber ©ered)tig!eit unb ©Ate ber ©Item, 
bie ba^ Äinb ju bem ©ott empor jiefjcn, ju bem bie ©Item 

' Äöfttin, aWarlin Sul^er 2. ?lufl. 1883 2, ©. 31 ff. 

'^ 3ol)ann Slgricola 1887 ©. 140—51; 183-92. 

■■* Öcitfaben für feine SöortT. über 3)oöinenöcfc^i(^te 2. ?lufl 1890. ©. 382—84. 

* C. R. XXVI, 51—52. 

* 93erQl. ebenbaf. 51: „bad (^öongelion gan^ prebigen, unb niti^t ein flücf 
on bad anber*. 

® ebenbaf. 28. 



^ertmann, bte ^uße beö euangelifc^en ^^rifteii. 



5^ 



beten, ^ft er aber oor^anben, fo ift and) ber ^eim ju bcr 
Regung Dorfianben, iDelc^ev in bem entoictelten rcügiöfcn unb fitt- 
Mfen fieben be^ K^riften ftd) ju bem ©ntfe^en übet bie eigene 
ounbe entfaltet. 5)ie befonbere 3^orm ber contritio ^dngt oon 
ber 2Uter6ftnfe, bem Jiemperament, ben SebenSfü^rungen be^ ein= 
gelnen ob. 2Cber ba§ ift fidler, ba^ d)riftKc^er ®tanbe ol)ne eine 
fold>e ©rfol^rung in irgenb meldjer gorm nid|t fein fann, unb ba^ 
o^nc fic 9liemanb bie ©ünbenpergebung, meiere bem ©lauben 
jul^il roirb, t)erftet)en mirb atö ba§, roaö fie ift, ate ba§ unbe- 
greiflic^e 3EBerf ber biefe Sflotf) überminbenben Siebe. 3)er ®d)auber 
boDor, ba§ ber @rnft be§ ©emiffen^ au^ ber eoangeIifd)en ^rebigt 
ic^n>inben fonnte, t)atte bei jenen ©ä^en 3Keland)tt)ong %^htx 
geführt. SBeil bie ®rfat)rungen ber Sird)ent)ifitation bie fc^arfe 
Betonung jener SCBafir^eiten oö bringenb nött)ig erfd)einen liefen, 
be^f^alb fat) aud) Sutl)er in 9)leland)t^on§ 93orget)en ein n)af)rf)aft 
gottlic^e^ aEBert unb bet)anbelte bie 93e^auptung ber ©egner, ba^ 
bie Sleformatoren gurücf fröd)en, alsJ ein T)erä(i)tlid)e§ 'tßlaubern 
bes Scufete. Äöftlin fagt mit Siecht, ba§ bie 33el)auptung ber 
©egner, fofem fie fid) auf biefen ^^unft bcjog, nur barau§ ju 
erflären mar, ba§ man nid)t genau unb nottftänbig aufjufaffen 
pflegte^ ma§ fintier mirtlic^ fagte. 2tuc^ barin ftimme id) Jf5ftlin 
gu, ba§ SWelanc^ttion bie loben^mertl^ß 2lbfid^t t)atte, bie Unter- 
meifung beg d)riftlid)en 95oIte§ auf ba§ 3lot^roenbige unb SSer^ 
ftonblid^e ju befd)rdnfen. 2lber ba§ roage id), bei altem Stefpeft 
por folc^en Sutf|erforfd)em, wie Söftlin unb Äamcrau, ju be- 
iweifeln, ba§ ba§, mag in bem „Unterrid^t ber 93ifitatoren" über 
8u§e unb ©taube freilid) fel)r oerftänblic^ gcfagt mar, unter 3lb= 
fe^n Don feineren 2)iftinftionen rid)tig^ unb mit bem urfprüng^^ 
lic^n 3lnfa^ ber ^Reformation in @in!lang mar. 

6^ fc^eint mir unmöglid), genau ju ermitteln, ma^ Slgricola 
meinte. 35enn ber eitle 9Äann f)at ba§ offenbar felbft nic^t gemuJBt. 
5)er ©inbrucf aber, ben Sutt)er oon feinem "auftreten t)atte, ift 
flor. Sutljer fal) barin ben SSerfud), ben ftttlid)en ©^arafter bes^ 
diriftlid^en @lauben§, ba§ er immerbar bie innere ©rlöfung au§« 



' SeTßl. Äöftlin a. a. O. B. 33. 



60 ^errmonn« bie 93u6e beS et^an^eKf^en 6)^riften. 

ftttltd)er 9lotl^ tft iu oenoifd^en. 9Kd|t eine Befreiung ju bem 
£eben im ®uten, fonbem fleifc^Iid^e @id)erl^eit fd^ien i^m Slgricota 
in bem ©tauben )u fuc^en. 3)a^ älgricola bei biefem Sieufels^merte 
frühere 9Borte fiutl^ersl gebrauchen tonnte, bie freiließ etma$ gon^ 
9[nbere§ bebeutet l^atten, la^t ben 9ieformator in bie Ser^meiflungsS^ 
Rage ^iob^ au^bred^en. älgricola Iiatte boiS ^ec^t, ein @enoffe 
fiut^er§ )u l^ei^en^ bamit Dermirtt, ba^ er bie (|oc^ndt(|ige Wx^ 
ftrengung ber Steformatoren, eben jenen ftttlii^en S^arotter bed 
Glaubend (lerDorjutel^ren, ftörte. (£S flang fo lutl^erifdi, menn 
^gricola gegen SDleland^ttion einmenbete, eine rechte 9ieue fei bie 
^rud^t be§ Glaubens, fte fliege au§ ber Siebe jur @ered|tig{eit 
Unb boc^ mar biefer @inmanb in bem Wlomvxt, mo er il^n erl^ob, 
ein älbfad pon fiutl^er ganj unb gar.^ (£d (lanbette {t(^ in bem 
3)toment um bie fc^mere ©efol^r, bajs man in meiten Greifen ber 
emngelifd^en ^rd^e bie (Sriöfung im rec^tfertigenben @lauben )u be^ 
fi^en meinte, otine ju bebenfen, bajs biefe (Srtdfung aQein in bem 
fittli^en Kampfe bed mit bem ©efe^e ringenben @ünberd erlebt 
mirb. 3)er ^n^alt be§ ®rtebniff e^ ftanb in ^ii^age, mie e^ ber auf ber 
$öl|e bei^ 6^]^riftengIaubenS fte^enbe @ünber mac^t. 2)a ju fagen, 
aber bie 9teue muffe ja aui^ bem @lauben l^eroorge^n, mar in 
ber ^at nur einem SRanne möglich, bem feine ^o^en äBorte nid^t 
rec^t Don ^erjen tamen. 3)enn baä ^xt% man tonne bei bem 
(Srlebni^ ber (Sriöfung im @Iauben oon ber ftttlic^en Sflotf) be^ 
@ünber^ abfeilen. SRan fönne in biefem @rlebni^ fte^en, ol^ne 
babei auf bie 3)lajieftät be^ @efe^eiS SSejug ju nehmen, bie hodf 
bem @ünber erft jeigt, mie fremb il^m emigeS fieben unb mie tief 
fein @Ienb ift. 3)ie 9Borte Sutl^erS, meld)e ^ricola im SRunbe 
filierte, l^atten ftd) auf eine gang anbere $rage belogen. 2)amatö 
in bem Sermo de poenitentia unb in fiut^rd Assertio l^tte in 
f^age geftanben, mie man auf ben 9Beg jur (Srlöfung fomme. 
3Rit ben tattioUfc^en ^Vorbereitungen jum Empfange ber Slbfdlution 
fe^te ftd^ £ut^er bamatö au^einanber. 3)ag ber (S^rift aber nic^t 
auf ben 9Beg jur (Sridfung f omme, ben er immer neu }u beginnen l^t, 

' 9(ud^ barin gebe td^ ilöfiltn gegen 9ittfd^l 9led^t. Siitf^I f^at 
M buTd^ ben eiei^Hang bei SDorte verleiten laffen unb ^at nid^t bead^tet, 
ba6 lene 9ßorte auf bie Sfrage, um bie e< fi^ 1^28 ^anbelte, gai nid^t paßten. 



^exTUHxun, bU ^ube bei eDongeltfc^en d^rifien. 61 

iDenn er bie 9leue burd| ^benfen femer Sünben unb ber 3)rol^ung 
bc^ @efe^ ju erregen fud^t boS l^atte fiut^er mit ftegreid^er 
Xaxtftit barget^an. t)ie^ oer^üllen )U tooQen tft nid^t iDo^lgetl^an. 
9)er SSMberfprudi Don ftdftUn unb ftaioerau gegen 9litfd^I 
itimmt aber leiber biefe äBenbung. 3)a^ Slitfc^l auf jene ätuiS« 
ffl^nmgen Sut^er^ fr&ftig ^ingen>iefen ^at, ift fein ^o^eiS ißerbienft 
fftr bog bem mulmigen unb aufrid^tigen Snonne Me banf en n>erben, 
bie iemafö auf ber äRarterban! be$ ®en)iffenS gelitten ^aben, bie 
man 3. 93. bei ber SSorberettung jum (Smpfang beS Reuigen älbenb« 
ma^IeS anzurichten pflegt. SSnftatt i^n be^l^alb ju tabeln unb 
p nerböd^tigen, olS ob aud| er mie älgricola ben ftttlid^ (Smft 
bed @lauben§ gu lätimen fud^te, mu^ man oielmel^r fagen, ba^ 
oiici^ 9litf(^l jene ba^nbred^enben ©ebanfen Suttierd nod^ nii^t 
genügenb genrilrbigt unb nermert^et ^t. 

ftamerau erfldrt^ fiutl^r l^be immer geleiert, bajs ba^ 
sentire peccata boi^ erfte fei. 3)arauf ift ju fagen, ba^ man ^ier 
eben forgf Altig ju unterfdE^eiben ^at^ menn man nid^t Wit^ in 
Senpitrung bringen miß. 3)a§ in bem 6rlebni§ ber ©rlöfung 
boS sentire peccata baS erfte ift ift einfach felbftoerftanbtic^, menn 
bie SrUfung bie Ueberminbung ftttlic^er 9btl| in bem ^rlebnijs 
ber inneren Su^fdl^nung mit @ott bebeutet. 2)aj^ bie 9ieformatoren 
iit% 1528 froftig ^eroor^oben, brandete aUein feine^megä bie 
@kfa^r mit ftc^ )u bringen, ba^ {te auf bie rdmifdE^e ^^ra^iS 
juräcttamen, oon ber fic^ fiuttier mül^fam lo^gerungen ^atte. SEBenn 
man in bem (Srlebni^ ber @rldfung bie (Smpfinbung fittlic^er 
9li)t^ ate baS erfte betont morauf aUeiS Slnbere 99e)ug nimmt, fo 
brandet man beS^alb nod^ nid^t für ben 9Beg jur (Srlöfung bie 
^ap^ ju empf eitlen, ba^ man fid^ felbft burd) ßrmägung ber 
@finben unb il^rer ©trafen in ben nötl^igen ©ünbenfc^merj hinein* 
}]U(ttaIen fuc^t\ ällfo baS ift freiließ felbftoerftänblid^, ba^ in bem 

' ^a| 9litf(^I in bei Sforberung bed cor contritum unb ber ter- 
roresp tote fte bie Steformatoren in Sfolge ber Atrc^enDifltation einfd^&rften, 
biefe ®cfa^ anbiegen fa^, toar aOerbingiS ein fd^toerer SJli^griff. CEd ift bed* 
(alb aud^ ein unbefhreitboree ^erbienfl üon 3. AöftHn bem entgegengetreten 
iu fein. 2)enn t» (onnten fid^ leidet in ^Rttf^Ti^ ü^efolge Xl^eologen ftnben, 
bie ein ebenfo gefö^Ud^ed @piel anfingen, toie ^gricota. aSie toeit Slitfd^I 
felbfl baDon entfernt getoefen ift, foQte freiUd^ oud^ befannt fein. 



<£rlebni^ ber (Sriöfung bic ©mpfinbung ftttlici)cv 9lotl| bo^ erftc 
ift. 3)cnn bamit ift mä)tö 3lnbcre§ gcfagt, aU bie ctnfad)e 3Ba^r= 
l^eit, ba§ im ®]^riftentl)uin bie (Srlöfung in erfter Stnie bie Uebcr^^ 
roinbung fittlid)er SSloti) bebeutet. 2luf ber anbem ©eite ift ebenfo 
fid)er, ba§ auf bem 3Bege jur Sriöfung eine burd^ ba$ 
@efe^ erregte @ünbenempfinbung nid)t ba§ erfte ift. 2luf jeben 
%aU fottte man pd), menn man ba§ SBerben eine§ neuen aWenf(^cn 
mit ber 6rfci)ütterung burcfy ba§ ®efe^ beginnen lä§t, nid)t auf 
Sut^er berufen, fintier l^at üielmel^r flar bargetl^an, ba§ bos; 
SBerben eines neuen 3Wenfd)en jmar burd^ eine folc^e Srfi^ütterung 
I)inburd)füt)rt. 3)enn ber ©ünber wirb allerbingsi ba^in gebrad^t, 
ba§ er ba§ 9fied)t beS ©efe^eS felbft einfielt unb bamit fid) felbft 
rid)tet. 3lber el|e e§ ba{)in f ommen f ann , • mu§ in bem ©ünbcr 
nad) SutlierS 3Weinung etmaö ganj Stnbere^ oorgegangen fein. 
1Rid)t mit bem @ef e^ , mie er ei^ oerftelit , unb nid)t mit feinen 
©flnben, mie er fie t)erftet)t, fotl er fid) befd)dftigen. @r foH 
übert)aiqrt nid)t meinen, ba§ er oermittelft beffen, mag er in fid) 
felbft trägt, ein 2lnberer werben fönnte. @r mag e§ anfangen, 
mie er mill, e§ mirb bod) immer mieber bie 2:^atfadt)e ju 3:age 
treten, ba^ er ba§ @efe^, ba§ er aßerbingS bei nod) nid^t erftor* 
benem ©eioiffen in fid) felbft trägt, f|a§t, unb ba^ er bie ©Ünben, 
bie er am ®efe^e mijst, liebt. ®et)ötfen mirb it)m balier nur, xotnn 
etroaö von 2lu§en l|er an ii^n l|eranbringenbe§ it)n fo ergreift, 
ba§ er baburd^ über fein bigl)erige§ 3Bef en erl)oben mirb. ®a^ 
bieg le^tere fiut^erS ©ebante ift, mirb natürlid) auc^ non Röftlin 
nid)t üertannt. 2lber er meint, nad) Sut^erS 2lnfid)t bebiene fid) 
bie ®nabe im 2lnfang be§ ^eifeproceffeS be^ ©efe^eö, um il|r 
opus alienum, bie @d)recfen be§ ©eroiffenS ju mirten^ 93efanntlic^ 
merben nun aud) bei fiutl^er oftmals bie @d)redfen beS ©emiffen^, 
in meld)e ®ott bie ©einen fül^rt, ate baS opus alienum feiner 
Sarml)erjigfeit bejei(^net. Slber feine^megö l^at fintier in jenen 
SReformation^f d)riften , in benen er fid) eingelienb über ben 2Beg 
jur ©rlöfung ober über bie (Sntftel^ung be§ ©laubeng augfprid^t, 
behauptet, ba§ baS ®rfd)reden oör bem ©efc^ unb bag Seibtragen 



1 Söeröl. a. o. D. 640. 



über bic ©ünbc ben Slnfang mad)e.^ SßJa^ Köftliu fiut^ev teljveii 
läßt, roürbe grabe ba^ fein, xoa^ Sutlier in ber Assertio an 
feinen ©egnem belämpft. Sutliet foß leliren, baf bie ©tfc^ütterung 
buTc^ ba§ ®efe§ ba§ grunbicgcnbe ®rlebni§ bei ber ®ntftel)ung 
be§ ®Iauben§ fei, aber ba^ l^inter biefcm Sorgang im 33en)u§t= 
fein bie oerborgne ®nabe ftet)e, bie il)n anrirf)tc. S)a§ roäre ja 
ober bie 2Cnn)eifung, auguftinifd) ju lel)ren unb petagianifd) ju 
leben. SÖlit ber bloßen 93el^aiq)tung, ba§ Iiintet bem ®rlebni§ bcö 
^9erou^tfein§ bie ®nabe ftel^e, rooBte ftc^ Sutt)er eben nici)t be^ 
^nügen. SBenn ber 5Borgang im 93en)u^tfein nid)tö weiter fein 
foBte, afö bie in bem Sünber burd) ba§ ®efe^ erregte 2lngft, fo 
mag nodi fo fraftig erflärt merben, ba^ bie ®nabe bie§ bemirfe, 
— an bem Semu^tfeinSjuftanb, ba§ ber aWenfc^ gerobe babei ba§ 
®ute fliel)t unb fic^ in feinem innerften SebenStriebe gegen bas; 
@efe^ tiuf[el)nt, mirb baburd^ nid)t§ gednbert. 2)as; l^ie^e alfo in 
ber Sl^eorie bie ®nabe al§ bie 3Rad)t ber ®rlöfung anerfennen 
unb in ber ^ßrayig mit einer fünbigen Siegung bie Dermeintlici)e 
Umte^r beginnen. 

Sutl^er lelirt oielmel^r unfragtid), ba§ ein SBerf ber ®nabe, 
melc^e^ afe foId)e§ im 93en)u§tfein erlebt mirb, ben 2lnfang mad)e. 
2)iefe§ aSerf ber ®nabc ift ber ©inbrüc!, ben ba^ um un§ l|er 
xyerroirttid^te ®ute auf un§ mac^t. 9B3irfIici) mirb ba§ ®ute in 
^crfonen, in bereu SBiUen e§ lebt unb in bereu 3Q3anbel e§ jur 
€rfrf)einung !ommt. ©täuben mir nid)t in einer 3Q3elt, in meldier 
mir mit einer foId)en fflBirfIid)feit be§ ®uten in 93erü]^ruug Mmen, 
fo mürben mir unö oergeblid) mit unferm ®ebanfen beg ®efe^e^ 
unb mit bem S3ebenfeu unferer ©ünben befdjäftigen. 2)er ©ünber, 
ber ftc^ felbft überlaffen bleibt, gel|t oerloren; ber ©ünber, an 
ben ba^ gÖttIi(^e Seben, ba§ in bem guten ©ilten Slnberer maltet, 
herantritt, fann gerettet merben. aBenn bie ®rfcf)einung be§ ®uten 

' Jlatoerau Q. a. O. 185 l^ot-bicfe trofebem au3 ber assertio omnium 
4irticulorum namentlich • au8 bem beutfd^en Xejte biefcr ©cä^rift (3cn. SluSg. 
1, 879 b) ^etoug ßelefen. S)a8 ift il^m nur begl^alb rnößüc^, weil er atuifc^en 
bem aßeg jur (Srlöfung unb bem ©rlebnife ber ©rlbfunö, gttjifi^en ber 
€ntpe^ung bes ©lauben« unb bem erlöfenben Stet beö ©laubeng nid^t 
unterft^ibet. 



64 ^eTTmann, bte 93u6e brS cuangclif d^n (^^rtften. 

an einem ®ünber iifte tettenbe jtraft bttoSfyct unb i^n auf bett 
9Beg )ur (Sriöfung bringt f o ift in einem f old^en (Sinbrud bereite 
beibed mit einanber t>erbunben, mai^ in ber unablaffigen 93uge 
eines ®{|riften immer mit einanber oesbunben fein f^B, ber ®fau6e 
unb bie 9teue. Sluf ber einen @eite ift baS (Srlebnig, ba^ bie 
Sirüi^feit beiS ®uten unS anjiel^t, bie barin entl^altene $reube 
unb 3ut)er{tc^t ju ber SOtac^t beiS ®uten, ber fteim bed Glaubend, 
^enn babei ift ber SKeufd^ t)on @ott felbft innerlich erfaßt, gelben 
unb getragen. 9luf ber anberen @eite !ann nun erft eine mal^r^^ 
Saftige 9leue entftel^n, meil ber äRenfd^ an einem älnbem eine 
9[nf^auung baoon bdommen fyd, mie ber perfönlid^e @eift im 
®uten frei atl^men tann. S)er gebaute beS @uten l^at bed^otb 
erft ie^t im ^erjen f olc^e ^ui^eln gefd^Iagen^ ba§ bcS @elbftgeric^t 
in bem bie ftttlic^e Sfefle^n gipfelt, bie rechte SBuc^t bef ommt 

3)a$ fmb £utl^erS gebauten. ^ fürchte bal^er, mit ber 
(SrÜarung, ba^ ber ®eban!e beS ®uten, mie er als forbembeS 
unb brotienbeS @efe^ jebem in ber @efd^i(^te lebenben SRenfc^n 
innemolint, ben STlenfd^en erfi^üttem unb bamit ben ^eilSproceg 
beginnen muffe, mirb ein mefentli^er Oebanfe ber SReformation 
oerf c^üttet Qt^ (|Uft gar nichts, menn i^injugefügt mirb, baS @efe^ 
fei babei baS <3[nftrument ber hinter biefem Vorgang fte^enbcn 
@nabe. $enn eS fommt eben barauf an, bajs bie rid^teiU>e ftraft 
beS ©efe^eS als eine SEBirlung ber ®nabe erlebt mirb. 2)aS aber 
ift nur bann ber f^atl, menn ber ganje Vorgang barin feinen 
^2lnfang genommen l^at, ba^ bie Sid^tgeftalt eines guten 3Billen§ 
in ben 3)unftfreiS ber @ünbe getreten ift. 

älber menn ber bamit angefangene ^eg jur (Srldfung }um 
3iele führen fotl, fo fommt nun aQeS barauf an, ba| ber fteim 
beS @laubenS fic^ meiter entmidelt. Sin i^m allein liegt eS, ba| 
bie begonnene ^emegung meiter fül^rt }um ®uten unb jur (Srlöfung. 
Sold^eS 3Bac^St(|um unb folc^e ^raft fann aber jener ^eim beS 
Glaubens nur geminnen, menn er in feiner Umgebung bie nSt^igen 
SebenSbebingungen antrifft. 3Bo aber fonft fann er fte finben, als 
in ber c^riftlid^en ©emeinbe? Die greube unb 3woerfi^t §u ber 
Wta^t beS ©Uten foU bem @flnber ben Wlntf) geben, felbft baS 
@ute ju tljun. älber ben Snutl^, felbft burd) bie ^inftemi^ ber 



^txxmann, bie SBuJe be« etJQnßcIifdjicn ©Triften. 65 

©dbftiJCTleugnung ju ge^cn, fann ber ©ünber nur finbctt, rocnn 
btc 3^^^^t i^ ^^^ 3Wac^t bc§ ©Uten fid^ in xf)m ju bcm bc^ 
mußten ©lauben ooDenbct, ba§ bcr gute SBillc bct ^cvr über 
atte 2)ingc ift @in foIct)cr ®Iaubc ift ein fieben im Unfid)tbaren. 
S^aranS fann bie bem Ungläubigen unbegreiftid)e fieben§äu§erung 
entfielen, ba§ ein SWenf c^, bcr t)on Sflatax leben roiH, fid) um ber 
Siebe willen in ben %6b giebt unb ft^ felbft verleugnet. 9lber 
bie 9legung^ in meld^er mir un§ üon ber Sauterfeit 
unb ©Ute eine§ SWenfd^en ergriffen fül)len, fann nid)t 
au§ fid) felbft f|erau8 jU einem fold^en ©tauben er^ 
roadjfen. SSBol^I aber fann fie e§, roenn ein fo er= 
ft^loffeneS ©emütl^ mit bem ©tauben ber ct)riftlid)en 
©emeinbe in 93erü^rung fommt unb mit ber jl^atfac^e, 
roorauf biefer ©taube berul^t 

9Ber ber 2BirfIid)feit be§ ©uten nid)t au§ bem SBege ge= 
gangen ift fonbem ftd) in @^rfurd)t batjor gebeugt tiat, ^at t)on 
bo^ ein Sßerlangen na^ ber ?freif|eit unb Kraft be§ innem Seben^, 
ba§ fid) in ben ©ebanfen be§ d|riftlid)en ©laubeng bewegt. 6r 
fyit aud) von balier ein S8erftanbni§ für bie "ißerfon ^efu, ba§ 
bem fittlid) rollen, oon ber Siebe 2lnberer üertaffenen ober gegen 
jie wrfc^Ioffenen ajlenfc^en fet)It. Qene^ SSerlangen unb bie§ 
5Jerftänbni§, t)on bencn er roeijs, ba§ fie burd) ©nabe, burd) bie 
freunblid)e S3erül|rung be§ ©uten in il^m ermedft fmb, befäl)igen 
ibn baju, an ber ?ßerfon <3efu fic^ jum ©tauben auf}urid)ten. ©r 
mu§ nur baju fommen, bajj er Q^f"^ f^^^ft P^^t unb hid)t in 
ben fiet)ren über il^n Rängen bleibt. 3)ann wirb bie @rfd)einung 
biefes STOanneg feiner ^err, unb 3f^fu§ mirb fc^Iie^lid) fein ^err 
werben, ber if|n erlöft. 3fl3a§ il^m babei burd) bie ^erfon Qefu 
roiberfd^rt, ift in einer 99ejiel)ung ba^felbe ©rlebnijs, mie in jenen 
einfad)en ©rfal^rungen be§ ftttKd)en 9?erfet)rg. ©r mirb get)oben 
unb gebemüt^igt burd) bie al§ etmag unbegreiftid^ 9leue§ il^m 
begcgnenbe fittlid)e Äraft unb ©üte einer ^^erfon. ©omeit nid)t 
SRenfc^enfurc^t unb Unn)a^rf)aftigfeit ibn trüben, ift ber d)riftlid)e 
©laube in feinen Stnfängen nid)t§ 2lnbere§ al§ bie§. 2lber ba^ 
6rlebni§ mirb baburd) ein fpecififd) 2lnberc§, bajs bei ^^^n^ ba§ 
feWt, n)obur^ anbere ^^erfonen bie Stimmung be^ 9Sertrauen§ unb 

3eitfc^rift für X^eologte unb Stirbt, 1. ^a^tg. 1. ^eft. 5 



66 ^ettmonn, bie S^u^e bed eDan^eltfd^en Sänften. 

ber 2)emut^ il^nen gegenüber ftöcen, bie ftttUd^e UnooQtommen^eit 
unb »ebütftigfeit 3fn fjolge beffen trifft e§ un^ boc^ fc^He&tic^, 
obglei^ ^efu^ in berfelben SBetfe auf mS mixtt xoit el^noürbige 
^erfonen im ftttli^n 93ertel|r, xok eine übenpältigenbe Offenbarung, 
n)enn n)ir feigen, bajs feine @eele bog @in)ige in ber 9Bett ift bem 
niir un§ in grenjenlofem Vertrauen l^ingeben unb in pöQiger 
3)emut]^ unterorbnen fönnen. 3)ie ä^otfad^e, bajs xoit in i^m einem 
£ebenbigen begegnen, ba§ Ruberen nid^tS nimmt, fonbem in uner^ 
fd|öf>f[id^er ^Me giebt, Id^t uniS unfere <3elbftfud^t feigen unb brid^t 
bod^ jugleid^ in und bie älngft unb ben S^^^i ^^ @elbftfu^t 
3)aburci^ mirb und 3^fu§ ju einem feften ®runbe beS ©loubend. 
2)er fonft in ber SBelt verlorene ©ebattfe, bajs baiS ®ute bie äßa^t 
über bcS SBirflid^e ift ooQenbet fid^ nun ju ber 3iii>^^i^t ba^ 
bie ^Blai)t über ade 3)inge mit ^\vS \% unb burd| i^n fx6f und 
jumenbet, unb unfer fxä) annimmt. 

(Sin f ermad^fenber @Iaube l^at Sebendtraft 3)agegen mirb 
i^m eine Sebendmur^el burd^fc^nitten, menn man bad grutü)legenbe 
ftttlic^e (Srlebni^, burd) meld^eS bad innere bed @ünberd für bie 
älufnatime ber Offenbarung ®otted in ^fud oorbereitet merben 
foQ, f oerftel^t, ba^ ed bie @rfd^ütterung bed @ünberd buri^ bod 
in feinen @ebanfen mirtfame ®efe^ fei. ^ einem foldE^en 
^enmjstfeindoorgang ift nid^td oon @nabe, menn man aud^ fagen 
mag, bajs in fold^em ^aüt bie @nabe bad ®ef€^ l^anbl^abe; ed 
ift barin ouc^ feine @pur einer Sfegung, bie jum ©lauben 
ooHenbet merben fönnte. ^n golge beffen ift man bei biefer 
äluffaffung ni(^t im @tanbe, einen 3uf<unmenl^ang beS (^riftlic^n 
®Iaubend mit bem grunblegenben, ben 9Beg jur @rlöfung er- 
öffnenben fittli^en ^lebni^ beutUc^ ju feigen unb barjulegen. 
@d brol^t bal^er, menn bie 9ieue falfd^ oerftanben mirb, auif bad 
rid^tige SSerftanbni^ bed @Iauben8 t»erloren ju gelten. äBenn 
man ate grunblegenbed fittlid^ed ®rlebni§ forbert, ba^ ber für 
fid) allein gelaffene @ünber angeftc^td bed @efe^ed, Don bem 
fein 3)enfen ni^t todfommt, oerjmeifele, fo mirb man auc^ 
geneigt fein bie (Sntfte^ung bed @Iauben§ fo anjufelien, bajs fte 
in bem für ftd^ allein getaffenen 9Uenf<^en t)or fid^ ge^e. 2)ann 
mag man immcrl^in erftären, baj5 beibe SSorgänge buri^ bie 



^etrmann, bte SBuge bed eoangelifd^en ^^vifteit. 67 

@nobe be§ l^eiligen @etftesi ^eroorgebrad^t iDerben; — in bet 
@eele bed 3Renf<^en, ber einet foI<^en Slnnieifung folgt, würben 
fc^ bik^ beibe in bet $otm bet äBiQtüt DoUgie^en. 2)amit abet 
latne ber SRenfd^ md)t übet ftc^ felbft l^inauS, fonbetn bliebe 
xDa§ er nxtt. @o n)ütbe ed bei jenet %nn)eifung imniet gefd^e^en, 
nenn €^ttftu§ in ben (Seinen nid^t mäc^get n)äte oi^ falf^e 
t^logifd^ Sil^eotieen. 

3)et 3iif<^in^^n^^^fl 3n)if(^en einet tec^tfd^affenen 9ieue unb 
bem @(auben, bet bie in einet folc^en 9teue enthaltenen steinte 
DoUenbet, ift in bet 9tefotmation§5eit }unäd|ft ni^t butd^ eine 
falfc^ Se^te übet ba^ gtunblegenbe ftttlii^e (Stlebni^ jettiffen 
motben. 2)enn bie g^tbetung einet fd^ätfeten ©efe^e^ptebigt, 
meldte bie 9iefotmatoten in f^olge bet ftiti^enmfttation etlioben, 
fte^t, n>ie mx gefeiten ^aben, butd^aud nii^t in SBibetfptud^ mit 
einer tid^tigen Sluffaff ung bet JReue, bei bet jenet 3uf<^in^^t|ang 
genKi^rt n>irb. 3(u<^ boS l^aben n>it gefeiten, ba^ bet ^nft, auf 
ben bamate bie ^emü^ungen bet 9iefonnatoren getic^tet naten, 
ein befonbeteg ©etonen bet SBSal^t^eit, ba^ eine ted^tf^affene JReue 
nut in einem }um @Iauben etmedCten ©emütl^e ftattfinben fönne, 
nic^t etfotbette. ©egenübet bet eingetiffenen SBetbetbni^ motttc 
man mit aQet fttaft t\wpxa%tn, ba^ 9Hemanb bie (StUfung im 
<9Iauben l^ben fönne, bet ni^t in etnftet fittfic^et Sttbeit bie 
^tl| bet @ünbe Derfpütt l^abe unb miebet butd(|Iebe. 2)abei ^atte 
man in bet "33^ )unä<^ft {einen %xla^ auf fiut^etd gegen ®d 
netfo^tene ©ebanfen jutüdtjutommen, ba^ bet oertotene ©o^n 
nut bobut^ jut Sieue ermedtt mitb, ba§ bie (Sputen bet Siebe 
be^ 93atet§ in il|m auftaud)en. 2lfö nun abet 2lgticola bai§ SBetf 
ber Siefotmatoten, eine etnfte ®efe^e§ptebigt ju fötbetn, butc^ ben 
^inmeiiS auf biefe fiepte fiutl|et§ ftötte, ^aben bie SRefotmatorcn 
aUetbingS nic^t bie tid^tige 2lbmel^t gefunben. 

Sie mußten antrootten, bo§ fie e§ mit Scuten ju tf)un t)ätten, 
bie bie (ätlöfung butd) ben ©tauben ju befi^cn meinten, abet für 
ben fittlic^en ßtiatatter biefet ©tlöfung fein 9Serftänbm§ t)ätten. 
35enen fei natütlid) nur ju t)elfen, wenn i^nen butd^ bie Slu^legung 
bet fittlic^en gotbetungen ba^ ©eroiffen gefdtiätft roütbe. 3)urc^ 
eine fttcnge @efe§e§ptebigt allein !onnte bie „^cpligc \)^uä)^Ux^*\ 



r,* 



6S ^crrmann, bie ^uge bed eüangelifc^en (S^^riften. 

an beten ^$f(ege auc^ Slgrtcola betf)eiUgt n)ar^ alä fotd^e Hat 
gemacht werben. 2)aju mu^te aber, um oötlige Älarl^eit ju fd^affen^ 
nod^ etnjog änbeieS l^erporgel^oben werben. ®g mu^te noc^ gefagt 
werben, ba§ aUerbing^ bie ganje geiftige ©eroegung, in beren 
«erlauf ber S^rift bie tieffte fittUc^e 9lotf) unb bie @rlöfung 
barau^ erfoi^re, immer t)on neuem burc^ bag @rlebni§ begonnen 
unb begrflnbet werbe, in weldjem jugleid) ber ßeim be§ ®laubenä 
als bie Snjiel^ung bmi) bie SBirtli^feit beS ®uten unb ber 9tnfang 
ber SReue atö bie 2)emütf)igung burd^ bie 3BirfIicl)feit be8 ®uten 
erwedft werbe. 3^ene§ traben bie ^Reformatoren get^an, freilid^ ol^ne 
bie Situation beutlic^ gu tennjei^nen; biefeS l^aben fte ganjlid^ untere« 
laffen. 2lnftatt beffen erfc^eint in il^rer @rHärung ber fd^wäd^fic^e 
^inweiS auf bie fides minarom. SDarin trat bie t)erl^ängni|ooUe 
SBenbung l^eroor. 2)er Stnfatj, ben Suttjer frül^er gemad^t t>atte, ba^ 
eigent^ümK^e SQSefen be§ cl)riftli^en ©tauben^ Marjuftellen, ift bamit 
gänjUcl) perlaffen worben. ®er ^riftU^e ®Iaube erwäd^ft auä 
bem fittlid^en @rlebni^, in welcl)em bie @nabe bem Siinber bur^ 
bie @rfcl)einung be§ ®uten ba§ ^erj bewegt. 2)er ©laube fann 
/ barauS erwa^fen, weil ber ©ünber auf folc^e 9Beife ber ®in» 
wirfung jugänglic^ wirb, wel^e <öefug burd^ bie Kraft feinet 
perfönli^en fiebenö ausüben wiU. 3)iefe bie Sad^e in il^rer 2:iefe 
faffenbe ©rfenntni^ ging nun oerloren.* 2lnftatt bie Sinfi^t über 
@ntftet)ung unb 2lrt beig ©laubeng lebenbig ju erf)alten, befc^ränften 
fid^ bie Sleformatoren aUmäl^li^ barauf, lebiglid) ba§ @rlebni|i 
ber ©rlöfung huxi) ben ©lauben inig Singe ju f äffen, wie ber 
Sljrift eö immer wieber in ben 9iötf)en feinet fittlic^en Sebenä 
erfaf)ren folL 3)ie§ war aber eine SSerengerung be^ ©efic^t^freifeS,. 
in welcher fic^ bie 9tac^wirfungen be^ römifcl)en ©u^fatramentä 
bemerfbar macl)en. 3)em fatf)olifd)en ®f)riftentt)um ift eine folc^e 
93efcl)ränfung burc^auö angemeffen, bem eoangelifc^en nic^t. 2)aä 
fatI)olifc^e ®f)riftentf)um befteljt weiter unter bem Sc^u^e unan= 
getafteter 33orurtt)eile. 2)iefe 9Sorurtf)eile gelten ju laffen, ift 



» Sergl. ÄQiDcrau q. a. C. 148. 

* Sd^on bie im Uebrigen tröftige ^U0füt)rung in De Capt. Bab. tnU 
^ält bie auf biefen 3rrttje9 füfirenbe gformel; üeröL oben S. 44. 



^errmann, bte $uge bed eoangclif^en ^^riften. 69 

fat^olifc^er @laubc. 2)et Qnl^alt beffen, xoa^ man auf fol^c SBeifc 
gelten Id^t erfdjeint un§ jum 2:t|eU ate ganj roertljlosl. 3iitti 2:^^^' 
ober ift er fo befcl)affen, ba^ ein @ott furf)enbcv 3Renfd) baburd) 
ju ©Ott geführt werben fann. 2)e§f)alb f)alten xüxx baS 3^*^^"^« 
feft, ba0 ernfte fatf)oüfd)e ©tiriften in bem Su^faframent ifirer 
Äirc^e @0tte§ SBergebung fachen unb finben. Qn einem foldjen 
gälte ^at ber fatf)olijd)e S^rift burd^ ben ©pruc^ ber Äircl)e baS- 
felbe, voa^ mir empfangen, menn un^ unfer ®Iaube tröftet. 2)ie 
Ärifig be§ inneren Seben§ mirb übermunben, inbem ber Sünber 
ben (Sinbrucf gewinnt, ba^ il^m ®ott mit feiner ©nabe gegenwärtig 
ift. ®er Unterfc^ieb be§ im SQSefentlic^en gteidien ©rtebniffeö bei 
un§ unb bei bem ^at^olifen ift nur ber, ba$ ber Sßorgang, ber 
bei biefem unter ber ®ecfe ungeflärter Sßorurtf^eite fpielt, bei ungi 
in ben Haren 93orftettungen oerlduft, in welchen ftc^ bie @emi^f)eit 
bei ©laubenS t)oüjief|t. 2)er euangelifclje Sfjrift erlebt bie 38er= 
gebung feiner ©ünben, menn bie ^atfad)en, an benen fid) fein 
©laube entjünbet, il)m ben @inbrurf einer Siebe @otte§ machen, 
^ie ü)ra tro^ feiner ©finbe jugemenbet bleibt unb bie grabe bie 
tiefere ®rfenntni^ ber ©ünbe ju einem 9Wittel ii)xt^ SHettungi* 
werfet mad)t. SEBeber ba§ ®rlebni^ ber fittlid)en 9lotl| nocl) i^re 
9luflöfung burd) ben Smpfang ber 9Sergebung erfdieint babei afe 
ein ifotierter SSorgang mie bei bem. fatl|olifcl)en 93u§faframent. 
^eibe 35orgänge ftelten fic^ uielmetjr bar aU 9Äomente im Seben 
be§ ®lauben§, melclje pd) mieberl^olen muffen, fo lange mir in 
fittlic^er ®ntroidtung ftelten unb mit ber Silnbe ju fämpfen tjaben. 
Seibe aSorgänge I)aben burd) biefen fiebengjufammenl^ang mit .bem 
Glauben it)re Äraft unb 3Ba^rf|eit. S)ie Steue ober bie ®rfa^rung 
fittlidier 9totf| gewinnt erft baburd) ilire gottgewollte Schärfe, ba§ 
ber ©laube, ber ba^ Oute afe bie 9Wad)t be^ SebenS oerftanben 
ijQt, bem @ünber feine ©ünbe flar mad|t. 2)ie Srfal^rung ber 
Vergebung Ootte^ aber fann nur ba oorl)anben fein, wo ber ©laube 
aus ben Xf^atfac^en, bie il^n felbft begrünben, bie göttlid^e 
Zhat bier 95ergebung fieroorbrec^en fie^t. 2)iefe rid)tige Sluff äff ung bei 
c^rifttti^eh Seben§ ^ängt aber natürli^ baoon ab, ba§ ber (Slaube 
in feinem 95olIfinrt oerftanben wirb, afe ein aSerfelir mit @ott, ju 
weld)em @otte§ Offenbarung bzn ®l)riften bringt. 3)iefei 9Ser=^^ 



70 ^evrmann, bie SBuge bed etKingcUfc^en (S^^tiflen. 

ftänbtti§ bcS ©loubeng fcf)lt bcr römifdiett Äird)c. 3»" ^olge bcffcn 
fielet fte bie @rlöfung cüjS ber 9lot\) be§ böfen ©eiDiffen^ ntc^t otö ein 
äßoment in bem fieben^jufammenl^Qnge beS ©laubend, fonbem cdä 
einen oereinjetten Sßorgang, ber an bie befonbere 2:^äti8feit etneS 
fird^ttd^en 3>»iftitutö gefnüpft ift. <3n eine a^nlic^e 2luffaffung 
^oben fic^ ou^ bie ^Reformatoren roieber einengen laffen. ©ie 
moQten unb mußten boS ©laubenSgut ber ©ünbenoergebung bapor 
fd^fl^en^ ba^ eg oi)m fittUc^en @mft als eine n)of)IfeiIe SBa^r^eit 
für ben natttrüd^en SWenfd^en, bargeboten unb f)ingenommen werbe. 
^a^ ^aben fte aud^ erreid^t, aber um einen ^ol^en $rei§. @ie 
liaben bie fd^merfte ®efa^r für bie epangelifdje ^rd^e befeitigt^. 
ate fie bie ®rfenntni| roieber fic^er fteüten, ba§ ein rege§ ©flnben* 
berou^tfein jum (S^riftentf)um geijört. 2)a§ Seben eineg redeten 
©Triften bemegt fic^ immer mieber burc^ f olc^e SJlomente, in benen 
mit ber ©ünbe ba8 au§ il^r erma^fenbe ®tni)t tief empfunben 
mirb. 9Ber ba^S nid^t erlebt^ ift ein homo otiosus, ber eben barin^ 
ba§ ©Ott ju feiner ©ünbe fc^meigt, fein ®erid()t erleibet. Slber 
bamit f)atte man wa^xUif m6)tö gemonnen, ma^S bie alte ^ird^ 
nic^t f^on gel)abt ()&tte. 3)at)on mar ja Sut^er grobe ausgegangen^ 
ba^ il^n bie energifd^ Slnmeifung ber ^xif^, er muffe feine ©ünben 
bebenfen unb oon ^erjen bereuen, rat^loS gelaffen f)atte. ©olltc e& 
nun tro^bem jetjt genügen, jene gorberung in il^rem unbeftreitbaren 
^^t fxä) Dor}u()alten? 2)ie 9ieformatoren ()aben bamatS fo per- 
faf)ren, afe ob ba§ au8rei(^te. 9lur bei ber ^rage, mie ber ®^rift 
bie SSergebung erlange, gingen fie über bie alte ^rc^e ^inauS. 
2)ehn fie htüpften ben (Srmerb ber SBergebung an bog gläubige 
aSetftänbni^ -3efu ®^rifti, nic^t an bie Unterwerfung unter baS 
SHc^teramt ber Äirc^e. 2)agegen bti ben J^agen, bie bie SWeue 
betreffen, lehrten fie im SBefentlid^en auf ben ©tanbpunft ber 
römifc^en Äirc^e jurüd. 2)enn für bie @ntftef)ung ber Jfteue jogen 
fie nur jmei gaftoren in Setrac^t, nämlid^ erftenS baS @efe^, 
jmeitenS bie ©ereitmilligfeit be§ ©ünberS auf bie Jorberung unb 
2)rol)ung beS ©efe^eS }u ^ören. ^aoon aber mar nic^t me^r bie 
SRebe, ba§ ber K^rift burd^ feinen ®laubcn ju ma^rf^aftiger SReue 
gebrad^t merbe. 5)aS ift nun otjne ßn^^if^^ biefelbe 2luffaffung 
ber 9?eue, bie aui) in ber römifc^en Kirche f)errfd^t 



^etrmann^ hie Su%e bei^ eüangeUf^en <S^f)nflen. 71 

:3n ^ol%t bcffcn mu^te aud^ in bcr djriftlic^en Scbenöffi^rung 
bie rSmifc^e ^ajciS loiebcv aujfoimncn, SBBenn man f\6) ni(^t 
me^r Hat madfm fonnte^ tme bie 9leue auiS bem ©lauben ^eroor^ 
%tife, f mu^te bie Sleue au8 bem 9la^men be^ d^riftlic^en SebenS 
fiber^upt l^erauSfallen. @ie ntugte bann alä ein befonbereS 9BerI 
erfc^nen, bog geleiftet werben muffe, beoot man fid) atev ©Ijrift 
füllen fSnne. (Sine fol(^ Slufgabe aber t)erfe^t ben aufrid^tigen 
unb emften 9Äenf<^en in eine jieltofe Unruhe, roeil er niemafö 
mei^, ob er feine @ünben genugfam ^roorgel^ott unb fd^merslid^ 
emi^fitnben ^t SBer bagcgen bie Aufgabe ol^ne ajlül^e fertig bringt 
«wrb in feiner fieic^tfertigfeit beftärft unb finbet neue 9lal)rung 
für fie in ber SSorfteOung^ ba| ba§ Scben im ®lauben felbft feine 
Anregung jur Steue bietet. Q^ ift bog biefelbe innere 93erfaffung, 
in ber {tc^ ber fat^lifd^ Slirift nor unb nac^ bem Empfange 
ber 96foIution befinbet. Sortier bie Sbftnbung mit einer 9[ufgabe, 
bie nur um ben $reiS ber Slufric^tigfeit für löiSbar angefel^en 
wxhm farai; nad)I)er eine ftttlic^ leere ©ic^erlieit, bie nid^t§ 
enthält, mag ben SWenfc^ über fein biSl^rigeS SBefen emporfüf)ren 
tinnte unb bie fo lange anbauert, h\ä fie burd^ eclatante ©ünben* 
fälle geftdrt <^er in f^olge ceremonieQer Semöl^nung burd^ einen 
neuen 5Berfud^ ber Sleue abgelöft mirb. 2)a8 c^riftlid^e £eben 
bre^t ftd^ l^erbei lebiglid^ um bie ^ge, mie ber (£f)rift fein 
^ gegen bie ^fal^ren ft^er fteHe, bie i^m au8 feiner ©ünbe 
emxtc^fen. Stber um biefe ®efal|ren emftUd) empfinben ju fdnnen, 
nrng man ein €:i^rift fein. SRün befdfSftigt ftd) in ber 3;i^at bei 
jener Scage mit bem I|öd^en ?ßrobIem bei^ ®l)riftenleben8. 3)enn 
etnxtS ^d^ereS mirb mti nid^t ju 21beil at«l ba^ mir avS tiefer 
Äeue ju innerem ^rieben fommen. Aber ju biefem Srlebni^ 
giebt eS feinen anbem SBeg als ben, ba^ man ein @^I)rift mirb. 
gflr ben fatl^olifc^en «Jpciften ift bag fein Problem. 5md(t8 ift ja 
einfac^r, afö ba| man getauft mirb unb ber jtird^e ben ©e^orfam 
leiftet ©inb biefe 93ebingungen erfüBt, fo ift man in fat^olifd^em 
Sinne ein dffü^t (&9 ift bann f elbftoerftänblid^ , ba| man fi(^ 
auc^ biSmeilen burc^ ißorl^altung beS @efe^e^ jur 9teue ftimmt 
unb bama^ fn^ oon ber JKrd)e oergeben lagt, f^ür unS bagegen 
ift bie 5tage, mie mir @)^riften werben, nid^t fo leicht ju erlebigen. 



72 . ^crrmann, bie JBufee bed cöangelifci^en 6f|riftcn. 

SOBir feigen un§ immer oon 9lcucm cor bic %xaQt geftellt n>ic 
mir (Sottet gcmi^ mcrben. Un^ ein für alle 9Äate bamit abju= 
finben, i[t un§ nid^t mögU^. 3)a§ Sine mag 9lot^ t^ut, ift ba^cr 
für un§, ba^ toir in jeber beftimmten Seben^lage @otte§ Dffen== 
barung an un§ ju erfaffcn fucl)cn. @rft menn mir fo @ott gefunbcn 
l^aben, fann in biejer beftimmten fieben^lage eine Xotttj -mzä ^söv 
in un§ entftel)en. 2)ann fann in ber aufrichtigen ®mpfinbung 
fittlicl)er 9totI) unb in ber Srrettung au^ ii)x unfer innere^ Sebcn 
Dertieft unb berei^crt merben. 9la^ ber fatliolifc^en ^royi^ ent* 
fc^Ue^t man fic^ jur SReue, mie man fi^ Borl^er jum ©lauben 
entfc^loffen i)at 93ei bcn eoangettf^en ®^riften folt e§ fo jugel^en, 
ba^ er immer oon Jleuem nad^ ©emi^^eit be^ @lauben§ ringt unb 
aföbann unter bem ®inbru(f be§ flc^ il^m offenbarenben @otte§ 
eine mal)r!|aftige 5Reue erlebt. 3)ort ift bie 9leue etmaiS befonbereö 
neben bem ©tauben, l)ier foU fie ein 9Jloment im fieben be^ 
®Iauben§ fein. 

2lngeficl)tg ber fittlid)en SSermilberung fonnten bie Sieforma* 
toren motit ben ©inbrud gewinnen, ba^ fie eö gar nid^t mel^r mit 
d)riftlic^en ©emeinben ju tt|un l^ätten. 3)a^ fie unter biefen Um«^ 
ftänben oor 2tttem fittlid^e Qu6)t uerlangten, unb pon ben ^rebigem 
bie ^ebigt be§ ©efe^e^, mar burd^u§ rid^tig. 3)enn wie fann 
©laube entftel^en of)ne fittUdie ^uiff^ 2lber bie fittlic^e ©rjie^ung 
be^ aSoIf e§ bebeutete bod^ n)a()rli^ etma^ mel^r , afe bas , moju 
bie 9lef ormatoren auff orberten. S)ie ©efe^e^prebigt, bie fie verlangten, 
mar bie 3)rü^ung burc^ bag ©efe^. Dl^e 3^^«if^t ^^^^ ^W 
SDrof)ung nic^t feilten, roo überhaupt ba^ ©efe^ emftlic^ Derffin- 
bigt mirb. 3)enn ba§ läpt fid^ nid^t oerbergen, ba^ baö ©efe^ 
ber SBeg be^ fiebenö, unb bap bie ©ünbe ber ficute SSerberben ift. 
2lber bie ^auptfadie ift bod^, ba§ bie 9Wenfd^en baju erjogen mcr^ 
ben, ba^ ©efe^ ju oerftetien. 3)a§ fittli^e ©efe^ oerfte^en mir 
aber nod) nicl)t, menn mir bie baran gefnüpften 3)ro]^ungen für 
mal^r unb emftt>aft f^atten, fonbern erft bann, xoznn mir irgenbmie 
feinen eigenen «^nl^alt in feiner SRad^t unb Sebeutung empfunben 
l^aben. 3)e§l^alb ift ba§ birecte Qkl aller fittlid)en ©rjiel^ung, bie 
3Äenfc^en in eigener unleugbarer ©rfol^rung bie ffial^rl^eit finben 
iu laffen, ba^ ber perfönlic^e ©eift altein im ©uten mal^rl^aftige«! 



^errmann, bic iöu&c be« eumifteliftl^en ^tiriftcn. 73 

&ben ^t. 3)ie[c§ S^ti ift jioar nic^t furjer ^anb burd^ eine f 

jlünmfc^ ^rebigt ju erreicJ)en; aber e§ ift ba^ bie Slufgabe, bic 
ber (i^riftli(^n ©emeinbc loirflid) geftetlt ift. 9lic^t nur bie ^farr* 
^rren, fonbem jcber ©l^rift foD baju baS S^ugni^ ber l^eüigen 
S^rift Don burd^ @ott befreitem perfönlic^en fieben oem)ertf)en. 
®enn er c§. ernftli(^ tl^ut fo roirb auc^ ber 3)ienft feiner eigenen 
Sebe baju beitragen, in 2lnbem ben (äinbrudf uon ber fegnenben 

ff 

3Ra^t be^ ©uten ju n)eden. 3)er SÄenf^, ber biefen ®inbrurf 
gewonnen ^at, ftefjt bamit o^ne 3^^if^t int 2lnfang be§ (Slauben^ 
ioiDol)! wie ber SReue. ®6 beginnt bamit eine (Sntmirflung aii§ 
bcm ©eifte (Sottet, bie fic^erli^ burd) 9Jlomente jerfc^mettember 
Seue fü^rt, aber au^ auf bie ^öl^e be^ Olauben^ ju bem @rteb:^ 
nt| ber ©ünbenüergebung fttf)ren fann. ©ine fol^e Slnroeifung 
p ber @efe^e§|)rebigt in opUem ©inne, b. \). ju fittlidier ®rjie^ung 
^en bie ^Reformatoren bamal^ nicl)t gegeben. SBermirrt bur^ 
bie 3)ringKd)feit ber Stotl^ unb befangen burd) bie altgemofinte 
59etra^tung^n)eife ber !atl^oIifd)en SBu^prayi^ l^aben fie einen 
ötjeren SEBeg. befcf^ritten. 3)urd^ bie 3)rol^ung be§ @efe^e§ foUte 
bic SIngft megen ber ©ünbe gemerft unb baburc^ bie nöttiige 
Vorbereitung für ben ©mpfang ber SSergebung befd)afft werben. 
2)iefe§ SSerfa^ren entfprac^ in ber Xl^at ber fatI)olifc^en SSu^prayi^. 
3)a§ ®efüt|t ber Unfeligfeit, ba^ leere SBerlangen nad) Seben§= 
cr^tung foHte bie 3Renfc^en jum ©ntpfang be§ §eil§ vorbereiten. 
Sber mo^ ba§ ^eil felbft ift, ein fieben im ®uten unb beSl^atb 
in bem (Seifte ®otte§, lernten fie auf biefe SQSeife nid|t oerftelien. 
SdineHer fam man allerbing^ ju einer praftifc^en SSirlung. 2)ic 
3lcfonnatoren tonnten ja auf h^n , in bem SJolte noc^ tierrf d^enben 
fotiiolifc^eii ©lauben fid^ ftütjen, unb fie Ijaben es; getl^an. 2)ie 
Se^re uon ®ott, bafe er al§ ber SÖergelter lebe, t)errfd)te noc^ 
öte allgemeine^ SBorurt^eil. 383enn man bas mit einer encrgifc^en 
Vorhaltung ber ®efe^e§brof)ung jufammenmirfen ließ, fo fonnte 
bie angft teid|t erregt merben, ber man. bie 93otfd)aft oon ber 
Vergebung bringen rootl.te. 3lber ber "Slotf) mürbe baburd) gemi^ 
nid(t abgeholfen. SRit ber (Smgung^ fold)er 2lngft fonnte man 
i»o^l bie 93o§^eit äu^erlic^ bänbigen, aber nid()t ben Sünber retten. 
®ie oft ^atte Sutf^er felbft ba^ unmiberteglic^ au§gefüf)rt. ^etjt 



74 ^errman«, bic SBuftc be« encmgefifc^en ^^rijten. 

üc§en ftc^ bie JReformatotcn felbft barauf ein, einen fold^en &u§er« 
liefen @rfolg, ben bie fjerrfd^enbe Sienoilberung al§ einen l^l^en 
®en)inn erfd^einen lie^, ate baS eigentliche SEBerf ber c^riftCic^n 
©emeinbe an ben ©eelen anjufetjen. 2lber mit einer fiepte t)on 
ber SReditfertigung avS bem Glauben, bie man lebiglid^ ber errege 
ten ©ünbenangft afö tröftenbe SBal^r^eit barbietet la^t fid^ c^rift* 
U(^e8 Seben ebenfomenig pflegen mie mit ber Slbfolution burd| 
ben ^riefter, bie auf biefelben 3wft&nbe bei bem Empfänger 
rechnet. 3)a§ (Sl^riftentl^um (a|t ftd) nun einmal nic^t auf biefen 
engen Ärei§ einfd^ränfen. @S ift ein Seben im ®lauben. 2)er 
®laube aber ift in feinen einfadjen unb unoeränberlt(^en @runb* 
gfigen hcS ^i^nemerben ber unenblid^en ^aift in bem perfönlic^ 
lebenbigett ®üten, burc^ melc^e^ ®ott auf un$ einmirtt 93ei ber 
^ege biefe§ ©laubenS ergeben ftc^ freilid^ feine pldt(lid)en 3flai)U 
mirfungen auf bie SÄaffen, mie ber bebrängte '^^olitifer fie fic^ 
münfdft. 2lber eig mirb baburc^ bie fittlic^e @räiet>ung eingeleitet, 
in beren SSerlaufe baig d^riftli(^e ^eil afö bie n)af)rl)aftige StuS« 
föfinung mit bem geredeten unb allmächtigen ®ott erlebt merben 
fann. ®ie burd^ ^ro^ung unb SSerl^ei^ung mirfenbe @efe^ei^prebigt 
tann eine äußere Crbnung fc^affen, falt^ ber Seftanb lattiolifd^en 
Glaubend im 93olte oorau^efet^t merben famt. 3)aiS ^t fie auc^ 
im '^^roteftantigmu^ geleiftet. SBir mollen bie äußere Orbnuna, 
bie mit ben ß^c^^i^eln be^ @efe^e§ aufgerid^tet merben tonn, 
gen)i§ nid()t oerac^ten. ©ie ift nötf)ig. 2lber fie ift nid^t ba£ eigent* 
lic^ 30erf ber c^riftlid^en ©emeinbe, fonbem bag 9Berf beS Staates. 
5tüt)er fonnte fic^ bie Äird^e baju aufgeforbert feigen, an biefer 
'ißolijei fid) birect ju bet^eiligen. ^e^t mu§ fie in bemfelben 9Rage 
barauf oerjic^ten, al$ bie 93orurt^eile fatJ^olifd^en @laubeniS aui^ 
ben SDlaffen fdjminben. ©ie fann e§ aber aud^ getroft. S)enn bie 
Orbnung besi ©taute« ^at l^eute eine gewaltigere SRac^t afe jur 
Seit Sut^er«. Unb nor 9Ulem ift ba§ Seben im @tauben uiel 
mel^r mert^ ate jene Crbnung. 

5)er ^i)Ux, ben bie Reformatoren bamatö begingen, mar 
alfo gemi§ ni(^t ber, ba§ fie bie trotjbem nor^anbene 6;^riftlid|teit 
ber ©emeinben ignorierten, bie bod» in ber ifyit ^öc^jt jroeifel» 
Ijafter 9latur mar. ^nt SWeinung fd^eint aud| fioofS ju 



befolgen ^ n>enn et bie bogmengefc^id)ttid|e 93ebeutung beS antinomift^ 

if(^ Streitet barin pnbet, bo§ man fic^ QtrobfyxU, an ©teUe bcr 

immenDä^renben ^^riftenbu^e lebiglid^ bie ^f eJ^rungSbu^e ind Stuge 

ja faffen. 9)Ht ber Unterfdfeibung jroifdjen S8efe^rung8bu|e unb 

S^riftenbu^e, meldte in ber ort^obojren £^eologie Don @er^atb an 

^tt betont nnrb, ift fiberliaupt nid^t oiel au^urid^ten. 2)er 

Sortgang be* ©l^riftenlebenS ift ein immer neueS 3lnfangen; bie 

8u|e eines (El^riften ift immer 35efe^rung§bu9e, ein f^merjooüe^ 

^inburc^bredien }U einem bi^l^er nidft gefannten Sid^t Sluf ber 

anbem ©eite ift aud^ eine S8e!el^rung§bu^e, bei bcr t^ anberg ju* 

gragc, mie bei ber (£l)riftenbu§e, nid^t benfbar. 3)enn eine SReue, 

wdift nvift burd^ eine innere 9tnt^eilnaf)me an bem ®uten moti^ 

Dirct ift, fann ni^t ber Sßefe^rung bienen, fonbem nur ber aSet«^ 

florfung. ©ie ift nichts meiter ate eine fräftige 9[eu|erung be§ 

Ifto^lgefaHenS an ber ©ünbe unb beä ©d^mei^ed fiber laftige folgen 

her ©ttnbe. 9Benn aber bie 9tcue, bie jur 95efef)rung gehört, 

butc^i eine innere Slnti^eilnal^me an bem ®uten motioiert fein foU, 

fo mul {te auiS bem Glauben i)ttvoxQt\)tn, in melc^em allein ber 

9tenf{^ bie e^nbfdiaft feinet natur(id)en SebeniS gegen hai ^Uige 

ibenoinbet ®§ ift alfo für ben K^arafter einer re^tfc^affenen 

9leue ganj gleichgültig, auf meieren 3^itf>untt man fte perlegt oh 

in ben Anfang ober in ben Fortgang beg ®l^riftenleben8. ^n jebem 

Solle burd^bri(^t fte bi^^erige ©djranfen be§ inneren fiebenö unb 

in jebem iJöK« g«^t fie au8 bem ©lauben f)eroor. 3)er J^i^ler, 

ber bei ber Sluäeinanberfe^ung ber SReformatoren mit 9lgricola | 

begangen niurbe, ift melme^r barin ju fuc^en, ba^ feiner ber i 

jteeitenben 5:^eologen im ©tanbe mar, ben ®lauben als bie ! 

Ötunbform aller inneren 9tegungen, bie jum d^riftlic^cn ßeben ; 

gt^öten, Kar ju mad^en. 3)aS fann man nur leiften, menn man . 

jfeeng baran feft^lt, ba^ ber ©laube nidftg anbereS ift, afö bie • 

innere Eingabe an Oott, bie @ott felbft bewirft. Slgricola ^at 

boi^ gemil ni^t nermoc^t, benn gerabe er I^at bie formet neran* 

•äJI, loel^ am beutli(^ften jeigt, ba§ jener reformatorif d^e ©ebanfe 

iKNn (Slauben ftd) gegen bie bequemere fat^olifc^e 93orftellung 



' «ergl. o. o. 0. 6. 384. 



76 ^errinann, bic 58u6e be« et»angcUf(!^en ©tjriften. 

nid^t bel^auptcn fonntc. 33ci bcm SBcrgleicl) ju 2:ovgau im ^Jlooem^ 
bcr 1527 l^attc et, um 9Jlctand)tl|on gegenüber 9iecl)t ju bel^altcn, 
flefagt toenn bie 3)rot|ungen bc^ @efe^e§ bie 9leue erregen foUten^ 
ntüffe bod| njenigfteni^ bie fides miaarum oorl)ergef)en. S)iefe |^orm 
Ijatte er felbft bem @ebanfen gegeben, ba^ eine red^tfc^affene SReue 
«ine Stegung beig ©taubenö fein muffe. 3)ie fides minarum abetv 
wenn fie nic^t au^ einem ganj anberSartigen ©lauben Iieroorgc^t, 
ift fat]^oIifcl)er ©laube, ba§ gen)oI)nt)eitömä^ige J^ürmal^rl^alten ber 
SBorfteUung, ba^ eS einen @ott giebt, ber bie Sünbe ftraft. 3)aö 
für bie bamalige Sage 33ejeic^enbc ift alfo bie 2:t>atfa^e, ba§ 
bie Reformatoren in ber Einleitung be§ „Unterrid)t§ ber SBifitatoren" 
erflären fonnten, fie blieben bei it)rer bi§l|erigen üe^re, meil ja 
für bie SReue, bie fie forberten, ber ©taube nötfiig fei, „ba§ ®ott 
fei, ber ba breme, gebiete onb fd^rerfe."* 53ei it)rer bi^^erigen 
&zf)xz n)ären bie ^Reformatoren nur bann geblieben, menn fie aud^ 
je^t baran feftgel^alten t)ätten, ba§ nic^t^ bie 9Wenfd)en beffem 
unb retten lönne ate bie 6ntftet)ung ma^rfiaftigen ©laubenö in 
if)rem ^erjen. @old)en ©lauben ju geminnen, mu^te aud) je^t 
für ben einzelnen roie für bie ©emeinbe al§ ba§ altein birect ju 
®rftrebenbe l)ingefteltt werben. Stnftatt beffen bebanbelten fie einen 
in 3QBal|rl|eit mertl^tofen ©tauben atig etma^ felbftoerftänbtid) oor* 
I^anbene«^ unb bie SReue al^ basi, roa§ auf ©runb folc^en ©tauben^ 
birect erftrebt werben fönne unb muffe. 2)arau§ fotgte, ba§ e^ 
ben Sieformatoren unmögtid) mürbe, bie 9lu§fül)rungen über 
contritio unb fides, auf meiere fie fid) oon je^t an befd)ränften, 
rid)tig ju ergänzen. £o mie biefe 9lu§füt)rungen in ber Slpotogie 
oorliegen, fmb fie tro^ i^rer oben t)eroorgel)obenen 'öebeutung ein 
93rud)ftüd. 3)enn fie laffen bie "^xa^e unerlebigt, mie bie conscientia 
perterrefacta , ol^ne tt)eld)c bie Srtöfung nic^t oollenbet werben 
fann, entftelie. <3n biefer ^8cjiel)ung il^re fie^re richtig ju ergänjen, 
litten fte nur bann oertnocl)t, wenn fie l^ätten wagen bürfen, in 
jenem einfachen @rlebni^ be§ fittlid)en SSerfebre^, wie wir e^ oben 
bargeftcltt traben, bie 5Regung beö ©tauben«; anjuerfennen. ffienn 
in ber 2:I)at ba§ Stngejogenwerben oon ber perföntic^en ©rfd)einung 

' C. R. XXVI, 52. 



^errmonn, bie SBufee be« eoangclift^en efttiften. 77 

te ®utcn ©laubc ift, — freili^ ein ®Ioubc bcv fid) mä)t au^ 
iidi ^au§ ju ooficm c^riftlic^cn (Slaubcn entoidtdn fann —, 
bfliin fann man fic^ Kar machen, roie roirfKc^ au8 bem ©laubcn 
Jteie ^eroorge^t. SBirb bagcgen an bicfcnt einfachen ©rlebni^ bie 
göttliche Jriebfraft bc§ ©laubenS nid)! crf annt , benft man fn^ 
wclme^r bcn ©lanben uon t)omf)erein im 95eft^e ber i)of)m ®e* 
taifen, in roeldjen fi^ baö innere fieben beS ©rlöften entfaltet^ 
- bann ift e§ nic^t meljr möglich bie SRcne au§ bem Olaubcn 
o^jnleiten. ®ann mu§ nielme^r jeber, ber e^ mit biefem geiftigen 
fleji^e bc8 @Iauben§ emft nimmt, bie 3Reinung n^rtreten, ba§. 
man, um il^n ju erwerben, bie Sleue erlebt f)aben muffe. S)ie 
Äeue wirb babei, trot> aller tl^eologif d)en Kauteten , in ber ^^rayi^ 
als eine aufgäbe b^ SRenfc^en be^anbelt werben, bie er gelöft 
Iwben mu^, benor er auf bie Stufe be^ @Iauben§ gelangen fann. 

®nc richtige ®inft^t in baS SQSefen ber SReue ^at Sutl^er 
ftc^ oDerbing§ bema^rt. ^n ben @d)malfalbifd)en 2lrtifetn ^ unb^ 
in bcn Disputationen gegen bie 2lntinomer von 1538* \)at er 
wieber^olt, ba§ bie rechte SReue nic^t ein SBäerf beS ©ünberS fei, 
^ er ft^ i)omet)men fönne, mann er motte; fonbem ein SSiber= 
tß^mi|, baß über itjn fomme, menn baS ®efe^ il|n im .^nnerften 
trifft unb feine ©ünbe if)m offenbart. SSSir merben bat)er aud), 
ofine 3Biberfpruc^ befürd|ten gu muffen, forbem bürfen, ba§ mir 
ii«s al§ eine gefiederte ®rfenntni§ ber Sieformation fefttjalten. 
hxaw^ fc^eint boc^ nun bie praftifc^e Siegel ju folgen, bp^ mir 
»nö bie Sleue nic^t jur 2lufgabe mad(en bürfen. 93ei bem fat^olifdfen 
Sö^jaframent mirb fie ate 3lufgabe geftettt. ^nx ben eoangelif^en 
K^rijten mu§ bas oerboten fein. SSäenn aber baneben baS Sffiiber* 
fa^ife ber 9leue, unb jmar in ber J^rm ber terrores conscientiae, 
als ein unentbebrlic^eS Slement bes ®l|riftenlcbcn§ behauptet mirb^ ^ 
fo fragt fic^, mie nnä biesJ als; ein Clement unfereS eigenen SebenS i 
^i^ wirb, oljne ba^ mir unS bie 5Reue bireft jur 9lufgabe • 

' iir, 3. 2 u. 18. 

' 6. % var. arg. IV. 425: dolorem finxerunt esse actum elicitum 
^ arbitrii liberi , qui detestaretur peccatum , quoties vellet aiit noUet. 
tum dolor ig sit passio seu affiictio , quam conscientia velit nolit pati 
•^«ptar lege tangente seu torquente. 



78 ^errmann, bte 99ufte bti eoangelifd^en Sänften. 

• 

tnad^en. 2)ie 9lntn)ort, loeldfe bie et)angeUfd|e 2:^eo(ogie auf biefe 
%xaQt UStfzx gegeben ^t tft biefetbc, n>el(^e bereitö in ber ^otogie^ 
unb in ber ®oncorbienformel * fielet, ^n ber d^riftli(i^cn ®emeinbe 
n)irb bod mit bem (Stxingelium oerbunbene @efe^ oertünbigt 
^nbem e§ un§ unfere @ünbe unb ben S^ni ®otte$ offenbart^ 
perfekt e§ und in bie terrores conscientiae, in benen n)ir immer 
iDeiter Don @ott abtommen mürben, menn und nic^t boS Cban« 
gelium ald bie anbere ßunbgebung ®ottt& }ugang(id^ mdre. d^ 
mirb babei bur^meg unter ^inmeid auf Sutl^erd ^mpf gegen 
bie fd^olaftif^e fielire Don ber attritio ber 9RögIid^teit gebaut, 
ba^ lebiglic^ bie f^urc^t por Strafe ben @d^mer) über bie @ünbe 
erregt. 3Da§ baS feine redjte Sieue fei mirb bereitmillig zugegeben, 
^ber bie SluSfunft, bie (S^^emni^ unb Q. @er^rb barüber geben, 
mie fid^ eine ri(^tige SReue oon einer folc^en l^eud^lerifdfen unter* 
f(^eibe, ergiebt feine fieser leitenbe Siegel für bie (^riftli(^e ^oyte. 
C^emnitj erftärt einfach, menn lebiglid^ bie ^urdft oor ber @efe^ed* 
broljung bie SReue errege, fo fei ber IjeiKge ®eift bei bem S3ors= 
gange nid^t betl^eiligt* 3)a§ ift ol^ne 3tt>eifel rid^tig. 2lber es^ 
fragt ftd) tbtn, mie baiS iugel^t, ba^ nid^t nur bie f^ur(^t oor ber 
<3trafe fomme, fonbem ber ^eilige ®eift burc^ bie concio legis ben 
©Corner j über bie Sünbe erregt. ^. ©erwarb * begnügt fid^ bamit, 
bie Unterfcf)cibung8merfmale ber magren unb falfd^en 9leue oott* 
ftänbiger aufeujäl^Ien. 3)a§ mid()tigfte fei, ba^ bie J^ommen jtc^ 
barüber betrüben, ba§ fic ®ott beleibigt t>abcn, mä^renb bie 
$eu(^Ier burc^ ben ©ebanfen an bie ©träfe geangftigt mürben, 
^m Uebrigen bleibt auc^ er babei ftetjen, ba^ nur in htm erfteren 
gaÖe ber lieilige ®eift mirfe, in bem jmeiten nid(t. Sir fommen 
bamit über bie blo^e 2tnerfennung ber 2:t>atfad^e ni^t l^inauS, 
ba§ bie concio legis in bem ©ünber eine malere ober eine falfd|e 
9ieue bemirfen fönne. Stber mir muffen und boc^ irgenbmie Har 
mad)en fönnen, mie mir unfer eigene^ c^riftlicl)ed Seben barauf I^in 
einrid|ten, ba^ in und bie concio legis eine mal^rl^aftige Steue 

1 Sßcttil. V, 29. 

» »erßl. F. C. V, 24. 

* Jöergf. Ex. conc. Trid. ed. Preuss p. 439. 

* Jöctgl. Loci ed. Preuss III, 241. 



^etrmann, bte 93ufte hH eoangelifc^en (E^rtften. 



79 



jc^jfe. 3)iefe 9(ufga6e ift unS boc^ ftc^erlid^ gefteUt n>(nn toir 
aiu^ auf bie (Srregung ber 9leue nid^t birect auägei^ joUen. 
lieber biefe Sufgabe ift bei jenen beften S^^Q^^ ^^ tutfferif^en 
Ort^obojne fein SBort ju finben« Sßenn aber barübet feine ftlar« 
deit l^rrf^t fo muffen bie SSerfud^e, bie Steue bur(^ irgenb eine 
leiigidfe S^ed^nit ^rooQurufen^ mieber auffommen. 3)er älntrieb 
baju nnt^ um fo ftärter fein, je emfter man eS mit ber SBal^r« 
Vit nimmt, ba^ ber Sl^rift ot)ne bie @rfa^rung ftttUc^er 9lot^ 
bin Seben geminnt. 2)ie ^nmeifung }u einer fold^en religiöfen 
Xtt^ ifi aud^ im @runbe bereits bei benfelben Ort^obojcen ju finben, 
bie baneben bod) nott; ben @a^ fiutl^eriS oerfo(^ten, ba^ bie rechte 
eontritio nic^t violenta, nic^t actio fonbern passio fei 3)enn ba mo 
Qki^rb uon ben media praeparatoria für bie eontritio rebet, nennt 
er recordatio peccatorum, consideratio legis, meditatio irae divinae. 
%t bemerft babei, bie 9ieue beftel^e noc^ nic^t in ber emft^aften 
Soma^e biefer 3)inge, fonbern in ben älengften, me((^e ben 
Stenf^en in f^olge folc^er Uebungen befaUen, faUä ftc^ mit bem 
menfc^lid^en S^un bie @efet(eSmir!ung beS ^eiligen @eifteS oer^ 
Irinbet ^ @d ift unoermeiblic^ , ba^ nac^ biefer Stnmeif ung 9tQe, 
Ue mit bem 6)]^riftent^um (Smft mad^n moQen, ftc^ in bem ©e« 
bnmc^ jener SAittet üben merben, um bie 9leue in ftc^ ju erzeugen. 
^ 2;ec^nit bie ber ^eti^muiS in biefer S3ejie^ung entmicfelt ^at, 
ift bonac^ nic^t ein SlbfaU oon ber ort^obojren Seigre, fonbern 
i^r (Srgebni^. 

5Die eJrage, mie ber ©l^rift ju einer rechten eontritio gelange, 
ftt^ ft^er mieber ju ber eontritio violenta beS fat{)olifc^en 
Su^ertö jurüd, fo lange bie einfache Sßat^rl^eit nerfannt mirb, 
bQ$ @ott nid^td meiter oon und forbert, als ba^ mir i^n unb 
bea 9lad^ften lieben. 3)a8 ©emidft biefer g^tberungen foU unb 
tonn bie (Sinbilbung oerbrängen, ate ob mir nac^ @otteS SBiQen 
WM^ befottbere SWittel anmenben müßten, um aud^ bie 9teue in 
uns ju erregen ober oor jubereiten. 2)er &)xi% ber biefen gorberungen 
tuu^uleben oerfuc^t, braucht fic^ nic^t um red^tfd)affene Steue ju 
fotgen. 2)enn er mei§, ba§ fie il^m auf biefem SSBege begegnet. 



* %. a. €. 244. 



80 ^etrmann, bte ^uge bcd eoan^^elifd^en (S^^riften. 

ol^nc alle gcroaltfame SBorl^altung jufünftigcr ©trafen afö eine 
gegentoärtig empfunbene SSlotif, au§ ber i^n nur 6^riftu§ retten 
fann. 5)ie rettgiöfe gorberung fd^Ue^t bie fittlic^e ein. 3)ic 
religiöfe 5<>^i>^ning aber bebeutet, ba§ tt)ir ben ,® tauben üben 
unb fud^en foUen; unb grabe bann, wenn unter beut ©inbrucf 
ber 9Rad)t beS @uten ber ®taube in unS aufflammt, entfielet bie 
9lcue. 5Bir befommen babei eine Sl^nung oon bem, rocS mir fein 
f Otiten, unb empfinben nun erft, wa^ mir finb. SBenn fic^ uni^ 
©Ott. in einer folcl)en 5Regung be§ ®tauben§ offenbart, fo mirb 
e^ un§ aud) tiar, ba§ mir oor feinem ängefic^t nid^t beftel^ 
fönnen, menn nicf)t g^riftu^ für un§ eintritt. SBenn ber ©ünber 
crfä{)rt, ba§ W)n bie 3!lla6)t be3 ©uten ju tieffter @f)rfurc^t jroingt^ 
ba$ fiel) \\)m alfo biefe ÜRai^t be§ ©uten al§ eine unenbtid^e 
9Wad)t aufbrängt, fo empfinbet er auc^ mit berfelben ©eroalt, mie 
nichtig er felbft ift in SJergleic^ mit bem, voa^ f\i) i^ra offenbart 
®iefe ©rfal^rung, bie ber [xttliä) meit geförberte (S{)rift in berfelben 
SCBeife mai)t, mie ein 3lnberer, ber t)ielleid)t jum erften ü)late bem 
9Serftänbni§ be§ fittlid) ©uten erfd^loffcn mürbe, ift allein mal^r^^ 
t)aftige SReue. 2)enn in biefer ©rfat)rung ift ber ©ünber burc^ 
eine Ijeilige Siegung, bie xf)n im Qf^^^^tew ergriffen l^at, burc^ 
6f|rfurcl)t an bie i^m erfcl)ienene 9Jlacl)t be§ ©uten gebunben unb 
fül)lt ftcl) bod) burd) ba§ ©ute gerid)tet. ^n b^n 9lengften bagegen, 
meld)e burc^ bie befonber^ angeftettte SWebitation be§ ©efe^e§ unl> 
be§ 3<5^^^^^ ©otteig erregt merbcn, mirft nid)t bie SWac^t be^ 
©Uten, fonbern bie ©elbftfud|t be§ ©ünber§. S8or einer fold)en 
t)eud()Ierifc^en Sleue merben mir bemal)rt, menn mir un§ ftar 
machen, baß ©ott jene 93emül)ungen ebenfomenig oon un^ oerlangt,, 
mie irgenb ein anberes; ccremonialgefe^li^e§ jur ©id)erftellung bc^ 
,^eife unternommene^ SBerf. ©emi§ fann ber 3Renfc^ bur^ jene 
älengfte leicht baju gebradjt merben, ba^ er bereitmitlig bie Seigre 
aufnimmt, ©f^riftu^ l)abe für iljn bie ©träfe getragen unb ba^ 
©efe^ erfüllt. 21 ber ma^ t)at er bamit gemonnen? ©ine SSerfö^nung 
mit ©Ott gemiB nid|t. 3)enn ©ott ^at er babei überl)aupt nid)t 
oor 3lugen, fonbern fid) felbft. ©r erreicht alfo auf biefe SBeife 
jmar eine 'iöerul)igung feinet Selbftcrf)altung§triebe§, aber nid)t 
eine 9Serfüt)nung mit ©ott. ©ine mirflid)e SWcue tritt unmillfürlid) 



^errmann, bie S9u6e bti ct)anQeIif4en (Sil^rtften. 81 

in ber ®ntroi(f(ung be§ ®Iaubcn§ auf, in loclc^cm toir ®ott 

fud)en unb flnbcn. Sobalb bicfer SÄomcnt in ber (Sntroidftung bc§ 

®Iauben§ eingetreten ift, finb wir im ©tanbe, nic^t nur eine Seigre 

oon ber Sßerfö^nung aufjunelimen, fonbem ©l^riftu^ felbft als ben 

5Berf5t)ncr. 2)enn in if|m tritt un§ nic^t nur bie perfönlic^ üottenbete 

3Wad>t be§ @uten entgegen, bie un§ aufS 2:ieffte an fic^ feffelt 

unb ung rid)tet, fonbem auc^ bie burd) bie ©ünbe nicl)t ju über* 

nnnbenbc Siebe ju ben ©ünbem* 2tn biefer 3:^atfac^e gewinnt ber 

Sünber bie SReue be§ ©laubenS, in ber er fi^ felbft aufgiebt 

unb T)erabfd)eut ; aber an berfelben 2:{)atfac^e rid^tet er fid) ju 

ber erlöfenben Srfenntnijs auf, bajs i^m ©Ott einen unbegreif* 

liefen ®m)ei8 ber Vergebung ju 2:^eil werben Iä§t unb i^n ni(^t 

oerlaffen roitl. ®ann ift er aud) im ©tanbe, bie SQ3aI)rI)eit ber 

Seiire ju erleben, ba^ ®l|riftu§ ftelloertretenb für i^n gelitten unb 

bas ®efe^ erfüllt i}at 2llfo bie 3lnmeifung ju red^tfd)affener SReue, 

beren ber eoangelifdie ®t)rift bebarf, lautet: fudie unb übe ben 

©lauben. 2luf biefem SBege mirb iljm erft offenbar, nxjS ba§ 

@cfe§ @otte§ bebeutet, unb maS bie ®rfal|rung be§ Qomt§ 

Sottet ift. 2lber freilid) fönnen mir biefen SDSeg nic^t befd^reiten, 

iwnn mir nid)t^ baoon miffen moUen, ba§ ber ®laube ein immer 

neues ^nnemerben ®otteS ift. 3Ber fein inneres fieben in ber 

©nbilbung üertroctnen lä§t, bajs er ben ®lauben an ®ott ein 

für alle 3Jial befitje, erfäl^rt aud) feine lebenSooUe SReue. 3)iefe 

Vertiefung feineS SffiefenS fann nur ber aJienfc^ ^aben, ber fid) 

immer roieber jum fieben ermerfen lä^t bur^ bie 5^age: mie 

merbe id) ®otte§ als ber gegenwärtig auf mid) mirfenben 3Rad)t 

beS ©Uten gemi^? 2)ann werben tl)m bie 2tugen aufgel)en für bie 

ßrwcifungen göttlid)er 3Rad^t, t)on benen er inmitten beS fittlid^en 

Scrfe^rS umgeben ift. UnS felbft bringen wir jur Sleue burd) ben 

Slauben, Slnbere burd^ bienenbe Siebe. 



3ritf(^rift ffir Z^eologie unb Airc^e, 1. ^aliXQ., 2. ^cft. 



ra. 

(^latütcn in kr nltcn Itird;^. 

»Ott 



1. 

2)ie 9ied^tfertigung§Ic^re i[t befanntlid) in bcr alten ^rdf^c 
oor Sluguftin nicmate ©cgcnftanb einer großen bogntatifd^en ©ontro^^ 
perfe geworben. ®rft burd) ben Kampf mit ^ßelagiuS rüc!te fic 
in ben SBorbergrunb, erl|ielt aber fofort burdf) Sluguftin eine fo 
auSgejeidjnete ijaffung, baj3 ftc^ bie abenblänbifc^e ftircl)e ein 
^[al^rtaufenb lang bei il|r berufiigte. Qn 2Iuguftin'g Söfung be§ 
Problems fd|ien bie @f)re @otte§ unb ®I|rifti in einer SBeife oer« 
l^errüc^t, bie fd|le(f)terbing§ ni(f)t übertroffen merben fonnte. 95ielc 
Seigrer ber Äird)e I)aben im SWittelalter oerfud)t, unter ber ^üUc 
auguftinifc^er ^^nneln femipelagianifcf^e unb pelagianifdje Seigren 
einjuf uferen; aber fein einjiger namfiafter 2:i^eoIoge ift „auguftini= 
fd)er'' afe Sluguftin gemefen. Ueberall Iianbelte e§ ficf) nur barum, 
baS nad)juerleben unb !räftig jum 2lu§brurf ju bringen, tocS 
er in fid) erlebt unb au§gefprocf)en l^atte. 3)ie 9lrt, mie er — 
fd^on oor bem pelagianif(i)en Kampf — auf ®runb ber ^falmen 
unb pautinifd^en Briefe unter ber Slnleitung be§ SBictorinuS unb 
2lmbrofiu§ ba§ Sßerl|ältni§ }u feinem ®ott gefunben unb beftimmt 
unb mie er e§ bann in bem Kampfe mit bem ©egner oerfünbet 
l^atte, fdE)ien eine ©renje ju fein, über bie fein Sfirift l^inaug« 
foramen fönne. Sluguftin'S SBefenntni^ unb ba§ 3^i^9^il5 be8 
Slpoftet^ ^autu§ oon ber fetigmad^enb en ©nabe @otte§ in ©l^rifto 



^atnad, bte Seigre Don ber SeligTett atCein bur^ beit ®IauBen. 83 

bedten ftd) nad^ bem Urtl^eil ber tnittelalterlidjen ^rd^e DoQfomnten 
imb jianben für bie 3Jleiftctt auf einer faft unerreid^baren ^ol^e, 
}u roelc^er bie ®inen, wie Sernl^arb unb 2^oma§, l^inaufjuftreben 
fid) bemalten, loäl^renb bie älnberen naä) äßegen fud^ten, um fte 
}u umgel^en. 

®8 xoax bal^er innerl^alb ber Sogmengefd^id^te ein 9leuc8, 
ate bie ^Reformatoren il^ren eDangclifd^en ©lauben ju einer 9led|fc 
fcrtigunggtel^re entmidfelten, in roeld^er ba§ Sluge gefd^utter 2)og« 
matifer eine bisher unerl^örte 2lbroeid)ung üon 3luguftin erblidten 
mu^te. S)er ffirjefte 2lu§brurf für biefe 3lbn)ei(^ung fc^ien in ber 
vox exclusiva „sola" gegeben. S^ax l^atte bie 3lug8burgifd^e 
Konfeffton — e§ gel^ört baiS au^ ju il^rer „Seifetreterei" — im 
4. unb 20. Slrtifel jenes „sola" t)ermieben; aber in ber 3lpoIogie 
^atte fid) SWcIani^tl^on mieber ermannt unb bag Sßort (2lrt. IV 
[II] § 73) auSbrürftid) in @c^u§ genommen. SDa§ e8 mirfli^ 
ber treffenbfte 9lu§brudE für ba§ mar, roa^ bie Steformatoren im 
©egenfa^ forool^I jum ^errfd)enbett abusus, als jum usus ber 
fin^üc^en Seigre burc^fül^ren mottten, unterliegt feinem 3tt)eifel. 
9Wit SRec^t festen be^l^alb bie altgläubigen ©egner mit i^rer 
$olcmit l^ier ein unb fui^ten ba§ <3[rrtl|ümlid^e ber neuen ßel^re 
fowo^I aus ber ©ad)e felbft afe auö bem 3^ii9^i§ ^^^ Sßäter §u 
ctroeifen. Slber bie legieren, b. \). 2lmbroftu§ unb Sluguftin, mürben 
bcfannttid) aud^ uon SJletam^tl^on in Slnfpru^ genommen — mit 
Ket^t fofem bie ©egner in ben legten ^al^rl^unberten Seigren 
Raum gegeben ^tten, bie ate ein beutlid)er SlbfaH uon 2luguftin 
bejcidinet werben muffen, unb auc^ je^t nod) bei il^rer Berufung 
auf i^n niä)t gan j e^rlid^ maren ; mit Unred^t, fofem bie tl^omifüf^e 
Sle^tfertigungSlel^re fid^ mirflid^ mit ber auguftinifd^en mefent* 
lid) berfte, mä^renb bie lutl^erif^e nur ben ©egenfa^ gegen ^e* 
lügiuS mit il^r gemeinfam l^at. 5)odf) mürbe uon beiben ©eiten 
bie 33ebeutung ber ?Jrage fo lebf)aft empfunben, ba^ ber ©treit 
um bog gefd)id|tli(^e SRed^t jurürftrat. ^ier mie bort fud|te man 
Dor 2lttem au§ ber ©ad^e felbft für bie eigene ^ofttion ju argu* 
meutiren, unb auc^ ba§ mütifam componirte 3)efret be§ triben* 
tinifd)en ©oncife über biefen Se^rpunft (de iustificatione, sess. VI) 

bie fadflic^e Segrünbung nidjt oermiffen. Sßie großen 2ln* 

6* 



84 ^arnarf, btc ßc^Tc öon bcr ©cligfcit allein burd& bcn ©lauBen. 

tf)cil an ber grud^ttofigfcit bcr ©ontroocrfe baö Unt)crmö9en unb 
bcr böfc SBiUc gcl^abt I|at, ftcl) ju ocrftanbigcn, inroicfcm btc 
3)iffcrcnjcn in anbcrcn n)idf)ttgcn S^ragcn ein @int)crncl|mcn in bcr 
9ied^tfcrtigung§Ic]^re unmögtid^ gemai^t l^abcn, ba§ fott l^icr nic^t 
untcrfui^t werben. @§ genügt baran ju erinnern, ba§ ber älteftc 
aSorronrf, n)eld)cr gegen bie lutlicrifc^e 9ted^tfertignng§te^re erlauben 
roorben (f. bie Sßert^eibigung roiber benfelben im 20. Slrt. ber 
3lngnftana), au^ ber ftärffte geblieben ift, ber bi§ auf ben ]^euti= 
gen S^ag immer roieberl^olt mirb: bie eoangelifi^e Seigre Don bcr 
9tedf)tfertigung allein bur^ ben ©tauben füf)re 5U fttttic^er Sayl^ctt 
unb pm Sei^tfinn, fie entroertfie bie guten 333erfe, fteHe fie ate 
unnötl|ig bar unb beförbere fo ein bequemet ©l^riftent^um. 9Jlan 
fügte mol^l nod^ ^inju, eben barauf fei c§ mit bem „sola fide" 
abgefe^en, mie ba§ Seben ber „Soangelifc^en" bie§ beroeife. 

2. 

®§ ift ben römifd^en ^olemifem be§ SHeformationäjeitatterS 
m. 303. unbefannt geblieben, ba^ bie Seigre oon ber ©eligfeit allein 
burc^ ben Olauben bereite in ber alten Äird^e eine @efc^id>tc 
getiabt ^at, unb ba§ fiel) biefe @efcl)icl)te Dortrefflicf) jur ©egrün- 
bung jenes SBormurfS auf bequemet ®^riftentt)um unb Seid^tfmn 
Dermert^en laffe. ©ie fül^rten l^ödiftenS ben 3>öfobu§brief unb bcn 
t)erurtt)eilten Ke^er «Qfooinian an§ ber alten Äircf)engefd^id)te mibcr 
bie *^]Jroteftanten in§ Selb. 9lid)t nur mit <3enem, fonbern aud^ 
mit 3)iefem Ijaben fie itiren ©cgnern emftli^e ©^mierigteiten 
bereitet^). Slber barüber I)inau§ fmb fie auf bie ©ef^i^te ber 
alten 5lircl)e nii^t eingegangen — meil fte fie nid^t fannten unb 
audf) bei bem bamaligen ©tanbe ber jugänglic^en Duellen nid^t 



SBci bcr Haltung, bie aJIclanc^t^on in bcr ^luQuftana einnimmt, toax 
xfjm bie Sufammenftettung mit irgenb einem üon ber fatf)onf(!^en Jür^e ald 
Äe^er ertlörten S^eologen unbequem. S)a^er nimmt er (August, act. XXVI 
§ 30) ben Souinian nid^t in Bä^n^, fonbern fu^t i^n uon hzn ^oangelifd^en 
abauydjütteln, unb Apol. XXHI (Xlj § 37 crflärt er bie 3unöfrauIi(3&Teit 
für ein „donum praestantius coiugio", um niftt als ein ©epnnungSgcnoffc 
3oöinian*S ju gelten, ber 6f)e unb Sunöfriiulid^feit auf eine 6tufe ge« 
ftetlt l^atte. 



^aniad, Me Se^re Dou ber ©eligfeit attein bwxd^ ben ©tauben. 85 

fennen fonnten. Unb bod^, tücnn e§ eine gefd|id^tlid)e SRe^t= 
fertigung für bie ablel^nenbe Haltung, roeld^e bie röinifc^^fatl^olifdie 
Six^e gegenüber ber eDangcüfd^en 2:^efe eingenommen I|at giebt, 
fo liegt fie in ben ©rfal^rungen, n)eld)e biefe ^rdf)e in ben erften 
3a]^r^unberten in Sejng auf ba§ „sola" gemad^t ^atte. S)iefe 
(Srfa^rungen Ratten bie Rixd)^ bamate gerabeju genötl^igt, eine 
fc^orfc (^otmulirung ber paulinifc^en 9ie(^tfertigung§IeI|re ab« 
jule^nen, a\x6) menn fie biefelbe beffer üerftanben l^ätte, als» bieg 
t^tfäc^Iic^ ber ^faH mar. 2lber i^r felbft unbemu^t mirften bie 
ßrfa^rungen, bie fte einft gemalt, big in ba§ SfteformationSjeit- 
oltrr nac^; benn bie fat]^olifd)en 2:^eoIogen, meldte mirflidE) ben 
SlufluftiniSmuS miber baS Sut^ertlium Dertf)eibigten, Dert^eibigten 
bamit eine fie^rgeftalt, bie jmar primär burd) ben 2lbfdE)eu üor 
^Iagiu§ beeinflußt mar, bie fic^ aber fecunbär aud^ burd^ ben 
®egenfa^ gegen einen bequemen „bloßen ©lauben" beftimmt jeigt. 
(&§ ift mir nii^t befannt, baß bie ättefte ©efc^id^te ber 2:i^efe „Don 
ber ©eligfeit burd) ben bloßen ©lauben" jemafe oon fatl)olifd^en 
ober proteftantifc^en ©elel^rten befd^rieben morben ift 0« ^^ liabe 
auf fte in meinem fief)rbuc^ ber 3)ogmengefd)ic^te me^rmate (j. 53. 
m, ©. 51 f.) Iiingemiefen, oline fie mirfli^ barjuftellen. Qn einer 
jufommen^angenben 3)arftellung fet)lt auc^ baS SWaterial; aber e^ 
läßt fic^ hoä) hwcd) forgfältige Sammlung ber einfi^lagenben 
CueUen bi§ auf 2luguftin unb bur^ einbeitlid^e Sßerarbeitung ber- 
felben eine ©tisje entwerfen, bie lefirreic^ unb in met)r al§ einer 
^infid|t Don aßertl^ ift; benn einerfeit§ mirb fie bag SBerftänbniß 
bafür, baß bie tat^olif^e Kirche bei it)rer auguftinifi^en S^ff^ng 
ber SRe^tferttgung Derl^arren ju muffen meint, erl)öl|en, anberer» 
)eit§ roirb jte ju ber Unterfudf)ung 3lnlaß geben, ob bie alte Äir^e 
irgenbroo, inbem fie bie 2:f)efe Don ber ©eligfeit buri^ ben bloßen 
©lauben Dermarf, ben ©lauben im lutl^erif^en ©inn getroffen unb 
abgeroiefen I)at, ober ob fie überall nur einem frui^tlofen ©laubcn 
unb einer mit if)m Derbunbenen layen SJloral gegenüber ftanb. 6§ 
bebarf nämlicf) barüber motil feiner 9Borte, baß baä „sola fide" 

*) SlitfdJI ^Qt fte in feinem SOÖerf über bie d^riftlid^e Sebrc öon ber 
Slc^tfeTtigung unb äJerföbnung gans bei @eite gelaufen; aber er f\at an^ bie 
IRei^tfeTtigungdle^re Suguftin'd ntc^t bargefteUt. 



86 ^arnod, bie Seilte t)on ber Seligleit allem burd^ ben Glauben. 

einen oerf^icbenen ©inn l^abcn fann unb gcljabt l^at. 3)a8 
„unglüdElicfie" aOBort „©lauben" mad^t e§ mflgltdi, bag jene 2:^cfc 
einerfeitö 3lu§bruc! einer unmoralifd^en religiöfen 2ln[d|auung unb 
anbererfettä ber ^öd^ften fittli^en unb c^riftti^en Ueberjeugung 
fein fann. 3)ie römifc^e Äird^e beliauptet frettid), ba§ te^tlid^ 
immer ftttlid^e fiajiieit bie golge be§ „sola fide" fein mu§. ®ie§ 
beftreiten bie ^roteftanten mit Stecht. Slber bie ©nftd^tigen unter 
il^nen geben felbft ju, ba§ bie ©efalir nic^t nur in bem „ungtüdf- 
lid^en" SBort fterft, fonbem ba§ mirflid^ bie Korruption, meldte 
ba§ S3efte jum ©c^limmften mad^t, felir nalje liegt, unb ba^ fic 
auc^ nid|t burd^ bto^e t^eologifc^e ^Bearbeitung be§ 3)ogma§ üon 
ber Sted^tfertigung entfernt merben fann. S)od^ ^at bie eoangelifd^c 
Äirc^e für il^re ficl^re längft 2lu§brud§formen gefc^affen, meldte 
ben ©diein, afe fei fie gegen bie 9Äoral gleid)giltiger ate gegen 
ben ©rauben, entfernen. 3lud^ mirb bie ©ontroDerfe jmifd^en SRom 
unb bem ^roteftanti§mu§ nid|t mel^r in ber fd^arfen tefir^aften 
3ufpi^ung gefül^rt, an ber übrigen^ £utt)er unb SKeland^tl^on nic^t 
in erfter fiinie ©^utb finb. 3lber ba e§ in ber ©ac^e begrünbet 
liegt, ba§ bequemet (£^riftentf|um ftd^ mit bem „sola fide" eine 
3eit lang ju bedfen ocrmag, unb ba bie @efal)r ber Korruption 
biefem 93efenntni§ in befonberem 9Äa§e brot|t, fo mirb e§ erlaubt 
fein, ben 93egriff in bem Umfange ju faffen, in meld^em er gc= 
fd^id^tßd) aufgetreten ift, um bann in jebem einjelnen ^aH ju ent* 
fd^eiben, ob ba§ „sola fide" nur ein SJlittel mar, ftdf) ben emften 
gorberungen be§ ©oangeliumS an ba^ 2^ben ju entjiel^en, ober ob 
e§ überjeugter Slu^brudE für ba§ ®f)riftentf)um im ©inne be§ 
^auluS gemefen ift. ®ine fold^e Unterfu^ung mirb ungefud^t ju 
einer Sßorgef^id^te ber auguftinifdjen 9ledf)tfertigung§5 
lel^re werben. 

3. 

©omeit un^ CueHen für ba§ nad^apoftolifi^e 3«italter ju 
®ebote ftel^en, lelircn fte nalieju einftimmig, ba§ bie ^ir^e ber 
Ueberjeugung lebte unb fie oerfünbcte, ba§ ber SDIenfc^ burdj 
©taube unb Siebe^übung gered)t unb feiig merbe. ^n flaffu 
fd^er Sßeife ift biefe Ueberjcugung bereits im erften ©lemenSbrief 



^arnad« bie Set)re uon bec ©eligleit adeln burc^ ben ©lauben. 87 

ausgeprägt; aber aud^ ^ermaS*) roet^ eS ntd^t anberS. Ata «iotiv 

xal f tXolsvtav iSö^rj T«p 'Aßpaa|i oiöc Iv 7T}pqf — 6ia TricJTtv xal ytXo- 

fevtov loa>»7j Taaß t) ÄÖpvT) :c. l^ei^t e§ I ©lern. 10, 7. 12, 1. Sßcnn 
e§ au(f> nic^t rid^tig ift, ju bel^aupten, ba^ in ben ©d^riftcn ber 
opoftolif^en 93atcr ©laube unb tugenbl^afte Sßerte coorbinirt toer* 
ben, fo fann bod) barüber fein 3tt>^ifrf H^i, ba^ bie „motte St' 
ixajnjc lv6pY0ü|iivY]" für jene Sßdter md)t mel)r ein ftreng ein«= 
^citlid^er ^Begriff war, wie für ^auluS, fonbem ba§ ©taube 
unb ßiebeStl^atigfcit iljnen jwar aufS engfte jufammengel^örten, 
aber hoä) al8 jwei ®inge gebadf)t würben, bie factifci^ nid^t 
immer t)erbunben finb. 3)er begriff be§ ®Iauben8 erf^öpfte 
fid^ il^nen roefentlid) in h^n ®lemcnten bc§ ©el^orfantS, be§ 
SBiffenS unb ber Hoffnung. ®ben beglialb nemtod^ten fic jtdE) 
einen ©lauben ju benfen unb aud^ bei 2lnberen ju finben, rocld^er 
bie Kraft ber Siebe unb ben lieitigen ©ruft ber aBeltfludf)t v^x^ 
miffen Iie§. D^ne ©d^wanfen ftettten fie ben ©lauben an bie 
cpi^e aller religiöfen Functionen unb aller S^ugenben; aber ba^ 
fie biefe jerfplittert unb ben ©lauben ate eine gi^^ction gefaxt 
\)ahtn, roeld^e ber ©rgänjung bebarf, ift eine ftcl)ere 93eoba(^tung. 
S)iefe 93eoba^tung foH l^ier nic^t erroiefen, fonbem als 
betannt DorauSgefe^t werben. 3Q3ol)l aber bebarf e§ einer furgen 
Orientirung barüber, wie |tct| eine fold)e 93etra^tung tro^ ber 
grunblegenben SBirffantfeit beS 2lpoftetö ^aulu§ fo allgemein in 
ber ^eibenfird)e burd^jufe^en t)ermocI)te. Um biefe§ Problem ju 
IJfen, roirb man auf folgenbe SUlomente nermeifen bürfen: 1) ^auluS 
ip nic^t ber einzige ^eibenmifftonar gemefen; gro^e ©emeinben, 
wie bie römifc^e, l^aben fid) unabt|ängig Don xi)m gebilbet; mir 
bürfen aber mit ©runb Dermut^en, ba§ bie fd^arfe ®ntgegen= 
je^ung Don ©taube unb SQäerfen it)m eigentl^ümlii^ gemefen ift. 
2) $aulu§ felbft I|at bie lel)r]^afte 2lu§prägung be§ „sola fide" 
in feiner SWifftonSprebigt nid|t fo in ben SBorbergrunb gerüdft, mie 
man baS nad) bem SRömer^' unb ©ataterbrief oermutl^et; nielme^r 
— namentlid) bie Rorint^erbriefe finb I)ier für ben negatiDen ©e^^ 

*) 3a^n (S)er§irtc be8 ^crmoS ©. 189 f.) ^at baS beftritlcn; bod^ f. 
atöen i^nöi<)|iu8, 3tf(5r. f. toiffcnjdj. 2:^coI. 1869 ©. 258 n. 1 unb f^ow 
Ixfi^ei 1865 e. 275. 



88 §arnatf, bic Sc^rc öon bcr ©cügfeit attcin bur(5 bcn ©laubcn. 

rociä Don aOBidjtigfctt — wirb icneS „sola fide" nur bort bc* 
I)crrf^cnb in feiner Setir^erfünbigung l|ert)orgctreten fein, roo er 
fid^ mit ben jubaiftifdien ©egnem au^einanberjufe^en I)atte. S)ic 
©ac^e, auf rodöjc e§ i^nt anfam unb bie er geroi^ nie Der^üttt 
I)at, lie^ fxd) auc^ in ber Sßerfünbigung Dom Äreuje^tobe ©^rifti 
unb in ber 93otfd)aft t)on bem ©eifte, ber in ben ^erjen ber 
©laubigen regiert, jum 2Iu§brudE bringen, oline ba§ e§ ber antt- 
tl)etifc^en görmel „nid)t bie SGBerfe, fonbem ber ©laube" beburfte. 
3) Slud) bort, n)0 er geroirft unb wo man feine Seigre üon 
bem ©lauben im ©ebäc^tni^ betialten ^at, mar man feiten im 
©tanbe, fie gauj in fid) aufjunelimen unb ate bie eigene Ueber^ 
jeugung ju reprobuciren; benn baju gel^örte ein boppeIte§, erftlicl) 
ba§ ooHe 93erftänbni§ be§ @oangeIium§ ate SReligton, unb jmei^ 
tenS bag ooße Sßerftänbni^ be§ ©oangeliumS aK ber SReligion^ 
meld)e mit bem ;3ubentl|um aud) bie Sleligion beg SKten Sefta« 
menteö überminbet. 93eibe§ aber mar ber ^eibenfirc^e ju Iiod^. 
©0 crftärt e§ fid), ba^ felbft ©otd^e, meld)e auf bem einen 95lattc 
i^rer ©d^riften ben paulinifd^en ©ebanfen oon ber ©ouDeränetdt 
be§ @lauben§ reprobucirt l)aben, auf bem anberen bog ©egent^cil 
jum SluSbrud bringen unb bamit bemeifen, ba§ fte ben ?ßaulinig^ 
mu§ boc^ nid)t innerlich fid^ ju eigen gemacht ^aben. S)er 95rief 
be§ ©lemenS liefert bafür ben SBemeig. ©lemenS I|at c. 32, 3f. 
gef Gerieben: „2me (bie 2l2:tid)en ©otteiSmänner) erlangten ^err« 
lic^feit unb ®rö§e nii^t burd) fid^ felber ober burc^ il^re 3Berfc 
ober burd) bie geredeten ^anblungen, meldf)e fte geleiftet "ffattm, 
fonbem burd^ ©einen SQäiÜen. Unb aud) mir, bie mir burc^ ben 
SBiUen ®otte§ in ©Iirifto ^efu berufen ftnb, merben' nidE)t burc^ 
un§ felbft gerechtfertigt nodf) burd^ unfere SGBei^^eit ober ©infic^t 
ober grömmigfeit ober burd) unfere mit frommem ^erjen getf)anen 
SCBerfe, fonbem burd) ben ©lauben, burd) roeti^en ber aÖmad^tige 
©Ott Wie, fooiele il^rer oon Slnfang an fmb, geredf)tfertigt f)at." 
2lber e§ ift berfelbe ©lernend, ber, mie oben bemerft morben, ge- 
fc^rieben l^at: „S)urd) ©lauben unb ©aftfreunbfd^aft mürbe SRal^ab 
gerettet." 

2)en Segriff oom ©lauben, mie i^n 5ßaulu§ im ©alater* 
unb JRömerbrief bargelegt ^at, finbet man im nadf)apoftolifd)en 



^arnad, bie !Bc^re üon ber SeUglett allein burd^ ben ©lauben. 89 

3eüoIter faft nirgenbS. @8 ift mdmcfir ber ©laubcnSbegriff, roic 

iftn ber ^cbräcrbricf enttutdclt f)at, ber in mand)crtet SKbroanbe« 

tagen in jenem 3^italter gel^errfdit l^at. Stur in ben ©riefen bc§ 

^gnatiuS tritt eine ©eite be§ paulinifdf)en @taubenSbegriff§, ber 

©taube als perfönlid)c Eingabe an ®]^riftu§, beutlii^ Iicroor, unb 

in bem 93riefe be§ 95arnaba§ ift bie ernftl^afte 93emül|ung ni^t 

ju pertennen, ba§ pautinifd)e ®f)riftent]^um feftjufialten. S)cnnod) 

barf man aber fd)on a priori erroartcn, ba§ unter ben jal^Irei^en 

Eomplicationen unb Slbmanbelungen, n)eld^e bie ^rebigt ber erftcn 

c^ripttcfjen ©cneration in ber folgenben erlebt I|at, aud^ bie ju 

finben fein mirb, ba§ man jmar nid)t ben paulinifd^en ©lauben^* 

begriff fid^ angeeignet, mol^l aber ben Slnfpruc^ be§ @lauben§ 

auf ©ouDerdnetdt, ben ^aulu§ geletirt, im @ebäd^tni§ beljalten 

M/ unb nun biefen 3lnfprud) mit einer Sßorftellung üom ©tauben 

wfnüpfte, ju meli^er er nid^t pa|te unb für roelcfie er nic^t he^ 

jHmmt roar. Qu gemaltig mar hoä) bie paulinifrf)e ^rebigt Don 

ber fides sola gemefen, ate ba^ fie nii^t in irgenb einer SBeife 

eine Slacfjroirfung ausgeübt I|ätte, felbft bei ©oId)en, bie fte mir!« 

Krf) ju oerfte^en nicl)t in ber Sage maren. Unb baju fommt nocf) 

ein 3[nbere§: bie @efdf)id^te jjeber 9lcügion ift in einer 9licf)tung 

i^rcr ©ntmidelung bie @t\ä)xä)U ber SBerfuc^e, fidf) bie Sieligion 

}u erleid) tern. ^i^ftinctit) fu^en bie ©laubigen unb bie ^alb* 

gläubigen nad^ 9JlitteIn in ber Sleligion felbft, um fie bequemer ju 

machen- 3)a§ faft nie oerfagenbe SJlittel ift, bie prattifd^en ^ox^ 

berungen ber Steligion burd^ bie 2lu§bilbung ber Sljeorie (ber 

3)ogmatit) abjuftumpfen. ©eeigneter für ein folc^e§ 9Serfal)ren 

aber fonnte fein @a^ fein, atö ber pautinifi^e, ba§ ber SWenfd^ 

burd) ben ©tauben allein geredf)t unb feiig merbe. ©in SBunber 

rodre e§ gemefen, menn ein foldE)er ©a^ in ber ©efi^ic^te ber 

äleligion auSgefprodf)en morben mdre, oline ba^ er jene ^olge 

ge^bt l^ätte, ol^ne ba§ er ba§ Signal für SBerfud^e geworben 

rodre, ben ©mft ber Sieligion ju oermifc^en, Ratten bod^ fd)on 

bie perf5nlid)en ©egner be§ ^autuS mit bem fieberen 93erftdnbni§ 

für bie ©ac^e, meiere eigene Uebung gemdl^rt (@al. 6, 12. 13), 

i^m Dorgemorfen, ba§ feine fie^re oon bem ©tauben unb ber 

^Rechtfertigung ben ©ünbenbienft nict|t aufgebe, fonbern il^m 



90 ^arnod, bie Se^re t)on ber @elig!eit allein bur4 ben Glauben. 

93or[d)ub leiftc. ^m SRötncrbricf ift er auf fold^c SBortuürfe ein* 
gegangen. SIber baS fct|eint er niemals üorauSgefel^en ju liaben, 
ha% unabtidngig t>on bem großen ®egenfa^ jroij^en feinem @pan« 
gelium unb bem jubatftifd^en, einft SBerfud^e gemad^t werben rofirben, 
©taube unb Siebe, fie^re unb 2tUn ju trennen unb für fold^e 
2:rennung feine Slutorität anjurufen. 3)ie „SOBerfe beS ©efefecS" 
oerfolgte er big in bie legten @c^Iupfu)infel unb fud^te fie ju t>cr* 
nid)ten; oon h^n ^fubaiften, bie „ba§ ®efe^ felbft nid^t l^ielten", 
ermartete er fortgefe^te SlnRagen, ba§ er bie „^eiligfeit", bie i^m 
bodfi nur eine f etbftenpd^Ite mar, jerftöre ; aber nirgenbmo vtcxatf) 
er burdi ein 333ort ober burd^ eine ©autele, bie er jiel^t, ba^ fein 
®Dangelium üon bem ©tauben an ben gefreujigten S^riftuS au^er* 
l^alb ber jiubaiftifd()en ©ontroocrfe ©efa^r taufen fönne, abfid^tlic^ 
ober oline 3lbfid^t mi^üerftanben ju werben 0. 2)er ©taube loar 
il^m bie SDIad^t eine§ neuen fiebenS geworben. 9hir at§ fotc^en 
fannte er il^n. S)arum f^to§ biefer ©taube bie Siebe (©at. 5, 6) 
unb ba§ rafttofe Streben nad^ SBotlfommenl^eit (^f)itipp. 3, iaf.) 
cbenfo fetbftoerftanbtid^ unb fidler ein, wie er bie „SBerfe be§ 
©efetfeS" auSf d^to^ '^). 

2Iber bereite bie nad^fte Splgejeit seigte, ba§ ber SDIi^braudti 
nic^t ausbleiben foltte. Qxoax bie gro^e S^riftenl^eit ftellte fid^ roiber 
il^n fidfier, inbem fie ©taube unb SiebeSmerfe ju bem öefennt- 
ni^ erlaub, nad^ meti^em fie teerte unb lebte, bamit freilid^ bie 
^eitSgemi^l^eit unb bie et>angetifdf)e greilieit gefäl^rbenb. Slber eS 



^) SJlan lann bie 9(u8fü^rungen im 1. ftor.>S9rief loiber bie ®5^en* 
opferfleifd^-Sllenben ffier^er gießen; aber, totnn td^ xtä^t fe^e, fo lit^t ^tet bie 
Baä^t bod^ ni(!^t fo, bag ^auIuS ftd^ barüber !Iar geworben, bag bie eigen« 
t^ümlid^e 9(u8ptägung feines @t)angelium8 Dom ©tauben jenen lorint^ifi^en 
^{jriflen gut 9led^tfertigung i^rer Sieblofigfeit getoorben tfl. Unb toenn er 
ed erlannt ^at, fo loar il^m fofort getoig, bag ber Glaube jener Seute ni(!^t 
ber re^te; benn i,fte f&nbigen an S^rifluS' (I ftor. 8, 12). 

*) $(uf I ftor. 13, 2 barf man fi^ jebenfalls nid^t berufen, um fefl« 
aufteilen, bag $aulud einen ©lauben o^ne Siebe toirüidd für möglid^ gel^alten 
l^at; benn jene SOßorte finb ungeeignet, um als Unterlage einer X^eorie ju 
btenen. (gbenfo ifl I J!or. 18, 13 (^potl^etifd^ gu Derflc^en. Unter ber Sor- 
auSfe^ung, bag Glaube, Siebe, Hoffnung getrennt unb mit einanber Derglid^en 
U)erben !önnen, ifl bie Siebe bie grögefle. 



^antad, bie Seigre t>on ber SeügTeit aQein bur^ ben ©lauben. 91 

fehlte anä) nid^t an @oId|cn, roeldie unter ^Berufung auf ^autuS 
ben ©lauben für fout)crdn crf Ifirten, aber biefe ©tcHung au§junü§en 
begeljrtcn, um ftd) ba§ ^riftlid)e Z^hta ju erleid)tem. Sereitö in 
hm lungeren S^riften be§ Steuen Seftantenteg liegen bafür QtuQ^ 
niffe Dor. 

4. 

Unter ben fieben fat]^oHf(f)en Briefen fmb ber 1. ^etru§»=, 
ber 1. Sfö^anneS* unb ber ^afobuSbrief bie bebeutenbften. 3n 
allen breicn finben ftd^ SDBarnungen roiber bie ©efal^r eines mi§* 
ücrftanbenen ^auliniSmuS. Qn bem erften ?ßetru§brief ift e8 nur 
ein unsroeibeutiger SßerS, ber Ijierl^er gehört, aber er fte^t in einem 
fctir bebeutenben 3ufammenl|ang unb ift mit bem ^aup^roecf beS 
Öriefe§ innig nerbunben. ^n ben beiben anberen Briefen gel^ört 
bie SBamung gerabeju jum mefentlic^en Qfnl^alt ber ©^reiben. 

S)er aSerfaffer be§ 1. ^$etru§briefe§, ber an paulinifd^e @e- 
meinben f^reibt, nerfolgt nid^t fpecielle bibaftif^e ober potemifd^e 
^voede, fonbem miß bie Sefer ermahnen, ©tanb ju Ijalten in ben 
fc^meren ßeiben, meldte itire Sage in ber SQ3elt bereite über fie 
gebraut l^at unb noc^ fort unb fort bringt, ©ie foUen, eingebenf 
i^rcS 93eft^e§ unb i^re§ ]^errlid)en SrbeS, fid) unter @otte§ ^anb 
beugen unb in ben fieiben il^ren K^riftenftanb beroäl^ren, b. ^. fte 
fid) jum ©egen werben laffen, inbem fte, je me^r it)r SB3anbel 
»erlaftert mirb, um fo forgfdltiger auf i^n 2ld^t Ijaben. ^ierju 
ermo^nenb unb bie c^riftlid^en ^flii^ten im ©injetnen einfc^drfenb, 
bemerft ber SBerf. (2, 16f.): „2lte greie, unb nid^t alS bie 
Jreitjeit jum 3)edEmantel ber Soö^eit Ijabenb, üielmel^r 
als Äned)te ©otteS, eliret Stttte, liebet bie 93ruberfd^aft, fürd^tet 
©Ott, e^ret ben Äönig." ®S ift offenbar, ba§ ber 93erfaffer fo 
nur an ©oIdE)e fd^reiben fonnte, bie ba§ pauUnifd^e ®t)angelium 
fannten unb in i^m lebten, unb e§ ift ebenfo Har, ba§ er Dor 
einem SWi^braud^e eben biefeS ©üangeliumS mamt. @r felbft fteUt 
fic^ auf bie ©eite beS ^auluS: bie ®t)riften finb frei, fie fte^en 
unter feinem ©efe^; il)r Olaube giebt itinen bie grei^eit; aber 
eg n)dre ein 9Äipraud^ berfelben, menn fie fie jum ©d^anbberfel 
machen unb fic^ auf Orunb ber ^reil^eit oon htn abgeftuften 



94 ^arnadf, bie IBel^re ))on ber Seligteit attetn butd^ ben ©laufen. 

@a^e: „TOcmanb möge cudi oerfül^rcn: tücr bic ©cred^tigtcit t^ut^ 
bcr ift geredet", mu§ notl^tücnbig auf eine 23^efe gefi^Ioffen tuetben, 
bie ctroa fo gelautet f)at: „wer einmal gered^tfertigt ift, ber ift 
geredet" ®cr aSorfteHung t)on ber ©ered^tigfeit afö einer an=^ 
gebüd) rul^enben ®igenfdE)aft fe^t ber Sßerfaffer bie SBorftellung ber 
(Serect|tigfeit afe einer lebenbigen, t^ätigen entgegen. 9Wan rourbc 
il|m ju nal^e treten, wenn man beljauptete, er fprfid^e ^ier von 
ber 5Red|tfertigung. 2ln biefe benft er nic^t; mol^l aber ift eS feine 
aWeinung, „ba§ e§ ol^ne ein "^ffun ber (Sered^tigfeit fein ©eredjt* 
fein giebt". S)ie§ l^dlt er für nöt^ig feinen ^inbem einjufd^ärfen, 
bie, Dom paulinifc^en ©Dangeltum beftimmt, in ©efal^r ftanbcn, 
fi^ mit bem ©lauben allein ju begnügen, meil er re^tfertige unb 
fetig mad^e, unb bie üöHige Eingabe in ber Siebe ju ©Ott unb 
ben 93rübem nid^t genügenb fd^d^ten unb übten. 3)em Der]^äng=* 
ni^üoHen 3>i^tf)um berer, meiere fidfi bei ber einmal erlebten ditdjU 
fertigung berul)igen ju fönnen meinten, fteHt er bie fiicbe afe bie 
ajlac^t be§ Seben§ unb bie eigentlid^e ©pliäre be8 St|riftenftanbe§ 
gegenüber. 

SDa^ bie 93efürd^tung, n)eldf)e ber 95erfaffer au§fprid)t, nidjt 
unbegrünbet gemefen ift, jeigt ber 93rief an bie ©emetnbe ju 
Saobicea in ber Offenbarung «Qfo^anniS c. 3, 14—22. SDiefeg 
@df)reiben geigt frciti^ nod^ oiel mel^r; benn bie bortige Äird)e 
mirb afe eine fold^e DorgefteHt, meiere bereite fo lau unb tl^aten* 
log gemorben ift, ba§ it|r ba§ ©erid^t angefünbigt merben mu^: 

Zu /Xiapbc 6t >tal oÖts C60tÖ(; oSte ([^ojjpöc, |iiXXa) os Itjiaat Ix roö 

-sTöiiaTöc; [lOD. S)iefe SBorte geben un§ an ftd^ frcilid^ nodf) fein 9terf)t, 
ben traurigen ^^P^^^ ^^^ ©emeinbe üon Saobicea au§ einem 
SDWPrau^e be§ paulinifd^en @Dangelium§ oon ber sola fides ab* 
juleiten; mofil aber beutet ba§, maS im golgenben jur S^araf* 
teriftif ber Äir^e gefagt ift, auf biefe CueHe l^in. ""On X^stc Sxi 

nXoöotöc 6i(u xal TCsirXoÖTYjxa xal ohdkv )(p£tav ^x^? ^^^ ^^^ olSac ott otj 
et 6 TaXai;ro)poc xal iXeivö^xal ZTtüyix; xal to^f Xö^xal Yt)[jLv6?, ODjJLßooXe&o) 
001 a^opiaat Tcap' i{ioö /poolov 7r6ffop(i)|JL^ov ix 7n)p6<; ?va äXodtt^oiqc, 
xal l|JLdTia Xsuxa iva TtepißdcXig xal jjlt) ^avep(i)&^ ii aiojjovY] r^c Ydjjlvö- 
TTjTÖc cjot), xal xoXXoDptov S7)(proai toix; o^d'ok^oix; ooo iva ßXdingc. 

©g jeigt fic^ f|ier, ba§ bie ©emeinbe Don ßaobicea nid)t nur in 



^arnacf, bte Se^re t>on ber Setigfeit aKetn burd^ ben ©(auBett. 95 

Süimpf^cit unb Xt&gfytit Dcrfunfen n)ar, fonbcm ba| jic in 
wffigcr Scrbicnbung bal^in lebte; aber nod) mel^r — ba^ fxe biefen 
i^n traurigen 3i*f*^^^ ^or fid) unb SInberen red^tfertigte unb 
ifdtä. ^\)x^ armutli pt fie für 9leid|tt|um, itire armfeligfeit für 
geijüic^e Kraft, il^ren 3JlangeI für SBoHenbung. ©iefcr 3^ftonb 
iji md)t einfach bte golge einer fittlid^en 2:rägl|eit, wie fie jebe 
@fmeinbe bauemb ober Dorüberge^enb ergreifen fann, fonbem er 
ijl jugtetc^ au§ einem fc^roeren religiöfen ^rrtlium geboren. 2lu§ 
bem X^Yeig Sn IIXodolöc sijjli xtX. gel^t l^eroor, ba§ bie ©emeinbe 
auf dncm oermeintli^en S3e|i§e po^t, fi^ tbm in biefem 93efi^e 
{(^iDerer @ntftttlid)ung fiingiebt unb über aüe SDIal^nungen er= 
^ben gu fein glaubt. Unmöglid) fann l^ier mit älteren 2lu§* 
Ugtm (fo f^on S^ertuHian de paenit. 8, ©pprian de op. et elee- 
mos. 14) an irbifd^en 9leid^tf)um gebad)t merben — fonft mürbe 
bic ©emcinbe nid)t „lau" genannt fein — , ber angebli^e 93efi^ 
mu^ oielmc^r ein geiftlic^er fein. 3)ann aber fann an nid)t8 
anberc^ gebad|t merben ate an ben ©tauben unb bie 9led)tfertigung, 
bie erlebt ju l^aben bie ©emeinbe ficf) rül^mt. ©ie rülimt jtdE) 
iM ®lauben§, aber er ift ein tobter. SDe§I)alb ift fie in SBalirs 
^ r,arm unb blinb unb nadft". 2luf biefen itiren mirf liefen Qn^ 
ftanb begießt ftd^ ber „SRatI)" ilireS ^erm. aQ3a§ i^r fe^lt, tritt 
in bem breifältigen SRatl^fc^lag mit befonberer S)eutlid^feit l^eroor. 
Sie foU, um mirflic^ reid^ gu merben, fid^ bemäl^rteS geiftlidf)e8 
8ut foufen, b. 1^. mal^rl^aft l^eilige ©laubenSgefmnung fi^ er* 
biöenunb ctmeifen; fie foH ben Kampf mit ber ©ünbe aufnel^men 
«nb bie göttlidtie 93ergebung f ud^en, unb fte f oH fid^ oon ber SBtinb* 
^t befreien, in meldE)er fte Sid^t unb ^i^ft^^i^ ^i^t ntel^r ju 
ttnterfdf(eiben t)ermag. @§ mtberfprid)t bem ©tiarafter ber fieben 
Stiefe ber Offenbarung, eingel^enbe tl^eoretifd^e ©rörterungen ju 
bringen; aber bie ©d^ilberung l^ier ift beutüd^ genug, um erfennen 
JU laffen, ba§ man in ßaobicea auf einem tobten ©laubenSbefi^ 
gepo^t, ba§ man alfo ba§ paulinifd^e ©oangelium mi§braud)t 
H a5ic g3efürd)tung, meldE)e ben SBerfaffer be§ 1. Qo]^.*93rief§ 
tttitbeftimmt l^at, feinen SBrief ju fd^reiben, erfd^eint burdf) ben 
äuftanb ber ©emeinbe oon Saobicea mel^r afö gered^tfertigt. 
Slber erft in bem ©riefe be§ ^afobuS, beffen nad^pautinifd^er 



98 ^axnad, bte Se^te t)on ber Seligfett otCein butd^ ben ©tauben. 

getötet gegen ^auIuS in ben Kanon gef ommcn ift *), unb ba§ anbcrer* 
feitS 5PauIu§ in bem ^afobuSbrief nid)t mit 9^amen genannt ift. 
©0 fonnte man ben Srief al§ eine 2lu§Iegung ber anftö^igen 
paulinifc^en ©teilen betrad^ten, unb ba§ mar in ber S^t bie milt* 
fommenfte 93etrad^tnng ^). 



^) 3JlQn bead^te, U)te ftarl in ben brei lat^olifc^en ^auptbriefen bte 
Siebe unb SiebeSübung betont ift, unb loie fte in if)rer nQ(i|brücIli(^fn 
Srorberung ber SSetoal^rung bie paulinif(!^e $rebigt t)om ©tauben toirftt«^ 
CTöanaen. Slud^ I ?Petr. 4, 8 f. getjört Ijicrl^er: i^ph tcoivkuv ttjv sU iaoxobi; 

&Y^«^v iTtxevyj ijovxtq, 5xi dL-^aKi] xaXurccei kXtjÖ'o? d|iaptittjv • (piXo^evoi tl^ 

') ^n einer fßr bie $[uffaffung beS J!anon8 fel^r bebeutungSüoHen, 
m. Sß. aber üon ben Sfagogifern nid^t beachteten ©teUe tagt Stuguftin mit 
bürren SOßorten, bag bie 93riefe bed $etru8, i^ol^anneS, ^afobuS unb 3ubad 
ben att)cdt »erfolgten, ba8 öer^ängnifeöoUe SD'li6üerftänbni6 ju befeitigen, 
totl^ti \i^ an bie ^autinif(|e Sebve t^on ber 9ie(!^tfertigung (auS bem ©tauben 
allein) angefdjtoffen ^abc. %u^ bie bcrüftmtc ©tette 11 $etr. 3, 14—16 bc« 
Stellt er hierauf. S)ie „subobscurae sententiae Pauli", U)et(|e $etrud meine, 
feien eben bie @ö^e k)on ber 9ted^tfertigung. ^ä^ tomme om Sc^tug biefer 
Stbl^anbtung auf bie auguftinifi^e Stette gurücf; bod^ mxb eiS ertT)ünf(i|t fein, 
fie fdfton l^ier in§ Sluge ju faffen. De fide et operibus 21: „Etiam tem- 
ponbus apostolorum non intellectis quibusdam subobscuris senienüis 
apostoli Pauli, hoc eum quidam arbitrati sunt, dicere: »Faciamus mala, 
ut veniant bona« .... Quoniam ergo haec opinio tunc fuerat exorta, 
aliae apostolicae epistolae Petri, Johannis, Jacobi, Judae contra eam 
maxime dirigunt intentionem, ut vehementer adstruant fidcm sine operibus 
non prodesse, sicut etiam ipse Paulus non quamlibet fidem, qua in deum 
creditur, sed eam salubrem planeque evangelicam definivit, cuius opera 
ex dilectione procedunt . . . Unde evidenter in secunda epistola sua 
Petrus, cum ad vitae et morum sanctitatem hortaretur mundumque istum 
transiturum praenuntiaret . . . sciens de apostoli Pauli quibusdam sub- 
obscuris sententiis nonnullos iniquos accepisse occasionem, ut tamquam 
securi de salute, quae in fide est, bene vivere non curarent, commemoravit 
quaedam difiicilia esse in epistolis eius etc.** @d ift te^rreid^, bag ^tuguftin 
oud^ ben 1. 3ob.-S9rief ju ben 6d^reiben gered^net l^at, bie ein SJliguerftanbnig 
bed ^autiniSmuS abauu^ebren futiben — bie 2)eutung beS ^au^tgtoedd bed 
IBriefS, )oetd^e 98 ei 6 gegeben, erbäll baburd^ einen atten Saugen; nod^ te^r- 
reid^er aber ift, bai er bie ganje ©ruppe ber fatbolifd^en SSriefe im ^anon 
unter blefen ©efid^tSpunft geftettt b^^t. @o fagtc man alfo bamalS bie 
Stellung jener S^riefe im l^anon ouf! 2)ie S3ermutbung, bai fte in ber 
SBitbungSgefd^id^te be§ llanonS felbft fo aufgefaßt toerben mu6, erbött baburdb 



^arnac!, bie Se^re t)on bet ©eltgfeit allein burdd ben ©tauben. 99 

3fn ber nad)paulmifd)cn fiittctatur, forocit ftc un§ im bleuen 
Seftamcntc ertialten ift unb nid^t bcn 9lamcn beß 5ßaulu§ trägt 
begegnet un§ feine beutlid)e Suf^mtnung ju ber Seigre t)on ber 
9led)tf ertigung aHein burd) ben ©tauben, f onbem entroeber ©d^roeigen 
ober fold^e 2lu§einanberfe^ungen, wie wir fie in biefem 2lbfc^nitte 
oorgefütjrt ^aben. 3lber in ben Sriefen, welche bent ?ßaulu8 bei= 
gelegt fmb, unb in einer Stebe, roeld^e i^m in ber 2lpofteIgefcf)id^te 
in ben SJlunb gelegt ift, ift fein eigentt|ümlid|e8 @oangetium nod^ 
richtig jum 3tu§bru(J gebrad^t. @g finb l^ier befonber§ bie ©teilen 

6p§. 2, 8 f. (r§ x^P^^^ ^^^ aeococjjjivot Sia Äiatewc; • xal toöto oh% hi 
i>(jjöv, *eoö zb Stopov • oox i£ Sjyjfwv, tva jjltJ tt? xao)(TJ(Tif]rai), llSiint. 1, 9 
(toO aaKjavTo? "f/fiac xal xaXsaavTO? xXiijosi aYiof, oo xata zä Ip^a T^|i.Äy 
iXXa xoLz tStav Trpödsotv xal x^P^v, t7]v Soä'staav i^filv iv Xptotcj) 'Iyjooö), 
Sit. 3, 5 (oox i$ IpYwv TÄv Iv Sixaiooovig S iTCotTjaaii^v i^fJistg xtX.) unb 
3(ct. 13, 38 f. (yvcoaTÖv Iotö) 6(jliv, ott 6ia toötoo ojjliv äyscjtc ifJiapTtwv 
xataTY^XXsTot, Tcal a^ö irdvTwv wv oox TjSovTJä'yjts Jv vö|X(p Mcooa^ox; 
Sixaico^^vat Iv To&tcp Tcac; 6 m3Teüo)v StxaioöTat) ju em)ägen. S)iefe 

Stellen beroeifen imnterl^in, ba§ bie Sftec^tfertigung^lel^re be§ ^aulu§ 
nidjt mit il^rem Urfieber f of ort oöHig untergegangen ift ; aber man 
barf fie ni^t überfdE)ä^en; benn abgefelien bat)on, ba^ ber nidf)t* 
pautinifcfie Urfprung beS ©pl^eferbriefS nid^t über jeben ^^Jeifel 
erhoben ift, fmb bie pfeubopaulinifc^en ©riefe bo^'o^ne S^^eifel 
unter 33enu^ung ^?autinifd^er ©ebanfen gearbeitet, fomeit ilinen 
nid)t gerabeju paulinifd)e ©ä^e afö Duellen gebient ^aben, unb 

eine flarte @tü|e. @d^lieglid^ fei no(^ fietDorgel^oben, bag ^ugufiin 1. c. § 45 
bie €tette aud bent 1. ^etrudbrief, bie n^ir oben befprod^en Ijaben, au(^ an« 
geführt unb fie aU SBiberlegung fold^er Derftanben l^al, bie ®al. 4, 31 ntig- 
brauchten: „Hmc apertissimam possunt legere sententiam apostoli Petri, 
qui cum loqueretar de iis, qui in occasiouem camis acceperant et in 
velamentum malitiae, quod scriptum est, 9nos« ad novum testamentum 
pertinentes, »non ancillae filios esse, sed liberae, qua libertate Christus 
nos liberavit«, et putaverant hoc esse libere vivere, ut tamquam de tantä 
redemptione securi, quidquid liberet, sibi licere arbitrarentur . . . ipse 
dicit: »Liberi, non sicut velamentum malitiae habentes libertatem« ; ait 
de Ulis et in secunda epistola sua etc." :3mnier U)ieber merben bie S3er« 
f äff er ber fat^olifd^en ©riefe sufammen gegen ben „bunflen* Paulus in« Sfelb 
geführt; f. § 46: ^Et quod Petrus ait »Fontes sicci«, hoc Judas »Nubes 
sine a<iua«, hoc Jacobus »Fides mortua«." 

7* 



100 ^arnad, bte Seilte t)on bet @eltg!eit aSein bur^ btn Glauben. 

bcr angefül^rtc @o^ auS ber Slpoftelgcfd^ici^tc ift fo corrcct pauKnifd^ 
gcbilbct, ba^ er bcm SBerfaffcr be§ ganjcn SSud^g f^leditcrbing^ 
nidit jugetraut loerben f ann, fonbetn für ein überliefertes ^jaulini^ 
fd^e« ©tüd gelten ntu^. 

6. 
Unter ben jafilrei^en ©teilen, in benen im erften 6lemen§bricf 

bie äßorte SCxatoc; SixaioauvT], StTcaiöo), dtxaUo[JUX; SixatOTupayla dox- 

fommen (f. ben Sfwbej ju meiner 2lu§gabe) unb bie an jtd) f^on 
bemeifen, ha^ ber aSerfaffer in ber paulinif^en S^rabition fte^t^ 
befinbet fid) eine einjige, meldte bie Seigre beS 5ßauIuS roefentlidfj 
treu n)iebergiebt (fte ift oben ©. 88 üon un§ citirt morben) ^). 3)ic 
Wltf)Xiaf)l ber ©teilen reprobucirt ben vulgären Zr)p\jS ber Sfle(^t= 
fertigungSoorftellung, nad^ roeld^er ber ©laubc ©e^orfam ift (ogl. 

9, 3: 'Evwx iy offaxo-g SCxaicx; e&pefrel?. 10, If.) unb ber @r* 

gänjung bur^ bie SiebeStl^ätigfeit bebarf (10, 7. 11, If. 12, 1 f., 

vgl. aud^ 50, 5: [iaxdpioi ia^, d ta ;rpoatdY(taTa too 9^ob Isroi- 

Tia(;)*). @ine onbere SRe^tfertigungSauffaffung liegt überl^aupt 
nid^t im ©efi^tSfreife be§ SßerfafferS, unb er ^at feinen 2Inta§ 
gefunben, einen tobten ©lauben, ber fi^ für genügenb mt, ju 
befdmpfen, b. f). ben SJH^braudfi ber paulinif^en Seiire abjumel^ren. 
S)od[) mag eine leife Slbmel^r barin gefunben werben, ba^ er, na^* 
bem r in c. 32 bie paulinifc^e SRec^tfertigungSlel^re fo trefflid^ 
miebergegeben l)at, in c. 33 fortfährt: tC oov Tronjawiiev; apYT(Joa)[jLsv 

Aäö Tfi<; aqa^'OitodoLQ Tcal l^xaiaXi^wiiev r/jv aydTnjv; jJLYjdapLÄc 
TOÖTo idooi 6 SeoTCÖryjc etp' T^|jLtv 75 y^v'^^^*^? ^^* OÄei)oa)|i6v [xsx' 
exteveta? xal Äpo^|JLta? Tcdv Spyov ÄYaö-öv ImteXsiv. S)ie rl^etorifc^c 
grage ift augenfd^einlid) ben rl^etorif d^en fragen be§ ^auluS (9löm. 6) 
na^gebilbet, unb ha^ ber Ißerfaffer bie paulinifd^e SRed^tfertigungS* 



*) ^aulinifdj ifl no(5 c. 38, 2: 6 &->(vh^ ev rj aapxl jx-») äXaCovcoeod*«», 

ber bie Xuijenb giebt. Slel^nlii^ Ignat. ad Polyc. 5. Tertull, de virg. vel. 13. 
') S3gl. auäi c. 33, 7: ei8ojJ.ev Sit Iv sp^ot^ ä^^^o^? «ivxtc exoofi-r|- 

tXap-rj. 



^Qtnad, bie Seigre Hon ber Sellgfeit attetn bux^ ben Glaulen. 101 

le^ ni^t o^nc btefe Sautclcn lötebcrgcbcn rooHte, ift für i^n 
efcenfo d^arcrftcrtflifd), n)ie bic Unfdl)tgtcit, bie jtd^ in bcr 2lrt bcr 
^btemftcDung unb bcr S3cantn)ortung errocift, tDirttid^ eine 
©cüdfe jroifd^en ber paulinifd^en „Tctottc" unb bent „icäv Ip^ov 
iYa*<>v" §u pnben. 3)ie 2lbn)e^r eine§ SÄi^Derftanbniffe« fd^eint 
bem SBerfaffer l^ier nid^t Don Sinken auferlegt, fonbem eine gorbe* 
rung feiner eigenen tl^eologifd^en Slnfd^auung ju fein. SIuc^ eine 
gn^eite ©teße entliolt ni^t eine Volenti! gegen einen tobten ©tauben; 
benn roenn ber SBerfaffer bem S^l^eile ber forintf|ifd|en ©emeinbe, 
n^Id^er fidi von ben l^odimütl^igen unb rul^mrebigen Unrul^eftiftem 
^ intponiren laffen, c. 32, 3f. juruft: xoXXvjdwiJLsv Ixetvöic, oU 

f| yjkpi^ inb toö dsoö SdSorat • lvSDa<i)|JLsd^ rijv 6(JLÖvoiav tawetvo- 
©povoövTs«;, l^xpatsoöfisvot, ixö 7ravTÖ<; tpi^pta|JLOü xal xataXoXta^ 
sdppco iaotooc ÄOtoövTsg, Ip^otg $t%ato6|JLSvot xal jjlt) X^YOtc, 

fo loitt er bie ©emeinbe nur an baS erinnern, mcS if)x felbft ge« 
läufig ift, ba§ e§ ndmlid^ ol^ne S^l^un ber ®ered^tigteit feine 
Äed^tfertigung giebt. ©oId)e ©l^riften, roie fie ber 3iöfobu§brief 
befdmpft, jtnb atfo im 95rief be§ Siemens nirgenbS DorauSgefe^t, 
eben weil er unb bie ©l^riften, meldte er überfd^aut, e§ gar nid^t 
anber§ miffen, afe ba§ bie Sted^tfertigung jmar burd^ ben ©tauben 
enoorben, aber burdi bie Siebe^tl^ätigfeit in Äraft erl^atten mirb. 
3)ej3^alb fann ©lemcnS 93eibe§ fagen: 8td Trfcjteö)? Stxato6|i.s*a 
(c. 32) unb SpYOi^ 8txato6{JLeä'a (c. 30). 

2lu^ in bem fog. 2. ©lemenSbriefe, ber ben 3)urd()fd|nittS* 
tqpuS be§ nad^apoftotif d^en ©emeinbed^riftentl^umiS barftellt *), mirb 
bie @pftenj ber paulinifd^en SRe^tfertigungSlel^re ni(f)t t>orau8» 
gefegt. 9lud^ mirb nur an einer einzigen ©teile Dor faulem yiarmn^ 
d^riftentl^um gemarnt, bod^ fo, ba§ man feinen ®runb l^at, an 
bie ©efal^r eineS 9)Wpraud^8 ber paulinifdf)en Sl^eologie ju 
benf en *). ^n meldten ® ebanf enreil^en ber aSerf äff er jtd^ felbft be^ 



©. meine «B^anblunö über biefe8 ©dJriftfHidt in b. Stf^r. f, 
i{.-@efd6. S3b. 1. 

*) C. 4, 1 : p.*/] jiovov ahxbv xaXd>|J.&v xupiov ' oh f ^p xoöto Oiuoet 
'f^Lä^. Xs-fei 7Äp ' Ob irac 6 XeY<wv jaol xopis xopte ow^oexai, CtW b tcoicüv 
t'vjy 8ixaioa6vir|v. ataxe oav, aSsXcpot, ev toI^ ^p^ot^ ahxbv b[LoKo'^<o\ijev, sv xo) 
a^aicäv ^auTOo^, »v tu) |17] {xoi^^öcod'ai [j.Y]3fc xottaXaXetv iXXYjXwv xxX. 



102 ^arnad, bie Se^re Don ber 6pltgleit atteln burd^ ben ©lauben. 

roegt^ mögen folgcnbc ©teilen leieren; c. 11, If.: i^itsic oov sv 

xad-ap^ xoipSio} SooXs6aü)[JLsv tcp ^ecp; xal io6]U^a biYmoi' eav Sh 
(17) SeoX6&a(0|jLev Sta ti [trj Tnotsöstv i^ita^ t^ iiraYYsXi^j roö d-soö, 
xoXaiircopot iaö|ied'a . . . lav oüv woinjocöftev tyjv SixaiooövYjv 
ivavttov TOD ^600, st(T)i]£o[tev el<; djv ßaatXeCav a&roö. 18, 2: xal 
aotöc iravdajtapr(oXö<; wv xal [tn^icco ^eoYwv töv ;retpaa|iöv, oXX' In 
Äv iv |iiooic tote opY^tvotc Toö SiaßöXoO; airooSdCco ttjv 8txaio- 
o&VTjv 8ia)xetv, oäcoc la/oocD xav IyT^* aurtjC Y^v^o^at, 
9oßo&|JLSvoc TfjV xpbiv rfjv [liXXooaav. 19, 3: :cpd£(0[tsv tf^v 
8txatooöv7)v, tva elc t^Xo<; cja)&w(JLev {laxapioi ol tooTOtc ojra- 
xoDovTS(; Totc icpoatAYl^^tv. S)a§ S33ort „Triartc" fommt in ber 
^rebigt nur einmal vox, unb bort (15, 2) in ber gormel: (j^xa 

7ciat6(i)c xal aYa7nf](;. 

3fn bemfelben 2lnfc^auungSfreife in öejug auf ©tauben unb 
@ered)tigfeit bemegt fid) ber ^irte be§ ^erma§. Unter ben jal^I^ 
reichen Älaff en oon Kl^riften, bie er unterf d^eibet *), finbet ftd) and) 
jene klaffe, n)eld)e Qfof^bu^ befämpft l^at. ^erma§ meijs von 
Kliriften in SRom, n)eld)e auf il^rem ©lauben^befi^e au^rul^en unb 
ilin nic^t in ber £iebe8tl|ätigfeit unb Sffufopferung bemdl^ren motten. 
SD8ie bem Qf^fobu^, fo ift aud) i^m biefer ©laube fein bIo§ an* 
geblid^er, fonbem ein mirf lid^er, aber ein unfrud^tbarer unb barum 
ein fold^er, ber für ben ©f^riften nici)t ausreicht. ^ierau§ ergiebt 
fid), ba§ aud^ ^erma§ ben (Slauben ate ein gel^orfameS SBiffcn 
unb ^offen fennt. ®ie ^auptftette, bie ^ierl^er gel^ört, ftct^t 
©im. Vni, 9, 1: „©iejenigen aber, meiere fold^e ß^^is^ ^b» 
geliefert Iiaben, bie ju jmei dritteln oertrodfnet maren unb ju 
einem ©rittet grün, baö ftnb bie, meldt)e jmar ben ©tauben an= 
genommen l^aben, aber xtx6) unb bei ben Reiben angefelien gc» 
morben finb. ©ie mürben fe^r ftotj unb l^oi^mütl^ig unb ocr- 
tiefen bie SQBal^rl^eit unb fd)loffen fid; nidE|t ben ©ered^ten an, 
fonbem führten ein Seben mit ben Reiben gemeinfam, unb biefer 
2Beg erfd^ien i^nen al§ ber angenef)mere. 2tber oon ©ott finb 
fie nid)t abgefallen, fonbem oerl^arrten in bem ©tauben, 
ol^ne jebod^ bie 3Berfe be§ ©laubenS ju tl^un (sv^jtsivav rg 
TctoTei, |iY) lpYaCö(jievot 8^ ta IpYa xffi tdiotsox;)." ©auj dl^ntid) tauten 

^) B. bie ^rolegg. gu meiner ^luSgabe ®. LXXIX. 



^arnacf, bte Se^re Don bev Sengfeit allein bur4 ben (Bloulben. 103 

bic Stetten »fe. in, 6, 5 unb ©im. IX, 20. 2)a^ eS fid^ bei bicfcn 
Seuten um bicfclbc 2lrt l^anbelt meldte QfafobuS c. 2 befämpft, 
ift bcutli^; aber ^ennaS jagt nid)t, xoaS ^atobuS ooraiiSfc^t 
ba§ jene tobten ©Triften il|r angeblid)e§ ©^riftentl^um tl|eoretif(^ 
ju re^tfcrtigen t)erfucf(tcn. @§ ift möglief), ba§ ftc baS getl^an 
toben, unb menn e§ gefd^al^, fonnte e§ nur burd^ ^Berufung auf 
bic paulinif^e 2:i|eoIogic gef dielten; aber e§ liegt nad) ber ©c^ilbe« 
rung beS ^ermaS na^er, anjunel^men, ba§ fie mel^r n)eltfüd)tig 
unb Ici^tfertig alS t)erblcnbet waren. 3)ie midjtigfte @r!enntni§, 
bie roir ben ©ä^en be§ Vermag entnel^men fönnen, ift bie, ba§ 
i^m unb feinen 3^tgenoffen «tatK; unb IpY« motewc ganj oer* 
fc^iebene 3)inge maren. 2)arum geftel^t er ju, ba§ <3^wi^i^^ ©tauben 
^en f önne, oline ein bem ©lauben entfprei^enbeS d)riftlid(e§ Sßer- 
^(ten. S)er ©taube ift alfo etroa^ 2teu§erlici)e§, unb ba§ i^n 
^ermoS fo auffaßt, gel|t auö ben SBorten l^eroor: „oon ®ott finb 
fte nid^t abgefallen." 3)a§ miß nur befagen, ba§ fie il^ren ©lauben 
b. I|. i^ren S^riftenftanb nid^t öffentlid^ verleugnet l^aben. Slugen* 
ft^einlirf) rechnet i^nen ba§ ^erma§ jur ©erec^tigfeit. hieben bie 
innere 93eurt]^eilung tritt alfo bei i^m fdt)on eine äußere. ®amit 
tunbigt ft^ ber Äatl^oliciSmu^ an ; benn eben bief e Unterf dieibung 
oon äeu^erlidiem unb ,3nncrlic^em, mobei Qtmm bod) ein SQSertl^ 
beigelegt wirb, ift fatl^olifd). 

3in bem SarnabaSbrief liegen anertennungj^mertl^e JBerfud^e 
oor, bie paulinifdje 2:]^eologie feftju^alten*); aber bie oulgäre, fo 
oiel oerftänblic^ere 2luffaffung ber religiöfen ©üter unb 5ßflic^ten 
ld|t biefe SSerfuc^e nid)t gelingen. Sßor 2tltem fann fid^ ber SScr* 
faffer oon ber Sßorftellung nic^t trennen, ba§ bie JRed^tfertigung 
erft am ®nbe alter 2)inge eintritt, roenn mir bie Sßerl^ei^ung em* 
pfangen ^aben (ogl. j. 93. 15, 7: tots xaX(0c xaTa7caoö{ievoi aYtaoo|i€v 

kaTYeXiotv, [irpxAzi oSoyjc zffi (ivo(iia(;). ©ben be^l^alb l^at er einen 
Sa§ gebilbet (4, 12), ber in ooHem ©egenfa^ ju ^aulujg fte^t: 
6 XDp:o^ a7cpoaa)ZoX75{t:rcü)c xptvei t6v xöajiov. ixaaroc xa^wc iTcotrpsv 

*) 3Jtan Dßl. J. SB. 13, 7: xi oov Xe-^ec xa> 'Aßpaifi, 2te ji-ovo; 
«OTSosa^ exednq et( B'.xatoaovYjv; t^ou xc^ixd oc, 'Aßpadfi, icaxipa s^vwv 



104 ^arnadf, bte Se^re Don bei @eligleit atteiit bur^ beit ®(auben. 
xo[tiertat. iav -jj oqa9^<;y r^ StxatooövY] o&roö ÄpoYjYi^astai aütoü. 

Offenbar ift l^icr „©cteditigictt" bic burd^ Outfcin crroorbcnc 
Stcditbcfcfiaffcnl^eit ^unb bicfc JBorftcIIung ijetbtnbct bcr SBcrfaffcr 
faft überall mit biefetn ^Begriff. 3)ann aber ift eS fel^r Derftänb* 
tid(, ba^ ber SBerfaffer lurj cor bem eben angefül^rtcn ©a^c 
f otgenbc ÜÄal^nung für nötl^ig ^dlt (4, 10) : ii-^ xa*' saotoöc 4vS&. 

vovte? (lovdtCete a>c ^^ri S68txat(0(ji6vot, oXX' äjcl tö a&tö oovsp- 
5(ö|jLsvot oovCYjtette Tcepl toö xotvrjj oojiy^povToc- ^ier begegnet unS 
lieber bie SQBamung oor ber ©cftnnung, bie aud^ ber ^alobuSbricf 
befdmpft. S)er SBerfaffer l^at Seute im Sluge, bie fx6) für f^on gerecht* 
fertigt l^alten unb e§ be^l^atb an ©emeinfmn feilten laffen, ja fiti) 
fogar oon bem gemeinfd^aftlid^cn fieben unb bem @emeinbegottcg=» 
bienft jurürfjiel^en. @r fd^eint anjunel^men, ba§ ein foldf) übleä SBer* 
Italien bie notliroenbige golge ber Ueberjeugung, fcf(on geredfjtfertigt 
}U fein, fein mu§. 2llfo mad^en mir liier mieberum jene boppcite 
SBeoba^tung, erftlid) ba§ bie JBertreter be§ OemeingtaubenS in 
jener ^txt ilire d^rifttid^e @rfenntni§ nid^t na(^ ber paulinifd^cn 
JC^eologie ricf(ten, jroeiten§ ba§ ^otmeln biefer ä^l^eotogie nod> 
bei ©inigen in Äraft ftel^en, jebodt) eine ©efal^r bilben, nämli^ 
ein ®]^riftentl|um ju fdfjü^en, bem e§ an ©emqinjtnn unb 2[uf:= 
Opferung fel^tt. 3)iefer ©efal^r rourbe im 2. ^föl^^'^unbert immer 
mieber entgegengetreten unb jroar mefenttid^ mit ben Sttitteln, 
meldte QfafobuS unb ^ermaS angaben — mit ber Formel: „(Staube 
unb 3Berfe". ©o l^ei^t e^ in bem alten pfeuboclementtnifcf(en SBriefe 
de virginitate (I, 3 ed. 5^^^^)/ ^^^ feinem S^arafter nad^ ber 
Urlitteratur angel^ört: „Nomen fidelis solum sine opeiibus non 
introducet in regnum caelonim; si quis autem fuerit fidelis in 
veritate; is salvari poterit. Nam quod quis nomine tantum 
vocatur fidelis, operibus autem non est, non ideo illi contingit, 
ut sit revera fidelis. Igitur cavete ne quisquam decipiat vos 
vanis sermonibus erroris etc." *). 2lnbererfeit8, mo eg nid^t galt. 



') S)ie Briefe bed 3gnatiu8 unb $oI^far|) bieten f&r unfere Sfrage 
feine HuSbeute. 3n bem SSrief beS ^olt^faxp ift gtoar „(Sere^tififeit* ein 
^auptbegtiff; ober ber SBerfaRer gel^t nid^t t^eologifdj auf benfelben ein. 
3gnattu8, ber ^tebiger beS ©loubenS unb ber Siebe, fielet $aulu8 fe^r nalfte 
(D^t. bef. Sm^nt. 5, 1 bad »^^^^ o& icapa xobzo Ssdixucufiai"), aber bie 



^ornacf, bie IBe^re Don ber @etiglett allein burd^ ben ®(auben. 105 

fltäiäf^ ©^bctt gu Beldmpfcn, too mclmel^r baS ®l|riftent]^um ber 
ffietel^eit bicfer SBcIt gegenübcrgcftcllt rourbe, ba Wieb c8 bei ber 
folgen ^ormtl, ba§ ber (Staube an ©l^riftuS felig tnad^e. @o l^at 
j. S. ®clfu3 (Orig, c. Geis. I, 9) immer mieber ron ©l^riften 
ge^rt : „Unterfud^e, prüfe nic^t, f onbem glaube nur. S)ein ©laube 
wirb bid^ feiig mad^en." (5r ^at rid^tig berid^tet. gaft mit ben= 
felben SBorten fagt S^ertuIIian (de praescr. 14): „Quaerendum non 
est . . . fides tua te salviim fecit, non exercitatio scripturarum.^ 

6. 

SRarcion l^at ben ^auIinijgmuS mieberäuerroedfen oerfud)t, unb 
aud) bie ®nofti!er l^aben ftd^ befanntlid) fe^r eingel^enb mit ben 
poutinif^en SBriefen befdiäftigt unb if^re ^^l^eologie j. Zf). mit ben 
allein ber pauttnifdien S^l^eologie auferbaut. 33efonber§ l^aben 
jie feine fiel^re oom 5ßneuma mipraud^t, um il^re pl^tiftfd^e unb 
bualiftif^e Sil^eologie mit berfelben ju begrünben. 5^rner l^aben 
fie })in unb l^er feine Seigre oon ber greil^eit unb ber Unoerbinb- 
lic^feit be§ ®efe^e§ in ben S)ienft eine§ principiellen Slntinomi^muS 
geftellt. 3)od^ ftnb bie Serid^te ber Äird^enDdter in biefer ^in= 
jt^t mit großer 3Sorfid)t auf june^men. SEßir Iiaben ]^inreid)enben 
®runb ju ber 2lnnal|me, ba^ fie nidt)t fetten ©efinnungen aU 
frinolen 2lntinomi§mu§ geftempeft Iiaben, beren Sauterfeit unb 
^o^eit fie nid)t mürbigen fonnten nod^ moHten. @ie l^aben un* 
jroeifel^aft mit bem üerjerrten 5ßaulini§mu§ aud) ben ed)ten, menn 
er i^nen bei ^areäfem entgegentrat, rerbammt, unb fte Iiaben bie 
geiftigc greil^eit, meldie einjelne ©noftifer gemonnen l^atten unb 
bie fie in i^rer SBeurt^eitung ber Sljgtefe unb beö 3Jlartgrium§ jum 
äuSbrud! brad(ten, atö SQBeltfmn unb Seibenöfd^eu beurt^eilt. ^a^ 
für finb au§ ben Ouellen nodf) genug Semeife beijubringen, ob= 



Siaqe (Blaube ober (Blaube unb äBerfe tDirb ntrgenbd t)on t^m geftreift. 

2)a6 3ufitn'iS begriff oom ©lauben unb t)on ber ©ered^tigleit fi^ im 

Skiffen unb S^un ber etoigen ©ittengebote (Botted toefentliil erfd^5pft, 
! ^at D. (gngel^arbt in feiner 9Jlonogra|)I|ie über bas (S^riftentl^um 3uflin'd 

\ na^getoiefen. 98ir müf|en bie $(poIogeten l^ier bei Seite lajfen; benn fte 

fe|en fid^ nie mit einem S^riftentl^um auSeinanber, bad nur ©laube 

feilt toiSL 



106 ^axnad, bte Sefire don ber ©eltgicit adeln burci^ ben ©laufen. 

gicicf) biefc Oucßcn faft burc^roeg nur über ba8 Slbfurbc bcr 
gnoftifdicn Seigren SBcrid^t crftatten. 

Qn bicfcm ^ufammen^angc fragt e§ jtd) aber, ob SÄarcton 
unb bic ©noftifcr auf bic befonbere Se^rc von ber SRei^tfertigung 
au)g bem ©tauben im ©egenfa^ ju ben SQBerfcn eingegangen fxnb 
unb fie l^eroorgel^oben Iiaben. 3BBaö ben ©rfteren betrifft, fo barf 
man ©ermutigen, ba§ er e§ getl^an ^at, aber bie au^erorbentttd) 
ftrenge Slsifefe, raeld^e er forberte, oerbecfte ben ®egnem biefe ©eite 
feiner 2:]^eoIogie. ©o l)at benn aud^ ber Äatlfolif SRIfobon, weiter 
einen SBerid^t üon feiner Unterrebung mit bem ©d^filer be§ 3Äarcton, 
2IpeIIe§, gegeben ^at (Euseb., h. e. V, 13), bie ©rtöfungglel^rc 
beffelben in beffen eigenen SQSorten alfo reprobucirt: awönjoeoftat toic 

enl TÖv iaTaüpcD|xsvov f^XTrixötag, [lövöv sav Iv Sp^ot? i^a^oic eopi^- 

xwvTai. 2)ie§ ift eine gut fatl^olifd^e gormel. 2lber anbererfcitS 
ift eö offenbar, ba§ ber Kampf mit ^fflarcion unb bem @noftici§mu5 
bie a3ertf)eibiger be§ @emeinglauben§, bie ol^nel^in ben paulinif^en 
Formeln mit 3Jli§trauen ober mit Unoerftanb begegneten, nocf) 
mi§trauifd)er mad^en mu^te. SJian braud[)t ftd) nur jener jal)!* 
reid)en gnoftifdjen @d^e ju erinneni, in benen ba§ ^eil afö ein 
ben ^neumatifern fid^ere^ uerfünbet mirb ober in benen bie (Sx^ 
l)abent)eit be§ ©noftiferjg über bie Sittengebote — t|ier mie bort 
in paulinifd^en 3Benbungen — jum 2lu§brudt fommt, um ju er- 
tennen, ba§ bie Kirdt)e burd) fotd^e 2:^efen in i^rer J^^^^I- 
„©laube unb SBBerte" nur beftärtt werben tonnte. Q6) greife 
einige biefer @ä^e, mte fte ^renäu§ jur (Sd)au gefteUt I|at, l^erauS. 
I, 23, 3 (£et)re ber ©imonianer): „secundum enim ipsius gratiam 
salvari homines, sed non secundum operas iustas." I, 25, 3 
(oon ben Karpof ratianern) : „et in tan tum insania eflfraenati sunt, 
uti et omnia quaecunque sunt irreligiosa et impia in potestate 
habere et operari se dicant." I, 6, 2 (oon ben ptolemäifd^cn 
SBalentinianern) : airooc 8s [iy] Sia Tcpd^swc, iXXa Sia tö y&ost 

;tvso[iaTixoi)C eivai, savtig ts xal irdvTox; oco^TjosaO'ai 8oY|iattCo!)atv. 
'ö^ Y^P '^^ 5(Olx6v aSovatov owTYjpiac; jieTao^^stv, o5t(o<; TcdXtv tö 
7rv6t)|xaTtxöv d-^Xoootv ol aorol elvat aSovatov y&©pav xataS^^ao^ott, 

x^v OTcoiaixQ ooYxataYSVüDVTai irpo^eaiv. 8v ^ap Tp6;rov xpoo&<; Iv 
ßopßöp(p xaraTs^elc oix aTuoßdXXst ttjv xaXXovY]v aoroo, aXXa rijv 



^arnotf, bte li^e^te t>on bei €cligfeit aUein buT(| ben Glauben. 107 

iotav ^TiOtv Sta^Xdtrret, toö ßopßöpoo ^yßkv iSix-^oai Sovajiivot) töv 

Ypy36v ' oStcd 8fe xal aorooc X^ooot, x^v Iv öirocotc oXtxatc TcpdSeoi 

xatgcT^vovtot, [iyjSsv aoioüc TrapaßXdTTTsi&at, |nf)Sä ajroßaXXstv r/jv 

zv3T>{tanxt]v rjröotaotv. 2)ie Unocrlicibarfcit bcr gcifttt(f)cn Dualität 

ttnb bie @rl>abcnl|cit über bie „operationes" tft oon bcn ©nofttfem 

oerfünbet roorbcn*) — um fo cnergifd^cr bcftanb bie Äircfic auf 

bet 9ßöglid>feit, ben gewonnenen ©nabenftanb n)ieber ju oerlieren, 

unb auf bcr gorberung, gute Söerfe ju leiften, um feiig ju werben. 

9(Uein eben in jener @po^e, in metdier ber ©noftici^muS 

ben ?ßauüni§mu§ biScrebitirte, begann man bamit, bie paulinifd)en 

Briefe ate fanonifc^e Slutoritäten anjufel^en. SSäie ba§ gefd)e]^en 

ift unb nnirum, gehört nid^t l^ierl^er. SJlan barf aber in biefem Qu* 

fammcn^ange mol^l ba§ @ine bemerfen, ba§ bie ^Briefe nur bann 

bcr Äirdjcnlel^re entfprad)en unb pe ftfi^ten, menn man fte afö 

^ilige, infpirirte ©c^riften unjn)eifclf)after 2lutorität betradjten 

burfte ; bcnn bann mar e§ ja unmöglid), ba§ pe etmaS enthielt n, 

voaS roibcr bie Äircf(enlef)re üerftie^. 2lber, menn aud) in be= 

f(^ibenftcr SBSeife, mu^te bancbcn bod^ ber roa^re (Sinn bicfer 

Sriefe jur 2lnerfennung fommen. 2)a)g ®rgebni§, meld^eS fo ent- 

ftanb, fann man au§ bem großen SBerfe be§ 3^^näu8 ablefen. 

„2)er ®laube red)tferttgt allein unb ba§ ^eil ift ein oon Oott ge- 

fc^cnfte^ ®ut" — „ber ©laube unb bie SBerfe begrünben bie 

Seligfcit"; alfo mie beim römifd)en Kiemen^, nur me^r burc^* 

bac^t unb oertieft. @ine genauere 3)arlegung biefe§ ©ad)oer^altc§ 

^t iüngft SBerner in ben „2:eyten unb Unterfucf(ungen" 33b. VI, 

^. 2, ©. 202—213 gegeben. @§ mag fein, ba§ bie £et)re bc8 

OrcnäuS nur miberfprud^Sooll erfcf)eint, menn man fxe an bem 

^ulini§mu§ mi§t; aber barüber ift fein Qtozx^^i, ba^ er l^in unb 

\ffx unter paulinifcf(en SSäortcn unpaulinifct)e ©ebanfen oerbirgt, 

unb ba^ ba§ eingelienbe ©tubium, melc^e^ er ben ©riefen beg 

2(poftete gemibmet, il^n im legten ©runbe in feiner Ueberjeugung 

„(Slaube unb SBerfe" nid)t ju erfd(üttem oermod^t I|at. Äat^olifc^e 

') §cnnad (8im. VIII, 6, 5) fd^eint bcreitd ]old^t ßcute öorauöau» 

:oö dsoö, p^Xioxa xoö? 4)|xapT7|x6xa?, ji-r] öt^tevxe? fisxavoetv aöxo6? ftXX« 
Tol^ liZay(aXi xalq |jLU)pait; Tcei6'ovx£^ aoxo6{. 



108 ^arnadC, bie Se^te Don bet ©eltdlett allein bur(j^ ben ®(auben. 

©Triften, bic ben ©tauben allein betonten, ftnb il|m, foroeit mir 
ju urtl^eilen oermögen, nid)t belannt geworben . 

7. 

9tber in nod) oiel l^öl^erem @rabe afö burd) bie gnoftifc^c 
Ärtft§ n)urbe bie ^xaQt nad) bem @runbc unb ber ©erodier ber 
©eligfeit feit bem legten S)rittel be§ 2. Qafirl^unbert^ burd^ bic 
fdiroeren ©ontrooerfen beftimntt, roeldje eine golge ber unabroenb- 
baren aSerroeltüd^ung ber Ätrd)e waren. Um jte ju mürbigcn, 
jtnb einige allgemeine JBorbemerfungen notl^roenbig 0. 

®§ mar allgemeine Ueberjeugung in ber ^eibenfird^e, ba§ 
bie ©eügfeit mit ber 2:aufe gefdjenft werbe, ^n il^r mürbe ba§ 
SSBerf ©l^rifti bem ©injelnen angeeignet, alS beffen fjrudit Sfinben^ 
ijergebung unb emigeS Seben galt, ©etauft mürbe nur ber 
©Idubige, b. 1^. berjenige, melcfier jtd) oon ber SBalfrl^eit ber 
cf(riftlid)en Sßerfünbigung überjeugt Iiatte, f\6) x^x in ©el^orfant 
unterwarf, feine Hoffnung auf bie jufünftige SBelt rid(tete unb 
ein l^eiligeS Seben ju leben oerfprad^. ^n biefen ©tüdfen war bic 
3)i3pofition für bie Jiaufe gegeben, unb in il^nen erfc^öpfte ftd) 
jugleid^ nad) allgemeiner Slnpd^t ber ©laube. 5Bon l^ier auS 
lie§ ftd^ fowol^l fagen, ba§ ber ©taube, at§ aud) ba§ bie Saufe 
fetig mad^e. Seibe ©a^e fxnb m. SSB. in ber 3^it ^^^ i^'^ 2Wittc 
be§ 3. ^al^rl^unbertS I|öd)ft feiten in ©egenfa^ ju einanber geftellt 
worben. SWan fal^ fie oietme^r at§ ibentifd) an: ber ©taube 
mad^t fetig, fofern er bie Sebingung ber 2^aufe ift^ 

weld)e in ben ^immet einführt. 3^^^ ^^^^^ f^^^ i^ 1^^^^ 
@pod)e ein ftd^ fteigernber 9lad(brudE auf baS 3)lr|fterium at§ fot^eS 
gelegt unb auf bie magifd)e, äu§erlid)e 3tpptication be§ ^eilS*); 

^) 3uT näheren S3egTünbung berfelben uertoeife i(| auf ben erften Sanb 
meines Iße^rbud^d ber S)ogmenQefd^i(!^te. 

*) 3n biefcr ^inftd^t ift Tertull. de paenit. 6 fe^t toidjtiß. too ben 
j^ated^umenen eingefd^arf t n^erben mug, bag fie fid^ nt(|t in ^inblid auf bie %au\t, 
bie alle @Ünben tilgt, einem @ünbenleben l^ingeBen. „Quod si qui ita 
senserit, nescio an intinctus magis contristetur, quod peccare desierit, 
quam laetetur, quod evaserit/ 3n btefem Sufammen^ang toamt Xeituttion 
tior ber „praesumptio intinctionis'', ber er bie ©d^ulb an ber SSerad^tung ber 
magren Säuge giebt, unb er fprid^t in btefem 3ufammen^ang ben @a)^ aus): 



^atnad, bie Seigre bon ber 8eUg!ett atlein bur(| ben ®(auBen. 109 

aber ju einer tl^eologifcfien Sleffcpon über ben Stntl^eU beS 
Sacramentö unb ben 2lnti)eil beS ®Iauben§ ift e§ faum gcfommen. 
2)ie entf d^eibenbe SBebeutung ber inneren ®is^pofttion, be8 @lauben8, 
nrarbe f eftgel^atten '). 

SBon ^ier auS erl^oben ftcf) olfo nod) leine @d|n)ierig!eiten : 
toeber bel^nptete man bie (Sufftcienj beS ©laubenS ol^ne bie 
Joufe no^ bie Sufficienj ber 2^aufe o^e ben ®Iauben. aber oon 
einer anberen ©eite erroud^S boS fc^roerfte ^oblem: bie 2:aufe 
ifot, fofern fie bie ©ünben tilgt nur rücfroirfenbe SBebeutung; fxe 
wrpfli^tct jugleid) ju einem l^eiligen Seben. ®a§ ©efe^ biefeS 
beiligen fieben§ ift ber ooCfommene jßerjid^t auf biefe SQ3elt, 
loel^er bie „©ünblofigteit" einfd^Iie^t. 3QBie nun aber, menn bie 
@etauften bod) fünbigen? Dl^ne 3^^if^I Ö^^^^ f^^ cerloren; 
benn @Iaube unb S^aufe fd^affen bie ©eligfeit nur unter ber 
felbftDcrftanblid^en SSorau^fe^ung, ba§ aucf) bie SBerfe 
beg ©laubenS ^jollbrad^t werben; SSiele finb berufen, SBenige 
jmb au^ermäl^lt. älQein menn SlQe ober bod) faft ällle taglid^ 
fünbigen, wenn fetbft bie groben SBergel^ungen innerlialb ber 
@emeinbe mit jebem ^ai)t junel^men, menn Seiner geredjt ift, 
aud^ nid>t Siner — mie bann? Qff* ^'^ S^uje Stiftung ©Iirifti 
umfonft? 

833ir fte^en l^ier befanntlid) bei bem einfd^neibenbften Problem 
ber inneren ©efd^ic^te ber Äircf(e im 2lltert]^um. Um e§ ju er« 

»non ideo abluimur, ut delinquere desinamus, sed quia desiimuB, quoniam 
iam corde loti sumns.'' 

*) !Dlir ift nur ein SfaQ belannt, ba^ in ienerS^it bei Glaube gegen 
boS Sacrament (bie %auU) audgefpielt toorben ift. Tertull. de bapt. 13 f.: 
yhic ergo scelestissimi illi provocant quaestiones. adeo dicunt: baptismus 
Don est necessariuB quibus fides satis est; nam et Abraham nullius aquae 
nisi fidei sacramento deo placuit ... de ipso apostolo revolvunt, quod 
dizerit: non enim me ad tinguendum Christus misit. quasi hoc argumento 
baptismuB adimatur." SiS ift le^trei^, bag l^ier ein sacramentiun fidei bem 
aacramentum baptismi entgegengefteQt toorben ift. $lber im ®runbe mug 
man M barüber tounbern, bag ber geiftige (S^aralter ber d^riftlid^en [Religion, 
ben no^ bie Apologeten fo energifcig jum Studbrud gebraut ^aben, nid^t 
^ufiger in einer Qbf(!^ätigen SSeurt^eilung ber S^aufceremonie angeleitet l^at. 
2)od^ — ®ei|lige8 unb SJl^fterium gehörten ben bamaligen 9nenf(!^en su* 
fammen. S)a5u fom bai ungeheure @eU)i(|t ber Ueberlieferung. 



110 ^arnad, bie Iße^re t)Dn ber ©eltgfeit alletn h\xx6^ ben ®>la\xbtn, 

f d^öpfcn, mü^tc bie ganjc @t^ä)iä)te bcr @ntftcf|ung unb ©nttoirfctung 
bcr Söu^biScipltn mitfammt bcr niontamftifd^cn, I)ippolt)tifd)ett unb 
noüatiamj'd)cn ©ontrooerfc aufgerollt roerben. 2lIIein bic§ ift für 
unfere fpeciellen 3«^^^^ "id)t notliroenbig. ®§ genügt, ftd^ ber 
principiellen SJlomente ju oerfidjem. 3)enjemgen, roeld^e bcn 
SBeftanb ber ©etneinben tro^ ber fortfd^reitenben 95erit)eltlid|ung 
gegenüber ben JRigoriften aufred^tfialten ju muffen meinten, ftanben 
jroei SQSege offen, um i^re praftifd^e Haltung tl^eoretifd) (bog* 
matifd)) ju red)tfertigen. ©ie fonnten entmeber bie 2lnfprü(^e bcr 
regula disciplinae fo l)erabfe^en, ba§ ftd^ ein bequemere^ ©l^riften- 
tf|um mit i^nen vereinigen lie^; in biefem ^aflt blieb bie fiber^ 
lieferte formet: ©laubeunbaBerfe unangetaftet. Ober fie fonnten 
ba§ Sßer^dltni^ oon ©lauben^regel unb Sittenregel, ©taube unb 
aBerfe, neu ju beftimmen fud^en. 9Burbe ber le^tere 2Beg be* 
fd)ritten, fo mar nod) ein 3)oppeIte§ möglid^. 3Äan fonnte aßen 
9lad)brurf auf ba§ ©laubenSfacrament (bie ^aufe) legen refp. 
ejg burd) neue ©acramente ergänjen, ober man fonnte ben 95egrtff 
be§ @ tauben § (5BerföI|nung unb ^Rechtfertigung) bearbeiten unb 
feine ©ufficieuj nad^meif en gegenüber ben gef orberten f c^meren SBerf en 
be§ ©laubeng. 

SlUe biefe 2lu§mege fmb ergriffen roorben, unb jmar ^at 
man fte combinirt. ®a^ bie 2lnfprüd(e an baS df(rtftlidf(e fieben 
t)erabgefe^t, ba^ jugleid) bie SBorftellungen nom Sacrament gc^: 
fteigert, ba§ enblid) neue ©acramente gefdt)affen roorben fmb, ift 
befannt genug. 2lllein ba^ anö) Sßerfuc^e nid)t gefehlt l^aben^ 
ben begriff be§ ©lauben^ ju bearbeiten, unb ba^ man bei bicfen 
93emül|ungen auf eine eDangelifd):^paulinifd)e ©pur geratl^en 
ift, ift minber befannt. ©§ ift in ber ©poc^e gefd^etien, roelc^c 
burd) Xertutlian'g ©d^riftftellerei bejeid^net ift, in ber aud) bie 
„fiayen" nod^ nid^t ben SJlutl^ gefunben ^aben, fid^ burd) bie 
„©acramente" nad) allen ©eiten ju panjem unb mit ilirer ^ülfe 
ben Slnläufen ber ftrengen ©Ijriften auSjuroeid)en. ©ine 3Äufterung 
ber a)gfetifdt)en ©d)riften 2:ertullian'ö roirb ^ier am ^la^e fein. 

3)en roeitauö größten SRaum in ber ^olemif 2:ertullian'§ 
gegen bie „lajen" ©Triften nel^men bie Sßerfudie ein, i^nen i^ren 
©d^riftberoeig für ba§ SRed^t ber ^erabfe^ung ber d)riftlidt)en ®i§* 



^arnad, bte Se^r^ bott ber @eltg!eit otlem burd^ ben (Blauben. 111 

cipHn ju entreißen, ^n einem anbeten ä^f^wi^^^'^önge rodre e§ 
oon ^o^er SBSiditigfeit bie ^ojitionen ber ©egner in öejug auf 
bie ^t. ©d)rift genau ju unterfud(en unb barjuftelten. ®^ ift ba§ 
bte^r ntd)t gefd)e]^en. Slber für ben oorliegenben Qxotd ift biefe 
Unterfu^ung Don geringerer 93ebeutung *). dagegen ift e§ oon 
§5(|fler SBebeutung, bie ©teilen in§ Sluge ju faffen, in benen jtd) 
JertuHian gegen neue SBorfteHungen feiner ©egner vom ©tauben, 
Bon ber SBu^e unb üon bem ßwfö^^^^'^^^S Sn)ifd)en ©tauben 
unb ©eltgfeit rid)tet. SQSir erfennen liier, ba^ bie 9lot^ ber 3^it 
ben Sl^riften neue ©rfenntniffe aufgegroungen l^at, in benen S^er* 



^) SRan hta6^tt, ba^ SertuQian fd^on in ben @d^ttften de specta- 
calis unb de idololatria mit (Begnem innerhalb ber ©emeinbe oou ^ar* 
4090 lu t^un ^at, toel^e fl(^ füt i^re lojceten llnfiti^ten tbetld auf baS 
6(|iDcigen ber SBibel, tl^eils auf beftimmte S3ibelftctten beriefen, ©ebr beliebt 
töüTtn ^aulinif(!^e ©teilen, 3. 93. bafe man, „bamit nid^t ber ^amt geläftert 
»eTbe", bad ß^^riflent^um öer^üllen muffe, baft man „Ullen gefallen follc*, 
bai man stillen Ätte« fein muffe" (de idoloL 14; de cultu fem. 11, 11), 
ba§ man „bie SQßelt gebraui^en bürfe'* (de cultu fem. 11, 9) unb „SlKed er- 
laubt fei* (1. c. 10. de exhort. 8 etc.). 3n Sejug auf bie Srage, ob man 
in ber SBerfolgung fliegen bürfe, tuar ein ©d^riftbeiueid, ber fie bejahte, auS» 
ftebilbet iDorben; er teurbe bem Sertullian l)b(^ft unbequem (Scorp. If. 9. 
10. 14; de faga Iff.). 9tamentlid^ ber ©prud^ bed ^errn: „Sfliel^et aud 
einer @tabt in bie anbere", ma^te groge 6(|U)ierigfeiten (de faga 6£f., de 
coron. 1: „nullam aliam evangelio memoriam curant"); baneben tuurben 
ja^Iit^e Argumente aug ber ©d^mad^^eit ber menfd^lid^en 9^atur beigebraci^t, 
benen gegenüber ber Stampf leidster fd^ien (de fuga 5. 7. 10); aber aud^ fie 
tDurben biblif4 begrunbet; man foUe „bie ©d^load^en tragen", «bem IBbfen 
tti^t Raum geben*, „bie Seit auslaufen, toeil bie 3Iage böfe feien" (1. c. 9). 
Set 1i4 ©trafloftgteit erlaufte, fagte U)obl aud^, bag er bem C^r^reffer gegen« 
über feinen (Sl^ri^enftanb belannt unb fo ber gforberung genügt f^dttt (12); 
an^ muffe man „bem Üaifer geben, tx)ag beg üaiferd ift* (1. c), „ben Sfeinb 
be|4toid^tigcn", „fid^ Sreunbe mit bem ungered^ten ajtammon mad^en" (1. c. 13). 
$01 Ullem aber in ben eigentlid^ montaniftifd^en ©d^rif ten f^ai es S^ertuUian 
fotttoSIirenb mit ©d^riftfteHen ju tbun, toeld&e bie „^f^d^ifer" wiber bie 
togen Sfafteu' unb CEbegebote ind Sfelb führen: „2)aS gfleifdg ift fd^toadg" 
(de pud. 22); „beffer ift beirat^en alö SSrunft leiben" ic, f. de virg. vel., 
de padic, de monog., de ieiun. 3n biefen Xractaten bc^t er fid^ aud^ gegen 
bie ton ben lajen ßaien felbft b«tbeigefüt)rte Unterfd^eibung einer boppelten 
Sittli^leit (für bie Äleriler eine jirengere, für bie ßaien eine leid^tcre) ju 
toenben. 



112 ^atnacf, bie Ütfj/tt bon ber 6eItgYeit atitm burd^ ben Glauben. 

tuHian nur einen 2)edfmantel ber 93o8l|eit ju erbücfen üermog^ 
rodl^renb fte bod^ „eijangeltfci^" ju fein f (feinen unb meUci^^t 
roirflid^ eoangelifd^ gemeint waren, ©eine eigene ^ofttion ift Mar. 
„A fide ipsa vita nostra censetur" *); barum rutnirt ber S^eufel 
juerft ben (Stauben (burc^ bie ^drefie). 2lber nad^ bem ®Iau^ 
ben ruinirt er bie 2)i8cq)Iin *), „in cuius tenore totus status 
salutis constitutus est" »). S)a§ ^eil berul^t alfo auf bem ©lauben 
unb ber [trengften ^wci^tfibung. 2Ba8 aber bringen bie „Krci^Iid)en" 
®egner i)or? 

3fn bem 2:ractat de spectaculis, einer ber älteften ©d^riften 
^ertuHian'g, l^ei^t e8 gleich im ©ingang c. 1 : „tanta est volup- 
tatium vis, ut et ignorantiam protelet in occasionem et con- 
scientiam corrumpat in dissimulationem. ad utrumque adhuc 
forsan alicui opiniones etbnicorum blandiantur, qui in ista causa 
adversus nos ita argumentari consuerunt: nihil obstrepere 
religioni in animo et in conscientia tanta solacia 
extrinsecus oculorum vel aurium nee vero deum 
offendi oblectatione hominis, qua salvo erga deum 
metu et honore suo in tempore et suo in loco frui 
scelus nonsit." 2K§ l^eibnifdje SRebe fmb biefe SSäorte ein* 
geführt; aber ate eine l^eibnif^e SRebe, bie ftd^ uietteid^t fc^on in 
bie ^erjen einiger ©l^riften, meldte bie alte (Strenge uerlaffen^ 
eingefd)meid^elt l^at. S)en SJleiften unter un§ erfd^einen l^eute biefe 
SBorte oerftänbig, ja „euangelifd)", ba fxe ben ©lauben afö etroaS 
^nnerlid^eg oorauSfe^en unb bel^aupten, ®ott merbe burd^ bie 
Vergnügen ber 3Jlenfd(en nic^t beleibigt; XertuQian bagegen mögt 
nid^t einmal anjunel^men, ba§ ein K^rift fo beulen lönne. ^n 
ben folgenben -^al^ren freilid^ mu^te er einfel^en, ba§ e8 mirflid^ 
©l^riften gab, bie fo bad)ten. <3n ber ©d^rift de cultu fem. l^at 
er bereite weitere ®ntbecfungen in biefer SRidt)tung gemacf)t; aber 



^) de monog. 11. 

') de monog. 2: „Adversarius spiritus primo regulam adulterans 
fidei, et ita ordinem adulterans disciplinae, qoia caius graduB prior est, 
eius corruptela antecedit, i. e. fidei, quae prior est diBciplina.** Sle^nli^ 
in ber @d^rift de praescript. haer., cf. c. 41 f. 

■) de pudic. 9. 



^arnadf, bte Seilte t)on ber ^eltgfeit allein buT(!^ ben ®(auben. 113 

mi) jc^t roitt er nod^ jtpeifcln. „Aliqua fors dicet", fagt er 
n, 13, „non est mihi necessarium hominibus probari: nee 
enim testimonium hominum requiro; deus conspector est 
cordis", b. i). mand)c ^rau, bic fid) rote eine ^eibm Öeibet, 
beruft fxä) oieüeid^t barauf, ba§ eS ja nur auf ba§ gute ^^xi 
anfontme; man braudje bal^er fein ©l^riftentl^um nid(t äu|erttci^ 
}u seigen. ^a^ @inige roirflid^ fp argumentirt l^aben, gel^t auS 
ber gangen @d)rift l^eroor. ÜIKt üotter S)eutlic^!eit ift aber erft 
in ber ©dirtft de paenitent. bie (Sjriftenj i)on folciien ©l^riften 
bejeugt i>i^ SCertuttian alfo d^ralteriftrt unb apoftropl^irt (c. 6): 
„Sed aiunt quidam satis deum habere; si corde et 
animo suscipiatur; licet actu minus fiat; itaque se 
salvo meta et fide peccare — hoc est salva castitate 
matrimonia violare^ salva pietate parenti venenam temperare.^ 
einige dl^Iid^ lautenbe ©a^e feien gteid^ angefd)Ioffen. @ie be* 
gießen fxd) auf bie 93egrünbung be§ SRec^tS, fwf) ber SBerfoIgung 
}u en^iel^en. S:ertuIKan n)itt fte jundd^ft von ^dretüem gel^ört 
^ben; aber fie oerbreiteten ftd^ auci) unter ben fatliolifd^en 
©l^riften. „Ob ber mol^t tobtet, ber jum ^eile führen fott? @in* 
mal ift ©l^riftuS für unS geftorben, einmal ift er getflbtet, bamit 
mir md)t getöbtet mürben. SQBenn er aber bag ®Ieici|e bafttr 
jurüdforbert, fo ermartet mol^l auc^ er fein ^eü i)on meinem 
3:obe? Ober oerlangt etrpa @ott ba§ 93lut ber 3Wenfd(en, unb 
jmar ber ®ott, melier baS i)on (Stieren unb SBfldfen üerfciimäl^t 
^at ? 9lein, er mitt lieber bie SBu^e beS ©ünberS afö beff en Xob. 
©0 menig münfciit er alfo ben S^ob ber ©ünber" (Scorp. 1). 
35a§ ift eine ganj neue SSetrad^tung in einer 3=rage ber d^riftlid^en 
3)i^cipKn. aber biefelben Seute, bie fo „eoangelifd^" unb fo 
bequemlid^ fprad^en, argumentirten aud^, man oerleugne nic^t 
Q^ftum, menn man unter Umftanben ftd^ afe ©l^riften oerleugne ; 
nur bie Sßerleugnung ©Iirifti aber fei oerboten; mer fid^ felbft 
afö ©Triften oerleugne, lönne be^l^alb noc^ immer an ©l^riftuS 
glauben (Scorp. 9) ; man braucf(e audt) auf @rben fein SBe!enntni§ 
oor ben SJienfdien abjulegen, um fo weniger, ba ®ott nicf)t nad^ 
bem Stute ber 9WenfdE|en bürftc unb ©l^riftuS (f. oben) feine ^zx^ 
geltung für fein fieiben oeriange (1. c. 15). :3»n ber ©cfirift de 

^eitf^rift fttr 2^e»(oflie unb ftirc^e, 1. 3a^rg., 2. 4^cft. g 



114 ^arnad, bh Se^re üon ber Settgfeit atletn buri^ ben ®(au6en. 

fiiga (c. 3) fprid^t 2:crtulltan t)on einet „fides frivol a et 
fr ig 1 da" ber SeibenSf d)euen ; „dicitis enim, quoniam incondite 
convenimus et simui convenimus et coroplures concurrimus in 
ecclesiam^ quaerimur a nationibus et timemus^ ne turbentur 
nationes.*' ©ie Ifaben ein S)u^enb von ©tünben, für ilire SeibenS* 
fd^eu. SD8enn wir unS fo offen befennen, „quo modo eolligemus, 
quo modo dominica soUemnia celebrabimus?^ Qu ©runbe liegt 
überall ber ©ebanle: „ber ^erjenSgtaube genfigt". ^^ertuHian 
^at bemgegenüber bie fcfineibenbe 2lntn)ort: „Non quaeritur qui 
latam viam sequi paratus sit, sed qui angustam. Qui non capit, 
discedat" (1. c. 14). SBer eS nid)t faffen !ann, möge au8 ber 
©emeinbe austreten. 

2:ertullian beurtl^eilt bie 2lrgumentationen ber ©egner lebiglid^ 
afe 2lu8flüffe i^rer unfittlicl)en @efmnung(„fide8 frivola etfrigida"), 
unb bod^ meinen roir^ aud( eoangelifd^e 2;öne l^ier l^erauSju^ören. 
„®^riftu§ ift einmal geftorben, bamit mir nid^t fterben", „@ott 
mtH nid)t ben Zob be§ ©finberS", „SBenn ba§ ^erj @ott unb 
(El^riftuS anlfängt, fo werben bie @d)mad^]^eiten beS 5feifd)e§ Dcr* 
geben". Seiber befi^en mir feine Sd^riften oon ben Seuten, bie 
alfo fprad)en. SBielleidfit fönnten mir bann beffer entfd^eiben, 
»elcfien 2lnt^eil an il^ren Söorten ber ©laube unb metdfjen bie 
SSequemlid^feit gel^abt l)at. 2lber menigfteng in einem Siractat 
SertuHian'S, ben mir bisher nod) nid)t berüdEficf(tigt l^aben, liegt 
eine jufammenl^dngenbere 2lu§einanbcrfe^ung feiner @egner Dor, 
bie er ?ßunft für ^unft ju beftreiten ftd) angelegen fein lä^t — 
in bem ^ractat de pudicitia. 

(&S l^anbelt ftd) um bie S3u^biSciplin. S^ertuUian unb 
Stnbere mit i^m maren burd) ein ©biet be§ römifcf)en 93ifdf|of8 
Äatttft im 2:iefften erfd^redft unb empört morben. ^n biefem 
©biete erflärte ber 33ifcf)of^): „^ä) oergebe aucf) bie Sünbcn beS 



'J @e ift berfelbe, ber eS für eine Qöttlt(!^e SSeranftaltung erKftrt ^atte, 
ba6 in ber Üitc^e ®ute unb 93öfe ft4 fAnben, tpaS fd^on burd^ bie reinen unb 
unreinen X^iete in ber ^rd^e 9loa^ im SSorauS angebeutet n^orben fei; 
f. Philosoph. IX, 12 p. 460 (ed. S)under). UebrigenS muffen ftd^ fd^on 
früher bie in ber ©uöfrogc fiajen auf bie Slrd^e berufen l^aben; f. Tertull. 
de idolol. 24: „viderimus enim si secundum arcae typum et corvus et 



^arnacl, bte IBe^re üon bei Setigfeit atlein but4 ben Glauben. 115 

®^6ru(^§ unb bcr ^urcrct bcnen, bie S8u§e getrau l^abcn." 
Sieben biefcm ®btct unb njaf^rfdieinüd^ ntdE)t unabhängig oon il^nt 
— bie Srage fott unten berfifirt werben^) — war eine ijott* 
flänbige unb förmlid^e Scgtilnbung ber ^xojAS, nad) roelc^er bem 
©Triften bie groben O^Ieif^eSfünben ju oergeben feien, bem Ztt^ 
tuHian befannt geworben, ©ie njiberlegt er in feinem 2:ractat; 
biefetbc t)at für un8 ba§ l^öc^fte ^ntereffe. 

3)ie ©egner, fo beginnt er fein tlieilmeife mörtfidfieS SReferat, 
behaupten goIgenbe§: „Deus bonus et optimus et misericors et 
miserator et misericordiae plurimus^ quam omni sacrificio ante- 
ponit; non tanti dueens peccatoris mortem quam paenitentiam^ 
salutificator omnium bominum et maxime fidelium. itaque et 
filios dei misericordes et pacificos esse oportebit^ donantes in- 
vicem sicut et Christus donavit nobis, non iudicantes ne iudi- 
cemur. domino enim suo stat quis vel cadit: tu quis es, ut 
servum iudices alienum? dimitte, et dimittetur tibi" (c. 2), 
2)ie SGBiberlegung biefer ©d^e leitet 2:ertuIIian mit ben Sorten 
ein: „Talia et tanta futilia eorum, quibus et deo adulantur et 
sibi lenocinantur^ effeminantia magis quam vigorantia disci- 
plinam." S)ie ©egner argumentiren ferner (c. 3): „si aliqua 
paenitentia caret venia, iam nee in totum agenda tibi est^ nihil 
enim agendum est frustra. porro frustra agetur paenitentia^ 
si caret venia, omnis autem paenitentia agenda est. ergo om- 
nis veniam consequatur, ne frustra agatur, quia non erit, si 
frustra agatur. porro frustra agitur, si venia carebit." ®et 

©inn ift beutKd^: man foll für jebe ©ünbe SBu^e tl^un — man 
fott nid)t3 ^\x6)Üo\eS tl^un -r- Su^e ol^ne JBergebung ift fruchtlos 

milvus et lupus et canis et serpens in ecclesia erit. certe idololatres in 
arcae typo non habetur. nuUum animal in idololatren figuratum est. 
quod in arca non fuit, in ecclesia non sit.'' S^ertulCian ift no^ unüor* 
Mtig genug, bte Urd^e a(d Sotbilb ber Stiid^t ansuerfennen. !^agegen fal^ 
^ippol^t in ber %x6^t nid^t baS liBorbilb ber Stirbt, fonbem beS ^erm, 
f- Sfragm. 127 (p. 195 ed. ßagarbe): xtßa>t6(; ix iokiav io-rjicxcov ahxb^ tJv 

^) @d laffen fid^ fe^r ge)Di(^tige (Brünbe bafür anfül^ren, hai XertuIIian 
eine S^rift bed AaQift ober bod^ eine t>on i^m gebilligte Sd^rift im $luge 
tat, lebenfatf^ eine römifd^c. 

8* 



116 ^ornad, bte Se^re t)on ber 8e(tg!ett oüetn burd^ ben ©TauBeit. 

— olf ift bte SBcrgcbung in SScjug auf jebc ©ünbc (nacii ber 93u§=^ 
leiftung) ju ertl^cilcn. SSBcitcr beriefen fid^ bie (Segner auf ©yempel 
aus ber 1^1. ©dfirift, unb jwar, wie e§ fd^etnt, nid^t auf SKtid^e 
©teilen^), fonbem lebigüd^ auf SJlSIid^e. Unter biefen waren c§ 
befonberg bie 5ßarabetn vom verlorenen ©d)af, ijerlorenen ©rofdien 
unb ijerlorenen ©ol^n, bie jte ausbeuteten, bagu ba§ SSBort ß^rifti^ 
ba§ er nid^t gelommen fei, bie ©ered^ten ju berufen, fonbem bie 
©ünber, unb baS anbere ©dfiriftroort, ®ott roolle lieber bie 93u^e 
afe ben Sob beS ©ünberS. ®ie Parabeln unb biefeä SBort 
beuteten fie auf bie ©laubigen, bie in ©ünbe gefallen waren, 
nicf(t auf bie Reiben (c. 7 ff.): „ovis proprie Christianus et grex 
domini ecclesiae populus et pastor bonus Christus et ideo 
Christianus in ove intellegendus , qui ab ecclesiae grege erra- 
verit.^ „drachma in domo amissa i. e. in ecciesia, ad lucemae 
lumen reperta i. e. ad dei verbum"*). ^n ber ?ßarabel Dom 
oerlorenen ©ol^n meinten fte f(f)on be^fialb in bem ätteren SBrubcr 
ben Qfuben erfennen ju muffen, meil er ben jüngeren (ben Sliriften) 
um bie SBerföl^nung mit ©ott beneibet („licet et Christiano 
reconciliationem dei patris invideat^ quod vel maxime di- 
versa pars carpit" c. 8). ^n bicfem ^f^geren fallen fic 
ben gefallenen ©l^riften, nicf(t ben Reiben. S^crtuHian gerätli über 
biefe 9lu8legung gauj au§er ftd) (c. 9: „SBenn ber ein ©l^rift 
ift, welcher ben Dom 5Bater erl^altenen SßermögenSantl^eil, b. ff. 
bie a;aufe unb ben 1^1. ©eift unb bamit bie Hoffnung beS emigen 
SebenS, oergeubet, inbem er ben 5ßater oerläft, in ber fjemc 
umlierfd^meift unb l^eibnifd) lebt, menn er ber geiftigen ©ütcr 
beraubt fogar bem 5^^*^^ biefcr SBelt [mem anberS afö bem 
a:euf el ?] ©f laoenbienfte leiftet unb oon il^m mit ber Fütterung ber 
©aue b. ^. bem S)ienfte ber unreinen ©eifter beauftragt mirb — 



*) öon 3l2:ii(Sen ©teilen fijcint nur €3«*. 34, 2 ff. (c. 7) auöcfü^rt 
tDOtben 3U fein: „Denique si meministi prophetanim, cum jpastores incre- 
pantur etc." 

') SertuQion !ann biefe S)eutung nid^t fi(!^er beftreiteit; ba^er r&umt 
er l^^pot^etifd^ bie 9nögli(|!eit ein, bag bie Parabel ftd^ auf gefallene G^rtflen 
bejie^e, ipiQ aber bann nur an leid^tere SBerge^ungen, nid^t an SobfÜnben 
beuten. 



iQQxnad, bie iße^re bon ber ©eligleit aQein burd^ ben ®(auBen. 117 

iDcnn ein foId(cr jur SBeftnnung gefontmcn unb jum Sßater 
jurürfgcfel^rt x% bann werben bereits nid^t nur bie ©l^ebxed^er 
unb ^urer, fonbem bie ©öfecnbiener unb ©otteSldfterer unb aScr« 
leugnet unb ber ganje ©^roarm ber 3lbtrünnigcn auf ©runb 
biefer ^arabel bem SBater ©enugtl^uung leiften, bann tft in SBal^r* 
^eit ber ganje Seftanb unferer SÄeligion burd^ biefe§ @Ieid^ni§ 
jerfiörtl")- 3)ie ®egner lel^nten aber femer nod^ bie ®eutung 
ber 5ßarabel auf bie Reiben (ftatt auf bie gefallenen ©Triften) 
auf ®runb folgenber ®m)dgung ab (c. 10): „iam non competere 
ethnicis paenitentiae denuntiationem, quorum delicta obnoxia 
ei non sint, ignorantiae seil, imputanda^ quam sola natura 
ream deo faciat. porro nee remedia sapere quibus perieula 
ipsa non sapiant, illie autem paenitentiae eonstare rationem, 
ubi conscientia et voluntate delinquitur, ubi et culpa sapiat 
et gratia. illum lugere^ illum volutari, qui seiat et 
quid amiserit et quid sit recuperaturus, si paeni- 
tentiam deo immolarit, utique eam magis filiis offe- 
renti quam extraneis.'^ XertuQian antn^ortet voU ^ol^n 
mit jenem ©elbfteinrourf beS 5ßaulug : „wenn bem f o ift, wenn @ott 
lieber bie 93u^e rooHle afö ben %oh be8 ©finberS, ber felbft lieber 
ben Sob wollte, wenn man ftd^ barauf uerlaffen barf, fo ermerben 
mix uns burd^ ©ünbigen Sßerbienfte (peceando promeremur)!" 
Unb nun fd^üttet er feinen 6pott au§ über „bie ©eiltänjerei" 
biefer SHoral, bie auf bem bünnen ©eil, ba§ fie fid^ gebrel^t, mie 
auf feftcm 93oben unbelttmmert einl^erjufdireiten uermag. ©ie 
brauet nidl)t ju jittem; benn „®ott ift j|a gut; nid^t bie Reiben, 
fonbem bie ©einigen, roetd^e ftraud)eln, fängt er auf unb brürft 
jie an'g ^erj; bie jmeite 93u§e mirb bid^ auffangen, bu mirft 
nac^ bem ©l^ebmd^ jum jmeiten 9Äale ein ©l^rift fein — fotd^e 
SReben bieteft bu mir, bu nad^fid()tigfter ^ermeneut ©otteS!" 
Slu^er ben Parabeln uerroiefen bie „ßayen" aud^ auf äil^atfad^en 
aus ber ©efd^id^te ^t\u, fo auf bie gro^e ©ünberin, auf bie 
Samariterin ac. (c. 11). ®en SlpoftoloS anlangenb, fo beriefen 
fie ftc^ befonberS auf U Äor. 2. 9flad^ biefer ©tette l^abe 

^) 3n biefem Sufammenl^ana gebeult 2:ertuIItan aud^ DoU (gtbitterung 
^ fivttta bed ^enuod; auf ben ftd^ bie ©eguet beriefen. 



113 ^arnadt, bte Seigre bon bet Sedgleit atteiii burd^ ben Glauben. 

^auIuS ben 93lutf(^änbcr (I Äor. 5) toiebcr Sßergebung ange* 
bellten laffen. ®cmgcm&^ beuteten fie bie SBorte „jum Jöerberben 
beS 5Ieifd(e§" I Ror. 5, 6 auf bie ftrengen 93u§* unb gaften* 
Übungen; ber Slpoftel l^abe ben aSIutfd^dnber bem ©atan jut 
SBefferung übergeben, bamit er wegen ber Äafteiungen 93cr* 
jeil|ung erlange; fo l^eige eS ja aud^ I S^im. 1, 20 ^gmenäuS unb 
SKIejanber feien bem ©atan übergeben, bamit fie gebeffert 
würben nid^t mel|r ju Idftem, unb ber Slpoftel fagc von fid^ 
felber, er I|abe einen ?ßfal|l im ??Ieifci^, nämlii^ einen Sngel bc§ 
©atanS, ber il|n mit Rauften fd)lage, bamit er fid^ nid^t über* 
l^ebe; alfo l^abe man baS „Uebergeben an ben ©atan" als ein 
3ud(tmittel jur Sefferung auf jufaffen. ^xt berfelben 3Beife fol* 
gerten fie au8 n Sor. 12, 21, ba§ ®^riften für ^urerei unb 
Unjud^t mirffame 93u^e tl^un fönnen (c 13—17). aBo biefe in 
ber ©dE(rift generell verboten feien, fei boä) nie bie Sßergebung 
auSgefd^loffen (c. 18: „haec ad interdictionem pertinebunt 
omnis impudicitiae et ad indictionem omnis pudicitiae^ salvo 
tarnen loco veniae^ quae non statim denegatur^ si delicta dam- 
nantur, quando veniae tempus cum damnatione con- 
cur rat, quam excludit"), ober mo bie ©^ebred^er befinitio 
t)erbammt werben, ba fei x)on ben Reiben bie SÄebe, nid^t 
Don ben ©laubigen (1- c.). 9Bo bagegen ©l^riften gemeint 
feien, ba l^abe man ftetS aujunel^men, bag bie SJerbammung eine 
bebingte ift — big fie DoHfommene 93u^e getl^an Iiaben (1. c: 
„quid, si et hie respondere concipias, adimi quidem pecca- 
toribus Tel maxime came pollutis communicationem, sed ad 
praesens, restituendam seil, ex paenitentiae ambitu, secundum 
illam clementiam dei, quae mavult peccatoris paenitentiam 
quam mortem? hoc enim fundamentum opinionis ve- 
strae usque quaque pulsandum est''), hieben paulinif(^en 
©teilen beriefen fte fxä) aud^ auf 3lpoc. 2, 20—22, wo ber Slpoftel 
„manifeste fomicationi posuerit paenitentiae auxilium^, unb 
namentlid^ auf I ^ol^. 1, 7: „sanguis fihi eius emundat nos ab 
omni delicto", unb auf bie gortfe^ung v. 8. 9 : „si dicamus nos 
delictum non habere, seducimus nosmet ipsos, et veritas non est in 
nobis. si confitemur deUcta nostra, fidelis et iustus est, ut dimittat 



^axnad, bie Seigre t)on ber ©eligfett allein bur(^ ben ®IauBen. 119 

ea nobis etemundet nos ab omni iniustitia; näl^me man nod^ v. 10 
u. 2,1. 2 f)mivi, fo ftünbe fcft fowol^l ba^ rotr fünbigen, afö ba§ 
loir SBctjci^ung finben (c. 19: „secundum haec, inquis, et delin- 
quere nos et veniam habere constabit"). ®a8 Siedet ber 93er* 
jei^ung unb jtoar ber aSerjetl^ung aud( ber ©ünben gegen @ott 
jlc^ nur beim 93ifd^of, auf ben bie doctrina unb potestas apo- 
stolorum übergegangen fei. S)ie ^(i)e l^at baS SHed^t, ©ünben 
}u oergeben. Qn ber Äird^e aber I|at e§ ber 93ifd^of ; benn bem 
^ctruS feien bie ©(^lüffel übergeben. Sieben bem ©ifd^of fielet 
auc^ ben SWärtgrem, in benen ®l^riftug n^irffam ift, baS 95ergebungg* 
re^t 3u. 

®S ift eine ganj gefi^Ioffene Sßorftettimg, bie unS l^ier ent* 
gegentritt, mittelft meld^er bie ®egner ber SKgoriften in SÄom unb 
Karthago eine Sleuorbnung ber 93u§bi8cipUn ju begrünben unter» 
ne^en. Unb biefe „benignissimi interpretes dei" reben „ex)an= 
gelifc^". ^n folgenben ^auptpunften fönnen mir il^re Slnfd^auung 
fotmutiren, bie ein befonbereS ^f^tereffe aud^ be^l^alb beanfprud^t, 
weil ftc roatfrfdieinlid^ t)om römifdien a3ifd)üf Äaöift felbft l^errül^rt 
ober bodE) t)on il^m ju ber feinigen gemad^t morben ift ^): 

^) 2)a6 bieg bet gfad \% Idgt ftd^ butd^ folgenbe (Stb)&gungen tt)a^r> 
|4einli(j^ mad^en: 1) 2!ertutttan gel^t in feiner @($rift ))on einem „^etem^« 
toiifd^en (gbicf beiS römif(^en Sif($ofd („pontifex maximus'' »episcopus 
episooporum'') auS, ber nur ^aQift geioefen fein fann. S)iefe$ übtet 
fünbigte ben bußfertigen ^urem unb @^ebred^em SSerjeil^ung an. 3m gfort- 
fiong feiner ©cftrift fftört er feine ©egner, beren SBortc er mitt^eilt, gtoar 
taii^a im$Iural an (c. 2 init., 3 init., 6 p. 228, 31 ed. IReifferf^etb, 
8 p. 234, 18. 9 p. 238, 19. 19 init.: „diversa pars". 10 init. 10 p. 240, 13. 
13 init. 13 p. 244, 23. 15 p. 251, 27. 18 p. 260, 27. 19 p. 263, 12 etc.), 
aber bamit toed^felt bie Stnrebe an einen üingelnen, ber unmigüerftanbU^ lein 
Hnberer ifi, aliS eben Äottifk (6 init. 6 p. 229, 6 sq. 7 init. u. ff. 7 p. 233, 7. 
10 p. 240, 10: „benignissimus dei interpres". 10 p. 240, 14 u. ff.: „a qua 
et alias initiaris". 12 init. 13 p. 243, 25 sq. 13 p. 244, 2: „bonus pastor. 
benedictus papa". 14 p. 246, 22. 16 p. 253, 22ff. 16 p. 255, 17: „auda- 
cissimus adsertor impudicitiae". 17 init. 17 p. 258, 21flF. 18 init. 18 p. 
259, 11 p. 260, 22. 19 p. 262, 20. 264, 2. 12; bor ?lflem aber c. 21 u. 22, 
too bie ^olemil geßcn ben „apostolicus", ben S^la^folger ^etri, unberl^üHt 
it). 2)iefe SBeobad^tungen erllären fid^ am einfa^flen bei ber 9lnnal^me, bag 
Mifi felbft fein ebict oud ber ^l. ©d^rift unb ber @o($e begrünbet ^at, 
oi^ baß Knbere mit feiner Approbation in feinem @inne über bad- 



120 ^axnad, bie ü^e^te t)on ber Seligleit allein butd^ ben (Blouben. 

®ott ift ber gute unb befte, ein ®ott ber SBarml^erjigleit^ 
ber ftd^' Mer erbarmt, ber ®rlöfer be8 SWenfd^engefdileditS. 

aSott biefer @r!enntnt§ mu§ aCe Sl^eologte au§gel|en: @ott 
rotH md(t ben 2:ob beS ©ünber§, fonbem feine SBefelirung. 

©pecieH boS ©Iiriftentl^um ift bie SÄeligion ber SJcrföl^nung : 
ber oerföl^nte @ott — bog ift ber gro^e Unterfd^ieb jnnfci^en 
©l^ten unb Quben. 

®iefe SBerföl^nung ift bur^ ben 2;ob ®l^rifti ju ©tanbc gc* 
tommen: er ift geftorben, auf ba^ wir nid^t fterben. ®amit ift 
®ott ®enfige gefd^el^en, unb er verlangt nun !eine Opfer mcljt 
nod^ me ©rftattung, nod^ gar ben 2;ob ber 3Äenfd(en. 

®ie aSerföl^nung ift etwas SBIeibenbeS — wir l^aben nun einen 
^rfpred^er bei ®ott — , unb fic wirft fid^ au8 in ber ©ünben* 
t)ergebung. 

®iefe ©ünbenuergebung fornrnt ben ® laubigen ju ®ut; 
iwax ift ®ott gegen aCe 3Äenf(^en ber barml^erjige ®ott; aber 



felbe gefd^neben l^aben, ober bo^ betbeS bet SfoII koar. 2) $it)t)ol))t giebt in 
ben $^tIofo))]^ttntenen IX, 12 p. 458 sq., na(!§bem e^ bie bogmatifi^e ^rrlel^Te 
beS ^allifi gegeigelt, ein S3tlb t)on feinen bi8ci))UnaTen @runbfä^en. 2)tefed 
S3tlb ftimmt, koenn man bie S^ersertung in Slbted^nung bringt, 
mit bet Haltung beffen, ben SeTtuHtan in betSd^rift de pudic. 
angegriffen l^at, t)on{länbig. 9ln einer fel^r loi^tigen Stelle Ift^t 
igxppolt^i ben ftaütfi fogar tbtn bas ©^riftwort anf&^ren, loel^eS ^ertutltan 
bei feinen Gegnern f>Mmp% nfimli^ 9l5m. 14, 4 (f. Philosoph, p. 460, 15 
u. Tert. de pud. 2 p. 222, 16). (gnbli^ bemerlt $i))))ol4t au8- 
brüdlid^ t)on ^allift, bag er gur S3egrünbung feiner neuen 
S3u6bi8ci))Iin ©^riftflellen in groger 3a(I angeführt (abe. 
9la#em er mitgeil^eilt, bag ft^ ftaHifl auf 8fl5m. 14, 4 u. !intt^. 13, 29 u. 
bie Ux^t 9loa^ berufe, fftl^rt er fort (p. 460, 21): xal 8oa nph^ tooxo Sova- 
xh^ fy oovÄY»tv oßxai^ 4jpfjL'f|v8t)08v (ügl. Tertull. c, 10 p. 240, 10: »l^&ec 
tu mihi, benignissime dei interpres**, unb gu bem folgenben Sa^e be< 
^ip^olQt [IfxnaiCoytsc iaotoic xe xal icoXXol^ xtX.] f. ben @))ott 2^ertunian*ft 
im 10. (S^apiitl). €8 fann ]^iema$ m. ü. ni^t loo^I begtoeifelt koerben, bag 
ber tl^eologif^ begrünbete @d^riftbeto)ei8 ber Sa£en, ben S^ert. in ber 6d^rift 
de pud. anfül^rt, ber @4riftben)ei8 bei» itaUifl ifi. 2)ann aber ift tu über« 
^au^t toal^rf^einli^, ia me^r aU U)a(rfd^einli(^, bag Sertuttian eine @4rift 
beS ftaüifi, refp. ein motioirteiS 6bict beffelben, ))or ft^ gel^abt l^at 6o 
l^at ftu$ ^agemann, fRbm. ^ir^e S. 54 f. geurtbeilt, ber aber S^l^t^nn 
für ben fi^erfaffer l^ait. 



^arnadt, bie 2t^xt k)on bet 8eligleit attein imxä^ ben (Stauben. 121 

bie ©laubigen fxnb bie ©einigen, bie Reiben finb in geroiffem 
Sinn no6) %x^mht. ®en©5]^nen wirb bie ©nabe gefd^enft, 
unb btc SBegriffe ©d^ulb, @nabe, SBergebung gelten überhaupt im 
eigentUdfien ©inn nur von beut 5Bert)dItni§ ber ©laubigen ju ©Ott 
unb ©otteg }u ben ©laubigen ; benn ©d)ulb im tiefften ©inn be§ 
SBorteg l^at nur ber ©laubige; S3u^e unb 95e!e]^rung fann ftreng 
genommen nur ber leiften, ber mei^ maS er verloren I|at unb 
roaä er nnebererlangen foö; ©nabe ift im ©runbe bie ©nabe burd^ 
3efum ei^riftum. 

SBol^I fünbigt ber ®I|rift nod^ — er mürbe lügen, menn er 
c§ leugnen mürbe — , aber eben il^m gilt ba§ SBort, ba^ (Sl^riftuS 
bie ©ünber annimmt, unb ba§ ©ott nid^t ben 2;ob be§ ©ünberS 
miD. ©in grober ©ünber, ber ^eibe ift, gel|t uerloren; ein 
grober ©ünber, ber ©l^rift ift, mirb gerettet, menn er burd^ SBu^e 
mieber ju ©ott jurüdffel^rt; benn ber ©ott, ber bie SBu^e miß, 
fiebert bannt bie SSergebung ju. 

Salier muffen au^ bie ©öl^ne ©otteS barml^erjig unb frieb* 
fertig fein unb muffen ftd^ unter einanber vergeben, mie ®I|riftu8 
il^nen t)ergeben l^at. ©ie bürfen nid(t rid)ten, bamit fie nid^t 
gerichtet merben — benn mer ftel^t ober fallt, ift nur feinem 
^erm Sfted^enfd^aft fd^ulbig — , vergeben, bamit il^nen Der* 
geben mirb. 

©pecieß bie SBifd^Jfe fmb Don bem ^erm mit ber 2lu§* 
fpenbung ber ©ünbenoergebung betraut, meil il^nen bie 3Äad^t ber 
äpoftel übertragen ift. — 

Stile biefe ©d^e finb mit unmi^Derftänblii^er Älarl^eit t)on 
AoSift unb feinen ©efmnung^genoffen Dorgetragen morben *). 
©iel^t man t>on ber legten SGBenbung ab, bie l^ier nid^t in S3etrad)t 
fommt, fo mu§ man fagen: biefe Sluffaffung giebt mit DoHer 
S)eutlidf)feit bie paulinifd^ = euangelifd^e SSerföl^nungS* unb SRed^t^ 
fertigungSlel^re mieber, unb fie ftellt fid^ eben be^l^alb auf ben 
©oben be8 ©laubenS. S)ie ©laubigen ftnb bie Äinber ©otte§, 
erlift burd^ ben 2:ob (Sl^rifti, unb fie l^aben burd^ ben ©lauben 

^) Snon koitb finben, ba^ fte f&inmtU(^ auS ben oben mitgetl^eUten 
Zitaten ab^al^ut ftnb. üine 9leconfiruction ber l^ier 3U ®runbe liegenben 
Sd^rift, bie 1$ für mögU(| ^alte, ift nid^t beabftd^tigt. 



122 ^arnacf; bte Se^re t)on ber ©eltgfeit aUtxn buid^ bett ® tauben. 

bic ©ünbetiDcrgcbung in il^rcr 3Äitte: fic leben üon ber ©ünben* 
Vergebung, finb beg gndbigcn ®otte§ gerot^ unb feigen fxd) be^l^alb 
iDcbcr nad^ Opfern nod) nad^ neuen 95erfö^nung§mitteln um, 3)aS 
d^rtftlii^e äehm tft @Iaube, S3u§e, göttüd^e SBergebung unb Der* 
gebenbe 95ruberltebe. 

©0 l^at ein römifd)er 95ifd^of am Stnfang beS 3. ^ü\ft^ 
I|unbert§ gefprod^en unb bemgemä^ 2:obfttnbem bie SBergebung 
eröffnet. S)er t)iel gefd^mäl^te Saöift rebet eoangelijd^, unb il^m 
gegenüber fielet ber Äird)enoater 2:ertullian unb beftreitet biefc 
2tuffaffung afö uneoangelifd^, leid^tfertig, ja alg einen 3)edtmantel 
ber ©ünbe. @r uertritt bie alte Iieibend^riftlid^e fielire, ba§ ®ottc8 
©nabe, fomeit fte in ber Äird)e gefpenbet mirb, fid^ in ber 2:aufc 
erjd^öpft, bag @ott felbft jmar über fte l^inauS no^ gndbig fein 
fann, ba§ aber bie Äird^e unmeigerli^ grobe Sünber auä i^rer 
SÖlitte befinitit) entfernen mu^. 2)a§ ©l^riftentl^um fielet auf bem 
glauben unb ber um)crbrüd()lid^en 2)i§cipUn, fagt 2:ertullian; ba§ 
©l^riftentl^um ftel|t auf bem ©nabenftanbe, ber burdt) 95u§c 
immer miebergemonnen merben tann, fagt Äaßift unb fein großer 
Slnl^ang. „Sin i^ren ?Jrüd^ten follt i^r fie erfennen", fagt ber 
^err, an il^rcn grüd)ten, nxä)t an i^rer il^eologie. 

Unfere ©gmpatl^ie für bie ©egner J^ertullian'g tann nur 
eine get^eilte fein; benn e§ ift mä)t jmeifel^aft, ba§ bie Strenge 
unb ^eilig!eit be§ d^riftlii^en ZtUn^ unter il^rer Sl^eologie gelitten 
l^at. SDWt ^änben fann man e§ l^icr greifen, menn man bie 
©d^ilberungen J^ertullian'S lieSt, ba^ eine gute 2:i^eologie no^ 
feine ©emäl^r bietet für ein l^eiligeS Seben, ja ba§ man bie befte 
2^eologie am leid)teften mipraud^en fann ^). ^n einer 3n)ang§5 
läge finb bie (Sl^riften jur 2:^eologie be§ ^auluS unb ber Slpoftel 

*) tlu(!§ ^i^pol^t ^at »ic 3:eTtuttian gcutt^cilt. ^i^i nur in bta 
$^i(ofo))^umenen beläm^ft er bie Seigre J^aQift'd, bie au ftttlid^er Sa^l^eU 
füllte, fonbern axiä^ am 8$Iug feiner ^anoneS, bie unS arabifd^ erl^alten 
finb: „Debemus vigiles esse omni tempore, non indulgentes oculis 
nostris somnum. Cavendum est, ne somnolentia nos opprimat, donec 
inveniamus locum domino, neque quis dicat: Equidem et baptizatus 
et corpore Christi pastus sum, et fretus dicat: Sum Christianus, 
et inveniatur talis amator deliciarum, aversus a mandatis Christi.'' ®t* 
meint ift j^attift unb fein ^nl^ang (f. aud^ bie $olemit bed £)rigened). 



^ainad, bie Se^re bon ber ©eligfeit allein burd^i beit Glauben. 123 

jurürf gef el|rt : um bie SCnfprüd^c an ba§ d)riftlid)c Seben l^crabju« 
fe^en, l^abcn fie bie ®nabe ®otte§, bie ^inbfd^aft unb ben ©tauben 
oer^errßd^t iebod(( über bie aBiebergeburt gefd^roiegen. 

2tbcr f)at J^ertuttian nid^t fibertrieben, waren bie 5rüd(te ber 
eoangeüfd)cn Seigre roirflid^ fo fd^Umm, roar nid)t oielmel^r er ber 
gcfe^Iici^c, uneoangelifdje? @tm^ wax er ba8, unb l^öd^ft roal^r* 
f(^einUd^ l^at er in bem öilbe, n)eldf)eg er oon bem ßeben feiner 
©egner entworfen, übertrieben. Slber wenn jene 2:^eoIogie ber 
„SaHiftianer" nxä)t bIo§ ad hoc jur ©rleid^terung ber @itten= 
juc^t aufgefteHt roorben wäre, fo l^ätte fie ju einer Sleform beS 
ganzen Sird^enwefeng, be§ Sird^englaubenS unb ber Äird^enprajiS 
fuhren muffen. ®a baS nid^t gefd^el^en ift, ba fonft 2llle8 beim 
alten blieb, fo ift e8 unmßglid^, ben SJerbad^t ju unterbrüdten, 
ba| bog, mag nur jur @rleid^terung ber 3)igciplin inSlnmenbung 
gefommen ift, aud^ nur biefen Qxotä gel^abt l^at. S)ann aber 
fann eg nid^t alg ein mirtlid^ SBertl^ooöeg gelten. S)ie Krdf)lid^en 
©egner 2;ertullian'g fd(einen bagfelbe beliauptet ju l^aben, mie 
^oulug, mie Sutl^er; aber ^aulug fprengte mit feinem ©lauben 
ba5 @efe^, fiutl^er fprengte ben SRing beg Satl^olicigmug. 9llg ein 
unrul|igeg, lebenbigeg, tl^ätigeg 2)ing offenbarte fid^ il^r ©laube. 
RaQift fprengte mit feinem eoangeüfd^en ©tauben bie atte Quä^U 
orbimng — fonft nid^tg. 

8. 

SWan fann nod( t)on einer anberen S3etrad(tung aug feft* 
ftetten, ba§ bie 2:l|efe üon ber bteibenben SSerffll^nung unb oon 
ber Äinbfd^aft ber ©tdubigen, mie fie Saßift aufgefteHt t)at, nii^t 
ber magren, in ®ott gebunbenen S^^il^^^, fonbem ber S3efd^mid^* 
tigung gebient l^at. ©ie ift nämtidf) fel^r fd^nett faft fpur- 
log untergegangen. 2ltg ftd^ etma 30 ^al^re fpäter bie un* 
gel^eure ^rifxg in ^^tgc ber becianifd^en SBerfoIgung entmidCette, 
ba ^ören mir oon ben @eban!en nid^tg mel^r, mit benen einft bag 
Äallift'fdt^e 95ugebict begrünbet morben mar. 3)ie a3ifd^öfe, bie 
pd) nun mit ber abfd^tie^enben 9leuorbnung ber S)igciptin ju be^^ 
faffen Ratten, l^aben nur ben allgemeinen @eban!en nad^bel^alten, 
ba§ ®ott bie 93u§e beg ©ünberg, aud^ beg df)rifttid^en, motte. 



124 ^arnad, bie IBel^re t)on bet ©eligleit alletn but^ beit (Glauben. 

Sfter bcr 2lu8gleid( mit bcr alten Ucbcriicferung wirb ntd^t mc^r, 
voit bei RaDift, burd^ SRüdtgang auf ben ©runbgebanfen beg 
@t)angelium§ unb ber älpoftel gefud^t, fonbem burd^ eine gefteigerte 
aSorftettung t)on ber uerfölinenben 9Äad^t ber entel^renben ^u^^ 
Übungen unb ber guten SEBerfe gewonnen. ®iefe8 SWoment fpielte 
fd^on bei ÄaHift eine geroiffe SloKe — Xertullian oerl^öl^nt i^n, 
ba^ er meine, bie iBu^ceremonien beS SobffinberS mürben ®ott 
oerfölinen — *), bei ©gprian ift eS ba§ bel^errfd^enbe. ^z tiefer 
ba8 SRioeau be§ ^riftlid(en fiebenS fan!, je feltener ein 
malirl^aft ^eiliges fieben mürbe, um fo l^öl^er ftiegen bie 
SBu^übungen unb guten 3Berfe, al8 ©ül^nmittel unb als 
SBerbienfte, im Äurfe, ba man ja ein eigentlid^eS @acrament 
ber $u^e neben ber Saufe nod^ ni(^t ju fd()affen magte. S^prion 
ift red((t eigentlid( ber Segrünber biefer Slnfd^auung. Sßenn man 
bie ?Jrage aufmirft, meld^er ftir^enlel^rer bie überlieferte 
gormel, ba§ ber SWenfd^ burd( ©taube unb Siebe geregt unb 
feiig merbe, in bie anbere Dermanbett l^abe, ba^ er burd^ hcß 
rid^tige ®Iauben§bcfenntni§, 95u§übung unb gute SGBerfe bie ©elig» 
feit erlange, fo l^at man auf Sgprian }u oermeifen. SDtan fann 
gerabeju fagen: ©gprian l^at ein ©acrament ber 33u§merfe, 
beS ?Jaften§ unb ber Sllmofen gefd^affen, welches folangc 
in ^raft blieb, al8 baS SSu^facrament nod^ nid^t ge* 
fd^affen mar. 

9lad^ ber becianif^en SSerfoIgung gab eS betanntlid^ in 
SBejug auf bie 93u§frage brei ^Parteien, bie beS 5«Iicifftmu8 in 



cutum.*' 



Kn melieren ©teilen feiner @4nft l^at S^eri bie t>on ftattifi auf« 
erlegten adugtoerle t)er]^ö^nt, am braftif^ften o. 13 p. 243, 25 ff. u. 244, 22 ff. 
Su8 Unterer ©teile gel^t ^erDor, ba^ ftallift in ben SSu^loerfen baS „satia- 
facere deo" erfannt ^at. 2)a8 b)irft aber ein ilbleS IBt($t auf feine »eDange« 
Iif(^e* ürlenntnig unb nta^t ed nod^ einmal red^t toal^rfd^einli^, ba^ biefe 
„(grienntnig' Dielme^r eine Säefd^toid^ttgung getoefen ifi: „hio iam camis 
interitum (I ftox, 6) in o£ficiuin paenitentiae interpretautar, quod videatur 
ieiuniis et sordibuB et incuria omni et dedita opera malae traotationis 
camem exterminando satis deo facere, ut ex hoc argumententur fomi- 
catorem ... ab apostolo traditum in emendationem, quasi postea veniam 
ob interitum i. e. conflictationem carnis consecuturum, igitur et conse- 



^atnoc!, bte Seigre )?on bet Seltgleti atlein bvtx^ ben ®(Quben. 125 

RaxÜ)aQO, locld^c bic ©efoHcnen fofort mcbcr aufnal^m, bic beS 
SloDotian, toel^e ben Oefaöenen bie 9BteberaufnaI|me bcpnitit» 
ocrroetgcrtc, unb bte be§ ©gprian unb (Someliug, roeld^e, vok ftc 
felbft fagte, „bie redete 3Äitte mnel^ielt" ') unb na^ idngerer ober 
fiirjerer 58u§}ett bie 95erjeil|ung gero&l^te. Seine biefer ^Parteien 
^t bie SSegtünbung beS SaCift roiebet aufgenommen. 5ßon ber 
Scrfö^ung unb SRed^tfertigung ift überl^aupt nid^t bie Siebe ge* 
tDcfen. aWon mar fd^on ju meit t)on ber 6ad^e entfernt, um eine 
Segrünbung mit folgen 3JUtteIn liefern ju fönnen. 3)ie erft ge- 
naimte Partei fd^eint fi^ einfad^ auf boS Siedet ber SRärtgrer, 
^rieben auStl^eilen ju fönnen, berufen ju l^aben. SHrgenbmo 
refcrirt ©gprian in feinen 93riefen über ein anbcreg Strgument. 
9lot>atian führte mol^l für fein Jöerfal^ren ba§ SBort „eoangelifd^" 
oicl im SRunbe, fo ba§ il^n ®omeIiu§ be^l^alb loerfpottet (bei 
Euseb. h. e. VI, 43); aber er meinte lebiglid^ bie Strenge ber 
(Sprüdfie be§ ^erm ^). ®9prian enblid^ red()tf ertigt feine Haltung, 
fofem er bie aSergeil^ung eröffnet, burd^ ben ©a^, ba§ ®ott 
barml^ei^ig fei unb bur^ bie „^irten" Jöergebung fpenben motte 
((gjec^. 34), fofem er aber firenge 93ugmerfe uerlangt, burd^ bie 
gforberung be§ 7)'^goT evangelicus". ©eine tl^eoretifdfie 2lnf^auung 
ifl bicfe, ba^ ®otte§ 9lad(fid^t unbegrenzt ift, ba^ biefe 9flad)fid^t 
aber ben gefallenen ©laubigen nur ju @ute !ommt, menn fie 
ben erjümten ®ott bur^ SBu^merfe unb 2Hmofen befänftigen. 

SBa§ ben @a§ t»on ber a3arm]^erjig!eit ®otte§ betrifft, fo 
ift e8 bemerfenSroert^, ba§ S^prian niemals eine 93egrünbung 
beffclben burd^ ^inmei§ auf ®]^riftu§ unb baS aBcfen be§ ®Iauben8, 
wie eg SaDift getl^an ^at, oerfud^t. Offenbar fel^Ien il^m bie ele* 
mentarften SBorftellungen d^riftlid()er Sl^eologie. ®r fteHt fx6) ®ott 
ote ben im ®runbe nai^ftd^tigen, aber felir lei^t ju erjümcnben 
großen ^crm x)or, unb ber ®laube an i^n ift ©Haoengel^orfam. 
e^ftuS fommt eigentlid^ nur infofem in SBetrad^t, ate bie 2:aufe 



Cypr. ep. 54, 3 : „hob temperamentum tenentes et librazn domini 
contemplantes.*' 

*) (Ed tDxxb bem 9lot)Qttan au4 Dotgetoorfen, et leiste, ba^ ade ©ünben 
gleidg feien, unb fei begl^alb ©toiler. ^ai biefem SSortourf au (Srunbe liegt, 
ip imftar — fdjtoetli^ eine eöangelifd^c 3luffaffung öon ber ©ünbe. 



126 ^arnad, bie ße^re Don ber Seligfeii atletn buid^ ben Glauben. 

auf xf)n unb fein SGBerf jurücf gcfül^rt roerbcn mu§. S)iefe Haltung 
®9prian^8 ift um fo bemerfcnSrocrtl^er unb auffaDenbcr, afö er^ 
Toie bcr 65. 93ricf jcigt, bie (Sd)rift S^ertuCian'g de pudicitia ge^ 
Icfctt unb bcn ©^riftbcroctS beS ÄaDift cinfad^ übernommen l^at '). 
Slber bie t]^eoIogi[d)en Oebanfen, meldte btefer ©d^rift 
SU ®runbe liegen, finb il^m ganj unoerftänbli^ geblieben, 
unb er l^at fie be^^alb bei Seite gelaffen. 

@ben be^^alb faßt nun bei ©gprian aöer 9tad^brucf auf bie 
SBu^roerfe unb bie Stimofen. SBenn bie 93ebeutung ber SSerföl^nung 
burd^ ®l)riftug, beS ©laubenS unb ber ^nbfd^aft oöHig perfannt, 
anbererfeitS aber @ott in abstracto ate „pater bonus, misericors 
et plus" (ep. 55, 23) üorgefteHt, jeber ©d^anbtl|at Sßerjei^ung an* 
gefünbigt unb ber Slnfprud) an ba§ d^riftlid^e Seben l^erabgefe^t 
wirb, fo bleibt nid^tä übrig, afö bie 3ötnau8brüd)e @otte§ unb 
bie „guten SBerfe" ju betonen, um bie d)riftttd^e SReligion ni^t 
pöllig in Unfittlid^!eit ju begraben, ©o ift jmar (Sgprian'ä fietire 
Don ben „opera et eleemosynae", mie er jte in ben 35riefen unb 
in ber berüd()tigten ©d^rift entmidtelt l^at, fel^r fd()Iimm; aber fie 
ift anbererfeitg bod) nod^ ba§ befte ©tüdf feiner 2:^eoIogie, meil 
fie allein eine 2lrt t»on fittlid^em ©l^aratter ber fat]^oIifd()en Sfteligion 
aufred((ter^It. 2)ag ®r)prian bie iöu^übungen unb guten aBerte 
ju einer 2lrt t»on ©acrament fteigert, ift unoerfennbar (f. de op. 
et eleemos. c. 1: „nam cum dominus adveniens sanasset [burdf) 
bie S^aufe] illa quae Adam portaverat vulnera et venena serpentis 
antiqua curasset^ legem dedit sano et praecepit, ne ultra iam 
peccaret, ne quid peccanti gravius eveniret. coartati eramus et 
in angustum innocentiae praescriptione conclusi. nee haberet 
quid fragilitatis humanae infirmitas adque imbecillitas faceret, 
nisi iterum pietas divina subveniens iustitiae et miseri- 
cordiae operibus ostensis viam quandam tuendae 
salutis aperiret, ut sordes postmodum quascumque 



^) (Sd tfl baS m. SÜSS, tifüf^tx von 9ltemanbem gefeiten toorben; bte 
oc. 15—28 aber geigen e§ beut(t(^. !Rur bad €tne ift mögli(9^, bag SiQprtan 
neben ber @d^rift de pudicitia bte in il^r befömpfte €^(^rift bed HaHift au^ 
in ^önben gel^abt ^ot. (&a fd^eint d^inigeS bofür au fpred^en. @ine Unter* 
fud^ung )Däre n)ftnf$en8tt)ert^. 



^arnad, bie Se^re boit ber Seligfeit allein hxxxü^ ben ©taitben. 127 

contrahimus eleemosynis abluamus" '); abcreg ift juglctd^ 
ein ©ciociS^ ba§ er auf bie g^orberung etneS l^eiligen ficbenS aU 
felbftoerftanblid^e 3luggeftaltung beg ©loubeng t)eriid|tet l^at, ba^ er 
foinit gor nid^t mel^r toei^, roaS bie urfprüngltd)e fiofung „©taube 
unb Siebe" bebeutete unb tDeld^en Umfang fxe ctnfd^to^. 

%üx bie ©ef^id^te ber S3^efe, ba§ ber ©taube allein red^t= 
fertige unb fetig mad^e, finbet fid^ atfo in beut großen ©treit 
fiber bie 93u§e j. Q. ®pprian'8 fein 3Äateriat. SBeber er no^ 
feine ©egner Don tinfö unb re^tS l^aben fie geltenb gemad)t. 3)ag 
ift benfroürbig. 3lltein in einer uerborgenen Unterftrömung mu§ 
biefe £]^efe bt)d> aud^ bantatg uorl^anben geroefen fein; benn bie 
entf^eibenbe 55ebingung für fte war oorl^anben. 3)urd)gefe^t l^attc 
fxdf namtid( — t)om 9looatianigmu§ abgcfel^en — in ber ^rd)e bie 
fiepte, ba§ ©otteS SSarml^eräigfeit aud() gegenüber ben fd^on ©e= 
tauften (ben ©tdubigen) unbef d)rdnft fei. Um biefen 6a^ mit 
einem 3)linimum oon fttttid^en 2lnforberungen oerbinben ju fönnen, 
^tten ©gprian unb feine greunbe auf bie 9tot^n)enbig!eit unb ben 
SBerttj ber guten SBcrte Ijingemiefen. Ober oictmelir — im ©runbe 
^tten fie fxd) oon ber SSarml^erjigfcit ©otteg gar ni^t überjeugt, 
ba i^nen bag SBefen ber 5Berfö^nung unb bcg ©taubeng fem btieb. 
SSictmel^r badeten fie fxd^ ©ott atg burd^ jebe ©ünbe beteibigt unb 
erjümt, erfonnten aber in ben 99u§teiftungen bag SDWttet, met^eg 
i^n umftimmt atfo bie ©rtöfung. 3lber wie? ©oUte mirftid^ 
bamalg Sliemanb in ber fatl^olif^en Rird)e gemefen fein, ber bie 
9lebeneinanberorbnung ber 2:aufe unb ber 93u§n)erfe (ber beiben 
Sacramente jur ©etigfeit) atg unerträgtid() empfunben ^at? Sollten 
bie gal^tlofen ©prüd^e ber 1^1. ©(^rift, ba^ ©ott ben ©laubigen er* 

*) %!. baju bie Sfortfe^ung c. 2: „loquitur in scripturis spiritus 
Banctus et dicit: eleemoBynis et fide delicta purgantur . . . hie qaoque 
ostenditur et probatur, quia sicut lavacro aquae salutaris 
gehennae iguis extinguitur, ita eleemosynis adque operationi- 
bas iustis delictorum flamma sopitur. et quia semel in baptismo 
remissa peccatonim datur, adsidua et iugis operatio baptismi nstar 
imitata dei rorsas indulgentiam largiator." C. 25 loirb su bem SBerid^t, 
bag bie Urgemeinbe aQe i^te ®üter iominunifiifd^ bel^anbelt f^abt, bemerft: 
,hoc est nativitate spiritali vere dei filium fieri, hoc est lege caelesti 
aequitatem dei patris imitari.'* 



128 ^arnad, bte Seigre Don ber Seltglett alletn burd^ ben (Glauben. 

löfc unb md>t ber ©laubige ftd^ jclbft erlöfe, rDitfltd^ PöHig ju 
SBobcn gefallen fem? 3Äan fann ba8 nid^t annelimett, unb roh: 
werben gletd^ im f olgenben 2lbfd^nttte feigen, ba§ roir 9led(t batan 
tl^un. ©0 gänjlid^ roat bte ©inftd^t ba§ ba§ ®l|riftentl^um SReligion 
fei, hoä) ni^t au^geftorben, ba§ man bte Döllig trreligifife Sl^fc 
be§ ®9prian einfa(^ acceptirte unb etroa erflärte, ber ^eibe rocrbe 
burd^ bie J^aufe ber ©ünbe lebig, ber Oetaufte (©laubige) aber 
burd) feine eigene Seiftung, nämlii^ burd^ 5^ften, ailmofen 
unb öffentlid^e SSu^roerfe. SBic aber follte man bie Seigre faff cn^ 
roenn man bie ©runbtage ber ©gprian'f^en Slnfd^auung, ba§ ben 
©etauften alle ©ünben ©ergeben roerben fönnen, jugeftanb, bagegen 
aber feine ©d^d^ung ber „guten SBerfe" t)em>arf ? ©in oierfad^er 
2lu§roeg mar mögti^* 3Äan fonnte entmeber bie Saufe für micber* 
l^olbar erfldren, ober man fonnte ein neue§ ©acrament fdjaffen, 
burd) meld^eS ©Ott bie oertorene 2:aufgnabe roiebcr ^erfteHt, 
ober man fonnte ft^ auf ba^ SBefen ber SBerfö^nung, ber diedifU 
fertigung unb beS ©laubenS in Slnlel^nung an ?ßaulu5 beftnnen, 
ober man fonnte ben SEBert^ unb bie SBirfungen ber 2:aufe fo 
fteigem, ba§ fie bie ©eligfeit fd^led^tl^in garantirte. S)en erften SBeg 
einjufdfilagen, oerbot bie Ueberlieferung *). 2)en jmeiten SBeg ol^ne 
aBeitcreS ju mol^len, l^atte man nod^ nid^t Kül^nl^eit genug. S)ie 
beiben anberen 3Bege ftnb eingef plagen morben ; jule^t rourbe eine 
SBerbinbung oon 2 unb 3 getroffen, unb biefe l|at ftd^ bel^auptet. SlHe 
biefe SBege aber f onnten in einem boppelten ^fntereff e betreten roerben 
— entroeber, um bem SBefen ber ^riftli^en SRetigion atö ber 
SReligion ber ©rlöfung geredet ju roerben, ober, um aud^ nod^ ba§ 
aWinimunt oon ernfter ftttlid^er g^^^^^^^g^ roeld^c^ in ©gprian'S 
2:^efe oon ben „guten SBerfen" lag, abjutfiun. 

9. 

®ie 3rit oom S^obe ©gprian'S bi§ jum nicanifd^en ©oncit 
ift, oor allem für bie innere @ef d^id^te ber Eirene, eine ber bunfelften 

^) 9lad§ ^i^pol^t foa a* 3- ftattifi'd in 9lom ber S^etfud^ gemacht 
kDorben fein, bie S^aufe gu n)tebei^oIen. S)od^ ftnb feine SO^orte fo abgeriffen, 
ha% man fie nid^t mit @id^et^ett benten lann; Philosoph. IX, 12 p. 462: 



^arnad, bte Seigre ))on ber ©eligfett alletn bur(| ben ®Iauben. 129 

(Spodftn. ®o(^ !enncn n)ir eine ©pifobe anS biefer @po(^e, bte 
für utifere ^voed^ l^ier oon l^ol^em «Sntereffe ift. IJretltci^ nur fel^r 
ungenfigenb ift fie un§ befannt; aber fte ift bod^ lel^rreid^. 

^n ben S)amafu§*3fnfci^riften auf bie ^dpfte 9Äarcettu8 
(307 — 309) unb ©ufebiuS (309) mxb auf eine fd^were innere 
Rtiftä ^ingennefen, n)eld)e bie römifd^c ©emeinbe bamate burd^* 
gcmad^t unb bie ju ©treit, offenem Äampf unb 93Iutt)ergie§en ge* 
fül^ ^at. 3)ie äfnf^i^ft auf SWarceHuS lautet^): 

YeridicuB rector, lapsos quia crimina flere 
Praedixit, miseris fdit omnibos liostis amarus: 
Hinc fiiror, hinc odium seqoitur, discordia, Utes, 
Seditio, caedes; solvuntur foedera pacis. 
Crimen ob alterias, Christum qui in pace negavit, 
Finibus expulsus patriae est feritate tyranni. 

3)ie auf ©ufebiuS lautet: 

Heraclius vetuit lapsos peccata dolere, 
Eusebius miseros docuit sua crimina flere. 
Scinditur in partes populus gliscente furore, 
Seditio, caedes, bellum, discordia, Utes. 
Ex templo pariter pulsi feritate tyranni 
Integra cum rector servaret foedera pacis 
Pertulit exilium domino sub iudice laetus, 
Littore Trinacrio mundum yitamque reliquit. 

2)ic 9lad)ric^ten be§ 5ßapftbud)§ unb beS 3Äart. SÖlarceH. 
mögen l^ier auf fid^ berufen. SGBir erfal^ren, ba§ in SHom ein 
3Slaxm, oieHeid^t ein ?ßre§bpter, Slameng ^erafliu^, benen, metd^e 
in ber biocletianifd^en 5BerfoIgung gefallen maren, ol^ne aCBeitere^ 
bie SBieberaufna^me jugefprod^en unb bamit einen Slufftanb ber 
©emeinbe erregt l^at, roeld^er bie fd|redtlidf)ften folgen ^atte unb 
f^lie^Ii^ ben SRajentiu^ jmang, einjufd^rciten. 3)ie ©pitapl^ien 
fagen, ^eraftiug l^öbe c§ verboten rcfp. für unftattl^aft (unnöt^ig) 
ertldrt, ba^ bie ©efaHenen il^re ©ünbe bemeinen („vetuit lapsos 
peccata dolere"), unb bie beiben 93ifd^öfe feien il)m entgegen* 
getreten. SBic ^erafliuä feine 2:i^efe begrünbct unb oertl^eibigt l|at 
erfafiren mir l^ier nid()t. 2lm näd^ften läge c§, an bie 2lrt ju 

©. bad Sftäl^erc Bei bc IRoffi, Roma Sott. 11. p. 191 ff. 195 ff. 
SipftuiS, dtixonol ber rdm. S3tfd^öfe @. 248 ff. ^U(^eSne, Le Liber 
Pontificalis p. 165 ff. 
Sdtff^dft far X^olo^U unb Stiv^t, 1. Sa^rg., 2. ^eft. 9 



13Ö ^arnacf, bic Seigre öon her ©etißlcit ottein butiäj bcn ©lauften. 

bcn!cn, rote ?JeKcifftmu§ unb [ein Slnl^ang einem tajen äJerfal^ren 
baS SBort gerebct l^aben. Slttein baS fd^eint ber SBortlaut („vetuit"), 
wenn er nid^t al8 Uebertreibung be§ SDamafu^ gefaxt werben mu^, 
ju perbieten, ^f^ne Kartl^aginienfer liefen bie principieCc g^agc 
bei ©eite unb beriefen fid) einfad^ auf baS Siedet ber ®onfefforen, 
griebenäbriefe au^jufteHen; ^erafliuS bagegen fdieint einen prin^ 
ci p i e n e n ©tanbpunft eingenommen ju l^aben. S)ic @ad(e mü^te 
unentfd^ieben bleiben, befd^en mir nid^t nod^ eine jmeitc OueSe. 
93ereitS @baralea (de sacris pravorum hominum ordinationibus 
p. 325), bem be Sftoffi (1. c. H p. 207) unb SipfiuS (1. c. 
p. 253 f.) folgen, l^at barauf l^ingemiefen, ba^ im Liber Prae- 
destinatus im Slrtifel „^erafleon" eine ©onfufton jmif^en bem 
aSalentinfd^üler biefe^ 9lamen§ (2. Öal^rl^.) unb unferem ^eraftiuS 
vorliege. ®iefe a3eobad^tung f(^eint aud) mir mal^rfd^einlic^ ; benn 
maS bort (c. 16) oon ^erafleon erjäl^It mirb, pa^t faum jur yiotS) 
auf ben atten ^äretifer, pa^t bagegen oortrefflid^ auf ben römifd^en 
©d)i§matifer, ®aju fommt, ba§ ber liber Praedest. audf) 
©icilien in biefem 3wfö"^"^^^'&ö^9^ ermähnt, unb ba§ er aud^ 
fonft grober Sßerftö^e unb SBermed^felungen fdt)ulbig ift. 3)ie 
(SteQe lautet: „Sexta decima haeresis Heracleonitarum ab Herac- 
leone adinventa est, quae baptizatum hominem, sive 
iustum sive peccatorem,loco sancti computari docebat, 
nihilque obesse baptizatis peccata memorabat, dicens, sicut non 
in se recipit natura ignis gelu, ita baptizatus non in se recipit 
peccatum. Sicut enim ignis resolvit aspectu suo nives quan* 
taecunque iuxta sint, sie semel baptizatus non recipit pecca- 
torom reatum; etiam quantavis fuerint operibus eius peccata 
permixta '). Hie in partibus Siciliae inchoavit docere. Contra 
hunc susceperunt episcopi Siculonim etc." ^ier erl^olt boä 
„vetuit lapsos peccata dolere" eine fel^r überrafd^enbe unb fräftige 
SBegrünbung. ^erafliu^ foC geleiert ^ben, ba§ jeber ©etaufte. 



^) 2)iefe @d^ilberung IteBe ftd^ nur bann auf $eraf(eon belieben, totnn 
man annimmt, ^eraffeon fjdbt üon ben ^eumatifern gef{)rod^en unb ber 
aSeri^terflatter l^abe toidfürli^ bie Getauften bafür eingefe^t; aber bamit 
b)dre bann bie gan^e Sd^ilberung im 2)etait bem Se^teren aU freie (irfiubung 
bei5u(egen. 



^atnacf, bie Se^re t)on ber Settglett otteln burd^ ben ®(Qu6en. 181 

einerlei ob ©ered^ter ober ©ünber, ein ^eiliger fei unb 
bleibe, unb ba§ bie ©ünbe i^nt nid)t§ anl^aben fönne, uielmel^r 
Dor berftraft ber2:aufe alte ©d^ulb jerjd)melje, wie ber (Sd^nce 
in ber ©onne: bem einmal ©etauften fann niemals bie ©d^utb 
ber ©ünben angerechnet werben, mögen aud( nod^ fo gro^e ©ünben 
feinen Sl^aten beigemengt fein. 

3)a§ SBid^ttge in biefen (Sä^en ift, ba§ bie bleibenbe JBer* 
fö^nung ®otte§ mit feinen getauften Sinbem geleiert unb fomit 
bie C9prianifd(e JBorftellung , als fteltten bie guten SBer!e fie 
immer roieber l^er, abgett)an tft. ^n biefem ©inne ftnb bie ©a^c 
eoangelifd). 2lber fo mie fie lauten, ^aben jte bod) einen 
fel^r bebenHid(en SSeigef d^macf ; benn erften§ ift aCer 9lad)brucf 
auf bie 2:aufe gelegt, afö fei fie an unb für ftd^ ba§ S^uer, 
ml6)t8 aDe @d)ulb oerjel^re, jmeitenS ift bie SRid^tung auf 
eine l^öci^ft laye Seurtlieilung ber ©ünben — au^ ber fd^mer* 
ften — unuerf ennbar , unb fte mirb burd^ ba§, maS in ben 
Spitopl^ien x)on ^erafliu§ gefagt ift, beftdtigt. 3Jlan fann ndm* 
lid^ nid>t annel^men, ba§ bie römifdien 93ifd)öfe, meldte i^n be* 
tampften, einer übertriebenen Strenge gel^ulbigt l^aben. @ine f ol^e 
war in Stom nad^ SluSfd^eibung be§ 5lot)attani§mu§ überl^aupt 
nic^t ju befürd)ten *). SSielmelir fann e§ ftd^ nur barum gel^anbelt 
^aben, ba§ bie SBifd^öfe ben in ber Sßerfolgung ©efatlenen eine 
längere 95u^jeit auferlegten, ^erafliu^ bagegen erftärte, ba^ eine 
jolc^e überl^aupt nid)t nötljig fei. 2)a§ eine foId)e 2:i^efe unter 
ben bamaligen SJerl^ältniffen 2lu§flu§ einer tayen fittlidien ©e* 
fmnung gemefen ift, ift l^öd^ft mal^rfd^eintid^. SSSaS aber ben erft* 
genannten ^untt anlangt, fo ift e§ möglid^, ba§ ^erafliuS J^aufe 
unb@Iaube afö ®ine§ jufammengefa^t^) unb fomit an ben ©lauben 
mitgebarfit l^at, menn er bie ungerftörbare ^aft ber 2:aufe prie§. 
ön biefem gaße gel^ört er in unfere ©efd^id^te ber Seigre oon ber 



') 9(nbet3 ftanb eS nod^ in anbeten üxä)liä^tn $rot)in3en, ou(!§ too man 
ni^t mit ben 9lo0atianetn gemeinfame @ad^e mad^te, loie bie ^anoned )?on 
txlH (f. 1 ff.) bctoeif en. 

*) So ^ei|t es au^ in ben üanoned ))on Slrled: ^q^ post fidem 
baptismi salutaris** etc. (c. 1), „post fidem lavacri" (c. 2), b. !). 
Glaube unb 2!aufe gelten toie ein SSegriff. 

9* 



132 ^arnad, bte Bellte Don ber ©eligleit allein bur(^ ben ®Iauben. 

©eligfcit burd^ ben ©tauben ate roiditiger ^m^e l^inein. SDWglirf) 
aber ift aud^, ba^ ^craHiuS lebiglid^ eine magifd^^l^eibnifd^e SSor* 
fteHung mit ber 2:aufe (ate einem ©ntfül^nungSmpfterium für atte 
Seiten) t)erbunben l^at. 2lud^ in biefem ?f^tte, ber uietteid^t minber 
mal^rfd^einlid^ ift, mußten mir il^n l^ier ermäl^nen; benn jebenfaUg 
l^ot er bie „SBerfe" au§gefd)loffen unb ftd^ auf bie göttliche 2:^at 
allein berufen, mag er bcrfelben nun ben (Stauben jugeorbnet ober 
ftc at§ magifd)e SBunbertl^at aufgefaßt l^aben. 3)ie Oetauften 
maren il^m afö fotd)e „Zeitige". 2tm beac^ten^mertl^eften ift ber 
Unterfd^ieb jmifd^en Sünbe unb ©d^utb, ben er gemad^t l^at: ber 
©etaufte ift l^eitig; er l^at mol^t Sünben, aber feine ©d^utb. 

3)a§ ber fortgefe^te Äampf mit bem Slooatiani^mu^ unb ber 
neue Äampf mit bem 3)onati§mu§, ben bie abenbtänbifc^e Äirc^e 
im 4. ^iCt^tl^wnbert ju fül^ren l^atte, fie nic^t nur ju einer l^öl^eren 
©d^ä^ung ber ^aufe unb ju bem neuen ©acramcnt ber öu^e, 
fonbem aud^ ju einer tieferen ©rfaffung bc§ ©taubeniS g^fü^tt 
^at, baS tel^rt baS bebeutenbe SQSerf beS OptatuS de schismate 
Donatistarum. 9lu§ biefem SBerfe erfennt man, ba§ bie 2lu§- 
bitbung ber SQSerfgerec^tigfeit, mie il^r ©pprian baS SBort gerebet, 
feineSmegg ba§ cinjige @rgebni§ ber großen inneren Äfimpfe um 
baS SBefen unb bie @r]^attung ber 2:aufgnabe gemefen ift, fonbem 
ba§ fid^ bancben eine beffere Crfenntni^ ber ©nabc ®otteS unb 
be§ ©tauben^ entmidtette, metd^e ber SBerfgered^tigfeit fcinbli^ 
mar. Dptatu§ ift befannttid^ in ber Seigre t)on ben ©acramenten 
ein SBortäufer be§ 3luguftin gemefen. 2lbcr nid^t nur burd^ StuS« 
bitbung ber ©acramentStel^re fudt)te er ben 3)onatiften ju be» 
gegnen ^), fonbem aud^ burd^ 9lad^meifungcn ber Äraft unb SBirf- 
famfeit be§ ©taub eng. 9Äan tieSt feine cinfd^Iagenben 
Stu^fül^mngen mit Slntl^eil unb SSeifaH. Unb boc^ !ann man fic^ 
au^ l^ier be§ @inbmdt§ nid^t erroel^ren, ba§ fie in ber bamatigen 
3cit nxä)t ber fittlid^cn Kräftigung gebient l^aben, fonbem ber 



^) ^ier ^at er ben göttti^en gfactor, ber im ©acroment n)ir!fam ifl, 
Qufd ftarffte betont unb bantit baS SBetftänbnig für bad (^l^rtjlentl^um aU 
9teIigion unb itoax als Sieligton ber Srlöfung loieberl^ergefletft. S)ie S)ona< 
tiften betonten ben Spenber beS SacramentS, OptatuS betonte ben ^utor, 
@ott. ^aS 9lö]^ere f. in meinem Sel^rbu^ ber ^ogmengef^. ni 8. 38 ff. 



^arnad, bte Seilte bon ber ©eUgfett attein but$ ben ®IauBen. 133 

@(^n)ä(^e; bcnn ba§ bamalige 3^ttoltcr ocrtrug felbft bic ^cil* 
mittel für feine Äranfl^eit nid^t mel^r. 2lber toeldicS ^dtcitet ber 
ftirc^e ift je faltig geroefen, bie paulinifc^c Seigre t)on ber dit6)U 
fcrtigung burc^ ben ©lanben allein ju vertragen? @§ finb immer 
nur (Sin jelne gemef en, bte an bief er ßel^re Kraft unb SebenSemft 
gemcnnen l^aben. ^ier aber ift bie Seigre ol^ne ä^'^ifrf n^it ju bem 
3n>«fc aufgefteüt morben, bie nouatianifdien unb bonatiftifd)en 9ln* 
fd^miungen — bie SRefte au§ jener ^ext, ba bie diriftlid^e ©emeinbe 
Smft mad^en mottte mit il^rer ^eiligteit — ju t)ertilgen. S)ie 
nnd^tigften StuSfül^rungen be§ DptatuS über ben ©tauben ftel^en im 
fünften SBud^ c. 8. Ölac^bem oorl^er (c. 7) auSgefül^rt morben ift, bajl 
@ott mit feiner ©nabe in ber 2:aufe roirffam ift (nid)t ber fpenbenbe 
^ricfter mit feiner ^eiligfeit), l^ei^t e§: „Restat iam de cre- 
dentis merito aliquid dicere, cuius est fides, quam filius dei 
et sanctitati suae anteposuit et maiestati; non enim 
potestis sanctiores esse quam Christus est. Ad quem cum 
miilier illa veniret^ cuius filia erat mortua, et rogaret ut sus- 
citaretur, nihil promisit de virtute sua^ sed post fidem inter- 
rogat alienam^ ut si mulier crederet^ pro matris credulitate 
filia surgeret; si non crederet, virtus filii dei feriata cessaret. 
Interrogatur mulier; respondit se credere fieri posse quod 
rogabat lubetur ire, redit ad domum mulier, invenit pueUam 
vivam, quam dimiserat mortuam. Non mit in oscula, non prope- 
ravit in amplexus, sed redit ut salvatori gratias ageret. Et ut 
ostenderet filius dei, se vacasse, fidem tantummodo ope- 
rat am esse: Yade, inquit, mulier in pace, fides tua te salyavit. 
Tibi est quod dicis: Dantis est, non accipientis?" ©benfo mirb 
bie ©efc^id^te uom Hauptmann ju Sapemaum unb nom hhiU 
f[üffigen SBeibe erjäl^It, um an il^nen bie Kraft beS ©tauben^ 
^eroorjul^eben : „nee mulier petüt, nee Chritus promisit, sed 
fides tantum quantum praesumpsit exegit.^ ©nblid) bel^auptet 
Cptatu^ gegenüber ber bonatiftifd^en 3)eutung be§ ©leid^niffeä 
oon ber ^od^jeit unb bem l^od^jeitlid^en Kteib, biefe§ Äteib fei 
(E^ftuS felbft unb e§ merbe bei ber 2;aufe uerlielien (unter 93e* 
rufung auf ben ©prud^ : „fo uiele eurer getauft finb, bie l^aben 
@^riftum angejogen"), „tunica semper una et immutabilis, quae 



134 ^arnad, bic Se^re oon bei Gengleit aUtin bur4 ben Glauben. 

decenter vestiat etc.^ S)urc^tt>eg ftnb gratia (sacramentum^ 
trinitas) unb fides bie entfd^eibcnbcn ^Begriffe in bcr Xl^cologic 
bc§ DptatuS; t)on ben 3D8crfen ift faft ntrgcnbä bic Siebe*), ^n 
ber S^aufe jeigt e§ ftc^ nad^ OptatuS^ ha% gratia (trinitas) unb 
fides auSfd^Iie^Iid^ jufantmengel^ören unb ouf il^nen allein bte 
@e{igfeit berul^t. ^In hoc sacramento baptismatis celebrando 
tres esse species constat. Prima species est in trinitate^ secunda 
in credente, tertia in operante (bent ©penbet); sed non pari 
libramine ponderandae sunt singulae; duas enim video neces- 
Sanas et unam quasi necessariam. Principalem locum trinitas 
possidet; sine qua res ipsa non potest gen: hanc sequitur fides 
credentis; iam persona operantis vicina est, quae simili 
auctoritate esse non potest. Duae priores permanent 
semper immutabiles et immotae. Trinitas enim semper ipsa 
est, fides in singulis una est: »vim suam semper retin ent 
ambaec; persona vero operantis est mutabilis*^ (V, 4). 2(ber 
alle biefe unb äl^nlidie ä^i^Ö^^ff^ ß^^t man mit gemifc^ten ©c- 
füllten, menn in ^inblirf auf fie unb auf baS „bonum unitatis 
ecclesiae" bann geleiert mitb, ©l^riftug l^abe in Slüdtftd^t auf bie 
®inl^ett ber ^rd^e felbft auf bie ©träfe oerjiditet. ©o l^abe er bem 
^etrug Derjiel^en, obgleid^ er bod^ gebrolit l^abe: SBer mic^ Der* 
leugnet, ben merbe id^ aud^ vox meinem aSater t)erleugnen ; femer 
— ^bono unitatis sepelienda esse peccata hinc intelligi 
datur^ quod b. Paulus [sie] apostolus dicat, caritatem posse 
obstruere multitudinem peccatorum." 3)ann mirb mettcr be« 
merft, ba§ ber SlbfaH uon (Jl^riftuä l^eute boc^ nid^t fd^limmer 
fei als ber 5^11 be§ ^etru8, fonbem oerjetl^lid^er; benn ^etruS 
tiabe ben ^erm t)erleugnet ben er fal^ (VII, 3: ;,Quisquis enim 
forte in aliqua persecutione negavit filium dei; in comparatione 
b. Petri videtur levius deliquisse, si negavit quem non vidit, 
si negavit quem non agnovit, si negavit cui nihil promisit 
[! im ®egenfa§ ju ben befonberen SBerl^ei^ungen be§ ^etruS], si 
semel negavit . . . Unde inteihgitur omnia ordinata esse Provi- 
dentia salvatoris, ut ipse [Petrus] acciperet claves. Interclusa 
est malitiae via, ne apostoü animo licentiam iudicandi con- 
») ^0^ f. über bic Siebe unb bie üin^eit ber Äirdje VII, 3. 



^arnaii, bie Se^re k)on ber @eltglett allein bur$ ben ®Iaul6en. 135 

ciperent et severe contemnerent eum, qui negaverat Christum. 
Stant toti innocentes et peccator accipit claves, ut unitatis 
negotinm formaretur. Provisum est, ut peccator aperiret inno- 
centibas, ne iimocentes clauderent contra peccatores et quae 
necessaria est unitas esse non posset^). Sllfo nid^t nur reine 
imb unreine S^l^iere muffen in ber Slrd^e, ber Äirc^e, fein, fonbetn 
c§ ift in ^etruS aud^ uorgebilbet, ba^ bie Unreinen ben SReinen 
bic ©acromente fpenben unb fie leiten ! Unb biefe Setrad^tung mirb 
begrfinbet mit ber Dbjectioität ber (Sacramente, mit ber Unmcmbel^ 
barteit unb Äraft be8 ©laubenS unb mit ber Siebe^pflidit ber 
fietigen Vergebung! SS8er bcgel^rt nid^t gegenüber biefer „Objec* 
tiDttot" ber 2^eologie nad^ SBerfen, b. 1^. nad^ ber ^otberung 
ctnc§ tieiligen Seben«? — „aBa§ biefe SBiffenfd^aft betrifft; e§ 
ifi f f d^mer, ben f alf d^en 9Beg ju meibcn ; e§ liegt in il^r f o uiel 
verborgenes ®ift, unb uon ber 3lrjenei ift'S faum ju unterfd()eiben." 

10. 

^n bem Kampfe gegen ben 3)onati3mu§ fommt nur bie 
eine Sftid^tung be§ (Jl^riftentl^umS bc§ 4. ^al^r^unbertS jum STuS* 
brucf — bie SRic^tung auf bie fJeftfteUung ber objectiuen ®runb=« 
lagen ber Äirdfie, um il^re ©yiftenj, SSal^rl^eit unb ^eiligfeit tro^ 
ber Unl^eiligfeit ilirer ©lieber ju ermeifen. (Sofern man l^ier auf 
eine eoangelifd^e ©pur geriet)^, geriet)^ man jugleid^ immer mel^r 
in ben 3^^berfrei§ ber ©acramente unb fe^te bie Säuberungen 
an bog d^riftlid^e Seben Iierab. 9Äan rief bamit bie ©ntrüftung 
unb ben ©pott fogar ber Reiben l^erauS. 3)er ^ol^n, ben ^Julian 
über Konftantin im „Convivium" (p. 431 ed. ^ertlein) au8=^ 
fd^üttet, jeigt, mie bie ©mfteren unter il^nen über bie d^riftlid^e 
Jaufe bad)ten. Äonftantin finbet im OIpmp unter ben ®öttem 
fein aSorbilb für fein Seben. S)a fielet er bie „XTtjipUft" in ber 
9lä^ ftel^en unb lauft ju il^r. S)iefe nimmt il^n freunblid^ auf 
unb fü^rt il^n jur „2tfotia". S)ort finbet er aud^ ^t^M^, ber allen 
SRenfc^en juruft: ''Oati^ y&ops&c, 8<3Tt? (itat^dvo?, Sorte Iva^Tjc xal 

ßSsXopöc, iTCö ^app(öv airo^avo) Y^p atiröv zoozifi Tip ZSazi Xoboou; 
oimML xa^opov; xav Ä(iXtv Svoxoc toi? aototc YßVTjtat, Siaoiü ib ot^ä-o? 
xXnj^avTt xal rjjv xeyoXTjv TtaroSavxt xad^apcj) Yeviad-ai. 93ei il^m bleibt 



136 ^ariiQd, bie Se^re üon bei Seliglett attein burd^ ben ©lauben. 

Äonftantin unb fül^tt aud) feine ©fll^tie au8 ber (Semeinfd^aft ber 
olpntpifd^en ®ötter ju biefem ^^^Vi8. @3 ift biefetbe SSorfteHung oon 
ber principieUcn ftttlid^en Sajl^eit ber Äird^e, »enn man ftc^ fpätcr 
in l^eibnifd^en Greifen erjäl^Ite, Äonftontin fei ®l^rift geworben, weil 
er in feinem ber alten SDlgfterien aSerjeil^ung für feine ©d^anb* 
tl^aten l^abe erlangen fönnen. S)iefe§ Urtl^eil jeigt freiüd^ anberer*^ 
feitS, ba§ d^rtftKd)e Stimmungen in l^eibnifd^en Äreifen SBurjel 
gef dalagen l^atten; ober man feierte l^ier bag ©l^riftentl^um gegen 
bie Äird^e. „©taube nur unb lajs' bid) taufen" — bie Äirci^e 
felbft mar nid^t otine ©d^ulb, ba§ man t)on il^rem ^eiligften fagen 
burfte, eS fei ein S)e(fel ber SSogl^eit geworben *). 

2)0$ batf man nid^t Dergeffen, bag ftd^ hinter biefem ^eibnifd^en 
S^omurf Diel ^eu^elei DerBorgen l^at. ^ud^ im 4. ^al^r^. geigte bie ^^riflen» 
l^eit nod§ ftttlid^e Stxa% unb man f))rad^ toiber bejTeted SBiffen, loenn man fie 
einfad^ aU 6d^ule ber Unftttlid^feit oerfd^iie. Stud^ barf man nid^t Dergcffen, 
ba6 6d§ulb, ®nabe unb 93ergebung (im religiöfen ©inn) ben l^eibnifd^en SBe* 
uttl^eitem Dielfad^ unbefannte 2)tnge toaren. ©d^on S^elfuS ^at gu einer 3eit, 
ba bie üird^e nod^ auf flrenge Sud^t l^ielt, Derfud^t, fie als 9läuber- 
banbe Deräd^tlid^ gu mad^en, ba ^e aud^ bie gröbflen ©ünber au fid^ rufe; 
f. Orig. c. Gels, in, 68ff.: »SJafe id^ in meinen SBortoürfen nid^t gu bittet 
unb l^erbe getoefen, ba6 id^ nid^tS toeiter fagte, aU nur toad bie SBa^rl^eit 
er^eifd^t tonn man barauS erfe^en: bie ^riefter, toeld^e gur gfeier anbetet 
Sn^ftetien auffotbem, l^etfünbigen oorl^er: ,^er reine ^önbe l^at unb )9et* 
ftönbigeS fprid^t; ber trete ^eranS unb toieber: ,2Ber rein ift Don ieber 
@d§ulb, toer fid^ in feiner @eele feiner 8ünbe beiougt ift, loer ein gutes unb 
geredetes Seben geführt ^at, ber nal^e*. Unb bad rufen bie au8, loeldige 
9leinigung Don @ünben Derf))red§en. ^ören toir nun, toaS f&r Seute bie 
(S^^riften gur Sfeier t6rer (Bel^eimniffe eintaben! 2)en @ünbem, fagen fte, ben 
(ginfaltigen, ben ütnbem, mit einem iEBort, ben Ungifidfeligen toirb baS 9letdi 
®otted offen {leiten unb fte aufnehmen.' SBer ftnb benn nun bie Seute, bie 
il^r 6ünber l^eigt? 9lid^t bie Ungered^ten, nid^t bie ^iebe, bie ©iftmifd^er, 
bie S^empelrauber, nid§t bie, toeld^e bie SQQo^nungen ber Sebenben unb Xobten 
audplünbem? — äBürbe €iner, ber eine Slauberbanbe bilben looQte, ettoa 
anbere Seute l^erbeirufen? @ie fagen, ®ott fei nur für bie Sünber gefenbet 
n)orben. ^^en Ungered^ten, ber fid^ im S9ett)u|tfein feiner @d^ulb bemütl^igt, 
toirb ber $err aufnehmen; ben Geredeten aber, ber oon Einfang an im S^et* 
trauen auf feine Slugenb 3u i^m baS $luge erl^ebt, loirb er nid^t annel^men/ 
g^elfud ftellt l^ier, rid^tig Oerflanben, ber lürd^e baS glängenbe 3<ugnt^ aus, 
hai fte i^re Widgt erffittt l^abe. ^er Unterfd^ieb gtoifd^en biefem feinem 
3eugni6 unb bem beS Julian befielt leiber nur barin, bag 3ener berietet, 



^arnad, bie Seigre üon ber ©etiglett oQetn burdg ben ®tanben. 137 

2C6et bie fotl^olifd^c Äird^e ift bie complexio oppositorum: 
barin beftel^t il^t (Sel^einmi^. ^n berfelbcn QAt, in weichet fte 
bie 9Kd)tung auf baS ©acrament burc^fül^rtc, bürgerte fte boS 
Slin^ti^um bei ftd^ ein. @ie gab bamit ber @d^ä^ung ber guten 
SBerfc einen neuen ©pielraum unb fe^te ilinen eine neue Prämie. 
1)ie ©Qcramente unb bie übematürlid^en X^ugenben, biefe jufammen* 
gefaxt int SRönditl^unt , fie rourben je^t bie roal^ren „dotes 
ecciesiae". 

9lic^t o^ne SBiberfpruc^ l^at ftd^ baS ^önd^tl^um int Slbenb« 

lanb burc^gefe^t. 3)iefer SBiberfprud^ fam nor Ment non ©eiten 

bei bequemen unb ftttenlofen ©eiftlid^feit. ©&ntnttlic^e 93äter beim 

XuSgang beg 4. ^^^^'^uni^^t^ miff en non i^m ju' erjäl^Ien ; am 

metfien bie, bencn bie gallifd)en unb fpanifd^en 3^^^^^^ befannt 

roaren. SBon bem fpanifd^en 33ifc^of Qtl^aciuS mirb berid)tet, ba§ 

er „äße l^eiügen SWänner, bie fxä) in bie ©d^rift t)ertieften ober 

ein enti^altfameS Seben fül^ren rooUten, atö ^ri§cillianer belangte", 

bo^ er felbft ben 1^1. 9Rartin t)on 2:our§ öffentlich ber ^drefie ju 

bejid^tigcn magtc, unb ba^ Qebcrmann, ber ein fc^Ied^te§ Äleib 

trug ober bleich unb abgejel^rt fd)ien, in ©efal^r geriet)^, al8 Äc^er 

eingeftedEt ju roerben (Sulp. Sev. Chron. II, 50. Dial. 11 [Itl], 

11). ®ie SWad^t biefer mönd^^feinblic^en unb meltffid)tigen ©eift» 

K(^feit, loelc^e ben ©ebanfen, ba§ ber ®laube feiig mad^e, fd^änbete, 

iDQr um 400 fo gro§, ba| ber SBerel^rer ber neuen ^römmigfeit, 

SuIpiriuS ^), in feinen ©d^riften oorfid)tig fein mu^te. „Paululum 

iste liberior sermo reprimendus est", fagt er, nad^bem er ein freiem 

SBort getoagt, „ne in aliquomm forsitan occurrat offensam" 

(Dial. I pi], 12). Slber fam ber SQSiberfpruc^ gegen bie „neue 

Äeligion ber S^elofigfeit, be§ Saftend, beS ©el^orfam^ unb ber 

Serbienfte" nur oon ©eiten ber 9BeItd()riften? rourbe er nid^t au^ 

bie S^rtfien beriefen nur @ünber, 2)iefeT; bie 6ünber blieben aud^ in ber lürd^e 
6ünber. (^elfuS i{l el^rlt^ genun, mitgut^eilen, bag bie j^ird^e bie toirllid^e S9e- 
le^rung Derlange; er bejlDeifelt nur, bo^ fid^ alte @ünber befel^ren fönnett (ILI, 
^). Julian bagcgen t^ut fo, als fei ed auf S9efe^runq über^au|)t nid^t ab> 
Sefe^en, unb leiber gab bie üir^e gu biefer ä)orfteIIung mand^crlei $[nlag. 

') @. baS ÜRft^ere in meinem 9(rtilel »@uU)iciu8 ©eberud" in 
^ergog^s 9ll.-(Snc4lI. 2. ^uf[. 



138 ^atnad, bie Se^re Don ber Seligtctt allein butd^ ben (Stauben. 

t)on guten ©Triften im lüirflid^cn ^fntcreffc bcr ©nahe unb bc8 
® la üb cn§ erl^obcn? 3)ic toid^tigften SSetocgungcn, bie l^icrinSBe* 
trad^t fommcn, finb bie, Toeld)e burd^ bie Flamen 3fot)inian 
unb SBigilantiuS bejeid)net finb*). kleben il^nen l^at c§ nur 
namcnlofe iBeftrebungen Don unfid^erer Haltung gegeben. Slber aud^ 
über 3föt)inian ift ba§ Urttieil nod) feinegroegS fidler feftgeftettt. 
^ie erfte 9flad^rtd^t über ^foüinian empfangen mir auä einem 
Schreiben be§ ^apfte§ ©iriciu§ an 2lmbrofiu8 unb anbere S3ifc^öfc 
aug b. 3i- 3ÖÖ- ^iß^ ^^^ berid^tet, ba§ ber Teufel einen neuen 
SBetrug erfonnen unb l^eimlid^ verbreitet l^abe; eine ^f^lel^re 
fdfileid^e im Sfinftem unb fange an fid) bei ben Äatl^olifen ein* 
jufd^meid^eln, bie fdfiKmmer fei als jeglid^e ^firefie; gottlofe 
9Renfc^en t)erbre^en bie Se^ren ber 93ibel unb leieren, ba| ®nt« 
l^altfamfeit unb gaften überflüffig feien; nad^bem man fie ent* 
bedtt, ^dtten fie i^re @otte§ldfterungen burc^ eine breifte ©c^rift 
offenbart, in ber fie bie ©l^elofigfeit l^erabfe^en; in einer @i^ung 
be§ ^reSb^teriumS l^abe man fidt) übergeugt, bajl bie neue 
Seigre bem gfittlidfien ®efe^ miberftrcite ; bcjj^alb feien 3lot)intan 
unb ad^t feiner Slnl^anger mit il^m tjerbammt unb ejcommunicirt 
morben. 3lu§ bem Sd()reiben be§ ^apfteg gel^t ^eroor, ba§ 
biefe Seute ber Äird^e ben SBormurf gemad^t, ba^ fie bie ®]^e 
unterfd^a^e *). S)ie 2lntmort be§ 2tmbroftu§ ift unS nod^ er- 
Italien®); fte ift auSfül^rlic^er afö ber römifd^e 93rief. 3)er 
^apft mirb feiner SSac^famfeit megen belobt. 3)ann l^ei^t eS: 
„@§ ift ein roilbe§ Oe^eul, nid^t bie (Snabe ber ^fwngfraulic^feit, 
nid)t bie JRangorbnung ber Keufc^l^eit anjuertennen , 2ÜIe8 unter 
einanber mifd^en ju motten, bie ©tufen ber oerfd^iebenen SBerbienftc 
abjufd^affen unb fo ju fagen eine Slrmut^ ber l^immlifd^en 95c* 
lol^nungen einjufül^ren, ate ob ®l^riftu§ nur eine ?ßalme ju oer* 

^) föon Aerius unb feinem ^n^onge fe^e i^ l^ier ob] benn feine 
£)))pofition gegen fleticnbe Sfafttage — nur um biefe f^at eS fi(^ ge^anbelt — 
ift bogmatif^ o^ne SSebeutung (@pi|>^. h, 75). 2)ie übrigen ©tüdCe aber, in 
benen er Don ber fat^olifd^en j^ird^enpra|t8 abmid^, l^aben oollenbd mit ber 
uns befdgäftigenben Sftage nidgts gemein. 

■) ©. eouflant, Epp. p. 659. 3affe, Regesta, 2, edit. p. 41. 
^ef ele, €onciI.-®efd6. n B. 51. @8 ift baS @d^reiben : „Optarem semper**. 

») 6. eoupant p. 669. 



^arnatf, bie Se^ie boii bei 8elig!ett allein bur4 ben ®Iaubcn. 189 

lei^n ^otte unb eS nid^t fel^r Dtele ä^itel ber 93eIo^ungen gebe. 
6ie geben vox, jene ber (Sl^e jusuerlennen. 9lber loeld^eS Sob 
farai ber ®^e jufommen, roenn ber ^SungfrduUd^feit ntd^t bie 
Slorie Mcibt?" hierauf wirb bie (Sf)t gerül^mt aber ber tiöl^ere 
ffiert^ ber ^fwngfrdutic^feit nod^geroiefen. 3)te (Segner aber finb 
']o gottlog, }u behaupten, ©IiriftuS fei jroar oon einer Qi^ngfrau 
empfangen, aber md)t oon einer ^fi^ngfrau geboren roorben; fie 
leupen alfo bie bleibenbe ^ut^gf^ä^I^i^^^t ber äßaria. ä(ntbrofiu3 
{u^t biefelbe ju enoeifen. @obann rül^mt er ben SBittmenftanb, 
ben OoDttrian unb fein Sttnl^ang »ol^I bej^l^alb l^erabfe^e, weil er 
mit ^ten t)erbunben fei; „fie bebauem, fid^ in frül^erer 3^tt 
au(^ fofteit ju l^aben unb fud)en baS Unrecht n>eld^eS fie fic^ ba^ 
mit angetl^an, ju rächen unb burc^ täglid^e ©aftmoler unb 
S^n^elgerei bie einfüge 9)Ulf|e ber @nt]^altfantfeit ju nerfc^eud^n. 
2)arin t^un fie freiließ fel^r rec^t ba§ fte fid^ fo burd^ il^ren 
eigenen SDfhtnb t)crbamnien; aber fie fürd^ten voo\)l audt), ba§ il^nen 
jenes ^ften nidt)t etroa nod^ ate ©ünbe angered^net werbe, ©ie 
mbgen fid> offen erf Idren : wenn fte in frül^erer 3«^ gefaftet l^aben, 
fo mögen jte für il^re gute 2:^at 93u^e tl^un; wenn fie nie ge^ 
fflflet ^aben, fo mögen fte felbft il^re Unmä§ig!eit unb Ueppigfeit 
Wennen. (Sie fagen aud^, ?ßaulu§ fei ber Sel^rmeifter ber Ueppig- 
feit geioefen." 9lmbrofiu8 t)ert]^eibigt nun ben Slpoftel unb baS 
Sajien, um bann plö^tic^ abjubrec^en ; jene fieute feien aud^ l^ier- 
^ noc^ Snailanb getommen, aber bereits t>erurt^eiU unb auS« 
jenriefen morben. ®8 bebarf feiner weiteren SBorte me^r gegen 
&ute, bie burd^ i^re' Seugnung ber ^ungfrdulid^feit ber 9Raria 
ölä 3uben unb aWanid^der ') ertDiefen feien, „meldte ©otttoftgfeit 
fluc^ ber gndbigfte Äaifer oerabf d^eut" . 2Hfo fd^on oor ber SBer* 
urt^eilung in SRom l^at bie Sßerbammung 3>ot)inian'8 unb feiner 
Jteunbe in SWailanb ftattgefunben. 

SBefd^en mir nur biefen ©riefmec^fel über ^föoinian, fo 
Knuten mir unS fein beutlid)e§ iBilb t)on feiner Haltung machen. 
6t l^at bcm giften unb ber @l^eIofigfeit einen befonberen SBertl^ 
oiflefproc^en, überhaupt bie geiftlid^en Sftangftufen ni^t gelten laff en, 

^) Sobinian mu^ umgele^rt ben StmbrofiuS a^anid^&er genannt Ifaben 
»«il er bie (E^e ^erabfe^e ; f. «ug., Op. imp. IV, 121. 



140 ^arnad, bie Seigre bon bet ©eligfcit allein burd^ ben ®Iaul6en. 

bcm mobcmcn StcblingSbogma feiner ^cttgcnoffen von ber bleiben* 
ben Qnngfraufd^aft ber SWaria fid^ entgegengefteDt unb ein bel^ag* 
lid^eS fieben nid)t für nnd)riftlt^ erflärt ft(^ für feine fjrei^eit auf 
^anlu§ berufenb. 9Bie er biefe Haltung fad^Iid) motitjirt l^at 
bleibt bunfel. SlHein bie :3ronie ber ®efci^id)te ^at e§ QtwoUt, 
ba| ber 9Rann bem ^f^oinian ein beffereS Slnbenfen Derfd^affen 
foDte, ber fid^ anfgemad^t f)at, um il^n t)flllig ju remid^ten — 
^ieronpmuS. 3)ie SBfid^er beS ^ierongnniS ju d^arafterifiren ift 
unmögli^. SBer fte gelefen ^at, m\% ba§ fte ein 2tbgrunb oon 
©emeinl^eit ftnb. 2lber ^ierongmu^ unb ber ^elagianer 3liiK<iw 
finb bie ©injigen, t)on benen wir miffen^ ba§ fte bie „commen- 
tarioli" be§ :3(n)inian in ^änben gel^abt l^aben. §. bringt G^itote 
aus il^nen unb fud^t fie ju roiberlegen. @benbe|l^alb ift feine 
©d)mä^fd()rift bie roic^tigfte Duette für bie ftenntni§ 3[ot)inian'§, 
obfd^on e§ offenbar ift, ba§ ^. ein ganj unjUDerläffiger Sleferent 
gewefen. SBa8 er au^erbem au§ münbüc^er Ueberliefeimng über baS 
Seben feine§ ©egnerS beigebrad^t i)at, ift mit l^öd^fter SBorftd^t 
aufgunelEinien. 93on ber Säuberung ber ^erfönlid^feit an, bie unS 
afö feifter ©d^njelger unb gepu^ter ®erf tjorgefü^rt wirb, bis ju 
ber 9lac^rid()t, „3iOt)inian l^abe unter 3^afanenbraten unb ©d^roeine* 
fleifd) feinen ®eift nid^t fowo^l auSgel^auc^t afö auSgerüIpft" ift 
ba3 SKeifte erfunben unb erlogen : ^ieron^muS fa§ in SSetl^Iel^em, 
l^at ben ^fooinian roal^rfd^einlid^ niemals gefeiten, fid^ t)ielmcl^r 
einen Äe^er }ured)t gemad^t, mie er i^n brauchte, unb bie paffenbe 
^obeSart für benfelben einfad^ erfunben; benn ma^rfd^einlid) mar 
Qomnian nod() gar nid()t geftorben, als ^. jene^SSJörte (adv. Vigil. 1) 
fd^rieb. 2118 gcftd^ert, meil aud^ hnxä) SlmbroftuS bejeugt, barf 
man nur annehmen, ba^ ^omnian unb feine greunbe, nad^bem 
fie erft ein mönd^ifd()'ftrengeS Seben gefül^rt, ju einer bürgerlid^en 
SebenSmeife jurüdtgefe^rt fmb unb be^l^alb aud() ©aftmäler nid^t 
Derfd()ma^t liaben. SÄuguftin, ber an melireren ©tetten feiner 333erfe 
auf 3»ot)inian ju fpred^en f ommt, ^at ben ßebenSroanbel beS 9RanneS 
nie angetaftet. Seiber liat er nur 3Bcnige§ über i^n berid)tet unb 
baS j. 2:^. nad^ ber ©d)rift beS ^ierongmuS '). ®ine ©ntfd^ulbigung, 

') 6. de haeres. 82. ^te !e^erifd^en iSe^ien ftnb offenbar na^ 
^ieronl^muS gegeben, ^ann ^eigt eö: „Qaaedam virgines sacrae proveotae 



^axnad, bie Se^re bon ber 6elig!eit allCein burd^ bcn (j^laubcn. 141 

bie man biefem jubiDigcn f ann, ift, ba§ er au§ bcm ^nftinct bcr 
Sclbfter^altung l^crouS gefd^ricben l^at. SBag toav ^icrongmuS, 
loenn man il^m bie nad^träglid^ mü^fam bewahrte ©efd^ted^tälofig* 
feit no^m? roaS xoax fein S^riftentl^um ol^ne SSitginitat? ®ine 
anbere (gntfc^ulbigung, ba§ er nämlid^ roirflid^ bie bamafö elnjig 
mSgli^e fjorm beS fird^li(^en Kl^riftent^umS t)ertreten ^at, mag 
nod) am ©c^Iuffe jur ©prad^e fommen. 9Ba§ mir über Qot)inian 
ans ber ©c^rift be§ ^ierongmnS lernen, ift golgenbe^: 

3)er SWönd^ 3föt)inian, ber biSl^er in ftrenger SlSfefe gelebt, 
erf^edte bie römifd^e Sird^e plö^Iid^ burd^ eine SBeränberung feiner 
2ebcn§roeife unb bnrd) bie ?ßrebigt ba§ Sntl^altfamf eit nnb giften 
fiberfc^a^t mürben, @r fanb jal^lreic^e Slnl^änger, meldte bie 
^rebigt t)om epifureif d^en Seben gern annal^men nnb meiter trugen *), 
mib fuc^te aud| burd^ ©d^riften ju mirfen, refp. burd^ eine ©dtirift 
in mehreren Suchern, ^n biefer ©d^rift, beren ©til „barbarifd^, 
fe^Icrl^aft, unoerftänblidfi, fd^mülftig, trioial, bun!el, uermirrt, pbgt 
liftifc^^ l^eraHitifc^" u. f. m. gcmefen fein foH unb bie be^l^alb 
„[eic^ter ju miberlegen afö ju uerftel^en ift" % üertl^eibigte er 
oomel^mlidfi oier ©ö^e, bie ^ierongmuS alfo miebergiebt (I, 3, 
cf, n, 35): 

1) YirgineS; viduas et maritatas, quae semel in Christo 



iam aetatis in urbe Roma, abi haec docebat, Joviniano audito nupsisse 
dicimtur"; f. au^ de bono coniug. unb de virginitate. 

^) .SBrüPe bi(3J niriftt mit ber aWengc betner ©c^üIer'; adv. 3ot). 11, 11. 

*} 2)te eine $robe, toel^e ^ieron^muS gegeben l^at, um btefed Urt^eil 
JU bcgxdnben (I, 2), ifl aUetbingiS abf^redenb unb ettoedt baS ungftnftigfte 
SoiUTt^ett („satisiacio invitatis, non ut daro corram nomine, sed a rumore 
purgatus viyam vano. Obsecro agrum, novella plantationum, arbusta 
teneritadinis, erepta de vitiorum gurgitibus, audientiam communitam 
agminibus. Scimus ecclesiam spe, fide, caritate inaccessibilem, inexpugna- 
blJem. Non est in ea immaturus, omnis docibilis; impetu irrumpere vel 
arte eladere potest nuUus"). (SS ift ein t>erung(üdte8 $Qt^o8 unb eine 
Weckte !Poefie! Kber ^ieron^mud l^at ol^ne 3^^if^( bie f^Iimmfle @teUe — 
bie Ginleitung gum 2. S9u4 — auSgeiD&^It. & lommt ja nid^t feiten \)ox, 
bag Tutoren bei bem SSeftreben in i^ren Einleitungen ettoaS red^t ©eift* ober 
S^iDungooHe« in fagen, au fÜaU !ommen. ^ebenfalld betoeifen bie Sludaüge 
bei ^ieronl^muf aus bem SQßer! — tt)örtli4 ^at er fonft faft nid^tg citirt — , 
bog ti QTogtent^eiU üerftänbig unb t)erftönbli4 gefd^rieben toar. 



142 ^arnod, bie Se^re üon bei <Selig!eU attein bur^ ben (Blauben. 

lotae sunt, si non discrepent caeteris operibus^ eiusdem esse 
meriti. 

2) Eos, qui plena fide in baptismate renati sunt, a 
diabolo non posse subverti (II; 35 l^etjst eS „non posse 
peccare", cbcnfo Aug. de haer. 82: „omnia peccata. sicut 
Stoici philosophi, paria esse dicebat [f. Hieron. adv. Jov. H, 
21. 31] nee posse peccare hominem lavacro regenerationis 
accepto"; aber II, 1 giebt ^ieron^muä ben ©a^ fo roicber: 
„a diabolo non posse tentari; quicumque autem tentati 
fuerint; ostendi eos aqua tantum et non spiritu baptizatos^; 
bagegen dial. adv. Pelag. III, 1: „posse omne vitare pecca- 
tum." :3ulian ü. @clanum bei Aug., Op. imperf. I, 98: „Jo- 
vinianus dieit in secundo operis sui libro, baptizatum hominem 
non posse peccare, ante baptisma autem et peccare et non 
peccare posse. ^n fpdtcrer 3^^* ^^^ ^^ allgemein, 3>ot)tnian 
l^abe geleiert, „hominem post baptismum nullo modo posse 
peccare", cf. lib. fidei in opp. Mar. Merc. p. 319 f. ed. ®arnier). 

3) Inter abstinentiam ciborum et cum gratiarum actione 
perceptionem eorum nullam esse distantiam. 

4t) Esse omnium qui suum baptisma servaverint 
unam in regno coelorum remunerationem. 

^ierongmuS l^at un§ aud) bie roid^tigften @ä^e QfotJinian'S 
jur Segrünbung biefer S:^efen erhalten, aber augenfd^einli^ SBic^^ 
tigeg unterfd^Iagen unb 3lnbere§ entfteHt *). Um 3>ot)tnian'§ ©runb- 
anfd^auung feftjufteUen, mu| man t)on ber 4. 2:]^efe ausgeben. 
^terongmuS l^at fie II, 18 ff. bef prodien unb bie 2Irgumentation 
3ot)inian'§ norangeftcUt. 3Kan barf fie alfo juf ammenf äff en : 

3)ie ^I. Schrift fennt fd^Ied^terbingS nur jmei Drbnungen, 
bie ber Sd^afe unb SBöcfe, ber ®ered)ten unb Ungered^ten. 3^f* 
reid)e ©prüc^e beS §erm bemeifen bieS, fo bie Sd^ilberung beS 
©erid^tS 3Jlttl^. 25, baS Oleic^ni^ nom guten unb fd^Ied^ten 93aum, 
bie jiol^anneifd^en ©prüd^e non ben Sfflenfdtien, meiere ®ott unb 
metd^e ben 2:eufet jum SBater l^aben, baS ®Ieid^ni§ non ben 

^) @4on bie Sformulirung ber Dier S^^efeu felber barf ntd^t qU joDi« 
ntantf4 im {Irengen @inn gelten, fonbem ift t)on ^ieron^mui^ gemocht, tote 
bie 64ti)anlungen in ber 2. S^^efe, ref^. au(^ in ber 4. betpeifen. 



r 



^arnadC, bie fiepte Don bet Seligfeit atietn burd^ ben Glauben. 143 

t^Sri^ten unb Ilugen ;^un9frauen u. f. tu. 9Hd^t anberd lel^tt baS 

Ä. 2:., tote bie ®efd)id^tc t)on bcr Sintflut^, Don ©obom unb 

9omottf)a, t)on ben äggptifc^en plagen, t)om ^urd^gang burd^ 

ba§ rotl^e 9Jlccr, t)om SBSüftcnjug u. f. ro. bcroeifcn ^), 3)a8 ©Icid^* 

m§ Dom ©äcmann im @t)cmgelium mit bem fjelbc, bog l^unbert:«, 

jetzig* unb breijsigfältigc %t\xä)t trage, bilbe feine ©egeninftanj, 

benn bet cntfc^eibenbe Unterfd^ieb fei bog gute unb baS fc^Iec^te 

Ä(f erlanb ; ben Qfiugem werbe im ©Dangeüum balb eine ftebenf ältige, 

balb eine ^unbertf ältige Söelol^nung t)ert|ei|en; l^ierouS erfenne man, 

ba§ fein Unterfd()ieb jmifdien fieben unb l^unbert gemad^t merbe, 

olfo aud^ nid^t jmifd^en l^unbert unb fed^jig. „3)er ^err fprid^t, 

roer mein JJIeifdt) i^t unb trinft meinjjMut, ber bleibt in. mir unb 

ii^tni^m. SBie alfo ®]^riftu8 ol^ne irgenb meldten Unter* 

fd[)ieb pon ©tufen in un§ ift/.fo finb aud) mir in ©l^riftuä 

o^ne ©tufen. ^f^ber, ber mic^ liebt, mirb mein SBort l^alten, 

unb mein SSater mirb il^n lieben unb mir merben ju il^m fommen 

unb SBol^nung bei i^m machen. SBer geredet ift, ber liebt; 

wer liebt, ju bem fommen ber SBater unb ber ©ol^n unb 

iDo^nen in feiner SBol^nung. SBJo aber ein fold^er Qfnn* 

löo^nerift, ba, meine ic^, fann e3 bem SBol^nungSinl^aber 

annic^tä feilten. SBenn er aber fagt: Qn meinet SBaterg §aufe 

jinb mele SEBol^nungen, fo meint er bamit nid^t perfd^iebene SBol^' 

nungen im ^immelreidi, fonbem bie Qat)l ber Äird^en auf bem 

ganjen 6rbfrei§, meldte in fteben eine einjige ift. ^6) gel^e l^in, 

finric^t er, euc^ bie Stelle ju bereiten, nid^t bie ©teilen. SBenn 

ftc^ biefc SBerl^ei^ung auSfc^liejjlid^ auf bie jmölf Slpoftel bejiel^t, 

jo ift ^auluS oon biefer ©teile au^gefc^loffcn, unb ba§ auS* 

emd^lte Sftüftjeug mirb für überflüffig unb unmertl^ gelten muffen. 

3o^nne§ unb 3f<iföbu§ erlangten feine größere SBürbe, meil fie 

^) 9Cuf baS 9llte S^eflament ^at ft(^ ;3oDintan fibtigenS nur mit Sor« 
^ctolt berufen. ^ieront^muS n)irft i%m (U, 4) t>ox, bog et unb feine ^- 
^fitt }u fagen pffegen: 2)a8 ®efe| unb bie $to|)^eten gelten nur bU 
^o^rmH, fo oft t^nen baS %. %. unbequem niirb. 3n äBa^r^eit b<it 
doDtnian einen fel^r listigen ®ebrau4 i)om %, %, gemalt. ^u4 bat er 
ium Serger beS ^ieron^mud on bielen ©teilen bie allegorifd^e Sludlegung beS 
Ä. St/« Dertoorfen, too bie Äirc^e niri^t obne fie anSaufommcn Dermoc^te, fo 
^i ber SBielloeiberei bet ^otriarcben ic. 



144 ^arnacf, bie Seigre bon ber 6eUgfett olletn bur4 ben ®(aubcn. 

barum baten ; aber anbererfeitö tft il^re SEBfirbc aud^ nic^t ocrringert 
roorben, ba fie ben anbeten Slpofteln gleid^ waren. ®uer Seib tft 
ein 2:empcl beS l|l. ®eifte§. Slid^t t)on meisteren Tempeln tft bie 
Sftebe, bamit flar fei, ba§ ®ott in glei^er SBeife SlDen einrooljne. 
^ä) bitte nid^t allein für fie, fonbem auc^ für bie, »et^ burctj 
il^r SBort an mic^ glauben »erben, bamit xou bu SBater in mir 
unb id^ in bir @in§ ftnb, fo 9llle ®ing in un§ feien. ®ie ^err»' 
lid^feit, bie bu mir gegeben tiaft, l^abe id^ il^nen gegeben, ^tf) 
l^abe fie geliebt, mie bu mid^ geliebt l^aft. Unb mie mir, SBater, 
©ol^n unb 1^1. ©eift, ein ®ott finb, fo f oll aud^ in i^nen ein 
einjigeg SSalf fein, b. 1^. als bie geliebteften Äin^* 
ber, bie ber göttlid^en 3latur tl^eill^aftig finb. öraut^ 
©d()mefter, 9Äutter unb roa§ man fonft nod^ an ©e- 
geid^nungen anfül^ren mill — eS giebt nur bie 93er* 
fammlung ber einen Äird^e, bie niemals ol^ne ben 
Bräutigam, ben 93ruber unb ben ©ol^n ift. (Sie l^at 
einerlei ®lauben unb mirb meber burc^ bie SJct* 
fd)ieben]^eit ber ®laubenSfä^e gefc^anbet nod^ in 
Äe^ereien gefpalten. ©ie bleibt ^f^ngfrau. SBo^in baS 
Samm gel^t, bai^in folgt fie il^m; fie allein fennt bie (Stimme 
Sl^rifti." SBenbet man aber, meint ^ooinian, ben ©pruc^ ein: 
@in (Stern unterfd^eibet fid^ oom anberen in ber Klarl^eit, fo gcljt 
baS jundd^ft auc^ auf ben Unterfd^ieb beS ®eiftlid^en oon bem 
^leifd^lic^en. 3lu§erbem giebt eS ja aUerbingS geroiffe Unterfd)iebe, 
mie am Körper bie ©lieber oerfd^ieben fmb; aber alle ® liebet 
ftnb uns glcid^ mertl^, unb ber ©d^merj über ben SBerluft eines 
®liebeS ift berfelbe. „2luf gleid^e SBeife treten mir alle in biefeS 
Seben ein unb auf gleid^e 3Beife oerlaffen mir eS. @in 2lbam 
ift irbifd^ unb ber anbere ^immlifc^; mer im irbifc^en 
Slbam gemefen ift, ber ftel^t jur Sinfen unb mirb ju ®runbc 
gelten; mer im l^immlifd^en, ber ftel^t jur Siedeten unb mirb feiig 
merben. SBer ju feinem 93ruber fagt, bu 9larr unb SRafa, mirb 
in bie ^öUe tommen, unb mer ein 3Körber ober ©^ebred^er ge« 
mefcn ift, mirb gleid^faUS in bie ^öUe gefto^en merben. SBer in 
ber SBerfolgung oerbrennt, mer erftidt, geföpft mirb, mer fliel^t, 
mer im Werfer eingefd^loffen ftirbt — eS finb mol^t oerfdiiebene 



^atnad, bie Se^te bon bev @eliglett allein burd^ ben (Blauben. 145 

arten be§ Äantpfcä, aber eS ift nur eine ©iegeSfrone. 3w>ifcä^«t 
bcm SBruber, ber immer beim SBater geblieben, unb bem, ber fpäter 
bußfertig mieber aufgenommen morben ift, befielet leine SSer* 
fc^iebenl^eit. 5)en Slrbeitem ber erften, britten, fei^ften, neunten 
unb elften ©tunbe mirb gleid^mä^ig ein 3)enar augbejal^It, unb, 
bamit man fid^ nod^ mel^r munbere — bie SluSjal^lung beä 26f)ntS 
beginnt bei benen, meldte weniger im SBeinberg gearbeitet l^aben." 
3)a§ ift e§, ipa^ un§ ^ierongmug au8 3>ot)inian'8 95egrünbung 
jener S^efe mitgetl^eilt ^t. 9Ran l^at nur nod^ J^injujufügen, ba^ 
3oo. bei ber ©efd^id^te von Sobom unb ©omorrl^a bemerft l^at 
(n, 18), Sot'S 3SBeib biene jum Semeife, „ne paululum quidem 
a institia declinandum esse^, unb ba^ er auf ben (Sinmurf, 
löarum benn ber ©erec^te ftd^ abmfilie, fei eS in griebenS-, fei eS 
m SerfoIgungSjeit, menn e§ feinen gortf d^ritt unb feine größeren 
Selol^nungen giebt — geantwortet l^abe: „scias hoc eum facere, 
Qon ut plus quid mereatur^ sed ne perdat^ quod 
accepit." 

^n biefem 2lbfd^nitte l^at ^ooinian feine grunblegenben ®e* 
banfcn niebergelegt. Sßon ^ier auS werben bie übrigen S:i^efen 
oerftdnbü^. SSir laffen je^t bie jmeite folgen. ^i)x SBortlaut 
iji jmeifel^aft (f. oben). ®enn^ ift, ba^ Qf^oinian nur oon foldEjen 
gefproc^en ^at, bie mit oollem ©lauben in ber Siaufe 
löiebergeboren finb. Slber e§ fragt fid^, ob er gemeint l^at, 
fie f5nnten nid)t oom 2:eufel oerfui^t, ober nid^t oom Sieufel 
ju Salt gebrad^t werben ober überhaupt nid^t fünbigen, 
an ber wic^tigften SteUe (II, 1) referirt ^ierongmug fo: „:3ot)inian 
le^, baj5 bie (Setauften oom 2:eufel nid^t oerfud^t werben fönnen 
unb fügt ^inju: bie aber bod^ oerfud^t worben finb, jeigten bamit, 
ba§ fie nur mit ffiaffer, nid^t aber mit bem ©eifte getauft worben 
fmb, wie wir bieS bei ©imon SWaguiS lefen. Salier fagt aud^ 
Soi^anneS: S^ber, ber au§ ©Ott geboren ift, fünbigt nidE(t; weil 
(Sottet Flamen in i^m bleibt, unb er fann nid^t fünbigen, weil 
er au8 ©Ott geboren ift. Unb barin offenbaren fid^ bie Äinber 
®otte§ unb bie Äinber be§ ©atan. Unb am @rf)lu§ be§ »riefe« 
Jei|t e8: ©in ^ebex, ber auS ©Ott geboren ift, fünbigt nid^t*; 
ionbem bie 3^W9w«9 ^w« ®ött bewal^rt i^n, unb ber SBöfe berül^rt 

dtitfi^Tift fflr Z^olojie unb Stit^t, 1. 3a^rg., 2. S^t\i. XO 



146 ^aritod; bte IBel^re t>m bei ©eligfett aQetn bur^ ben ®Iauben. 

x^ ttid^t." 3)iefc§ Sftcfcrat wirb butd) Julian afö roefcntlid^ 
corrcct ermcfen. ®r l^at im grocitcn Sud^c bc8 jODtnianifdjen 
SEBcrfcS getefcn (Op. imp. I, 98): „@tn getaufter 9Renfc^ fann md)t 
fünbigen; Dor ber 2:aufe aber fann er fünbigen unb nid^t fün= 

btgett 3)er SBiUe ber 3Jlenfd)en fttnbigt, aber nur big gur 

Saufe; nad(]^er fann er nur ba3 ®ute rooHen . . . 9Son bem 3Ro» 
ment ber ©rlangung ber 2:aufc ab werben bte >bonae cupiditatesc 
ber ©eele eingeprägt; üorl^er befa§ bie menfd^Iic^e 5latur nur bie 
possibilitas boni unb ujar nur in biefem ©innc gut"^). Slad^ 
biefen 3^W9»^iff^»^ f^nn eS nic^t jrocifell^aft fein, ba§ ^fooinian 
3lu8brü(fe, wie bie „fte fönnen nid^t fünbigen", „fte Bnnen ni^t 
SU ^öß gebrad()t werben" wirHid^ gebraud)t l^at*). ®ben bejs^olb 
ift er auc^ forool^I „SWanic^äer" atö „^elagianer" genannt worben; 
jenes, weil er eine pl^gfifd^e ®fite ber menfd^Kd^en 9latur na^ 
ber 2:aufc bel^aupte, biefe§, weil er bie möglid^c unb roirfüc^e 
©ünbtofigfeit lel^re. 93eibe SSorroürfe finb unbere^tigt. SBie ber 
©a^ ju t)erfte^en ift, ergiebt fid^ au^ ber SBebingung: „wer mit 
ooUem ©tauben miebergeboren ift", unb au8 ber ®om« 
bination biefeS ©a^cS mit bem erften (f. oben) Don ben jwei 
©täuben, bem mit ©l^riftuS unb ol^ne S^riftuS. Qooinian per- 
ftanb bie ©ünblofig!eit mie ^ol^anneS, auf beffen 93rief er ftd^ 
auc^ berufen l^at, unb mie ?ßaulug (9löm. 8, 33. 34). ®r tonnte 
überl^aupt nur jroei ^uftänbe, ben be§ Unmiebergeborenen unb 
bc§ SBiebergeborenen, unb er fa^tc bie ©ünbe al8 t)erbamms 
lid^e ©d^ulb in§ 3luge. ^n biefem ©inn fagte er, ba§ ber 
©laubige nod^ ber SBiebergeburt nid^t mel^r fünbige. 3)iefer ©a^ 
mar t^m gleic^bebeutenb mit bem anberen, ba§ er oom 2:eufel 
nid^t jtt 3^aII gebrad^t werben !önne. ®erabe au§ ber ©eobad^* 
tung, ba§ er biefe beiben 3lugfagen gleid^merttiig unb abmed)felnb 
benu^te, gel^t beutlid^ ]^ert)or, ba§ er bie ©ünbe in biefem 3^* 
fammenl^ang ni^t im empirif^*moratifd^en ©inn meinte, fonbem 
im religiöfen. 3Ba8 nid^t au8 bem ©tauben fommt, ift ©ünbe, 

^) S)iefeT Ic^te ©a)^ ift oon Sultan aure^tgemad^t unb giebt fd^tDetUd^ 
ben ©inn 3oDinian'd treu n)ieber. 

*) Ob er QU$ ben 9lu8brucf, ^fic fönnen nid^t öerynd^t toerben* ge« 
brQud^t ^Qt; if! mc^r aU 3n)eifeI^Qft. 






^arnQcI, bte Seigre öon ber ©elißfeit QÜcin burd^ bcn ©tauben. 147 

35arau§ folgte il^m (tjgl. ?ßaulu§), ba§ ber OlSubige but^ feinen 
®Iauben bei ®ott geborgen fei unb feine Sünbe (atö oerbamm* 
lic^e Sdiulb) i^n treffen fönne, weil er burd^ feinen ©tauben bei 
©Ott bleibt. 2)a§ mx fo rid^tig erflärt l^aben, unb ba^ ni^t etwa 
fittlidie Soy^eit jenen ©a§ 3'OtJinian'S ^eroorgerufen ^at, bezeugt 
^icrongmug felbft roiber 9Bilten; benn II c. 21 fagt er: „Si non 
licet a rirtutibus paululum declinare; et omnia pec- 
cata sunt paria eiusdemque cnminis reus, qui panem esuriens 
surripuerit et qui hominem occiderit, tu quoque maximorum 
scelerum reus teneris. Porro aliud est, si te dicas ne 
minima quidem habere peccata, et cum omnes apostoli 
et prophetae et sancti peccatores se esse plangant, solus de 
iustitia glorieris.** SluS biefer ©teUe folgt, ba§ nic^t 
Sooinian, fonbem ^ierongmug ber Saye ift, femer ba§ ^föoinian 
cinerfcit^ bet(auptet ^at, man bürfe aud) ni^t ein Sfl3enige§ non 
ber 3:ugenb abmeidjen '), anbererfeit§ fid) fetbft !eineSn)egS für 
ffinbIo§ (im empirifd)cn ©inn) unb bod) für fclig erflärt l^at. 
5)ie|e 93e]^auptungen laffen fid) nur bann reimen, menn if)m in 
bem ©a^e: „5B8er burd) bie SBiebergeburt glaubig geworben ift, 
fünbigt nid)t", ©ünbe gleid^bebeutenb mar mit bem innertid)en 
äbfatt non ®ott. 2lm ftdjerften aber jeigt ^ieron. adv. Jov. 11, 37, 
n)a§ ;3oninian gemeint I|at. @r l^at nic^t geleugnet, ba^ ber 
©laubige ber SBu^e bebürfe, alfo auc^ nid)t geleugnet, ba§ er 
(im empirifd)en Sinn) fünbige; aber er mar banon übergeugt, ba^ 
er „pom Xeufel nid)t ju gaff gebrad)t merben fönne", unb in 
biefem ©inn mar il^m bie ©ünbe be§ bußfertigen ©laubigen leine 
©ünbe, nielmel^r fo in bie ©uße nerfdjtungen, baß eben ber 93ußs 
fertige ber ©ered^te ift. ®iefer ©ebanfe ift ben t(ö^nenben SSorten 
beS ^ierongmuS ju entnel^men: „gürd)tet nid)t bie^urerei! SBer 
einmal in €l^rifto getauft ift, !ann nid)t f äffen; er ^at ja, um 
feine ©etüfte augjufdiäumen, bie ^errlid)e 2lu8funft, fid^ ju ner* 
^eiratl^en. Unb menn il^r aud| fallt, mirb eud) bie ©uße 
roiebcr in ben alten ©tanb jurürfnerfe^en, unb menn i^r 
bei ber Saufe ^eud)lcr mart, fo merbet i^r nod| bei ber 
öujje einen feften ©lauben annehmen tonnen, fiaßt euc^ 

*) 8. benfclbcn ©a^ aud II, 18 oben ©. 145. 

10* 



148 ^arnad, bie Seigre bon ber ©eligfett aQetn but4 ben (Blauben. 

and) baburd^ ntd^t oerroirrcn, baj5 il^r glaubt, c8 fei ein 
Untctfd^ieb jrpifc^en einem ©erec^ten unb einem 93uj5- 
fertigen, unb bie erlangte SBergebung ©erteilte jmar eine 
geringere SRangftufe, beraube aber ber ©l^renfrone. 2)ie 
SBergcltung ift ja immer nur eine. SB8er einmal jur 9le^ = 
ten fte^t, wirb inS ^immelreid^ eingeben." ^ier ift offene 
bar, ba^ <3iOoinian nic^t an ber 3;aufe l^ängt, ate an einem 
magifd^en SDSunber, fonbem an bem ® lau ben, femer, ba§ il^m 
„gered)t" unb „bußfertig" @inS fmb, unb ba§ er nicf)t Sünb* 
toftg!eit lel^rt, mol^I aber nichts SBerbammIic^e§ an benen finbet, 
bie in ®f)rifto <3efu ftub^. 2luS biefen ®eban!enreil^en erttärt 
fld^ enbUd) aud) jener SBormurf, ber bem <3iOt)inian immer roieber 
gemad^t morben ift, er leiere aUe ©ünben feien glei^. „2)er 
©pifureer wirb plö^Uc^ jum Stoüer", fagt ^ierongmuS (11, 21). 
yhi)tö ift unrichtiger, afe biefe ®eutung; üielme^r meinte ^[ooinian, 
ba^ aud) bie fleinfte (Bünbe jur SSerbammung ffi^re, menn ni^t 
ber innere 9Äenfc^ miebergeboren fei unb feine ®erec^tig!eit an 
bem ©lauben unb ber SBu^e ^abe. SBenn er alle ©ttnben für 
gleid^ ertlärte, fo gefc^al^ eS nur in bem ©inne beg ^ermfpru^ä 
SDWtl^. 5, 22, auf ben er fid) aud^ berufen l^at (f. oben). 

9lad)bem ^fooinian'g SReinung auf ®runb ber 2. unb 4. Sl^efe 
feftgefteUt ift, bebarf bie 1. unb 3. 2:^efe feine ©rlouterung; 
benn fte Derftel^en fid| oon felbft. Kommt Me§ auf bie SBieber» 
geburt unb ben ©lauben an unb giebt e8 nur jroei ©tdnbe, ben 
ber ®läubigen unb Ungläubigen, fo fmb fold)e 3)inge, mie ®]^e* 
lofig!eit, SSSittmenfc^aft, Saften 2C., für ba8 Seelenheil glei^gittig. 
Sfber Qooinian I|at, mie e8 fd^eint, in feinem SBäerte bie meifte 
Sorgfalt bem 9lad)meife in 93ejug auf biefe 2;i^efen gemibmet; benn 
fie fteHten nic^t nur bie praftifc^en ©pi^en feiner fie^re bar, 

Um ben gangen ^bfianb be8 ^^nfient^umS beS ^ieronl^niuS bon 
bem be8 3ok)tnian unb baS Unoermögen 3ened, liefen )u Derße^en, gu er* 
loeifen, laffe 14 bie äBotte folgen, mit benen $. bie ^auUnifdgen ®ebanlen 
beS 3oDinian begleitet: gfdti folgen ^latl^f^Iägen {tnb beine @4ti)eine^itten 
\>\tl reifer aU unfere guten Ritten, unb bie 93öde loden eine @4aar oon 
Siegen mit fid) fort. @ie ftnb U)te]§ernbe ^engfte gett)orben auf bie SSBeiber. 
6obaIb |ie äöeiber erbliden, toicl^cm jte unb tröflen iftre geile Ungebulb ■— 
toeldS' 35erbred6en — mit SBcifpielen ber f)\, ©(^riftcn!" 



Qaxnad, bie 8e^re t>on ber ^eligfeit atCein bur^ ben ©lauten. 149 

fonbem fic allein waren aud) ben ^^ttfl^^^off^^ — ^^^^8^ StuS* 
nahmen abgercd^net — tJerftänbUd). ©eine ©egncr l^aben il^n aui) 
an bicfen fünften faft auSfc^Iie^Iidi angegriffen; benn feine bog« 
mattf(I|cn ®runbanfd)auungen waren i^nen ju l^od), L. I, 5 unb 
n, 5 f)at ^ieronpntug einige ©ä^e ^fo^ii^i^n'^ jur SBegrünbung 
fetner 3:ljefen angefül^rt. ®§ fmb roieberum ©djriftfteUen^ unb eS 
ifl überflüfjxg, jte einjeln l^ier aufjufüliren. Sfooinian fc^eint bie 
gonjc ]^I. ©d)rift burd^gegangen ju fein. 9lur einige @injell|eiten 
feien emxi^nt @rftlid^, bie gormulirung ber jooinianifdien %l)t^t: 
^Virgines, viduas et maritataS; quae semel in Christo lotae 
8unt, si non discrepent ceteris operibus, eiusdem esse meriti«, 
ipt entrocber incorrect ober bebarf ber Erläuterung. ®8 befremben 
ndmiid) bie SSBorte „si non discrepent ceteris operibus", unb fie 
finben fid^ aud^ nid|t an ber jroeiten ©teile, an roetdier bie 21^efe 
citirt wirb (11, 35). ©ntweber alfo ftamnten fie nid)t non ^foninian 
ober fie muffen ben ©inn l^aben, „wenn jte jtd) nid)t burd) il^re 
SBerte ofö S5ofc unb ®ute non einanber unterfd)eiben" ; benn wollte 
man unter ben „opera" abgeftufte gute SB8erfe nerftel^en, fo 
»firbe fxä) Qooinian felbft wiberfpredien unb gerabe ba§ aufgeben, 
mS er berceifen wollte, ba^ näntlid^ 2;aufe unb ®laube allein ent= 
jc^ben. S38oI|l aber wei§ ^'öoinian, ba§ niele ©etaufte nur mit 
SBaffer getauft fmb (II, 1), unb be^l^alb mu^ er ben ©a§, ba§ 
el^elofe unb nerel^elidfite ®f|riften „eiusdem meriti" fmb, bafjin 
einf^rdnfen, ba§ bie§ nur ceteris paribus gilt, b. 1^. wenn beibe 
^baptismum suum servaverint" (f. 2il^efe 4). 3Äit „ceteris operi- 
bus" ift biefer ®eban!e freilid^ fel^r mi^oerftänblidf) auägebrüdtt. 
3roeiten8 l^at ^foninian nid|t, wie ^ieron. glauben madjen wiH, 
auf bie @]^eIofigfeit gefd^otten, nielme^r bie ^ungfroulic^!eit i)oä)^ 
gehalten — fo nennt er n, 19 bie ^rdf)e rü^menb eine unoer* 
5nberlid)e ^f^ngfrau — ; er l^at fie nur für einen ©tanb neben 
ben anberen d|riftltd)en ©täuben erHärt unb bie (Sfjt ate gleich* 
roertl^ig oor ®ott betrad^tet, ba er ben ©l^eftanb eingefe^t l^abe 
unb bie grudf)t be§ @^eftanbe§ fc^enfe (I, 5). Sritten^ f|at er 
au^ bei feinen 9lad)weifungen über bie SBürbe ber ©l^e auS ber 
^l. ©d^rift ben ®lauben als ba§ ®ntfd)eibenbe betont. „Asserit", 
lügt ^ieron^muS, „Abraham ob fidei meritum benedictionem 



150 ^arnarf, bie ßc^rc Don ber ©ctigfcit oHcrn burd^ ben ©tauben. 

in generatione filii accepisse." 2)ic ®cfc^id)tc 3fbra^m8 xüar 
tl^nt bcfonbcrS n)ertI|t)oll; benn in i^x trat bcutlid) l^croor, ein toic 
l^o^eS ®ut ber ®laube unb bcv Rinbcrfcgcn fei, ba bcibe auf 
einanbet belogen werben (I, 5)'). 93iertcn§ warf er ben ©egnem 
gerabeju 3Wanid)äiSntu8 tjor: „Ex quo manifestum est, vos Mani- 
chaeorum dogma sectari, prohibentium nubere et vesci cibis" 
(1. c). iJünftenS t(at er bie ^^ei^eit, 21lle§ ju effen, mit ber all» 
gemeinen ©rmägung begrünbet, ba^ 2ll(e§ um be^ SRenfdien willen 
gefd)affen fei 2), femer mit bem ©pruc^e beS ?ßaulu§: „5)en Steinen 
ift anieS rein, unb man foH niditS non fid) meifen, xoa^ mit S)anfs 
fagung genoffen mirb", enblid) mit bem SBeifpiel beS ^erm, ber ein 
Treffer unb SBeinfdufer gefc^olten morben unb jur ^^odijeit ge» 
ganzen fei. 2lud) Ijier l^at er nid)t jeglidiem Saften als folc^em 
ben Srieg erflärt, aber in ben gaftengeboten, menn fie ex neces- 
sitate fidei ober in ^inblidt auf T)ermeintlid)e SBerbienfte, bie fie 
begrünben foHen, auferlegt merben, einen l^eibnifd)en Aberglauben 
erbli(ft (II, 5: „de ciborum sibi placeat abstinentia, quasi 
non et superstitio gentilium Castum Matris deum observet et 
Isidis«)»). - 

^) 9luS ber ^od^ad^tung, bie ^oüinian für bie €^e fyiik, erflärt ed 
ft4 aud^, bag er bie neumobiji^e Se^re, SDloria l^abe clauso utero geboren, 
abgelel^nt ^at. 91ur barum ^at ed fid^ gel^anbelt, nt<^t um bie 3ungfrauf(i^aft 
ber SDlaria überl^au^t. SoDinian mu6 feine ^nfld^t übrigen^ nid^t in feinem 
$auptti)erf vorgetragen ^aben; benn fonfi ftattt ^ieron^muS ed fl^ nid^t ent« 
ge^en laffen, fte au beTämpfen. äBir erfahren aber Don i^m nid^td über fie. 
— 3ok)tnian felbft blieb seitlebend ef)e(od. 9(uguftin fd^reibt (de haer. 82): 
nNon sane ipse vel habebat vel habere volebat oxorem, quod non propter 
aliquod apud deum malus meritum in regno vitae perpetuae profutorum, 
sed propter praesentem prodesse necessitatem, hoc est ne homo coniugales 
patiatur molestias, disputabat." @r lootlte eben für feine $erfon ÜTlönd^ 
bleiben. 

') n, 5: „Ad hoc creata esse omnia, ut usui mortalium deservirent. 
Et quomodo homo, rationale animal, quasi quidam habitator et possessor 
mundi, deo subiacet et suum veneratur auctorem, ita cuncta animantia 
aut in cibos hominimi, aut in vestitum aut ad scindendam terram aut 
ad subvectionem frugum aut ipsius hominis esse creata." 

•) 3n Seaug auf bie gfaftenfrage mad^te Qoöinian alfo atoei ^Punltc 
geltenb: 1) ba| man bie !Ratur t>\ii unbefangener gebraud^en bürfe, ald bie 
(S^riften feiner S^it e8 traten, unb fpecteU HEeg effen bürfe, xoaii Sinem be- 



^axnad, bie Seigre t>on ber Seligfett otCein bui'4 ben ©laul^en. 151 

SBenn man bie @cban!cn SfotJinian'S überfielet unb genau 
errofigt fo ift bie Älage, „ba§ n)ir ben inneren ©ebanfenjufantnten- 
^ong biefer ©ä^e ju wenig fennen" ^), m. @. nidf|t mel^r berechtigt *). 
9Wan barf roeber fagen, ba^ Qoxjinian in feinem SBeftreben, ein 
eoangeüfd^^pauttnifd^eS ©^riftentl^um miber bie SBerf^eiligleit auf* 
Juristen, ju facramental^magifdien SBorfteHungen abgeirrt fei, nod) 
behaupten, ba§ er fittlidier Sayl^eit baS SBort gerebet l^abe. ©eine 
Se^rc ift mirftid) etjangelifcf), ein mäd)tigeg 3eii9^i6 ^on ber 
^crrlid^feit unb ^ei^eit be§ ©l^riftenftanbeS. 2)ie 3lbfolge feiner 
©ebanfen ift in Äürje folgenbe: 

1) ^n bem ©ünbenftanb fteljt ber natürlidie SIÄenfd). (3d)on 
bie fleinfte ©ünbe trennt t)on @ott unb mad)t oerbammlid). 

2) 3)er ß^riftenftanb grünbet fid) auf 2:aufe unb ©lauten. 

3) 3)iefe fd^affen bie SBiebergeburt. 

4) 3)ie SQBiebergeburt ift ber 3^ftoub, in n)elcf)em ©l^riftu« 
in un§ ift unb mir in ©tirifto — ol^ne Stufen; bcnn biefe§ per* 
fönlic^e UJerl^dltni^ ift eutmeber oorl^anben ober nid^t ocrrl^anben. 
3Bo e8 ift, ba ift bie ®ered)tigfeit. 

5) ®§ l^anbett ftd^ um ein SiebeSoerl^ältni^: SBater unb Sol^n 
rool^nen in ben ©laubigen; mo aber ein foId)er Qnmol^ner 
ift, ba fann eS bem ^n^aber an nicf)t§ fehlen. 

6) 3Ufo fmb alte ®üter mit unb in biefem aSerl^ältniffe ge* 
jt^nft; nid)t§ fann gebadjt werben, ma^ nod) l^injutreten tonnte, 

7) a)a alle ©titer au§ biefem SBerl^dltniffe fliegen, fo fann 
c§ feine bef onberen oerbienftIid)en SDBerte geben ; benn im ©runbe 
giebt eS äberl^aupt nur ein ©ut, unb ba§ beft^en mir als bie 
geliebteften Äinber ©otteg, bie ber göttUdjen 9latur tl^eilfiaftig ftnb, 
unb eS mirb fid) im Himmelreich ooQ offenbaren. 

8) aOBer in biefem @Iauben§= unb SiebeSoerl^ältniffe ftefjt, 
an bem ift md)tö $8erbammUc^e§; er fann feine ©ünbe begel^en, 
bie il^n oon ©ott trennt; ber 2:eufel fann il^n nic^t ju gaU bringen; 



liebt, 2} ba6 bad Sfaflen nid^td ä^etbtenfllid^ed fei. 2)te ©a^e belämpfen fotool^I 
ben dttlappttn Snanid^aiemiiS aU bie SBerlgered^ttgfeit. 

*) aDßagenmann in ^ergoö'« 9l.»enc^!l., 2. «uff., JBb. 7, 6. 129. 

•) 3(6 ^abc felBft frtt!|er in biefer ^tnfid&t ju unftünftig refp. au öor» 
ft^tig geurtlieilt; f. S).«®ef(6. lU S. 51 f. 



152 ^arnacf, bie IBel^re k)on ber Seligleit aQetn bur^ ben (Stauben. 

benn er finbct ftd^ immer roicber burd^ ©taube unb JBu^e ate 
Äinb ®otte§. 3)aS in ber Saufe bur^ ben ©tauben gefegte 5Bcr* 
l^ättniJB ift etoaS 93teibenbe8, UnaufI5gtid)eS. 

9) 3lber ein fold^er mu§ nid)t nur getauft fein, fonbem mit 
DoOem ©tauben bie ä^aufe empfangen l^aben unb burd^ ben ©tauben 
bie 2:aufgnabe bema^ren. ©r mu^ fi^ au^ abmülien in l^ei^em 
Slingen, nid^t um nod^ etmag mel^r ju tjerbienen, fonbem um baS 
nid^t JU verlieren, mag er empfangen ^at. SCud^ für il^n bleibt 
e8 beftet(en, ba^ e§ feine Reinen unb großen ©ünben giebt, fon- 
bem ba§ baS ^erj entmeber bei ©ott ift ober beim 3:eufct. 

10) 3>ie, meldje in ©l^riftuS getauft finb unb mit juoerfid^t« 
tid^em ©tauben il^m anl^angen, bitben bie malere, eine Kird^e. 
3f^r getten aUz bie l^errüdfien 9Serl^ei§ungen, ba§ fie 93raut, 
©djmefter, SDlutter fei, unb ba§ fie niemals ofine ben SBrautigam^ 
ben 93mber unb ©ol^n ift. Sie lebt eines ©taubeng unb ift 
niematS gefdf)änbet ober gefpattcn, fonbem eine reine ^fungfrau. — 

^ier enbtid^ erfd)eint bie d)rifttid)e Sfetigion auS einem fingen, 
beredinenben unb fetbftgercd^ten SÄoratiämuS l^erauSgejogen unb 
auf ben g^ctS ber ©nabe unb be§ ©taubeng geftettt. 3>er ^^i^bifd^e 
Slbam unb ber ]^immtifdf)e 2lbam"; e§ giebt nur natürlid^e ?Sflm^ 
fc^en unb miebergeborene. „®g giebt nur einen ©l^riftenftanb^ 
ein götttidjeg fiebenSetement, baS alle ©täubigen tl^eiten, nur eine 
auf ©tauben unb 3:aufe ml^enbe ©emeinfdiaft mit ©^rifto." ^n 
ber ganjen ©efd)id)te beS ^autiniSmuS in ber alten ^rd^e giebt 
eS feinen ^weiten, ber mie ^ooinian ber ©nabe unb bem ©tauben 
i^re Siechte jurüdfgegeben l^at, unb in ber ganjen ©efd)ic^te ber 
93erfud(e, miber bie l^errfd^cnbe Strömung bie ©etigfeit atS eine 
eint(cittic^e altein oom ©tauben abjuleiten unb alle SOSerf« 
gered)tigfeit auSäufdfilie^en, gebül^rt bem SKönd) <3[ot)inian bie erfte 
©teUe. 3Äan barf il^n mirflid) „einen SlBal^rl^eitgäeugen beS Älter* 
tl^umS" unb einen „^roteftanten feiner Qät" nennen, menn man 
aud^ einen bebeutenben Untcrfd)ieb nid)t Dcrfcnncn barf — ba§ 
©inmo^nen ©otteS unb ©l^rifti in ben ©etauften ift ftärfer betont 
atä bie Äraft be§ ©laubenS '). 

hierin ertoeift fidg no4 immer eine tatl^olif^e SSetrad^tung ht& d^iift« 
li^en drlebniffeS, rotnn man bie ftrengen SJflagfi&be htf^ 16. Sal^rl^. anlegt 



^atnad, bie Se^re Don bei @eUg!ett ofletn bur^ ben @Iauben. 153 

3ffier tro§ Slttcm, xocS an 3>oütman ju rühmen ift — !onnte 
man mit bicfen ßel^ren bie !at^otifd^c Äitclie aufrcd^tcrl^atten, 
tonnte man l^eibnifd^e 5B5ffer erjie^en? SQSar e8 möglid), 
war eS au^ nur roünfc^enSroertfi , ba^ biefe Seigren für „bie 
Semeinbc ber ©laubigen" bie Se^ren jener !at^olifd)en Äird(c 
lofirben, bie bod^ nid)t bie Äir^e ©l^rifti, fonbem im beften ^aU 
emc SBorfd^uIe für biefelbe mar ? 2lu§cr biefer ^r^e aber Qah eS 
feine nennenSwert^e d(rifttid)e ©emeinf^aft, jebenfaJte mar fte 
unter ben Dor^anbenen bie befte. Qfir biefe Seigre aufnötl^igen, 
^ie§ fte — eine ©d|ute — erft red^t an bie SBelt ausliefern. 
SBir treten bamit -Sooinian nid(t ju na^e; er unb feine fjreunbe 
mögen fo gelebt l^oben wie fie lel(rten, obrool^l nid^t aße 3"^^^?^! 
befeitigt finb (nid)t nur ^ierongmuS, fonbem aud^ Slmbrojtug 
flogt über il^r Seben); fie Iiatten ein 9led|t, ja eine l^eilige ^flid|t, 
genau fo p leieren, n)ie eS il^nen als Sßal^rl^eit aufgegangen mar^ 
mochten aud| no^ fo oiele fie mijsoerftel^en unb mod^ten ftd) 
rdubige ©d^afe bei il^nen einfteHen. Slber aud| bie Kirche, biefe 
Sorf^ule, ^atte ein Siedet fie abjuroeifen, ja fie mit aller Äraft 
a^uf d^fitteln ; benn bie 9teligion gebie)^ bamalS als 9leligion beS 
rSmifc^en SReid^S nur in bem 3Äebium ber 2ls!efe. 833er il^r biefe 
entjog, entjog i^r bie fiebenSluft unb brad|te bie ^fiiilwi? ber 
Seit über fie. Ob unb inroiefem eS l^eute anberS ift, braudit 
\pxx nid)t unterfud^t jU werben. 5^ bie bamalige Qzxt gilt baS 
©efagte jroeifeUoS, unb ^ierongmuS unb 2lmbrofiuS oertl^eibigten 
ein mert^ooBeS ®ut miber ben coangelifd^en bleuerer, bem eS 
boc^ nid^t gegeben mar, eine Sieformation inS Seben ju rufen. 
SRan mu^te ben religiöfen 938ertl^ ber SBirginitSt unb jeglid^er 
ßttt^oltfamteit um jeben ^reiS aufredf)ter!^alten. gür foldfie, bie 
nne ämbrojtuS unb Sluguftin rool^l ein SBerftdnbni^ für bie ent* 
fc^benbe SJebeutung beS ©laubenS l^atten, em)udf)S nun bie 
ft^roere Aufgabe, bem ®lauben in feiner fouoeranen 95ebeutung 
geregt ju n>erben unb bodf) bie a8erbienftlid((!eit guter SBerfe ba:^ 
bei nac^^uroeifen unb ju lehren. ®amit ift baS Problem geftellt, 

IS)o4 fott bamit bie Sluffaffung ^oDintan'd ntdgt als minbemertl^ig beaeidgnet 
toetben. & fdftetnt nid^t atoeifel^aft, ba^ i^m, loie bem $aulu9, bet ®Iaube 
snb bie (iinto)o^ung ^l^rtfti in bem ©I&ubigen aufammenftelen. 



154 ^arnadt, Me 2ti)Xt t)on ber ©eligteit attein burd^ ben @(au6en. 

bcffcn öeanttoortung jur fatl^olifc^en Sicditfertigungglcl^re geführt 
fyd. aSBcnn aber bcr protcftantifd^c ^iftorifer ber @efd)ici^te Stecht 
giebt, bie bamafö über 3>0T)inian l^tnn)eggefd)ritten ift, fo freut er 
fiel) bod) beffen, ba^ bie d|riftlid)e 9ieligton al§ SReligion fo 
etjangelifd) unb fo fräftig in bem römifd^en 3ÄBti^e I^eroor* 
gebro^en ift^). 

Unter ^f^^^i^i^^'^ 3^it8^"<>ff^^ rooren noä) ©inige ju 
nennen, bie in i^rer ^otenti! gegen ben ©eremonienbienft unb bie 
aSerbienftlid^feit felbftgeroä^lter SBerfe i^m äfinlid^ fmb. aber 
tl^eifö njiffen wir nidit, wie fie i^ren SBiberfprud^ begrttnbet 
l^aben — bie§ ift bei ben ntailänbifd^en SRön^en ©armatio unb 
93arbatianu8 ber gaU^) —, t^eite jtnb fie offenbar au§ fittlic^er 
Sayl^eit ju bem SSSiberfpru^e gefommen. @ine 2lu§nal^nte bitbet 
nur ber Spanier SBigiIantiu§. ®t ift in bcr ®nergie feiner 
^^olemif cytenflo unb intenfio nocf) über ^ooinian hinaufgegangen; 
aber ftreng genommen gehört er nidit in unfere ©ef^i^te; benn 
i^n leitete ber ©inbrudt be§ 2lberglauben^ unb ber 2lb» 
götterei, bie er in ber ^rd)e jur ^errfdiaft !ommen fal^. 2)a* 
gegen lä^t ftd) ni^t nadjmeifen, ba§ ber Oegenfa^ oon ©tauben 
unb felbfterrod^Iten SBerbienften für SJigilantiuS irgenbmetc^e 93e* 
beutung gehabt l^at. SB8enn aud^ er gegen bie Ueberfd^d^ung ber 
©l^elofigfeit (unb oieltei^t aud^ be8 3<^ften§) polemifirt l^at')^ 
fo fud)te er ben ftd) l^ier offenbarenben SÄi^braud) auf bem 93oben 
be§ SlberglaubenS unb ber fd^öbli^en Zeremonien, ©ein SBiber« 
fprud) ift fulturgefd)i(^tlidf| miditig, wichtig au^, meil in ii^m bie 
©rfenntni^ beö ge ift igen S^arafter« ber d^riftlid)en SWeligion in 
erfreulidier ©eife ju 2;age tritt; aber ben ©lauben fd)eint 
aSigilantiuS nid|t in ©etrad|t gejogen ju ^aben. ©ein auftreten 
blieb in ©panien unb in ©übgaUien nid|t o^ne Sffiirfung. 3)agegen 
fud)t man in ber fpäteren 3^it nad) SBirfungen ^ooinian'S oergebenS. 



') 2)ie S3e]^au))tung SBagenmann'd u. 91., bag einaelne IBe^ren 
Soüinian'd ft^ in einen unbtblif^en Spiritualismus t)erlteren, finbe td^ nt(|t 
öcrcd^tfertißt. S)q6 er ju aRt6öerftänbniffcu unb „^Icrgcrninen* Unlofe ijab, 
ifi aQerbingS l^inreidgenb beutlid^. 

*) Ambros. ep. 63, 7. 

») Hieron. adv. Vigil. 15. 16. 



f^axnad, bie £e^re üon her ©eligleit ottctu burd^ beit ©laubeti. 155 

11. 

3linbroftu§ ift bcr SSorläufer 2(ugufttn'8; er ift aud) ber 
Vorläufer ber auguftinifd^en SieditfertigungSlefire. @r ift e§ ge* 
nwrben burd) fleißiges ©tubium ber paulinifd^en 93riefe^ bur^ 
geioijien^afte ci^riftUd)e ©elbfterjie^ung, in bcr er ben nxeiften 
2t\)xtm ber Äird)e ooranleuc^tet unb burd) feine 3»^i>i^ii>ii<^Ktdt, 
bie in mondjer ^infid)t ber Sluguftin'S äl^nlid) roar. 2lber in 
feiner Setfre tjon ber 9fled)tfertigung (ber ©ünbe, ber @nabe unb 
bem ©tauben) t)at er e§ bod) nur ju melir ober minber roertt)* 
ooHen ijragntenten gebrad)t, bie fid) jum Zf)tH offenfunbig roiber* 
fprcd^en. @§ ift biefe Seoba^tung nid|t auffaltenb, wenn mon 
enoägt, ba§ er t)on 2lu§en feine Slötl^igungen erhalten fjot, bie 
Se^re jufamnteni^ängenb ju entroideln. 3)er ^elogianiSmuS war 
no^ nid)t aufgetreten ; ber bonatiftifdie ©treit wie aU^ 2lfri!anifc^e 
(mit ®infd)Iu^ be§ ©gprian) lag il^m ganj fern; ber ©egenfa^ 
gegen QoDinian ^at il^n nur oorttbergelienb befdjaftigt, unb er l|at 
entroeber nid)t ben SBilten ober nid)t bie gd^ig!eit befeffen, bie 
hinter ben 2J|efen ^»ooinian'g über bie SBirginität unb ba§ gaften 
ßegenbe Slnfd^auung oonx ®lauben ju roürbigen. @ben weil i^m 
nirgenbn)o bie Seigre t)on ber ©elig!eit burd^ ben ©lauben allein 
in einer Raffung entgegengetreten ift, bie i^n bebenftid) madjen 
tonnte, l^at er fid^ unbefangen ben ©inbrürfen ^injugeben T)emiod)t, 
loel^e ba§ ©tubiunt ber paulinifd)en 93riefe auf i^n nta^te unb 
welche i^m auS feinem eigenen Seben vox ®ott in ber @rfenntni§ 
ber 9Wad)t ber ©ünbe — ^ier ^at er 2:ertunian jum SBorganger 
— em)ud)fen. gaft mit ben SBorten Qooinian'S l^at er bem 
religififen 3wi>ioii>ualiSmu§, ber Ueberjeugung t)on ber ©inmol^nung 
K^rifti in ben ©laubigen, 3lu§brudE gegeben: „Intret in animam 
tuam Christus, inhabitet in mentibus tuis Jesus . . . Quid 
mihi prodest tantorum conscio peccatorum, si dominus veniat, 
nisi veniat in animam meam, redeat in meam mentem, nisi 
vivat in me Christus" *). ®aju fam, ba§ er burd) feinen Kampf 
gegen hta Jlooatiani^mug (f. bie beiben 93üc^er de poenit.) baju 
geführt nourbe, bie Sarm^erjigfeit unb ©nabe ©otte§ fraftig ju 

') 3" ps- llö serm. IV, 26; in Luc. enarr. X, 7. 



156 ^atnad; Me Seigre üon ber ©eligleit attein huxö) ben Glauben. 

betonen, bie burd^ ben ©lauben angeeignet wirb. (So fonnte er 
ju 83efenntmffen vorbringen, roel^e bie etjangetif d) * paulinifdjc 
Sttuffaffung in unübertrefftirfier Älarl^eit roiebergeben. 3)a§ 
n)id)tigfte 93efenntni§ ftel^t in ber ©d)rift De Jacob et vita 
beata I; 6, 21 : ^Sed et illud mihi prodest^ quod non iusti- 
ficamur ex operibus legis. Non habeo igitur, unde gloriari in 
operibus meis possim, non habeo unde me iactem^ et ideo 
gloriabor in Christo. Non gloriabor; quia iustus sum, sed 
gloriabor qnia redemptus sum. Gloriabor, non quia vacuus 
peccatis sum, sed quia mihi remissa sunt peccata. Non glo- 
riabor quia profui neque quia profuit mihi quisquam^ sed quia 
pro me advocatus apud patrem Christus est; sed quia pro me 
Christi sanguis effusus est. Facta est mihi culpa mea merces 
redemptionis; per quam mihi Christus advenit." ^n ben SSe* 
!enntni§f(i|riften ber Iutl^erifd)en ^rd)e finb anbere ©teilen auS 
2lmbroftu8 l^enjorgel^oben. Unter il^nen ift bie aii§ bem SBriefc 
an QrenauS (ep. 73, c 10; Apolog. Confess. IV [11], 103 f.) 
bie n)irf|tigfte: „Subditus autem mundus eo per legem factus 
est, quia ex praescripto legis omnes conveniuntur et ex operi- 
bus legis nemo iustificatur, id est, quia per legem peccatum 
cognoscitur, sed culpa non relaxatur. Videbatur lex nocuisse, 
quae omnes fecerat peccatores, sed veniens dominus Jesus pec- 
catum Omnibus, quod nemo poterat evitare, donavit et chiro- 
graphum nostrum sui sanguinis effusione delevit. Hoc est, 
quod ait: Abundavit peccatum per legem, superabundavit 
autem gratia per Jesum. Quia postquam totus mundus sub- 
ditus factus est, totius mundi peccatum abstulit, sicut testi- 
ficatus est dicens : Ecce agnus dei, ecce qui tollit peccatum 
mundi. Et ideo nemo glorietur in operibus, quia nemo factis 
suis iustificatur. Sed qui iustus est, donatum habet, quia 
post lavacrum iustificatus est. Fides ergo est, quae 
liberat per sanguinem Christi, quia beatus ille, cui pec- 
catum remittitur et venia donatur." 3)a§ ämbrofiuS aud^ auf 
ben Unterf(^ieb von „natura" unb „gratia" aufmerffam geworben 
ift, l|at 3Jletand)t^on ebenfalls bemerft^). 
») ©."äpol. Ctonf. III, 219. 



^arnadf, bie Se^re t)on bet ©eligleit aQetn but4 ben ©tauben. 157 

3)iefcn 3^W9^^ff^^ ft^^t ^^^ ^i^^ f^^^ ^i^I größere Slnjal^I 
mn ©teilen gegenüber, in roeld^en 3lmbrofiu8 ben oulgäten Zr)TpvS 
ber Seigre t)on ber Slneignung bcr ©eligfeit Dertritt*). ©laube, 
gute SB8erfc (9llmofen), SBirginität erfc^einen afe bie neben ein^ 
anber fiel^enben ©tüdfe, bie jur ©rtangung bet ©eligfeit not^* 
loenbig ftnb. 93ei biefer Setrad^tung ift ber ©laube ber @e* 
§or[am unb boS fjürroa^rl^alten, unb bie guten SBerfe 
empfangen Selol^nung. SBor 2lltem ift e8 bie SBirginität, bie 
auc| bei Sttmbroftuö ftarf betont wirb, ^at er au6) m^t, n)ie 
|em 3«itgcnoffe ^rubenting, bie SBirginität ber SDlaria für ebenfo 
t^pifc^ ertlärt n)ie il^ren ©lauben (Prudent. Apoth. 5 79 f.: „Vir- 
ginitas et prompta iides Christum bibit alvo cordis et intactis 
condit paritura latebris"), fo t)at bocl) aud^ er bie ©efc^id^te ber 
6mpfangni§ ^efu burd) SDlaria baju benu^t, um neben beut 
Slaubcn, ben er juerft allein ju betonen fdjeint, bie Äeufc^l^eit ju 
cmpf eitlen; f. in Lc. enarr. II, 26: „Vides non dubitasse 
Mariam, sed credidisse, et ideo fructum fidei consecutam. 
Beata, inquit, quae credidisti. Sed et vos beati, qui audistis 
et credidistis. Quaecomque enim crediderit anima, et concipit 
et generat dei verbum, et opera eius agnoscit. Sit in singulis 
Mariae anima, ut magnificet dominum; sit in singulis spiritus 
Mariae, ut exultet in deo. Si secundum carnem una mater 
est Christi, secundum fidem tamen omnium fructus 
est Christus. Omnis enim anima accipit dei verbum, si 
tamen immaculata et immunis a vitiis intemerato 
castimoniam pudore custodiat." SÄuc^ roax fein ©in* 
treten für bie S3ami!^crjigfeit ©otteS, welche reuigen 2;obfünbem 
Serjeiljung gewähre, feiner aSorfteHung nont ©lauben nic^t in jeber 
^inftd^t günftig ; benn ba er, um ben 9louatiani§mug überall au§ 
bem gelbe ju fd)lagcn, in feiner ©c^rift de poenit. nid)t feiten 
bie Strenge ber eoangelif (^en ©prüd)e umbeutete *) unb überhaupt 
}u loidlic^ loyen SluffteHungen gelangte, fo fud^te er bie ©inbu^e 
burc^ bie nact)brüdflid)e gorberung ber guten SGBerfe einjubringen 

^) (Eine gute 2)arfte(!Cung bed Baä^\>txfialM gtebt 3f5rßer; ^mbroftuS 
6. 156 ff., jjgl. meine S)ogmengefd^. ni ©. 43 ff. 
*) (gin ftarte« »eifpiel bietet I, 12 fin. 



158 ^arnacf; bte Se^re t)on ber €eligleit atteiir burd^ beii ©tauben. 

unb gcrietfi fo auf bie ©puren ©gprian'8. 3)ie SÄuSfü^rung de 
poenit. II, 9, 80 f. T)eranfd)aulid)t bie Unflar^eiten, in roeld^e l^ier 
SlmbroftuS geratl^en ift, inbem er bod^ bem ©lauben feine 
©ouoeränetät roafiren rooHte, befonberS gut: r>^Tgo et agendam 
poenitentiam, et tribuendam veniam credere nos convenit, ut 
veniam tarnen tamquam ex fide speramus, non tamquam ex 
debito; aliud est enim mereri; aliud praesumere. Tamquam 
ex syngrapho fides impetrat; praesumptio autem arroganti est 
propior, quam roganti. Prius solve quod debitum est, ut 
quod speraveris, impetrare merearis. Solve boni affectum de- 
bitoris, ut versuram non facias, sed fidel tuae censu contracti 
nominis foenus evacues. Plura solvenda habet subsidia, qui 
deo quam is qui homini debet. Homo pecuniam pro pecunia 
reposcit, quae non semper debitori praesto est; deus affec- 
tum exigit, qui in tua potestate est ... et si non 
habet quae vendat; habet quae solvat; oratio, lacrimae, ieiunia 
debitoris boni census est multoque uberior, quam si quis ex 
pretiis fundorum pecuniam sine fide deferat . . .; non enim 
pecuniam deus sed fidem quaerit. Neque ego abnuo liberal!- 
tatibus in pauperes factis posse minui peccatum, sed si fides 
commendet expensas, etc." SWan fielet !^ter beutlid^, ba§ bie 
fielire von ber ®nabe unb ber SHed)tfertigung nod) nidjt controDerS 
gemefen ift, afe Slmbrofiu^ biefe SEBorte gefdirieben; er I>atte 
fonft ni(^t fo nöIKg nerroirrte Seigren unb SWa^nungen geben 
fönnen. 

SBo SlmbroftuS ben ©tauben au^fd)lie^Hci^ b tont, ift er 
ougenf^einlid^ burd) baS l^ingebenbe ©tubium ber paulinifdjen 
SBriefe beftimmt roorben. ®r ift nidf|t ber ©njige geroefen, ber 
im äbenblanb in ber 2. ^ätfte beg 4. ^[a^r^unbertg ftdf) felbft 
unb bie ©l^riftenl^eit mit bem 3lpoftel uertraut ju madien gefud)t 
I|at. ©ommentare ju ben paulinifd)en ©riefen ftnb in jener 3€it 
gefd^rieben morben, unb in ifinen finbct man ein anerfenneng^ 
mertlieg ©eftreben, bie ©ebanfen be§ SÄpoftete ju oerftelien unb 
fid^ anjueignen. Sieben bem fog. 3lmbrofiafter ift oor 9lUem ber 
Kommentar beg äJictorinug ju ben Heineren pautinifd^en SBriefen 
ju nennen, ©o energifc^ mie biefer 9lt)etor t)at fein 2lnberer uor 



^arnatf, bie Se^re Don ber 6eligfett allein burd^ ben Glauben. 159 

ÄugujHn bie SRcd^tfertigung auS ®nabcn betont unb bie SBe« 
beutung be§ ®Iauben3 erfannt^). 3^^^ hUibt aud) er barin 
§inter bem rid^tigen SBerftänbni^ be§ ^autu§ nod^ jurüd, ba§ er 
häufig bei ben „SSSerfen be§ ®efet;e§" lebiglid) an bie 2l2;lic^en 
Eeremonialgebote benft^) (fo in ber SRegel in feiner ®rttärung 
be§ ®a(atcrbrief§) ; aber an bieten ©tetten l^at er bod) bie pau* 
linifc^en @cban!en ooHfomnten rid^tig erfaßt unb mit SQBdrme unb 
innerem Stntl^eil miebergegeben*). @inige ©teilen mögen bieg 
beroeifen: 

3u ©otat. 2, 15 (Vm p. 1164): „Ergo si hoc scientes 
credidimus per fidem iustificationem fieri, utique erramus, si 
nunc ad Judaismum redimuS; ex quo transivimus; ut non ex 
opmbus iustificemur, sed ex iide; et fide in Christum: ipsa 
enim fides sola iustificationem dat et sanctifi- 
cationem." ^ier ift boS „sanctificationem'' nod) von größerer 
SBic^tigteit afe bag „sola". 3)iefe§ begegnet f|ier in ber S)ogmen== 
gef^idltc m. 9B. jum erften 3Wal. 3)er fatl^olifd)e Herausgeber 
beg SJictorin ift bur^ ben ©a§ in begreiflidie Unrulie oerfe^t 
roorben unb citirt in ber Slnmerfung ^ac. 2, 24 f. in extenso, 
um fi^ ju berul^igen. 3^9^^^ oermeift er auf 93ellarmin, ber bie 
Stellen bei ben Äird)ent)ätem, in benen fid) baS „sola" finbet, 
erläutert l^abe. SD3a§ bag „sanctificationem" betrifft, fo bemeift 
bie ^injufügung btefeS SDSorteg, ba§ SSictorin ben paulinifd)en 
Sebonfen nidit nur nad|gefprod)en unb parap^raftrt, fonbern 
roirfli^ perftanben l^at. 

3u $^ilipp. 3, 9 (p. 1219): „Non meam iustitiam", 
tunc enim „mea" est, vel nostra, cum moribus nostris iustitiam 

^) $ö(^ft mal^rfd^einlid^ ^at ^uguftin Don i^in gelernt; {. meine 
^mengefft. III 6. 30 ff. 

«) ®ef*ic|tli4 öon SGßid&tiöfeit iji, bafi er ju ©qI. 1, 19 (VUl p. 1155. 
1162 ed. Migne) eine @efte ber ©^mmad^ianer emöl^nt, bie fid^ auf ben ^poftel 
3aIobuÄ beruft; f. über €^mmad6u8 Euseb., h. e. VI, 17. 

•) Äidjttö Oore im Dict. of Christian Biography IV p. 1137: 
»Victorinufl is an intensely ardent follower of St. Paul, devoted to 
St.Paur8 strenuouB assertion of justification by faith. Indeed, he uses very 
strongly solifidian language and (by anticipation) very strongly anti- 
Pelagian language.'' 



? 



160 Carito d, bie Se^re oon ber €eligfeit aUtxn butdg ben ®(au6en. 

dei mereri nos putamus perfectam per mores. At non, inquit, 
hanc habens iustitiani; sed quam ? Illam ex fide. Non illam, 
quae ex lege; vae in operibus est et carnali disciplina^ sed 
hanc quae ex deo procedit, „iustitia ex fide". 3^ 
^j^ilipp. 2^ 13 l)at er bemerft: „quia ipsum velle a deo 
nobis operatur; fit ut ex deo et operationem et voluntatem 
habeamus." 

Qn ®pt(. 1,4 (p. 1240): „Christum enim credere et in 
Christum fidem sumere, iam spiritaliter sentire." 

3u @pt(. c. 2 (p. 1256—1269): „Non nostri laboris est, 
quod saepe moneo^ ut nos solvamus, sed sola fides in 
Christum nobis salus est . . . nostrum pene iam nihil est nisi 
solum credere qui superavit omnia. Hoc est enim plena sal- 
vatio; Christum haec vicisse. Fidem in Christo habere; plenam 
fidem, nullus labor est; nulla difficultas, animi tantum volun- 
tas est." 

3)tcfc Sä^e unb ptelc d^nli^c, bie man ben Kommentaren 
be8 SBictorinuS entnehmen fann, finb in ^infid)t auf bie Siedet* 
fertigung allein burc^ ben ©tauben bie ftrengft paußnifd^en ©d^e, 
meiere mir au8 ber alten Äird)e tennen; ja Sßictorinug fontmt 
felbft barin fintier nal^e, ba^ er eine gemiffc 9Ri^gunft gegen 
3ia!obuS in feinem Kommentare jum ©alaterbrief oerrdt^. SBor 
9(Qem aber tft eS beac^tenSmertl^ ^ ba^ 93ictorinuS fo gefprod^en 
l^at beüor eS eine pelagianifd)e ©ontrooerfe gab. 3Äan mu§ biefe 
2;i^atfad^e feft im SÄuge befialten, um e§ ju oerfte^en, ba§ ber 
^elagiani^muS fofort auf SDSiberftanb gcfto^en ift, unb jmar nid^t 
nur bei Sluguftin. 

Slber jene bebeutenben äuSfül^rungen über ben ©tauben 
unb bie SRed^tfertigung ftanben in Kommentaren. @ie ftnb 
nic^t in 3Ral^nfd^riften t)eröffenttid|t roorben, bie fic^ an bie ganje 
d)rifttic^e ©emeinbe rid^teten. SBir miffcn nic^t einmal, ob 
SBictorin mirttid^ fo gefprod^en l^at, mie er l^ier gef (^rieben l^at ; 
mir miffen aud) nid^t, mie er bie ^PrajrfS feiner Kird)e mit ben 
^ier entmidtelten ©ebanfen Derbunbcn l^at. ®rft burd^ bie 
pctagianifd)e Kontrooerfc mürbe bie %xaQt nad) bem ©tauben unb 
ben äBerfen, ber ©nabe unb ber greil^eit, praftifd) mic^tig, 9118 



^arnacf, bie Se^re \>on ber @eligfett attein but4 ben ©tauben. 161 

Suguftin fid^ gcnötl^igt fa^, bic Ktr^c über fie ju bclcl^ren, ha 
genügte e§ nid)t, bie paulinifc^e Seigre in ©ommentarcn batp* 
legen. 3)ie Ueberlieferung feiner Äird^e nötl^igte il^m SHürf jtditen na^ 
Äet^tS unb Sinfö auf. @§ galt einen Sel^rauSbrudt jufinben, ber 
bei aQer ©ntfc^iebenl^eit gegen ^ctagiuS bie Äir^e in ben SBa^nen 
^ielt, in benen fie biäl^er geroanbelt war unb bie fie erprobt l^atte. 

12. 

S)ie ©rfal^rung, roetdie bie Äird^e bigl^er mit ©otdjen gemalt 
fyiäe, xoAäjt ben ©a^ oertraten, ba§ ber ©taube allein bie Selig* 
feit begrünbe, tonnte jte nid^t beftimmen, jtd) biefer ßel^re ju» 
jttroenben. SBon jenen 2:agen an, in welken bie Stpolal^pfe unb 
bie fat]^o(ifd)en 93riefe gef^rieben roorben ftnb, bi§ ju Qooinian 
^atte fie bei benen, wdi)t ftc^ auf bie paulinifdie Steditfertigungg* 
le^re beriefen, SKangel an brüberlic^er Siebe ober aD3eltfucf)t ober 
fieibenSf ^eu ober Seid)tf ertigf eit unb f efjlenben 93u§emft ju bef ämpf en. 
Sie mag fic^ in biefem ober jenem einjelnen ^aU geirrt, fie mag 
— mag nod) fd^merer miegt — mel^r afe einmal einen lebenbigen 
Stauben mit bem tobten ©tauben oerme^felt ^aben: jebeiifattg 
^nbette fie na^ bem SWa^ i^rer @rfenntni§, wenn fie „ben 
Stauben allein" nicf)t getten laffen mottte. ©ie oerji^tete aller* 
bing§ bomit auf ba§ oolle SSerftänbni^ unb bie ooUfornmene äln* 
eignung ber d)rifttid)en SRetigion ; aber fie l^atte, ol^ne fxi) barüber 
Bor ju fein, e8 ja bereite tängft aufgegeben, bie ©emeinbe ber 
©lÄubigen unb ^eiligen in fid^ barjufteUen. ©ie mar eine @r* 
jie^ungSanftatt für ben ^riftlidf)en ©tauben geworben, ^n einer 
foldien l^at bie pautinifdie fie^re feinen 9iaum. 

9tber man fottte bod| in ber Äirdje ni^t nur ein ®]^rift 
werben, fonbem e§ fein. 9Kemanb ^at ba§ beuttid^er empfunben 
al§ Sluguftin. @§ l^anbett fid) um ben perföntidien 
C^riftenftanb: ba§ mar bie gro^e ©rfenntni^, ju ber er bie 
ftir^e führen moHte. 3)ie 93ebingungen biefe§ ©l^riftenftanbeä, 
ber SBerfel^r beS ®]^riften mit ®ott, bie ^errtid^feit beS ©Triften* 
lebenS in ©taube, Siebe unb Hoffnung — ba§ finb bie S^^emata 
feiner c^rifttid^en @r!enntni§, unb er er^ob fie ju 2;i^ematen ber 
innem Strbeit ber ^^e. 

3(itf(^ft ffir Z^eo(ofli( unb ieir<^e, l. Sa^rg., 2. ^tft. 21 



162 ^axnad, bic Seilte öon ber ©cUgfcit allein burd^ ben ©fauben. 

^[ttbcm er ftd^ biefcr Slufgabe, tote fie fic^ il^m aufbrdngte, 
l^ingab, nafim er feinen ©tanbort in ben paulinifdjen Briefen. 
3)urd^ ben ®ang feineä SebenS, burd) SBictorinu« unb Slmbrofiug, 
war er ju benfelben geführt. SBa§ er über ©ünbe unb ©nabc 
üerfünbigte, als bie Seigre feiner ^rc^e üerfünbigte, ba§ war if|m 
oor 2ltlem aud) an ben paulinifc^en ©riefen aufgegangen. 3)ann 
fant ber pelagianifd^e Sampf unb nöt^igte 3luguftin, boS auf bem 
gorum ber Äirdie ju leieren, roaS er biSl^er in Heinerem Greife 
vorgetragen l^atte. 9Äir ift feine anbere 2lction in ber 3)ogmen^ 
gefd^idjte befannt, roeld^e fo folgeridjtig eingefe^t unb fo fd^leunig 
if|r ®nbe gefunben l^dtte, roie bie pelagianifc^e ©ontrooerfe. 2)er 
eine 3)lann, 9Iuguftin, fdE)Iug an feinem (3dE)reibtifd^e alle ©d^Ia^tcn 
unb erftritt ben ©ieg über -^al^r^unberte. 

<3n ber motten ©onfequenj be§ ^rincipS, roeldieS Slugufttn 
gegen ^elagiuS geltenb madjte, l^ätte bie pauünifdje SWc^t^ 
fertigungSlel^re gelegen. 2lber bann roäre bantafö ber ©ieg nic^t 
erftritten roorben; benn bie bamatige ^irdje fonnte fte nic^t 
aboptiren, ol^ne fid) felbft aufjugeben. 3)a§ wax ba8 ©e^eimni^ 
ber SBir!famfeit 2luguftin'§, ba^ ber fül^ne bleuerer ber treueftc 
©ol^n feiner Äir^e geroefen ift — nid^t nur in bem äußerlichen 
©inn, baß er ftd) i^r unterorbnete, fonbern in bem innerli^en, 
baß er an feinem ©tüdte 2lnftoß ju nel^men üermo^te, roetd^eS 
fie feftfiielt. @r riß nid^tS nieber, üielmel^r f|ielt er SttlleS auf« 
rec^t, mos fie feft^ielt ober ma§ fie bi8f|er oerarbeitet unb gelernt 
l^atte. ®r fiatte bie munberbare gäl^igfeit, o^ne ajlül^e unb 
Slnftrengung ba§ 9leue bem 2llten einjuorbnen, ci^ fönnte e8 
nic^t anberS fein, ©o ^t er aud^ gegen ^elagiuS afö Äatl^olit 
geftritten. 2lfe Satfiolif ftreiten, ba§ ^ieß aber nid|t8 anbere§, 
afe alle bie SRid^tlinien im 2luge behalten, meldje bie Äir^c 
beobad^tete, unb e§ beßfialb au^ in bem Kampfe mit ^elagiuS 
nid^t uergeffen, maS bie Slutoritdt forbert, roaS bie ©acra- 
mente bebeuten, maS man ben „aSerbienften" fc^ulbig ift, unb 
maS bie bonatiftifdE)e (JontroDerfe bem S)ogmatifer afö 3^9^^ auf* 
erlegt. 2llle biefe SRüdEfidjten maren bem großen 2:^eologen felbft* 
uerftänblid}. ®r l^atte e§ niemals nötl^ig, fid^ auf fte ju befmnen; 
benn er lebte in feiner Äirdie imb fteUte ftd) nie über biefelbe. 



^arnad, bte Seigre bon her ©engfett otletn burd^ ben ©(auBen. 163 

So ift feine Quftificationälclire entftanben, bte ic^ f|ter nidjt 
boqufteCen gebenfe^). ©ie ift fein ®ompromi§ im fc^lec^ten 
oiim, in roelcficnt einer mit fluger Äunft, um fid^ unb 2lnbere 
}u bcfc^roic^tigen, Unjufammengel^örtge§ juf ammenf c^n>eij3t ; aber 
fte ift bo(^ ein ®ontpromi§ ; benn bie Seigre enbet iftcfit nur 
anber§, ate fte anfängt, fonbem fie beginnt aud^ bereits mit einer 
Smpl^iboUe (ber perfönlidEje @ott unb feine ®nabe — bie Sacra* 
mente). 2lber eben bepalb, meil fte fubjectiD mal^rl^aftig mar, 
roeil fte allen gactorcn, bem ©tauben, bcn ©acramenten 
unb ben 3Berfen (ber Siebe), geredet ju merben fc^ien, roeil fie 
^Iu8 auf ben Seuc^ter fteHte, o^ne ^afobuS ju beSaoouiren, 
weil fte ben ®Iauben jum gunbament erfiob unb boc^ bie SBerfe 
(bie Siebe) ftc^er einfrf|Io§, l^at fte bie unoergIeid)Urf|e firc^en* 
gef^ic^tlid^e Sebeutung erlangt, bie fie bi§ l^eute nod^ immer 
befi^t. 3)a§ bie ®nabe unb ber ©taube fetig mad^e, 
^ 3tuguftin ber Äirdje at§ Sel^rfa^ für alle 3"fwnft einju== 
pflanjen t)ermod[)t. ^l^m ift bamit mel^r gelungen atS bem 2lpoftet 
^autu§ in feiner 3^it; aber e§ ift il^m gelungen, roeil bie 2lrt, 
m er bie ^^rmel auSeinanbertegte unb fortfe^te, e§ geftattete, 
fie auc^ im ©inne ber biStierigen Uebertieferung ju beuten. 

SSiettcid^t roäre er bem ^autini§mu§ noc^ ndl)er gefommen, 
ofe e§ ber galt ift, roenn nid^t aud^ i^m bie Setire, ba§ ber ©taube 
allein fetig mac^e, in einer ©eftatt entgegengetreten roäre, bie i^m 
mit Sted^t gefffl^rtid) erfd^einen mu^te. ^ä) meine ^ier nid^t feine 
^olemif gegen Qooinian; benn ^ier l^at er ftd() nid)t bie 3)lül)e 
genommen, ben ä^^efen be§ ©egnerS auf ben ©runb ju gefien: 
i^m ftellte ftd) nur ber <3ot)inian bar, ber ba§ Sßerbienft ber 
3ungfräulid^feit l^erabfe^t. SBietmel^r üerroeife id) auf bie Seute, 
gegen meldte er feine ©d)rift „de fide et operibus" geridjtet ^at. 
3)iefe Sontroüerfe ift m. SB. nod) nidjt gebü^renb geroürbigt 
worben, unb bod^ ift fie von nid^t geringer SBid^tigfeit; benn in 
i^r !)at 2luguftin feine Sel)re t)on bem ©tauben unb ben 
Herten am ftrengften auSgebilbet, unb man l^at ©runb ju ber 
Setmut^ung, ba^ er feine ^Jormetn niemals fo präciS „fatI)otifd)" 

*) 8- meine 2)oömenöef(S. III ©. 183ff. unb fonft in ben 5lbf^nitten 
übet ^lufluftin. 

11* 



i 



164 ^atnad, bte Se^re boit ber 6eltgfett allem burd^ ben Glauben. 

entwxdtlt l^ätte^ toenn i^m nt(^t jener ®egenfa^ entgegengetreten 
n>äre. 3^18^^^^ 'f* ^^^ S^rift „de fide et operibus" be^nregcn 
t)on l^o^er Sebeutung^ n>eit un§ in il^r )um legten SDtal in ber 
alten Hirc^engefc^i(^te €{|riften entgegentreten, bie ben @(auben 
jum auSf^Iie^Iid^en @runbe ber @elig!eit erleben n)oOen. 9lac^^ 
bem {te Don äluguftin n>iberlegt ftnb, l^ört ber SBiberfprud^ auf. 
3)ie auguftinif^e SRed^tfertigungi^lel^re fd^ien aOen ätnforbenmgen 
}u genügen. 

©egen @nbe beS 3»- ^12 fd^rieb Sliiguftin feinen 2:ractat 
„de spiritu et littera" an ben 3RarceIlinu§, „in quo libro", fagt 
er felbft in ben SRetractationen 11, 37, „quantum deus adiuvit^ 
acriter disputavi contra inimicos gratiae dei, qua iustificatur 
impius". Qn ber 2:^at giebt eg feine jroeite auguftinifc^e ©c^rift^ 
roet^e fo energifc^ t)on ber @etig!eit allein a\iä ®naben 3^^911^13 
ablegt n)ie biefe. ®ie 9leformatoren l^aben ftd^ be^l^alb mit ^ox^ 
liebe auf fle berufen; benn bie @r!enntni§ t)on ber ®nabe rul^t 
^ier auf ber ®rfenntni§ be§ Unterfc^iebe§ uon @efe^ unb @oan^ 
gelium. @ben be^fialb mu^te ben ^Reformatoren bie ©^rift fo 
miUfommen fein. Sluguftin ift l^ier in mand^en StuSfü^rungen 
roirflid^ über pd^ felbft emporgefioben morben; ogt. § 11. 15. 18 
(„Haec est" — ju SRöm. 1, 14 — „iustitia dei, quae in testa- 
mento veteri velata, in novo revelatur: quae ideo iustitia dei 
dicitur, quod impertiendo eam iustos facit. Et haec est fides, 
ex qua et in quam revelatur, ex fide seil, annuntiantium, in 
fidem obedientimn; qua fide Jesu Christi, i. e. quam nobis 
contulit Christus, credimus ex deo nobis esse plenius- 
que futurum esse quod iuste vivimus; unde illi ea pietate, 
qua solus colendus est, gratias agimus"). 21 ff. (ba§ ®efe^, 
meld^eg tobtet, ift md()t ba§ ©eremonialgefe^, fonbem ba§ l^ilige 
@efe^ ©otteS, ber ®efalog). 22 („lege fidei dicitur deo: da 
quod iubes"). 26 („mandatum si fit timore poenae, non amore 
iustitiae, serviliter fit et ideo nee fit . . . porro autem si adsit fides 
quae per dilectionem operatur, ineipit condelectari legi"). 32. 40. 
53 ff. 60 („ipsum velle credere deus operatur in homiiie"), 2C. ^). 

*) 3n ber fluguftana toirb (?lrt. 20) unferc ©d^rift auSbrficftt^ citirt: 



^arnatf, bie Seigre t)on ber ^eligfeit attetn buK^ ben (glauben. 165 

©el^t balb nac^bem Stuguftin gefd^tieben l^atte^ fal^ er ftc^ 
oeranla^t ^inc jtpeite ©d^rtft ju üerfaffen. 3)cn 91nla^ giebt er 
fe(bft in ben 9letractationen II^ 38 an: ^jlnterea missa sunt mihi 
a qmbnsdam fratribus laicis quidem, sed divinonim eloquiorum 
stadiosis, scripta nonnuUa; quae ita distinguerent a bonis 
operibus Christianam fidem^ ut sine hac non posse, 
sine illis autem posse perveniri suaderetur ad aeter- 
nam vi tarn. Quibus respondens libnun scripsi^ cuius nomen 
est, de fide et operibus. In quo disputavi, non solum quem- 
admodmn Tivere debeant gratia dei regenerati, verum etiam 
quales ad lavacrum regenerationis admitti.^ @§ ift nic^t un« 
mögtic^, aber feineSn>eg§ Q^m% j|a nid^t einmal n)a]^rfc^einlic^, 
ba| feine eigene ©c^rift de spiritu et littera jene nid^t naiver be» 
jeid^neten fiaien beftdrft l^at, ben ©lauben allein roiber bie 
SBerfe ju betonen. Sttber 2luguftin f|at ol^ne ^^^^if^I ^i^ jroeite 
Sd^rift afö ©rgänjung feiner erften gef dirieben ^). SJBie lauteten 
Me 2^efen jener Seute, bie er roiberlegt, unb roie l^at er ifinen 
gegenüber feine eigene fiel^re nun entroidtelt? ^) 

®ie Saien, bereu ©d^riften 2luguftin norlagen, l^atten nid^t 
aus t^eoretifc^en <3[ntereffen in ber 93ibel ftubirt, fonbem eS wax 
rine ganj beftimmte Situation, bie fie neranla^t fiatte, bie 1^1. ©d^rift 
aufeuf<^lagen. SQ8ie un8 3luguftin mittfieilt, waren mel^rere Äird^en 
9torbafrifa§ in ben legten ^ai)xzn bei ber 3ulaffung non Reiben 
jur Saufe na^ldfjtg geroefen unb fiatten Seute in bie fird^lid^e 
©emeinfd^aft aufgenommen, ol^ne fxä) barum ju tümmem, in n>eld^en 
Serl^dltniffen biefetben lebten, ©o roaren 3Rdnner unb grauen 
getauft morben, bie in efiebrec^erif^en aSerl^dltniffen ftanben unb 
mif naä) ber 2^aufe in benfelben nerblieben, ba bie ©ac^e ent» 
roeber nic^t jur ©prarfie gefommen mar ober ftillfd^meigenb 
gebulbet mürbe. <3n allerle^ter 3^tt nun l^atte man bie QüQtl 

»Unb bag hierin fein neuer SBerflanb eingefül^ret fei, tonn man aud Sluguftino 
betoeifen, bei biefe @ad^e fleißig ^anbelt unb a\xä^ alfo leistet, bog wix burd^ 
ben Glauben an (S^^rißum @nabe erlangen unb für ®ott geregt toerben, unb 
nid^t bur$ SOßerfe, nie fein gangeS 99u(^ de spiritu et littera ausreifet.' 

^) dEr ciiirt au8brü(IIi(| bie erfte in ber sttetten § 21. 

•) (gine furge Sufammenfajfung ber ßontroöerfe finbct fidj int (gnefit- 
libton § 67. %u^ in einigen üBriefen ftreift Sluguftin bie Sfrage. 



166 ^atnad, bie Seigre Don ber Seltgleit oOetn but(| ben @Iauben. 

ftraffcr angcjogen unb t)on jcbem 2;aufling oerlangt, ba§ er, bcoor 
er gut S^aufc fämc, unfttttid^c Sßctl^ältntffe brccfic unb nacfi bcr 
Siegel beg ©üangeliumg ju leben üerfpreci^e. ®iefe äenberung 
ber ^royiS ober üielmefir biefe SRfidt fel^r §ur alteren ^rojisi ^atte 
bei Einigen UnroiHen erregt. Sie bel^aupteten, man fül^re eine 
„neue Sefire" ein^). Wim ©rnfteS erMdrten fie, man ncrlange 
oon ben 2:äufKngen ju üiet, menn man uon i^nen forbere, pe 
foHten t)or ber 2:aufe geloben, el^ebrec^erifc^e 93erl|altniffe auf« 
jugeben; baS möge fpäter nad^fotgen, menn e§ überfiaupt erreichbar 
märe. Allein ber ©taube an ®^riftu8 fei nötl^ig, unb biefer @laube 
begrünbe bie ©eligfeit. Um biefe ilire laye unb mel^r ate tarc 
2lnfc^auung ju erl^ärten, beriefen fic ftd) auf bie 1^1. ©d^rift. 

SBir fmb erftaunt, ba§ eine folc^e ©ontrooerfe bamal§ auf- 
taud()en fonnte; aber eS ift gut, einmal in fo braftifcfier SEBeife 
baran erinnert ju werben, unter meldE)en ©c^mierig!eiten bie ^iri^e 
ftanb, als im nad)fonftantinifd)en ß^it^K^^ ^i^ 3Raffen an il^re 
"ißforten flopften unb ®inla§ begehrten. SBenn man ba§ überlegt, 
mirb man auc^ billiger ben!en über ba§, mag bie Sird()e bamatä 
geleiftet unb nid^t geleiftet ^at. @§ ift audf| d^aratteriftifcfi, ba§ 
atuguftin bie S^l^efen unb bie ©emei^fül^rung jener „Sayen" feines* 
megg Uiä)t genommen l^at^, fo gerni^ e§ il^m mar, ba^ fie Un- 
red)t l^atten. 

^n brei ^auptfä^en l)atten jene fieute il^re 3Reinung ju* 
fammengef a^t '^). 1) S)a in ber Äird()e Meine unb Unreine fein 
müßten, fo bürfe man aud) ben Unreinen ben 3^^*^^^ jur Hirdje 
nidE)t meieren, menn fte ben dE)riftlid)en ©lauben annehmen moUen 
unb befennen. 2) SBor ber 2:aufe fei nur ber ©laube mitjut^eilen; 
bie Untermeifung über bie ©itten l^abe nad^ ber 2;aufe ftatt= 
jufinben. 3) aJlenfd^en, bie an ®l|riftu§ glauben unb bie 
©acramente empfangen fiaben, merben feiig, auc^ wenn 



*) ©. § 2. 33. 35. 49. 

') (Sx tonnte fie fTeilit!^ fd^on be^^alb nid^t turjer ^anb abioeifen, 
toetl er fonfl l^atte fürr^ten muffen, ber Seigre ber 9lot)atianer unb 2)onatiflen 
bad 9Bort au reben. €d galt otelme^r, bie «redete 3)Utte' p finben, unb bai 
toar ni^t leidet. 

•) 6. § If. u. 49. 



^arnad, bte Seigre Don bet Seligteit altem burd^ ben ©tauben. 167 

fic unfittli^ gelebt fiaben; benn roer glaubt unb getauft 
ift, ber lüirb feiig. ®tefa* le^te ©a^ roar ber gunbamentat* 
fa^; au§ il^m leiteten fie bie etften beiben ©d^e ab*). 3^n l^at 
ba^er 2luguftin aud) an bie ©pi^e feiner @egenfd)rift gefteHt. 
Sie beginnt atfo: „Sinige glauben, man muffe ä[lle ol^ne Unterst 
fc^ieb jum Sabe ber SBiebergeburt in ®f|rifto ^z\vi unferem ^erm 
julaffen, aud^ menn fte ein f^led)te§, ]^ä§lid^e§ unb notorifd^ burc^ 
Scrbre^cn unb ©c^anbtl^aten gebranbmarfteS fieben nic^t dnbem 
rooHen, ja fogar auSbrftcJlid^ unb öffentlid^ erHaren, ba^ fie in 
bemfelbcn Derl^arren merben. SBenn einer j. 93. an einer ^ure 
^ngt, fo folle man il^m nic^t juoor befel^len, üon il^r ju laffen 
unb bann jur 5:aufe ju fommen, fonbem, obgleid^ er fein SSer* 
^ltni§ ju il^r fortfetjt unb barauf be^arrt e§ fortjufe^en ober e§ 
fogar erlldrt, fott er bod^ jugelaffen unb getauft unb nid)t baran 
»erl^inbert werben, ein ©lieb ©l^rifti ju werben, menn er aud) 
nid^t aufhört, ©lieb einer ^ure ju fein. SQBo^l foH er aber fpdter 
über bie ©d^mere feiner ©ünbe beletirt unb nad^ ber S^aufe über 
bie Slotl^enbigfeit, fein fieben ju dnbem, unterrid^tet werben. 
Denn fie galten eS für oerfel^rt unb meinen, eS oerfto^e miber 
bie 3cttörbnung, juerft &intn ju belefiren, wie man als ©l^rift 
leben muffe, unb if|n bann ju taufen, ©ie erMdren oielmel^r, eS 
muffe ba§ ©acrament ber 2:aufe t)oranget|en, bann erft folge ber 
Unterrid^t über baS fittlii^e fieben nac^. SBenn nun ®iner baS* 
fclbe einhalten unb bemal^ren wolle, fo ^anble er ju 
feinem eigenen aSortl^eile; wenn er e§ aber nid^t tl)un wolle, 
fo werbe er bei gefttialten an bem djriftlid^en ©lauben, ol^ne 
melden er ewig oerloren gefien würbe, tro^ feineS Sßer« 
^arrenS in jeglidiem SBerbredien unb in Ungud^t wie burd| 
^euer gerettet werben, afö ®iner, ber auf ba§ gunbament 
K^riftuS nid^t @olb, ©ilber unb ©belfteine, fonbern ^olj, ^eu unb 



^) § 49: „Tertia quaestio est periculosisBima, qua parum consi- i 

derata et non secundum divinum eloquium pertractata tota illa opinio i 

mihi yidetur exorta, in qua promittitur scelestisBime turpissimeque viven- 
tibus, etiamsi eo modo vivere perseverent et tantummodo credant 
in Christum eiusque sacramenta percipiant, eos ad salutem 
vitamque aeternam esse venturos.** 



168 $ ar nad, bie Seilte Don ber Seligfeit adeln burd^ ben ©tauben. 

Stoppeln, b. 1^. nid^t gerechte unb fcufd^c, fonbem angeredete unb 
unjüd^tige ©itten erbaut l^abe" '). 

Um biefe Seigre ju beroeifen, beriefen fte ftd^ x)or 9lttem auf 
jene ©prüd^e, in benen Dorl^ergefagt fei, ba^ in ber ^rd^e Steine 
unb Unreine fein müßten, alfo auf ben ©prud^ uom SBaijen unb 
Unfeaut, auf bie Sirene 3lodi) u. f. xo. ©ie jogen barauS bic 
boppelte Sölgctung, ba§ man bie Unreinen in bie Äirc^e einlaffen 
unb ba^ man fte nid^t auäfd^lie^en bürfe. 3)emgemd§ bel^auptctcn 
fte, bie SBorftefier ber Äiräje l^ätten nur ju prebigen, maS gut unb 
böfe fei, ftd) aber fonft um baS fieben ber ^l^riften nic^t ju 
{flmmem (§ 6: „perversissimam securitatem praepositis tribuen- 
tes, ut ad eos non pertineat nisi dicere quid cavendum quidve 
faciendum sit, quodlibet autem quisque faciat non curare^). 
SRelbe flc^ <3emanb jur 2;aufe unb l^at ber SSorftel^er fic^ über« 
jeugt, ba§ er fte um feinet ©eelenl^eite loillen begefirt unb an 
©l^riftum glaubt, fo foß er getauft werben, ofine ba§ man il^n 
junad^ft mit ben c^riftlic^en ©ittenregeln befannt mad^t. Sebt er 
aud) im ©l^ebrud), fo ift er bod^ fein ©l^ebredfier, fo lange er baS 
gSttlid^e ®ebot noc^ nid^t !ennt, mic bie junge grau, bcrcn 3Rann, 
ol^ne ba§ fie eS mei^, mit einer anberen oerl^ciratfict ift, feine 
©l^ebredierin ift ^). 3)ann aber foHen bie ©etauften über bie d^rift« 
lic^e ©ittlid^feit belel^rt loerben unb nun entfc^eiben, ob fie jum 
SBaijen ober jum Unfraut gefiören lootten^). ©o fidtten (md^ bic 

^) S)a3tt § 2: 6ie tootten fclbft ©old^c gur S^aufe julaffcn, teelic er« 
Üären, toenn man fie nld^t In ben e^ebre^erlfd^en SSev^dltntffen laffe, to&tben 
fie überl^auDt lieber ol^ne S^aufe leben unb fterben; „humana quadam mise- 
ratione commoti sunt ad eoruni causam sie suscipiendam, ut omnes cum 
eis facinorosos et flagitiosos, etiam nulla prohibitione correctos, nulla 
poenitentia mutatos ad baptismum admittendos esse censerent, existi- 
mantes eos, nisi fieret, in aetemum esse perituros, si autem fieret, etiam 
in illis malis perseverantes salvos per ignem futuros." 

•) § 10: ajlan foü fte jur 3:aufe unb gum Slbenbnia^I gulaffen, 
„etiamsi correctionem voce manifestissima recusaverint, immo vero nihil 
eos de hac re prorsus admoneri oportere/ 

') SluQuflln, ber, xoit oben bemerft, biefe ^Sasen' fe^r nac^fld^ttg be> 
banbelt; toeil er l^atl^olil ift, redgnet i^nen ben oben angefül^rten @a| 
3Ur ®ere(|ttg!eit, § 10: „satis ostendunt non se crimina ista defendere 
aut quasi levia vel nulla sint agere." 



^arnad, bie Seigre \>on bev Seltgfeit aUein burd^ ben (glauben. 169 

9(poftet gcl^anbelt, wie man au§ il^rcn ©djriftcn cntncl^mcn fönne. 

3uerji \)abtn fte bic „doctrina fidei" geleiert unb bann bic „prae- 

cepta morum" ctngefd)clrft; barau§ folge: „fidei tantummodo 

regiilam baptizandis esse insinuandam, postea vero iam bapti- 

zatis etiam vitae in melius mutandae praecepta tradenda^ (§ 11). 

3Ran ad^tc nur auf bic 2lntagc ber apoftoüf d^cn ©riefe ; im erften 

S^il tft ber ©laube bargelegt im jmeiten bie ©ittentel^re. 93e* 

fonberS am ^Briefe beS 5ßetru§ unb ^ol^anne§ taffe ftd^ ba^ beutlirf) 

ma^en. Slu^erbcm le^re bie 2lpofteIgefd|id^te, ba^ ^etruS an 

einem Sage breitaufenb getauft l^abe lebiglid) auf ba§ 93efenntni§ 

ju 63)rifto ^in, ol^ne bie ©itten jener 3;duflinge ju erforfdien ober 

iftnen Dor ber S^aufe etmaS auf juerlegen ; fofem er aber babei 

gcfagt l^abe: „23f|uet 93u§e", l^abe er nur eine 93u^e be§ 

Unglaubens megen verlangt, ba fie nid^t an S^riftuS 

geglaubt l^atten; bereits ber „entreiße fid) ber oerfel^rten 

2Belt", ber nur an ©l^riftuS glaubt, fetbft menn er nod^ 

in ben gröbften ©ünben bel^arrt (§ 12. 13). ©benfo l^abe 

ber Ädmmerer auS bem SOtol^renlanb nidjtS mel^r gefagt, afö: 

„^6) glaube, ha% ^fefuS ©^riftuS ber ©ol)n ®otteS fei", unb 

nmrbe auf biefeS 93efenntni§ ^in fogleidfi getauft (§ 14). Slud^ 

$aulu8 tiabe auSbrücJüd^ erflärt: ,,^6) fagte unter euc^ nid|t§ ju 

roiffen als ©l^riftum ben ©efreujigten" ; barauS folge, ba^ ben 

ftorint^em eingefdjorft morben fei, juerft ju glauben; nad)]^er erft 

foUten fie lernen, maS jum djriftlid^en fieben gel^ört; mefir afe 

^inrei^cnb genügte bem Slpoftel ber ©laube an ©l^riftuS, unb th^n 

weil er fie biefen leierte, fagte er ben Äorintl^ern, fte Ratten rool^l 

piele ^dbagogen, aber nic^t Diele SBäter; benn er l^abe fte in 

Sl^riftuS QefuS burd)§ ©oangelium gejeugt (§ 15). gemer fei 

^icrficr jenc8 SBort beS ^erm ju jie^en t)on ben beiben üor* 

nel^mften ©eboten; benn man muffe baS erfte ©ebot (oon ber 

©otteSliebe) auf bie Siauflinge begießen ^), baS jmeite (üon ber 

SRäc^ftenliebe) auf bie ©etauften (§ 16). 2lud) fei baS SBol! ^[frael 

iuerft burc^ baS rotl^e SOteer geführt roorben, bann erft l^abc e§ 

ba§ @efe^ empfangen; bie 3)urd^fü^rung aber burd^ baS 3Weer 

^) 2)a^ex nahmen biefe „S^aTCtn" allein bie @ünbe bed ©ö^enbienfted 
Don jenen @ünben aus, bie ben C^mpfang ber ^aufe nid^t ^inberten; f. § 18. 



170 ^ornadE, bie Seigre Don ber Seligfeit aOein burd^ ben ©laubeit. 

fteßc bic 2;aufc bar (§ 17). ©ctcttet unb fclig werbe man ehen 
burdi bic 2^aufe unb ben ©tauben; benn „in tuto esse salu- 
tem eorum, quamvis per ignem, qui in Christum credi- 
der int sacramentumque eius acceperint, i. e. baptizati fuerint^ 
etiamsi morum corrigendorum negUgentes sint.« SJome^mKc^ 
aber bie S^^Ö^iff^ i^ ^^^ paultmf d^en ©riefen beftdtigten eS, ba§ 
ber ©taube allein feiig madje ol^ne SBerfe (§21. 22); \a eine 
©teile lel^re flar unb beutlid^, ba§ einem getauften ©laubigen bic 
böfen SBerfe fc^Iie^Iidf) nid^tS fdfjaben; er mirb gerettet voit buxä) 
^euer, obgleid) er auf bem ©runbe (®]^riftu8) nur ^olj, ^eu unb 
©toppein, b. 1^. ©d)Ie(i|te§, auferbaut l^at; jeneS g^uer fei jroar 
ba§ emige geuer, aber <3[ene mürben nx6)t emig in i^m bleiben, 
fonbem erlöft merben (§ 24 f.); fo gro§ fei bie 3Wac^t beS 
©laubeng. Um femer ju beurtl^eilen, roieoiel ber ©laubc 
allein nermSge^), fei auf I Äor. 7, 15 ju nermeifen; nad^ biefer 
©teile bürfe man megen be§ ©laubeng an ©l^riftug felbft bic 
rerf|tmä^ig nerbunbene ©attin ol)ne alle ©c^ulb nerlaffen, menn 
fie mit bem d^riftlid^en Spanne megen feines d^riftlid^en ©efennt^ 
niffeS nid^t mel^r leben moUe (§ 28). Uebrigenä aud^ an bem 
tanandifc^en SBeibe ^abe ber ^err einen ©lauben ol^ne SBerfe 
gelobt unb um beS ©laubenS mitten getl^an, um mag fie gebeten 
l)atte; feineSmegg mirb berid)tet, ba^ fie i^re uerberbten lananäi^ 
\i)en ©itten geänbert l)abe unb bod) erlangte fte Meg allein burd^ 
ben ©lauben an ®t)riftug; benn burdt) biefen ©lauben mirb bic 
©eligteit gemonnen ; Sliemanb fonft gel^t nerloren, alg ber, meld^er 
nid)t an S^riftug glaubt unb bamit bie ©finbe miber ben ^l. ©eift 
begebt (§ 30) '). 

ferner muffe man fic^ aud) ber ^arabel oom ^orfijeitgmal^l 
erinnern, ju meld^em bie ©uten unb bie 93öfen gefüfirt morben 
feien (§ 31). S03ag aber fpeciett bie ©ünbe beg ©fiebruc^g be« 

*) §ier begegnet un8 gum atoeitcn ÜJlal baS „fides sola" (f. oben 6. 159); 
§ 28: „Quamobrem et illud quod dicunt, veluti probare cupientes, qaantum 
valeat sola fides, ubi apostolus dicit: Quod si infidelis etc.*' 

*) Slud^ ^ier fann Huflujtin niijt um^in, feine ©egner gu toben: 
„niud sane non absurde inteUigunt, eum peccare in spiritum eanctum et 
esse sine venia reum aeterni peccati, qui usque in finem vitae nolnerit 
credere in Christum." 



^arnad, bte Se^re bon bcr Seligfeit allem bur$ ben (Blauben. 171 

trifft, fo roaxm gen)i§ unter jenen bteitaufcnb, n)eld)e bie Slpoftel 
an cincnt %aQt getauft l^aben, unb unter ben mel taufenb ®Iäu* 
bigcn, mit roeld^en ber Slpoftel t)on ^erufalem bi§ nad^ ^Hgrien 
baS @x)angelium anfüllte, einige mit fremben SBeibem üerbunbene 
SRdnner unb SBeiber, bie mit fremben Scannern oerbunben maren : 
an biefen ^dtten bie SSlpoftel eine SRegel feftfteßen foßen jur 3la^^ 
ad^tung für bie Äirc^e, ob fte namlid^ nic^t jur Jaufe jugelaffen 
n>erben follen, au^er fie fiaben ba8 el^ebredierifdie SBerfiältni^ be* 
feitigt; aber fte l^aben e§ nid)t getl^an (§ 37). 3luci^ l^aben bie 
Ofracliten uiele unb fd^mere aSerbred^en begangen unb oft bag 
ölut ber ^ßropl^eten uergoffen; aber fte l^aben bod^ nid)t megen 
biefer 5^et)eltf|aten, fonbem allein megen il^reS l^artnädRgen Un* 
glaubend an ®]^riftu8 ben völligen Untergang üerbient (§ 38)^). 
3)ie ©eroalt be§ @lauben§ aber rei^t ba§ ^immelreid^ an ftd^ 
(„tantummodo credendo perveniunt in regnum coeloriim" 39), 
unb ber ^err fprid^t: „5)a§ ift baS emige &zhtn, baj3 fte S)id(), 
ber 2)u allein realerer @ott bift, erfennen unb ^efum ®l)riftum, 
ben 2)u gefanbt fiaft." SBenn e§ aber bann l^ei^t: „S)aran er* 
femten mir il^n, ba^ mir feine ©ebote l^alten, fo bejiel^t ftd) baS 
Ratten ber ©ebote tben auf ben ©lauben allein^) (§ 40); l^ei^t 
e6 boc^ im 93uc^e ber SBeiSl^eit: ,,2lud| menn mir fünbigen, ftnb 
mir S)ein", unb ^ol^anneS fagt: „SBenn aber auc^ @iner fünbigt, 
fo ^aben mir einen ^ixx^pxtci)tx bei bem SSoter, ^efu8 ©l^riftuS 
ben ©ercd^ten, unb er ift bie aSerföl^nung für unfere ©ünben" 
(§ 41). ©e^alb l^abe aud^ ber SKpoftel gefdirieben: „®ie o^ne 
baS ©efe^ gefünbigt ^aben, merben ol^ne ba§ ©efe^ nerloren 
ge^en, bie aber unter bem ©efe^ gefünbigt ^aben, merben burd^ 
ba§ ©efe^ gerichtet merben." @r fagt an ber jmeiten (Stelle nid^t 
„oertoren gelten", fonbem „gerid^tet merben", um anjujeigen, ba§ 
bie ©Triften, bie gefünbigt l^aben, jmar gerichtet, aber — mie burd^ 
JJeuer — nac^ oorübergel^enber ©träfe gerettet merben (§ 42 ff.). 
An ber angefül^rten ©tette bebeute „unter bem ©efe^" fooiet mie 

* 

*) ^tet ße^i „infidclitas sola, qua in Christum credere nolue- 
nint*', to)ie oben „fides sola**. 

*) „Et ne quisquam existimet mandata eius ad solam fidexn 
pertinere.*' 



172 ^arnod, bie Seilte üon ber Seligfeit allein burd^ ben ©tauben. 

„unter bcm ©lauBcn", xok aud^ im snjciten ©riefe beS ^etru§ „haß 
überlieferte l^eüige ©ebot" tbtn haS „praeceptum, quo in deum 
credamus", fei (§ 45 f.). 

©0 jene Seute. 9Ba8 Stuguftin iJ^nen einroenbet, ift nic^t 
mit menigen SBorten anjugeben. ®r ftanb im l^eftigften Kampfe 
gegen ben ^etagiani§mu§, unb e§ mar il^m bal^er innerlid) unb 
äu^erlid^ unmöglid^, bie ®nabe unb ben ©tauben in il^rer fou* 
üeränen Sebeutung l^erabjufet^en. ®r ^tte bie 3)onattften miber« 
legt unb mar mit ©ntfd^iebenl^eit für bie gro^e SBeltfirc^e cin=^ 
getreten — mie l^atte er ben 9Beg jum ©acrament unb jur Kird^e 
Derengen unb bie gorberung, Unfraut unb SBaijen ju fc^eibctt^ 
aufftellen fönnen? 3lber anbererfeit^ mar e§ il^m bod^ feinen 
SMoment jmeifcB^aft, ba^ jene Snt^ftaften be8 ©tauben^ Unred^t 
l^atten unb bie Sird^e ruiniren mürben, menn il^re fiel^re jur ^err* 
fc^aft fäme, ba§ ber ©taube red)tfertige, aud^ menn ber ©ünben= 
bienft neben il^m fortbeftel^e. 2lIfo ber ©taube allein foU gelten, 
unb bod) mieberum nid)t ber ©taube allein! 3)a§ rettcnbe SQBort 
mar: „S)er ©taube, ber in ber Siebe t^ätig ift". SBie er if|n ge*= 
fa^t unb ©lauben unb Seben uerbunben miffen mollte, jeigt am 
beften baS fd)öne SBort (§ 42): „Inseparabüis est bona vita a 
fide, quae per dilectionem operatur; immo vero ea ipsa est 
bona vita", refp. ba§ anbere (§ 40): „Recte dici polest, ad 
solam fidem pertinere dei mandata, si non mortua, sed viva 
illa intelligatur fides, quae per dilectionem operatur." 3)iefen 
©ebanten fe^t er in ber ganjen ©djrift auScinanber, miberlegt, 
il^n burd()fü]^renb, ben ©c^riftbemeiS ber ©egner unb mei^ au^ 
mit feiner ^ütfe unter 93erufung auf bie fatl^otifd^en Sßriefe bie 
9Äi§üerftdnbniffe ju befeitigen, meldten bie paiüinifd^e ^tä)U 
fertigungSlel^re au^gefetjt mar*). 2)ie beiben ©d^e, ba§ ber 
©taube re^tfertigt, unb ba§ ba§ emige Seben benen gefd^enft 
mirb, metdie bie ©ebote l^atten, uerbinbet er überall burd) ben 
3Rittelbegriff jeneS in ber Siebe tl^atigen ©taubeng. „Hoc est 
evangelizare Christum, non tantum dicere quae sunt credenda 

9(uQufttn nal^m gerabeau an, bag bie fatl^olifd^en S9riefe 3U bem 
Stotd gefd^rieben feien, ben 9)li6t)erftanbnif{en ber paulinif^^n ^Briefe gu 
toe^ren, f. barübet oben @. 98. 



^arnacf, bie Seigre bon bei ©eligfeit allein butd^ ben Glauben. 173 

de Christo, sed etiam quae observanda ei qui accedit ad com- 
pagem corporis Christi; immo vero cuncta dicere quae sunt 
credenda de Christo, non solum cuius sit filius, unde secundum 
divinitatem, unde secundum carnem genitus, quae perpessus 
et quare, quae sit virtus resurrectionis eius, quod donum spiritus 
promiserit dederitque fideUbus, sed etiam quaUa membra, quibus 
sit Caput, quaerat, instituat, diligat, Uberet, atque ad aeternam 
Titam honoremque perducat" (§ 14). Ucberatt geigt er, ba§ eS 
auf ben ©tauben afö bie 2Wad)t be§ SebenS antommt, ba§ man 
bo^ Untraut jroar bulben muffe, aber nid|t fäen bürfe (§ 31), unb 
ba^ baS SDangelium nid^t 5ßrofeIgten mac^e mie bie ^^arifäer 
(§ 48). 3)ie formet „©taube unb SBerfe" tft i^m gleid^bebeutenb 
mit ber anberen „©taube unb 2kW', ober nod^ beffer: „lebenbtger 
©taube". 5)er lebenbige ©taube aber, ber in ber Siebe tl^ätig 
ift, ift bie in bie ^erjen au^gegoffene Siebe, ^m ©runbe 
ift nid^t bie Siebe ber ©taube, fonbem ber ©taube ift (at§ 
tebenbiger) bie Siebe, metdje bie guten SBerfe tf|ut unb ©taube 
\fd% meit fie mit il^m beginnt. 

?0lan fotgt ben 3lu§fü]^rungen 2luguftin'8 in biefer @ct)rift 
mit befonberer 2:^eitnaf|me. ©iegreid) mei^ er bie meiften @d^rift= 
bemeife feiner ©egner ju jerftören, unb in f o l^inrei^enber ©prad^e 
jpric^t aus il^m bie Sorge, ben fitttid^en ß^arafter ber d^rift= 
ticken Sleligion nid|t preigjugeben, unb anbererfeitö bie ©rfal^rung 
Don ber ^errtic^feit be8 neuen SebenS, ba§ er atle Sritif jum 
©dimeigen ju uerurtfietten fc^eint. aSon „SBerfgerec^tigfeit" ift 
in bem S^ractat nichts ju finben. 

Unb bod) — l^aben feine ©egner mirftid) nur Unred)t ge^ 
^bt unb er nur SRerfit? 3Wan braudit mol^t nid()t erft au§brüdE= 
lid) barauf aufmerffam ju madien, ba^ ber gro^e Kampf be§ 
IB. ^di)xf)Vinhttt§ l^ier in mel^r at§ einer ^infid^t anticipirt ift. 
„Fides sola" — „infidelitas" ba§ finb bie ©d|tagn)orte ber ©egner. 
5)er einjige ©runb ber SRed^tfertigung unb ©etigfeit ift ber ©taube 
an ^t\]i§ ©l^riftug, unb bie einjige ©ünbe, bie nid^t nergeben 
wirb, ift ber Ungtaube. 3luguftin'3 Seigre ift emft unb erl^aben; 
aber mu^te er im ©runbe, mag ©tauben ift? fannte er bie 9lot^ 
ber Unfic^erfieit unb bie 2lngft be§ ©emiffenS, fobatb eg fein ©d^idtfat 



174 ^axnad, bte Se^re t)on ber Seltgfeit aUtin buvd^ ben @(Quben. 

üon bem ©laubcn erroartet ber in bcr fiicbe tfidtig ift? ©eine 
©egncr fd^ctncn l^ier boc^ tiefere ®rfaf|rungen gemadit ju l^aben. 
2luS aUm il)ren SBorten unb Seroeifen gel)t l^eruor, ba^ fte in bem 
©tauben an ben ge!rcujigten ©firiftu^ allein ba§ ^eil ertannten. 
2lUe8 3lnbere folt nad^folgen, ift ein ©eringeS: roer biefen ©lauben 
]^at, ift gered)t unb erlangt, n)a§ er begehrt, roie baS fananäifrfie 
SEeib; roer biefen ©lauben nic^t ^at, ge^t verloren. 9Man tann 
i^nen aud) ni^t Dorroerfen, ba^ fie etwa lebigtid) bie ©acraments^^ 
ntagie auägefpielt ^aben. 2)ie 2;aufe wirb i^ar neben bem ©lauben 
ftetS genannt; aber fie l)aben fie nid^t me^r, el)er weniger, betont, afe 
e§ bamal§ allgemein üblid^ mar. ©ie ift ba§ ©acrament beS ©lau* 
ben§; nur mo ber ©laube bleibt, ba bleibt aud) ®^riftu8. ©o meit 
fie bie 2:l)ore ber Äird^e aud| aufmad^en moHten — ein Ungläubiger, 
b. 1^. ^emanb, ber nirf|t auf ®^riftu§ feine 3^^^^^* fet^t, foll 
nid^t eingelaffen werben. 2Ran foll bie ^urer unb ©l^ebred^er 
einlaffen, belaftct mit il^ren ©ünben unb traftloS fic^ auS ifinen 
jU erl^eben, aber man foH ben Unglauben nid^t einlaffen. SWan 
foß bie 3)lü^feligen unb 93elabenen nidjt mit ftrengen ©eboten 
fd^redfen unb itinen nid)t l^arte Saften auferlegen, man foll oon ber- 
gleid^en nid^t einmal fpredf|en, fonbem man foH il^nen ©l^riftu^ 
afe ben ©efreujigten t)or bie 2lugen malen unb fte lodten, ba^ 
fie fommen. ©rft menn fie gefommen ftnb unb ben ©lauben er* 
griffen b^ben, foH man fie über ba§ dfiriftlid^e Seben betel^ren. 
„®a§ ift baS emige fieben, ba^ fie 3)id^, ber S)u allein roafirer 
©Ott bift, erfennen unb ben, ben 3)u gefanbt l^aft." 

3ift baS nidjt bie SReligion in ber Sieligion? ©inb e§ nic^t 
biefe ©ebanfen geroefen, roeld^e bie SReligion im 16. Qal^rfiunbert 
mieberficrgefteHt l^aben? ©8 fd^eint fo; aber e§ fc^eint nur fo. 
3n SBafirl^eit ift bie fie^re biefer fieute eine ganj unerträglid^e, 
unb 2luguftin l^at üoHeS 9led|t gehabt, fie ju befämpfen. ©ie ift 
red^t eigentlid) ba§ „verborgene ©ift", meld^eS oon ber 3lrjnei 
fd)mer ju unterfc^eiben ift. 

3n)ar ba§ mag nod) eine günftigere 2tu8legung julaffen, 
ba^ fie „®^ebred|er" aufgenommen miffen wollten, aud^ wenn 
biefelben in il^ren unerlaubten SBerl^ältniffen ju oer^arren erfldrten. 
SWan mei§, ba^ bie Äird()e il)re eigene, fef^r ftrenge ©l^egefe^* 



i^aTnadC, bie Se^re Don ber @elt({feit attetn butt!^ ben Glauben. 175 

gebung ^attc, unb man !ann Ietd)t übcrfd^Iagcn, rote fc^roierig e§ 
mar, fie ftreng feftjufialtcn, al§ bie 2:aufenbe in bie ^rd^e ein- 
jirSmten. ®8 war gcroi§ in Dielen gälten eine roirflidie ^ärte, 
ja ©raufamfeit einen gefd^iebenen SOtann, ber mit einer anberen 
grau feit ^fö'^T^«« lebte, ju nötljigen, fid) von xi)x ju trennen, 
rocnn er getauft werben moBte. 3Kan mirb l^ier nid^t rid^ten 
bfirfen, menn fid^ Stimmen erhoben, meldte Derlangten, bie 
ftirc^e foQe fid^ um ba8 QuxixdlkQtnht nid)t flimmern, fobalb nur 
aufrtd)tigeS 9}ertangen nad^ bem ^riftlid^en ^eile Dorl^anben fei; 
pe fotte e^ felbft bann auf fi(^ berul^en laffen, menn e§ ju iljrer 
ftenntni^ !omme unb bie 2;duflinge erflärten, e8 fei i^nen unmög^ 
li^, bie einmal eingegangenen SBerl^dltniffe ju bred^en. 2llfo ber* 
gleichen @)af ualien f oQen liier nid)t beachtet merben ; aber f d^led^ter* 
bingg unertrdglid^ ift, ba^ jene ßeute geleiert l^aben, ein ©täubiger 
werbe fetig werben, aud^ menn er in ©ünben bel^arre. SOtan 
barf l^ier nid)t annel^men, ba^ 3luguftin bie 3^t\t feiner ®cgner 
mi^oerftanben ober übertrieben i^abe. Uebertreibung mar über* 
^aupt nid^t Sluguftin'^ ©ad^e, unb ein SOti^uerftäubni^ !onnte 
nic^t auffommen; benn unjmeibeutig i^aben jene fieute er!lärt, ba§ 
jeber ©laubige fetig merbe, auc^ menn er auf bem ©runbe 
S^ftug nur ^olj, ^eu unb ©toppein, b. 1^. Sünbe unb 
©c^anbe^), gebaut l)abe. ©ie l^aben alfo bie djriftlidje ©itttid^* 
feit nid^t nur nid^t in ben ©tauben, ber red^tfertigt, eingef^loffen, 
fonbem fie l^aben fte aud() nic^t afö bie fd^Iecfit^in nottimenbige 
Jruc^t beg ©laubenS gefaxt, ©ie leierten, ba^ jroar ba§ uoBl* 
fommene ®l)riftent^um im ©tauben unb in bem Ratten ber gött* 
ticken ©ebote beftel^e, ba^ aber ein ©taube, bem baS {ttttid^e 
fieben ni^t folge, nod^ immer ber red^tfertigenbe ©taube fei. 
3!)amit ^aben fie ben fittlid^en ®]^arafter beS ®]^riften* 
t^umS preisgegeben unb fd)tie^tic^ aud^ baS SBefen be§ 
®lauben8 felbft Derfannt. ©ie i^aben i^n ate ä^^^^f^t 
auf bie ©nabe ©otteS in ®]^rifto erfannt — barin maren fie 
Xuguftin überlegen, bem biefe 3iiüerfid[)t nie rein unb fräftig auf* 
gegangen ift — ; aber fie fd()einen ni^t§ bax)on gemußt ju l^aben, 
ba§ biefe 3w^>^^t afö greube unb ©etigfeit ben SWenfd^en um* 

*) ©0 faxten fie ben ©pnicl&, f. oben. 



176 ^arnadf, bie Se^re Don ber 6elig!ett attein buT$ ben ®(auben. 

fdiafft ju einem guten 95aume, ber gute ^xüä)U bringt — barin 
roar i^nen Sluguftin überlegen, ©ie leierten ba§ 61^riftcntl)um als 
3ut)erfid)t auf ©l^riftug ol^ne SBiebergeburt; 2luguftin lehrte bic 
SBiebergeburt ol^ne ßi^^^^^t- ©tftnben nur biefe beiben Se^r^ 
tropen jur Widf)l, fo !önnte feinen 2lugenbli(f jraeifell^aft fein, 
roeld^er ju bet)orjugen roäre. 3)ie ©ittlid)!eit ift nic^t ha^ §5^fte 
im (Jl^riftentl^um, aber fte ift baS fd^Ied^ti^in Unoerdu^erii^e. ®iit 
®f|riftentl)um, meld^eS fidi nid)t in il^rer ©pl^dre fialt, ift afö ein 
abfdieuüc^er ^rrtl^um gerid^tet. ^n ber Seigre, wie fte Stuguftin 
üorgefteHt I)at, fann fogar bie et)angeUfd)e SBa^rl^eit entl^alten 
fein ; man fann firf) ju il^r bef ennen unb ftd) bod^ in feiner eigenen 
©elbftbeurtl^eilung nacfi bem 93efenntni^ be3 Qüünex^ richten, ^n 
ber fie^re feiner ©egner aber ift ein 9Äinu§, melc^eS aud^ bie beftc 
©rfenntni^ roertl^Iog mad^t. aßa§ ^itft bie ®rfenntni§, ba^ ber 
©laube 3ii^^^€i^t ^^^ ^^^ d|riftlid|e ©emeinbe bie ©emeinbe ber 
©laubigen fei, meldje i^reS ^eite gemi§ ift, wenn bod^ geleiert 
mirb, ba§ ba§ 93ef|arren im ©ünbenftanbe babei beftel^en fönnc 
unb nid)t§ fdjabe? 9lid^t barum l^at e§ fic^ gel^anbelt, ob bem 
©laubigen fort unb fort ©ünben ©ergeben werben muffen unb 
fönnen, fonbem barum, ob man bie ©l^riften berul^igen bürfc^ 
audf) menn fte in ©ttnben fortleben ol^ne ben emftl^aften ®nt«= 
fd^lu§ ber Sefferung. SDSo eine fold^e ©efinnung Siedet befialten 
roiH, ba gilt ba§ ^ol^anneifdfie: tsxvta, [itjSsIc TcXavditö) ojidt«;- 

6 TTotÄv T7]v StxatoouvYjv Sixatöc kazvj. 

SQBol^er maren biefe Seute getommen, bie haS „sola fide" 
jum ® edtmantel ber ©d|Ied|tigf eit mad^en wollten ? S03ir miff en eS 
nicf|t; nid^t einmal wo fte ju fud^en finb, ift un§ mitgetl^eilt. 9lber 
offenbar ift e§ eine Sinie, bie ©on ben Seuten, metd^e .JJafobuS 
miberlegt l^at, über ÄaHiftuS, ^erafliu^ unb ^[omnian ju ben 
„fiaien" fül^rt, bie Sluguftin befämpft l^at. 3^^ 2:1^^1 ftnb aud^ 
bie SJlrgumente biefelben, fo ba^ oießeid^t nid^t nur eine fac^li(^e, 
fonbem aud) eine gefd^ic^tlid^e aSerroanbtfdiaft l^ier vorliegt. Un- 
uerfennbar ift, ba^ bie 2:]^efe „ber ©taube attein mad^t feiig" 
itire feinfte unb confequentefte, aber aud) gefäl^rlid^fte 9Iu§geftaltung 
bei ben ©egnern 3[uguftin'§ erlebt f|at. 2)ie gefteigerte 33efd^äfs 
tigung mit ben paulinifrfien Briefen fam bem alten ©a^e, ber 



r 



^arnad, bie Seilte Don htx @elig!eit attetn burc^ ben Glauben. 177 



bie Äirc^c htttner loieber beunrul^igt l|at, ju @ut. Sttuguftin l|at 
ba§ le^tc aufleben biefcS ©a^eS in ber alten Äirdie erlebt, unb 
er ^ il^n für ein «^al^rtaufenb jum ©diroeigen gebradjt. @r 
üermoc^te eS, weil er in l^öl^erem SÄa^e atö irgenb ein frül^erer 
ftir^enoater bie relattpe SBal^rl^eit beffelben empfanb unb einfa)^. 
2)ie S^efe, ba§ ber ®Iaube allein feiig mad^e, ift oon 
bem fatl^otifci^en Sil^eologen überrounben roorben, ber 
biefer Sl^efe am näd^ften geftanben l|at. Stielet bie fjormel: 
„®Iaube unb SBerfe", fonbem bie anbere: „©taube, ber in ber 
Siebe tptig ift", ift bie officieCe in ber fat^olifc^en Äirdie ge* 
iDorben. S)iefe fjomtel geftattet einerfeitS ben Uebergang jur 
paulinifc^en SRed)tfertigung8le]^re, anbererfeitS tann fie ju ©unften 
ber SBerfgered^tigfeit bearbeitet werben. 3)arin liegt il^re ge* 
fc^c^tlic^e SBebeutung. 



S)ic 2lrt, n)ie in ber alten Äird^e ba§ ^sola fide" oom 
Kuägong be8 1. bis jum 3lnfang be8 5. ^f^^tl^unbertg geltenb 
gemalt roorben ift, lie§ ber Sird^e taum einen anberen 2luSn)eg 
als ben, ben fie burd^ 2luguftin befd()rittcn I)at. ®ie ©efdjid^te 
bc§ „sola fide" ift bie bcfte Sied^tfertigung für bie auguftinifd^e 
SuftificationSlel^re. gaft burd^roeg — wenn nid^t burd^roeg — 
^at fittlid^e Sojl^eit, Seibenäfd^eu, SWangel an brüberlidjer Siebe 
rnib mangelnber SBu^emft ftd| mit bem „sola fide" ju bedfen 
Berfuc^t. SBie fann man fid^ ba munbern, ba^ e§ bie ^rd^e ab* 
gelernt ^ot? ®ie ffiogmatif ift eine praltifd^c SBiff enf d|af t ; fie 
barf nid^t Formeln auffteHen, ol^ne fid| um il^re SBirfungen ju 
f&nmcm. SBunberbar ift nur, ba§ nid^t bie Seigre ©gprian'g ge- 
fiegt l^at „®laube unb 2llmofen", fonbem eine Seigre, bie ben 
Rem ber d^riftlid^en Sieligion nid)t preiSgiebt. S)ie ^rdEie üer- 
bantt baS il^rem größten Seigrer, Sluguftin. ©ie I)at il^m miHig 
unb mibermißig folgen muffen. 2lud^ ba§ 2;ribentinum l^at im 
?BefentItd^en feine ^Option fcftgel^alten. 

3)ie euangelifd^e ^irdfie I)at e8 gcmagt, ben ©lauben al§ 
3uDerfid)t jum einjigen f5ii^i>öni^wt 8^ mad^en unb fid^ felbft al§ 
bie ©emeinbe ber ©laubigen, bie il)re8 ^eife gemi^ finb, ju 
faffen. Sie l^at fid) auf ba§ fjunbament be§ ©laubenS allein ge* 

deitf^tift fflr Z^eologie unb Stirbt, 1. 3a^rg., 2. ^cft. ^2 



178 ^atnad, bie Se^re t)on ber ©eUgleit aUein bur^ ben GtaubeiL 

ftettt, nirf)t löcil fie ber fittlid^cn fiayl^eit ba§ SBort reben tooQte^ 
fonbcttt weil fidi in bcn legten ^f^^^tiunbcrtcn gezeigt 
l^attc, ba§ bie fatl^oUfdiefJormel ber gröbften Unfittltc^* 
feit SHaum gegeben. SKemanb fann üerfennen, ba§ bie 9tcf or- 
mation auS einer fittUdien Srl^ebung erroad^fen ift, unb ba§ 
il^re flaffifdien 3^i^9wiff^ hk^^n (Stempel tragen, fjörmeln — boS 
^at bie @efci^id)te geleiert — fd)ü^en überl^aupt nid^t gegen ben 
natürlidien 2:rieb, bie SReligion ju erleid^tem. ffia^ aber bie 
gormel „sola fide" mit bem ernften 9iingen um ein neues Sebcn 
vereinbar ift, ja eS aüein fidler unb freubig begrünbet, bafür 
ift ber SBemciS in ben eoangelifd^en Äird^en geliefert n)orben. 
2Cber anbererfeitS fann Sliemanb oerfennen, ba§ bie ÜWi^* 
ftänbe, um beren willen in ber alten ^ird^e baS „sola fide" 
perbäd^tig gemorben ift^ fid| aud) in ber ©efd^id^te be§ 
^roteftantiSmuS — unb jmar fel^r frül^e — eingefteCt l^aben. 
©ie finb bann eine Kalamität in il)m geworben unb leiber Qe= 
blieben; benn als ©d)lagn)ort einer Äird^e, bie aWaffenfirc^c 
geworben ift unb barin bem Jtatl^oliciSmuö oöUig gleid^ftel^t^ ift 
baS „sola fide" l^öd^ft gefäl^rlic^. @§ l^at nur bort ein Sfiftenj^ 
red|t, mo mirtlid^e Steligion ift unb nid|t blo§ baS ^etenntni^ 
äu einer fold)en. ^n jebem anberen gaU oerliert cS fein diedjt 
unb wirb jum ©ift. Qm Sid^te ber alten ®efd^id^te beS „sola 
fide " mu§ bie eoangelif d^e Äirdie ertennen, ba§ il^re ©igenart fie 
auf einen fd)malen SBeg geführt t)at. 2lber eS ift ber fd^mate SEBeg 
bc§ bußfertigen @lauben§. @in einjelner ©l^rift, ber wa^rl^aft 
feine 3^^^^^^^ auf ®ott fe^t, ift mäditiger atö oiele ^rc^en. 
Unb wo ba§ „sola fide" oerfünbet wirb, nid)t als bloße 3)octnn, 
fonbern ate ©rlebniß, ba wirb e§, wie in ben ä^agen Sutl^er'S 
unb ©aloin'g, beffer afe jebe anberc Formel im ©tanbe fein, 
ben freubigen ©lauben ju enoedfcn unb rein ju erl^alten, ber in 
ber Siebe tl^otig ift. 



Soren Mittkt^aatbs SteUttn$ ju ßibtl mh Do^ma. 



Lic. theol. @|r. Si^rem^f^ 

gartet in Seusenboif. 



L^ 



SBon ben ©i^tiftcn ÄicrfcgaarbS ift „3^1^ ©elbftprüfung bcr 
@cgcnu>art empfohlen" in ®eutfd)Ianb am bcfanntcftcn gcioorbcn. 
3u bcr relattDcn SSeßebt^eit, bcrcn jtc fid^ erfreut, tragen geroi^ 
Quc^ einige ^uj^erungen berfelben über Sibelftubium unb SBibet 
glauben bei. 2)a au§ i^nen tooijli tneift bie 2luffaffung üon 
RiertegoarbS ©teDung ju SBibel unb 3)ogma gefc^öpft wirb, fo 
mögen fie unfre Unterfuci^ung biefe§ ®egenftanbe§ einleiten, in ber 
mx junä^ft ben duneren S:t)atbeftanb feftftellen, b. i). bie roiditig- 



' 2)te Zitate bestehen flt^ auf fo(genbe Überfe^ungen unb ausgaben t)on 
64nften Iherfegaarbd: „tÜnxd^i unb Sinter n" üon 3o^. de süentio (1843), 
überfett öon SttitU, erlangen, 3)cici^ert 1882; „begriff ber Slngft" öon 
«ig. ^aufnienfls (1844) unb „«P^ilofop^ifd^e Stffen" öon 3o§. eiima- 
cus (1844), übetfe^t öon mir in „3ur ^ft)d^oIogte bcr ©ünbe, bcr JBefe^rung 
rnib betf ®IauBe^8^ Sei^Jjig, gfr. 9lid^ter, 1890; „ßcben unb SDßoIten bcr 
ßiebe* (1847), überfe^t )oon%. S)orner, Seipaig, &r. Ülid&ter 1890; „Äranf- 
^eil aum Sobe* (1849) unb „Einübung im a:^riftcntum'' (1850) Don 
tnMimatui, beibe überfe^t öon »ärtfiolb (^atte, 3. gfricfc, 1881 unb 1878). 
,3uT ©elbftprüfung bcr ©egenttJort empfol^Ien" (1851), iiberfc^t öon 
§Qnfen (3. «. «rlangen, 3)eici^ert, 1881). S)ie „ma6)]d)x\U (efterffrifl 
1846) gu ben p^ilofop^ild^en SBiffen" ift na^ ber sweiten bönifc^en Sluögalie 
citiert, ebenfo ber „Slugenblirf" (ßiebliffet, l^^Sö). 

Sntf^nft ffir Zfitolog^e unb Stirbt, 1. ^a^rg., :). ^^ft. 12a 



180 ©d^rempf, Iherfegaarbd ©teHung ^u SBibel unb 2)ogmo. 

ftcn 2lnfdE|auungcn unb Siu^crungcn ÄierfcgaarbS, bie für unfcr 
2:t)ema bircft in 33ctrad)t tommcn, jufammenftcöcn. 

©. 52 ff. ma^nt ^icrfcgaarb im 9lnfd^Iu^ an 3faf. 1, 22 ff.^ 
wenn man fid^ im ©picgct be§ 8Borte§ betrad^tcn moHe, möge 
man bod^ ja nid^t bcn ©piegcl bctraditen, fonbcm [id) fclbft im 
©picgcl. 3)a§ „93ctrad^tcn be§ ©piegefö" mirb natürlid^ l|aupt= 
fädEiIid^ DOtt ber objcftiocn bibttfd^en SBiffenfdiaft, oon bcr ®ins= 
Icitung^miffcnfd^aft unb geleierten ©yegefc geübt. ®iefe xoiil nun 
^ierfegaarb nid^t l^erabfe^en, mie er ©. 59 geftiffentlid^ l^emorl^ebt. 
®r mamt nur nad^brüdflid) nor ber Sdufd^ung, als ob man in bcr 
Stimmung ber . miffenfdiaftlidien Objeftioitöt baS SBort ®otte§ 
als @otte§ aOSort lefe. 3)enn: „lieft bu ba« SBort ©otteS ni^t 
fo, ba^ bu bebenlft, ba^ baS ©eringfte, maS bu oerftel^ft, bic^ 
augenbtidflidi oerpflid|te, bamad^ ju t|un, fo lieft bu nid^t ba§ 
SBort ®otte§" (©. 61). Ob Äierfegaarb eS aber aud^ fclbft 
oieUeid^t nid^t miß, fo l^at er bamit bod^ jebe objeftioe, miffen* 
fd^aftlid^e S3etrad()tung ber ^bel auSgefd^Ioffen. 9Ber barf fi^ 
unterfte^en, ba§ SBort ©otteg ni(^t atö ®otte8 SBort ju lefcn? 
9Ber bie »ibel überhaupt für @otte§ ©ort l^dlt, alfo ber S^rift, 
mic Sierfegaarb ilin in „Qwc ©elbftprüfung" oorauSfe^t, geioip 
nid)t. Stimmt man e§ mit obiger Siegel für bag fiefen ber 93ibel 
genau, fo mu§ man bei biefem ftreng ben ©eftd^tgpunft ber er* 
baulid^en 2lneignung feftlialten unb in jeber beutlid^en ©teile ein 
bireft an ben ßefer geriditeteg SBort @otte8 felfen. ®ie einjigc 
nod| juläffige SReflefion bei bem SibeHefen märe bann bie, in 
meldier SBeife bag oerftanbene SBort ®otteg in bie ^ajig ein- 
gefülirt werben fönne. ®ine Unterfud|ung be8 S33ert§ unb bcr 
©iltigfeit einjelner ©teilen ober ber ganjen SBibel märe unftattl^aft, 
ein 3^^ifßt ^n ber SBalirieeit irgenb einer 2lu§fage natürlid^ no^ 
oiel mel^r, unb fomit ber ©laube an bie SBibel in ftrengfter %otm 
birefte ©l^riftenpflidet. — ©. 106 ff. rebet Äierlegaarb ferner 
oon ber ^immelfal^rt ©l^rifti unb baoon, ba§ ©IiriftuS ber SGBeg 
fei, ben jeber feiner SladEifolger gelten muffe, gleid^ il^m mit ber 
Sliebrigfeit beginnenb, unb au§ if)r jur ^öl|e erft l^inanfteigenb, 
3um ©d)luffe (@. 126) mad^t er fid) ben @inmurf : „S)odt|, eS ift 
mal^r, man l)at ja an ber ^immelf atirt gejmeif elt. " S)a§ beunrul^igt 



@d^rempf, j^ierfegaarbg Stellung 311 ^ibel uttb 2)ogmQ. 181 

i^n aber nidE|t fc^r. „^a, locr ^at bcnn gcämcifclt? ob einer oon 
benen, bereit Seben bie SWerf male ber ,9lad|f olge' trug ? einer oon 
benen, bie atte§ oerlie^en, um ©l^rifto nat^jufolgen? . . . rocld^en 
bie Verfolgung ifir SJlerfmal aufprägte? 5Rein, oon il^nen niemanb. 
aber afö man bie 9lad)foIge abfd)affte unb baburdi bie Sßer* 
folgung jur Unmögli^feit mad^te . . . , ba famen bem SÖKl^iggang 
mib ber ©elbftgefäQigfeit alterlei Si^^if^t auf."^ . . . „diejenigen 
bogegen, beren Seben ba§ 3Kerfmal ber 9ladE|folge trug, bie ^aben 
nici^t an ber ^immelfat)rt gejmeifelt. (Srften§ weil i^r fieben }u 
angestrengt . . . mar, um mü^ig ba fi^en unb fic^ mit (Srünben 
unb 3w^ifcte • • • befd^äftigen ju fönnen." QxDtiUn^ meil bie 
tSglid^en Seiben unb ber SSSiberflanb ber 9Jlenfci^en „in bem ,'^a6:)' 
fotger' ba§ 93ebürfni§ l^eroorpre^te, ba§ bie bto§ menfd^Iidien 2:roft* 
grfinbe fprengt . . . , mie bie Himmelfahrt bie 9laturgefe^e fprengt 
ober mit i^nen ftreitet (ba§ ift ja bie ©inmenbung be§ Qxoti^tlS) ; 
ba§ 33ebürfni^, melc^eö auf eine anbre 2trt oon 2:roft l^inbrdngt, 
auf bie ^immelfafirt be§ ^errn unb SKeifter^, mel^e^ gtaubenb 
jur ©immelfatirt ]^inburd)bringt." kommen einem batier äw'^if^I 
an ber Himmelfahrt Sl^rifti, fo foK man ft^ fagen, ba§ l^abe 
barin feinen Orunb, ba§ man nod) nid^t ber rid^tige 9lad)folger 
fei; man foll fid) mit bem 3tt>^ifrf nid|t einlaffen, befonberS nid)t 
mit ©rünben gegen il^n ftreiten mollen, fonbern ilim, mie Sut^er 
fttgt, gebieten ben 9Wunb ju l^alten. ®enn man fann barauf 
rennen: menn man fx6) in H^^f^^t ^^^ 91ad)folge etmaS meiter 
^inauSmagt, fo „fommt bie ©eroi^lieit über bie Hi^w^^If^^rt fo- 
gletdj." — ^kx mirb alfo jmar nit^t ein gemad|te§ ^ürroal^rlialten 
ber Hii'twelfafirt jugemutet, aber bodEi bie§, ba§ man ttieoretifd^e 
S9eben!en gegen biefelbe a priori auf fittlid^e Urfad^en jurficffü^re 
unb i^nen beö^alb ba§ SlBort entjiel^e. Qn feinen Sonfequenjcn 
roirb bieg bod^ fel^r leidet baju führen, ba§ man fiel) jroingt. 



* äf|nli(^ f(!^on im „93egriff ber ^tnöft" ©. 144: ,3«"« «" JJrcibcnfer 
offen ©cJ^atfftnn botauf üevtoenbet 3u seigen, bag baS !Reue Sleftoment etft im 
jnjciten 3a^t^unbert flefd^rieben |ci, fo ift c3 ebtn bie Snnerlid^feit [baä 
lebenbige SBetoufetfein, burdj baä ^. S^eft. ct^ifdj ' üer^jfltc^^tet ju fein], bie er 
für<l^tet, unb barum mitt et bag !Reue 2:eftoment in eine ^lafte mit offen 
ünbem Süt^ern gefegt joiffen." 

12a* 



182 6d^rempf, ItierfegaorbS @teltung au SSibel unb ^ogma. 

äugfagctt her SBibcl, bic man etgcntlid^ nidit glaubt bod) eben 
ju glauben, ba§ man fid^ atfo jmingt, an bie SSibel ju glauben. ^ 
@ine analoge (SteQung jum 3)ogma ergiebt ftd| tnSbefonbere 
au§ Säuberungen beS 2lnttclimacu§ (ber in biefem fünfte unbe^ 
benfUd^ mit Äierfcgaarb ibentifijiert merben barf) in ber „Äranf= 
l)eit jum 2:obe". ®r fagt (©. 106), ba| bie Ort^oboyie ganj 
ridjtig bemerft l^abe, ba§ ganje ©i^riftentum fei ol^ne ^cit, n)enn 
bie ©ünbe negatio beftimmt merbe, olS ©dimad^J^eit, ©innlid^fcit^ 
@nblid^feit, Unn)iffent)eit u. bgl. „®e§^alb fd^arft bie Ort^oboyic 
ein, ba^ eine Offenbarung üon ®ott nötig ift, um ben gefallenen 
SWenf d^en ju leieren, mag ©ünbe ift, unb bafe bief e SÄitteilung geglaubt 
merben mu§, meil 'fte ein 2)ogma ift." Um bie 2luffaffung ber 
©ünbe gegen jebe aSerflüd^tigung burd^ bie ©pefulation ju fidjern^ 
fe^t baS Sl^riftentum atter 9ieflefion über bie ©ünbe ein Ski 
burd^ ba§ ^araboy, baS ®ogma ber ®rbfünbe, ba§ afe ^arobof 
nic^t begriffen, fonbem geglaubt fein miH (©. 101 f.). „Unb ba§ 
oerftel^t ftd^: ba§ ^araboj, ber ©taube unb boS ®ogma, bicfe 
brei SBeftimmungen bilben eine Slttianj unb Harmonie, meldte ba§ 
fidierfte »oHmerf gegen atte ^eibnifd^e SBeiS^eit ift" (©. 106). — 
SBie mit ber ©ünbe oerl^ält e§ fid^ mit (£t)riftu§. „S)ie fie^re be§ 
e^riftentumS ift bie Seigre von bem ®ottmenfd^en," meldje ben 
aÄenfrf)en ftet^ reijt, fid) an it)r ju argem, ba bie ®ottmenfd)^eit 
gegen ben oon bem ®f)riftentum ftreng feftgel^altenen abfoluten 

' @inc beftimmte 3)cutunö beffen, »aä er unter „^nfpiration" ocrftc^t, 
I)Qt Äierfegoarb uid^t gegeben. 1833 tabelt er in einem Srief (S^ocftgelaffene 
«Papiere [efterlobte ^op'mx] 1833—1843 @. 14) bie SBerffüd^rtgung be8 SBe- 
griffe ber Srabition unb ;^'nfpiration burd^ bie fpefulatiüe 2:]^eo(i)gie. ^er 
„SBegriff ber ^Ingft" loeift bie ße^re öon ber l&I. ©d^rift auS ber 2)og;mQtil ^inauß, 
unb jtpar in einem ©ebanfen^ufammen^ang, ber ein 2)ogmo üon ber ^nfpi« 
ration überhaupt auäaufd^Iieften jd^eint (©. 16). ^Dagegen ge^t bie »91q(5« 
fd^rift JU ben pl^ilofopl^ifd^en SBiffen" auf bie Sctrad^tungStoeife ein, toeld^c in 
ber 3nfpiration bie bogmatifd^e Garantie ber Söa^rl^eit unb ©ufTtsienj ber SBibel 
fte^t, teeift barauf ^in, bag bie S^nfpiration nur für ben ®Iauben üorl^anben 
fei, unb ertlärt eS für toiberflnnig, burd^ ben l^iftorifd^en 91ad^n)eig ber Slut^entie 
ber ©d^rift bie Sfnfpiration berfelben fluten gu tooffen (@. 16). ®od& toirb nac^ 
ber ganzen Anlage biefer ©d^rift l^ierburd^ nid^t entfd^iebeu, oh IHerlegaarb 
ein 5)ogma öon ber Qnfpiration ber ©d^rift annimmt ober ablel^nt unb toie 
er bicfe aufgefaßt iriffen tüitt. 



Sd^vempf, KtetfegaatbS @teQung au föiM unb 2)ogma. 183 

Cuaßtäßuntcrfd)ieb jroifdien @ott unb aRcttfd^ notrocnbig anftögt. 
äier c§ ift ©ünbc, fid( an bcv ©ottmcnfd^l^cit bcö^alb ju fto^en, 
über fte inbifferent feine SRetnung Iiaben jU motten, ober fie pofitio 
JU leugnen, inbem man ®]^riftu§ bofetifcf) nid^t ate einzelnen 
SHenfd^en ober rationaliftift^ nur als einjelnen $Wenfci^en auffaßt. 
3)ie pofiÜDe Seugnung beS ©ottmenfd^en ©firiftuS ift bie ©ünbe 
roiber ben I)eiagen ®eift (©. 142—151). — yiad) biefer Slu^ 
faffung ©^rifti, be§ 2trgemiffe§, ber ©ünbe roiber ben tieiligen 
@eiji, fd^eint bod| bei ber @ntjci^eibung über ba§ ^eil be§ 3Renfd|en 
iDefenÜid^ mit in 33etrad^t ju fommen, ob er t^eoretifd^e 95ebenfen 
gegen ben ©ebanfen ber metapl|rififrf)en ©ottl^eit eines einjelnen 
SKenfc^en anzugeben fx6) entjd^lie^en unb an bie ©ottmenfd^l^eit 
glauben fann. ffiag S)ogma oon ©^riftuS ift l^ier ©laubenSgegen^ 
ftonb, boS sacridcium intellectus ®laubenSpflid)t 

©a Äierfegaarb jubent einer Offenbarung unbeben!lirf) bie 
aufgäbe unb 93ebeutung juroeift, eine neue Seigre ju bringen 
(eft ^ap. 1844—1846 ©. 659 ff.), fo glaubt man ft^ bei i^m 
loirttit^ oft in bie inteüeftualiftifd)e 2luffaffung oon Offenbarung, 
53ibel, 2)ognta unb ©lauben jurüdf gefegt, meiere bie lutlierifd^e 
Ort^oboyie lennjeid)net. ®a§ er babei ba§ ©eligfeitSintereff e, baS 
JU bem ©lauben treibt, au^erorbentlid^ ftarf l^eroorl)ebt, tonnte 
nic^t beroeifen, ba§ er ben QntelteftualiSmuS unb bie @efe^lid)teit 
ber Ort^obopie prinjipieH übermunben l|ätte. ®enn bie Ort^obojie 
ja^ in ben Seiiren, meldte ber S^rift für n)al)r galten foHte, bod^ 
aurf) immer bie befeligenbe SlBatirtieit, beren Qnl^alt er fidti per^ 
fönlid^ jueignen mfiff e. Sro^bem rebet Äierfegaarb * oon ber Ortl)o= 



* 1835 eraäfiU ftierfcöQarb in einem JBrief (^ft. ^op. 1833—43, ©.'42), 
feit er felbft ju benfen begonnen l^abe, fei i^nt ber ungel^eute Aolog ber 
Ctt^obojie, in ber er fo^ufagen aufgemot^^fen fei, inö SBanfen gefommen. 
*3(!f) fonnte nun toofjil mit i^r in einjelnen fünften einig fein ... , onbrer« 
]t\H !onnte i<l^ mo^l aud^ bai 8d^iefe feigen, bad in mand^en $un!ten log, 
aber bie $au^tbofii$ mugte id^ einftmeilen in dubio [teilen laffen." S3on ba on 
finbet fid^ manü^t fd&arf finnige, Qud& bittere Säemerfung über bie „fteife" Ort^o« 
^ojw {f. 8- 39. »Segriff ber Slngft" ©. 144, too fie mit ber SJreibenferei im 
Gebiet bed „©dmonifd^en" untergebrot^t toirb), bogegen feine 3lnbeutung, ba6 
(i felbft für ort^obojr gelten mö<l^te. ^od^ f^ai er bad SBeiDugtfein, bog er 
ber jOrt^obo|ie nö^er Dermanbt fei aU ieber fritifd^en S^l^eotogie. 



184 6(i^Teinpf, jlterfegoarbd SteUung gu f&ibtl unb ^ugnta. 

bofie immer in einer SBeife, ba^ er fie für fid^ beuttic^ nid)t 
beanfprud)t Unb er tt^ut xt>6i)l baran; benn feine SBenoenbung 
ber 33ibel unb be§ 3)ogma§ fielet mit ben oben angejogcnen bibti* 
jiftif^ ober ortl^obof flinflenben 9tu§erungen oft in bem bentbar 
fd)roffften Äontraft; unb wenn er feinen Segriff be§ ®Iauben§ 
gefliffentlid) unb au^fül^rlid) entroidelt, fo leitet feine ©pur barauf 
l^in, ba§ ber ©taube junäc^ft afe fides implicita eine Offenbarung^* 
urfunbe unb bie au§ i^r gezogenen ßetiren für SBa^r^eit l^altcn 
mü^te, um fid) bann bie Sffiatirljeit innerlid^ anjueignen. 3)ie§ ift 
aber bie 5*^^"^/ i^ n)eld)er com Stanbpunft ber Ort^oboyie unb 
be§ 53ibti}i§mu§ au§ ba§ ©lauben^leben oerläuft^ eS ift bie roivt* 
lic^e 55örm be^ @Iauben§ unferer bibelgläubigen, im Katechismus 
unterrid)teten, ba§ „Äonfirmation§büd)Iein" befennenben ©emeinben. 
SGBer firf) fcf)on mit Sier!egaarb§ erbaulid)en Jl'i.bcn befc^äftigtc, 
^at geroi^ mit 93ern)unberung bemerft, mie auffatlenb gering bereu 
eigentlid^ bogmatifdier ©ebanfengetiatt ift, mie auffattenb feiten fid) 
ein mirflid)er ejegetifd)cr öemei^ für bie oorgetragenen ©ebanten 
finbet. Unb jmar ift biefe 93eobad)tung nid|t bto^ bei ben frül)ercn, 
im Sinne allgemeinerer SReligiofität „erbaulichen" Sieben ju maci)cn^ 
fonbem aucf) bei ben fpäteren „d|riftlid)en", meldie nur mit 
fpejififd) d^riftlic^en ftategorien operieren moUen — obgleid^ nac^ 
Äierfegaarb^ ifieorie bie „diriftlid^e" Siebe fid^ oon ber blo§ „er* 
baulicf)en" aud^ baburd) unterfd)eibet, ba§ bie Slutorität („SJignbig^eb" ) 
ber Sibel geltenb gemacl)t unb fo ba§ ©rbaulidje nic^t ate etmaS 
3lu2{gebad)te§ , fonbern ate etroaS 3lufgetragene§ , mit 2lutoritdt 
Sefot)leneö eingefütirt mirb. 6^ ift bieS ein fo l^eroorftec^enbcr 
3ug an feinen Sieben, ba§ man fie gerabe fold^en 2:f|eologen ju 
angelegentlicf)em (Stubium empfel)len fann, melcfie mit ber gefe^- 
licl)en 2lutorität oon 93ibel unb 2)ogma gebrodien l^aben unb boc^ 
nid)t blo^e 9Jloral, fonbem roirflid^e Sieligion unb pofxtioeg ß^riften* 
tum oerfünbigen moUen, Unb rotan Jlierfegaarb auf 93ibel unb 
2)ogma ate auf 3lutoritäten t)inn)eift, fo l^dngt l^äufig bie SBatjr- 
^eit feinet @ebanfen§ gar nicf)t an bem begrünbenben ©ibelmort^ 
ober ift feine SBermenbung nicl)t im urfprünglid)en (Sinne be§ 
93ibeln)ort§ unb 2)ogma§, ober ift aucf) beibeS jugteid^ ber 5^11.* 

^ ^ireft o6gett)iefen toirb ein bibltfd^er ©ebanfe üon grögeret 2:raQtDeile 
im „33e9riff ber Slngft", ©. 29 Untn.: „3)ic ße^rc, bofe %bam unb 6^rtfkuÄ 



8(^tempf, l^tettegaaTbi» Stellung gu ^6el unb 2)oginQ. 185 

So ift j. 93. in bcr oben befproc^encn SRebe über bie ^immelfal^rt 
S^rifti 3Ba!>rI|eU unb ^aft ber oon Äierfegaarb entroidelten er*= 
baulichen ©ebanfen burd^aug nid)t üon bev SQ3trHid)feit ber fid^t:^ 
baren SLuffalirt ©i^rifti abl^ängig, roeld^e tfieoretifd^e ©ebenfen 
erregt. SGBoS Äiertegaarb erbaulid^ oerroertet, ift nur bieö, ba§ 
S^riftuS burc^ feine ©miebrigung bi^ jum Kreuje^tob ju feiner 
^rrlic^feit aufftieg; nur bcS brauchte er fid^ alfo burd) bie 93ibel 
genKi^rleiften ju (äffen. SBenn er t)iefür feinen geoffenbarten, mit 
Süttoritat betleibeten SBeric^t bätte anfüfiren fönnen, fo l^ätte feine 
erbauliche Siebe gerobe in Sierfegaarb^ Sinne roieberuni feinen 
Eintrag erlitten. S)enn für feinen ©ebanfengang genügte nad^ 
feineil fonftigen 2tnf^auungen ber ^inroei^ auf bie S^batfac^e (bie 
fein SWenf^ leugnet), ba§ bie erften, roabren 9kcf)f olger ^ijx^tx 
geglaul;t i)db^n, ü)x SWeifter fei erl)öf)t unb b^be fid^ ibnen 
lebenbig enoiefen; ba§ fie bamit SRe^t batten, ba§ ©b^if*^^ wirf- 
lic^ erböt)t ift, ba§ fann gerabe nad^ Sierfegaarb nur berjenige 
mirflidi glauben (er loirb e§ aber aud) gen)iJ5 glauben), berfid) 
entfcblie^t, bem (Srniebrigten fid) anjufd)lieJ3en. 6§ ift alfo 
böd)ft uberflüffig, ba| ^erfegaarb bie Slutorität ber S^rift für 
bie SBirflid)feit ber fidjtbaren |)immelfabrt (ii)xi\t\ einftet)en lä^t; 
benn ber „9la^folger" braud)t für feinen ©lauben bie Slutorität 
ber ©cbrift nid)t, bem 9ti^t'„9lad)f olger" nü^t fie ni^t§. — So* 
bann ift Äierfegaarbö Syegefe oft äu$erft fünftli^ ober gerabeju 
falfd) (ogl. j. S. bie ©rttärung oon 9töm. 13, 10 unb i5ob. 21, 15 
in „Seben unb SBalten ber Siebe" I S. 130 ff. unb 210 ff.); 
unb e§ ift i^m, ber fid| über ba^ Söerbältni^ ju Slutoritäten fo 
forgfältig 9ied)enf^aft ablegte, faum anjumerfen, ba§ ibn bie 
Sfaitorität ber infpirierten 93ibel ju befonberer Sorgfalt in ber 
2)eutung berfelben bewogen l^ätte. — SBenn ferner ftierfegaarb ba§ 
geoffenbarte ®ogma oon ber ©rbfünbe fo ftreng aU ®lauben§= 
artifel aufftellt, fo ift e^ bod) anwerft fonberbar, ba§ er biefe§ 
3)ogma mit flarem Semu^tfein tritifiert unb umgebeutet unb babei 
gerabe bog auSgefd^ieben l^at, mag bem böfen SBerftanb am meiften 
§um ärgemiä ift. 2)enn er — genauer : fein ^f eubonr)m a3igiliu§ 

einanber entfprec^en, erflärt tebiglit^ nid^tS; fie dertt)trrt Dtelme^r [in ber 
Se^re t)on ber @ftnbe unb SSerfö^nung] aüe^," 



186 @$tem^f, ^ier!egaarb«S ©teQung au S^bel unb 2)ogma. 

^aufnicnfi^; boc^ l^ättc er btcfcm bie fraglici^cn &i^crungen 
nid)t in ben ÜJhinb legen fönnen, roenn et in ilinen einen eigent- 
lii^en SBerfto^ gegen bie Slutorität beS 3)ogntaS gefelien ^ätte — 
oerroirft eben bie Söererbung bcr ©ünbe unb ftatuiert bei jebcm 
SRenfc^en eine erfte ©ünbe, einen (Sprung in bie ©ünbe hinein. 
SBo bleibt ha bie fr)mbo(ifcf)e 93eftimntung : quod post lapsum 
Adae omnes homines secundum naturam propagati nascantur 
cum peccato . . .?* Unb n)ic vertragt fid^ mit ber Stutoritat 
beS 2)ogma^ Äier!egaarb§ Stellung jur Äinbertaufe? 9laci^ bem 
2)ogma ift bocl) bie S^aufe überall ba§ lavacrum regenerationis, 
oui^ wenn unmünbige Äinber getauft n)erben, unb man roeip 
ja, roeld^e ©rf)n)ierigfeiten biefe^ ^araboy ber 3)ogmatif bereitet 
^ier aber fielet Äier!egaarb !ein „^araboy", boä in ber SlHianj 
mit (Stauben unb S)ogma ein unfibem)inblid)e§ 99olln)erf gegen 
alle t)eibnifd^e SBei^^eit bilbete; nein, feinem lieibnif^en SBerftonb 
ift e^ platterbingg ein SBiberfinn, ba§ @eburt unb SBSiebergeburt 
jeitlid) jufammenfaHen füllten, unb fein ^d^riftli^eä Urteil lautet 
bal^in, ba| biefe SWeinung eine gefä^rlic|e „9laturalifation" bcs 
©tiriftentum^ enthalte („^Iiilof. 93iffen" ©. 260 f.; @ft. ?ßap. 
1833 — 43 ©. 451). — @ine ganj eigentfimlid^e Stellung nimmt 
Äierfegaarb in ber ®t)riftologie ein. ©gmptomatifd^, menn auc^ 
an fiel) oI)ne weitere 93ebeutung, ift Iiiefur feine SJermertung bcr 
®mpfängni§ com 1^1. ®eift. SSielleid^t fdjien il^m biefe ber einjig 
möglid)e Sffieg ber SÄenfc^merbung @otte8 ju fein, unb fo fönnte 
er it|r anä) eine ^eitegefd)id^tlic^e 93ebeutung jufd^reiben. 3)oc^ 
üermeilt er Jaum je auöfüt|rtid)er bei einer foldien. SDSa^ i^n be- 
f^äftigt unb n)a§ er prattifdi üenuertet, ift etioaS ganj anbereö: 
erften^ nämlic^, ba§ bie jungfrduli^e SJhitter ;3iefu burd) bie gött- 
lid)e ©nabe, bie fie ja ber öffentlidjen SSeraditung prei§= 

fft 

' Übet bie in f8ttxa6)t lommenben ^udfagen ber 6t)mboIe bemerft ä^ig. 
pci^ji unbefangen : „3n bicf en ^aben tuir nid^t fowo^t t^coretifd^e SeftimmunQen 
[toai fie bod^ fein tooHten] mit tDiffenfd^aftltd^et Sbauiedung gu fe^en, Dielme^r 
mad^t in i^nen ein et^ifd^ gerid^teted frommes ©efü^l feinet ^ntignation übet 
bie (itbfünbe Suft. ^nbern ed ^ietbei bie Sbtte bed ^nHägetd ftbetnimmt, 
ift eä mit foft toeiblid^et Seibenfd^aftlic^feit . . . einzig bemül^t, bie 6ünb« 
l^aftigfeit unb ftd^ in betfelben obfd^eulid^et unb immet abfd^eulicl^et ju mad^en* 
(»SBegtiff bet 3(ngft" ©. 22; f. übet^oupt @. 21-48). 



©d^tempf, Äicrfegoatbö ©tettung ju f&ihtl unb 3)oönia. 187 

gab, in bie größte Slngft unb 9lot ocrfc^t würbe, ba§ ftc olfo 
oon ©Ott jugicid) gefcgnct unb üerfludEit lourbc (^^urd^t unb 3ittc^ 
'S. 57 f.); unb jn)citen§, ba^ -3efu§ nad) ber Sluffaffung bcr SSSclt 
eigentli(^ für ein une{|elid)e§ ^nb gelten mu§te, ba§ alfo an ben 
jünger bie ^orrenbe ^^^iihins g^ftettt rourbe, einen in ben 3lugen 
ber 5Belt mit bem SÄafet une{|etid)er ©eburt befiafteten SWenfci^en 
al§ feinen @ott ju befennen (Sinübung im ®f)riftentum ©. 56). 
Öiblifd) ift nun biefe SBermertung ber übematürlid^en ®mpfängni^ 
g^rifti faum, unb ortfjoboj ift fie aud^ ni^t, aber ed)t fierfe* 
gaarbifd) ift fte. 2)enn fo bient SWaria jum 93en)ei§ für einen 
2iebling§fa^ Äierf egaarb§ : ba^ e^ menfd^lit^ betrad)tet ein gtud) 
fei, Sottet 2lu§ermäl^tter ju fein. Unb für ^ierfegaarbS ©firiftu^ 
papt e^ üoHfommen, ba§ man ifim aud^ unet)e(id)e ©eburt t)ätte 
oormerfen fönnen. 3)enn bei feinen SluSfagen über ®t|riftu§ 
ift Äierfegaarb^ ^auptabfel^en faft regelmäßig barauf gerietet, 
ben unenblid)en Äontraft nacf)jun)eifen, in bem SI)riftu§ mit allem 
menfd)Kd()matürIid)en Steinen über @ott ftel^t; baö ärgemis^, ba§ 
jeber an il|m nel^men muß, ber feinet eigenen ^erjen^ ©ebanfen 
über ©Ott unb ©öttlidies; nid)t fal^ren laffen fann; bie innere 9tot, 
bie cntfc^tidie Spannung, in ber ein SÄenfd) fid^ allein entfdiließen 
fann unb muß, in if)m feinen ©ott ju feigen. 3)aburd) roill er 
jugteidj oerftänblirf) mad)en, mie bie in ber 3^'* eintretenbe ©nt* 
fc^eibung für ©t|riftu§ eine ©ntfd^eibung für bie ©migfeit fein 
fann. ^n mie meit nun biefe 2luffaffung ©^rifti bem ]^iftorifrf)en 
S^riftuig geregt mirb, muß liier unerörtert bleiben; nur barauf 
}ci ^ingemiefen, baß biefer bod^ xt>oi)i nid)t mie ber ©^riftuö 
ftierfegaarbsJ fagte, er fei ©ort (©inübung im ©tiriftentum ©. 31). 
2)er ©f)riftu§ be§ 3)ogmaö tonnte ba§ molil gefagt tiaben. 2:ro^s 
bem ift tlar, baß biefer nicf)t ber ©l^riftug ^ierfegaarb§ ift, ob= 
gleich Äierfegaarb ben bogmatifd^en @ottmenfd)en in feinem Sinne 
benu^en fonnte. 3)enn menn aud| biefer je^ t oielen jum 2lnftoß mirb, 
fo wollte it)n bod^ ba^ 3)ogma ni^t mie ^iertegaarb al§ ©tein 
bc§ 9tnftoße§ unb 5^^ ^^^ älrgemiffe^ barfteUen; e^er läßt fid| 
baS ©egenteil behaupten, baß ber l^iftorifc^e ©l^riftusi ate menf^= 
geworbener Sogoö bem natürlidien 3)enfen oerftänblid^er unb an^^ 
ne^mbarer gemad)t werben follte. — 3)aß Äierfegaarb tro^ feiner 



188 8d^rempf, üierfegaarbs Stettung gu lBi6el unb ^ogma. 

SSermeubung orttiobojcr ^^tmctn nid|t bic rcügiöfe ©teßung ju 
®t)riftu§ l^attc, aii§ welcher ba§ d^riftologifi^e 2)ogma ^ctDorging, 
jcigt fiel) nod) an einem anbern fünfte. 3)a§ näntli^ (£I)riftu§ bic SJlög- 
lid)feit bev Söergebung ber ©ünben bur^ @ott befcf)afft ^abe, ift 
für Äierfegaarb fein wirf Ud| lebenbiger ©ebanfe^* auc^ ber ©ebonfc 
einer intiftifd^en ^Bereinigung mit ®f|riftu§ unb 2:eilna^me an 
feinem göttiid^en Seben ift il^m üollftänbig fremb; bie abfolute ©e^ 
beutung ®t)rifti beftel)t für if)n — menn idE| if)n re^t oerfte^e — 
barin, ba§ er in ber ©ntmicfiung ber aÄenfcI|{|eit unb jebeS ®in^ 
jelnen bie Ärifi^ ^erbeifüt)rt, in melier ber ©egenfa^ jmifc^cn 
3Jienf^ unb ®ott fid) entfdieibenb offenbart, unb ba§ er in ber 
Krifig bem 9Jlenfd|en bie ^anb reid|t unb ben, ber fie nimmt, in 
\i)t t)alt, um für it|n fobann ber „3Beg" ju merben, auf bem ber 
„3larf)folger" im Siatttp] gegen ©ünbe unb SÖelt jur @r^ö^ung 
gelangt, ^iebei I)at ^iertegaarb oon ^ai)x ju Qai)x entfd)iebcner 
betont, ba§ ®^riftu§ ber „SGBeg" fei. Unb babei t)at erS^riftu^, 
ben 2lnfänger unb 93ottenber be§ ©tauben^, immer nxel^r mirtlic^, 
b. i). menfcl)Ii(^ fämpfen laffen, in einer äöeife, ba§ menn nic^t 
er, fo bo(^ ber Sefer ben @ott S^riftu^ faft ganj oergeffen !ann. 
SiKerbing^ erinnert er bann bii^roeilen gefliffentlid) baran, (£f|riftus 
fei tro^bem ber ©ottmenfd) unb oon un§ qualitatio üerfd)ieben; 
t>a§ bemeift aber bod) mof)( oor altem bie§, ba§ er fid| in einer 
'öetraditungömeife ergebt, bei ber er ba§ 2)ogma auö bem ©efic^t 
oerliert. — ^at Älerfegaarb in ber Sl)riftologie bie bogmatifd)C 
Jormel benü^t, obtuol)l er, mie id) glaube, nid)t auf bem ©oben 
bes Sogma^ fteljt, fo f|at er umgefel)rt bie Formel ber „9ied)t= 
fertigung aus bem ©tauben altein" nid)t benü^t, obgleid^ er fic^ 
biefe Se^re religiös angeeignet liat. ^06) tann er aud) in i^r 
nid^t für ortf|obof gelten. 53ebeutfam ift fc^on, ba§ er nic^t oon 
^Rechtfertigung, fonbem oon 93ergebung rebet, moburd) bie iuriftifd^e 
gaffung be§ 3)ogmag in SOSegfalt fommt. 9Jiel wichtiger ift aber, 

* eg toar bicö o^nc 3»cifel ßicrfcgaarbd tluffaRunö; (f. 3. IB. @ii opB^g« 
ßclig 2alc 1850 ©. 16 ff.); aber fic l^atte für fein religiöfeS Seben unb 
SJenfcn feine entfc^eibenbe, fühlbare Söebeutung. 3Äan lefe nur cttoa „Seben 
unb äöalten ber Siebe", bie „Äxanf^cit gum Sobc" (bef. ©. 12 2—131), bie 
„einübunö im ©l^riftentuin*, unb man toirb mir SRe^t geben. 



Sd^rempf, Äierfegaarbd Stettung ju Sßibti unb 2)09inu. 189 

ittö i^m bic Übergebung her ©ünben nid)t ba§ religio je @ut ift 
(,,£cben unb ©eligfeit"), überhaupt mcf)t ein fetbftänbig in Se- 
tratet fommenbe^ @ut fonbern immer nur bie unoerbiente, gnäbige 
Tilgung ber SJergangentieit burd) ®ott, meiere bag @emüt oon 
bcm 3)rudE ber ©d)ulb erleid^tert, bic Söoran^fe^ung für ba§ 
religiöfe 2^btn unb SBirfen bitbet unb bie Stimmung in biefem 
reguliert. SSer aber, meil it)m bie ©linben ol^ne Sßcrbienft oer:= 
g^en finb, in bie „9lad^foIge" eintritt, bie ©c^madE} ^efu trägt 
unb feinen Äampf fämpft, ber f|at in ber ^migfeit pof.ititje 
®^re ju gemarten. S)iefe ift bie ©eligfeit, ba§ pofiäoe religiöfe 
@ut unb Qxd. Sie mirb nicf)t „nerbient" — ba§ märe ein ganj 
falfc^cr 9tu^brud — , aber ein „®nabengefrf)enf" ift fie au(^ nirf|t; 
jic mrb erfämpft. 2lu^ biefer 2{uffaffung ergiebt firf) eine 
religiöfe ©timmung, meld)e bie ©runbftimmung ber refomwtorifrf)en 
^ömmigfeit ganj rein in firf) entl)alten fann, aber biefer bod) 
einen neuen Jon I)injufügt, ber bei Äierfegaarb felbft je länger 
je mc^r t)orfd)Iägt. 3)enn nac^ it)m fommt ber ®t)rift im ^i^ieben 
be§ Dcrföt)nten @emiffen§ ni^t jur 9tul)e, fonbem mirb im 53eft^e 
bcö e^eben^ (ber aber ftet^ neu ermorben werben mu^) fampfes- 
luftig jum 3lngriff auf bie SBelt übergeben, in bem er fid) mirf^ 
Ud^e ®i)xt i)okn fann.* 

©0 jeigt alfo Kierfegaarb eine fo freie Stellung ju $iibel unb 
3)ogma, roie man fie nad^ htn berührten unb mand)en anbem bibel* 
unb bogmengläubigen Sinterungen nid)t oermuten f oUte. §ieju fommt 
ba^ SGBeitere, baj3 ^ierlegaarbö ftuf enmeif e fid) auf bauenbe ©rörterungen 
bc§ @lauben§afte^ immer eine SRidt^tung einfd)lagen, meiere nid)t 
erwarten tä§t, bajä geoffenbarte Seiiren ate ©tauben^gegenftanb 
auftreten, ^n „5urd)t unb ßittern" ift ber ©laube bie parabore 
ßunft ba^ ber ®eift ber ftd) feiner Unenbli^feit bemüht geworben, 

1 35tc SÖcrfd^icbung ber Teligibfcn ©timmung ift in allen fpäteten ©d^riften 
Kierfegaarbd ful^Ibor 3U bemetfen. ©an^ beutlid^ fielet man ben Übergang 
j. 38. in „jur ©elbjtprüfunö" ©. 45—49. §ier toirb bie ©eligfeit nod^ aU 
bireüe Sfol^fi^ ber äSergebung gef agt; aber ed mxh bann aliS eigentlic!^ „l^immel- 
^d^icnbe« Unred&t" bargeftettt, „bafe toir einer |o feiig toerben loie ber anbere", 
bei in ber JBergebung b(o6 beruhigte ß^rift, lueld^er in ben Äam|)f mit ber 
Sßelt ntd^t aftiö eintritt, fo fclig toie ber in ben fd^tocrften Ääin^fen erprobte 
SSa^T^eitdjeuge. 



190 ©d^tempf, Itierfegaatbd Stellung su SBibel unb ^ogmo. 

„fraft bc§ Slbfurbcu" in bcv it|m t)cterogenen @nblid^feit fid^ fic^er 
bcrocge, obgicid) er jcbcn Slugenblirf fid) beraubt ift, in il^r ein 5^emb* 
ling ju fein unb ju bleiben. 3)er „93egriff ber 2lngft" befiniett 
gelegentlich im 3lnfd|luffe an ^egel ben ©tauben afö bie „innere 
©eroi^l^eit, roeld^e bie UnenblidEifeit antijipiert." 3)ie „SEBieber- 
Iiolung" unb bie „fieibenSgcfd^id^te" in ben „©tobien auf bem 
ScbenSroeg" fdiilbem l^auptfädilid^ bie innere Spannung ber An* 
feditung, in n)etd)er ber SWenfc^ oor bie SGBa^l gefteHt n)irb, gläubig 
fic^ in ©otteg ^anb ju übergeben unb oon @ott fein Seben 
jurlidjuempfangen ober oerloren ju gelten. 3)a§ babei an ben 
2tngefod|tenen bie O'rage l^erantrete, ob er eine bogmatif^e £e^re 
für xoQi)x f)aitt, ift nirgenb^ angebeutet, ^m ©egenteil wirb gc- 
fliffentlic^ ^eroorgeliobcn — ^erfegaarb nimmt bie§ afö Serbienft 
für fi^ in Slnfprud^ — , bie SEBal^l fei nic^t bie: jmeifeln ober 
glauben, fonbem biefe: glauben ober oei^roeifeln. ®iefer ®egen= 
fa^ ift au^ in ber „^anfl^eit jum S:obe" fd^arf f eftge^alten ; nur 
ba§ ijkx bie Söerjmeiflung burc^auö alö @r)mptom unb ejolge 
eineg falf cf)en Sßerl^ältniff e^ jU ©ott gefaxt wirb, fo ba§ bem ©tauben 
atö genau entfpredjenber ©egcnfa^ bie ©ünbe gegenübergeftellt wirb, 
©rft jum ©d^luffe nimmt biefe ©dirift eine bogmatifcl)e SBenbung. 
^06) tritt aud^ Ifier nod^ tieroor, ba§ ftiertegaarb in bem ©tauben an 
(J^riftuS nicl)t fomo^l eine SReinung über ®l)riftu§, al^ oielme^r 
ein aSerliältni^ ju il|m felien mitl. ©benfo ift in ben „95iffen" 
unb ber „©inübung" tro^ anberöartigen Slnf längen ber ©taube 
bod^ entfd^ieben ein perfönlid^e§ Sßerl^ältni^ ju Sfiriftu^ afe ^erfon. 
803ie Äierfegaarb überl^aupt tein „au§ge!lügelt 93uc^" mar, 
fonbem „ein 3Äenfd) mit feinem SBiberfpru^", fo ift auci^ feine 
Stellung ju 93ibel unb 3)ogma mit ftarJen SBiberfprüd^en bcljaftet 
ftiertegaarb felbft ift auf biefelben nic^t aufmerffam gemorben; 
roenn er fie je gefül^tt ^at, fo ift er bo^ nie baju gefommen, 
felbftänbig ju unterfu^en unb präji§ ju befinieren, ob unb mie 
weit er fid) burrf) bie biblifd^e unb bogmatif(^e 2:rabition in ber 
SÖeife gebunben füllte, ba§ er H)x gel)orfam fid^ unterwerfe, aud^ mo 
er eigentlid) abroeid)euber SWcinung märe, b. t). ob unb roie mcit 
itim bie biblifd)e unb bogmatif^e Srabition 2lutorität fei. 
©benfo menig t)at er genau unterfuc^t unb feftgeftellt, mie er bie 



8 d^ rem Pf, Iherlegaarbii SteEung ^u SBibel unb 2)ogma. 191 

Srobition unb ben S^rabition^glauben ber®emetnbe bem 
©cftrcbcn bienftbar mad^en fönnc unb müffc, ©l^riftuS roirflid^e 
Qfftnger ober 9la^folgcr ju geroinnen, ^at aber Äiertegaarb felbft 
bicfem wichtigen ^^nft nid^t bie nötige Slufmerffamfeit gefd^enft, 
fo barf er boc^ oon bem nidE|t überfelien werben, ber feinerfeitö 
Äierfegaarb benutzen roitt, um fii^ über bog ®^riftentum, ben 
gegenwärtigen ßuftanb ber ©tiriftenl^eit unb bie Qklt einer roirflid) 
c^fUic^en 933irffamfeit §u orientieren. 3)enn Sierfegaarb felbft 
tcam m6)t oerftanben werben, wenn nid^t biefer ^unft in feiner 
3:^eorie unb ^rapiS flar gelegt wirb. Unb ba eine genauere 
Unterfut^ung feiner Stellung ju SSibel unb 3)ogma für bie Stuf* 
faffimg b€§ f^roierigen 93egriff§ ber 2lutorität einen ©eroinn ab^ 
gmoerfen oerfpridtit, fo lä^t fie fid^ aud) foldien oorlegen, bie jtcf) 
für Äierfegarb felbft nid^t weiter intereffteren. 

:3m fotgenben fuc^e id| nun erften§ jU erweifen, ba§ Äierfe* 
gaarb§ originale^ 2luffaffung ber religiöfen ^fiftenj il^n in fein 
Slutorität§oert)ältni§ ju Sibel unb S)ogma ober ju irgenb einer 
Slrt oon Offenbarung einer Setire bringen fonnte. 3^^iten5 
i>erfud)e i^ ju jeigen, ba§ ÄierfegaarbS ^iftorifd^e Stellung unb 
bie SÄiffion, bie er fid^ übertragen glaubte, il^m nat)e legte, bie 
fc^Iec^t^inige autoritatioe ©iltigfeit geoffenbarter Seigren unb ©e* 
böte ju bel)aupten unb ju oerwenben. ®ritten§ werbe id^ ben 
9ted^wciS oerfud^en, ba§ e^ tro^bem in ber Äonfequenj oon Äierfe= 
gaarb§ 2:t|eorie unb ^^rapS liegt, jebe gefe^lid)e ^[utorität für 
ben ®^riften unb ben, ber e§ werben foU, fallen ju laffen, ba§ 
2)enfen oöllig frei ju geben unb blo§ ®^riftu§ ju oerfünbigen unb ju 
pertreten, je nad) bem Sluftrag unb ber @abe, bie jeber oon @ott l)at. 

IL 

©ei Übergang^gcftalten, wie Äiertegaarb eine ift, Joftct ee 
immer befonbere 3Äül)e feftjuftellen, worin il^r wal)re§ gciftigc^ 
3Befen, if|r geiftigcr ©d)werpuntt tag, ob in bem, worin fie bie 
3Jerwanbtfc^aft mit bem 2llten anerfannten unb oietleic^t energifcl) 

^ Crtgtnal nenne id^ biefelbe nid^t wegen ber etnjaigen ieitUd^en 
Priorität in ber ^luffteüiing ber fraglid^cn ©cbonfen, fonbcrn nur infofern, 
ald Äierfegoarb fie (f oöiel ein onbrer beurteilen f Qun) in eigenen ©riebniff en 



192 ©d^rempf, Äicrfegaarbs^ ©tcttung ju fBxhtl unb 3)o9ina. 

betonten, ob in bem, worin fie beraubt ju bem 2Uten in ©egcn- 
f a^ traten unb felbft ben gortf d^ritt fallen, ben fie mad^en roollten, 
ober ob oieöeid)t in etroa^ fd^einbar ganj 3»^bifferentcm, in bcm 
roenigftenS fie ben entfd)eibenben ©egenfa^ jum 2llten ntd|t fallen. 
3u einer fi^em SÄuffaffung fold^er ©eftalten roirb man l^aupt- 
fädf)ttd| be^Iialb nid^t leidet !ommen, weil il^rem S^^S^i^ ^^^ 
fid) felbft bur^auig nid^t immer entfd^eibenbe 93ebeutung beigelegt 
werben barf. ®ieg ift eine $auptfd)mierigfeit bei ber ®eutung 
£utl)er§, unb aud) eine gro^e ©^mierigteit für bie Sluffaffung 
ÄierfegaarbS. SlBenn id^ im folgenben burd^ freie Kombination, 
j. 3:. aud^ burd^ ©rgänjung ober Umbeutung oon ©ebanten Äierte- 
gaarbS einen breiig oon ^been jufammenjuftetten oerfuc^e, in bem 
id) ba§ originale 3)enfen be^felben felie, fo bin id^ mir mo^t be= 
tt)u§t, baj3 id^ oon Äennem Sier!egaarb§ entfc^iebenen SSäiberfprud) 
erwarten mujj, unb bajj mir fold^e mef)r birefte Sinterungen bcfiJ== 
felben entgegenf)alten tonnen, ate id) ju meiner SBerteibigung bei^ 
bringen !ann. SBarum id^ trot^bem meine 3Iuffaffung für ri^tig 
t)alte, merbe id^ an feinem Ort ju erfiären fud^en. — 

SReligiö§ leben ^ei^t mit @ott leben, unb jmar nic^t mir 
oiM enblid^e§ ©ubjeft mit @ott, bem Slbfoluten, in einer SBirN 
Iid)feit juf ammenleben , fonbern aud| mit il|m jufammen mirtcn, 
jufammen mit i^m eine SBirflid^feit bilben. SluS biefer ganj 
allgemeinen unb unbeftimmten ©efc^reibung laffen ftc^ bebeutfame 
formale Slnforberungen an ba§ religiöfe fieben ableiten, menn man 
nur bebenft, mag „leben" nnb ma§ nid^t mel^r „leben" l^ei^en 
fann, unb unter meldten 93ebingungen überliaupt ein 3wfammen* 
leben be§ enblid^en ©eifteS mit bem unenblidien ®ott möglid^ ift. 

SEBer religiös lebt, mu§ oor allem mit ®ott leben, ein 
n)ir!lidf)e§ emfteS, intereffierte^ Seben füliren, meld^e^ alle Munitionen 
beö menfd)lid^en @eifte§ in Slnfprud^ nimmt, ba^ S)enfen, ba§ 
5üt|len unb SBoHen. Kontemplation @otte§ ift fein religiöfe^ 
Scben; ebenf omenig ein bloßer ©efütifeumgang mit ®ott; benn 

unb entfdöeibungen probuaicrte, totldit il^n fo tief bctoegtcn, bafe bie unbe* 
tuugte ^Ib^öngigfett ton bet ©efd^id^te gebrod^en toutbe unb fiel ober burcg 
eine i^rex älerantioortung fi^ betougte Übernahme btü iSthtü ber 
©efc^id^te erfe^t luurbe. 



B^xtmpU IHerfegaarbd ©tedung ju ^il^el unb 2)ogmQ. 103 

bei beibem fomntt xDcbcr ®ott nod| bct SRcnfd^ afö Sfläirf lid^feit in 
53etrac^t. ®benfo roenig fann ein ©eipol^nlicitölcben, ob man nun 
hmti) fx6) felbft ober burd) anbre in ba^felbe I)ineingefommen fei, 
ein religiöfe^ Seben Iiei^en, unb ob e§ fic^ immer in reügiöfen 
formen bemegte; benn eg ift fein Seben, ber SWenfd) f)at in il|m 
üeinen @mft unb ift fein Selbft. 

gemer ift flar, bajj ba§ fieben mit @ott, mo überhaupt ein 
foI^eS roirflid) oorlianben ift, ba^ ganje Scben be§ SWenfd^en 
auSmad^t. 3Jlan (ann nid^t partieQ mit @ott leben, pattkü of)m 
@ott SBer ein fo geteilte^ Seben führen mottte, l)at nod| nid|t 
entbetft, ba§ @ott einer unb ba§ Slbfotute ift; er ^at feinen 
@ott, fonbem einen ©ö^en. SQBcr ju ®ott in einem Sßer- 
^altniS ftcl)en miß, mu§ ficl| fclbft afe mirflic^e ©inl^eit auffaffen 
unb ate ©in^eit ju ®ott in 93cjiel)ung ftefien; unb umgefcl)rt: 
nur in bem 93erl|ältni8 jU ©ott mirb ber SUienfc^ mirfttd^ ein* 
l^ttli^e ^erfon, wie in if)m fein Zthtn aud| allein maliren @mft, 
fattc SBirfli^feit erl)äft unb oor jeber a3erflüd)tigung bema^rt bleibt. 

Qm ftrengen ©inn religiöfe^ Seben ift eö nod) nid^t, wenn 
bie ^bce ®otte§ für ben 3Äenfd^cn bie regulative ^bee für bie Sluf := 
faff ung feinet paf fioen unb aftioen SebenS, feinet ©dt)irff afe unb feiner 
Aufgabe ift. 3)ann lebt er etma o o r ®ott , nic^t m i t ®ott. 3)a§ ^öd^fte, 
maä er ^iebei erreid^t unb vdcS allerbingS fd^on feinen SCBert liaben 
fonn, ift bie§, ba| ein mefentlid) nid^t religiöfeg, b. l). mi)t burd) ba^ 
SSer^oJtnig ju ®ott probuciertc^ Seben religiös oerflart mirb, ober 
ba^ ein von bem ;3nbioibuum unabhängig oon ®ott probucierte^ 
Seben burc^ bie 93ejiel)ung auf ®ott eine religiöfe ^orm erhält. 
©in Seben mit ®ott, in bem roirflid^ ®ott ju feinem 9ied)t fommt 
unb bie i^m gebül^renbe Stellung einnimmt, ift aber nur fo gu 
beirfen, ba| nid^t nur ba§ ®otte§ bemüht fein bemfelben bie 
5orm, fonbem @ott i^m burd) bie bemujjte 2:^at bei^ 
3Jlenf(^en aud^ ben <3nl)alt gebe. 

3)a^ mirflid) religiöfe Seben beftel)t alfo barin, 
bog ber SWenfd) fid^ jum bemühten, freien SBerfjeug 
(Sottet l^ergiebt, mit ber il)m oon ®ott gegebenen 
Äraft bie i^m oon @ott gemiefene Slufgabe oollbringt 
nnb bici^in ben eint)eitlid^en ©inn feinet Seben§, feine 



194 B^xtmp^, Aierlegoarbd Stellung gu IBtbel unb ^ognta. 

ficbcnSaufgabe unb fein ßcbcnSglürf finbet Slatürltc^ 
fann bie reügiöfe SÄufgabc bcm SJlcnfd^cn nid^t burc^ fein @ottc§^ 
benjuptfein, fein SEBiffen Don @ott, feine @rfenntni§ beffen, roaS 
oor ®ott red)t ift geftellt fein; benn fo wäre eS immer no^ bcr 
SWenfdi, ber fid) bie fonfrete Slufgabe ftellte, unb ®ott fiele nur 
bie Siotte ju, JRepräfentant be§ ®efe^e§ in einer mo^Igeorbnetcn 
Sftepublif gu fein. S)ie Slufgabe mu| bem aÄenfd^en oielme^r 
Don ©Ott felbft gegeben fein; fte ift bie fpejielle SÄiffion, momit 
®ott ben ®in} einen betraut, ju beren 2lu§fül|rung biefer feine 
fpejiette 3lu§rüftung unb fortlaufenbe Unterftü^ung, foroic 
bie SSolImad^t erl)ält, entfpred)enb gegen bie SWenfd^en auf- 
jutreten. 2)ie SWiffion be§ SJlenfc^en ift naturlid) immer eine 
geheime, menn fie aud^ in einem öffentlid^en 2luf treten ju erfüCen 
ift; benn ba| ein aJlenfd) ju feiner 9)liffion berufen ift, ba§ ift 
fein @ef)eimni§ mit ®ott. ^ür anbre SUienfdien ift jebe göttlid^e 
SWiffion junäd^ft nur eine oorgeblic^e ; mer eine fold^e üorgicbt, 
fann I)iefür nie bireft ®Iauben beanfprud^en, obmo^I er boc^ folgen 
oerlangen mu§. 2lu8 bem S3i§^erigen folgt jugleic^ oon felbft, 
baj3 ein allgemeines unb fidt)ereS Söiffen barüber, ob eiS je in 
aSirflid^feit einmal eine fold^e abfolut religiöfe ©fiftenj gegeben 
^at, nidt)t möglidt) ift. 3Ba8 ate allgemeine^ SBiffen feftgeftettt 
merben fann, ift nur bie§, baj3 fdt)on SUienfd^en bcl)auptet l^oben, 
in bem befc^riebenen SSer^dltniS ju ®ott ju ftel^en. ©onft Ia|t 
ftd^ nur noc^ einfel)en, baj3 biefe 2lrt ber ©yiftenj bie benfbar 
^öd^fte ©fiftenjmeife für ben 9Jlenfd^en märe — menn fte je oortäme. 
®cfe^t nun, fie fei eine reale ajlöglidifeit, bie prattif^ in 
93etrad)t fäme: mie fönnte ein SWenfd^ in biefe ©yiftenjmcife 
t)ineinfommen? Siatürlic^ baburd) aCein, ba^ ®ott i^n beruft unb 
ber SJlenfd) bem Stuf bann Jolge leiftct. Unb fo fann natürlid) 
jeber 2Jlenfc^ im ftrengen (Sinn religiöfe "ißerfon werben.' 3)a^ 
©Ott einen 9Jlenfdf|en ju einer 3Jiiffion ermä^lte, fann ja ni^t 
burc^ eine 2)ifferenj in ber natürlichen SluSftattung be8 SRenf^en, 
burd) befonbere geiftige ^Begabung u. bgl. bebingt fein, ba ®ott irf>en 
SÄangel in biefer Sejie^ung jeberjeit ergänjen fann, mie er ja jebem 
bie 9itaturgaben auc^ jeben Slugenblidt entjietien fann. 3)ie (£nt* 
fd)eibung liegt alfo in erfter Onftanj in bem freien SBillen ®otteS, 



Bü^xtmpU IherfegaatbS Steaung 3U 93t6el unb S)ogma. 195 

in smetter in her SBercitnriffigfcit bc8 aRenfd^en. 2)ie fd^roicrige 
$tage, vodd^ bie tieffte Dual, beren ein aWenf^ fällig ift in ftd^ 
birgt, ift nun aber bie: roic wirb bet aÄenfd^ beffen gemi^, ba§ 
er mm @ott berufen fei unb n)oju il^n @ott berufen t)abe? xoxt 
nerflonbigt ®ott ben 3Renfd^ oon feinem 93eruf? unter n)eld|en 
Umftanben, iBebingungen ober SSorfid^tömagregeln rovth ®oü 
einen SWenfc^en in biefeS intime SBerl^oItnig ju il^m jielien unb 
üftn eine fp^ieHe SWiffton anpertrauen? Über biefe gragen lann 
man ft^ f^on @eban!en machen, ja man lann fogar eine älnt^ 
n)ort barauf magen, obfc^on natfirlid^ im eii^elnen %oSi, xoa& 
}iDifc^ ®ott unb bem 3)tenf^en t)orgel|t, baS ©el^eimniS beS 
äRenfc^ ift, bcS er niemanb mirtlic^ nerftonblid^ mad^en tonnte, 
wenn er anä) n>oDte. 

3iui&<i^ft ift flar, ba| bai iBemu^tfein bet Berufung ni^t 

magif^ in ben 9Renf^en l^ineingejaubert merben fann; fonft m&re 

bie S3erufung gar fein geiftiger Vorgang, ber 93erufene fxä) felbft 

nic^t burc^fid^tig unb barum auc^ feine mirflid^e (Skmipeit ber 

33erufung möglid^, roeld^e ber nad^bringenben jmeifelnben eigenen 

Steflejrion unb bem Unglauben anbrer @tanb galten fönnte. Ober 

e§ mfi^te bie ©emij^i^eit be8 berufenen bie einer ftjen -3bee fein, 

umiS @otte§ unb beS SKenfc^en unmürbig märe. 3)ie Berufung mu^ 

in ber l^eDen ^eleud^tung be§ flaren 9emu^tfein§ gefd^et)en uiü) 

pf^d^ologif^ nermittelt fein. 2)e^l^al6 mu| man aber t)orau§fe^en, 

baj8 ber ju ©erufenbe ein allgemeines religiöfeS 95erl)ältni§ ju 

(Sott f(§on i)at. ^n ber Siegel mirb bieS bie $orm t)aben, ba| 

et an bem religiöfen Seben einer reügiöfen ©emeinfc^aft teilnimmt, 

n)elc^ er burd) ^erfunft unb (grjie^ung angel^ört. ^n biefer 

ift für ba^ Sfnbioibuum faftifd^ bie ©emeinfd^aft „®ott", namlid^ 

bie le^te entfd^eibenbe, beftimmenbe älutoritöt. 3)a fie aber fid^ 

nneber auf (Sott beruft, beffen Q^nftitution fie fein miß, fo bringt 

fie boS 3fJö)ioibuttm boc^ aud| in ein SSerl^ältniS jU ®ott Unb 

wenn biefe« aud^ nid)t bireft für ben (Singelnen fittlid^ praftifd^ 

wirb, fo bereitet e8 biefen boc^ barauf oor, baj5 er an @ott benfe, 

wenn biefer il^n in ein birefteS 9Serl|ältni3 jU fid^ jiet)en mill. 

3)ie8 mirb nun baburc^ gefd^el^en, ba^ ®ott baS 3ftti>it)ibuum 
in ber dkmeinfd^aft ifoliert, e§ befonberS nimmt, ^ieju fönnen 

3fit1<^rift für %fttoio%it unb Äirt^e, 1. Sa^tg.. 3. f>efl. 13 



196 @4reinpf, ftiertegaarbS Stellung )u fßiUl unb S^ogma. 

notttrlid^ bie t)erfc^iebettften SWittel bienen, je nac^ bcr Sufgabe^ 
fttr n)eld|c bcS ^nbioibuum oorbereitet werben foll. ^nSbef onbcre 
ift ber fjaß in 93ettad)t ju gießen, baj5 ber aÄenfdi in eine 
Situation gebrad^t roirb, in weld^er er fic^ mit feiner fittlid^en 
@emeinfd|aft nid^t mel^r fittlic^ oerftdnbigen fann, fo baj5 er oon 
biefer fd^ief beurteilt unb ungered^t ober bod^ nur mit liatbent 
Siedet fittlid^ verurteilt werben mu|. ^ierburd^ fann er genötigt 
werben, fi^ auf ben ®ott, ben i^ bie ©emeinf^oft cäS i^re 
älutorit&t mieS, gegen bie @emeinf^ft }U ft&^en, an i^m einen 
^olt }u fudien, wenn er oon biefer ftd| trennen mu§ ober auS* 
gefto^en wirb. 2)od^ eignet er fi^ l^iemit erft bie ^h^t ®otteS 
inbioibuell ju, tritt aber nod| nid|t in ein mirflid)e8 fpejieHeS SJer* 
l^ältnig JU ®ott ein. Qn biefe^ fann er überliaupt ni(§t oon fic^ 
au§ eintreten, fonbem er mu^ oon ®ott in ein fold^ auf^ 
genommen werben. 

®^e bieg aber gefc^el^en fann, wirb ®ott fein SBerfjeug ju* 
erft nod^ atö ^erfönlid^teit jermalmen. @r ftürjt eS in Ser* 
jweiflung unb in bie 2:iefe beS @d^uIbbewu^tfeinS, bod ni^t not« 
wenbig auf äußerer grober 93erfd|ulbung berul^en mu|. S)a| ba§ 
^fnbioibuum juerft oon ®ott gebro^n werbe, ift beSl^b not« 
wenbig, weit eS f onft nie ein abf oUit wittigeg SBerf jeug in @otteg 
^anb werben unb nie jxd) bamit begnügen würbe, nur ein SGBerf * 
jeug ®otte8 fein ju woHen. ®8 mu| bie ©d^redfen fennen ge* 
lernt l^aben, in weld^e ®ott ftflrjen fann, bomit e8 fpäter jebem 
©diredfnig, ba§ il^m brol^t, mutig entgegengcl^en fann; unb eS 
mu§ jum wirflic^en ©ünber geworben fein, bamit e8 ftd^ nid^t 
gegen ®ott ober gegen bie 9Jlenfd)en fiberl^ebe. 

91uf ©eiten beS aWenfdien ift inbeffen ber normale, nic^t nur 
ber gewöl^nlid^e ®ang ber ®ntwidKung ber, ba| er ftd) gegen 
hoS fpeiieQe SSerl^oItniS ju ®ott, in ba§ er l^ineingejogen wirb, 
fo lange ftrdubt, al§ er überl)aupt fann, fo lange, bi8 er oon 
®ott überwältigt wirb unb oor ber Ältematioe ftelit, entweber 
fic^ bireft gegen ®ott ju empören, ober ftd| unbd)ingt @ott ju 
überlaffen. 3)iefe§ ©träuben ift eubdmoniftifdi unb etliifc^ glei^ 
bered^tigt. 3)enn wenn fid) ber 9Äenfc^ aud^ meift ju fein^^r 
©etbftbel^auptung ju @ott flüchtet unb i^n für fxc^ prioatim in* 



^a^xtmpf, l^ierfegoarbiS Stellung ^u SSibel unb 2)ogma. 197 

tereffrcen iDtQ, fo betommt er bod^ balb genug ju fül^Ien, bajs ein 
fpegieOe^ 93et^ättni§ ju @ott il^m !eine be^agUd^e (Spftenj bereitet 
fotü>em fid^ )U einer fieiben2Sgefd)id)te geftaltet (obgleich ®oü il^n 
Sug(eid) befetigt) unb i^m leidet für biefe 9BeIt au^ertid^ gefeiten 
bell Untergang bereiten n)irb. @obann mu^ i^m balb au(§ bcä 
fkcr loerben, ba| hcS @otteSperI)ältni§, in bag er hineingezogen 
iDirb^ etl^ifd^ oujjerft gefäl^rlid^ ift. 3)enn je emftl^after ber @e* 
bonte für il|n in SBetrad^t fommt, ba§ @ott mit il^m feine be* 
fonbem @eban!en l^abe^ ba| @ott il^n afö SBerl^eug benu^en n)oQe 
(bie religidfe ©emeinfd^aft rebet ja aud^ t)on SBerfjeugen @otteS, 
10 ba^ biefer ©ebante il^m n)o^l fommen lann): befto n)eniger 
fonn er burc^ SRitteilung feiner ©ebanfen an anbre bie ^I^Iung 
mit ber ftttli^^religiöfen ©emeinfdiaft bel^alten unb ftd^ felbft 
boburd^ et]^if(§ fontroUieren ; befto einfamer ift er mit feinen un^^ 
ruhigen ©ebanfen; befto größer mirb bie ©efal^r, ba§ er allen 
^alt oerliere unb pd^ felbft mit @ott oermed^Sle. 

@o fträubt fic^ ba§ ^bioibuum alfo gegen bie «^foUerung 
Don ber ftttlid^en @emeinfc^aft, obglei^ e8 jur ©elbftbe^auptung 
gegen biefelbe ju @ott flüd^tet. (Sä fud)t um jeben erlaubten ^veiS 
grü^Iung mit ü^r ju begatten unb fi^ in ben 3)ienft i{)rer 3"- 
tereffen p fteßen. @§ oertritt bie SÄnforberungen unb baS Urteil 
ber ©emeinf^aft gegen fic^ felbft; e§ ift jeberjeit bereit, fic^ bem 
Urteil berfelben ju untermerfen — natürli^ aber bo^ nur bann, 
loetm e§ biefe Untermerfung nid^t blo^ ctu^erlic^ jum @d^ein, 
fonbem innerli^ in äßal^rl^eit ooQjielien lann, fo bajs eS glauben 
tann, e^ ^abe baburc^ bie etl^ifd^ normale Stellung )u ftd^, ju 
ber ©emeinfd^aft, $u @ott wieber eingenommen. — 9lud^ gegen 
bie 2)emAtigung oor @ott im abfoluten ®d)ulbben)u|tfein fträubt 
fvi) baS oufri^tige Q^nbioibuum, fo lange tä taxm, unb mit SRec^t. 
3)enn e2 ift meber @otteS noi^ beS 3Kenfc^ würbig, bo^ biefer 
in eilfertiger 3^^i^d)ung ben ^rieben mit ®ott auf Soften ber 
SBo^r^ftigfeit feftjul^alten ober mieberl^er^uftellen fud^e. (Sin 
ioId)e$ 53ene]^men fann einem 2:prannen gegenüber angebracht fein, 
nic^t einem fittlid^en ®ott. 

Ei hypothesi wirb nun bcS ^nbioibuum üon ®ott roirfUd) 
innerlich übermunben, gebrod)en, mätirenb eS fid) mit ber fittlic^en 

13* 



198 Sd^tempf, iherfegaarbS ©tellung au f&xM unb 2)o8ma. 

@emeinf^ft nid^t tDtrflid^ oerft&nbtgen, b. l). ftd^ i^r nid^t teuig 
Weber unterwerfen, i^r Urteil anerfennen unb t^r btenen famu 
98on il^r bleibt e^ alfo innerlid^ getrennt. Unb nun ift eä borouf 
angenjiefen, ba§ e8 in feinem (Segenfa^ ju ber ©emeinfc^aft burc^ 
fein SBerl^ättniS ju ®ott (Sinn unb ©el^aft in feine (Syiftenj bringe, 
haS h\Sf)tx ©riebte unb roaä il^m noc^ weiter begegnen wirb, religiös 
Derftel^en lerne unb feine göttti^e 2lufgabe fennen lerne, wenn i^m 
©Ott eine foldie jugebadit l)at, ober als feine Slufgabe t)erftel^en 
lerne, ba| eS fd^inbar untl^ätig nur fein SSerl^oltniS ju ®ott rein 
erhalte. 2)ie ©efal^r bei bem aCem ift wie fd^n bewerft bief e, 
ba| eS in feiner @infamleit ftd^, feine§ ^t^en^ ®ebanlen unb 
äBünfc^e mit @ott, ©otteS @eban!en unb ©otteS SBiOen oerwed^Ie. 
@ie nötigt bog ^nbioibuum jur äu^erften JBorfid^t. SBor ber 
brotienben SBerwec^Stung feiner felbft mit ®ott fann eS jt^ aber 
nur baburd) lauten, ba| e8 nid^tS bireft auf ®ott surfidtfül^rt, 
feinen ®eban!en, feine (Stimmung, feinen SBunfd^, waS fi(§ i^m 
au§ il)m felbft, avS ber natürlid)en Slnlage, au8 Temperament 
unb Steigung, begreiflich mad^en lä|t, ober wog jtc^ auf l^iftorif d^e 
©nflüffe jurücffü^ren lä^t. ^ielier gehört aber aUeä, woä fftr 
ba§ ^nbioibuum felbft unb für anbere birefte, natürlid^e SBa^r» 
fd)eintid|feit befv^t, waS ftd| bireft beweifen unb begreiflid^ mad^ 
lo^t, inSbefonbere audt) xoa^ ber Steigung entgegenfommt. ®ott 
wirb alfo baS ^nbioibuum nur bann ju begegnen glauben, wenn 
er it)m afö abfoluteS ^araboj entgegentritt; feine SBege unb 
©ebanfen muffen für baS ^nbioibuum baS Äennjeic^en l^aben, 
ba§ fxe weber für anbre nod^ für hcS ^[nbioibuum felbft natürliche 
3Bat|rfd^einlid^feit befi^en, fonbem fowo^l t)on jenen aö non biefem 
erft — nad^ Überwinbung eine« SBiberftanbeS — geglaubt werben 
muffen. ®iefe ^arabofie ber ©ebanfen imb SBege ©otteS ift 
natürlid) feine ©innloftgfeit, fonbem entl^ölt im ®egentl)eil einen 
@inn, welctier baS Seben beS betreffenben Qf^^^ibuumg abfolut 
erflären mu§; ber paraboje göttlid^e ®ebanfe ift fein SÄgfterium, 
fonbem im ®egenteil ber (Sc^lüffel, weld^er bie SDlgfterien ber 
göttli^en gül^rung eingelner 9Äenfd^en unb ganjer ®efd^led^ter 
auffeiltest. SHlber ber ]^errli(^fte (Sinn be8 ^arabojeS ift nur für 
ben ©lauben oorlianben; für ben, welctier nid^t glauben wiH ober 



&ä^xtmp^, J^tettegaorbS SteKung ju fBxhtl unb 2)oQinQ. 199 

foim^ ift er ^antaftcrei. — @in Ärtterium bafür, ba| hcS ^nh'u 
mbuum in einer @ac^e n)ir{tid^ mit ®ott ju t^un l^abe^ eine 
göttlid^e e^ügung unb 9(ufgabe ju erfennen l^abe, liegt atfo barin, 
ba^ c§ bieg ttiemanb, aud| ftd^ fettft md)t, bireft n)al^rfd)einUd^ 
ober begreiflid^ machen !ann, ba^ eS felbft erft an feine göttlid^e 
^i^ning unb ©enbung glauben mu§, weil e§ felbft bie Sac^e 
eigentlich fantaftifd) unb Idctierlid^ finbet ober in' il^r eine freoeU 
^fte ätnrnojsung unb Überl^ebung fte{)t, xomn eS ftatt ju glauben 
|i^ feiner natürlid^en SWefleyion übertd|t. 

hierin liegt nun ein negatioeS Äriterium bafür, ba§ ein 
^^it)ibuum mit @ott ju tl^un l^obe. Slber ein negatioeg Kriterium 
taxm nie mit ©i^erl^eit jeben 3^^^^ au8fd^lie|en; unb forgfältig 
ongexoenbet bringt eS in ®efal|r, ba| man nie ein pofxtioeS Urteil 
JU fSUen mage. @o tann ba§ ^terium ber ^arabo^e ®otteg 
bo^ nie ganj bafür bürgen, bajs man @ott ni^t mit etmag @nb« 
lid^em oermed^gle; unb e8 fd^iebt ben @lau]ben8a!t immer nur 
ffixiCOiS, ber bo^ bog Qid htS ganjen SSorgangg bilbet. 3)iefe 
©d^Toierigfeiten merben jum 2:eil burd^ ein Hilfsmittel aufgel)oben, 
iDelc^eS bog ^nbioibuum alg @rbe auS ber l^iftorifd^en ©emein^ 
fd^ft überfommen ^at, aber erft in ber ^ifoüerung red^t roürbigen 
unb anmenben lernt. S38ie mir fdt)on fa^en, fennt aud^ bie 
^orifd^e religiöfe ©emeinfd^aft SBerfjeuge ©otteg, 3fiö>i^ibuen, 
bie }u ©Ott ein ff>e}ietleg $$er^ältnig l^atten. @ie fü^rt ftd^ felbft 
auf fol(§e jurüdE unb jel^rt oon ben allgemeinen SBal^rl^eiten, 
roel(§e biefe in il^rem fpejiellen Umgang mit ©ott entbedften 
unb anbem in allgemeiner gorm mitteilen fonnten, oon ber 
GrfenntniS ©otteg, ber ©ünbe, ber SBergebung u. f. f., meldte fic^ 
aus ben SBorten berfelben fd^öpfen laffen. 3lber bog inbioibueHe 
gjer^oltnig fold^er aWanner ju ©ott bilbet für bie ©emeinfd^aft 
nur bie 93ürgfd^aft bafür, ba§ man fidf) auf fie oerlaffen fönne, 
ba^ man im l^iftorifc^n Slnf^lu^ an fte oerfid^ert fei, ju ©ott 
ein ric^tigeg aSerl^oltnig ju l^aben. SÄnberg geftaltet ftc^ bag Sßer* 
^ältnig biefer SDlönner ju ber oon ber ©emeinfd^aft ifolierten, 
gans auf ©ott angemiefenen ^erfon. gür fie fommt gerabe bag 
inbioibuelle Ser^ältnig berfelben ju ©ott in ©etradt)t, unb jmar 
alg möglid^eg „^arabigma" für bag eigene SBerl^ältnig ju 



200 Bä^xtmpt ihexlegaorbä Stellung )u S^ibel unt> 2)ogma. 

©Ott. aBo^Igemcrft: immer nur ate mögliches ^arabigmo. 
2)cnn baS xfoticrtc Qnbbibuum fic^t Icid)t ein, voa^ bie ®emcin* 
fd^aft lieber überfielt, ba| bie fraglichen SKanner auä) immer nur 
mögüd^ermeife ein fpejielleS SScrl^ältni« ju @ott l^atten, ba ein 
fold^e« überhaupt objeftio gefe^en, immer nur SWögüc^leit unb 
Dorgeblid^e Sßirflid^feit ift unb blo| für ben ©lauben mir flicke 
SBirflic^feit. Unb menn ba8 ifolierte Q^nbioibuum mirflic^ glaubt^ 
bag baS fraglid^e Subjiett ein ff>eiieQed ©otteSoer^dltniS l^otte, 
fo {tet)t eS gerabe felir leidet ein, ba| ein 3Rann ®otteS im ooQen 
(Sinn beS SBort^ ftc^ ni(^t kopieren lä^t. 3)e^(|alb ift ein fol^er 
auc^ nur ^arabigma, b. 1^. ein SJhifter, nad^ meld^em ein anbreS 
Subjeft ftd^ als felbftänbigen SBortftamm fleftieren lernen taxta; 
unb er ift immer nur möglidt)eig ?ßarabigma, ba bog fpdtcre 
^nbiüibuum — um ba§ 85ilb for^ufe^en — ja einer anbem 
Sortart angel^ören unb ber t^Iejrion beS ^arabigmaS )um 2:eit 
ober überhaupt nic^t fat)ig fein tonnte. @S giebt ja aud^ t)ers 
fc^iebene Wirten oon ^^arabigmen; ^Ibra^am ift ein fold^e^, ^aulud^ 
£ut]^er, (Sl^riftuS; be^^alb ift jebeil ^arabigma für boS fp&tere 
@ubj[eft immer nur eine 9Röglid){eit unb biefeiS mu| md^Ien. 
2:rot)bem l^at ba§ ^arabigma feine unerme^Ud^e SBebeutung. (£$ 
jeigt pofitio, melden @inn bie göttüd^e Jül^rung I)aben fann, in 
melier 9ft(^tung bie oon @ott gemiefene SBirffamfeit liegen fann; 
e^ giebt burc^ feinen perfdnlid)en @inf(u^ SJlut, an ®otte8 f^ü^rung 
unb @enbung }u glauben, unb brängt ju ber Q^tfd^eibung, fte 
mirHidt) ju fibemel^men. 

ätUe (Bd^mierigfeiten ftnb bamit natürlid^ nid)t gei^oben, unb 
eS fott bie§ auc^ gar nic^t ber %a\i fein. a)er letzte ffintfd^Iug, 
an ®otte8 Sü^^ng unb ©enbung, alfo an fic^ felbft ju glauben, 
föEt bem 3ftt^ioii>wii^w i^^ 2<ift unb liegt afö SBerantmortung auf 
i^m; unb hoS Hare, mirflid^ berufene ^fubioibuum mirb ba& aud^ 
o^ne meitereS anertennen, gleid^giltig, ob e^ fu^ um hcS, menfc^lid^ 
betrachtet, geringfügigfte ®rlebniS unb Untemel^men l^anble, ober 
um meltbemegenbe ^^ßlone, bie e8 auf fid^ nimmt. (SS wirb inS» 
befonbere bie SBerantroortung aud^ nicl|t auf ein „^arabigma" 
abmölsen moKen. ®enau betrachtet fte^t e^ nie auf bem $ara» 
bigma, fonbem auf @ott, ober auf fid^, je nac^bem eS (oon anbem 



Ba^xtmpU IHetlcgaarbi Stellung )u S^bel unb 2)o8ma. 201 

unb 0on fiöf fcttft) mit ober o^ne ©lauben betrachtet mrb. Qw 
@Iauben oermog eS nun aUeiS^ n^og @ott i^nt aufgetragen l^ot, 
imb Dermog inSbefonbere^ einfam auf ®ott fte^enb, mit älutoritat 
gegen bie äJtenfc^en aufzutreten^ innerlich abfolut unabl^ängig pon 
biefen, oon i^rem Urteil unb ber Se^anblung burd^ fte^ mie ftd^S 
für bie Autorität g^iemt. 93erliert ei^ ben ®lauben^ fo ift eS 
uemic^tet, ol^ne ^aft unb oi^ne @elbftgefül^I, ber SSerjmeiflung 
onb n>a]^nftnnigen 9leue |>reiSgegeben^ ba bann fein ®laube il^m 
felbft qB ber freoelliaftefte Übermut erfd^einen mu|. ^oi), ha 
©Ott — ma8 eben ber ®laube roei^ — SBirHic^f eit ift unb nid^t 
bloge ^htt, fo lann er ben äßenfd^en in biefe fd^redlic^e (Sjriftens 
l^ineintreiben unb barin l^olten. 

SSBenn id^ nun mit bem SiS^rigen bie ftreng religiöfe (Soften; 
nac^ ftieitegaarb^ @inn rid^tig befd^rieben l^abe, fo ift ol^ne meitereS 
tlar, ba^ für biefelbe 2)ogma unb ^ibel mo^I iJ^re SBebeutung 
^aben merben^ aber ni^t al8 ^lutoritdt in 93etrad^t fommen f önnen. 
Unb bieS tann auci) für ben ^^Q aufredet erl^alten merben, ba0 
boS religiofe ^nbioibuum in ben £el^ren ber Sibel unb be§ 3)og- 
mod bie ri^tige (SrtenntniiS @otteS erlennt unb anerfennt. 3)enn 
fein ganzes £eben ift fo angelegt^ bag biefelben, auc^ menn fle 
als älutoritdten anerfannt fmb^ im tritifd^en 9(ugenbIidE nic^t bie 
Sntfc^ibung l^erbeifül^ren tonnen, ^m einjelnen berul^t bieS auf 
folgenben fünften. 

1) ^0$ religiöfe ^^roblem^ mie eS oben gejeid^net mürbe, 
bQie^t ft^ auf bie religiöfe 2)eutung ber ©egenmart (beS „älugen« 
Mi^") unb ber Stellung unb Slufgabe beS ^nbioibuumS in ber- 
fdben. 2)asu aber^ ba| biefeS jie^t tl^ue, maS jle^t nad^ ©otteS 
BiQen burd^ eS gefd^l^en foQ^ baju l^ilft bie älutorität einer oer« 
gongenen Offenbarung nid^tS^ baju ift eine Offenbarung für ben 
i ewigen iUtgenbHd( nötig, ^e fann mo^t aQgemeine @efid|tg« 
imnfte unb oieDeid^t ganj ri^tige allgemeine. SRajimen unb Siegeln 
geben; aber mit allgemeinen ©eftd^tSpunften, SDtajrimen unb Siegeln 
mirb feine religiöfe 2:^at getl^an, fo menig als mit fold^en im 
ftrieg ein @ieg erfo^ten mirb« 9[u^ mirb baS einem je^t er« 
teilten göttlid^ Sluftrag entf^nrungene ^rni ftd| immer ein freies 
Ser^ltniS ju ber oergangenen Offenbarung erlauben muffen, menn 



202 ©d^rempf, Stitxh^aaxbi ©teHun^ )u S^tbel unb ^ogma. 

eS btefe gleid^ unummunben anetlennt. ^enn ber fritifd^ älugen^ 
blid geftattet eS nid^t, ba| man ftd^ an ^^l^eorien unb ®ebote 
gefe^Iid^ btnbe, bie bod^ nid)t für ben älugenblidt gegeben finb. 

2) 3)ie ftrengreßgiöfe SntoidHung beginnt bamtt, bajj bad 
:5nbioibuum oon ber fittlirf|*religiöfen ©emeinfd^aft ifoUert wirb. 
S)ieä liebt nid|t auf, ba§ e8 bie ©rfenntniffe unb SebenSregeln 
berfelben aud^ femerl^in anerfenne unb beobad^te — bie ^»foKerung 
braudit feine au^erlid^e ju fein! — ; ba cg aber fein eigentli^ 
religiöfeS fieben als @el)eimniS für ftc^ l^at unb bei ber religiöfen 
©emeinfd^aft ftreng genommen nur nod^ l^ofpitiert, fo iji feine innere 
Stellung ju benfelben natürlich eine anbere afö bie ber ©emeinf^aft. 
S)aj3 bie 3lutoritoten ber ©emeinfd^aft biefe legittmieren, il^re 2ln* 
erfennung biefelbe jufammeni^alten foQ, (ommt für biefe^ ifolierte 
^nbipibuum natürlid^ eigentlid^ nid^t in $etrad)t. f^ür e3 ift bas; 
3)ogma !ein f ird^Iid^er fiel)rfa^, baS Sfteue 2;eftament fein fir^^ 
lieber ^anon, fonbem baS ^ogma ift äBal^rl^eit ober nid^t, unb 
bad 9leue 2:eftament ift @otteS SBort, ober aud^ nid^t 

3) 2lud^ bag „^arabigma" ift nid)t «utorität unb fann e§ 
nid)t fein, felbft wenn eg oon bem religiöfen Q^nbioibuum formell 
afö fold^e anertannt wirb. 2)enn für baS SEBirfen in ber Oegen* 
mart fann ein oerftorbener SRenfd^ fo menig 93oDma^t ober 3tn- 
meifung geben, al^ ein auS ber 93ergangenl)eit überliefertet SBud^. 
Unb inbem bog ^nbioibuum feinen Auftrag für bie ©egenmart 
oon bem gegenwärtigen, lebenbigen ®ott erl)alt, tritt e8 nolens 
Yolens neben bie einftigen OffenbarungSorgane, obgleid^ eS mo^l 
jugeben fann, ba^ e§ in SBai)r^eit tief unter i^nen ftel^t, ba§ 
e§ oiel ober aUe§ oon i^ncn gelernt ^at. 3)enn wenn e8 auc^ gar 
nid^tg 9leue« ^atte, menn e§. alle§, xoa2 e§ jc^t in ®ottc8 SUamen 
t^ut, oon früheren Offenbarung^organen entlehnte: boburd^, ba| 
e§ in @otte§ Flamen beftimmenb in ben SÄugenblidt eingreift, ftellt 
e8 ft^ neben fie; benn bie§, ba§ eg in ®otte? Siamen auftreten 
foü, fann i^m feine 2lutoritdt fagen, au^er ber lebenbige, gegen^ 
roörtige @ott. 

Ob id^ aber mit bem ®efagten ^erfegaarbä ^ffaffung bed 
ftreng religiöfen Seben§ ric^ttg gebeutet l^abe? — 3)aji baS SJor« 
getragene fic^ mit ^ierfegaarb^ Seigren ober äluffaffungen nid^t 



B6)xtmp^, JÜetlegaatbd Steflung au fßibtl unb 2)ogma. 203 

immer htdt, n)ei| id^ rec^t ipol^l. dagegen ift eS (tdoS tn. @. 

öicl roid^tiger ift) baS ^tobUm pon Äierfegaarb^ eigenem 

religiöfem £eben, n>a§ i^ bargefteQt I^abe. Unb ha bie nxxl^re 

änfci^itng eineS SWenfdien immer bie ift, nad) ber er lebt, fo 

fonn i^ bie oorgetragenen @eban!en aud^ für ^erfegaarb^ eigentlid^e 

SebenSanf d)auung ausgeben. 3)a^ fte aber ba§ Problem enthalten, 

ba§ ftierfegaarb in feiner eigenen religiöfen @ntn)ictlung praftifd) 

löftc^ fann mit bireften 3^>^8^iff^J^ ^^ ^^^ Slnfang unb @nbe 

berfelben belegt werben unb ift in feinen äÄgebüd^em faft un* 

unterbro^en nad^jumeifen. 3lm 1. 9lug. 1835 fdireibt er, 22 3^]^re 

aÜ: „SEBaS mir fe^tt ift bieg, ba| id^ mit mir felbft nic^t in§ 

9letne barüber !omme, maS id^ t^un foQ, nid^t, moS i(§ erfennen 

fott; benn bieg befd^dftigt mid^ nur inf of em, ofö jebem ^nbeln ein @r- 

fennen ooranget)en mu|. ^rauf lommt eg an, bajs ic^ meine 93es 

fttmmung oerftel^e, ba^ i(§ f et|e, mag gerabe i d| nac^ bem SBiDen ber 

(Sott^eit tl^un foO" (Sft «ßap. 1833-^3, ©. 45). ©eine letkten 5lug= 

blötter im ,,3lugenbUdf " leitet er (3Jlai 1855) mit ber ©etrad^tung ein, 

ba§ jur Stugffi^rung einer 3lufgabe immer ber am geeignetften fei, ber 

bie nötigen '^i)\QU\tm beft^e, ol^ne bod^ eigentlich fiuft jum SBert 

)U ^ben, ber alfo gegen feine fiuft t)on etmaS ^öl^erem gejmungen 

merben muffe, bie Slrbeit ju übemel^men. „©o t)erftanben fann 

ic^ fagen, ba^ id^ mi^ )u ber älufgabe, im 3lugenblidt p mirfen, 

richtig oerl^alte: benn ®ott mei^, ni(§tg ift meiner ©eele me^r 

jmoiber." „©o bin id^ ein aWenfc^, oon bem in SBa^rl^eit gilt, 

bo§ er nid^t bie minbefte Suft l^at, im 3lugenblirf jU roirfen; — 

oermutlid^ bin id^ juft aug biefem ©runbe baju augerfel^en" (©. 1. 2.). 

Slug ber 3tt'ifd)en}eit oergleid^e man nur etma „Seben unb aBalten 

ber Siebe" II. ©. 206—213; „Einübung im ©^riftentum" ©. 167; 

„3ur ©elbftprfifung" ©. 40—42; befonberg bie le^tere ©tette 

jeigt, worin bag reUgiöfe ^ßroblem feineg fiebeng lag, barin 

nomlic^, ba| er erfal^re, ob er „ber 93erufene" fei* Snblic^ ift 

leidet JU feigen, ba^ bie „©tabien auf bem Sebengmeg", melctie er 

in ben fogenonnten äftl^etifc^en ©diriften entmidtelt („ffintroeber — 

' Iherfegaaxb lebet a. a. Orte ixoax t)on Ißutl^er, 1$ begieße feine SBorte 
aber bod^ auf t^n felbft. (£d ifl bted nt^t ber einstge Ort, tüo er Don einem 
avbem rebet unb im ®runbe an ft^ benft. 



204 ^d^tempf, lüerfegaarbs ©teEung gu SBibel unb 2)ogma. 

Ober", „SBicberlioIung", „^uxti)t unb 3ittcm", „»egriff ber ängft", 
„©tabicn auf bem SebenSweg")/ nic^t in irgenb ein religiöfcä ®c* 
meinfd)aft§Icben einmünben, fonbcm in bic inbioibuctte, retigiöfc 
@jiftenj, in ber Äierfegaarb juleftt ate ,,ber 93erufene" auftrat, 
um ba^ „©^riftentumSfpiel" ber Äird)e ju richten. 

I!L 

Äierfegaarb ift fd^Iie^tid^ unoerfcnnbar ate ber „55erufcne" 
aufgetreten. 3la^ feinen ©ebanlen nal^m fein religiöfeS £eben 
baburd^ feine fmguläre ©eftolt an; benn ftreng genommen gel^ört 
)U einem 6^t)riften, bajs er einen göttUd^en ^eruf ^at ba| er nid^t 
bIo| ben Seben^smed, ben er fid^ ftectt, ftci) als göttlid^en SBeruf 
benft, fonbem einen folc^ien ^at. 2)enn eg foU bod^ jeber S^rift 
in ber ©egenmart leben unb l^anbeln, unb baju gel^ört eben, wtan 
e8 in ftreng religiöfem ©inn gefd^el^en foU, ein göttli^er 93eruf- 
äBelc^e ^onfequet^en bieg für bie @teQung )u ben gefd^ii^tlid^ 
überlieferten d^riftlictien älutoritoten nad^ ftd^ jiel^t, l^at aber Äierfe« 
gaarb nie gefltffentU^ unterfud^t unb nie genau feftgefteUt; beiS- 
^alb ift aud^ feine eigene @tellungnal|me gu benfelben eine n)iber« 
fprec^enbe. 3)er ®runb l^iepon ift, n)ie lei^t gu permuten, ber, 
bap er fo menig mie irgenb ein anbrer SÄenfd^ innerli^ fc^on 
ooQftänbig unabl^ängig mar, als er entbectte, mo baS Problem 
feines SebenS liege. @r mar nid^t bIo| er felbft, fonbem „boS 
©ef^led^t unb er felbft" (»egriff ber Slngft ©. 24); mä^renb er 
fein fiebenSproblem fd^on inS Sluge gefaj^t l^atte, mu^te er boc^ 
aud^ no^ in feinem £eil bie Probleme feiner 3^it burd^arbeiten, 
mel^e oermöge feiner innerttd^en älbi^ängigfeit oon berf elben mirfli^ 
auc^ feine ^^robleme maren, menn gleid^ nid^t fein Problem. 2)ieS 
jufammen, feine innerliche 2lbl^&ngigfeit oon ber 3«it unb 
feine 93ef(^aftigung mit ben Problemen ber 3^^/ braii^te c8 
mit ftd^, baj3 er bie für i^n fe^r bringenbe ^age nad^ ber 
religiöfen 93ebeutung ber d^riftli^n Slutoritäten für ben Slugen* 
blict nie beutlid^ genug inS äluge fagte, bie Slutoritöten einfad^ 
als ätutoritöten übernahm unb oermenbete unb bie Stbl^SngigEeit 
oon benfelben fogar gefliffentlid^ betonte. 



€4rempf, AierlegoatbS Stellung )u SBtbel unb 2)ogma. 205 

^m einzelnen oetl^ätt fi^ bieS etoa folgenberma^en: 
1) Aierf egaarb mu6ß in ber Ortfjobojie auf^ tpte er in einer f^on 
ongQogenen Sttu^erung felbft fagt (f. ©. 183, Slnm.). S)od^ bürfen wir 
mti unter ber Ortl^obo^e^ in ber er aufn^ud^iS, laum mel^r benlen atö 
bie Saienortl^obojrie^ n)eld^e eineS eigenttid^ bogmatifd^en ^ntereff eS 
entbehrt, nid^t foniol^I im einzelnen genau ort^oboj:, al^ vielmel^r 
nur im aQgemeinen pofiäo „ii&vä>i%" fein xoiVi, unb l^ierauf gegen« 
über ber jemeiligen f^orm beS „Unglaubens" großen 9S3ert legt 
So^enb feineiS tl^eologifd^ (StubiumS mürbe ^ertegaarb bie 
Cxt^bojrte manfenb. ^od^ fdieint er avS mel^reren ©rünben nie 
Dor ber fc^arfen, Haren SBal^I geftanben gu fein, ob er ben il^m 
onei^ogenen ®Iauben aufgeben unb fein ^riftlid^eS Seben auf ein 
neues f^unbament grfinben moQe. ^enn ber @egenfa^ jmifc^en 
Ortf^obojde unb StationaliSmuS lonnte il^n nid^t eigentlid^ vor eine 
93a^I fteQen, ba ber le^tere in feinen älugen eine ju ärmliche 
$igur mad^te. @egen bie ff>etulatioe S^l^eologie l^atte er anbere 
öebenfen, roel^e, mie mir fel)en merben, ni^t oon i^rer ^etero» 
borie hergenommen maren, fo ba| aud) fie für il^n nid^t 
emfl^ft in ^^age tam. ^ujserft unfi^mpat^ifc^ mar i^m an ^egel 
inSbefonbere, ba^ er mit bem praEtifc^ unburd^fül^rbaren @at) be- 
ginnen moUte, ba^ man an aQem jmeifeln unb bann abfolut oor« 
auSfc^ungSloS beginnen muffe. (£r fanb bie SWet^obe oiel rid^tiger, 
ba| man fxd) in baS überlieferte äBiffen juerft t^eoretifd) unb 
;nrafttfd^ vertiefe, eS pietdtSooQ ft^ anpeignen oerfud^e unb babei 
etnni abftojse, vooä fx6) nid^t mit fubjettioer äßal^r^eit aneignen 
(äffe, ^ierburd^ mar il^m nal^e gelegt, bajs er naci) feinen 
S(!^mantungen ju feinem ^nberglauben jurüdKel^rte unb ftd^ aufS 
neue unter bie Sttutoritäten ftettte, unter melii^e il^n fein SBater 
gefteQt ^tte. ^n inteüettueDer ^Begie^ung mürbe x^m bieS um 
{o leidster, ba feine (Srgiel^ung il^n angeleitet liatte, baS unenblid^ 
9BertooKe unb etma ben SRenfc^en 9[nftd|ige am @^l^riftentum in 
einer ganj anbem 9tid^tung ;u fuc^en. @ein 93ater liatte i^n 
llreng d^riftlid^, mie Äierf egaarb fpäter felbft fagt, unfmnig ftreng 
^riftlid^ erjogen. ©o trat i^m oon Slnfang an ba8 (E^riftentum 
als eine SBeltanf^auung entgegen, beren praftifd^e ^uid^fül^rung 
eine au|erorbentIi^e Slnftrengung beS SSSiQenS erl^eifc^t; als eine 



206 @(^tempf, l^ierfegaarbd Stellung ju SBibel unb 2)ogma. 

SBcItanfdiauung, an ber man fid^ ärgern fann, weil fie bem natftr* 
li^en SÄcnfc^cn ate inl^uman crfc^eint. 2lud) fc^cint er in feiner 
^ugenb mand^mal in ber ©efal^r geroefen ju fein, ftd^ aug biefem 
®runbe an bem (Sl^riftentum jn fto|en. S)a er nun l^itptfa^ttt^ 
t)or ätugen l^atte, ba^ boS 6)^riftentum bem SRenf^en ptatti^d) 
gegen ben ©inn ge^t, fo fonnten i^n bogmatifc^e ©fnipcl nic^t 
Ieid)t tiefer bemegen. @§ lag aud| fe^r nai^e, fie einfach mit bem 
praftifciien älnftojs am Q^riftentum jufammenjunelimen unb fo )u 
erltären unb megjuf d^aff en , ba| ba§ (S^liriftentum über^upt, 
ttieoretifdi unb praftifd), bem 3Äenfd|en gegen ben ©inn gel^e. 
^ierau§ erßärt ftd| I)inlanglid^, ba| er bogmen^ unb bibelgloubig 
mar unb blieb, bie älutorität oon 3)ogma unb ^ibel auc^ nac^ 
93ebürfnig gang moI)I betonen fonnte, ol)ne bod^ je fid^ felbft gc* 
fe^Iid) ftreng an SBibel unb 2)ogma ju binben. 

2) ®er Äampf gegen bie an ^egel fid| anfd^lie^enbe 
fpetulatioe 2:i^eologie gab i^m SSerantaff ung^ baS ^ogma al§ 
Stutorität mit größtem 9la(^brud ju betonen, otine ba| e§ i^m 
boc^ eigentlid^ um baS ^ogma al§ foIc^eS )u tl^un gemefen märe. 

Sin ber ^^Uofopliie ^egelS unb ber oon it)r ob^ngigen 
Slieologie mißfiel i^m t|auptfäci|Iid^ ^meierlei. @rfteniS mar er ber 
SWeinung, ba| fie ben aWenfd^en oerleite, ftatt etl^ifi^ in unb ju 
ber SBirfIi(^feit Stellung ju nel^men, bie SBirHic^teit unb mit i^r 
fid^ felbft sub specie aetemitatis ju betraci^ten unb fo in lächerlicher 
SDSeife ftcli befd^aulid^ al$ 3)urd|gangSpun{t in ber 9Beltentmi(!elung 
au^ufaffen, alä ob man fd^on eyiftiert l^ätte unb für fic^ felbft 
eine äJergangenlieit märe. Qto^ittn^ fanb er, ba| bie ©pefulation 
auct) bem (S^^riftentum gegenüber bie 9tolle be§ $efd^auer§ fpielen 
rooUe, ber nur etma melt^iftorifd^ an biefer ®ntmirflung3ftufe in 
ber ®efd^ict|te be^ ©eifteS interef jtert fei, mä^renb bod^ baS (£l)riften* 
tum ate für bie ©egenmart be^ ©petulierenben prafttfct) in Srage 
fommenbe ©jiftenjroeife i^n felbft nötige, etl^ifd^ für ober miber 
©tellung ju nehmen, ftc^ im ©lauben it|m untersuorbnen unb 
praftifd^ anjufc^lie^en, ober e§ ju oermerfen. Überhaupt alfo: 
ba| man fpefulatio ben SBeltbefd^auer fpielen moUe, ba| man fo 
objeftio unb miffenfd^aftlid^ unintereffxert fi^ über bie SGBirflic^feit 
erlieben moUe unb baburd) fein £eben unb bie SBirflid^feit nur 



r 



6($rem|)f, Iherfegaarbd Stellung au Sibel unb 2)ogiita. 207 



verflüchtige, ftatt bur^ pratttf d^e Söfung ber 3lufgaben, n>eld^e bie 
SBirfii^teit in unb au^er bem SJlenfd^en bietet i>«« S^ben wirf * 
Ii(^ @e^alt )u geben, bog n)ar if|m ebenf o lä^erlid^ mit anftö^ig. 
Rierfegaarb trat nun biefem pfiUofop^ifd^en Unn)efen im oQge« 
meinen in ber SEBeife entgegen, mit eS aQein mdglid^ n>ar unb n>ie 
er eS gerabe tonnte. (£r mad^te bie @pe{ulanten grfinbtt^ (äd^er« 
Ii(^, bie im 93orbeigef|en gefd^minb an adem gejmeifelt fiatten, nun 
ober hnxd) einen Jtunftgriff pld^lid^ bie ganje SEBelt unb no^ 
einiget mef|r oerftanben unb, menn e$ gemi^ reifte, auf (Sonntag 
ober bo^ aufs näd^fte ^f)x baS „©gftem" fertig bringen unb ber 
erftaunten SEBelt präfentieren moUten; bie nebenl^er in ber Sex* 
jtreuung heirateten unb irgenb eine fojiale (Stellung einnahmen 
unb babei auf§ beutlid^fte bemiefen, ba^ {te jmar bgS SBeltrotfel 
gelöft ^tten, aber baS einfad^fte (^ftenjialproblem ni^t p löfen 
Derjtanben. @obann bemieS er, bajs e§ ein ium 93orau£ oerfe^lteS 
Untemel^men fei, ein Softem ber aSBirflid^feit auffteHen ju moQen, 
ba ja ber unentbe^rlid^e ©gftematifer felbft ftetS in ber Sntmidf * 
lung begriffen unb nie fertig fei, unb beSl^alb aud^ nie wagen 
bürfe, hinter baS Softem ben ©d^lu^untt ju fetten, bereit erft 
}inn @9ftem ma^e. (Someit tann feine ^olemit burd^auS tid^tig 
befunben merben; benn fomeit ift {te bap angettian, cojS ber 
fpelulatioen 3^ft^^ut^it jur etf|if^en ^njentration prüd^ufü^ren. 
SDer näd^fte ©djritt bagegen mu§ fd^on beanftanbet werben, ffir 
befielt in bem Slad^meiS, ba§ bie aSirtti^feit ber fpehitattoen ©e* 
tro^tung roiberftrebe, ba fie ftet§ ein STOoment ber ß^fäUigfeit 
unb be§ SBiberfpruc^ in ftd^ entl^alte unb beStialb für baS ©enfen 
ober ^Begreifen inf ommenfurabel fei. S)iefen ©d^ritt ^alte id^ für 
falf(|, nic^t weit ic^ bie aufgeftettte Slieorie ber SBirltic^feit für 
oerfe^lt hielte, fonbem meit fKerf egaarb t)ier bie objeftioe, miffen* 
f(^ftlic^e Serftreut^eit be§ 3^itolter8 burdf) eine S^eorie befdmpfte, 
beten Äonfequenj aQerbingg ift, ba^ man ftd(), ftatt ju fpefulieren, 
et^ifdl lonjentriere, meldie aber al§ X^eorie juerft eine t^eore* 
tii^e, objeftioe, miffenfd^aftlid^e ©iShiffion anregen mu^, bie, mie 
Rierfegaarb mol^l mei^, in infinitum fortgelien fann unb fo bie 
et^if^e Ronjentration ^inbert, bereu Slotmenbigfeit bie ^t)eorie 
ct^drten folL ^ bemerfe bie§, meil Äierfegaarb in feinem 



208 @4Tem|)f, AUtfegaarbil Stellung )u SBibct unb 2)ogma. 

Staxttp\ gegen bie fpefulatioe 93erflfid^tigung beS (£I|rtftentum§ biefen 
f^^ler loieberl^olt. 9Bie !onnte er bem entgegentreten, ba| man 
in n)iff enfc^aftU^ Objeftioität (b. 1^. etl^ifd^ betrautet: in »iffen* 
f^aftli^r 3^^tteutl^eit) aber hcS (S^riftentum fpefulierte unb 
rafonnierte, ftatt etl^ifd^ gu il^m, in il^m ober gegen eS ©tetbtng 
)u nel^nten? iBlo| mit ^xornt unb ^umor biefe ®ilnbe — baS miigte 
e§ für ftierfegaarb fein unb war e8 für il^n — ju betontpfen, 
roare bem @mft ber (Situation ni^t angemeffen gemefen unb 
^dtte au^ nid^t ben nötigen 9lac^brud( gefiabt @egen biefe @ünbe 
mu0te er etl^if^ auftreten unb auf ben et^ifd^en (Sinbrucf \)ia^ 
arbeiten, ba| biefe airt pon 3::^eoIogie — ober bie miff enfc^ftli^ 
Sl^eologie überl^aupt — alS ein SSerfu^, boS 6^riftentum obf^ tio, 
uninterefftert ju betrauten, eben @ünbe fei. @r mu^te in ben 
fpehtlierenben S^eologen ben et^if^en (Sinbrud l^emorrufen, \>a% 
fie ate Sünber {eine 3^^ l^aben, über bie @ünbe }u fpetuUeren, 
mel^ bur^ bie n)iffenfd^aftlid^e Obieftipität mit ber man fie be« 
traute, bur^aud nid^t t)erf d^minbe ; ba^ fxt a\i ©finber in bem 
Gfiriftentum bie i^nen bargebotene @rlöfung fe^en unb ergreifen 
muffen, um bann oermutlid^ nie mefir )u ber fpetulatinen Un^ 
interefftertlieit jurürfjute^ren. (Sr mugte ben etl^if^n (Sinbrucf 
^eroorrufen, ba^ baS (S^riftentum ft^ ni^t jum Objett ber @pe= 
fulation ma^en laffe, ba e§ burc^ feinen unoermifd^baren (Smft 
ben miffenfd^aftli^en ^eoba^ter tro^ feiner Objefäoität unerbitt^ 
li^ oon leinten angreife unb etl^if^ rid^te, mäl^renb er über eiS 
fpetuKere unb rafonniere. ^erfegaarb mu|te burc^ hcS Sl^riften« 
tum ober im 9lamen be8 S^l^riftentumS bie unet^if^ äßiffenfd^ft 
etl^if^ angreifen; anberS ging eS nid^t 3>a8 f|at er nun au^ 
getl^an. 3lber er l^ot nod^ mel^r getl^an, unb biefe^ 'is super- 
erogativum mar mie aUe berarügen £eiftungen oom ÜbeL 3)a 
namlid^ bie fpefulatioe 2:]^eoIogie burc^ eine Umbeutung unb 9}er« 
flü^tigung beS 2)ogmaS gewonnen mar, fo (ag ^S für i^, ber 
an baS ^ogma glaubte, öu^erft nal^e, bie Stufmertfamteit inSbe^ 
fonbere au^ barauf ju Iieften, ba0 baS Sogma biefer Um« 
beutung unb SJerflüd^tigung äBiberftanb leifte. 9leben 
ben ^la^meig, ba§ e8 oon einem ©ünber fieid^tfmn fei, über bie 
©ünbe objeftio jU fpefuUeren, „afe ob it|m bie ©ad^e fo frejub 



€4rempf, AierfegoarbS Stellung )u 93ibe( unb S^ogma. 209 

aÄre"^ tritt nun ber anbcre, ba| bic ©finbe i^rcm SBcfen ober 
Segtiff noi^ etoaS fd^Ied^tl^in Unbegreiflid()e$ ^ ein ^arobo; fei, 
bod bie ©pditlotion nur burc^ eine SSerflä^ügung in ü^re ®nU 
vufiungen aufnefimen tonne, hieben ben ©ebanten, bo^ S^l^riftuS 
als ^rfon ftd^ nid^t ju einem S)urd^gangSpunft in ber (Bniroid^ 
isngdgefc^id^te be9 @eifteS begrobieren laffe, fonbem btefem Unter» 
t:t^en perfonlic^ SBiberftanb leifte, inbent er ben roiffenfd^aftlic^ 
Qbie!ttoen Si^eologen ober ^l^ilofop^n perfönlid^ at^ @ünber be« 
koMt, tritt nun ber anbere^ ba^ (S^riftuS feinem Sßefen ober 
^kgriff nad^ hoS abfolute ^arobojr fei, bcS man nid^t erfennen, 
ai; boS man nur glauben fönne. @o erl^alten mir eine Zf)tom 
aom ^arobo;, oon bem parabo^ 6^riftuS, ber parabo^en @ünbe, 
oeni porabo^ 2)ogma, bem parabojren ©lauben; eine 2^eorie 
^aräöer, ba^ nur @^^riftuS alS boä abfolute ^araboj:, ber ©laube 
':n Qt^riftuiS ali ben parabojcen @ottmenfd^en eine über @otratei§ 
hinauagd^enbe neue (^ftenjmeife enthalte u. f. f. S)iefe 2;^eorie 
tat nun, fo oortreffli^e ®ebanlen fid^ an fie anfnüpfen laffen, ben 
«neu großen fje^ler, ba^ fie eine 2;^eorie ift. S)enn afe folc^e 
crängt fie ni^t ju einer fubiettioen, etl^ifd^en ®te(lungnal|me ju 
•Jf)ri»>uS l^in, fonbem ju einer objeftiD^miffenf ^aftlid^n 3)iSfuffion 
jf>er bog ^araboy, bie ?ßarabojie @otteS, C^rifti, ber ©ünbe, be§ 
IMaiibin«, be§ 3)ogmag, atteS (El^riftUd^en — ju einer 3)iSfuffton, 
bic mii ungeftörter ObjettiDitat in infinitum fortgel^en fann. 2)enn 
h^ einer et^ifd^en (Sntf^eibung auSmeic^enbe miffenfd^aftUd^e Ob^ 
l■^' i ilot ober 3^t^^i^^ ^^^^ niemals burd^ eine ä^^eorie Aber- 
n?ar.:cn, meld^ il^r nur neue Slal^rung giebt inbem fie i^r bie 
Berechtigung abftreiten milL 

ftieofafgoarb l^at l^ier, mie ic^ glaube, ben i^el^ler begangen, 

ba| er mand^mal ftatt ber ftrantl^eit hcS Symptom ber ^antlieit 

betampfte. S)ie äJerflü^tigung bogmatifd^er Begriffe, mie fie bie 

6pefulation fx6) erlaubte, mar gemi^ Symptom einer falfd)en 

et^f(i^en @teQung ium @;t|riftentum. Slber jene fonnte nid^t bireft 

befSmpft merben, oline ba^ bie Jleigung ju einer falfd^en, intellef = 

tualiftifd^en „Objeftioitdt" noc^ genät)rt roorben roare. 3)a§ 

fticrfegaarb ben 9Wi§griff beging unb ba§ ©pmptom ftatt ber 

Ärant^eit bef ämpfte, ba^ er meinte, mit ber S^eorie, boS 3)ogma 



210 S^rempf, IhcrfegaarbiS Stellung su ]9^6el unb ®0Qma. 

iPoOe ©laubenSgegenftanb fein unb ni^t etoa begriffen n)erben, 
ztxoaS auSri^ten ju tonnen^ etOart ftd^ aber unf^n)er baraiüS, 
ba^ \i)m felbft baS @)^riftentum ntd^t bli)| ®laubeniBn)al^r^, 
fonbem bo^ auc^ obj^ioe, in feinem @inn n)irlli^ n)iffenf(^ft' 
(id^e @rfenntni§ ®otteS^ 6;^rifti unb ber @ünbe xoax, nur bog fle 
eben ni^t Don bem Sßenf^en gefunben fein foHte. . ©o mu^te er 
benfen, burd^ bie rid^tige S^^eorie über ben Urfprung unb bic Sfa' 
eignung biefer @rlenntnid bem in ber @pe!uIation mirtfamen fot- 
fd^en @rtenntni§ftreben entgegentreten }u tonnen. 

3) 9)ad 3)ogma unb inSbefonbere bie l^eilige @d^rift 9leuen 
2:eftamentS al$ Slutoritat )U benü^en^ o^ne ftd^ erft barüber 
Stec^enfd^aft abjulegen^ ob biefelben in ber ©egennmrt n)ir{Iic^ 
als lebenbige älutoritäten auftreten tonnen, baju n)urbe er 
au^ bur^ ben ^ampf oeranla^t, ben er gegen ba§ ©ewobiu 
I|eitSd)riftentum unb fd^lie^Ii^ gegen bie ganje befte^enbe 
G^riftenl^eit unternahm. 3)erfelbe ^atte im @runbe bie gleichen 
^emeggrünbe unb 2:enbenjen mie fein Ramp^ gegen bie fpetulattüe 
Geologie. JlHertegaarb l^otte bie Don ^afir ju ^a^r ftcb be> 
feftigenbe unb Derf^&rfenbe Überjeugung, baj3 baS ß^riftcntum 
Don ben (Sl^riften eitel genommen merbe, bajs meber @otte^ uiu 
erbittli^er @mft gegen bie @finbe emftt)aft be^erjigt, noc^ auä:) 
©otteS unergrünblic^e @nabe gegen ben ©änber im @ingeftänt)ui& 
ber eigenen ©finbe banfbar geroürbigt unb mirHic^ benu^ an^rbe. 
Um l^iegegen. anjufdmpfen, ftellte er boS fittlid^e ^beal be§ Ct)riften' 
tumS als notroenbigeS Korrelat ber in biefem bargeboteneu <§inabt 
mit fteigenber ©c^ärfe bar, unb als bieS nid^t ben nötigen (£in^ 
brudf mad^te, ging er baju über, ber ©tiriftenl^eit ü^ren Olbfall 
birett noi^ul^alten unb baS 9ie(^t abjufpred^en, ben Sflamen 6> rifti 
ju tragen. 3)ieS !|at er im SBerlauf feiner ©^riftfteUerei unb 
inSbefonbere Don 1848 an mit fid^ecer unb im allgemeinen, roie 
i^ glaube, forrefter 2aftif burc^gefü^rt 2)bc^ ^at er aud^, roie 
i^ glaube, taftif^e gelter gemalt, unb fold^e finben fld^ in8* 
befonbere in feiner SBermenbung beS ®ogma8 unb ber Sibct, ob* 
gleid^ gerabe taftifd^e ©nofigungen il|m biefelbe anempfet)len mußten. 

ftierf egaarb fanb ein Symptom ber JBermettlic^ung ber £ir^ 
barin, ba^ in i^r fo menig oon ber Dual unb 9lot ber ttnt* 



6(!^Tein^f, IherfesaarbS Stellung %u fSxhtl unb 2)08ina. 211 

fd^ibung für 6^riftu8, von bcr ÜRögltd^feit beS Slrgcrniffcg bic 
Siebe fei an ber bod) jeber Dorbeige^en, bie ho6) jeber entbeden 
müfl'c, bcr im ©cnftc fid^ für ®^riftu§ etitfd^cibc. 3)ic Siic^tigfcit 
biefcr ^mertung gugcgcbcn — id) gebe fie lotrflici^ gu — , fo 
fragen mit fofort: meldte ftonfequeng l^otte ^erlegaarb au§ biefem 
!tbatbeftanb ju gie^en^ menn er bem Übel abtielfen moUte? ^ie 
Sntmort ift leidet gu geb^n: moEte er ni(^t mieber gegen boS 
Sijnqjtom fäntpfen, fonbem gegen bie Äranf^eit, fo tiatte er 
£^tiftu§ in einer SBeife gu loerfünbigen, ba^ bem ^örer ober 
Sefer bie Oxud unb 9lot ber (Sntfd^eibung für S^^riftuS Don felbft 
tarn unb bamtt aud^ bie 3ßögK^teit beiS 3trgemiffe§ Don fetbft 
ftc^ einfteOte. %m, boS ^at er and) getrau; er ^at e§ in anwerft 
oorft^tiger^ aber bod) f^Iie^Iid^ fe^r fühlbarer äBeife getl^an. 
älber er ^t mieber mefir get^an^ al§ nötig mar^ unb ba^ mar 
oom Übel — taltifd^ betrad^tet benn baS aSerftänbniS beS 
&t)riftentumS fyd mof|l @eminn bat)on gehabt, älber er moOte 
ja nic^t ba§ SBerftänbni§ beS ©^riftentumS objjeftio förbem unb 
fiesem, fonbem bie ®^riften!|eit im S^riftentum einüben. Unb 
Don ba aus betrachtet ^at er gu t)ie( getrau. @r ^at nämlid^ 
eine auSfül^rüd^e 2:^eorie be§ SttrgerniffeS gegeben; er f^at 
nadjgemiefen, ba^ eS im SBefen S^rifti begrünbct fei, ba§ er al§ 
ber gefö beS ®Iauben§ gugleic^ ber Stein beS 2lnfto§e§ fei; er 
ißt gegeigt, ba^ aUeS mefentlid^ g^^riftli^e gang analog ben 
SMenfc^en argem muffe, menn er nic^t glauben motte. SBa^ t)at 
er bamit begmed(en fönnen? 3)a er nic^t „bogieren" mottte, fonbem 
geiftig mirfm, fo fonnte feine 3:^eorie beS SlrgemiffeS nur ber 2lb= 
fic^t bimen, bm gu be^anbelnben (nad| feiner 9)leinung gefunben) 
Rronfm bur^ genaue SlufHämng über ba§ ©pmptom ber ^anf^eit 
}u übei^eugen, ba^ er Irant fei. 3)ieS mirb aber bei leibli^m 
ftranfiieiten läufig unb bei fittlid^^religiöS abnormen 3wftänben in ber 
Segel ein perfel^lteg Unterfangen fein, ©oute e§ ^ie unb ba mirHic^ 
ßrfolg ^en, mag ni^t unbebingt auSgef c^loffen ift, f o t)at Äierfe= 
gaarb bieä mit ber ®efat)r, in bie er ^ierburc^ feine SBirffamfeit 
brachte, meinet (Sra^teng gu teuer begalilt. 2)enn menn er nun nad^« 
weift, bo^ baS 3)ogma bem SSerftanb gum 2lrgemi§ fein follte, ba 
CS ©laubenSgegenftanb fein folle; menn er nadjmeift, ba^ in ber 

S'itf^ritt für Ideologie unb Äiti^e, 1. ^Q^rg., 3. ^eft. 14 



212 @4tem^f, IhetTegaarbä @tellung )u SBibel unb 2)ogma. 

Sßtrffantteit (S.\)xx^tx bie aRöglic^feit beä trgemtffeS ftetS jur 
©teile geroefen fei: fo regt er boburd^ ju t!|eoretifc^en 3)tStufftonen 
an, bie itirer 9latur nad^ enblo^ fmb unb oon ber ^onptfaci^, 
ber et^ifc^en SluSeinanberfe^ung mit (Sfyd^tuSr abgiel^. Slu^erbem 
broljt ii)m bie ©efol^r^ bod Ärgernis biSn^eilen in hcS @ebiet beä 
^nteUeftuelten f|inäbersufd)ieben, rooburd^ feine $ointe gerabe für 
bie, auf roeld^ bie Si^l^eorie be8 älrgerniffeä beregnet ift, oerlovcn 
gel^t. 5)ie fiel^re oom ärgemiä gilt näntlic^ ber „glaubigen" 
®]^riften^eit nic^t ben „Ungläubigen", bie bod^ meift einigermajjen 
n)iffen, rocS il^nen am (S^riftentum anftö^ig i^ SBenn nun ein 
„©laubiger" ^erfegaarbg fie^re oom Slirgemiä gdefen unb oer* 
ftanben t|at, maS mtrb er boju fogen? ^d^ beute, in ben meiften 
^Qen etma bieS: „®eto\% bie @ottmenfc^^eit, bie @rbfänbe, j[a 
aQeg (Sl^riftentum ift oon ber 9(rt, ba^ man ftc^ fe^r leidet baran 
ärgern !ann ; beS^lb giebt eä au^ f o oiele Ungläubige. ^ wxSi 
ra\6) aber nie an etn)aS S^l^riftlic^em ärgern, auc^ menn e$ meinem 
5Berftanb jum 3lnfto§ ift" Unb bamit bemeift ein fotd^er, ba§ 
Ätcrfegaarbä S3^eorie praftifc^ ein ©d^lag in§ SBaffer ift. SBoä 
fann e$ aud) für einen 3Bert Iiaben, bem ©laubigen nac^trägK^ $u 
erflären, ber (Staube foQ ein ba§ Ärgernis äbenoinbenber (Sntf^lu^ 
fein, nic^t bie gtu^t eineS SerftanbeäberoeifeS? fjul^lt er ie einen 
3)efeft, fo ift bie Übenoinbung beS ärgemiffeS in ber ^l^antafie 
balb nac^geliolt unb ba§ „ ©tauben" bel^lt feinen ruhigen, ge- 
n)o^n]^eit§mä|igen gortgang. — Äierlegaarb aber mar biefe S^eorie 
be§ 5ärgemiffe§ fel^r roic^ttg; beö^atb betonte er anif mit äu^er? 
ftem yiaä)hxud, bajs ba§ ^ogma paraboj: fein muffe unb geglaubt 
fein motte. 3)ie8 l^atte befonberS aud^ ben ©runb, ba§ er ]^ier= 
burc^ bie 2lpologetif totlid) treffen moöte. 3)enn menn nad>= 
gemiefen mar, ba^ man an @^^riftuS, bai^ 3)ogma unb überl^upt 
atteiS 6;t|riftlict|e um feinet iparabojcen 6;^arafterg mitten glauben 
mttffe ober fidt) baran nur ärgern fönne, fo mar ja ba8 Unter* 
nelimen ber 2lpologetif, irgenbmie bog ß^riftentum bemeifen ju 
motten, als ©innlofigfeit bargeftettt 3)abei ift aber mieber ju 
beachten, ba§ fein ^ap gegen bie äpologetif feine bogmatifc^en 
©rünbe ^atte. Q^n empörte e§, ba§ man oon ber 93ertltnbigung 
bei ©tiriftentumS „ben Söli^ton bei @infd|mei(^elnben" ni(^t fern 



^d^rempf, Atetfegaorbd Stellung gu fQibtl unb 2)09ma. 213 

^Ite; er empfanb ei$ als Srniebrigung^ ba^ man ben Segen be^ 
Debets, bie Seligteit bed @laubenS an (Si)xipS, b'oS eroige £eben 
,mit btei ©rünben" bemeifen rooUe; unb beäl^olb mat ü)m bie 
3(;>ologeti! ber ^ubag SRo. 2, ber be§ SRenfc^en ©ol^n mit einem 
fiu| oerrät. 

3n feinem Stampf gegen bag ©emotinl^eitöd^riftentum benü^t 
er auct> bie g5ttlid)e 2lutorität ber ©c^rift afe SBaffe, unb mieberum, 
toie idj glaube, in taftifd^ ni^t ju red^tfcrtigenbcr SB3eife. 3)ie 
Sbeale, n)eld(e er oerfünbigte, ^atte er bem Jlcuen Sieftament ent« 
nommen, melc^ci^ feiner ftirc^e unb i^m für untrügli^e SBal^r^eil 
golt. 3)ie§ ermöglidite il|m, ben ^inb im SRürfen ju faffen, ein 
ber :3beale bar geworbene« ©eroo^n^eitö^riftentum bur^ feinen 
eigenen 5lanon ber äBaI)rI)eit ju rid)ten. Qtx brauchte nur mit 
ben ftttli^en 9lnforberungen bei^ in ber ^toxxt unbebingt ancr^ 
famiten 9leuen Seftament« in praxi ®mft )U maii^en, unb er 
^e unbebingt gemonnen; e^ tonnte niemanb leugnen, ba^ bie 
3beale be§ Sleuen 2:cftament§ in ber befte^enben ®^riftent|eit 
;n:aftifc^ fo jiemlic^ unmirffam feien. @o erhalten mir bie Stn* 
wifung in „Qnx ©elbftprüfung", bae „SBort ®otte8" fo ju lefen, 
bap man ftet§ gu fic^ fage: „2)u bift ber SWann!" — „ge!|e I|in 
unb t^ue befgleii^en!" ©o jroedtmä^ig aber auc^ biefe 2lnroeifung 
i(^inen mag, um bie innere Unroal^rlieit in bem Äultu£i beS SBBorte^ 
®otte§, ber ja im ^roteftantiSmuig fet|r beliebt ift, aufjubecfen, 
fo ift fie bo^ praftifd^ fe^r bebenfii^ unb fann leicht bag ©egen- 
teil beffen beroirfen, voc^ fte beroirfen foU. 3)enn fie entt)ält nid^t 
nur eine fet)r fd^mere, fonbem eine pf^i^ologifd^ burc^auö un* 
mdgH(^ fjorberung. ^i^ foJl bei jebem einjclnen SBort ber ©d)rift 
ben 9lad>bruct empflnben, ber auf ein«n SBort ©otteg liegt 
%m ift aber nad) Äierfegaarb bag SBort ©otte§ ein Jammer, ber 
Jelfen jerfdjmei^t £öfe ic^ eg aber in einzelne SBorte ©otteö 
«uf, oon benen jebeg ben Stad^brurf l^ben fotl, ben eben ©Ott 
giebt, fo mirb aui8 bem Jammer, ber g^lfen jerfc^mei^t, ein 
^mmermer!, baS ja^ltofc, glei^ gen)id)tige, b. ^. unenblid) ge^ 
TOid^tige ©d(lage auf ba§ ^aupt be§ ©ünber§ fallen lä§t. Sann 
wirb aber ber 9Äenfd) nid^t met)r et^ifd^ gebrodjen, fonbem gc- 
räbert, bi§ er ba§ ©efül)l oerliert ober bi§ er gelernt l^at, ben 



214 S^rempf, ^erfegaatbd Stellung ju S3tbel unb 2)ogma. 

untnöglid^ burd^jufütircnben abf olutcn ®mft im Umgang mit ®otte§ 
933ort burc^ ein falfc^eS ^t^og ju crfe^en. ^iemit ift genau 
bag ©egenteil t)on bem beroirft, mag Äierfegaarb anftrebt; ber 
etl^ifc^e ©nbrudf beS SIeuen 2:e[tament§ ift nii)t oerftdrft, fonbetn 
abgcfd^mäd^t. — 9loc^ in anberer 93egie!|ung fann jene älnmeifimg 
irre leiten. 3)a fie nämlid^, wenn jie überhaupt wirft, ben SRen« 
fc^en junSdift nur beffen überffi!|rt ba^ itim ©otteS SKort nic^t 
mirHid^ ®otte§ SEBort geroefen fei, baj3 er alfo an @otte§ SBort 
geglaubt unb boc^ ni^t geglaubt ^abe: fo liegt eS nalie, bo^ 
man auc^ femert)in bie 2lufmerffamfeit me^r feinem miberfpru^S» 
DoUen 93er^ältni§ ju @otte§ Sßort jumenbe, aU bem StbfaK oon 
©Ott, oon ©^riftuS, oom Qfbeal. S5ie ^m6)t mirb bann lei^t ber 
SBorfa^ fein, ba§ man e§ fünftig mit @otte§ SBBort boc^ emft 
net)men moQe, noc^ ernfter a(g big j|e^t, ba man eS boc^ nrit 
manchem aud^ fc^on emft na^m. Statt baj3 man auf bie Un« 
rein^eit unb ä^i^fpätt^sf^it ^^ ^ei^eng aufmerffam mürbe, ent= 
ftel^t bann eine ftttttc^e Oefc^dftigfeit, beren Oefa^ren Äierfegaarb 
fef)r beutUd^ erfannt t)at 

3um ©c^Iuffe biefer ©rörterungen mad(e id^ nodi befonberS 
barauf aufmerffam, ba§ baS auggefpro^ene Urteil über ^erfegarbS 
93enü^ung beä 2)ogmag unb be§ 9leuen 2:eftamentg burc^auS 
unabl|ängig ift Don bem Urteil barfiber, ob ^erfegaarbg Sttuffaffung 
beg SDogmag unb ber 95ibel richtig ift ober nic^t ^Dagegen ift 
leirf)t einjufetien, ba§ er bie befprod^enen SRi^tic^feiten notmenbig 
Ilätte bemerfen muffen, wenn er nid)t gemolint geroefcn märe, in 
SJogma unb 93ibel ®lauben§gegenftänbe gu fetien. 3!nf ofem mö^te 
man bebauem, baj3 ^erfegaarb fi^ mit ber überlieferten c^rifttic^ 
fie^re nie fo übermorfen ^at, ba^ er fie für fid^ oöUig neu l^ättc 
reprobucieren muffen. Stnbrerfeitg ift an ilim gerabe ba8 bebeutfam^ 
bap il|m tro^ feine§ 93ibel= unb ®ogmenglaubenä SBibel unb S>ogma 
bie 2)ienfte nic^t leiften tonnten, ju benen er fie nerroenben rooHte, 

IV. 

@g lä^t fi6) aber nic^t blog nac^meifen, ba^ ^iertegaarbd 
aScrmenbung ber SKutorität Don 93ibel unb S)ogma ben S^tltn 



r 



S^rempf, IhertegaarbiS ©tellung au f&ihzl unb ^ogtna. 215 

nic^t roirfli^ cntfprad), bie er oerfolgtc, unb alfo ein taftifc^er 
^ler roar; cS lä^t fid^ no^ weiter jeigen, ba§ er in feiner 
Hb^gigfeit oon ben d^riftlid^en Slutoritätwi unb bei ber SBer* 
©enbung berfelben ©ebanfenreil^en entoicfelte, welche mit beiben 
uic^t me^r oertrdgli^ waren, o^ne ba§ er boc^ beS^alb avä feiner 
3Ü)t|ängigfeit !|erau§getreten wäre unb eine anbere STOetl^obe ber 
SJenoenbung ^riftUd^er Slutoritäten gefuc^t l^ätte. SBoS l^ierüber 
}u fagen ift, berütirt ftc^ j. %. mit ©ebanfen, bie fc^on Dorgetragen 
fmb; ber 3>eutUd^Ieit megen mid id^ aber auc^ folc^e ^nfte 
nic^t äbergelien. 

1) Äierfegaarb !|at f d|on früti entbedft , ba§ bie gef e^lidie ®e« 
bunbentieit an ein fieiliged fie^rbud^ bie äBa^rl^aftigteit be§ ^enfenS 
gefo^rbe. 3Dlan oergleid^e nur bie Dortrefflid^e SÖemerfung im „53e* 
griff ber Stngft" @. 36 f., mel^e bem ©inne nad^ mit 2luf jeid^nungen 
öuS bem ^a^r 1835 übereinftimmt (@ft. Sßap. 1833—43, @. 43): 
„aBoS biefer [UfteriS] ©rllärung [beg ©ünbenfatfö, in feiner ©nt* 
mdlung beS paulinifc^en £el|rbegriff^] mangelt, ift, ba^ fie nic^t 
rec^t für pfq^ologifc^ gelten miU. S5ie§ ift natürlich fein Säbel; 
benn fie verfolgt feinen pf9d^ologifd)en ©nbjroedf, fonbem I|at fi^ 
bie Aufgabe gefegt, $auli £e^re ju entmicfeln unb an baS ^iblifd^e 
aiQufnüpfen. 2lber in biefer S5ejief|ung l)at bie Sibel f^on oft 
f^oblid^ gemirtt. SSSenn man eine Unterfud^ung beginnt, fo i)at 
man fid^ fd>on gemiffe flaffifc^e ©teilen feft in ben Äopf gefegt, 
unb @ang unb Siefultat ber ©rflärung mirb ein 2lrrangement 
biefer ©teilen, als märe einem baS ®anje fo fremb. — ^ 
natürlicher, befto beffer! 9Wan fe^e in aller S^rerbietung feine 
(Srltorung neben bie 3)leinung ber Sibel ^in unb fange noc^ ein» 
mal von loom an ju erflären, menn beibe nid|t jufammenftimmen 
mollen. ©o fommt man boc^ nic^t ju ber oerfeI|rten.©tellung, 
bie (Srfldrung oerftetien gu foHen, beoor man oerfte^t, roaS fie 
erflären foll, unb auc^ ni^t ju ber t)interliftigen ©teHung, bie 
©d^riftfteUen fo ju benu^en, roie bie perfifc^en Äönige im Kampfe 
gegen bie SSg^pter ben fieiligen ©tier benu^ten : um fid) ju fid^ern. " 
3)a§ bie 93ibel in biefer SBeife fc^dblic^ wirft, unb nic^t blo§ bei 
JRationaliften, auf meldie bie ©teile urfprünglic^ ^inbeutet, fonbem 
bei Itieologen jeber 9Hct)tung, ift ganj geroi^. S5er ©c^aben wirb 



216 Sd^tempf, ^terfegaatbd Stellung ^u fBibet unb 2)ogma. 

aber fo lange nidf)t gel^oben roerben, al8 e8 bem ©Triften übcr*= 
tiaupt n\d)t geftattet ift, eine 9Reinung neben ber 95ibel ju f^aben. 
3£Ba§ nü^t e§, im 3)enfen immer mieber oon Dom anjufangen, 
menn man mei^, morauf man enblid^ bod^ ^inauSlommen mu§? 
®en gerügten ©c^aben mirb bie 93ibel erft bann nid^t mei^r an* 
richten, menn fie nic^t mel|r Slutorität \% nic^t met|r ba§ @efc^ 
für bagjenige 3)enfen unb Steinen, ba§ für diriftüc^ gelten foBL 
— 2luf bem ©ebiet be^ ©ittlidien l^at Sierfcgaarb eine äJ^nlic^ 
S3etrad)tung, meinet SGBiffeng, nidfit angeftettt. 2)od^ la^t fte fid^ 
leicht in Äierlcgaarb§ ©inn ergänjen. 93on bem etf)ifd^en "Söiblu 
jiSmuö in „Qnx ©elbftprüfung" aus; ift feine ©ntmidflung, fein 
8Bact)§tum, fein aUmäI|Iic^e§ heranreifen be§ fittii^en ©ubjefts 
möglict). SBon ii|m aug ift e8 inSbefonbere burc^auS unftatt^aft^ 
eine SBerlobung aufjulßfen unb 93üc^er ju fd^reiben wie „Snt* 
meber — Ober", bie „SBieber^oIung", bie „©tabien auf bem 
fiebenSmeg", mag Sierfegaarb alles get^an l)at, unb roie 16) glaube 
mit religiöfem SRec^t. 3)ie forgfältigen (Jrmägungen Sierfegaarb^, 
mie er ber <3bee feines fieben§ treu bleibe, melc^eS feine religiöfe 
93efrimmung unb 2lufgabe fei u. f. f. — fie maren frevelhafte 
3eitt)ergeubung, menn jener ett|ifd)e öiblijiSmuS ju Stecht befielen 
fott, mie er fic^ auS ber 3lnroeifung in „Qnx ©elbftprüfung" ergiebt. 
Äierfegaarb fiätte aber gemi§ biefem 95ibli}iSmu8 ju lieb feine 
©ntmicflung nic^t oerleugnet unb Dermorfen. 

2) 3)ie Slufgabe, meiere Sierfegaarb 3)ogma unb 93ibel ju* 
roeift, ift rid^tig oerftanben eine päbagogifc^c. 3)em 3Jlenfc^en, 
ber fic^ in ber SBelt verlaufen miß, mu^ ^alt geboten werben^ 
bamit er einmal ftilte ftet|t, barauf aufmerffam mirb, ba§ er fid) 
verirrt ^at, unb fid^ orientiert. ^nSbefonbere mu§ ber S^rift, ber 
in unoerbroffener roiffenfdiaftlid^cr ober gcmo^nlieitSmä^iger „Ob* 
jeftioität" mit fittlic^en unb religiöfen Singen umjugelien gelernt 
^at, otine je ernft^aft ju benfen, ba^ er auf gang falf^em SBeg 
fei, einmal gcftellt merben, genöttgt werben, ba§ er fid^ orientiere, 
meldjem 3^^" ^^ eigentlich julaufe. 3)aju nun, ben ÜÄenfd^en jur 
aiufmerffamfeit auf fiel) felbft ju jmingen, fanb er baS paraboye 
2)ogma unb bie ©d^rift geeignet. ©oUten fie ©rfolg ^aben, fo 
mu^te er fie ate etmaS burc^auS QertigeS, ©eftimmteS bem aJienf ^en 



Sd^rempf, JHerfegaarbd Stellung ju f8\btl unb 2)ogma. 217 

gegenüber treten laffen, bie W)d ciS birefteS SBort ®otttS, hoS 

1)ogma aU geoffenbarte SBo^rfieit. ^iemit fonnte er ober boc^ 

nur auf folc^e nrirfen, »el^e baS ®ogma fd^on für geoffenbarte 

äßo^r^eit unb bie »ibel fc^on für ©otted SSSort l)ielten; anbere 

toin feine Senoenbung oon 93ibel unb 3)ogma nur ju einer 

objettioen SiStuffion über ben &)axatttt oon ^ibel unb 2)ogma 

führen. IJemer t)at Äierfegaarb felbft roofjH g«ou§t/ bo^ bie 

%ttorität oon 93ibel unb 2)ogma auc^ bei folgen, bie fd^on an 

beibe^ glauben, oft nic^t ben gemünfc^ten @rfoIg Iiaben n>irb. 

^nn n>enn ber 9lutoritäti^gl&ubige burd^ feine 9lutorität einmal 

ernft^aft inS Unred^t gefegt njerben folt, fo roilt er ben öeroeiö 

Wien, ba§ SBibel unb 3)ogma i^n roirflic^ in§ Unred^t fe^en. 

ßieraug entfpinnt fid) roieber eine Unterfuc^ung über ben ©inn 

ber Autorität bie in ungeftörter Objeftioität oerlaufen fann. 3)a| 

cö fo ge^ mu^, ift aud) leidet oerftänbUd^. Siner ^erfon, 

welche fi^ bagegen oerteibigen m\l, ba§ fte auf einem ^f^noeg 

jei, ift ein 93 u^ ober ein fiel^rfa^ nie gemad^fen, fonbern nur 

eine überlegene ^^Jerfon. Äein @efe^ unb feine 2:^eorie fann 

atte 9lugf[üc^te abfd^neiben, bie eine ^crfon fuc^t, meiere 9ied)t 

bebten will; gefangen mirb eine fold^e nur burc^ eine ^erfon, 

unb bann auc^ ni^t burd) bie a:f)eorien biefer ^erfon, fonbern 

wenn je, fo burd) beren perfönlid^en ©inbrud. S5ie§ \)at ftHerfe* 

goarb mol^l oerftanben unb fc^liejllic^ auc^ bemgemä^ ge^anbelt. 

3lte er ber Äird^e baS S^riftentum be§ 9icuen 2:eftamen§ abge- 

fproc^tt ^atte, rourbe er oon einem 2lnonrimu§ aufgeforbert, boc^ 

ielbft in fiaren beftimmten Umriffen eine 2)arftellung ber Seigre 

beö Steuen Seftamentg ju geben, bamit man fidler roiffe, maS er 

eigentlich motte. SEBa§ gab er jur Slntmort? „2)er Jßorfc^lag, 

büß i(^ eine 3)arftettung ber fielire beS bleuen 2:eftamenti8 

('(^reiben fott, oieHeid)t ein großes 93uc^, eine 3)ogmatif . . . , 

mu§ mir entmcber ate eine 3)ummt|eit erf feinen, ober al§ 

eine JJaHe, bie man mir ftetten roitt, bamit ic^ mir ben 

Sugenblirf megfd^ma^en laffe, meine Slufgabe falfc^ auffaffe, 

mi) in eine miffenfdjaftli^e SKeitläufigfeit oerliere, um in i^r, 

wog leici^t bie fjolge fein fönnte, umjufommen, ober bod) oom 

Sd)aupla^ al^utreten." S5a§ mar feine emftliafte unb, mie ic^ 



218 S^rempf, jlierfegaarbd ©tedung su SBtbel unb 2)09ma. 

glaube, ganj rid^tige ÜReinung, nid^t ctoa eine blo^e 2lu8flu^t, 
um eine unangenehme S^^^tt^^S abjuroetiren. 9Äit feiner 3lnU 
xooxt I)at er aber boc^ aud^ ba§ inbirett zugegeben, ba^ bie 
2lutorität beS SIeuen S^eftamentS gerabe im fritifi^cn 
2lugenblicf ben ®ienft oerfagt. ©onft ^ätte er boc^ jene 
ätufforberung benu^en muffen, um burd^ ba8 9leue S^eftament je^t 
ben entfc^eibenben ©c^Iag ju fül^ren. — ®a§ Äierfegaarb fpater 
boc^ nod^ bie älutorität S^^rifti ju einem entfd^eibenben Schlag 
benu^en mottte unb ma§ bauon ju Italien ift, merbe ic^ mx^ be^ 
rüt)ren muffen. 

3) ^m „begriff ber Slngft" (©. 12) fteUt «igiliu« ^ouf* 
nienfiS bie öel^auptung auf: „@igentlid| ift bie ©ünbe in gar 
feiner 333iffenftf)aft t)eimatbered|tigt. ©ie ift ©egenftanb ber 
^rebigt mo ber ©injelne ate (Siujelner jum @injelnen fprid)t" 
3)er 3ufammeni|ang jeigt ate legten ®runb biefer 3^efe, baj3 e^ 
unftattl^aft fei, mit miffenfc^aftlid^er Dbj[cftix)ität an bie ©finbc 
ju benfen unb Don if)x ju reben. 3)ie ©ünbe barf nur at^ etn^oS, 
baS emft^aft befämpft roirb, in§ SBemu^tfein treten unb gerufen 
roerben. SEBie fte^t e§ nun aber mit bem 3)ogma oon ber ©ünbc 
unb ber bogmatifc^en 95e^anblung berfelben? „3)ie ®rbfünbe 
foU oon ber ®ogmatif nid^t erflart merben; i^re (Srflarung foQ 
nur fein, ba^ fie oorau§gefe§t mirb." Ob tiierburd^ bie roiffcn= 
fc^afttidie Objeftioität bei ber bogmatifc^en SBe^anblung ber ©ünbe 
l^intänglic^ oermieben mirb, ift nod^ eine ^rage. 9lod^ fragü<^er 
ift aber bie§, maS SSigiliu^ nic^t in ^etrad^t jie^t, ob bei ber 
öilbung be§ ®ogma8 oon ber ©rbfünbe bie ©ünbe immer nur 
afe ba8 betrad)tet morben ift, ba^ emft^aft befäm|)ft werben mu^. 
aJlir fd)eint Sßigiliu^ auf bie Srfenntni^ l^injuleiten, ba§ mir haä 
3)ogma oon ber ©ünbe ber Sßenoettlid^ung ber Äir^e oerbantcn, 
bie ftatt im Äampf gegen bie ©ünbe ju leben eine Seigre oon 
ber ©ünbe feftftettte. — tfinUd^ oer^ält e8 fi^ mit ber S^tifto-- 
logie, nur baj3 mir I|ier nur inbireft na^meifen fönnen, wie 
Jlierfegaarb baö S)ogma oon S^riftuS I)ätte betrad^ten muffen, 
menn er e§ nic^t immer fd)on at^ fertige, geoffenbarte SBSo^rl^eit oor 
atugen gehabt t)ätte. ^n ber „Einübung im ©tiriftentum" (@. 308 ff) 
erHärt 3lntictimacu§*Äierfegaarb, ba§ e§ it|m unbebingt eine Un^ 



Sd^tempf, Aierfegaarbd ©teCtung ^u S3ibe( unb 2)ogmQ. 219 

inSgK^fcit wäre, afö 9Jlaler ober 53Ubl|aucr (S^rifti 53itb barju^ 
(teilen. „@§ roärc mir in bem ©rabe eine Unmögüdifcit, ba^ e8 
mir unfccgreijlid^ ift, wie e^ jemanb möglich ift. SKan fagt: mir 
ift bie 9hi^e unbegreiflid^, mit meld^er ein ÜÄörber fi^en fann unb 
lein SWeffer fc^leifen, mit bem er einen anbem SWenfc^en töten miU. 
Suc^ mir ift bag unbegreiflid|. 2lber in SBa^rlieit, ba§ ift mir 
auc^ unbegreiflid), mie ein 5Kinftler bie SRuIie befommt, ober bie 
9lii^ ift mir unbegreiflici^, mit roeldier ein Sünftler ^ai)x auö 
Ott^r ein ft^t, fleißig bei ber Strbeit ®l^riftu8 ju malen, o^ne 
ba§ e§ il|m cinfdttt, ob bo^ S^riftuS ftd| gemalt münfc^te .... 
^ begreife e§ nic^t, mie ein Äünftler feine SRul^c bema^rt, ba§ 
er gtirifti Unmißen niift merft unb plö^Iic^ atleS bei ©eite mirft, 
^fel unb garben, mie QnhaS bie 30 ©übertinge, meit, mcit 
weg, meil er plö^Iid^ oerftanb, ba^ ß^riftuS nur 9lac^fotger ge* 
TOoHt ^at . . .", nic^t Söemunberer, meiere feine ^errtic^feit be* 
trachten unb barfteßen motten, ftatt in feine Sladifolge einjutreten. 
SBie fte^t e§ aber mit ber „öemunbcrung" S^rifti, meldte im 
2)ogma fiyiert ift? mie fte^t e§ bamit, ba§ bie ©firiftenl^eit bie 
^enlic^feit, ba§ SBefen unb SBerf ß^rifti in bogmatifdie gormcln 
fa|te, roeldie ju glauben K^riftenpfli^t fein fott? ^aben ftd) bie 
SBötcr ju 9Kcaa, Äonftantinopel unb ©i^alcebon bie S^age oorge= 
legt, ob S^riftuS, ber 9lad)f olger moUte, auc^ eine @;i)riftologie 
motlte? ^)t ba§ ©^mbolum Quicunque baju gef (^rieben, ba§ ja 
niemanb ocrgeffe, ®^riftu§ nac^jufolgen, ober baju, ba^ man it|m 
ja nic^t }u geringe „Serounberung", @^re joUe? Qa, auf roas; 
ma^t benn bas^ apoftolif^e @lauben§befenntni^ aufmertfam, auf 
bie „3lac^fotge" ? ober auf bie „öemunberung" ? — SBagt ft'ierte- 
gaarb bie d^riftlidje Sunft ein neue§ ^eibentum ju nennen, bie 
c^riftlic^e ^nft, meldte bod) nict|t blo^ munbertliätige ^eiligen^ 
bilber gefc^affen l|at, fonbem aud(| felbft für ^roteftanten mirflic^ 
erbauüd^e Sunftmerfe, fo barf man roo^l auc^ ber grage näf)er 
treten, ob ni^t ba^ d^riftüc^e 2)ogma ba^felbe ^eibentum in fiel) 
birgt, obgleich !at^olif^e unb eoangelifc^e ß^l^riften unb ^erfegaarb 
mit i^nen e8 für fetir erbauUc^ unb für ba§ Junbament beei 
S^riftentum^ l^alten. 3)aju bered)tigt Äierf egaarbä 93etracf)tung§* 
toeife — nic^t etma blo§ ^arnatfg 2)ogmengefc^id)te. 



220 @(i^tempf, Ittetfegaarbd Stellung ^u S3ibet unb 2)ogina. 

4) 2lfö ©gmptom bc§ gegenroärtigcn 3iiftonb8 ber ©Triften- 
Iieit l^atten loir oben }u befptcc^cti, ba§ bic reale aRöglid^feit be§ 
^rgemiffe§ an ©tiriftu^g in it|r f o wenig erfahren werbe. 3)e^^alb 
ift nac^ Äierfegaarb irgenbroie barauf !|injun)irfen, ba§ bie ÜDlög- 
lic^feit be§ Srgerniffe§ roieber afö bebeutfamer gaftor in ber 
Stellung ju ©l^riftu^ jiur ©eltung fomme. Soll bieS aber gc* 
fd^etien, fo muffen 2)ogma unb ©ibel ilire biSl^erige offijieDe SÄutori» 
tdt^ftcäung oerlieren. SB8o^l erregt ja ©ojma unb 33ibel in monc^ed 
SlWenfci^en (Sntroirflung gegenwärtig eine Srije, in ber e§ ftc^ barum 
^anbelt, ob er fid^ ärgern ober glauben wolle. 2)ie 2lutorität§= 
ftellung oon 2)ogma unb ©ibel trägt aber aud^ I|iebei l^äufig bie 
Sd^ulb, ba^ bie ^ife nid^t rid^tig unb !lar oerläuft unb beSl^alb 
bie 5^uci|t ni(^t trägt, bie fie tragen foUte. 3)enn leidfit wirb bic 
^tageftetlung für ben Äämpfenben biefe, ob er 2)ognta unb Sibel, 
ober ob er bie bogmatifd^e unb biblifd^e ätnfc^auung oon S^rtftuS 
oeuwerfen foUe ober nid)t, wä^renb bie rid^tig gefteUte S^age nur 
bie fein fann, ob man fic^ gegen ®^riftu§ behaupten ober fid^ 
i^nt f)ingebm unb jur SBerfügung ftellen wolle. 2)ie ^auptfadie 
ift aber, ba§ burc^ bie Slutorität oon 2)ogma unb 95ibel bie SJlög» 
ütf)feit eine§ wirftid^en 2irgcmiffe§ an ®^riftu§ unb einer wirf*: 
Ud)en Sntfdieibung für it)n weggefd^afft ober boc^ bie Ärifi^ ab= 
gefd|wäct)t wirb. 3)enn burdti bie Sinprägung beS mit 3lutorität 
betleibeten SJogmaS unb burc^ bie SBere^rung ber 93ibel wirb 
®^riftu§ bem 3llenfd)en in eine folc^e gerne gerüdEt in eine folrfie 
^'di)t über i^n getioben, ba^ oon einer ernfttiaften 2lu§einanber= 
fe^ung jwifct)en beiben nie bie Siebe fein fann. ©o wirb ber 
®l)rift angeleitet, in unbeftimmter, Derftf)wommener Sewunberung 
®^riftu§ JU T)erel)ren, ftatt in concreto ber grage nal)e ju treten, 
in wiefern bie „iWad^folge" ®l|rtfti eine Säuberung feiner Sfiftenj» 
weife erfieifc^e unb ob man fic^ ju einer folc^en entfc^lie^en wolle. 
2)a§ man bem bogmatifc^en ©firiftu^, bem ©ottmenfdjen „tia^^ 
folgen" wolle, für ben ja ©ünbe ate reale aJiöglid^feit gar nic^t 
in Setrac^t lam, ber nid^t geboren würbe unb nid^t ftarb wie 
anbere 3Henfc^en, fonbem ftreng genommen fic^ gebären lie§ unb 
gar nid)t ftarb, ba ber Xoh für it|n ba^ nic^t bebeuten fonnte, 
ma^ er für un§ bebeutet — baS ift ein ©ebanfe, ber in feinem 



64tempf, Jüetfegoarbd Stettung )u f8ibti unb ^ogma. 221 

anbem Sinne cmft^aft in 33ctrac^t fommcn fann, ate bei% ba§ 
©ir üottfommcn fein follen, wie ber SSater im ^immel oottfommen 
ift, 3)e8l|alb fann er aud) nirf>t roatirl^aftig jum „Srgemiö" 
teijen, ju feiner ernftl)aften Slugeinanberfe^nng unb ©ntfc^eibung 
brongen. 3^ hxt^zt fommt e§ nur, roenn ba§ ^beal in einer 
@eftalt Dor äugen tritt, mel^e jugleid^ ben fonfreten öerociä 
liefert, ba§ man eS realifieren fönnte, menn man nur mollte. 
liefen 93en)ci§ fann ber „Oottmenfc^" ni^t liefern, überhaupt 
fein (S^riftuS, ber juerft fo meit oon un§ entfernt roirb, ba^ fein 
2ebcn für un^ gar nid^t me^r ate reale (äyiftenjmögüc^feit in 93e* 
trati^t fommt. ©oU alfo bie 2ÄögIid)feit beS 2irgerniffc§ ^cr, fo 
mu$ bie Entfernung S^rifti in unbeftimmbare ^öt)e aufge{)oben 
unb ßtjriftuS in möglic^fte 9lät|e gerürft werben, b. f). ba§ 3)ogma 
muB weg, unb ebenfo bie 2lutorität be^ Sleuen 2:eftament§, meiere 
®t^viftu§ gleic^fatte oon ungi entfernt, 

5) ®ogma unb 9^eue§ Seftament fönnen auc^ unbebenflirf) 
itjrer Autorität entfleibet merben. 25ie^ ergiebt fid^ roieber aus^ 
ben ^^Jrinjipien Äierfegaarb^. 2)enn e^ giebt feinen „Sd)üler 
jronter |>anb", mie bie „p^ilofop^ifcf/en öiffen" betiaupten unb 
bie „Einübung im S^riftentum" bem ©inne nac^ roieberfjolt. SlUe 
jünger Sf)rifti fmb fic^ roef entließ g(eict) ; loer mirf lict) an ©^riftu^ 
glaubt, mu| feinen ©lauben burd) birefte öerü^rung mit (Jljriftu^ 
erhalten i)abm. „35er ©laubenbe ^at ftet§ be^ ©laubeng 21 u t o p f i e ; 
er fte^t nid)t mit ben 2lugen eine^ anbem; er fief)t nur ba^fetbe, 
voQä jeber Olaubenbe fie^t, mit ben 3lugen be§ ©laubenö." SÄü^te 
er mit ben 2lugcn eine^ anbem fefien, fo mdre biefer anbre in 
28al|rl>eit fein @ott. Slud^ mirb jeber ©laubenbe feinen ©lauben 
jo mitteilen, ba$ ber anbre nic^t meinen fann, er ^abe ben ©tau- 
ben, um ben ftc^'g Iianbelt, menn er bem ©laubenben roieber 
glaubt. (^Jtiilof. 93iffen ©. 263 ff.) 9lun rü^rt aber roeber ba§ 
2)ogma noc^ ber Äanon oon (£^riftu§ felbft ^er, fonbern nur Don 
Sd)filem ©f)rifti, bie un§ roefentlid^ gleid^ ftet|cn. 2luc^ bei ben 
SBorten, bie mir oon ©firiftu^ felbft f)aben, barf nid^t überfe^en 
werben, mag aud| oft genug beutlic^ ju bemerfen ift, ba§ fie un§ 
nur burc^ ben SiTOunb oon ©c^filem überliefert finb. ©oll nun 
bie mefentlid)e ©leid^lieit aller jünger <3efu nic^t blope ^f)rafe 



222 Bäixtmp^, Älcrfeßaarbd ©tcttung au Jöibel unb 3)ogma. 

fein, fonbem praftifd^c @ttttgfcit ^aben, fo barf e§ nid^t für 
„Olaubcn" gelten, ba§ man ©firiftu^ mit ben 2lugen be§ 9leuen 
2:e[tament§ unb be§ 3)ogma§ anfielt, unb e§ barf bie§ au^ nid^t 
afe Olaubenöforberung jemanb jugemutet merben. SBon einer 
„2lutorität" be§ 9leuen a:eftament§ ober be§ SJogmaS 
!ann alfo !eine Siebe fein, ^iegegen ftreitet im ®runbe gar 
nid^t ba§ Äierfegaarb t)iet oon ber 2(utoritdt ber 3lpoftet ju rebcn 
mei^. S)enn biefe befte^t genau genommen nur in ber SJoHmadtjt, 
bie i^nen burd^ ilire 93erufung ju teil mürbe, bie SÄenf^en mit 
„2)u" anjureben unb ate ©ünber ju bel^anbeln, mä^renb ber, 
melier feinen befonbem göttli^en Auftrag f)at, nur „geiftmeife" 
(mie man im ©c^mabifd[)en fagt) reben unb nur mdeutifd^ ouf 
bie ÜRenfd^en einmirfen barf. SJon einer Selirautorität ift babci 
eigentlid^ nic^t bie SRebe. ®ne ä^ntid^e 3lutorität oerleil^t nac^ 
Äierfegaarb^ früherer Slnna^me bie Drbination, me^^alb bie 
rid^tige ^rebigt baS „S)u" gebraud^en, perfönlid) fein fott. 3)iefc 
3lutorität ^at ftc^ Äierfegaarb in feinen legten Äömpfen felbft an* 
gemalt, inbem er j. 93. fagt: „mer S)u aud^ feift, S)u l^aft eine 
©ünbe roeniger auf bem ©emiffen, menn S)u ben öffentlid)en 
©otte^bienft nid^t me^r befudift." 3)enn ba§ ift bod^ feine 
ajläeutif met)r. 

6) S)ie unter 3), 4) unb 5) befproc^enen SKomente finb ju* 
fammengefa^t nod)mafö ju bead^ten, menn i^ nun auf ÄierfegaarbS 
fpdtereg ^auptftid^mort, bie „©leid^jeitigf eit mit ©^riftus" 
ju fpred^en fomme. — ^i) i)abt fd^on gefagt, ba§ na^ Äierfe= 
gaarb jeber, ber mirfti^ glaubt, feinen ©tauben oon ®^riftu§ 
fetbft empfangen ^aben mu^. 3)ie§ ift nid^t etwa mgftifd) gu oer^ 
fte^en, mie man meinen fönnte, fonbern l^iftorif d) ; ber S^riftu^, 
oon bem man ben ©tauben erhalten folt, ift nid^t ber cr^ö^te, 
mit bem man in eine unio mystica treten fönnte, fonbem ber 
{)iftorifd^e, erniebrigte ®^rifhi§. 2)en ©tauben befommt man nur 
baburd^, ba^ man mit ttarem, nßd^ternem 93erou§tfein ben 3Jlenfdjen 
Qefuö oon 5iajaret^ oor 3lugen t)at, ber burd^ feinen äußeren, 
bireften Semeiö (bie SHJunber fonnten na^ Kierfegaarb ni^t als 
folc^er bienen) jeigen tann, ba§ er etroa^ ganj ©efonberesJ fei, ber 
be^^alb ate eingebitbeter ©otte^fo^n junäd^ft Stuffe^en erregt. 



6 (^ rem Pf, ^erfegaaibd Stellung gu SBibel unb S)ogma. 223 

bann uerlac^t, cnbüd^ ge^a^t unb getötet n)irb — ba§ man il)n 
Har unb nfid^tern vox Singen i)at unb nun non it|m bie „®e=^ 
bmgung", bcn 93Itcf befommt, um in feiner 9ltebrigfeit feine 
^ö^c ju fe^en. 3)ie ©fjriften^eit ift au§ biefer ©leic^jeitigfeit 
^ausgetreten. „9Kan ift auf unerlaubte unb ungefe^Iid^e SBSeife 
ein Don ©^riftuä 9Biffenber geworben" — unb glaubt gerabe 
bc^^olb nic^ (©inÜbung ©. 40). ajlan mei^ nämlic^ in ber 
6|riftenl)eit ganj genau, ba§ bie (ämiebrigung ®^rifti nur ein 
Qntcrmejjo mar, ba§ fein Seben in göttlid^er ^o^eit unterbrach, 
ober eigentlich nic^t unterbrad^, ba bie (Srniebrigung, mie ^erfe* 
goarb ficli auSbrürft, nur ®l)rifti „^fncognito" mar. SÄan fiet)t 
ben (Smiebrigten gar nid^t me{)r unb beS^alb glaubt man an 
bcn ©rf^ö^ten eigentlid^ nic^t. ®em fei fo. SDSer oerrät aber bem 
©Triften in ungefe^li(^er unb unerlaubter SBSeife immer mieber, 
ba| ©^riftuS eigentlid^ ber ©miebrigte gar nid^t ift, als ber er 
bafte^t, fonbem @ott, ber fiel) gebären lie§, ftarb, oom ä^obe 
auferfianb unb nun mieber ©ott ift, maS er immer mar? ^i) 
benfe bo^, baS oon Sierfegaarb fo ^od^gefcliä^te geoffenbarte 
2)ogma unb boS infpirierte 9leue ä^eftament, meldte jebem ©Triften* 
finb oom 8. SebcnSja^r an als abfolute SBo^r^eit eingeprägt merben. 
Unb eS ift eine ftnnlofe, unnatürlid[)e 3^"i"t^^g/ i>Q§ ^^ ®^rift, 
um glauben ju fonnen, ni^t miffe, maS er boc^ auS ber in- 
florierten 93ibel unb bem geoffenbarten S)ogma mit einer ©icfier* 
ffdt rm% an ber aud^ nur ju jmeifeln eine ©ünbe ift. SMffen 
alfo bie „18 3iöf|rf|unberte" meg — rrfonft ift baS S^riftentum 
objefc^fft", ertlärt Äierfegaarb fategorif^ — unb mu§ bie (Sleicf)^ 
jeitigfeit mieberl)ergeftettt merben, fo mu§ ju aflererft bie Slutorität 
beS geoffenbarten 3)ogmaS unb ber inf girierten 93ibel meg; baS3)ogma 
mu§ mieber eine biSputable SJleinung merben unb bie 93ibel mieber 
ein Söud^, baS 9le^t f)aben f ann ober aud^ ni^t. S)aS ift ja 
baSjenige, maS bie Situation ber @leicf)jeitigfeit am allerfd^ärfften 
c^rolterifiert, ba§ ber ß^itg^^^^ff^ ®f)rifti in feinem oon ber 
tierrfc^enben @efellfcf)aft als abfolute SEBalir^eit anerfannten ®ogma 
fc^on ben ©^lüffet befa§, ber aße SRätfel ber ^erfon S^rifti 
jum norouS lofte. ^a, no^ mel)r: fott bie Situation ber ©leid^* 
jeitigfeit mieber Ijergeftellt merben, fo mu§ bie Slutorität ©lirifti 



224 ©(^rempf, j^terfegaarbs ^tedung ^u SBibel unb 2)odma. 

mcg. 3)enn anno 30 war er bod) noc^ nid)t offijiettc Slutorität 
wie I)cutc, anno 1891. SBic fann id) auc^ Sl|ri{ltid glauben, wer 
er fei unb toa^ er für mid) ju bebeuten f)abe, wenn mir oon 
meiner ganjen Umgebung t)on jeiier gefagt unb eingefc^drft 
morben ift, ba^ id^ ®^riftu§ unbebingt atteö glauben muffe? ©oü 
bie Situation ber @leid)jeitigfeit mieber ^ergeftellt werben, fo mup 
®f)riftu§ roieber merben, was er mar: ein SRenfd) ol^ne offijieUe 
retigiöfe (Stellung, ber genau fo üiel 2lufmerffamfeit, ^c^tung, 
SSertrauen ober ©tauben beanfprud)en fann, at§ er fid) burd^ bie 
9Jlad)t feiner ^erfönlic^feit ju ermerben oerftel^t. 3)ann, roettn 
nid)t etwa Äierfegaarb, aber pielleic^t bie ©ojialbemofratie biefe 
n)at)re Oleid^jeitigfeit mit S^riftus mieber^ergeftellt ^at — bann 
ift e§ roieber möglid), ba§ man, wie anno 30, erft, nac^ Über- 
roinbung eine§ fe^r füt)lbaren SBiberftanbsi, an il^n glaubt unb i^m 
bann üielleid^t aud^ nad)folgt. 

3)ie ioaf)re Situation ber @leid)jeitigfeit unb basf S^ert^dltni^ 
^u ®f)riftuö, mie e§ fid) in i^r geftaltet, ^at Äierfegaarb nic^t in 
ben „pl^ilofop^ifd)en SBiffen" unb nid^t in ber „Sinübung im 
®t)riftentum" gefc^ilbert — bort fann er felbft fein unerlaubtes 
2Biffen nie ganj oerleugnen — , fonbem an einem Orte, wo er 
gar nid^t oon ®^riftu8 rebet. ^^m <3at)r 1844 glaubte ein ^Dtagifter 
Slbler eine Offenbarung t)on ®l)riftu!g ju f^aben, fprac^ bie§ in 
<Sd)riften au§ unb mürbe bafür feinet Pfarramtes entfe^t. 3)ieS gab 
^ierfegaarb JBeranlaffung, eingel^enb ju unterfud^en, mie fid^ eine 
Offenbarung „in ber Situation ber ©egenmart" ausnehmen mfiffe, 
mie fid^ ber Xrdger berfelben forreft ju benehmen l^abe, meiere Stuf* 
nat)me er erwarten unb verlangen f önne, unb mie fid) feine Stitcfi- 
noffen rid)tig ju it)m ju fteHen l)aben. hierbei finbet ^erfegaarb 
felbftnerftänblid^, ba§ ber Offenbarungsträger feinen tritiflofen 
©tauben oerlangen fönne, ba§ man il^m gar nid^t frititloS glauben 
bürfe, i^n aber natürlich ebenforoenig a priori, fritifloS oermerfen 
bürfe. aaSie fann man aber eine Offenbarung fritifieren? 3)ireft 
fann ein Äritifer bem Offenbarungsträger nid^ts anl)aben; benn in* 
bem biefer feine SluSfagen auf eine Offenbarung jurüdffü^rt, behauptet 
er ja felbft etioaS oorjubringcn, auf baS ein anbrer SRenfc^ nid^t 
fommen rofir^e, roaS biefem alfo unmatjrfd^einlid) ober unglaubli^ 



Sd^tempf, j^ierfegaarbd Stellung au 93ibel unb S)ogma. 225 

erf(^uieti tnüffe. ^cuin {ann aber ber fititifer barau^, ha^ xi)m bie 
9u§fagen beiS ^etreffenben unioa^rfc^etnKc^ ober ungtauUtd^ ftnb, 
ni^t f^Iic|en, ba§ biefelben falf d^ feien, Qf^f ofem ift burd) ba§ SSor* 
geben einer Offenbarung atte Ärittf entwaffnet 3lber fte fe^rt in 
anbrer, gefä^rttd^erer ^onn lieber. @ie ad^tet nun barauf, ob ba§ 
Dffenbarunggorgan an feine eigene Offenbarung glaubt; ob eS wirf* 
Itc^ roeig^ ba^ e§ mit bem ä^orgeben einer Offenbarung fid) alten 
9lenfc^n gegenübergefteOt ^t, ba^ eS nun adein auf @ott unb auf 
ik^ fte^t; ob e§ feiner Situation entfprec^enb fid^ ju benehmen njeip, 
fid^ nid^t auf 3Rcnf d^en beruft öud) nid^t auf ©eroeife, burd^ welche 
fi^ jeber oon bem überjeugen fönnte, ma§ e§ burc^ eine Offen* 
barung erfal)ren l^ben roül; ob c§ alfo nid^t inbireft fid^ felbft 
Sügen ftraft. (®ft. ^ap. 1844—46, ©. 504 u. fonft) SDa§ 
inu§ oud^ auf ©l^riftuS jKiffen, ber ja aud^ eine „Offenbarung in 
ber Situation ber ©egenmart" mar, unb bie befd^riebene Sttrt oon 
Äritit mu| jebem 3Äenf ^en gegen S^riftuS freifte^en — mie aud^ jebe 
cnbre ; nur mürbe bief e fid^ felbft läc^erlid^ mad^en , menn fie etma 
€^riftu8 material fritifieren moCte. 3Äan fie^t nun leicht ^(^^ 
ber 3^tt8^^ff^ ^^^^^ Offenbarung feine natürlichen, guten Singen 
braud>t unb fein „®ogma" unb feinen „Äanon" refpeftiert — bie e§ in 
ber @egenmart ba bie Offenbarung gefd^iel^t ^bzn gar nid^t giebt. 
7) Qn ber (Situation ber ©lei^jeitigfeit giebt eS feine 2lu= 
torität ällfo überl^aupt: e^ giebt im (Sl^riftentum feine älutorität 
^§ ergiebt fi6) au^ ^ertegaarbS ^rämiffen. SSBie foll aber ba§ 
(S^riftentum oerfünbigt unb oertreten merben ? @anj einfach ; bie 
%bel mirb als ^^ mirfen, roaä fte als ^c^ unter anbern 
9)üd|em mirfen fann; ift fie boS, maS bie S^^riften^eit oon i^r 
fügt fo mirb fie immer einen ÄreiÄ oon Qu^fbxtm ^aben, fo ge* 
m^ als @]^atefpeare unb @ötl)e immer Sefer ^aben merben, auc^ 
Toerni fte burc^ fein S)ogma für grojje S)icf)ter erflärt merben. 
(Sbenfo mirb boS 2)ogma al8 ^el^auptung unter Behauptungen 
ftc^ immer Bead^tung ermerben, menn eS anberS bie birefte ober 
parobo^e SSo^rt^it ift, meld^ man in ü^ fie^t. 2)urc^ beibe 
imrb au^ Sil^riftuS mirfen, unb er mirb oiedeic^t mel^c mirfen, 
loenn er burd^ bie fteife 5ftü)tung, bie man i^m im Siogma, burd) 
baS meite, baufd^ige ©emanb, baS man il^m in einer infpiricrten 



n 



226 @(^tempf, IherfegaarbS ©tenung au f&xhti unb 2)odtnQ. 

DffcnbarungSuriunbe umgelegt ^at, nid^t me^r beengt ift. SUlcrs 
bingg I)aftet biefer SBSirffamfeit ein SJlangel an, ben aber n)eber 
ba§ S)ogma nod) ber Ranon ergänjen fann, ein SÄangel, ben bie 
tömifd^e ^xd)t cingefelien unb in i^rer SBeife DortreffUd) befeitigt 
^at: ®t)riftu§ f^at am ©eginn unfrer 3^it^«^"^'^9 gemirft unb 
mir leben im 19. ^^^^^^i^nbert; S^riftuS ^at feine Sirffamfeit 
ouf feine 3ßit beted^net nnb mir leben in unfrer S^^U f^^^^ SEBirf* 
fomfeit xtivi% menn fie im einjelnen prattifc^ werben foH, boc^ 
erft in unfre 3^it überfe^t merben. Äierlegaarb ^at biefe ©d^mierig* 
feit, fo niel ic^ mei^, nid^t befonber§ befproc^en, aber tl^eorettfc^ 
unb praftif^ gelöft. S)er perf önlid^e äJertreter S^rifti, ber nic^t 
ju entbehren ift, menn ba§ SEBerf ©^rifti fräftig in bie ©egeniDort 
überfe^t unb in i^r fortgefe^t merben foll, ift nid)t ein unfehlbarer 
^apft, aud) fein SanbeSbifd^of ober Äonfiftorium, überhaupt feine 
offijieCe ^^Serfönlic^feit ober gar SBerfammlung, fonbem ber burc^ 
®f)rifti biftorifdie 91ad[)mirfung an* unb aufgeregte, oon @ott er« 
jogene, auSgerüftete unb autorifterte SBa^r^eitSjeuge, ber „SBe* 
rufene". @r prebigt ber ®egenmart. @r fann unb roirb, um 
ben ^iftorifd^en 3ufttmmenl)ang ju jeigen, S^rifti SBorte gebrauten; 
er mirb ndmlid^ bie ©c^oben feiner 3^it ftrafen, mie ®^riftu§ feine 
3eit ftrafte, mirb ba§ aber nolens volens fraft feiner SUttoritot 
t^im — benn menn Äierfegaarb^ mie er e§ ti^at, bie SReben C^^rifti 
gegen bie ^f)arifäer SWartenfen unb ber bäntfd^en ©eiftlid^feit ju« 
eignete, fo l^at er ba§ boc^ nid^t ben äBorten St)rifti entnommen^ 
fonbem in eigener STOad^tootttommenfieit get^aa ©o tritt ber 
SEBaf)r{)eit§jeuge auf. (Sr i)at feine Slutorität — mer foHte fie 
if)m geben? — , aber er ift 3lutorität, benn er bemeift „3JlgnbigI|eb", 
sjooota, unb rebet nid>t mie bie ©d)riftgele^rten. 833a8 i^m 2lu* 
torität giebt, ift nur baö, ba^ er feine ^erfon einfe^t, unb bie* 
tl)ut er, meil er xnn% 3)urd^ ii)n mirb hcS SBerf ffi^rifti fort*: 
gefegt; burc^ i^n mirft @ott auf bie ©egenmart. ®ie 9Renfc^en 
fötmen natürlid^ mit i^m anfangen, maS fie moQen, ba er ja 
feine Sffutorität unb 3Rad^t ^at; unb menn er feine ifioooCa braucht, 
mie er fott, fo merben fie nid^t fein mit i^m fai^ren. S)od^ lä^ 
fic^ ba nid^t§ mad^en; ba§ ift einmal ®otte8 Drbnung, ba| ber 
SD3aI)rf)eit^jeuge ein Opfer fein mu^, unb man fann barin fogar 



Sd^xempf, iltetfegaarbd ©teffung )u SBibel unb ^ogma. 227 

rinc fddöne Orbnung finbcn. 3)ie 3Renfd^cn aber tiaben bic 93er« 
ontroortung bafür, wie fte mit it)m umgegangen ftnb. 

8) hiermit finb mir aud^ ju bem ?ßunfte gelangt, an bem 
bie oon oerf^iebenen Ruften auSge^enbcn utib oft meit btoer» 
jierenben religiofen ©ebanfenrei^cn ^erfegaarb§ fi^ mieber uer* 
einigen. 3)ie jheng reügiöfe Syiftenj, beren formale @ntroidelung 
irnr unter II attgemein, otine befonbere 9iü(Ifid)t auf S^riftuS 
((Gilberten, tritt na^ S^riftuä nur in ber gorm be§ aBa^rf)eitS* 
pgen S^^rifti auf. S)ie entfc^eibenben ©inbrücfe, bie biefen in bie 
teligiöfe (Sfipenj l^inein* unb in i^r fortgetrieben, werben t)on ber 
$erfon S^rifti ausgegangen fein. @r ift üon ®I)riftu§ ^iftorifd^ 
ab^ngig unb fte^t emig unter i^m. Slber neben bem @influ§ 
fi^rifti mirb i^n eine fpejieHe Srjie^ung burc^ @ott, auf bie er 
bcrou^t eingeben muß, ju bem mad^en, rocS er mirb. 2)iefe ®r* 
jie^ung wirb i^n immer burd^ fc^mere Seiben unb tiefet ©d^ulb* 
berou^ein ffll^ren. ®ie8 ift unentbef|rlid|, ba er immer jU einer 
gefol^rßd^en SRiffion benü^t werben mirb: er ^at bagegen aufju= 
jutreten, ba§ baS „Seftel^enbe" fid^ fetbft vergottet — er ift ber 
göttliche Sletjolutionär, ber baS 93eftel|enbe in Unrufie ju 
galten f)at, bamit e§ nie^t gänjlid^ ftagniert. S)a er gegen 
Autoritäten auftreten mu% fo fann er ber fpejietlen 93olImacf)t 
Don ®ott ni^t entbetiren. ^n feinem 3luftreten fe^t er ba§ SSJerf 
fi^rifti frei fort; benn eine gefe^Iid^e ®ebunben{)eit an ®t)riftug 
geftattet ber „21ugenblidf"- nid)t. 

®o(^ erliege id^ f)ier fc^on roieber ber SSerfuc^ung, ^been 
ftierlegaarbS frei ju fombinieren unb ju ergäujen unb fo eine 
2^rie ^erjuftetten, bie Äierfegaarb t)ätte ^aben fönnen, bie er 
aber boc^ nid^t l^atte. Um mit einem ©a^ ju fdt^lie^en, ber 
jic^r tjon bem mirflid^en, nid^t nur oon einem mögüd^en Äierfe* 
goarb gilt, bemerte ic^ nod^: S)amit, ba§ Äier!egaarb ba§ „offi* 
jieHe" ©^riftentum ber befte^enben Äirc^e fd)Iie§tid^ unbebtngt oer« 
roorfen f)cd, fdttt natürüd^ aud^ bie Slutoritdt oon 93ibel unb 
3)ogma, ob nun Äierfegaarb ba§ miU, ober ob er e§ ni^t mitt. 
2)enn o^e Äirc^e ift bie 93ibel, roaS it)r Sftame befagt: ein 93u^ ; unb 
o^ne Äird^e ift haä S)ogma, mag fein 9lame befagt: eine SJlcinung, 



3ettft^ft fftx X^eologie unb Aird^e, 1. 3a^rg., 3. ^eft. 15 



228 Bä^xtmpU ftmU^aaxhi Stellung gu fdibtl unb 2)ogma. 

2)a id^ in bem ©cftrefecn, meinem gelben möglid^ft gerecht 
ju werben, fe^r frei mit i^m umgegangen bin, fo bitte ic^ ben 
Sefer, ber fid^ für bie ©ad^e intereffiert, meiner Sluffaffung bie 
jiemlid^ abroeid^enbe entgegenjuftellen, meiere 31. 93ärt^olb in üer= 
fc^iebenen ©diriften niebergelcgt ^at. Qu Dergleichen märe in^be- 
f onbere : „Qux tl^eologif d^en 93ebeutung Sören Äierf egaarbg, ^>QÜt, 
grirfe, 1880" unb „©eleitbrief für 6ören Äierfegoarbg ,ein 
SBi^i^en ^^ilofop^ie', Seipjig, ^r. SRi^ter 1890." ®er ©egenfo^ 
jmifd^en 21. ©ärtliolbS unb meiner 2luffaffung rü^rt, menn ic^ 
red^t fe^e, in£(befonbere bat)on ^er, ba| jener bie fird^Iid^ logoleit 
©d^riften Kiertcgaarb^ Don htn „p^ilofopl^if^en 93iffen" bi§ „jur 
©elbftprüfung" jum 2lu8gang§punft nimmt, meiere auf „Unruhe 
jur aSerinnerlic^ung" innerhalb be§ 9lal^men§ ber Äir^e 
^injielen, roä^renb mir ba§ te^te rcpolutionore 2luftreten Äierfe* 
gaarb^ ben ©d^lüffel feinet SebcnS unb SBirfen^ ju enthalten 
fd^eint unb ic^ in ber ^eleud^tung, bie e§ gemährt, ju entbecEen 
glaube, ba§ fc^on feine ©ntroidflung x)on 1835 an unb bann ixt^^ 
befonbere feine „äft^etifd^e" ©d^riftfteßerei 1843 — 45 93a^nen ein* 
fc^lagen, bie über ba§ tirc^lid^e S^riftentum ^inauS unb in fc^roffen 
@egenfa^ gu i^m bringen, unb ba^ bieS aud^ in ben loyalen 
©diriften unter bem 9lamen beS SlimocuS, ^erfegaarb§ fetbft 
unb beg 2lnticlimacu8, fomie in „jur ©elbftprüfung" unoertennbar 
burd^fd)immert. 

©obann bitte id^ ben Sefer, jur SBürbigung SierfegaarbS ftc^ 
beffen ju erinnern, ma§ 21. ^arnaef im erften 95anb feiner 
S)ogmengefc^id^te, im 1. bi§ 3. Äapitel beS 2. 93ud^§, über bie 
$ij:ierung unb allmähliche Sermeltlid^ung beä Sl^riftentumS als 
^rd^e fagt. @S lä^t ftc^, mie xä) glaube, in vielen einzelnen 
fünften genau nac^meifen, ba§ Sierfegaarb im Sauf feiner ©nt^ 
midtlung bie ©c^ritte, burd^ meldte bie fatl^olif^e Stird^e entftanb, 
jurüdCgentmxmen unb fo — fef^r miber SBillen — ben urd^rifttic^en 
„®ntl|ufiaSmu§" mieber entberft ^at. ©ein le^teä Sluftreten, baö 
aWartenfen, mie er fagt, immer eine unheimliche ©rinnerung blieb, 
ift nicf)tö als bie entfd^iebene SSermerfung beö abgefd^n)äd()ten, offi= 
jietten, fatliolifd^en ®t)riftentumS, mie fie fid^ au8 bem ur(^riftli(^en 
6nt^ufiaömu§ mit logifd^er golgericf)tigfeit ergiebt. 9leu ift 



8(^rem^f, Aterfegaarbd ©tettung 3u iBibel unb ^ogma. 229 

an fiierfcgaarb bic§, ba§ fein ©ntl^ufia^mug crft gegen eine äu^erft 
porftc^tige aieflejion auffommen unb fid^ ftetS gegen eine folc^e 
behaupten, oor i^v als ed)t legitimieren mu^te. Q[nfofem ift er 
ha§ genaue (Gegenteil üon einenf „Snt^ufiaften". S)eSt)db ift aber 
ouc^ fein ®ntl|uftaSmuS nic^t ber „SBernjilberung" anl^eimgefalten. 
SBcnn er in feiner legten Qtxt erfldrte, ba§ er eigentüd) gar ni^tS 
iDoHe, als menfd)tid)e Sieblid^fcit, ein reblid^eS 93er^ättniS ju ben 
d)riftli(^en 3>bealen, eine reblic^e Untenoerfung unter fie, ober eine 
reblic^e 2lblet)nung berfelben, aber ja feine oertufd^enbe d^riftlidje 
^^rafe — fo n)ar ba§ ©nt^uftaSmuS, aber bod^ jugleic^ eine fo 
nürf)teme 93efonnent)eit, wie man fie uon einem ©nt^ufiaften 
nid)t erroarten foltte. — Sßerf^meigen miß id^ jum ©d^Iuffe ni^t, 
ba§ Rierf egaarb — roie baS oorf ati)otif d^e S^riftentum — enfratitif d)e 
Neigungen f^atte. ^06) ^ängt bie§ mit feinen fonftigen, du^erft 
nüditemen 2tnfd)auungen nur lofe jufammen, fomeit man e§ 
überhaupt afe fel)terl)aft bejeic^nen fann. 



15^ 



Der Äern ber Comelntser^a^lnttg ^Xci 10, 1— 11, 18. 

58on 

$oitd $iitrtii| 8Setibt. 



3u bcnjenigen ©lüden ber Slpoftelgef^id^te, roetd^e ben Sota 
U)urf erfal)ren l^aben, ungefd^id^tlid^e, tenbcnjtöfe ®ebübe ju fein, 
get)ört belannttid^ oor 3lllem bie Stjd^lung t)on ber ©efcl^rung 
bc§ rötntfd)en Hauptmannes ®orneIiu8 burc^ ^etruS. ®S ftnb 
in ber ^at ert^eblid^e 3ln[tö§e unb ©d^roiertgfeiten, nreld^e bicfc 
®rjäf)Iung barbietet. @inerfeit§ wirb ber bebeutfam« Vorgang, 
ba§ ba§ ^oupt ber Urgemeinbe jum erften 9ÄaIe mit einem Reiben 
in ^aus* unb ©peifegemeinfc^aft eintritt unb i^m unb feinen 2[n=: 
gehörigen bog d^riftlid^e ©oangelium oerfünbigt unb bie 2:aufe 
mitt^eilt, nic^t aU ^^Jrobuct einer oerftänblid^en gefd)id)t[ic^en unb 
pfr|d)otogifci^en ©ntroicttung, fonbem ate ^ölge fold^er munber» 
barer ©inmirfungen l^ingeftellt, burd^ mel^e bie in Setrac^t 
f ommcnben ^auptperfonen ju il)ren entfd^eibenben (Sd)ritten getrieben 
werben, oline ein beutlic^eS Serou^tfein ber ©onfequenjen berfelben 
JU ^aben. 2lnbrerfeit§ fte^t ber Umftanb, ba§ bie principieCe 93e= 
beutfamfeit biefer ^eibenbefe^rung für bie allgemeine gtage nad) 
bem aSeftimmtfein be§ d^riftlid^en ^eite für bie Reiben ol^ne bie 
aSebingung i^rer Sefd^neibung ni^t nur inbirect burd^ bie gro^e 
2lu§fü^rli(^feit ber ®rjdt)lung l)en)orgeI)oben, fonbem aud^ birect 
ate eine bamalS unb fpdter oon ^etru§ unb oon ben 3Wttgliebem 
ber jerufalemifd)en ©emeinbe auSbrürflid) anerfannte I)ingeftent 
wirb (10, 34—36. 11, 18 t)gl. 15, 7—9. 14), in aBiberfprud^ 



SDßcnbt, ber Äctn bcr eotneliufieraäl^Iung. 231 

ju ber t)on ^aulu§ @al, 2 bejeugtcn äi^atfac^e, bajj bis ju bcm 
fogenanntcn Sttpoftelconüente bie SBcrc^tigung ber t)on i^m bc* 
tricbcncn ^cibcntniffion feitenä bcv Urgcmcinbe in Sf^rufalem nic^t 
beftimmt ancrfannt unb jum 23^etl cncrgifd^ bcftritten roar. 
ffio^rcttb ?ßctru§ na^ bicfem 93cri(^te bcv 21. ®. afö oon ®ott 
jur SScfd^rung ber Reiben unb jur 2lufl|ebung ber ben aSerfe^r 
jaifc^cn ^fwbenc^riften unb ^eibend^riftcn ^emmcnbcn jfibif^en 
©peifegebote aufgeforbert erfd^eint, n)irb er uon ^auIuS at^ ber 
tlpoftel bejeid^net, bem t)on @ott boS „®DangeIium ber Sefc^neibung" 
rniDertrout ift (®al. 2, 7 f.), unb wirb oon ^aulu^ erjd^It, ba§ 
^etruS ftc^ fpdter in Slntiod^ia bur^ fein d)arafterIofe8 ©d^roanfen 
mit Sejug auf bie 2:ifc^gemeinf(^aft mit ben unbefd)nittenen 
^eibend^riften fc^njeren Sorrourf jugejogen ^abe (®aL 2, 12). 
3Ru^ man nic^t auS biefen ©rünben bie Oefd^id^tUd^feit ber 
i£omeIiu8erjä^Iung beanftanben unb in 2lnbetrad^t ber auc^ fonft 
erfennbaren 2:enbenj ber 21. ©., bie in ber apoftolifd^en 3^^ 
bcftanbenen ©egenfä^e ju oerbeden unb auSjugleic^en, boS Ur* 
t^eil fäCen, ber Sßerfaffer ber 2lpofteIgefc^id^te ^abe jroifd^en ben 
53erid^ten oon ber ^Berufung be§ ^autuS jum 2lpofteI unb oon 
ben anfangen feiner SBSirffamfeit afe ^eibenmiffionar (11, 25 f. 
13, 1 ff.) biefe fünftlid^ gebilbete ©rjäl^Iung oon ber munberbaren 
Berufung beS ^etruS jur ^eibenbefe^rung eingefd)oben, um fo 
ben ^etru§ in feinen ©rlebniffen unb in feinem 9Birfen bem 
^ouIuS ju paraHeliftren unb an ©teile beS ®onflicte8 jmifd^en 
Ißauluä unb ber Urgemeinbe in ©ad^en ber ^eibenmiffton oietmet)r 
baS prinjipieHe SSegrünbet* unb 2lnerfanntfein ber paulinifc^en 
^ibennriffton burd^ ben ^auptoertreter ber Urgemeinbe jur S)ar* 
ftellung ju bringen? 

3»d^ meine, ba§ biefe Folgerung au§ ben angefüt^rten, ©e* 
benfcn unb 2lnfto§ erregenben Umftänben ber ®rjö^Iung bo^ 
tnel ju weit ge^en mürbe. STOan mu§ meine« ©rad^tenS in 
^trcff ber 21. ®. im 2lllgemeinen mit ber offenen 2lnerfennung, 
bü| biefe ©d)rift afö ?ßrobuct ber nad^apcftolifc^en ©eneration 
feineSmegS ein gang autl^entifd^e« unb objectioeS, fonbem oielme^r 
ein in oielen fünften frei au^gefül^rteg unb ibeatifirteö, jum 2:i^eit 
ö^ offenbar unooßftänbige§ unb unrichtiges a3itb oon ber @e* 



282 äöenbt, bei ^etn ber (S^omeltudetjä^Iung. 

fd^id^tc bcr apoftolifd^cn 3^it entoirft, bod) ba§ Urtl|cU Dcrbinbcn, 
ba§ fie in uicien unb jtoar loic^tigen 2:I)cUen eine ^Bearbeitung 
guter älterer Ueberlieferungen ift unb n)ertf|OoUe§ SDIaterid jur 
©efd^id^te ber apoftolifd^en 3^it einfc^Iiejjt S)ie feiten^ ber 2:übinger 
©^ule an ber 31. ®. geübte Sritif; welche ba§ gro^e SBerbienft 
I|at, juerft met^obifc^ ben gefd^ic^tüc^en SGBertt) be§ 8erid^te§ ber 
21. ®. geprüft unb auf feine bebeutfamen SJldngel unb 2lnftd^e 
energifd^ Ilingeroiefen ju f)aben, ift boc^ üielfac^ über ba§ reifte 
9Wa§ hinaufgegangen, inbem fie aud^ foldie SÄittfieilungen atS 
tenbenjiöfe (Srbicf)tungen be§ ©c^riftftellerg üerbäd^tigt I^ot, beren 
gefd^i^tlid^e SB3at)ri)eit fic^ bei unbefangener, nid^t fd^ablonenl^after 
93eurtt|eilung ganj roo^t üerfte^en lä^t, aud^ roenn man mit ooHer 
6ntf^iebenl)eit ben ©runbfa^ geltenb mad^t, ba§ bie SBriefe beS 
^;)Jaulu§ ate S)ocumente au§ ber apoftolifd^en Qt\t felbft jum 
fixeren SJlajsftabe für bie 93eurtt|eilung aller anbermeitigen Ueber^ 
lieferung über bie apoftoIifd()e Qtxt genommen merben muffen, ©o, 
meine id^, mu§ man aud^ in Setreff unferer ®orneIiu§erjä^lung 
urt^eilen: audf) wenn man freimüt^ig anerfennt, ba§ in x\)x un= 
gefc^icf)ttic^e (Elemente, ^^robucte einer fpäteren, bie mirtlic^cn 
93erf)ältniffe unb .©ntmidflungen ber apoftolifc^en Q^it nid^t me^v 
rid)tig mürbigenben 3luffaffung, enthalten fmb, fo barf man biefc§ 
Urt^eil boi) m6)t fd^neU mit 93ejug auf ben ganzen 93eftanb ber 
©rjd^Iung verallgemeinern. SÄan fann oon biefen ungefc^ic^tlid^en 
©lementen, in meldten ftc^ bie 93eurtt)eitung unb betaiHirenbe 2lu8= 
fü^rung be8 nad^apoftolifc^en ©c^riftftetterS barftetlt, einen ftem bcr 
6i^äl|Iung unterfc^eiben, gegen beffen ©efd^id^tli^feit fid^ feine be= 
rec^tigten ©inmenbungen erlieben laffen. ®a§ ber aSerfaffer ber 2L 
@. für feine ©rjä^Iung überfiaupt eine 2lnfnüpfung in einer gefd^ic^t^^ 
lid^en Sliatfac^e ober in einer älteren Ueberlieferung gehabt ^abc, 
pflegt freilid^ au^ uon benen nic^t au§gefd)loff en ju werben, meldte 
ben ungefd^id()ttid^en ®f)arafter ber un§ oorliegenben (ärjä^lung be* 
fonberS betonen. 2lber t^eilS bejmeifeln biefelben, ba§ mir je^t 
t)on biefem möglid^en gefd^id^tlic^en 2lnfnüpfung§punfte nod^ etroaS 
©id)ere§ ernennen fönnen S t^eifö geben fie ber SBermutf)ung Sftaum, 



W' S. aOÖeiafäcfer, had apoftoltWe 3cttarter, S. 89. 



aOßenbt, her Äem bcr eomcIiuSeraöl^Iung. 233 

bap bi€ }u ©runbe liegcnbc gcfdjid^tti^e 2:t)atfad^e jener ben ^ctru§ 
unb bie ©peifegemeinfc^aft mit ben Unbef d^nittenen betreffenbe ^aü 
in äntioc^ia, @al. 2, 11 ff., ober ein ö^nüdier SBorgang au§ bem 
fpdteren Seben beä betrug gemefen fei, ben ber SSerfaffer ber 21. 
@. ju unferer ©rjol^lung umgebilbet unb in eine frühere Qtvt ju^^ 
rflcfbatirt l^abe. ^ ^ä) bagegen meine, ba§ man bei SSerücffid)* 
tigung ber allgemeinen Särt, mie ber SBerfaffer ber 31. @. aud^ f onft 
fein Slateriol x)erarbeitet f)at, unb bei ©eac^tung geroiff er Uneben^^ 
^ten in bem un§ uorliegenben 93eri(^te gute ^nl^attSpunfte bc^u 
gcnmmt um — nid^t jmar im (Sinjelnen, mot)I aber im ©ro^en 
unb ®anjen — einen bem SBerfaffer ber 21. ®. überlieferten Äem 
Don feiner ^Bearbeitung ju unterfd)ciben, unb ba^ biefer Sem ber 
6rja^lung fic^ afö eine pfgd^ologifd^ unb gefd|ic^tlid^ oerftönbli^e 
Ueberliefcrung begreifen td§t, bie un§ jur Serei^erung unferer 
6rtenntni§ ber ?ßerfonen unb ©ntmirflungen ber apoftoIifd)en 
3eit bient. ^ 

3uerft mu§ man auf eine fot^e einjetne ®rjdl)tung ber 
91. @. ba§ allgemeine Urti^cil anmenben, ba§ ber aSerfaffer ber 
ä. @. ftd| gar nid)t bie 2lufgabe geftettt ^at, nad) 2lrt eine§ 
mobemen miffenfc^aftlid^en @efd^i^t§fd^reiber§ nur eine acten= 
unb queöcnmo^ige geftftellung be^ gefd^id)tlic^en S^atbeftanbe^ ju 
geben, mit ftrenger 2lu§fd)lie^ung aller auSfd^müdenben ß^ti^aten 
feiner eigenen 'iß^antafie, fonbem ba§ er Dielme^r ba§ S)etail feiner 
ßrjä^lungen frei au§gefül)rt I|at, unb jmar vox allem in erbau* 
üd)em 3fiite^^ff^- 3Äan mirb ber 21. @. nur bann geredet, menn 
man in erfter Sinie biefen erbaulidien 3^^^^ roürbigt, al§ ben 
cinjigcn 9lebenjn)edC, htn ber SSerfaffer bemüht mit feinem ^aupt- 
jroecfe, eine ©efd^id^te ber mid^tigften ®reigniffe ber 2lpofteljeit ju 
geben, üerbunben l|at unb ber i^m mit bem SSJefen biefe^ ^awpU 
imitS unmittelbar oereinbar, ja bur^ benfetben geforbert erfd^ien. 



* »gl. «. 3acobfcn, bie Duetten bcr ^oflelgeWici^tc, »erlin 1885, 
€.14. O. ^Jfleiberer, bod Ux^n^mi^um , @. 572. ^. ^ol^mann, 
^Qnb«6ominentttr jum SR. Scft. I, 6. 367. 

• Sgl. meine SBeutt^eilung in ber ^Bearbeitung öon 3Jle^er'8 frit.« 
m- ^aribhuä) über bie ^^Joftelgefc^ic^te, 6. Slufl., ©. 238 ff.; ouc^ ^. gfeine 
in ben 3a^rbü(!6em für prot. Z^tol 1890, ©. 111 ff. unb 124 ff. 



284 aOßenbt, ber Äcm bcr 6:orncIiu^crad]^Iunö. 

2lu8 biefem ©rbauungSjioccfe ift eg ju eröären, ba§ er bie ?ßer* 
fönen unb ßuftanbe ber apoftoüfci^en 3^* i^ ^iner ibealiftrenben 
SSeleud^tung bargefteltt ^at, fold^e 3^9^ befonberS ^eroorgel^oben 
unb Uebeüoü ausgeführt f)ci, roeld^e it)m fc^öne SBeifpicle unb 
Sefiren ber gtömmigtcit ju entsaften fd^ienen, unerfrcuüc^e 3)0* 
t^armonien bagegen, fofem nic^t auä) gleid) i^re befriebigenbe 
Söfung ntitgetl^eUt werben fonnte, überging unb namenüi^ in 
ben längeren Sfteben ber ^ouptperfonen bei bebeutfamen Situationen 
bie erbaulid^en Momente ber ©efdjid^te gunt SluSbrudf e p bringen 
fud^te. SBer bieS im allgemeinen anerfennt, mirb natürli^ au^ 
in ber breiten 2lu§fü^rung ber erbaulid^en, tjorbilblic^en unb be* 
le^renben 3%^ unferer ©omeliuSei^äl^lung bie frei gejlaltenbe 
^anb be8 SBerfaffcrS ber 21. ®. fe^en, olfo namentlich in ber 
(Sd^ilberung, n)ie bie grömmigfeit beS ^eibnifd^en 3Äanne8 Don 
©Ott anerfannt roorben fei (10,2 — 6. 22), roie ber ^eibe ben SKuf* 
trag @otte§, obgleich er beffen Ic^teä 3^^ ^^t fannte, ge^orfam 
ausgeführt (98. 7 f.) unb uoH ®m)artung unb ®^rfurd^t ben i^m 
uon ©Ott jugefü^rten Sttpoftel oufgenommen l^abe (93. 24 — 33), unb 
VDXt ^etruS bann in feiner 9tebe baS SQSo^lgefaUen ©otteS an 
jebem frommen STOenfci^en o^ne 2lnfe^n ber ^erfon unb Station 
l^eroorgei^obcn (93. 34 f.) unb bie ^eitebotfc^ft oon bem SWeffiaS 
;3efu3, oon feinem SBirfen unb (Sterben, oon feinem Stufenoerft* 
fein unb @rfd^ienenfein nac^ feinem S^obe, unb oon feiner ^itS* 
bebeutung für alle ©laubenben oerfünbigt liabe (95. 36 — 43). 

^xi biefen erbaulid^en SluSfü^rungen nun, in benen fid^ au^ 
oiele ätntlänge beS SQSorteS unb ©ebanfenS an anbere @^ilberungen 
unb SReben ber 21. ®. finben, fommt natürlid^ bie 2lnfd^auung8= 
meife jum 3luSbrurf, meldte ber 93erfaffer ber 21. ©. ate ©lieb 
ber nadtiapoftolifc^en ©eneratton l^atte. ®ie§ gilt namentlich oon 
ber Siebe beS ^etruS. ©o wenig mir biefelbe atö autl^cntif^ 
petrinifd^ betrad^ten bürfen, fo menig bürfen mir fagen, ba§ ber 
95erfaffer ber 21. ®. ^ier fünftlid^ bem ^etruS paulinifc^e ®e« 
banf en geliehen ^abe. 9lid^t in bemühter 2:enbenj, fonbem in ber 
naioen 93orau3fe^ung, ba§ er bamit baS im SBefentli^en SRiclitige 
treffe, lä^t er ben ^etruS eine folcfie 95eurt^eilung beS SomeliuS^ 
faUeS geben, mie fie ber 2lnfd^auung8meife beS ^eiben^riftent^umS 



äBenbt, bec Sttxn ber Gorneltui^ers&^fung. 295 

in bcr nad^apoftoüfci^ctt ©eneration entfpraci^. "^nx biefc nad^* 
qwftolifc^e Stnfd^auung^iocife loarcn nic^t bic fpcciftfc^ paulmifd)cn 
3beeii in il^rcr urfprfinglici^cn 2luffaffuttg unb Segrünbung d^ataftc- 
rifKfc^, fonbem bie 95orfteUung von bcr unioerfoKftif d^en ©eftimmung 
be§ ®I>riftent^um§ ocrbunbcn mit einer moratiftif(^cn aSorftettung 
über bie Sebingung ber d^riftlic^en ^eifeerlangung, unb jugleic^ 
bie gcf^i^Üic^e ^orftellung, ba§ e§ fc^on bie urfprünglid^en 
3flnger 3eju genjefen fein müßten, roeld^e bie uniuerfaliftifd^e 
SbiSbreitung beS c^riftUc^en @t)angelium§ unternommen Ratten. 
@emä^ biefer 2lnfd^auunggmeife erfd^ien eä ate felbftoerftänbUc^, 
ba^ ^etru§ in einem fotd^en ^^tte, mo er auf göttliches ®e^ei§ 
einem frommen Reiben ba§ d^riftlid)e ®oangelium oerfünbigte, 
gleich bie allgemeingültigen S^onfequen^en beS %oJl^ für baS 
Ser^oltni^ ber c^riftttd^en ^eilSprebigt ju ber ^ibenmelt über^ 
Ijoupt l^eroorge^oben ^abe (10, 35. 43), unb ba§ biefe aUgemein* 
gülrige SBebeutung beS ^^Ueg bamate au^ f eiten§ ber übrigen ©lieber 
ber Urgemeinbc auöbrüdflid^e Sttnerfennung gefunben ^abe (11, 18). 

Slttein aud) menn man ba§ Unberec^tigtfein einer fold^en ®in* 
ttagung ber nad^apoftoüfd^en Slnfd^auungSmeife in bie ©ar- 
ftelfamg ber opoftolifd^cn Qät im Slttgemeinen erfennt unb fpeciell 
einftetit, ba§ ba§ in unferer ©ometiuSerjffl^lung berid^tete principietle 
änerfanntfein ber unioerfalen 93eftimmung ber c^riftUd^en ^eife- 
f)otfrf)aft für bie glaubenben Reiben bur^ ^etru§ unb bie Ur* 
gemeinbe fid^ nid^t reimt mit ber fpdteren unfid^eren ©tettung be§ 
"iPetruS unb ber Urgemeinbe jur ^eibenmifftonSfrage, l^at man 
noc^ leinen triftigen ©runb, bie ©efc^ic^tlid^feit be§ gangen 33e* 
ftanbeS unferer ®omeIiu5erjäf)Iung ju beanftanben. ®ie un* 
gefc^id^tfid^en ©lemente liegen in benjenigen ^artl^ieen, roeldie fid) 
leicht ate frrie, in erbauli^er Sttbftd^t gegebene 2luSfü^rungen 
beS SBerfafferS ber 21. @. erfennen laffen. ®iefe 2lu§fül^rungen 
fmb aber für un§ baS oer^dltni^mä^ig 9lebenfdd^ü(^e an ber ©r* 
jü^lung. 2lud> menn mir oon i^nen abfegen, bleibt noc^ ein |>aupt= 
beftanb ber ®rjäl)lung übrig, beffen gcfd^id)tlic^er SBertl) einer 
Honberen ?ßrüfung ju unterwerfen ift. 

3u biefem ^auptbeftanbe get)ört bie 6df)ilberung ber aSifion 
beä ^etntö unb bie ÜÄitt^eilung, ba§ ^etruS unter bem ffiinbrude 



236 äBenbt, bet Sttm ber doxntlm^tx^äf^lüw^. 

bicfer SSifton fi^ entfd)Ioffen ^abc, ben auS ©acfarea an i^n Qe^ 
fanbten Sotcn ju folgen unb jum Qrü^dt bcr ^rebigt bc§ ©oon* 
gelium§ t)on ^efii§ in eine jeitroeilige ^au§= unb ©peifegemein^ 
fc^aft mit bem I|eibnifd(en (groar afe fogenannter <poßot)[isvo<; xöv 
dsöv ben jübifd^en religüifen 3lnfci^auungen jugetl^ancn, aber im= 
befd^nittenen unb beSl^db für bag jübifd^e Urtl^eil unrein tieibnifd^cn) 
ajlanne einzutreten, tro^ ber bamit oerbunbenen Sßerle^ung bcr 
jübif d^en 9leimgteit§gef e^e ; ba§ er femer, atö fid^ bie ®rf d^einung 
be§ gloff olalifd^en 9leben§ bei bem Reiben unb beffen älnge^örigen 
jeigte, benfetben au^ bie S^aufe ni^t oorentl^alten tiabe; ba§ er 
enblid) bei feiner 9tüdffet)r nad) ^[erufalem fcitenS ber bortigcn 
©emeinbegtieber wegen biefe§ ^au§= unb ©peifeoerfe^r^ mit ben 
Unbef^nittenen jur SBerantroortung gejogen fei, fic^ aber burc^ 
ben ^inroei^ auf bie munberbaren göttlichen SEBeifungen, bie er 
erfahren f)abe, ju red)tfertigen t)ermocf)t ^abe. 2:ro^bem ber 95er^ 
faffer ber 31. @. foroo^t bem ^etru§ (10, 34 f.), ate auc^ ben 
©liebem ber Urgemeinbe (11, 18) eine folc^e neraCgemeinembe 
Seurt^eitung biefeS ©orneüuSfatteg in ben 3Runb legt, cc^ meli^er 
man bie Folgerung gießen fönnte, ba§ nun bie principiett al§ 
rirf)tig anerfannte uniüerfaliftifd^e ^eibenmiffion auc^ proftifd) 
uon ^etm§ unb feinen ©enoffen meiter betrieben roorben rodre, 
lefen mir borf) in ber 31. ®. oon fotd^en praftifd^en ©onfequenjen 
biefe§ (£omeliu§falIe§ nicf)t^. S)iefer eine gatt ber SSerfünbigung 
beö dfriftlid^en 6oangeIium§ an einem in einer paläftinenfifc^en 
©tabt n)o^n{)aften Reiben unb feiner gamiüe bleibt oietme^r ber 
einjige, unb e§ mirb fpäter auf i{)n ate auf ein längft oergangenc^ 
©reignig gurüdtgeblidt (15, 7—9). ©benfo ift baoon, ba§ ^etru§ 
ober anbere ©enoffen ber Urgemeinbe ben ^au§* unb ©peifeoerfelir 
mit jenem jur c^riftlii^en Ueberjeugung gebrachten Reiben weiter* 
^in fortgefe^t Ratten, feine 9tebe; e§ ift oielmel^r offenbar gebaut, 
ba§ biefer SSerfe^r nur baS eine STOal einige 2:age lang beftanben 
l)at. 93ei unferer 93eurt^eilung be§ erjä^lten @reigniffe§ ift biefcS 
tfiatföd^lid^e SBereinjeltbleiben beffelben als ein bebeutfamer lUn= 
ftanb mit ju berudfficf)tigen. 

3)ie gefd^id^tlid^e 9Köglicf)teit biefeS ©reigniffeS ift nun baran 
JU prüfen, ob e§ in einen üerftänblid^en ©intlang ju bringen ift 



aßenbt, bet Äcrn her (£orneIiu^crjäf)tung. 



237 



mit ben uns anberipcitig bcfanntcn auf ^^ctru§ unb bie jerufa- 
lenrif^e Urgcmcinbe bc}üglid)en 2:^atfad^cn ber apoftolif^en 3^it- 
3u biefen 2:f)atfac^en gehört aber nid)t atfcin baö, ma^ un§ ^aulu§ 
@aL 2 über ba§ SBerfjatten be§ ^etruö unb ber j|erufalemif(^en 
@eineinbe ntitt^eitt. 3Bir würben bie ^i^age, ob unfer in ber 31. 
®- bcri(^tetc§ ®reigni§ ftattgefunben ^abcn fann, njenn bod^ ^IßetruS 
imb bie Urgemeinbe fpdter jene pon '^^autu§ bezeugte 9SerI)altung§* 
roeifc gejeigt ^aben, uoreitig beantworten, wenn wir ni<i)t gleid^ 
Don oomlierein mitberürffic^tigen wollten, wa§ un§ nod^ fonft über 
'iJetruS fi^cr befannt ift. SBir wiffen oon i^m, ba^ er früher 
bei Sebjeiten ^efu einer oon beffen erften unb näd^ftftef)enben 
Oüngem war, ein ©lieb be§ t)ertrauteften Äreife§, bem ^f^fuS aud^ 
bie ber großen SRenge feiner 3i^f)äi^^^* unt)erftänblicf)en ©ebanfen 
einju^nrägen unb }u ertlären fud)te (vqL 9äc. 4, 10 ff. , 7, 17 
jf., 9, 30 ff. , 10, 10 ff.) ; baJ5 er tro^ mannigfad^en fd^weren 
SMangels an 95erftänbnip gegenüber ber ße{)re 3^efu bod^ ber erfte 

in biefem <3ü^9^rfi^^'f^ ^ö^/ i^ '^^^'^ ^^^ ©runb ber erjiefilic^en 
©nwirfungen ^efu bie ©rfenntni^ t)on ber SReffianitöt bcrfelben 
jum offenen SBefenntniffe heranreifte (9Äc. 8, 29) unb ba^ 3Jefu§ 
ielbft i^m ben 93einamen „g^elfenntann" gegeben fjat, weil er 
in i^m eine fefte ©tü^e feiner ©emeinbe ernannte (9Äc. 3, 16, 
Bfll. aWt. 16, 18). S)ie 5rage nad^ ber gefd)irf)tlic^en 9Äöglic^feit 
beg in 9lct. 10 beridf)teten ©reigniffeö mu§ alfo genauer fotgenber- 
mapen geftaltet werben: ift ber ©runbbeftanb biefe§ Sreigniffe^ 
gcf^ic^tlic^ Derftänblid) , wenn wir einerfeit^ bie gefc^ic^tlidien 
änteccbentien beS ^^etru§ afe eine§ näc^ftftel)enben QüngerS <3efu 
bei beffen Sebjeiten unb anbrerfeitS ba^ fpätere 2luftreten be^ 
'^trug in ^^^fttt^wi ^^^ iii 2lntiod^ia bem ^aulu^ gegenüber 
berüdt listigen ? 

SBir l^aben alfo juerft in 93etrad)t ju jie{)en, ba| Qefu§ felbft 
unb feine jünger wä{)renb be§ äi^f^m^^^^l^^^^^ ^i^ i^^ ^i^ p^axu 
iaijd^sjübifc^e @efe§e§obfert)anj feineäwegö ftreng eingehalten, fon* 
bem oielmef)r bur^ 9li(^tbetf)eiligung an ben pf)arifäifc^en 5^ften 
(9Jlc. 2, 18), burc^ folc^e 93ett)dtigung am ©abbat^, bie ben "p^ari^^ 
föem ol8 unerlaubt galt (aWc. 2, 23 f., t)gl. ÜÄt. 12, 5—7), bur^ 
Unterlaffung foldjer ©afd^ungen Dor bem Sffen, bie ben ^i)axx^ 



288 äBenbt, bei Sitxn her (SlomeliuSeTaa^tung. 

fäctn afe Sebingungcn bcS „9lcmblciben§" erfd)icnen (SWc. 7, 2 — 5) 
unb burd^ 2:ifd^gemcinfd^aft mit f ol^n fieutcn, bic t)on ben ^^ari^ 
fäem al§ unrein unb perunreinigcnb betrachtet würben (SRc. 2^ 15 
f.), mannigfad)en 2lnfto^ erregt unb ftd) Sorroürfe jugejogen l^oben. 
Slud^ ^etriiS f)at fxd^ jebtnfattö bei Sebjeiten ^^n biefe (Jrci^eiten 
gegenüber ber pl^arifäifd^en Obferoanj erlaubt. ^\nS l^at aber 
ni^t nur bie pl^arifäifdj'trabitioneHen ©rroeiterungen beS jübifci^en 
©eremonialgefe^eg al§ ungültig betradjtet (Wie. 1, 6 — 13), fonbem 
au^ baS SBeroujgtfein feines innerlid)en fJreifeinS Don bem aVt^ 
teftamentUd^en ©eremonialgefe^e felbft jum SluSbrucf gebracht (9Wc. 
2, 27 f., tjgl. aJlt. 17, 25 f.) unb fpejieH in ben bebeutfamen StuS* 
fprüd^ 9ÄC. 7, 14—23 bie prii^ipiette SEBertl^Ioftgfeit aller 
teoitifd)en Steinigungen für ba§ religiöfe SSerliältni^ be§ SHenfc^en 
ju ©Ott ^erüorge^oben. SGBeil er pon ber ©runbanfd^auung auS* 
ging, ba^ für @ott nur bie ©efmnung (xapSta) beS 9)tenfc^en in 
95etra^t fomme (Sc. 16, 15), urtlieilte er, ba^ ni^t ba5, roaS oon 
au^en tier in ben SWenfd^en eingebe, fonbem nur bog, rooS auS 
il^m roeggelie, il^n entn)eif)e, fofem baS oon au^en l^er an unb in 
i^n Äommenbe, ©peifen unb anbere p^gfifc^e Sinflüffe, au^ etnxtS 
äu^erU^eS an i^m blieben unb nid^t feine ©efmnung bebingten, 
roäl^renb bie oon ilim auSge^enben böfen ©ebanfen unb ^anb:^ 
lungen afe SluSflüffe feiner ©efinnung il^n oor ®ott unrein mad^ten. 
3war l^at ^t\\xi bei feiner immer ma^ooHen, oon rid)tigem Ser^^ 
ftSnbni^ für bie gefd^id^tlic^e (Sntroidtlung ber ®otte§offenbarung 
unb oon pietdtooHem 2irad)ten nac^ Slnfnüpfung an ben gegebenen 
93eftanb biefer @otte§offenbarung getragenen Sttnf^auung teine^ioegS 
in rabicaler SGBeife bie burd^ bai§ mofaifd^e ®efe^ gegebenen cultifdjen 
unb ceremonialen Drbnungen feineä 95ol!e§ für fic^ unb feine 
jünger einfad^ au^er ©eltung gefegt. SBo^l aber ift er fid^ beut» 
lic^ il^reS nur relatioen SCBert^eS bemüht gemefen unb l^at er auc^ 
feine S^ünger jur Srfenntni^ biefer Stelatioität i^reS SCBert^eö ju 
erjielien gefugt ^ 3)ürfen mir nun bcnfen, ba^ biefe ©rjie^ung 
ol^ne @inPu| auf bie fpatere ©ntmirflung feiner ^f^ger geblieben 
ift? QebenfaffS l^aben biefelben fpäter fid^ feiner bebeutfamen 3luS* 



* »gl. meine ßcl^rc »eju II (©ötlingen 1890),®. 220 ff. unb 245 ff. 



SEBenbt, bet Sttxn bet (Someliudersä^IunQ. 239 

fprüc!^ Über ben Uo^ relativen SBertti ber cultifd^en unb ceremo« 

nialen ©efe^eSorbnungen erinnert unb biefe Slugfprüc^e in il^rer 

eigenen qjoftolifc^en SBerfünbigung über ^efuS fo rociterüberüefert^ 

boB pe in unferer eoangelif c^en fiiteratur il^ren ^la^ gefunben l^oben, 

Sßir ^aben guten ©runb bo^^ gerabe ^etruS olS ben urfprüng« 

lüfen Ueberlieferer ber in unferem 3Äarcu§eDangeIium ent{)attencn 

9Ritt^eiIungen über bie freie ©teüung 3^efu junt altteftamentlic^en 

Sultu^^ unb ©eremonialgefe^e ju betrauten. Q^t e§ pfgdiologifc^ 

beitfbar^ ba§ biefe ^Jünger <3*fu, fpejiell ^etru§, in ber S^^Igejeit 

einerfeitg biefen @c^a^ non (Erinnerungen treu beiual^rten unb 

loeitergaben unb anbrerfeit« bod) felbft in einer bef^räntten 

jfibifdjen aSorfteltung üon bem unbebingten SBertfie unb ber au§= 

no^ntSlofen ©eltung ber cultifd^en unb ceremonialen Orbnungen 

befangen waren? 3Bir fönnen e§ jroar njo^I begreifen, ba^ au^ 

bic Uropoftel nac^ bem Siobe <3efu bei ber ©teüung unb 3Birf* 

famfeit im Sßolfe ^^vazl, bie fie afö eine il^nen oon ®ott juge* 

roiefene betra^teten , eS für i^re ^flic^t trieften , ebenfo xoit bei 

fiebjeiten Qefu, ba§ jübifd^e ®ultu§* unb Keremonialgefe^ treu 

}u beobachten ; aber babur^ mar nid)t auägcf c^loff en, ba§ bie non 

^fug gelernte freie SBeurt^eilung biefeS ©efe^eg in il^rem SBerou^t* 

fein nad^roirtte. 2lu§ biefer 9lac^roirf ung allein ift ba§ Sluftreten 

be^ ©tepl^anu§ in ber Urgemeinbe ju erHaren, meld^er unter ber 

8nHage ftanb, er l^abe gelehrt, ba§ ^cfuS tjon 9lajaret^ bie 

2:empelftätte jerftören unb bic t)on 9Äofe gegebenen ©itten änbem 

loerbe (2lct, 6, 14) unb melc^er in feiner großen Sßertl)eibigung8* 

rebe (6ap. 7) gefc^ic^tlid^ bie SQBa^r^eit be§ @ebanfen§ ju begrünben 

fu^te, ba^ bie Xempetftdtte in ^lerufalem ni^t ber ftct§ unb an 

fw^ gültige Ort ber ®otte§offenbarung unb ©otte^oerefirung fei. 

ferner aber muffen mir in i8etracl)t jiel)en, ba§ ^efuS tro^ 

ber beutlit^en @rfenntni^, ba^ fid^ feine birecte Söeruf^aufgabe auf 

ba§ fßoVt äfrael richtete (SWc. 7, 24 ff.) unb ba§ auc^ feine ^fünger 

kei feinen fiebjeiten bie 93otfd)aft tjom 3iei^e @otte§ ni^t über 

bie ©renjen 3frael§ ^inau^jutragen Ratten (üKt. 10, 5 f.), bod^ nid)t 

bie partifulariftifc^ jübifd^e SßorfteUung gehabt ^at, baj5 baS 

meffionif^e ^eil nur für bie ^ffraeüten al§ bie 3^ad)fommen 

äbra^omä beftimmt fei. ©r I)at nic^t nur, mo er bei einjelnen 



240 SBenbt, ber Üeni ber ^orneltuderjä^Iung. 

Reiben SSertrauen auf ba§ oon if)Tn ocrfünbigte @ott€«j^cil loa^mat^m, 
biefem SSertrauen au§brücfüd)e 9lnerfcnnung gejoUt unb ^cUooBc 
93dof)nun9 jugcfprodien (9Jlc. 7, 29. SBit. 8, 10. 13); fonbcm er Ijat 
aud) oorauSgcbUrftauf ein jufünftigc§ ^ineingelangen oon Reiben au§ 
allen SQBeltgegenben in bie ^eitegemeinfd^aft be§ 9ieid)e§ ®otteS (9Wt. 
8, 11 f. Sc. 13, 28—30; t)gl. ^o^. 10, 16). @r l)at jroar, forocit 
wir nad) unferen älteften eoangelifdien Cueltenberi^ten urt^eilen 
fönnen, feinen Jüngern feinen Sluftrag ju einer fünftigen 9)iif f ion 
unter ben I)eibnifd(en SBöIfem gegeben, fonbern oorau^gefeftt, ba$ 
fie in ber ^olgejeit bi§ ju feiner t)er^ältni^mdJ5ig natien SDSieber* 
fünft im Slttgenteinen unter benfetben Ser^dttniffen im SBolfe 
^frael meitermirfen würben, roie er felbft; mol^I aber l^at er in 
3lu§fid)t genommen, ba§ pdf) in ber 3^fw^ft «njelne, picHeic^t 
ijerl^ältni^mäjsig oiele, tieitebebürftige unb pertrauen^ooffe ^t)en 
feiner im Oro^en unb ©anjen au§ geborenen ^f^i^^" beftel^nben 
^üngergemeinbe angliebem mürben. ^ SBie biefe feine SBorau^fic^t 
eine 2lnfnüpfung fanb in ben oielen prop^etifd^en äJer^ei^ungen 
üon ben Sinroirfungen be§ bereinftigen mefftanifc^en ^eitejuftanbcsf 
^fraete aud) auf bie fremben SBölfer, fo mar i^re fad)Iic^e ®runb= 
läge gegeben in ben SßorfteHungen ^-^fu oon ber üotlfommencn 
Sßaterliebe ®otte§, t>on bem SBJert^legen @otte§ ni^t auf äußere 
3uftänbe, fonbern auf bie innere ©efmnung unb oon ber 95ebingt^ 
l^eit ber ^eifeertangung nidt)t burd) re(^tlid)e§ Sßerbienft, fonbcm 
burc^ emftli^e ©inneäänberung, burd^ finblid)e8 Slnnel^men beä 
^eite unb burd^ energifc^eg ^wpadtn naöf bem SReid)e ®otte§. 
äuc^ biefe 2leu^emngen ^efu, in benen er baS SBertrauen oon 
Reiben anerfannte unb auf ein ^ereintommen oon Reiben in'ö 
Steid) @otte§ oorau^blicfte, fmb nad^ feinem 2:obe feinem 3f<ln9^^' 
freife in ©rinnemng geblieben unb oon bemfelben meiterübcr* 
liefert morben. Unb aud) biefe Erinnerung unb Ueberüeferung 
bürfen mir ni^t afö einflußlos! auf bie eigene Slnf^auung ber 
urapoftolifd)en 9Jlänner über ha^ Problem ber Slufnal^me oon 
Reiben in bie ^riftli^e ©emeinbe benfen, fofern mir nic^t ctmoS 
pftj^ologifc^ 9iät^felf)afte^ annehmen motten. 

* SSgl. bie genaueren ^tuSfü^rungen über biefe fünfte ber ^tn» 
tc^Quirnggioeife 3efu in metner ße^rc 3efu II, 8. 488 f. 608 ff. 626 f. 



SBenbt, bei Sttxn her ^orneliuster^d^IunQ. 241 

©obalb loir aber biefe Slad^iüirfungen bcr ©cbanfcn unb 
Su^fprü^e 3f^fu auf ba§ 93en)u^tfein feiner jünger in ber 3^it 
nadf feinem 2:obe in SBetrac^t jietien, ftellt ftd^ un§ ba§ in 2lct. 
10 berid^tete @rlebni§ unb SSerl^attcn be§ ^etru^ in einer fet)r 
bebeutfamen 93eleud^tung bar. SBir tonnen unS bann nid)t ntetir 
bomit begnügen feftjuftelten, ba^ in ber ©rjal^Iung ber 21. @. 
ba§ 93er^alten be§ $etru§ nid^t in i^f^d^ologifc^ verftänbli^er 
SSeife, fonbem nur burc^ rounberbare ©rtebniffe motioirt fei; 
fonbem roir muffen anerfennen, ba^ wenn bie ©rja^Iung eine ge« 
fc^i^tli^e ©runblage l^at, j[ebenfall§ ein mid^tiger f^actor für bie 
%lbung ber ©ebonlen unb ©ntfd^Iüffe be^ ^etru^ in biefem 
^e in ben Sinmirhtngen ber ©ebantenmelt beS gefd^id^tUd^en 
5efuS auf if|n gelegen \)at, wenngleich biefer Jactor in bem 
^Seric^te ber 31. ®. nic^t f)ert)orgel^oben unb meUeic^t auc^ bem 
^ßetruS felbft bamal^ gar nic^t beutlic^ bemujst gemorben ift. 3Jlir 
liegt nichts femer, ate ba§ SBeeinflu^tfein be§ ^etruS ju feinem 
Serliolten burc^ bie in ber 3t. ®. auiSfül^rli^ er^ä^lte äJifion 
leugnen, ober eine 3luftldrung über ben munberbaren ober natür^ 
lic^n €^arafter biefer 93i|ton geben ju moQen. 9htr meine 
i4 baß $etruä eine 93ifion biefe:^ befonberen ^nl^altö nid)t erlebt 
^atoi n)äTbe unb burd^ eine f old^e 93ifion nic^t ju bem @ntf d^luff e, ben 
er gefaxt ^at, getrieben morben märe, menn er nic^t bagu inner- 
lich präbiSponirt gemefen märe burc^ aüed baS, ma§ er frül)er 
oon ^fuS gehört l^atte über bie principietle @leidE)giltigfeit aQer 
@peifen unb Süßeren 3)inge ober ^nblungen für bie SReinl^eit 
ober Unreinheit be§ aWenfdfien oor @ott, unb anbrerfeitg über 
ben at^uerfennenben SBertli auc^ beä frommen ^eil^oertrauenS 
^etbnifd^er ^erfonen unb über bie bereinftige 3^9ä^9Kc^*^tt ^^ 
Sieid^eS ®otte8 auc^ für fte. SBenigfienS alle biejenigen, bie eS 
für bered^tigt l^alten, ba§ mir nac^ ber inneren ^dbi^pofition 
ber ^ffinger na^ bem a:obe <3efu für baS ©rlebni^ ber erf^ei* 
inmgen be8 Sluferftanbenen ober nad^ ber inneren ^^rdbiäpofxtion 
be§ ^outuS für feine ffirfal^rung oor 2)ama5fu§ fragen, tro^bem 
in unfern 93eric{|ten oon bem SUlitmirten ber bur^ ben big^erigen 
(SntmicHungSgang ber betreffenben ^erfonen gegebenen inneren 
SJebingungen feine SRebe ift, muffen audf) ba§ Stecht anerfennen. 



242 Sßenbt, bei Sttxn ber (SotneIiuger)&]^I;mg . 

ba& Tpir baS unS bcri^tetc ©rlebni^ unb 93erl|altcn be§ ^ktntiS 
au§ ben in bcr inneren 93orentn)i(feIung be§ ?ßetru8 liegenben 
Sebingungen oerftänblic^ ju ma^en fud^en, unb bürfen jtd^ m^t 
bal^inter ©erfd^anjcn, ba^ in ber 21. ®. Don biefen jur p^xfdfo- 
logifdien (SrHärung beS (greigniffeS bienenben ^ctoren nichts 
gejagt roerbe. 

%ei einer ^erüdCfic^tigung ber bebeutfamen 9lad^n)ir{ungen 
beS frül)eren ä^^ftt^^iw^wl^^^^ ^^^ 3^fu§ unb 83elel^rtfein§ 
burd^ ^efuS auf ^etru§ n^irb un§ aber auc^ gteid) Derftanblid^^ 
ba§ fein ®ntfd)Iu^, mit bem Reiben in ^au§* unb @peifegemein= 
fc^aft ju treten unb ü)m bie öotfc^aft oom meffianifd^en ^ilc 
ju bringen, ein t)ereinjelter blieb unb nid^t fofort bie ®onf equenj 
einer allgemeinen Äu^erad^tfe^ung ber jübifc^en SReinl^eitSgefe^e 
unb eines gortfd^reitenS jur regelmäßigen ^eibenmiffion ^otte. 
SQ3enn wir bie in ber 21. ®. erjdi^lte Sifion be8 ^tru8 cd§ 
einjigen auf fein 93enmj5tfein roirfenben 93eftimmung§grunb in SBe- 
trad^t sögen, fönnten wix fragen, ob betrug au§ bcr in biefer 
aSijxon entl)altenen 2lufforberung, bie nac^ bem @efe^e unreine 
@peife nid^t mel|r aU unrein ju betrad^ten, nid^t gleid^ gan} 
altgemeine praftifd^e Folgerungen {)ätte jie^en fönnen unb muffen. 
SQ3enn mir aber roiffen, baß bie in biefer SBifxon gegebene £e^re 
tf)atfäd)lid) nid^tö anbereS mar, afö eine SGBieberbelebung ber fc^on 
Don 3Jefu§ felbft empfangenen 93ele^rung in bem SBemußtfein beS 
^etru§, fo begreifen mir, baß ^etruS au§ biefer SBifu3n feine 
anbern praftif^en folgen jog, ate meiere ^f^fuS an feine Srfennt* 
niß be§ ©lei^gültigfeinS äußerer SJerunreinigungen für ba§ Ur« 
t^eil @otte§ angefnüpft l^atte. SQ3enn ^fu§ tro^ biefer principieHen 
(Srfenntniß fid^ bod) pcaftifd^ weiter in ben ceremonialen Orb* 
nungen feinet SßolfeS bemegt l^atte, nur eben mit bem 93emu^t= 
fein, baß biefelben feine an fi(^ gültige unb be8l|alb unter oEen 
Umftänben üerpflic^tenbe SBebeutung Ratten, fo f onnte ouc^ ^trus 
ax\^ ber ilim in ber SHfwn ertlieilten 2lufforberung mol^l ba§ 
SRed^t unb bie ^flid^t entnehmen, unter ben bef onberen Umftdnben 
be§ SomeliuSfaHeS fid) über ben Unterfc^ieb von reiner unb un* 
reiner ©peife f)inmegjufe^en, roäl^renb er eS bo^ als felbfioer« 
ftänblid) fortbefte^enbe SRegel betrad^ten f onnte, baß er unb feine 



Sßenbt, ber Sttm bet (S)otneIiuSex5äf|IunQ. 243 

^riflKrf)en ©cmeinbcgcnoffen na^ bcnt SBorbilbe ^f^fu unter ben 
gemöl^Rd^cn Untflänbcn bic aItteftamentUd(cn ©pcifcgefetje ju 
beobachten l^ätten. Unb wie Qf^fuS tro§ feiner freimütl^igen Sttn* 
eriennung be8 frommen SBertrouen^, meld^eö il^m einjelne Reiben 
cntgegcnbrad(ten, unb tro^ feiner Sorou^fic^t ba^ in ber3ufunft 
Siele Don Oft unb SEBeft fommen mürben, um am ^eile bei^ 
Sletci^ ®otte§ t^eiljunel^men, boi^ roeber felbft ^eibenmiffion ge= 
trieben, nod) feine 3>to9«i^ i^ einer fold^en aufgeforbert l^atte, fo 
fonnte out^ ^$etru§ fxd) ganj mol^I für bereditigt erad)ten, ba8 
oertrauenSoone SBerlangen be§ Reiben, ber il^n ju fid^ bat, burd^ 
SSerfünbigung ber ^eilSbotf^aft nom aWefftag unb oom 3teid)e 
®otte§ JU befriebigen, unb bod) jugleid^ boiS 93emu^tfein feft^alten, 
bo0 er ben x)on ®ott angeroiefenen SBeruf jur SBertünbigung be§ 
mefftanifd^ ^eile^^ für ba§ ifraelitifc^e SBer]^ei§ung§ooIf Iiabe 
unb fi^ nic^t fpontan einer SDWffion unter ben Reiben }u== 
loenben bürfe. 

3Wan barf boc^ nid^t oerfennen, ba§ unter ben bamaligen 
SBer^ältniffen jmifdien einer einjelnen ^eibenbefe^rung in ^aläftina 
unb einer gefliffentli^ betriebenen ^eibenmiffwn ein gewaltiger 
Unterfc^ieb beftanb unb ba^ bie ©rfenntni^ beg 9lec^te§ ju ber 
erfteren feine^roeg^ felbftoerftfinbli^ auc^ ein 93emu§tfein beS 
9le(^tc§ ju ber festeren innoloirte. SRan geftatte mir einen SBer* 
gleii^. (Sin je^t in 3!)eutfd)Ianb im S)ienft ber inneren SKiffion 
arbeitenber ®eiftlid(er, melier burd^ bebeutung^ooHe Umftänbe 
mit einem für einige ^f^l^re in S)eut[c^Ianb befinbUc^en Japaner 
jufammengefül^rt mirb unb ein ^tereffe beSfelben für ba§ ©tiriften* 
t^um mal^mimmt, wirb feinen Slnftanb nel^men, biefem Japaner 
ba§ S^ftentl^um naiver ju oerfünbigen unb itin eoentueQ burd^ 
bie Saufe gum Sl^riften ju mad()en. SBenn man i^m bann aber 
Bot^ielte, er l^abe aufgel^ört im 3)ienfte ber inneren SWiffton jU mirlen 
unb fei in ba§ SCrbeitgfelb ber äußeren 2Wiffton übergetreten; er muffe 
je^t felbft afö SDlifftonar nad^ <3apan ge^en ober menigftenS rüd* 
\)ciäoS bie non Slnberen in <3apan betriebene SDWffton bittigen 
unb unterftü^en, fo mürbe er bod( mol^l entgegnen, ba^ bieg eine 
pebantifc^e ©onfequeujmac^erei fei, ba fein Qntereffe unb feine 
Srbeit für bie ©ac^e ber inneren SDliffion burd^ biefen SluSnal^me* 

dnttd^tift fflr Zytologie nnb IHrt^e, 1. 3a^r0., 3. ^eft. 16 



244 Sßenbt, ber f^tm bft (S^otneliuierjä^IunQ. 

faQ einer ^eibenbetel^tung in S)eutfd)lanb nid^t irgenbnne beein« 
träd^tigt n)are. @r {dnnte fogar, ganj unbefd^abet femer iptaiä- 
pieQen Snertennung beS 9iec^teg ber ^ibenmiffion unb fetne^ 
^i^tbemu^tfeiniS bei lener von il^nt felbft DoQgogenen ^iben« 
befel^rung^ bod^ in Stage jiel^en, ob überhaupt je^t bie S^^ i^^ 
ätuSfenbung oon SÄtfftonaren nad^ Qcupan fei, n)0 in ^eutfd^- 
lonb felbft bie großen 3)laffen bem @:^iftent]^um fremb gemori>en 
feien, unb tS bie erfte ^ic^t ber beutfd^en 6^^riften fein mftffe, 
bie gro^e innere 3Äiffion in 3)eutfd^lanb burd^jufft^ren, beoor fte 
an äBerf e ber äußeren 3)lif fton gingen ; ober er f önnte, aud^ n^enn er 
bei Slnberen ben befonbercn 93eruf jur ^eibenmiffton anertennte, 
bo^ fein eigenes SBeranlagt* unb 83erufenfein für boS SD8erf ber 
inneren SRiffion unentwegt feft^alten. ©o wenig ic^ biefen SBer^^ 
gleid^ in aQen ^ejie^ungen burdifül^ren mdd^te, fo fd^nt er mir 
boc^ in bem ^auptpunfte }utreffenb ju fein. 3)enn gemi^ ^ben 
ftd^ ^etruS unb bie urapoftolifc^en S^l^riften in ^erufalem }unäc^ft 
ate ein SBerein für innere SDWffion unter ben ^f^ben gefüllt unb 
aud^, menn fie bie Hoffnung auf ein fpatereS ^ereinbmmen t>on 
Reiben in bie meffianifdtie @emeinbe Regten, eS bod^ als i^ren oon 
®ott jugemiefenen 93eruf betrachtet, unter ben obmaltenben SJer^ 
l^ältniffen, roo baS SSolf ^frael im @ro§en unb ©anjen bem 
meffianift^en ^eile not^ fern ftanb, fic^ ganj ber ^rebigt unter 
biefen il^ren Sßolfögenoffen ju roibmen. @ine folc^e ^eibenmif fbn, 
mie fte ^auluS unb ^amaba^ übten, mu^te einer ganj anberen 
^eurt^eilung unterliegen, als bie oereinjelte ^eibenbe!e^rung, n>eU^ 
^etruS oorgenommen ^atte unb burc^ roeldie bieSRegel feines auf 
3fraet belogenen opoftolifc^en ^erufSmirfenS burd^auS nid^t auf« 
gelioben mar. 3)eS^alb ift eS entfd^ieben oerfe^rt, gu fagen, ^etruS 
fei nadf) bem Seric^tc ber 21. @. jum ^eibcnmiffionar geworben 
unb bieS ftimnie nic^t ju ber Eingabe beS $auluS in @al. 2, ba^ 
^etruS ber oon @ott berufene Slpoftet ber ©efd^neibung gewefen 
unb geblieben fei. ^ Sluc^ wenn baS SHed^t unb bie ^flic^t jur ©e= 
fclirung beS ©omeüuS oon ^etruS beutlidEi empfunbcn unb oon 



* ^' ^ol^mann etfennt biefen Unterfci^ieb jtoifd^en einer öereinjelten 
^eibenbefel^rung in ^alöftino unb einer ^eibenmif f ton, xou fie $aulud betrieb, 



aSenbt, bet ittxn btx GomeUuferaä^lung. 245 

ber ierufolemifd^en @emeinbe anevtannt n)ar, fonnte bie %xaQt 
m^ ber Sered^tigung ber oon $auIuS betriebenen ^etbenmtffion 
für fie eine offene bleiben. 

f^reilid^ richtete ftd^ bei bem fogenannten 9lpoftelcont)ente bie 
Hauptfrage nic^t barauf, ob je^t fd^on bie Qut gur SDliffton unter 
ben ^iben getommen fei^ fonbem barauf, ob bie SKet^obe ber 
^eibenmiffion, roxt fie ?PauIu§ betrieb, bie richtige fei, bie JDletl^obe 
tiömlid^, bie Reiben o^ne bie ^ebingung ber ^fc^neibung unb 
übrigen jübifd^en @efe^eSbeobad^tung in bie d^riftlid^e @emeinbe 
au^une^men. 9htn ^t noc^ unferer @r;a(|lung ber 91. ®. ^etruiS 
ben (Someliug unb feine ätngel^örigen ju (Sl^riften gemacht, o^ne 
2uoor bie Sefc^neibung oon x^mn ju oerlangen, oielmel^r unter 
eigener ^inmegfe^ung über bie f^orberungen ber jiübifc^en ®efe^' 



nu|t an. ^t betont, bog na^ %ct. 10, 1—11, 18 $ettu8 „bie ^iffion^ unter 
ben ^iben betreibe" unb in biefer ^eibenmiffton bem $aulud ooxange^ 
((^(ettun0 in bod % %, 1. ^ufl. @. 388; ^anb* (Kommentar I. 6. ZU unb 
367). Sfli^tig tft, bag in ber %. ®. bie (SorneUudbefel^rung in ben SBorten 
be« $etrud 10, 34 f. 43 unb ber ©emeinbe in 3erufa(em 11, 18 eine foli^e 
wrattgemeinernbe SBeurt^cilung erfährt, in toetci^er ba^ SRed^t einer »eiteren 
aSgemetnen ^etbenmifflon principiett anerfannt toirb. S)a6 in biefen t>er« 
oflgemeinemben SCudfagen ein ungefd^id^tlid^ed Clement unferer (Eomeliud* 
er^d^ng liegt, ^abe id^ felbft oben l^eroorge^oben. ^ber ed bleibt bod^ nod^ ein 
gro6ei Unterfc^ieb befielen 3tt)if(J^en einer princi|)ie(Ien 3(ner{ennung bed 9le(j^ted 
ber ^eibenmiffton unb einer praftifd^en ^udfü^rung berfelben. Unb ba nun 
na^ bem S3eri(^te ber %, ®. biefer fJfaU ber S3e{e^rung beS Cornelius ein 
t>erein3e(ter geblieben ift, oon bem qu0 ^etrud nid^t ju weiterer SSerfünbigung 
bei (B>angeliumd an bie Reiben fortgefc^ritten, fonbern gu feiner äBirffamfeit 
unter ben 3uben gurüdgefe^rt ift, toä^renb anbrerfeitd U7ir unter bem ^Begriffe 
ber d^riflUd^en i^SJ^iffton" ein beruf dmdgiged SBirfen gur Ausbreitung bed 
€^riftentf|umd oerftel^en, fo liegt in bem Urt^eile, bag $etrud naä) ber ^. ^. 
„bie 5Dliffion unter ben Reiben betreibe" entfd^ieben eine entftctlenbe Ueber« 
treibung beffen, toaS bie %. ®. loirKid^ berid^tet. ^ol^mann erfldrt eS für 
eine »bünne fludrebe", toenn man fage: bie €omeliu8be!e^rung fei ein oer« 
ein^elter gfoll gen>efen unb bed^alb bei ber weiteren unftd^eren ©tellung ber 
ierufalemifd^en ®emeinbe in ber ^eibenmiffiondfrage nid^t in S3etrad^t gefommen 
(^nb'gommentar I. ©. 367). @mi% ift eS öerfc^rt, ju fagcn, baft ein 
t)erein3elter ^foU aU folc^er überl^aupt nid^t in S3etrad^t fomme; bog aber 
ein toereingelter gfall al9 fold^er oft anberd su betrachten ift ald eine regel* 
ma^ge SHel^it an Sfällen, toerben alle prattifd^ Urtbeilenben anerlennen. . 

16* 



246 JEBenbt, bcr Äem bei (SorneliuSeraä^Iung. 

lid^Ieit. @o fragt fic^, ob btefcS SBcrtjaltcn bcS ^ctnig bamit in 
(Sitttlang ju bringen ift, ba§ fpätcr boc^ por unb bei bem 9lpoflel* 
cont)ente bie naä) bem gleid^en. ^rincip oerfal^renbe |>eibenmiffion 
be§ $aulu§ f eitenS ber jerufalemif d^en ©emeinbe beanftanbet routbc 
3lud) bei ber SBeantroortung biefer grage möd)te ic^ juerft gettenb 
tna^en, ba§ c§ boc^ für baS Urt^eil beg ^etruS unb ber jerufa^ 
lemifd^en ©emeinbe feineäroegS einerlei mar, ob ba§ Slbfel^en pon 
ber S8efd)neibung§5 unb ®efe^Iid)feitöbebingung in einem einjelnen 
%aU ober principieH unb in ber Siegel gef^al). ^d) fnüpfe roieber 
an mein obigeS SBeifpiel an. Sttuc^ roenn jener ©eiftfid^e bei bem 
einen Qfcipaner, ben er in S)eutfd(Ianb belehrte, ftd^ felbft mit bem 
aSorl^anbenfein eineS einfachen, unmittelbar an bem bleuen Sefta* 
mente gebilbeten unb in bibüfdEien gormein ftd^ auSbrüdenben rffrift* 
Iid)en ©laubenS begnügt {)at, meil er mol^I meijs, ba§ l^ierin ba^ 
aBefentli^e be§ d)riftlid^en @Iauben§ liegt Icmn er eg bod^ mettcic^t 
mit IiÖ^ft mij3trauifd)en Slugen betrachten, menn bei ber in 3apan 
betriebenen SRiffion auf bie Ueberlieferung unb officieHe ®ültig* 
fe^ung ber in ber alten ^rd)e ausgeprägten S)ogmen ober ber 
reformatorifc^en fr|mbolifd)en ©d^riften principieH oerjic^tet wirb. 
S)enn auc^ mer ben blo§ relatioen SQBertl) ber in ber gried^ifd^ea 
unb abenblänbifd^en Äird^e auSgebilbeten bogmatifc^en 3t)rmeltt 
unb man^eS aWangell^afte unb Veraltete an benfelben ertennt, 
fann in il^rer 2lufred)ter]^altung boc^ fel^r wichtige ©arantieen für 
bie Semalirung bc8 d^riftlid)en ®lauben§ fe^en; unb aud) roer fetbft 
in einem eiujelnen gaUe auf biefe. ©arantieen oerjic^ten ju bürfen 
meint, fann bo(^ befürd^ten, eS möd^te ju großer 3BiIlfür in ber 
95eftimmung be§ d^riftlic^en .©laubeng fül^ren, menn ben -Japanern 
ba§ ©Dangelium principiett ol^ne autoritatipe Ueberlieferung biefer 
bogmatifd^en Formeln gcprebigt mürbe, ^n a]^nlid)er SBeife benfe 
id^ mir bie Stellung ber Urapoftel ju ber ©efefteSfrage. 2lu^ 
menn fie auf ©runb i^rer Srjie^ung burd) Qefug ganj roo^t 
mußten, ba^ bie 93efd)neibung unb ceremoniale jübifd^e ©efe^lid^= 
feit nur einen relatioen SBert^ ^abe unb menn fie fid^ beg^lb 
audf) für bered^tigt l^alten fonnten, im einjelnen ^aSit biefe ©e^ 
fe^eSforberungen au^er Sld^t ju laffen , fo mar bo^ bie jiübifc^ 
©efe^lic^feit afe ©anjeg fo eng oerbunben mit i^ren SBorftellungen 



9Benbt, bei Sttxn ber (Sorneliudergftl^tunQ. 247 

von cmfter grömmigleit unb ©ittüd^fcit ba§ fie in ber 2lufrc^t= 
er^ioltiuig biefcr ©efc^lic^feit eine \)'66)\t roid^tige ©arantie für bie 
Seioa^rung beS cmftcn, frommen unb ftttlic^en 2:ra^tcn§ in bcr 
c^riftlid^cn ©cmeinbc fallen unb einen fc^ranfenlofen SibertiniSmu^ 
ffird^teten, wenn man principieß üon ber g^orberung biefer @efe^* 
lic^teit mftanb na^me. 

@en)i§ gab e§ in ber jerufolemifc^en ©l^riftengemeinbe oielc 
„Oefe^eSeiferer" (2lct. 21, 20), meldte ber Sefc^neibung unb cere* 
moniolen ©efe^Iic^feit einen nid^t nur relativen, fonbcm abfoluten 
SBert^ beilegten unb in itir nid^t nur eine ©arantie für bie emfte 
gtömmigfeit unb @ittlid)feit ber ©epnnung, auf meiere e§ vox @ott 
anfomme, fonbem eine an pc^ notl^menbige SBebingung ber ®ott= 
geffißigfeit unb ^eilSerlangung fa^en (Slct. 15, 1). 21ber biefe pi)axu 
faifc^sjubaiftifdEie 2luffaffung ftanb nid)t in Uebereinftimmung mit ber 
änfd^auunggmeife, meldte Qefu§ felbft feine jünger gelehrt l)atte, 
unb mir müßten un8 in SBiberfprud^ ju bem fe^en, maS un§ 
glaubmfirbig über bie Urapoftel überliefert ift, menn mir ü^nen 
biefe jubaiftifi^e äuffaffung auftreiben rooHten. ^aulu^ bejeugt, 
bog bie ^uptautoritäten in ^»^rufalem, ^f^icobuS, betrug unb 
5o^anne8, nid^t bem Urtl^eit unb ben gorberungen ber feine 
^ibenmiffion principiett befämpfenben „falfd^en 95rüber" juge* 
ftimmt, fonbem melmetir ju feinem Soangelium feine Qn^&^t ge^ 
mac^t unb ben il^m oon @ott anoertrauten 93eruf §ur aSerfünbi^» 
gung feinet SoangeliumS ber 93orl^aut an bie Reiben ebenfo aner^^ 
!annt Ratten, mie er feinerfeitg ben göttlii^en 93eruf beg ^etruS 
jur SBerfünbigung beS ©Dangeliumg ber 95efd^neibung unter ben 
Suben anerfannt l^abe (®al. 2, 6—9). SBeber l)ätten bie Ur* 
opoftet bie aWiffton beS ^auIuS, nod^ l^dtte umgefe^rt ^aulu8 
bog ®pangelium be§ ^etruS fo principieü anerfennen fönnen, 
»erai nid^t ^etru^ unb bie Urapoftel ben nur relatioen 3Q3ertt> 
ber iübifc^n ceremoniolen Oefe^üc^feit für ®ott unb für ben SBe* 
^onb beS 9teic^e§ ®otte§ unb be^tialb, bei SBorbe^alt ber fort= 
bouemben ®ültigfeit be^ jübifd^en ®efe^e8 für bie geborenen 
3uben, bie Unnötl^gfeit biefer ®efet>U(^feit für bie geborenen 
Reiben eingefc^en Ratten. ®iefe Stellung ber Urapoftel auf bem 
Spopelconoente ftanb in innerem @inöange mit ber Slnfdl^auungS* 



2^ SBenbt, bet Äern bcr €otncIiu8ctaäi>Iunfl. 

toeifc, iöcld>c fie Don 3f^fu5 gelernt Ratten unb roeld^e ^etruS in 
bem ©omeliugfaDe bet^ätigt f>atte. S)a^.aber tro^ biefc§ ©ome* 
ItuSfaHeg ^etruS unb bie Urapoftel erft auf bem HpoftelconDcnte 
eine ber gleichen Slnfc^auung^roeife entfpreij^enbe Seurt^eiltmg ber 
^tbenmiffton be§ ^^auIuS gewannen, wirb un8 perftänblic^, roemt 
n)ir bebenfen, bajs unter ben bamaligen SSerpItniffen auf jenen 
tjereinjelten %aEi foI(^e ©ebenfen feine Slnroenbung ju ftnben 
braudE|ten, n)eld^e ftd) gegen eine nad^ bemfelben principe ooD^ 
jogene regelmäßige ^eibenmifflon erl^eben tonnten. 

@nblic^ gilt baß aud^ baä oon ^IßauluS ®al. 2, 11 ff. be» 
rü(fftd)tigte 93erf)a(ten beS $etru$ in älntiod^ia bur<^au8 xdd)t 
unerflärlid^ wirb, menn roir bie ©efc^id^ttic^feit be§ Äeme§ ber 
6^omeIiuiSer}äf)Iung vorauSfe^en. ^bem ^etruiS in Slnttod^ia 
juerft fein SSebenfen trägt^ mit ben ^eibendjriften jufammen ja 
effen, btxoai)xt er biefelbe innere ^^ei^eit gegenüber ben jübifd^en 
©peifegefe^en, roie frül^er bei ©orneliuS. 2lu(^ $aulu§ fe^t oorau§^ 
baß fiä) in biefem gefe^e§freien 9Serl^aIten beS ^etru§ feine eigent*^ 
lid)e Stnfc^auung jum 2lu§brucf gebradE|t \)abt, roeld^e er I^inter^r 
Derleugnet tjabe, afö er fid^ um ber 3^acobu§Ieute noiUen roieber 
oon ber lifdigemeinfc^aft mit ben Unbefd^nittenen jurüdCgog. 
S)enn "^^auIuS beurtf)eilt nid)t jeneg erftcre gefe^eSfreie, fonbetn 
biefe$ fpatere gefe^Iic^e 93er]^a(ten beS $etruS atö eine l^euc^Ierifd^e 
SSerleugnung feiner inneren Ueberjeugung (95. 12 f.). 9S3ir bflrfen 
aber aud) ni^t fagen, baß bem ^^etruS biefe aSerleugnung feiner 
freieren inneren Ueberjeugung unmöglich gemefen märe, wenn err 
ba§ Semußtfein gehabt tiätte, biefelbe einft burdEi ein munberbare^ 
@rlebniß gemonnen unb bamalS in göttlichem Stuftrage gegenüber 
bem SomeliuS betl^ätigt ju ^aben. ®enn mit bem gleid^en 9te(^te 
fönnten mir folgern, baß aud) 93amaba§, ber fic^ in Slntio^ta 
beSfelben ^eud^Ierifd^cn 9Ser(|aIten§ f^ulbig mad^te, mie ^ßettiÄ 
(93. 13), ni^t oor^er ein ®efinnung§* unb 2lrbeit8genoffe be* 
•jßauIuS in ber ^eibenmiffton gemefen fein fönne. S)aß ^truS. 
unb 95amaba5 ben ©peifeperfel^r mit ben ^eibendiriflen, melden 
fte gemäß i^rer nid)t me^r ftreng gefe^Uc^ gebunbenen Stnfd^auung. 
gepflogen l^atten, oor ben ^f^cobu^leuten oerleugneten, muß babur4 
oeranlaßt gen)efen fein, baß biefe ^acobuSleute auf bie gefetylic^ 



Sßenbt, bet i^etn bet ^omeliudetad^Iung. 249 

Haltung einen befonberen SBSert^ legten, unb ivoax avß @rünben, 
benen ouc^ $etntS unb ^otnaboS ein gen)iffe8 Sted^t juertannten 
unb benen fie beä^olb in ber Slnroefenl^eit ber ^föcobuSleute 
inroltifc^ golge geben ju bürfen meinten. Obgleich ^föcobuS unb 
feine Stnl^änger anertannten, ba§ bie jübifd^e ©eremonialgefe^lid^« 
feit ni^t unbebingt notlimenbig für bie ^eilSerlangung unb be^l^olb 
bei ber ^eibenmif jton nid^t §u forbem fei (®aL 2, 6 — 9), Der* 
langten fte boc^, ba^ bie geborenen ^uben an bem jübifc^en ®e* 
fe^e f eft^ielten unb ftd^ dfo ber nad) bem ©efe^e ©erunreinigenben 
Speifegemeinft^aft mit bcn Unbefi^nittenen entl^ielten, felbft roo 
bie Unbef d^nittenen @enoff en ber mef ftanif c^en ^eil^gemeinbe feien ; 
raü) fie maren Don ber 93eforgni^ erfüllt, ba§ bie im ^rincip 
bere^tigte g^eilaffung ber ^eibeni^riften oon ber SBefd^neibung 
mib ifibifc^en ©efe^lid^teit bod^ praftifc^ ju libertiniftif^en (Son* 
{equenjen bei il^nen führen möd^te. S)a§ Unred^t be8 ^etruS nun 
beflonb barin, bo^ er, inbem er {td^ non ben Unbef^nittenen ob« 
fonberte unb ben ^f^cobuSleuten anf^lo^, nid^t nur ben @^ein 
eines größeren äBerti^legenS auf feine eigene jübifi^ gefe^li^e 
^tung ermedte, als melc^eS feiner mirfli^en Slnfd^auung unb 
Ser^attungSmeife entfprad^, fonbem namentlich aud^ jiene SBeforg* 
nig nor libertiniftifdl^en folgen bei ber älu^erai^tlaffung beS 
jfibifd^n (Seremonialgefe^eS ju tl^eilen unb babur^ inbirect ben 
äSunfc^ noc^ ber ^ea^tung biefeS (Seremonialgefe^eS oud^ feitenS 
ber ^eibendt)riften ju unterftü^en fd^ien. S)ieS lä^t ftd) erfd^lie^en 
aus ben ftrafenben SBorten beS ^ouluS (@al. 2, 14 ff.), in benen 
er juerft bem ^etruS Dormirft, ba§ er tro^ feiner eigenen ni^t 
gefet^lic^ gebunbenen ^nf^auungS* unb 93er^altungSn)eife auf bie 
^etbenc^riften eine 9löt]^igung jur jübifd^en @efe^li^feit ausgeübt 
^obe (S3. 14), unb bann meiter auSfül^rt, bajs bei Geltung beS 
(Serec^tgefproc^enmerbenS ber >^uben mie ber Reiben ni^t auS 
@efei(eSn)erten, fonbern auS ©louben an (£f|riftuS (93. 15 f.), fid| 
feineSmegS baS @ünbigen als ^olge ergebe, fo ba^ 6^t|riftuS jum 
Sfinbenbiener mürbe (SB. 17). 3)enn mit fold)em ©ünbigen mürbe 
man nielme^r in eigener fd^ulbpoUer Uebertretung baS mieber auf* 
rieten, maS man gerabe bnx6) S^riftuS unb bie an il^n fic^ an* 
faiüpfenbe @laubenSrec^tfertigung jerftört ^abe (93. 18), ba man 



250 aBenbt, ber Aern ber ^orneliuiSerdd^lund. 

ju eben bem Qro^dt tro^ bei^ ®efe^e^6e{t^e§ ^ bem ©efe^e ab^ 
geflorben fei, um @ott ju leben (SB. 19), ndmli^ um ni(^t mel^r 
in farftf^em Unt>ermögen ju fünbigen, fonbcm auc^ im meiteren 
farfifdEien (b. i. creatürlid^en) Seben vermöge ber inmo^nenben 
Ätaft ©l^rifti ein neue§ ßeben ju fftl)ren (85. 20). 

©0 ergiebt fii), ba^ ber Äern ber ©omeliuSei^ai^lung fid^ 
bem ßufammenl^ange beffen, moS unS anbermeitig über baS Seben 
unb SBerl^alten be§ ^etru§ gtaubmürbig bejeugt ift, in oerftänblit^er 
SBeife einreil)t. hierin liegt aber bie entfd^eibenbe ^obe fttt 
bie ®ef(^id)tlid^feit biefeS ÄemeS ber ©omeliu^erjä^lung. 

95ef^lie§en mö^te ic^ meine Erörterung über ben gefc^id^t« 
li^en ^em ber 6^orneliuSerjä^lung mit einer 93emmt^ung über 
i^ren literarifd^en Äern. SttuffoUenb ift ber Umftanb, ba§ bie 
ßrjd^lung in boppelter gorm gegeben mirb, juerft in ®ap. 10 alö 
birecter 93eric^t über bie Sreigniffe, bann in 11, 1 — 18 in fiirjercr, 
aber bod^ immer nod^ oerl^ältni^mä^ig au^fül^rlid^er Raffung al§ 
SBeric^t be8 betrug in 3iw:ufalem über ben SBorgang. 3»ft i^i^f^ 
fad^lid^ unnötl^ige Stu^fül^rlic^teit nur barau§ ju erttären, ba§ 
ber SJerfaffer ber 91. ®. bie öebeutung be§ SBorgangeS möglid^fi 
nadE|brüdli(^ liat hervorheben moQen ^ ober ift fte etma burc^ ben 
93eftanb ber il^m jugegangenen Uebertieferung bebingt gemefen? 
SB. SBei^ nimmt an, ba| bie Qfrjal^lung ®ap. 10 au8 einer fd^rift« 
lid^en Duelle ftamme, unb ba^ ber biefe ClueQe bearbeitenbe 93etf. 
ber 31. ®. bann feinerfeitg 11, 1—18 hinzugefügt ^be*. Öei 
biefer 2lnnal^me finbet aber bie S^age, me^l^alb ber SJerf. ber 21, 
®. überl^aupt in 6^. 11 eine fo umft&nblic^e 9iecapituIation 
bietet, feine Slntmort. ^ätte er fi^ nid^t mit ber furjen äbtgobe, 
ba^ ^etruiS feine unb beS 6^omeliuS (Srlebniffe gefd^ilbert unb 
baburd^ bie 3iift^^u<^9 ^^^ jerufalemif^en S^^riften erjieU 
liabe, begnügen fönnen, nac^ Slrt ber ^^rmeln 12, 17. 15, 
12. 21, 19? 3QBenn man überl^aupt urtl^eilt, ba§ ber Äem ber 

^ 2)QiS dioc vopLou fQ. 19 ift )u erüären na(^ Analogie bti ^i& in 
IRom. 2, 27. 4, 11. 14, 20: »unter »or^anbcnfcin öon ®efef b. i. troj 
üorl^anbenen ®efe(ed. 

* »gl. D. !Pf leibet er, ba« Urd^riftent^um, @. 570. 

" Sel^r6u(^ ber (Einleitung in baS 91. %,, § 50, 3. 



SBenbt, ber ^ern her SomeUuiSersä^tund. 251 

(EomelüiSci^ä^Iung auf einer guten Ueberlieferung berul^t, fo n)irb 
man ju bet Ueberlegung getrieben, ba§ bie le^te Queue für biefe 
Ueberlieferung boc^ roo^t ber ©erid^t beS ^etru§ felbft in ^erufa* 
fan über feine ®rlebniffe in ^opp^ unb ©aefarea war. 3)ann 
etfti^int aber bie Slnnai^nte, ba^ bie @rjdl^lung 11, 2 ff. t)on ber 
SluSeinanberfe^ung be§ ^etru§ mit ber jerufalemifd^en @emeinbe 
über ben ©omeüugfatt bem SJerfaffer ber 21. ®. burd^ gute Ueber* 
fiefenmg zugegangen n>ar unb für il^n bie ©runblage ju feiner in 
6ap. 10 gegebenen ©cjäl^Iung über ben roirflid(en SSertauf ber 
Ji^tfad^en gebilbet l^at, oiel einfa^er, ofe bie 9lnnal)nie, ba^ in 
6ap, 10 bie urfprüngttd^e Ueberlieferung Dorliege, nad) roeld^er 
bann ber SBerfaffer ber ä. ®. erft feinen Söeric^t über bie SRit* 
t^eilungen be§ 5ßetru§ conftruirt Iiabe. S)ie Slnnal^me, ba^ in 11, 
2—17 ber ©runbftorf ber Ueberlieferung liegt, bie bem SBerfaffer 
ber 21. ®. gegeben mar, finbet nun aber auc^ eine gemidE|tige 
Unterftü^ung babur^, ba§ l^ier in 11, 2 ff. bie öebeutung be8 
gonjen i8organge§ t)iel prägnanter l^ernorgel^oben ift, al^ in @^. 
10. S)a^ bog mic^tige, für ba8 eigene 93emu^tfein be8 5ßetru§ 
bcfrembenb neue unb für bie jerufatemifd^en ©l^riften anftö^ige 
SRoment bei ber ©omeliuggefc^id^te bie ©peifegemeini^aft eineg 
fonft nac^ bem ©efefee lebenben ^f^ben mit einem Unbef^nittenen 
nxir, unb ba^ bag non betrug erlebte ©efic^t eben barauf abjielte, 
i^ bie ^uläffiflfett ^iner fold^en ©mancipation non bem jübifc^en 
Speifegefe^e jum 93emu§tfein }u bringen, tritt erft aug bem Qn^ 
ifoitt be§ gegen ?ßetruS erhobenen SorrourfeS 11, 2 f. unb au8 
ber barauf jur SSerantmortung gegebenen (Srjälitung beS ^etruä 
über feine äJifion 11, 4—10 beutlid^ ju 2:age. ^n ber ©r^ä^lung 
6ap. 10 bagegen ift bie SBifion be§ ^etruS nid^t fomo^I auf bie 
auf Hebung be^ Unterf^iebeS non reiner unb unreiner ©peife, ate 
mcüne^r birect auf bie 2luf^ebung beS Unterfd^iebe^ Don reinen 
unb unreinen SÄenfc^en gebeutet (10, 28) unb ift nirgenb^ avS^ 
brüdli^ erjoi^tt, ba^ ^etruS bie juerft gefd^eute Speifegemeinfd^aft 
ittit ben Unbefd^nittenen mirHic^ auggefü^rt tiabe. 3)ie§ ift ein 
beutlid^ Symptom be^ fecunbären 6;^arafterS ber (Srj&^lung 
t«m(Eap. 10 im SBergleid^e mit 11, 2 ff. 3Äan barf aber freiließ 
wm biefer (grfenntni^ au8 nid^t gleid^ ä^ ^^^ Urt^eile fortfc^reiten, , 



252 9Benbt, bet Sttvn bet €omeIiuikt)&^Iung. 

ba| uit§ in 11, 2—17 her uitcntfteUtc Ouellenberic^t oorttegc, mit 
\t)n bcr Serfaffer bcr 31. ®. überliefert betommen l^abe. ©id^* 
lic^ f)at hod) biefer SBerfaffer ni^t bie SBorftellung gehabt bei feiner 
9teprobuction ber il^m jugegangenen Ueberlieferung in (Sxvp. 11 ge» 
nau an ben ^^nl^olt berfelben gebunben ju fein, bei il^rer JBear* 
beitung in ®ap. 10 aber il^r frei gegenüber ju fielen ; fonbem er 
l)at in biefer Bearbeitung nur auSfül^rlic^er hcS jur ^arftedimg' 
gebracht, voa^ er für ben roefentlid^en Qnfydt feiner empfangenen 
Ueberlieferung ober für eine berechtigte (^rganjung berfelben l^iett 
^ei^l^alb ift e$ ebenfo n)oI)l möglid^, ba| er in ber Srjd^lung 
oon ^p. 10 einige ur)prüngti(^e 3^9^ ber Ueberlieferung aufbe» 
ben^al^rt l)at, bie in Sap. 11 ausgefallen finb (j. 93. ba| ^etntS 
hungrig geroefen war, alä er feine SBifton empfing, 10, 10), mie er 
anbrerfeitS in @;ap. 11 einzelne fold^e Qü%t hinzugefügt ^aben n>irb, 
bie itjm nid)t mit überliefert waren, rool^l aber ate bered^tigte ffic* 
gänjung biefer Ueberlieferung erfd^ienen (fo jebenfaltö bie ein- 
ral^menben ©orte 93. 1 unb 93. 18). 9hir gilt im @ro|en unb 
©anjen, bajl ber füi^ere 93eri(^t in ®ap. 11 bie ©runblage beS 
au8füt)rlid^eren in (£ap. 10 gemefen ift. @in offenbar urfprüng« 
lid^er, m^ngleid^ fac^lic^ bebeutungSlofer 3ug in ber Srjäl^lung 
beS ^etruS in 6)ap. 11 ift bie älngobe, ba| eS fec^S c^riftU^ 
93rüber geroefen feien, bie mit ^etruä oon ^f^ppe nac^ ©aefarea 
gejogen feien (93. 12; ogl. 10, 23). Unb fel^r bebeutfam ift ber 
Umftanb, ba§ in ®ap. 11 roeber am 2lnfange bei ber ätnfrage 
ber jerufalemifc^en ffi^riften (93. 3) nod^ am @nbe bei ber Sr* 
jö^lung beS 'ißetruS über baS in &aefarea (Erlebte oon ber Sioufe 
ber Unbefc^nittenen bie Stebe ift. ^etruS braucht jmar ouc^ bot 
31uSbrucf beS ,,®etauftn)erben«t'' , aber nic^t mit 93e)ug auf bie 
SBaffertaufe, fonbem auf bie ©eiftei^taufe, mel^e ftc^ bei (S4)meliu8 
unb feinen 3tngel^örigen in i^rem 93egabtn)erben mit ber ©loffolafie 
bargeftellt ^abe, unb ffigt l^inju, ba^ er nic^t im @tanbe gemefen 
fei, @ott an ber 93erleil)ung biefer @eifte^abe an bie Unbe« 
fc^nittenen ju ^inbem (11, 15 — 17). 2lm (Bc^luffe pon ®ap. 10 
bagegen ift oon ber äBaffertaufe bie Siebe, unb bie e^age bed 
^etruS bei bem 3luftreten ber @loffolalie bei ben Reiben rid^ 
[\i) barauf, ob man auc^ baS äBaffer t)inbem tonnte, bamit 



S[&enbt, ber Sttxn bet C^onuIiuiKer)ä^luns. 258 

bicfe ©ciftcSbcgabten getauft loürbcn (10, 47 f.). 3»ft ^ ^W ^^^^ 
nm^c^einltd(er , ba§ aucf( l^ier bie fürjcrc SWittlieitung in ®ap. 
11 bic urfprflngüd(erc Ucbcrücferung batfteHt, welche bcr Sßerfaffcr 
ber 3[. @. in ©qo. 10 nad^ feinen SBovftellungen ausgeführt ^at, 
als bag biefer SBetfaff er in ®ap. 1 1 oon ftc^ au8 eine f oId)e 3«- 
fammenjie^ung ber in ®ap. 10 bericf(teten J^atfadjen gegeben 
^fittc, bei rotl6)tx er baS n)id(ttge 9Jloment ber Sßaffertaufe über^^ 
gangen l^ätte? 

Sei biefer SBoraugfe^ung aber, ba§ in 11, 2 — 17 bie ur^ 
finrflngli^e Ueberlieferung norliegt bie bem 95erfaffer ber 21. @. 
über ben (JorneliuSfaH jugegangen war, finbet nun auc^ baS 
Problem eine einfaclie Söfung, oon bem unfere (Erörterung 
i^ren SuSgang nal^m: wie näntlic^ bie boppelte Jorm ber ®or* 
neliu^erjäfilung in (Sxtp. 10 unb 11 ju erflären fei. S)enn rod^renb 
eS einerfeitS oerftänblid^ ift ba§ ber ffierfaffer ber 31. @. fi^ 
ni^t mit ber äBiebergabe be§ 33eric^teS fiber bie nachträgliche 99e« 
fprec^ung beS ©omeliuSfaHeS in «^erufalem begnügen, fonbern 
iuerft biefen %aJl birect erjälilen rooUte, fo ift e§ anbrerfeits be* 
greiflic^, bag er l^interi^er bocli au^ bie ©rjäl^Iung be§ betrug 
in ^f^rufalem au§fü^rlicl| mitt^eilte, roeil gerabe fie ben eigent* 
lic^ Seftanb ber Ueberlieferung bilbete, bie er über bie ©omeliug^ 
gcf(^icl|te empfangen i^atte. 3)a8 SJerfa^ren beS SJerfafferS ber 
31. ®. ift l^ier ein analoge^ geroefen wie bei feinen mieberl^olten 
Seric^ten über bie Sefei^rung be§ ^aulu§, roo mir aucli gute 
®rflnbe )u ber Slnnai^me ^aben, ba^ bie urfprünglic^e Ueber- 
lieferung in ber SRebe be§ ^auluä nor SKgrippa vorliegt (26, 9—18), 
auf bereu Orunblage ber ffierfaffer ber 21. ®. feine früi^eren 
3)arfteUungen in Q^ap. 9 unb 22 gegeben ^at, aber mit fold)en 
SWobificationen, bei meieren gemiffe autl|entifd(e 3üge jener ®runb= 
läge nerloren gegangen finb.* 

einer ^gpot^efe barüber, in meinem literarifd^en 3ufammen* 
^ng baS in 11, 2—17 entmtene UeberlieferungSftüd, meld^eS 
ber SBerfaffer ber 21. ®. für feine (grjä^lung in Sap. 10 vtx^ 
vottüftt f)at, etma ju anberen DueHenftüdEen in ber 21. @. ge^ 

* ä^gl. meine 93eaibcitung üon IDle^et'd C^omm. aur ^. ®. 6. 3tufl. 
€. 19 f. unb 217 ff. 



254 Sßenbt, ber i^tin ber (S^orne(tuder3ä^IunQ. 

ftanben t)Qt, glaube ic^ mic^ entl^alten ju foQen. 3)tir fc^eineit 
nid)t genügenb ftd)ere 3tnl|alt§punfte baju Doi^uliegen, um auS 
bcm crftcn a:]^cilc ber atpoftelgef^iditc ©tücfe einer größeren 
„^etruSqueße" auäjuf^etben. ®§ toar burd^ bte t^atfäc^üc^ 53e* 
beutung be§ ^etruS für bte @^onfottbtrung unb (Sntoictiung ber 
apoftolifd^en ©emeinbe in ber erften Qtxt nai) bem S^obe 3f^fu 
bebingt baß bie fpdteren gefc^i^tlid^en Ueberlieferungen über 
biefe SlnfangSjeit ju einem großen 2:^ei(e Ueberlieferungen über 
bie ^l^aten unb ©riebniffe be8 ^etruS waren. Ob aber biefe 
Ueberlieferungen bem aSerfaffer ber 21. @. fc^on in einer pfammen^* 
l^ängenben literarifd)en Bearbeitung norlagen unb ob in biefer auc^ 
bie Ouetlengrunblage für unfere ß^omeliuSeriäl^lung gegeben mar, 
muß man meinet @rac^tenS bal^ingefteUt fein laffen. 



Ute (Erfal|ntn0 ber ^oUnfö^vttktn mh htv (li|tt^n|laiib 

nac^ htm llrt^eiU tnt^txB 

Don 

Sut^er forbert aJleland^t^on in einem SBriefe t)om 13. 1. 1522 (S)e f[&tiit II, 
124 ff.) auf, bie e^t^eit ber angebliii^cn teligiöten erlebniffe ber 3tt>idauer 
bocon gu erproben, ob fie „iene geifiliii^en ilnsfte unb göttlid^en Geburten, bie 
ZtM' unb ^dttenffj^reden" erfahren l^aben. €r fod eiS nid^t gelten laffen, 
nxnn fte nur »on »ol^It^uenben (Srfal^rungen htxi^itn, felbft nid^t, toenn fie 
bi« in ben britten ^immel oergüät gemefen fein toollen. 2)a fe^Ie „bau S^i^cn 
hed flenfd^enfo^ned, ber einzige $rflff!ein ber Sl^riften unb bas autierlaffige 
fRittel ber Unterf(!^eibung ber ©eifterV „aSBittfl S)u »iffen Ort, 3eit, SBeife 
ber göttlid^en ®ef^&(!^e? @o ffore: 2Bie ber Sdme i)at er gerbrod^en olle meine 
öebeine 3ef. 38, 18. ^^ bin öerftoften öon S)einem flngepdjt ^, 31, 23. Qx- 
Mi iß meine Seele üon Seiben unb mein Seben ift ber ^öQe nal^egefommen 
^. 88, 4.- — a)iefen »rief l^at fRitfd&I fo oerftonben, ol8 ob ßut^er Don 
einer ^be für bie d^^t^eit bed S^riftenftanbeS rebe unb nun ben „Sdug* 
fanpf im ^5 elften Grabe" alü bie allgemein giltige S9orbebingung für ben 
legitimen Gewinn ber 9le(!^tfertigung im Glauben barftette. (Sx ^&(t Med für 
unbered^tigt; benn bie gleichartigen ^fa^nmgen Sut^erö feien inbioibueQ be» 
bingt; unb bie altteflamentUd^en @ä^e, auf bie er ft(!^ berufe, begei^neten eben- 
falls gans inbiDibuelle Situationen, ^xä^t bai 9litf4( ti beanftanbete, toenn 
far 8ut^ ber Glaube o^ne ernfte 93u6e unbenfbar ift. ^u(6 i^m fü^rt 
(ttabe bie Vergebung @4&rfung beiS ©c^ulbgefü^ld mit ftc^. 9Ba8 er be« 
^Ui, ift, bag feine Gkubeni^auoerft^t bere(!^tigt fei, »toeld^e nic^t bem 
t54ßen Grab bed Sünbengefül^Iä abgerungen ift", unb bag jeber burd^ eine 
SeiDiffeni^not oon ber ^ntenfttät ^inburd^gel^en muffe, toie fte Sut^er in gfolge 
bobon erfuhr, ba^ er fo lange unb fo letbenfd^aftlid^ büxä^ baS S3erbienfl feiner 
affctifi^en ^erle oor Gott geredet ju toerben gefud^t ^atte. (S^led^tf. unb SSer* 
f5^ung 2. $t. 1, 180. 643. ^eti«mu8 III, S. 1 1 1. 1 1 2.) gf r a n f erf Iftrt ed aüerbing« 
Qu4 für S^orbeit, fol^e innere ©türme, mie fte Sut^er gu befielen b<^tte, e^e 
et pxm Glauben lam, aU allgemeine Siegel ber 93efe^rung feftjuftellen. ^ber 
tio^bem oertoert^et er Slitf^rd Urt^eil über jenen 93rief Sut^erd ald aäetoei« 
fnr feine S9e]^au|)tung, ba^ biefer gu ber centralen €rfa^rung Sut^erS unb ber 
eoang. IHrd^e, su ber Don @ünbe unb Gnabe, eine gelinbe gefagt «gebrod^ene 
Stellung" einnehme. ^4 ^^ U^^ ^^^bei boraud, ba^ Sut^er bon ben spiri- 
toales angnstiae rebe, i, meldte eintreten müßten, too immer Gott mit einer 
fnnbigen ^Tlenfd^enfeele in SSerül^rung fomme". Unb er fagt nun: „(ES giebt 
iDenige Stellen in Sut^erd S9riefen, bie mit fold^er Getoalt au ^rgen bringen 
toie biefe, loeil fte felbft auS ber innerften ^eraenderfa^rung ^erauSgeboren 
finb. Getoig. Gr rechnet auf bie ^tlgemeingültigfeit biefer CErfal^rung." (2)te 
ftnil. »ebeutung ber Xf^eologie «. fRitfd^l'« S. 6—7.) 



256 @ottf(^i(f, S)te d^ifol^rung bet ^öUenf Rieden unb ber 

9lun ^atSutl^er fonft unb gerabe au^ in bei^eriobe, aud meldet unfex 
Sdrief ftammt, feineStoegd bie C^fa^tun({ intenftüftet ®cn)if[endan0ft, wxt er fic 
an ber ^anb ber oben angefül^rten unb öl^nli^ loutenber altteftomentUii^er 
2ßotte fd^ilbert, aU unikietfeae unb aU Ihitettum bet d^c^tl^cit be« C^^ett« 
ftanbed be^u^tet. 3ni Gegcntl^etl gäl^It et biejenigen mit 9lainen auf, bie 
btefe ^Sttenängfie erlebt l^aben: e< ftnb aliqui viventea, ^iob, ^aDtb, ^iffia 
unb pauci alii, loie faulet baüon SBeifpiele anfft^tt; aud^ fenne er fclbft 
einen 37lenf4en, bet fie nte^tmalS etfal^rcn ^abe. ((i. %, opp. var. arg. II, 
175—181 opp. ex. XIV. 306.) 3a ba, too er am einge^nbften Don i^ttcn 
^anbelt, bei ber CErflftrung bei» 6. $falmd üon 1519, fagt er audbrücfliil^ : Nee 
putandum est universos Christi fideles huius psalmi cnice vexari. Non 
enim omnes omnibos, etsi omnes multis et variis tribulationibos probantur, 
sicut in evangelio non legimus nisi unam mulierculam Syrophoeniasam 
huins generis quadam passione exerceri . . . Ita et haec tentatio 
eorum propria est, quarum magna est fides, et quäle de David 
dicitur, virorum secundum cor Dei electorum (opp. ex. XIY, 
304 —305). <Er ^at fie alfo nid^t ald SBorbebingung ber Ste^tfertigung, fonbem 
aU eine Prüfung f^on üorl^anbenen (Glaubend, ni(!^t aU attgemeingilltige, fon* 
bem als inbiüibue^e (^fa^rung angefe^en, toeld^e ®ott befonberd auiknoa^Iten 
^eiligen gur SBeioft^rung il^red ftarlen Glaubend jufto^en lögt. @o no4 in 
einer ganzen 9tei^e üon @teaen\ @o fe^r für Sut^er ber Glaube beibed ifl, 
€rtöbtung bed atten unb Sebenbign)erben eineii neuen aJlenfci^en, fo oft er bcil« 
l^alb betont, bag er unter ©d^mergen, unter bem Stttuit, geboren toirb unb 
l^eranreift, fo oft er biefe ©cl^meraen au^ allgemein atö bie ber $5IIe unb bed 
^obed begeid^net (3. 93. opp. ex. XIV, 241. 243. 261), fo ^at er bo($ fonft 
ben aBSeg gum 2:roft bed SüangeUumd niä^t burd^ bie gforberung oergäunt, 

' opp. ex. XVII, 50. a)ie8 (W- 6) ift nu ein fe^r ^o^er Watm, ben 
n)ir armen Seut nid^t oerfte^en unb allein für bie großen ^eiligen ge^rt. 

2)eutfd^e SBerfe 11, 21 Unb bied ift eben bie f4tt)er^e unb ^d^ße )bi« 
fed^tung unb Seiben, bamit ®ott guioeilen feine ^o^en ^eiligen angreift tmb 
übet, tt)eld^e man pflegt 5u nennen desertionem gratiae, ba bed 9)Unfd^en ^et} 
ni(^t anberd füI)Ut, benn aU f^ht i^n ®ott mit feiner ®nabe oertaffen unb 
tooHt fein nid^t me^r, unb »0 er fid^ ^inte^ret, fielet er nid^td benn Diel 
3orn unb ©d^recfen. ^ber fold^e ^o^e ^nfe^tung leibet nid^t ieber- 
monn, — ti gehören gor ftarfe ©eifter baju fold^e ^ffe au^au^olten. 
12, 85 a)iefer ift toenig, bie fo ^od^ oerfut^t werben. Unb freili* 
aud^ feine jünger nid^t äffe fold^d oerfud^t ^abcn, ald oietteid^t @t. Sl^omo«, 
Änbread, öart^olomdu« u. f. to., fo gute, fd^Iet^te, einf&Itige Seute geioefen, 
fonbern bie anbern aarten fersen, ©t. ^etruö, 3o^anne8, 5p^ilippu8. 16, 130 ftber 
bad atte« ift bed Glaubend ber ^öd^fte @rab, toenn @ott nit mit geitlii^n 
Seiben, fonbern mit bem Slob ^ött unb @ünb ba» ®eU)iffen ftraft unb glei^ 
©irnb unb Sorm^eraigfcit abfaget, ald wollt er eioiglid^ oerbammen unb 
jümen, weld^eä wenig URenfd^en erfahren, wie 3)aoib am 6. ^f. ». 1. 
nagt: ^err ftraf mid^ nit in beinem Orimm. (SOßörtlid^ ebenfo 36, 75.) 
opp. var. arg. IV, 89. Si suum malum sentiret, infernum sentiret, n&ui 
infemum in se ipso habet . . . Ideo Dens misericorditer nos castigans, 
leviora mala nobis aperit et imponit, sciens quod si hominem in snum 
malum deduceret cognoscendum , mox in momento periret, sed et 
nonnullos hoc gustasse dicit, de quibus dicitur: deducit ad inferoa 
et redacit. 



e^flenftonb nad^ bem Uttl^eiU Sutiierd. 257 

bol ieber fol^e her ^öUe an ^ntenfttdl gleid^e Q^ioiffenfiangfte, toit er fte bei 
jenen alttefiamentlul^en äBorten ftets üot Slugen l^t, burd^demad^t l^aben müf[e, 
e^ er 0(8 Ihnb ®Dtted leben fönne. Sollte er nun einmal unliebfamen 
Scgnem gegenüber feiner fonfligen Snfd^ouung untreu geworben fein? 

93ergegenmärtigen »ir und ben Sufammen^ang jened Sdriefed? 2)te 
Stoicfaner be^u|)teten burci^ unmittelbare (itnfprad^e Lottes befonbere Offen* 
tenrngen empfangen lu ^ben unb normen für biefe bie allgemeine gfolgf amfeit 
in fbxUmi^. 2>em gegenüber forbert Sut^er aRelan(!^t^on jur ,,$rüfung ber 
Seiner' auf. (Srftlii^ fott er i^ren S9eruf aur öffentlichen IBe^re prüfen. 3^re 
Serufung auf eine nuda revelatio rei^e nid^t aud. ®ott beruft niemanb unmittels 
kr, o^e i^n burd^ S^^^^^ SU beglaubigen. Hoc primum ad publicam do* 
eendi fnnctionem atiinet. Jam vero privatum spiritum explores etiam. 
9fam folgen bie (Eingangs angeführten äSorte, bie IRitfd^I unb fjranf auf ben 
6|ri9«nftanb fiber^upt atfo auf ben burd^ bad äBort, ®efe^ unb Süangetium, 
bermittelten SBerfe^r mit @ott begogen l^aben. Sä^on ber 3ufammen^ang legt 
einen anbern €inn nä^er, ben, bag SR. meiterl^in prüfen fott, ob bad, loaS fie 
toon ber i^nen angeblich geioorbenen unmittelboren Offenbarung berid^ten, 
tttäf mirtlid^ bie itmnitiä^tn einer fold^en an fi^ trage. Unb biefer Sinn ergiebt 
1i4 unjioeibeutig aui» bem f of ort fSfolgenben. ^ 9la4bem Sut^er bie äBeif e ber 3tt>i<^ 
fpcad^e ®ottei^ mit bem SJlenfd^en, bie er im ^uge l^at, burd^ jene altteftament» 
K4en Stellen d^arafterifitt l^at, fü^rt er fort: M^t fo rebet bie aiRaiefial 
onmittelbar, bag ber 97lenf4 fie fie^t, fonbern: ber ^Jlenfc^ fann mid^ 
nid^t fe^en unb leben. S)eiS^aIb rebet ja ®ott burd^ 3Renfd6en, toeil toix atte 
i^, menn er fetbft rebet, nid^t ertragen Ibnnen"., 9h(^t etma bie spirituales 
tngnstiae l^at alfo Ißut^er im SBor^ergei)enben gefd^ilbert, bie eintreten muffen, 
»»0 immer ®ott mit einer fünbigen ÜTlenfd^enfeele in 93erü^rung fommt", 
fonbern bie, loeld^e eintreten muffen, n>o ber 97Unfd^ o^ne Tliüii bor bie 
SRaje^üt gefiettt toirb. 2)a6 oon bem unmittelbaren SBerfebr mit ®ott fold^e 
bcfonberen @emüt^derfd^ütterungen unabtrennbar finb, begrünbet er loeiter burd^ 
ba< SSetfpiel bed erfd^üttemben €inbrudd, ttelc^ien auf lUlaria unb Daniel bie 
€ngelerfd^einung gemad^t unb burd^ bie fc^recflid^en (iinbrüde, meldte bie 
Zröume unb @efi4te ber ^eiligen bei biefen l^erborrufen, fotuie enblid^ burd^ 
bie aud^ f onft (opp. ex XIY, 308. 309) fo üon il^m üerftanbene IBitte bed 
Seremiad um (^parung ber entfe^Iid^en ängfte, burd^ bie ®ott uienige ^eilige 
i^urdbfü^rt unb bie für bie ®ottIofen bas SSerbammungSgerid^t bebeuten. 
!2)od StUed pa^t fd^Ied^terbingS nic^t au ber ^uffaffung, bag lOut^er f)ier Dou 
bm äßerfmaUn jeber SSerül^rung ®otted mit bem fünbigen SRenfd^eu rebe. 
SBenn er nun aufammenfaffenb fortfährt: „äBogu me^r? %H ob bie ^ajeflät 

' S)e Sßette II, 125. 126. Non sie loquitur Majestas (ut vocant) 
inmiediate, ut homo videat, imo non tidehit me homo et rivet. Et 
stellam parvam sermonis eins non fert natura. Ideo enim per homines 
loqnitur, quod loquentem ipsum ferre omnes non possumus. Nam et 
virginem torbavit angelus, sie et Danielem, sie et Jeremias queritur: 
corripe me in judicio et non $18 tu mihi formidini. Et quid pluraV 
quasi majestas possit eum yetere homine loqai familiariter, et non prius 
OGcidere atqne exsiecare, cum sit ignis consumens. Etiam somnia et 
▼isiones sanctomm sunt terribiles, saltem postquam intelliguntar. Tenta 
ergo et ne Jesum quidem audias gloriosum nisi videris prius crucifixum. 



258 ®ottf4id, S)te (^a^tung bet ^öaenfd^tecfcn 2C. 

mit beut alten 9Jlenf(!^en Derttault^ teben tonnte unb t^n n^t bot^er tobten 
unb QUdbdrren ntübte", fo fann in biefem 3u1<Kinitt^nf|flns bei oertrauli^e Iki* 
f el^ ftd^ nur auf ben S^erfe^r mit bem nudus Dens be^iel^en. ^t Sut^r immct 
baüor gett)atnt, eS mit biefem au Detfu^en, fo fteHt er bo4 ^iet feine ^bqfidflttt 
nid^t in ^btebe, Detlangt aber, ba^ feine <Et^t^eit burd^ bie ^a^ntna ber 
S^obedfd^reden in il^rem ^öd^flen ®rabe beio&^rt toerbe. Sluf ben gleiten 6inn 
fü^rt ber @(^Iu6 : »$rüfe alfo unb l^öre nic^t einmal ben üerll&rten 3efii«, 
loenn 2)u i^n nid^t auüor gefreugigt gefe^en*. ^ad ift ein BäjHu% a majori 
ad minus. 9Bie 3efuiS gur ^errli^feit er^ö^t ifl, fo tooUtn bie Stoidtauer in 
ben britten ^immel öerjücft getoefen fein. Hber tote 3efu8 Dörfer bie Cr« 
fal^rung ber (^ottt)erIaffen]^eit motten mugte, bie Sut^er aud^ fonft mit ienen 
ä^erfud^ungen ber großen ^eiligen üergleid^t, fo muffen au^ fte bur4 Jene 
furii^tbaren ©d^reden l^inburc^gegangen fein, toenn i^re ^lebniffe e^t flnb. 

3toei Steffen bei IBriefed fd^einen au unferm CErgebniiS nidftt au gaffen. 
9Bag ai^leland^tl^on an ben 3toidauem erproben foff, beaeic^net Sut^er aud^ mit 
bem fCudbrud: nativitatoB divinas. ^eigt bad nid^t: er foff prüfen, ob üe 
toiebergeboren ftnb? ^ber nun nennt bie SR^ftif gerabe ben S)ur4brud^ aut 
m^ftifd^en Sd^auung ®otted bie göttUd^e ®eburt im ^enfii^en. Unb bie S^e* 
bingung berfelben, bie 8utf|er ^ier einfdjärft, fteflen aud^ Sanier unb bie 
beutfc^e X^eologie. SOÖiff man bad nid^t gelten laffen, fo ift baran au erinnern, 
bab bie @^non^ma SBiebergeburt unb 9led^tfertigung für 8utl|er nid^t eine ein 
für äffe SWol abgefd^loffene ®rö6c, fonbern einen fhifentoeiö fortfc^reitenben 
$roce6 bebeuten, ber feine SSoßenbung erft in ber (Etoigleit erreid^t ft4 ^ur(( 
fd^meralic^e ®emüt^8betoegungen l^inburd^ ooffaie^t unb au jeber ^ö^eren @tufe 
nur burd^ gefteigerte Äampfe gelongt (a. SB. opp. ex. XIV, 262). S)ie^d^en. 
ftufe unmittelbaren Serfe^rS mit ®ott toftre bann eine biefer nativitatea» 
burd^ bie baS (5f|riftenleben au feinem 3iele gelongt; unb al8 eine befonberi 
^o^e @tufe mürbe fte au4 befonbere S^meraen üorauSfe^en. 9lod6 mel^r tonn 
e« ben 3lnf(!^ein ertoeden, al« tooffe ßut^er ^ier ein Äriterium be« ©Triften- 
ftanb« übcrfiaupt auffleffen, toenn er blofte ©eligfeitäerfal^rungen nitjt m\ä 
gelten laffen, toeil bas Seiten be« ÜJlenfd^enfol^ne« fel^le, ,ber einaiqe ?rüf- 
flein ber ©firiften unb baS auüerlfiffige Unterfd^eibung«mittel ber ®eifler*. fe 
meint mit biefem 3eid^en atoetfelSo^nc bad Itreua, bas i^m ftets ba« Slittel 
®otte8, un8 au beteueren unb au läutern unb ber ^rüf^ein für bie (Id^t^it 
be8 (Glaubend ift. Via pacis est yia cnicis (opp. ex. XV, 802). Unb 
e^riftu« ift ber 3:^pu8 be« aSBege« burt^ Iheua aut ^rrlicbfeit (ib. 181. 
182). 3lbcr ba« l^reua ift if|m eben ba« ®epräge be« ganaen ©^riftenleben« 
auf äffen feinen ©tufen. Sine ^ö^enftufe, toie fte bie 3U)idauer angebli^ 
erreid^t ^aben tooffen, ifl nad^ biefem @runbgefe^ i^m d^inbilbung, toenn fte 
nid^t bie entfprec^enben gefteigerten Snfed^tungen au t^rer SBorau«fe^ung (at 

Sutl^er ^at alfo aud^ in biefem SSriefe nid^t bie flffgemeingültigYett ber 
burd^ bie berouftten altteftamentlid^en 2öorte beaeic^neten intenftöen ©etoiffen«» 
ftngfte bel^auptet. 3n ber irrt^ümlid^en SBorau«fe^ung, ba^ bem fo fei, (ot 
9litfd^l ft(^ obgeftogen, gfranl angefpro^en gefüllt. SBeibe l^aben Sut^er mi§' 
oerftanben. 2Ber oon i^nen in ber 6a4e mit Sut^er übereinfdmmt, ^at ft4 
geaeigt. 



259 



fßon 

SB. ^ertmann 

in 9]ilQibutg. 



2)te Hauptaufgabe unfereS ÄongrcffcS ift, coangclifc^cn 9Jlän» 
ncm }u einem ftclieren Urti^ett über bie fojialen 3iJftänbe unfereS 
Sottet ju Derl^elfen. ffiir finb alle ber Uebetjeugung , baj5 bie 
jojiolen 3uft4^^^ \^^ er^eblid) baburcf( beeinflujlt toerben, loie eS 
in bem ^fnnetn ber ÜÄenfc^en ausfielet bie biefe 3wftäiibe burcli* 
leben. 93ei rieten S^aufenben unfere^ SBolfeS finb nun bie ®e* 
banfen unb Hoffnungen ber ©ojiatbemofratie bie geiftige 9lal)rung 
geworben, ^antit befc^dftigt ft^ il^r 9lac^benfen, unb baran er* 
iwrmt fi^ il^r H^rj. SBiele mögen baburd^ äujlerlid^ unb inner* 
li(^ jurüdgefommett fein. SBon SSielen roirb fid^ nic^t leugnen 
laffen, baj5 fie bei ber ©ojialbemofratte jum erften ÜÄale auf eine 
geiftige 9Wad(t gefto^en finb, bie e§ oerftanben ^at, fie ju padcn 
unb ju begeiftem. ©ie fönnen ftc^ ber ^aline, ber fie folgen, 
fcf)on baburc^ oerpfli^tet füllten. S)enn ba§ ift feine Heine ©ad^e, 
votwx 3Wenfcf(en, bie bisher nur oon SKugenblid ju SKugenblid ge* 
lebt l^aben, fic^ ju bem SGBiUen erl^eben, au§ ilirer ©yiftenj unb ber 
i^rer Slad^fommen etroaS 9leue8 ju machen. Sluf weite Greife 
imfereS aSolteg tjat bie ©ojialbemofratte afö Seben^meder gemirft. 
3)ie ®l^re fann i^r deiner nel^men. Um fo wichtiger ift für un§ 
bie grage : mag für ein Seben t)at fie gemedCt ? ®ag ift oor Mem 
bana^ ju entfdjeiben, mie bie ©ojialbemotratie jur SReligion fte^t^ 
3)enn mie ber ÜÄenfd^ fid) felbft füf|lt unb mie er bemgemo^ auf 

*) SSortiag gehalten auf bem jtDeiten eoangeüfd^^fojialen j^ongteg. 

3eitf4rift fftr Z^eotogtc unb Stirbt, 1. ^a^rg., 4. ^eft. 17 



260 $ er r mann, ^Religion unb ©ostatbemoftatie. 

bie ©cioegung ber ©cfd^ic^tc cinroirtt, ba§ Iiangt fc^üc^Ii^ oon 
nxä)tö fo \tf)x ab, wie oon bcr Stellung, bie er im ©ttHen 
jur Sieligion einnimmt. 3)e§]^alb ift I)ier bie grage jur ißerl^anb^ 
lung gefteöt, mie fid^ SReügion unb ©ojidbemofratie ju einanber 
oer^alten. 

S)a§ 2:]^ema lautet, „Sfteügion unb ©Ojialbemofratte". 3Son 
foiialbemofratif^er Seite n)irb von pomi^erein ba§ S^ema bean« 
ftanbet. ®ben[o gut fönne man SReügion unb eleftrifd^e 93eleu^* 
tung jufammenfteßen. S)ie Partei erKart, bie SReligion fei nic^t 
^arteifad)e, fonbem ^oatfadje. SlBäre ber ©ojiafömuS ber 
beutfc^en ©ojialbemofratie nun mirflid^ eine rein mirt^fcliaftlid^e 93e= 
megung, fo märe biefe ©rüärung au^ felbftoerftanbüc^ unb über= 
}eugenb. @§ märe jmar audb bann moglid), bajs baS mirt^f^aft- 
Hd^e Streben auf Sxdt ginge, bie ber 9teIigion nic^t gleid^ültig 
fein tonnten. (S8 tommt barauf an, moS man unter 9letigion 
oerftelit SBir nerftel^en barunter ^riftlic^e Sfteligion. 3)iefe aber 
tonn bie (Sefellf^aftSorbnung, bie ftd^ bie 2Wenfd^en geben, nic^t 
als v'ölixQ glei^giltig anfeilen. Q^ gibt freittd^ formen bet die- 
ligion, burd^ bie bie SRenf^en nic^t untereinanber uerbunben 
merben. 2)aS S^l^riftentl^um bagegen ift nur ba m5g(i^, n>o 
aJlenfd^en menfd^ü^e ®emeinf^aft in einer ganj beftimmten 9Beife 
3u pflegen fud^en. 2)eSl)alb ift für boS Sliriftentl^um bie f^orm, 
bie ftc^ bie menfc^lid^e ©efeUfd^aft giebt, nic^t gänjlic^ gleid^ältig. 
Sßenn ft^ al^ baS (Srgebni^ ber fogialen ^megung ^erauäftellt, 
ba| eine SSolfötlaffe ber mirtlifc^aftlid^en Selbftänbigleit beraubt 
mirb, oline bie bie greube an ber Familie nid^t möglich ift, fo ift 
eS für ben ©I^riften religiöfe ?ßftid^t, bagegen anjuge^n. SBenn 
ftd^ als il^r (Srgebnig l^erauSfteltt, bag bie Orbnungen jerftört 
merben, auf benen bie ^ftenj ber gamilie berul^t, fo ift e§ eben* 
falls ©^riftenpflid^t, fid^ einer fotd^en S3emegung in ben SBcg )u 
merfen. Slbcr fol^e @rgebniffe braudjen ja ni^t Har l^erauSju* 
treten, fie braud^en auc^ nid^t als Qiü^ erftrebt ju merben. Unb 
fofem beibeS ber gall ift, mirb in ber S^at bie djriftlid^e 3»eIigion 
oon ben mirtl^fc^afttic^en gragen nid)t berül^rt. 2)iefeS Urt^eil 
muffen mir aud) auSbe^nen auf bie allgemeinen mirt^fd^aftli^n 
3iele ber ©ojialbemofratie. Sliemanb l^at im Flamen beS ©^riften^ 



J 



^etimann, IReligion unb Soatarbemoftatie. 261 

t^mS ber 93erftaatlid^ung ber SSertei^rSmittel miberfprod^. SoQte 
ed je^ jemanbem einfoHen, btc Ucberfül^rung ber ^robuftionSmittct 
oui bem ^riDatbefili in ben S^oQeftbbeft^ al§ und^riftlic^ }u branb:' 
marfen, fo mag er oon mrtlifd^aftlid^en 3)mgen mel oerfte^en, 
vm Q^riftentl^um oerftel^t er nid^tS. 

äBenn ed bie ^irc^e mit rein mirtl^fc^aftlidien ^eftrebungen ju 
t^un ^t bie ben ^eftanb be§ Gi^riftentl^um^ in ber ©efetlfd^aft ni^t 
bitrft antaften^ fo mirb fie eine SKad^t beS Uni^ite unb ruinirt fid) 
fettft fobalb fie foId)e ©eftrebungen im 5tamcn ber SÄeligion be* 
f&npft. 3)ag fönnen i^r nur il^re geinbe ober fe^r hirjfid^tige 
^eunbe ratzen. 3)ie Äirc^e mirb boburd^ entmilrbigt ®enn fie 
orbnet fic^ bamit einer SBemegung ein, in ber fetbftfüd(tige ^fnter* 
ejfen unoermeibüc^ eine entfc^eibenbe SRolte fpielen. ©ie wirb aber 
ouc^ boburc^ ;u einer 3Jlad)t beS Unl^eifö. 3)enn burc^ il^re ^e^ 
t^Iigung ©ergiftet fie ben roirtl^fd^aftUd^en Äaoq^f. 3i«be8 pofitioe 
©trebcn, ha§ im SRamen ber Sleligion befömpft mirb, erhält felbft 
einen religidfen 3nvpuIS. @oQen mir o^ne SfloÜ) oxß bem mxtti)^ 
f^ftü^ ^mpf einen SleligionSf rieg mad^ ? 3)ief e ^erfpeftioe 
mirb fid^ jebem eröffnen, ber fic^ nod) eine SSorfteQung oon ber 
eigentl^ümlid^en geiftigen SWad^t ber Sieligion bemal^rt I)at. SSSer 
bagegen biefe SSorfteUung g&njlid^ oerloren l^at, tann aQerbingg baran 
benfen, in bem roirtt|fdt|aftli(^en Kampfe neben anbem SRitteln auc^ 
bie Äirc^c; jum Söeften beftimmter mirt^f d)aftüd>er Qidt auf jubieten. 
^)en 93eröd^tem ber Sieligion liegt baS na^e; unS mu^ eS ab^ 
f^ulid^ fein. 

SQ8enn mir in biefem Kampfe bod^ ^rtei ergreifen, fo tl|un 
iDtr boi^ avS mirtl^fd^aftlid^en @r&nben, aber ni^t au^ religiöfen. 
^nn baä (Sl^riftenti^um i^ängt meber an ber l^euägen @efeQf(^aft^' 
orbnung, njod^ an irgenb einer bestimmten Staatsform, ^n ge* 
loiffem ©inne ift e§ ja rid)tig, ba§ ber ©l^rift fonferoatio gefinnt 
ift. a)enn er meip am 93eften, wie langfam baS Oute roäi^ft. 
^ie treue SÄn^änglid^feit an bie ®üter unferer gefd^id)tlid) ge* 
iDorbenen ^Itur, oor älQem an boS ^önigt^um, ift bal^er aud) 
aus c^fttid^en SÄotioen }u oerftel^en. Slber bie Äönigsitreue eines 
©Triften erroäd)ft fo auS ben befonberen gefd)id)tlic^en SBer^ält* 
niffen, nid^t etma au8 einer allgemeinen SiSpofition beS ©l^riften^ 

17* 



262 ^irrtnann, ^Religion unb ©ojialbemofTatie. 

tl|umS fär bie Snonar^ie. S)ie gefc^td)tlic^e @nin)td(tung eines 
@taat§n)efeng jur SRepublif läjst baS c^riftltc^e Urt^etl frei. @ben« 
fo fann ba§ teligiöfc Urt^eil eineS ©l^riften nid^t baju beitragen 
VDoUtn, bie @ntn)id(elung be§ @igentI)umSbegriffg in feiner n^irtl^^^ 
fc^aftli^en 33ebeutung in beftimmte ^a^nen gu brängen. 9hir 
@ineS mäffen n)ir unS X)orbe^alten. SSSir iDürben^ n)enn n>ir 
©l^riften bleiben rooHen, jeber getDaltfamen 93e]^anblung pon fragen 
roiberftreben , bie burd) bie ©ntioidelung Pon ©infic^t erlebigt 
werben fönnen. 

2Bir werben alfo erftenS un§ bagegen roel^ren, baj5 ber @o* 
jialiSmuS, mit bem wir unS in geiftiger Slrbeit abfinben muffen, 
gerodtfam unterbrüdt wirb. 

2Bir roerben jipciten^ boS unfrige baju tl^un, ba| eine ftartc 
Dbrigfeit bo^ ^eft in ^änben bei^ält. Qu etmag anberem mürben 
mir un§ afö ©l^riften in biefer ©ac^e nid^t verpflichtet fül^lcn^ 
menn bie äJerfii^erung juperläfftg märe, bajl bie ©ojialbemofratie 
afö eine rein mirt^fd^aftlic^e 5Hid(tung bie Äreife ber Sieligion nid^t 
ftören motte unb fönne. Slber biefe SBerftd^erung ift eine§ ber 
ftärfften ^nl\6)ttx, beren bie beutf^e ©ojialbemofratte leiber nid^t 
menige jur @rleud)tung beS 93olfe§ gebraud^t. 

@iner ber in ber gorm milbeften ©d^riftfteHer ber beutfc^cn 
©ojialbemofratie, ^. ©tcrn, fagt in einer in 4. aufläge porliegen*^ 
ben ©d^rift, „%\)t\tn über ben ©ojiati§mu8'S ©tuttgcyrt 1891, 
jener ©a^ bc§ ^rogramm§, bie SRctigion fei ^ripatfad^e, l^abe 
ni^t ben ©inn einer biptomatifdien 3Äa§reget, er moHe aud) ni(^t 
al§ eine gcringfd(ä^ige 2leu§erung gelten. @r befage nur, in bem 
fojialiftifdicn ©emeinmefen l^errfd^e in SBejug auf bie 9teligion8* 
Übung bie poHfte ^reilieit, unb e§ fel^le jebe 93eporjugung einer 
beftimmten JHctigionggemcinfd^aft. ^n einer SBejiei^ung merbe fo^ 
gar bie ©ojialbemofratie ber SHeligion eine mäd^tige §ilfe bringen. 
©ie merbe nid^t bulben, baj5 bem arbeitenben SBolfe fo mie je^t 
fein ©onntag pcrfümmert merbe. 95ei biefem 3wf^ttft^Wlbe fteigt 
un8 freilid) bie Erinnerung an bie ©timmen be§ |>affe8 auf, bie ftc^ 
täglid^ au§ ber fojialifttfd)en treffe gegen SReligion unb Äirdfje 
ergeben. Slber gegen biefen ^tt^^ifcl ^^^^ -S- ©tem dtati), SßoU 
taire, 3)apib ©trau§ u. 2t. l^aben in bemfelben ^g ®rl^eblid^e& 



^errmann, 9leIigion unb ©osialbemoftotie. 263 

gdeiftet, o^rte baj5 fte foiioKftifc^e Steigungen gel^abt Ratten. ;3[ene 

Stimmen avS bem fojialiftifc^en Saget l^ätten atfo il^re Url^eber 

}u oerantroorten, bie ©ojialbemofratie nid^t gut biefe l^en 

folc^ aieu^erungen burc^auS nic^t bie prinjipieHe ©ebeutung, wie 

für hcS liberale nic^tfojiattftifd^e g^eibenfert^um. 9Wan wirb nic^t 

leugnen lönnen, ba| e§ fid^ rec^t rooi^I fo oerl^alten Knnte. 

ffiir n)erben aud^ bem SBerfaffer barin red^t geben ntüffen^ wenn 

er fagt bie ©eiftlid^Ieit l^abe, abgefe^en pon einzelnen rülimlic^en 

StuSna^men, gegen ben ©osioIiSmuS unx>orft^tig unb ol^ne genilgenbe 

©ac^fenntnij5 Partei ergriffen. @ie l^abe boburd^ bem fojioRftifd^en 

arbeitet bie Stirere t)erbä(^tig gemad)t. Stber geben mir bteS auc^ 

olleg ju, fo merben unfete öebenfen boburd) bod^ nid^t jetftteut. 

^ giebt in bet beutfc^en ®o}iaIbemoftatie leinen itgenbmie fftt- 

»ottogenben SDlann, bet bie l^unbertfad^ fxi) bietenbe ©elegenl^eit 

benu^t l^otte;, mit einem djriftti^en ^elenntni^ J^etootjutteten. %cS 

mu^ bod^ tooffl ba^er lommen, bajs eS nic^t fo leicht ift, ben 

©ogialbemottaten unb ben S^riften in einet $etf on ju oeteinigen. 

3luf ben ^Si)m bet 93emegung fptül^t e<g fottroäl^tenb oon 2leuj5e* 

rungen be§ ^affeS gegen S^riftentl^um unb Jlitd)e. 2)a§ ift je^t 

ju beoba^ten^ mo anet!annte 9hldtfict|ten aEerbingS bie größte 

$otft^t in biefet ^ejiel^ung gebieten. %ai mu^ bo^ batin feinen 

<9nmb l^aben^ ba^ bie beutfd^e ©ojialbemottatie in einem fa(^« 

It^n ®egenfat( }ut c^riftli^en 9teUgion fte^t, bet fid^ unmibet« 

fte^ti^ ^erootbtongt. 9lac^ biefem fad^Iic^en ©egenfa^ l^aben mit 

aufragen. 

Ö^ fyütt eS ^ier ffir smed^loS, eine (Sammlung ber Unfldtl^ig« 
leiten oot^uffll^ren, mit benen bie @o}iaIbemotratie in 9Bort unb 
@<^rift bie SRettgion }u fiberfc^ütten pflegt. 9lfl^Uc^ ftnb folc^e 
€<mimlungen.^ SSiedeid^t mirb grabe unfer ^ngre| baffir forgen, 
ba§ in biefer SBejieliung eine fd^atfe ©ontrole eingerichtet mirb. Sttber 
bie ^ier oerfammelten 3Äänner bebürfen fc^merüd) einer fold^en 
Sammlung, um fic^ bie ^^inbfc^aft gegen bie iReligion ju oeranf^au» 
(i^, bie t^tf&c^Ii^ auü ber @03ialbemotratie l^eroorbric^t. SKber 
beniSrunb biefer (Srf^einung moUen unb mfiffen mir uniS Qarma^en. 

' (Sine le^cid^e SufornmenfteHung Don 90. Höfling, Sosialbemofrotie 
unb (El^fiitl^um. Hattingen a. b. 9lu^r. 2. 9(ufl. 1891. $TeU 15 $fg. 



264 ^etrtnann, IReUgion unb ©osiatbemofrotie. 

3Ran tonnte fagcn, bei ber ©ojialbemofratie l^anble e§ fic^ 
gar nid)t um einen Oegenfa^ gegen bie Sieligion überhaupt. 
3)enn bie jübifc^e Sleligion lo^t man ungefcänft. 3)a8 ift eine 
fe^r wichtige 2:f|atfac^e. (Sie ift gemi^ nid^t fo ju erflären, ba| bie 
©ojialbemofratie auf einjelne gemid^tige ÜÄänner in i^rer SOKtte 
9lüdftd(t nimmt, bie jübifc^et ffionfeffion finb. S)enn erften^ mürbe 
biefe SWdtfic^t meit aufgewogen metben muffen burc^ ben (Sia^ 
bmd, ba§ fi^ bie ber Sojiolbemofratie mibetmärtigften ®r* 
fdfeinungen be§ SSiirtl^fd^aftSlebenS pormiegenb an fübifc^e Flamen 
fnflpfen. 3n>eiten« ift fe^r ju bejmeifetn, ob biefe jiübifc^en 
äÄänncr eS fd^merjüi^ empfinben mürben, menn mit ber d^rift^ 
liefen aud| bie jäbifd^e Steligion in ben @(^mu^ gebogen mürbe. 
^ reidit aud^ nid^t auS, barauf l^injumeif en , ba| bie fübif^e 
Sfeligion bei meitem nid^t eine fold^e Wlai)t in bem beutfd^ 
9}oIföleben barfteUt mie bie d^riftlic^e, unb ba| man fte be^^fr 
nid^t mit SKngriffen auSjeid^net. ©aS mag etmaS mitmirfen. Hber 
mir mürben ben @il^arafter ber beutfd^en ©ogialbemofratie oer» 
lernten, menn mir barin aQein ben @runb fuc^en moQten. @ie 
1^ in einer ^e^iel^ung ol^ne 3^^f^t ^^nen großartigen (S^arotter. 
S^re Haltung ift im SBef entlid^en nid^t bur^ biplomatif c^ Sftüdf * 
fiepten beftimmt, fonbem burd^ ©ebanfen, benen il^re älnl^finger 
bie unmiberftel^lic^e ^aft ber SSSo^rtieit jutrauen. S)aiS Streben 
nad^ il^rem mirt^fd^aftlic^en Qki be^errfd^t aUeS Slnbcre. 9lber 
aus biefem Qxtl aQein läßt {td| ja nun baS antid^riftlid^e ^uer 
ni^t erflären, beffen fid| bie ©ojialbemofratie nid(t ermel^ren lann, 
obmol^l fte eS biSmeilen möd^te. (£d erßärt fxä) boS oielmel^r 
barauS, baß baS mirt^fc^aftlic^e Qitl ber ©ojialbemohotie 
bei ben 2)eutfc^en fid^ nur burd^fe^t in einem ibeologifc^en ^fiüm^ 
baS gerabe ju ber (^riftftd^n @ebantenmelt in fd)arfftem ©egen»^ 
fa^ fte^t. 

3JHt jeber. großen geiftigen ©emegung roirb ftc^ baS S3emü^a 
T)erbinben, bie bi^l^erigen 3wftä*ii^^/ ^i^ fi^ überroinben mitt, fid^ 
bienftbar ju mad^en. @o brid^t ftd) baS 9leue ^a^n, baß e& 
bag 2llte als bie SBorbereitung auf fein (Srfc^einen in Slnfprm^ 
nimmt. 3)arau§ entftet^en überall bie @e[d)icf)t8fonftruttionen, an 
benen man nic^t fetien fann, mie ba§ 93ergangene gemefen ift. 



^errmonn, 9leIigion unb Sosialbemoltatie. 265 

fonbem loic e8 t)on bem gegenroartig fiebcnbigcn benu^t roirb. 
Diefc Scgenbenbilbuug mag bcn ^iftorilcm oielc 3Jlü]^c mad)cn. 
Sie ift bo^ eine urocrmciblic^c (£rfcf(cinung an bcm SGBad^^t^um 
beu Oefd^i^tc fclbft. ©o ^ot aud( bic ©ojialbcmofratie überaß 
bü§ ©eftreben, fxi) ate bic reife gruc^t ber biS^rigen toirttifc^aft* 
Bellen Suftonbe ju erfaffcn. 2)a8 ifl bcr felbftoerftänbttd^e SluS» 
brudC i^ Selbftgef&^IS. 

älber ber beutfd^en ©ostolbemofratie genügt boS nic^t f^ä) 
felbft an bte @pi^e ber n)irt{|fc^aftlid^en (SntoidEtung als einer 
X^dlbenTegung ber Kultur ju fe^en. @S ift alä ob ber 
2)eutfc^e, um fic^ ju Iräftigem ^anbeln aufjuraffen, jtc^ immer 
eifi bur^ einen !r&ftigen 2:run{ auS bem 9[Qgemeinften beraufd^en 
muffe. Surc^ biefen £run! auS bem 93ed)er ber ^been erlitt 
bte ©osiolbemotratie bei unS ben QÜan, ber fie oft genug 
fiber ha§, vocS %e 3^^^ prattifc^ förbem mürbe, l^inmegrei^t. 
^ (Sngidnbem unb ^ranjofen ift baS anberS. Wlix liegt d^ 
fem, bte beutfc^e ©ojiatbemofratie im äJerglei^ mit jenen ^erab:* 
iufei(en. (SS jeigt ftc^ oieQeidit an biefem QuQt ber ^megung 
in 3)eutfc^Ianb eine @pur oon ber gef^id^i^en SRiffion unfereS 
SotteS, bie ^obleme beS perfönli^en £ebenS aufS 2:ieffte burc^« 
juarbeiten. 9BaS bie @o}ialbemo!ratie in ben anbem fiänbem 
ntc^t fein miU, hcS vM fte bei unS fein, eine Sßeltanfc^auung. 
©ie miQ ni^t nur bie @pi^e ber nnrtl^fd)aftlt(^en unb potittfd^en 
(Sntnndtlung bilben, fonbem bie ^öl^e ber ^Itur überl^aupt. 
dbPDcä banon lotrb man auf jebem 2)orfe merten, mo ber ^aud^ 
ber @o)iaIbemotratie anfangt, bie ®emütl|er ju fd^meQen. 2)er 
in feiner Unbe^olfen^eit oft fo rül^renbe ^UbungSftoI) ber fojial» 
bemotratifc^ ^^rer, bie jum ^gö^en miffenfc^aftUc^er ^^orfctier 
Scgebniffe ber ^orfc^ng mie (SlaubenSartilel oerel^ren, entfpringt 
boc^ ni^t nur auS ber übrigens fe^r entfc^ulbbaren (SiteUeit oon 
SDt&mem, bie fi^ unter f(^mierigen SSerl^ältniffen in einige 9lb» 
ftiaftbtien ber ^iffenfc^aft i^ineingearbettet l^aben. 3)er 9len) 
i^reg 99i(bung8ftol3eS ift etmaS oiel (SmftereS als biefe Sappalien. 
3)aS ®efü^I ber Ueberlegenl)eit, baS fte nid^t nur oorfpiegeln, fon» 
bem mirflic^ tioben, ftammt nidit auS ilirem ffiiffen, fonbem auS 
i^rer 99SeItanfd)auung. 



266 ^etrmann, dleUgion unb ©oatalbemoftatle. 

2)tefe 9BeItanf(^auung ift fo einfach, bte babei Dermenbeten 
gotttteln ftnb in ber gciftigen Slrbeit eincS ^fö^tJ^unbertS fo ab* 
gef^Iiffen unb i^anbU^ gemacht bag aud^ ein ungeübtes 2>enfen 
bamit n^irt^fd^aften !ann. S)qsu {ommt^, bajs in ber 3:fyd ein 
gutes @tüde äBo^r^eit barin ftedtt, baS auS ber ®efd^id^te beS 
menfd^Uc^en ©eifteS nic^t n)id)er oerfc^roinben wirb, bo8 aber 
freili^ geroijs nic^t oon ben ©ojiotbemofroten erarbeitet ift. 3)a}u 
tommt enblic^, bajs ftd^ uon biefer äBeltanf^auung auS eine ftritif 
an bem (S^riftentl^um üben l&% bie beS^alb fo teic^t n^irb, metl 
man in bem ^anne biefer äßeltanfd^auung für bie S^otfadien er^ 
blinbet, bie ein (S^^rift in bem gefc^ic^tli^en Seben ber 3Renfc^en 
por ä(ugen i^at. 2)iefe äßeltanfci^auung, bie an {td^ mit bem 
mirt^fd^aftlid^en Qki ber ©ojiolbemofratie nichts ju fd^affen ^t, 
bie aber in S)eut[d^Ianb biSl^er bie mirtfamfte äBaffe beS fojia^ 
üftifd(en ©trebenS gemefen ift, begrünbet bie feinbfettge Haltung 
gegenüber ber ^riftlid^en ^Religion. 

2)er Dori^in genannte ©tern frönt feine SSert^eibigung gegen 
bie älntlage ber ^mnjipieQen SfeligionSfeinbfc^aft mit folgenbem 
©a^e: „2)er miffenfd^aftli^e ©ojialiSmuS ift fogar gegen bie rc« 
ligiöfe äBeltanfd^uung meit toleranter als baS ni^tfojiaUftifd^e 
^eibenfertl^um, meil er auf ber materiatiftifc^en ©ef^id^tSouf« 
faffung berul^t unb barum bie l^errfc^enben religidfen Snfc^« 
ungen als inteßettueae ftonfequenjen ber ötonomifc^en 3^ft&ttbe 
begreift." 3)iefer ©a^ foQ bem Semeife bienen, ba^ bie ©osial- 
bemotratie teineSmegS bem ß^l^riftentl^um in principieQet ^inbfd^ft 
gegenüberfte^e. 91IS ein foId^eS ^emeiSmittel beurtl^eilt ift er dot 
älUem ein iBemeiS bafür, mie oödig bie Ueberl^ebung, met^e bie 
^etenner fojialbemofratifd^er SBettanfc^auung erfüSt oxl^ gefc^eibte 
£eute oerbtenben tann. S)enn eS Hegt \a auf ber ^nb, ba^ bie 
SReligion einen ftarleren ^emeiS ber ^^inbfeligteit ni^t erfahren 
!ann, als menn man {le auf biefe Sßeife erftärt. S)iefe ^^^inb« 
feligteit fann l^ö^ftenS bei bem ,,miffenfc^aftli^en" ©ojialbemotroten 
eine milbere ^^orm beS SuSbrudEs burd^ bie SSera^tung geminnen, 
mit ber er bie Steligion bel^anbeln barf. 3Birb fie bod^ na^ feiner 
SReinung oon einem SBirt^f^aftSförper auSgefd^mi^t, ben er be« 
reitS }u ben lobten gelegt ^at Ueberbieg l^at ^err ©tern nic^t 



^errtnann, Iftetigton unb ©osialbemotratie. 267 

bemertt, ba§ eine ©cf^id^töauffaffutig immer ber 2lbfd(Iu^ einer 
ffieltanfc^auuncj ift, unb ba^ bie Säettanfdjauung, bie in einer 
motcrialiftifd^en ©efd^id^tSauffaffung gipfelt, ber S^obfeinb be§ 
6^ftent^um§ ift. @ie fann nid^t neben bem ©l^riftentl^um ein* 
^ge^n, fonbem fic mu§ eS befömpfen. Qn biefer Sejie^ung 
ijl öebel über feine QkU flarer. @r fagt gerabe l^eranS, bie 
grofe fojiale Umroäljung, bie fid) norbereite, unterfd^eibe fidi non 
allen i^ren SSorgdngem baburi^, ba§ fte nii^t nad) neuen Sfteligion^* 
formen fud^e, fonbem bie SReligion überl^aupt negire.^ @r fennt 
einen ^ampf gegen bie Äir^e, ber auägef ödsten merben muffe, unb 
meint ju roiff en, ba§ nur eine SRa^t ber ^errfd^aft be§ ©l^riften* 
t^umcS ein @nbe mad)en fönne — ber ©ojioIi^muS. 

®iefe Srieg§erflärung ift burd)au^ gered^tfertigt, wenn eine 
materidiftifd^e ©ef^id^tsfauffaffung unlösbar mit bem ©ojidiSmuS 
Derbunben ift. SBo bie aWenf^en i^r eigenes gef(ä)id^tlid^e8 fieben 
in fol^er SGBeife oerftef)en, ben ©inn unb SBert^ be§ SebenS banai^ 
beftimmen, ift (S^riftentl^um in ber 3^)at unmöglii^. @g fragt fidi 
nur, ob e§ möglid^ ift, ber SWenf^^eit eine ©efinnung aufjujmingen, 
bnrc^ bie hcS 2lufftreben oon <3al^rtaufenben ju menfi^Ii^en Qvl^ 
ftänben unterbro^en unb hcä SBerfinfen in tt|ierifd^e§ Seben jum 
$rincip erl^oben mürbe. 3)a§ fragt ftd^ um fo mel^r, atö bei ben 
©(^ialbemof raten unb fo aud^ bei 93ebel felbft ju bemerfen ift, 
ba^ fie bie 3;ragmeite il)rer materiaüftifd^en ®ef(^i^©auffaffung 
felbft nt^t erfennen unb baneben ©runbfd^e behaupten unb eine 
^ojiS befolgen, bie i^r ebenfo roiberfpred^en wie baS ®^riftent^um. 

3und(^ft überfielt 95ebel, ba§ bie 3)eutung beS gefd^i^tlii^en 
SfebenS, oon ber er erwartet, fie merbe aller Sieligion ein (£nbe 
mod^en, felbft eine Spielart ber SHeligion ift. 3)ie materialiftifd^e 
®ef d^ii^tSouff äff ung , bie bie ©ojialbemofroten fultioieren moHen, 
ift nid^t eine fo einfache @a^, wie fie fid^ einbilben, fonbem ein 
fomplijierteS ®ebilbe. 3)ie änerfennung mistiger a:^atfa(^en ift 
in i^r mit Überjeugungen oerbunben, bie fi^ ni(^t auf ^aU 
\ciäfm jurüdEfül^ren loffen, fonbem eine fubjeftioe 3)eutung ber 
J^ac^ barftellen. ®iefe fubjeftioe 3)eutung ber ^at^aä)^n 

' ®Ioffen 3U ®u^ot unb SBocrots „^ie waf^xt ©ej^alt bed S^rlftent^umS" 
2. «ufl. 1887. @. 27-30. 



268 ^cttmann, Ütcligion unb ©ojialbemofratw. 

ift ^icr fotto^I toie auc^ in bcr d^riftlid^en Sicügion bie gönn 
beS gefd^idjtlid^en £eben§ oon aÄcnfci)cn, bie eben biefe Ueber^ 
jeugungen ^egen. Solche Ueberjeugungen für ein Sßiffen pon 
objettioen S^tfai^en auSjugeben ift bei ber d^riftüd^en Sieligion 
unmögli^, ift aber bei ber fojialbemofratifc^en 9teligion auc^ 
unmöglid^. 

©u^en wir bie beiben Sßeftanbteile ber materiaüftifc^n 
©efc^ic^tSauffaffung, bie bie SReligion ber ©ojialbemofroten bil- 
bcn fott, ju fonbern. @S ift barin eingefc^Ioffen bie (SrfchntniS 
ber roii^tigen S:i^atfac^e, ba^ ba8 geifiige fieben ber ®efeU)^aft 
immer in äJerbinbung ftet|t mit iljren roirtfc^aftlid^en 3wftö'^i>«»- 
3)a§ ift otine 3tt>«if^l fo. SKd^t nur bie politifc^e ©efd^i^te, f onbcm 
au(^ bie ©efc^i^te ber Sitteratur, ber SBiffenfc^ft, ber Rirc^ 
wirb oerftümmelt, wenn biefe Si^atfa^e oerfonnt mirb. %oä 
geiftige iBeben ber 9Renfd)en entmicfelt fid) an ber n)irfli^ 
aSBelt. @8 ift ein inner e§ 5ßerarbeiten ber Xl^atfad^n, bie bie 
8Q3eIt il>m aufbrängt. 3u ber aEBirtli^feit, bie auf bie 99ilbung 
unferer ©ebanfen einwirft, gel^ört aber <mä), wcS mir effen unb 
trinfen, xocS mir befi^en unb entbel^ren, bie 93ebingungen, unter 
benen mir ermerben, furj bie gefammte SBirt^fc^ftSorbnung, bie 
unfere SebeniBfÜf^rung in oon unS gemoQte ober ni^t gemoDte 
Salden brdngt. 3)urcl^ ben SBunfc^, beftimmte ^uft&nbe ju er* 
galten ober ju jerftören, mirb unfer 3)enten unoermeiblic^ beefai* 
f[u|L ^Q& gitt au(^ oon bem religiöfen 3)en{en innerl^olb ber 
c^riftlid^en Äirc^e. 3öai8 mir in feiner 9h)tmenbig{eit für un- 
t)eränberli(^ anfe^en, merben mir mit ber l^eiligen ®ottedorbnung 
in 93erbinbung bringen. 9Ufo j^mar nici^t eine beftimmte Staats^ 
oerfaffung, mol^I aber ben iBeftanb einer Obrigteit übet^ou^. 
3marnid)tben@^u|; einer beftimmten gef d^i(^tlid^ gemorbenen @e{tal' 
tung beS (SigentumSbegriffS in aUe @migfeit, mol^I aber ben @^u() 
einer Orbnung, bie eS ben 2)arbenben ermöglicht, fie ober ouc^ 
baju jmingt, burc^ geiftige Slrbeit, burd^ flugeS Senufien i^r«8 
Sefi^ed, burd) 93ereinigung unb 93er{)anblung fid^ empot^ubringeii. 
S)ie d^riftlic^e Äird^e f)at e§ bem mobernen ©(^ialiämug ju banfen, 
ba§ in bief er S3cjie{)ung i^r ©efidjt^f reis erweitert , il^re ®ebanf en* 
bilbung üertieft, furj if)r innere^ Sebcn berei^ert mirb. (£g foHt 



^errmann, 9leltgton unb ©osialbemofratie. 269 

uns alfo gar nid|t ein, bie 2i^atfad|c ju bcftrciten, ba^ ba§ 
geizige Sebcn bcr ©cfcöfc^aft oon ben Toirt^fd^aftIid)en 3uftänben 
imb ^Jeftrcbungcn beeinflußt roirb. 

älber bamit f)aben wir nod) feinen SHoterialiSmuS, fonbern 
nur ein ooQftänbigcreä @rfaffen be^ gefd^idltfic^en fiebenS. 3)er 
9!ateriali$mu$ fängt erft ba an, n>o ba§ gefd^id)tlid)e Seben ber 
äRcnfc^en in feiner ®igentl|ünilic^feit fiberf)aupt geleugnet wirb. 
2)a§ tf^ut bie Sojialbemotratie. 3)aß bie fojialiftifci^e 93en)egung 
biefe SBenbung in ben SRaterialiSmuS nimmt, ift roo^I }u Der* 
fielen. ®ie gefeierten Xl^eoretifer ber beutf^en ©ojialbemofratie 
fiarl 9Rar; unb $riebri(^ SngelS, ^aben eine @rt(ärung bafär , 
bie ben meniger in abftrattem 3)enfen gef^ulten ßiteratcn ber 
Partei ate etmoS unglaublid^ tiefftnnigeS imponiert, ©ie ertlären 
befanntlic^ bie beutf^e tKrbeiterbemegung für bie @rbin ber beutf^n 
Haffifc^cn ^^tofopl^ie. 210 Hegelianer fnüpfen fie bei i^rem 
SReifter an, 3)ie mirflidie ©elt ift ni^t ein ©gftem non 
3)ingen, fonbern ein Ocmebe oon in einanber roirfenbcn ^ojeff en. 
^fyct SJeränberungen begreifen mir nur, wenn mir l^inter ben 
ftröften, bie auf ber Dberpdd^e il|r ©piel treiben, bie @efe^e 
auffud^en, bie biefe 33emegung belierrfd^cn. ®in ^ortf^ritt ber 
mobemcn SEBiffenfc^aft über ^egel l^inauS fei eS, baß man biefe 
@efe^e caxi ben mirtlic^n 93orgdngen in 9latur uiü) ©efi^ic^te 
SU ermitteln fu^e. Stuf bem SHaturgebiete feien bie unfrud^tbdren 
^mü^gen be8 ^ßl^ilofopl^en burd) bie 9^aturmiffenfd|aft über* 
boten. ®ie Qh^edungen beg ®efe^eS oon ber Srl^oltung ber 
Sraft unb bie 9tebuction beS organifc^en £ebenä auf meci^anifd^e 
imb d^emifc^e SSorgänge ermdglid^ten unS bie ißorfteltung einer 
Slaturorbnung, bie nid^tg weiter fein rooCe ate ber nac^roeiSbare 
^ufammenl^ang be§ SBirßidjen. 2luf gefd^i^tlid^em ®ebiete leifte 
ber ©ojialiSmuS ba^felbe. 9lid)t bloß au8 ben ßmedten, bie bie 
SRenfc^en mit SBemußtfein erftreben, entfte^e bie ©efd^id^te. ©o 
JU benfen märe oberfläc^lid^. Slber au(^ nid^t Qbeen, benen bie 
SBlcnfc^en unbemußt bienen, geftalten bie ©ef^ii^te. @o ju 
benfen, märe pl^ontaftif^. ©onbem in SBerliättniffen , unter bereu 
S)rud ber 2Wenfd^ bie mid[)tigften ajlotioe feinet Söollen^ geminnt, 
fei bie mirflict(e Urfacf)e aller gefc^i(i)tli(i)en Semegung ju erblidcn. 



270 ^etrmann, 9leUgion unb ©oaialbemofratie. 

3)ie äJcrl^ältntffe aber, bie fdjUe^Iid) ba§ SBoKcn her 9)lenfc^ 
am ft&rf ften beftimmen, feien jufammgefa^t in ifyctt öf onomifd^en 
£age. 3)a^er feien oQe Kampfe bev ®ef(^id^te im ©runbe 
n)irt]^fd)aftlid^e kämpfe geroefen. 3)urd^ oiele 3ÄitteIgKcbet 
Ijinburd) laffe ft^ aud^ bie ©ntoicflung ber ^f^een in ber 
^^itofop^ie unb in ber SReligion auf jene Urfadje jurücffül^rcn. 
©0 fei eS immer geroefen unb fo werbe eä immer fein. 
3)ie beutfd^en Slrbeiter aber treten an bie ©pi^e ber Auttur- 
ben)egung, weil fie jum erften aJlale mit Semu^tfein alle 
i^re ©eftrebungen in jenen roirflid^en S^f^^^J^^^^^^S ^^ 
@ef(^ic^te einfügen unb ade fragen in bie mirtl^fc^aftlic^e ^age 
aufgellen laffen. 

3)iefe ©ebanfenreil^e wirb un§ ate bie feinfte Slütl^e ber 933iff en« 
fd^aft bargeboten. 9leu ift baran nichts als bie ©c^Iu^menbung, 
bie un§ au^ ben (Sinn be§ ©anjen entl^üKL 3Ba§ SRarj: unb 
@ngel§ Don jeber ptjilofopl^if^en unb religidfen 3)eutung ber 
äBelt beliaupten, ba^ fte burd^ n)irt]^f^aftlid^e SSerl^ältniffe moti^ 
piert merbe, baiS gilt auf jeben ^aQ oon il^rer eigenen. @ie 
moQen eine neue äBirtl^f d^afti^orbnung burd^brfidCen. 2)aS gei^t am 
©c^netlften, menn baS geiftige fieben be§ 93olted ft(^ in biefeS 
eine ^ntereffe jufammenbrängen lä^t. ^olglic^ mirb be^uptet, 
ba^ auf jjeben ^cü, bemüht ober unbemu^t, jeber äRenfd^ mit 
älKem, xoaS er ben!t unb miU, nad) bem unoerbrüc^Iic^en @efe^ 
ber ®ef(^id^te in bem 2)ienft beftimmter öf onomifc^er 9}erl^ättnif|e 
ftel^t. 93iS^er tiaben bie ä(rbeiter mit il^rer d^riftßc^en äteligion 
unbewußt bem Äapitali8mu8 gebient. SSBenn fie fu^ nun auf» 
raffen jum 3)ienft i^rer eigenen ^ntereffen, fo fdttt atteS ätnbere 
pon i^nen ab. 9Hd^tS meiter bleibt i^nen übrig ciS il^r eigenes 
mirtl^fd^aftli^eS Qkl unb bie @rfenntni§ ber SBSelt, in ber eS 
permirflid^t werben foö. ®er malire ®runb für bie SJer* 
quidung ber fojialen Bewegung mit bem SRaterialiSmuS liegt 
atfo nid^t in ber logif(^en SntmidClung eineS in ber l^elfd^en 
?ßl)ilofop:^ie gegebenen SInf atjeä. @r liegt oielmel^r in bem SCßunfc^, 
bie ^aft ber 93emegung baburc^ ju perftörten, ba^ bte 
£ebenSfraft unb fiebenSjeit il^rer 2;r&ger in mögli^fter äluSbel^« 
nung für bieS eine S^zl gewonnen wirb, ^i bem mirt^fi^ft« 



r 



^errmann, Sleltgion unb ©osialbemoltatie. 271 



lvi)en Qid fommt e§ auf jeben gaU immer barauf an, ba§ 

man @ad^en }U fiebettömitteln ermitbt 3)aS aber, n)a§ ben 

SMenfc^n bapon abhält, gänjücl^ in bem Sirad^ten na^ fiebenS^ 

mitteln auftugc^en, ift bie Wlaä)t ber fittlid^en ©ebanfen unb bie 

Religion, ©obalb ber 9Äenfc^ ft^ in feinem ©eroiffen gebunbcn 

m^, erl^ebt er ftd^ avS bem tl^ierifd^en 2)range nac^ i8ebeng:> 

mittein, ©enn er lernt bamit nun einen ßebenginl^alt fennen, 

für ben er fid^ noc^ ftärfer intereffiert, oö für bie 3ÄitteI jur 

6r^attung beS finnli^en SebenS. äßei^r noif mirb ber fOlmiif 

}U fi^ fetbft gebrad^t, n)enn er erfennt, ba^ er eS nii^t nur mit 

ber äBelt unb nid)t nur mit feinem ©emiffen ju t^un l|at, fonbem 

mit einem oEmäd^tigen SBefen, baS burd^ bie SSßelt auf it|n ein« 

loirft unb beffen Siebe il^n }u DoQer ^reube an bem SebenSintialt 

bringt, ben ba^ ©emiffen ü^m jeigt. SHenf^en, bie fo leben, 

^en nod^ etmaS Slnbereg ju tl|un, afö für öfonomifc^e S^dz ju 

llreben, nomlid) fxif biefe^ pon ®ott i^nen gefdfjenften SebenS ju 

erfreuen. @ie fönnen ©ojiaßften werben, aber Opfer be§ ©ojia« 

fömu§ werben fie ni^t. Slde bie bagegen, bie feine Opfer ge* 

roorben finb, ^oben bem ©eroiffen unb bem ©lauben gegenüber 

ba§ fatale ©efül^l, ba§ fie I|ier einer unerflärlidf(en unb unüber* 

roinblid^n 3Jlaä)t begegnen, bie anbere SHenfd^en ablialt, fid^ ben 

materieKen Qf'itereff en ju opfern. 

3)amit ift auf jeben gaC baS ftärffte SWotio für bie materia« 
liflif^e SebenSanfd^auung ber ©ojialbemofratie aufgemiefen. <3l^re 
SSertreter bel^upten freilid), biefe SebenSanfd^auung bcrul^e nid^t auf 
SWotioen, fonbem auf bemeifenben 2t|atfad)en. SDBie ftef)t e§ bamit? 
Sie fnüpfen aKerbingS an eine 2:i^atfad^e an, oor ber aud) mir 
bie ?lugen nid^t oerf (fliegen bürfen. 3)ag ift bie 2:^atfad)e, mie 
bie SSiffenfc^aft baS in ber aBelt SBirHii^e erfennt, ba§ mir un§ 
bicnftbar madtien motten, ©ie erfennt e§, inbem fie einen gefe^*^ 
mäßigen 3iiftt'wmenf)ang be§ aOßal^rgenommenen oorjuftetten fudtjt. 
ffio^ ba§ fommt, ba^ ba§ aBirflidfje, ba§ mir berechnen unb 
uns bienftbar mad^en fönnen, auf biefe SDBeife erfannt mirb, 
mag ein ungeheuer fc^mierige§ p^iIofop^ifd)e§ Problem fein. 2tber 
bie 2:^atfad)e, ba| eS fo sugel)t, tä^t fid^ nid^t beftrcitcn. Ober 
Dielme^r, mer fie beftreitet, bringt ftd^ unb feine ©ai^e in eine 



272 ^trrmann, ffteltgton unb @o}ialbemi)!ratie. 

' T)er$n)eifelte Soge. @t fagt tro^ig: 9lein, e§ gel^t fo nici^t; unb 
bie SBiffenfd^aft, bie jenem Srtenntni^gtunbfa^ treu unb fleißig 
folgt umgiebt il^n mit i^ren 2:riumi[>l^en, mit ben ©iegen über 
bie 9laturfvdfte, bereu SBeute er fid^ gern gefallen lo^t, wenn fie 
bnxif bie 2:ed^nit auc^ il^ ju @ute fommen. 9Q3ir tonnen ed 
nic^t leicht überfd^dtjen, mie ftarf bie ®rfenntni§ jener S^otfa^ 
bog 3)en{en beS c^riftlid)en SSolfeä beeinflußt. 3)iefe @r{enntnig 
ift Dtelfa^ perbreitet morben non feieren, bie bem ^^riftent^um 
bamit ben ^obe^ftoß geben moQten. @ie ft^t j|e|t feft. Unb nun 
ermeift fi^ biefer geiftige ©rmerb ate ein gewaltiger ^bet für bie 
d^riftUdie @ac^e. 3)enn eben biefe @r!enntntß laßt ba§ eine, ma» 
un8 rettet, bog perfönli(^e fieben ^f^fu ®I|rifti um fo ma^tiger 
l^erportreten. äBir für^ten jene £^atf aci^e nid^t, f onbem mir begrüßen 
fie aU ein @ef(^en{ unfereS @otted, baS er unS barrei^en lä^t 
bur^ bie ^änbe berer, bie il^n Raffen. 

@omeit reicht bo^ miffenf^aftlic^e 9le^t, bie äBal^r()eit ber 
£ebenSanfd^auung, in bereu @umpf bie @o}ialbemo{ratie bie 
älrbeiter jief^en miQ. Slber oon ba au^ beginnt nun eine 93er« 
gemoltigung oon anbem S^f^atfac^en, bie ber @ojtalbemotrat ebenf o 
im StiQen anertennt mie ängftlic^e Qt^^riften eS mit ben 2;^atfac^n 
ma^en, bie fie burc^ ben äßiberfprud^ gegen bie @rfenntnißmet^obe 
ber Sffiiffenfdiaft ^inmegf^affen motten. Qnbem ber fosialbemo« 
fratifd^e Slrbeiter mit feinen ©enoffen oerfel^rt, fdjenft er il^nen ©er* 
trauen unb erwartet i^r 95ertrauen. ®r entrüftet ftd^ über bie feige 
äireulofigfeit, bie um be^ augenblidfli^en 93ort^eil§ millen bie opfer« 
mut^igen @enoffen im @tid^ läßt unb bie große @ad^e oerröt^. 
@r bemunbert ben l^elbenmüt^igen Sampf, ben bie SÄärtgrer feiner 
©ai^e für bie Slnerfennung ber Siedete feinet ©tanbeS fül^ven, 
(5r gewinnt an ©elbftad^tüng , wenn er fic^ fagen barf, baß er 
um be§ fernen QitU^ roiden entfagen lernt. ®r liebt bie (Seinen 
unb freut \\6), wenn e§ il^m gelingt, feine Äinber ju tüchtiger @e« 
fmnung ju erjie^en. ®r ftößt auf Arbeitgeber, bie er Raffen foU 
unb boc^ nid^t liaffen fann, weil fie jmar mit ber ©ojiatbemofrotie 
nid)t mitt^un wollen, aber bod^ unter Opfern bem 3(rbeiter 
gegenüber i^re ^flii^t tl>un. ^n allen fold^en gälten fetit er in 
bem perfönlid)en fieben bes; 2Äenfd[)en etwag alg wirHid^ ooraus. 



^etttnann, Religion unb Sosialbemoltatte. 273 

m^ er mit rechnungsmäßiger @i(^er!^eit nid^t fonftatieren^ alfo 

m b« fficife, wie e§ bie Slaturmiff enfdjaft meint nii^t al8 roirttic^ 

crfainen tonn, ^xt biefem perfönlld^en SSerfel^r, an bem fxä) fein 

^ erquidt, fe^t er ol^ne SBeitereS votaxiä, baß ber SWenfd^ nic^t 

mir bem 9laturtrieb beS (äigennu^ei^ folgt, f onbem ibealen SHotioen 

lugängRc^ ift. (5r fe^t oorauS, baß bie SDlenfc^en ft^ innerlid^ 

wremigen fönnen in ber Sßorfietlung beffen, mag fein foß, menn 

e§ i^nen oud^ augenbtidHid) nid)t gef&Qt. Unb er ma^t an älQe 

b«i Stnfprud^, baß fie biefem ®ebanf en fidi beugen, um f einetroillen 

ben felbftfud^ttgen 2:rieb jurücfbrängen f ollen, afö ob jte einen 

freien SBiEen l^ätten. ©o oerfäf)rt er im perfönlid^en Sßerfel^r, 

ftoft ber ^otfad^e, baß er eine menfd^lii^e ^erfon ift, bie oon 

menf^li^em fieben nid^t laffen mag. 3)enn in ber (Srjeugung 

biefer ©ebanfen, in ber Slnnal^me biefer unbemeigbaren 3:^atfac^e 

be§ perfönlic^n fiebenS, beftel^t baS fpecififc^ menfd^lic^e SBefen, 

bdS nic^t mit bem abgef^loff en ift, roaS bie 9latur auS il^m mad^t, 

f onbem immer barauf auS ift, auS fi(^ fetbft etn>a§ ju maci^en. 

S)iefer unleugbaren 2:^atfac^e be8 menfd^lid^en SebenS t^un 

Se ©ojiatbemofraten ©ematt an, menn fie ber materialiftifd^en @e* 

f<^i(^tSauffaff ung folgen. 3)enn biefe belianbelt ben SKenfdjen mie 

citt a:^ier. @ie ignoriert bie 2:^atfac^e, baß ber SDlenfc^ fic^ in 

jenen görberungen, bie er an ftd^ unb Änbere rid^tet, in jenen 

3Sorau8fe§ungen, mit benen er ben Sßerfel^r mit Slnberen burd)* 

bringt, ^xä) felbft unb alte SWenf^en oon ben S^^ieren unterfi^eibet. 

Jyie ©Ojiatbemofraten ftnb nun beffer ate il^re Slieorie. S)cnn 

jie fmb oon @ott gefd^affen, i^re S^^eorie ^aben fie felbft gemadit. 

SJebel fpric^t benOrunbfa^ber materialiftifd^n ®efd^id[)t8auffaffung 

(oS, inbem er fagt, jeber SWenfd) fei ein ^obuct feiner Qzit unb 

ein SBeri^eug ber SBerl^ältniffe. 3)aneben rebet er aber oon ibeaten 

fielen be§ SDlenfd^en mib entrttftet fid^ über bie amerifanif(ä)en 

öetbmänner, bie alle SRoral mit ^üßen treten. Slber ibeale QkU 

jinb immer ^orberungen, bie ba§ übermältigen follen, maS bi§l|er 

in bem SWenfdfjen SWad^t Ijatte. SBie f ann man mit f otd^en ^irf^n 

einem SRenf^en fommen, in bem fid^ ni^tS weiter ereignen !ann, 

aß n)a§ bie 3«^ ii^^ ^i^ Sßerl^ättniff e in i^m abfegen ? Unb mie 

fonn man bem aWenfc^en mit ber SRoral fommen, menn bie 



274 ^ertmann, 9leItgton unb ©oaialbemofratie. 

matertaliftifi^e 3)eutung ber ©efc^ici^te ber äBeigf^eit legtet (BijUn^ 
ift? 3)er SWcnfd^, ber nad^ ber von 95ebel empfol^Ienen 2:^eorie 
fi(^ felbft beurtl^eüt l^at feinen ®runb, fxä) um SWoral ju fümmem, 
a)iefe S:^eorie jroingt i^n, baS menfd)Ii(^e Seben afe boäfelbc 
anjufelien, wie irgenb eine anbere ^Bewegung in bec 9latur. 
®ann ntu^ er alfo bie ©ebanten für Unfmn galten, in benen ber 
SRenfc^ fid) t)on ber Statur unterf (Reibet, inbem er fid^.jumut^t, 
ba§ er bem 3)range ber Statur njiberftreben foD. Söarum ent* 
ruftet fic^ Sebel über bie felbftfüc^tigen ©elbmänner? ©ie tl^un 
ja einfai^, roa§ jxe nad^ feiner eigenen 2:i^eorie muffen. @ie folgen 
ber natürli^en Suft am SBefi^. S)ie »ludEft^t auf ba8 ®emein* 
mo^I fann if)nen 95ebel nur jumutl^en, menn er e§ il>nen jur 
®oibenj bringen fann, ba§ i^nen für bie furje Spanne i^rer 
Seben^jeit ba§ ®emeinn)oI|I jur 93efriebigung if)rer Süfte nfi^üd^er 
fein merbe, afö ba§ im S)ienft i^rer fiüfte ausgebeutete ©emein* 
mefen. Qn biefem foloffalen SEBiberfprud) beroegt ftd^ jeber tüchtige 
aWann, ber ber materialiftifi^en ®efd)id^t§auffaffung folgt, aber 
fid) felbft baoor beroafirt, ju oerlumpen. gür Slde, bie fid^ ber 
3lnerfennung be§ 9Jlenfd)lid)en im Unterfdjieb oom 2I|ierif(i^en 
bod^ nic^t erioef)ren fönnen, ift baS einjig SRationeCe, ba§ fte ba§ 
perfönlid^e ßeben mit ben ©ebanfen, an beren Söal^r^eit e§ i^ängt^ 
als eine 2;^atfa(^e gelten laffen. 3)iefe 2:^atfad^e fann jroar bie 
SDBiffenfi^aft mit i^ren ©rfenntni^mitteln nid^t erfaffen unb be* 
greifen, aber ber 3Äenfc^ fann nid)t oon il|r laffen. 6r met&, 
ba§ er innerlid) oerarmt unb oeröbet, menn i^m biefe 2:l)atfad^e 
entf^roinbet. ^nbem er 2Äenf^en, bie if)m roert^ fmb, oertrout^ 
unb SWenfd^en, bie feiner gürforge übermiefen fmb, in i^rer @e* 
finnung ju förbem fud^t, ift i^m baS Unfid^tbare eine si^atfad^ 
Unb menn er bann hoä) einer 2:]^eorie folgt, bie nur baS oö 
mirfUc^ gelten Id^t, maS gefeiten unb berei^net werben fann, fo 
roiberfpri^t er fic^ felbft. 

aSenn jene materialiftifd)e Sluffaffung bie ^errfc^aft gewönne 
in bem 3)enfen ber 3Jlenfc^en, fo würbe ba§ perffinlic^e Seben 
Dcrborren unb an bie ©teile beS gefd)id)tli^en ^öttfd^rittS würbe 
ber Kreislauf treten, ber fid^ innerl^alb ber t^ierifd^en (Gattung in 
ben ^nbiüibuen wieber^olt. ©ofcm bie ©ojialbemofraten biefer 



^ertmaitit, dleligion unb @osialbemo!ratie. 275 

tfftmz Illingen, ftdim fte in einem rabilalen ©egenfa^ jur dfrift« 
fi(^ Steügion, Unb fofern fie jie in ber 5ßraji8 il^teS eigenen 
Mens x^leugnen^ fmb fie bent S^liriftentl^um au(^ nod) jugönglid^. 

& ifi nri^tig^ ba^ n>ir und felbft bie^ nid^t Derbetgen, ba| ber 
eigentlic!^ ©egenfa^ gegen bie (^riftlici^e 9teIigion in biefer äOli^« 
a^iung beg perfönli(^en SebenS nnb ber ©ebanten, in benen ed 
lebt, ju fudien ift SBei biefer praftifd^en Haltung fann ein 9Kenfc^ 
feinen ©ebanfen be§ d^rifttici^en ©laubenS als 9Ba]^ri)eit erfaffen. 
2)enn bie Offenbarung, bie unS boS älQeS als S93al|rl^eit Derftei^en 
Idp, ift nid^tS SlnbereS als baS innere Seben ^fu. 3)aS permag 
ber 3nenf(^ nid^t mel^r ju feigen, menn er baS innere Seben über^^ 
^aupt als ein ^l^ntom nerad^tet Sknn ifi i^m alfo mit bem 
S^ftentl^um fd^Ied^terbingS nid^t beijulommen. SBenn er bagegen 
alle ©ebanfen beS d^riftti^en ©laubenS beftreitet, weil fte t^at* 
fäc^lic^ aQe aber bie 9latur unb baS miffenfd^aftlid^ @rfennbare 
^inauSgei^en, fo ift er bamit nod^ nii^t für baS Sl^rifient^um 
o9Qig nerfd^Ioffen. ®r ift il^m bann boc^ no^ jugänglid^, menn 
es fo mit il^m ftel^t, ba§ er in ber ?ßrayiS nod^ ein wenig an 
bem perfdnlidien Seben unb feinen ^eüigt^ümem feftl^ält. ©enn 
bann ^at er no(^ ein Organ für bie iÖSal^melimung ber ^atfad^en^ 
auf bcnen bie dfjriftli^e Sieligion berul^t unb einen ©inn für il^re 
Segnungen. 

SBir bürfen aber bie 3ii*>^^'^t «i^t fdfjminben laffen, 
ba| überall, mo bie ^^tnilie nod^ nid^t jerfe^t ift, an beren 
Orbnungen baS .Sl^riftentl^um gebaut l^at, ©ebanlen unb @rfal|^ 
nmgen }u finben flnb, an bie baS (Soangelium an!nüpfen fann. 
Sor allem bürfen mir ni(^t überfeinen, ba§ ein großer Jlieil ber 
Arbeiter, bie ber ©ojialbemofratie folgen, nid^tS weiter will als 
eine Sefferung ber öfonomifdfjen Sage, ißiele finb eS gemi§ nid^t, 
bie fid^ als bie Srben ber flaffif djen beutf d^en ^^ilof opI|ie fülilen ; 
bagegen bleiben SJicle in bem gemolinten ßufammen^ang mit ber 
ftir^e. 

Slber auf ber anbem Seite muffen mir unS eingeftelien, ba^ 
bie iÖebenSaufd^auung ber beutf^en ©ojialbemofratie in jmei mii^:* 
tigen SB^ie^ungen baS 3)enfen ber Slrbeiter immer mefjr be* 
einflu^t ßrftenS fri^t fi^ bei ben Arbeitern immer tiefer ber 

Beitfi^rift ffir X^eologie unb Atrd^e, 1. Dal^TS-, 4. ^eft. 18 



276 ^ er r mann, 9leIigton unb ©ojtalbemofratie. 

aScrbad^t ein, e8 fei in her a:l|at fo, roie bic ©ojialbemofcatcn 
bel^aupten, ba§ bie (^riftßd^e Äird^e in bcm a)ienft ber iBeft^enben 
ftc^e; ber SSourgeoi^ braud^e bie SReligion, weil fte bie brol^enbe 
ftraft ber Slrbeiter löl^me, unb bie JJird^e ftelle fvif ifyxi jur SBer^ 
fügung. 3)iefe jiontnterooQe 93orfteQung n)irb buc^ eine (Srfc^« 
nung gen&i^rt, bie Diel gefdl^rlici^er ift al^ bie gonje Sojiolbemo^ 
Iratie. 

@iS ift \a voitUid) fo, bag unjol^Iige SMnner, bie für ben 
^mpf gegen bie ©ojialbemofratie bie ^fllfe ber ftir^e nerlangen, 
für ftd) felbft ber ^(^e nid^t bebürfen. @ie nritrben a(d rul^ige 
unb jufriebene S3ürger leben, roenn bie ©ojialbemofratie nic^t 
ujäre. Ucber 3lEe§, rooS il^nen bie Äird^e ju bieten I|at, meinen fte 
burd^ i^re ©ilbung meit l^inauS ju fein. Slbcr bei ben Arbeitern f önnten 
bie üon ber SEBiffenfc^aft gerichteten äJorftettungen beS S^riften^ 
tl)um§ immer nod^ jum SSSol|le ber @efeQfd^aft angemenbet merben. 
3)enn biefe tonnten ft^ noc^ ber 'Snxä)t oor einem jenfeitigen ®t^ 
tvift unb ber Hoffnung auf jenfeitigen ®lüdC überlaffen. Sie S3U« 
bung be8 Qütalttt^ ftöre fte bartn nid^t, benn biefe fei i^nen noc^ 
oerfd^loffcn. ©o mirb in ber 2:^at in ber SBlaffe bcrer, bie ftc^ 
@ebilbete nennen, n^enn nid^t gerebet, fo bod^ gebad)t Unb in 
taufenb unroillfürlidien Sleu^erungen , in einer Seben^^rung 
bie man für felbftüerftänblid) l^ält, brid)t biefe ©cfmnung ^eroor. 
3)ie Slrbeiter müßten biefe ©efinnung bemerfen, aud^ wenn fie 
nid^t Idngft mit ber ©orgfalt beS ^affeS bag 2:reiben biefer @e« 
feCfdiaft beobachteten. SEBa§ finb bie folgen jener Haltung ber fo= 
genannten gebilbcten ©efettfdjaft? Un^ brängt fi^ afö mi^tigfte 
^olge nid^t bie Sßirbtng auf bie Slrbeiter auf. SEBenn eS einen 
©Ott giebt, fo mirb biefer greoel feine SRad^e finben. 3Äit bcm 
^eiligen, an bem fie bie S^id^tigteit il)re§ SebenS empfinben foDteti, 
f^alten biefe ^enfdf)en afö Ferren. 

älber bie ffiaift ooQjiel^t fid^ bereite in ber äBirfung biefeS 
2:rciben§ auf bie 3[rbeiter. 95ei biefen fteigt in Solge beffen bie 
(Erbitterung gegen bie ©efeUfd^aft, meil fie bie ^eud^elei merfen 
unb ben jämmerlid^en ^od^mutl^. 

®d^on ba§ ift ^eui^elei, ba^ man ben Slrbeitem etmaiS als roaifx 
unb el^rmürbig aufrebet, mag man felbft nid^t glaubt unb nic^t 



^txxmann, ffttliqjum unb €o5ialbemofTatie. 277 

o^tet. 2)iefer ^eu^elei ftnb fid^ bie 93erei)rer ber f^toat^en ®tnS^ 
barmet oud^ rei^t tuol^t ben^ugt. 3HeI fd^timmer ift bie ^u^elei, 
in ber fie ftcrf en ol^ne fie ju merfen. ®ie ftttlid^e ^cdtung, bie fie 
(di ^olgc ber Steligiott bei ben ärbeitem eriüarten, empfinbeti fie 
in ber 33^ felbft dg ba§ «Reifte, aber jte ftnb au^er Stanbe, fid| 
felbft ba^in )u bringen unb benfen aud^ garnii^t emfüid^ baran. 
$ie triebe ber ©enu^fud^t foQen in ben 9Heberungen be^ äioQiS« 
lebend burc^ bie ^Religion gebonbigt werben. ä[ber in ber ©efeU^ 
f^ft, bie fid) aniS biefen Slieberungen ergebt fpürt man bei allem 
tüchtigen Streben mä)tö baDon, ba^ bie S3änbigung ber @enuf fu^t 
n)irfli(^ aö bie emftefte Stufgabe ber Qt\t erfajst mirb. SSBie märe 
bag aud^ mdglid^? ^er 9Renfd) xoxÜ leben. ®o lange er ober 
©Ott ni^t gefunben ^at fommt er nid^t ju fid^ felbft unb oerfte^t 
ni^t JU leben. 3)ann bleibt il^m, ber bod^ leben miQ, gar nid^tS 
änbereö übrig, al§ bie Seben^mittel ju Raufen, ben 9leroen immer 
nmt Steije jujufül^ren. 2)amit fommt er freilid^ immer nur bi§ 
an bie @<^roelle eine« felbftänbigen inneren Seben^, ol^ne jemate 
bamit anzufangen. Slber eS gelingt i^m bod^ fo, burd) bie immer 
neuen Slnregungen, bie il|m ber ®enu| gemälirt, fi(^ über bie 
innere Seere ]^inmegjutäufd)en. 3)e$t)alb ift eine jügeUofe ®enu^^ 
fud)t ba§ unoermeiblid^e SdfjidEfol einer ©efeUfd^aft, bie fid) nid^t 
me^r barein ju finben xo^x% ba§ ©ott mirflid^ ift. Qeber SBerfud^, 
bie ©enu^fu^t einjufdtiränfen, !ann bann nur baju führen, ba^ 
man für bie bigl^erigen formen ber @enu^fud)t neue eintaufd^t. 
Ob man bie 9ieije, benen man ftd) überlädt, in ber 2lrbeit fui^t, 
im Äunftgenu^ ober im rein finnlid)en @enu§, ift bafür ganj 
g(ei^gfiltig. ^e ^auptfad)e ift, ba^ man fi(^ überE)aupt fold)en 
Siegen ganj unb gar überlädt, über benen man bie ©elbftbefinnung 
unb ftd| felbft verliert. 2)a§ eine ©efellfi^aft, bie immer mel^r 
bie| ®eprdge be§ Shtl^elofen unb 3^^^!^^ befommt bie 2lrbeiter 
tjermittelft ber Äir^e jur Sefinnung bringen unb beruliigen mill, 
ift eine ^euc^elei, bie bei ben Slrbeitem SJerad^tung erregen mu^. 
J3n bem 3^^ über Mefe ^eüd^elei finbet jtd^ ber ©lirift mit bem 
6ojialbemotraten jufammen. 3)at)on a^nt bie @efeltfd|aft ni(f)t§, 
ba| fie ftd) gerabe burd^ i^re ^^ebloftgfeit, bie au8 ber fortgefe^ten 
Slirfltac^tung be§ 93eften im SWenf ^en ftammt im ©egcnf a^ ju d)rift= 

18* 



278 ^ er t mann, Tleligton unb @ostaIbemoItatie. 

tid^em äSefen 6efinbeL 9Benn dfrifttid^er @mfi unb d^riftlicl^ 
SebenSfteube bei il|r etnjöge, fo wäre il^r gd^olfcn unb nKtl^r* 
fd^einltd^ ben Slrbeitern aud^. 

Sie aSeradjtung wirb bei bem Arbeiter um fo fieserer erregt 
als in bem SSorge^en ber gebilbeten @efellfd^aft ein ^o(^mufl^ ftedt^ 
ber mit ben 2:^atjad)en in einem gerobeju tomifd^en SGSiberfpru^ 
fielet ©ie meinen, über bie Äird^ IjinauSjufein, mdl^renb ber 2lr* 
beiter auf feiner niebrigen 93ilbung8ftufe fid^ mit ben tinblid^ett 
93orfteQungen ber 9leIigion no(^ redft n^ol^I befreunben lönne. ^n 
äSal^rl^eit liegt bie @a(^e fo, ba^ bie geiftige SRad^t bie fiber^^ 
l^aupt mit ber d^riftU^en ^Religion in Äonfurrenj treten fann, bei 
bem f o}iaIbemotratifd^en ä(rbeiter in piel l^ö^erem 3)laa^e ju ftnben 
ift, ofö bei ber ®efeD[fd[)aft, bie il^n bur^ bie Äir^e jdlimen roüL 
^i) meine eine gefd^toffene, bie SebenSprajiS mirflid^ beftimmenbc 
SBeltanfd^auung. 

a)er Sinn beS SebenS, baS 3^^^ ^^^ ®efd^id^te, bie l^öc^ftea 
fiebengfragen befd)dftigen ben ätrbeiter in ber Siegel vxd ftörfer 
ofö bie SWaffe ouc^ ber miffenfddaftRd^ ©ebilbeten. S)ie 
festeren leiften oieCeid^t in ü^rem Berufe 3[u§erorbentIi(i^e§. 
3lber bie fj^age, maS benn nun eigentlich (Sinn unb S^d i^re^ 
eigenen Sebeng fei, taffen fie nidjt an fi^ tieranfommen. S^ bem 
SBemfil^en, innerlid^ feft unb Hör ju merben, l^aben fie in ber Siegel 
feine ^txt 3)arin, in biefer ol^ne ^w^eifel Ijöd^ften geiftigen 
ä^l^dtigfeit ift jeber d^riftlidfje, aber anif jeber fojialbemofratifd^ 
Arbeiter geübter aö bie meiften oon benen, bie fid^ in bem ^^ 
TOU^tfein i^reS reid^eren SBiffenS über fie erl^eben. 

©0 !ommt e8, ba^ bie 2lrt, wie bie ^ülfe ber Äir(^e in ben 
fojialen Äämpfen in 3lnfprud^ genommen wirb, bie 2lrbeiter burd^ 
^em^elci unb Ueberl^ebung aufbringt. ®8 bebürfte feiner befonberen 
äW^griffe t)on Seiten be§ firi^lid^en SlmteS unb feiner moteria* 
liftifd^en ^ropaganba, um eine ^uft jmifi^en ben ätrbeitem unb 
ber Äiri^e aufjurei^en. 3)ie Kirche mu§ ben Slrbeitem per^a|t 
merben, menn auc^ nur ber leifefte ©d^ein bafür jeugt, ba^ fie fx^ 
atö ^emmni^ beS ©ojiatiSmuS oon benen benu^en lä§t, bie felbft 
über bie ^ri^e l^inauS ju fein meinen. Stn biefe ©timmung fann 
bann bie Se^re ber ©ojialbemofratie anfnfipfen, ba§ bie 9teligion 



^ettmann, 9leUgU)n unb eosialbemohatie. - 279 

mit jcbe gciftige SBeroegung in bem ®ienftc roirtlif (^aftlid)cr Qntcr* 
tffen fielet. 3)a§ fte im ®ienfte ber \i)m fcinblid^en ^ntercffen 
fttfft, meint ber 3lrbeiter por Slugen ju })QbtxL ffiincS weiteren 
53en)eife8 fftr bie Seljre, bie il^m fo burdd feine eigene ©rfal^rung 
ieftatigt n)irb, bebarf e§ ni(^t. 

SboiS jmeite^ xoaS fxi) pon ber £e6enSanfd)auung ber @0)ial« 
bemofrotie in unferem SSoIfe burd^fe^t^ ift bie @r{enntni^met^obe 
bei 9latum)iffenfd^aft, il^re Uebertragung auf ba§ ®ebiet gef^id^t« 
lidfta Sitber^ unb bamit il^re Q^tmidEIung jur naturaliftifd^en 
SGBeltonf^auung. (S& mirb immer eine fel^r emfte (^riftttd^e SebenS^ 
erfa^rung baju gel^ören^ menn ein geiftig reger Slrbeiter ftc!^ axß 
biefer geiftigen Strömung retten fott. ®ie SQSalirl^eit, ba§ mir 
boS äSirtlid^e, ju beffen älner{ennung jeber gesmungen merben 
tarn, erfennen, inbem mir feine ©efe^m&^igleit erfaffen, ift ben 
3frbeitem erfd^Ioffen. ^tn einigermaßen jum Slod^benfen auf* 
gelegten Äopf mirb bie fjreube an biefer ffirfenntniß in Äonflift 
bringen mit ben ©ebanlen ber Steligion. 2)enn bie 3)inge, bie 
mir im ©lauben f&r mirtlid^ l^alten, laffen fiä) auf biefe SBeife 
ni^t er!ennen. 9Q3ie nal^e liegt bann ber Sd^luß, baß fte nic^t 
nrirflic^ finb. 

3)er 3lrbeiter mirb in ber Siegel nx6)t bie geiftigen SKittel 
befi^en^ um fu^ felbft burd^ bie ^aft feineiS 9lad^ben{eng 
ben äluSmeg oxS biefem ^nflift }u bahnen. 9tetten lann il^n 
nur bie retigiöfe Srfal^rung^ in ber fi(^ il^m bie SSSelt beS ©laubenS 
als etma8 smeifelloS SBirtlic^eS bezeugt unb ber 3uf^^i^^^<^^S 
ber ^riftlic^en @emeinbe. 3)er SRann avS bem äJolIe muß an 
Stnberen, beren größere Hebung im 3>enten unb beren ftttlid^e 
JBauterlett er anerlennt, fel^n lönnen, baß fte ben ftonflilt 
iemien, in bem er ftecEt, aber il^n in il^rem 3)enlen fibermunben 
^ben. 

älber gerabe boS Se^tere l^at ben ätrbeitem nur p fel^r 
gefehlt. 2)ie SRel^rga^l ber l^öl^er ©ebilbeten, bie überl^aupt ben 
ftonflitt jmif^en SRaturertenntniß unb fittli^er ober religiöfer 
Ueberjeugung nod^ tief empftnben, ^at bem 9laturaliSmuä gegen» 
Aber tofntuliert. SBemt man überl^aupt Pon einer SBelt ber ^beate 
lebet, fo lauft bod^ immer ber ©ebante nebenlier, baß eS mit i^rer 



280 ^eTTiitann, S^teligion unb Sogtalbemofratie. 

9iealü&t fc^led^t befteOt fei unb ba^ bog eigentli^ 9ieeae bie SBelt 
bcr ©inne fei. SBon ben ©eifte^etjeugniffen biefer SRid^tung wirb 
utifer fßolt taufenbfa^ beftürmt. Unb bet einfadie ©inn bc^ 
SBoIfeS f>ört au§ ben fraufen Sfteben biefeä ^f^^ttliäi««^ immer 
nur ein 5ttein auf ade fiebcn^fragen be§ ®Iauben§. 6g gicbt 
banac^ fein en)ige§ Seben, feinen von ber SBelt unterfc^iebenen 
@ott, feinen jur grei^eit berufenen SBitten, feine ©ünbe unb fein 
©cric^t 

an ber Äirc^e freiließ ^ört er ba« frdftige »efenntni^, 
ba§ t§ mit aßen biefen S)ingen bennod^ feine SÄid^tigfeit ^abe. 
2tber bamit ift i^m nic^t gebient, benn baneben ftö^t er in ber 
Äirc^e auf eine tiefe 2lbneigung gegen bie SBa^r^eit, bie i^n ge«^ 
padt ^at. S)aS mu§ auf i^n ben (Sinbrud mad^en, ba^ bie ^rd^e 
3lngft fiabe. @ine Äird^e aber, bie fid) oor ber SBal^rl^eit für^tet^ 
fann ben 9Äenfdf(cn, ber ber SGBalir^cit in§ Slngefid^t gefeiten ^at^ 
nid^t retten. ®§ ift ja fo erfldrli^, ba§ bei d^riftUd^ frommea 
SDlenfd^en ein tiefer UnroiUe gegen bie @rfenntni§ Sßlai^ greift^ bie 
bei Unjo^Iigen in unferm 5ßoIfe ben Sluff^roung jum ®(aubea 
läl^mt. Umgeben läj^t fi^ bie £^atfac^e ni^t mel^r, bag bie 
Ueberjeugung uon ber burd^gängigen @efe^ma^igfeit aQe§ @ef(^e^eni^ 
eine geiftige ^aift im 93o(fe gen)orben ift. ©erabeju fonberbar 
ift bie Hoffnung, e§ werbe ft^ burd^ bie S^ätigfeit ber föird^e^ 
burd^ bie SBerbreitung ^riftlidtjer Siteratur unb bgL Derl^üten 
laffen, ba^ aUguüiel baoon ju bem SSoIfe burd)ftdere. (&§ Rubelt 
ftd^ nid^t um 2:ropfen, bie boS S)enfen be§ aSoIfg pergiften, fon«^ 
bem um einen ©trom, in bem baö SBoIf fc^mimmt SEBenn nun 
bie Äird^e burc^ i^re Haltung perröti^, ba§ fte in biefer Xl^atfad^ 
etmaS. bem S^riftcnti^um abf olut gcinblidieä fielet, fo ift fie c§, bie 
ben ^Arbeiter in bie Slrme be§ 9laturali§muS treibt. 3)enn ber 
meint ja eben aud^, ba^ neben ber ©rfenntni^ pon ber ®efe§* 
mä|igfeit einer enblofen ffielt fein religiöfer ®Iaube unb fein 
©emiffen me^r ^la^ ^at. 

3)aran fnüpft fid) unS bie 5^8^/ ^^e mir gegenüber ben 
geiftigen SJlitteln ber ©ojialbemofratie bem SSoIfe bie Sleügion 
erlialten ffinnen. ®en)i| ift ba§ nur xttOQliti), raenn mir felbfl 
©tauben I^aben unb in bem 93efenntnig unfereä (Klaubend unS 



^ttxmann, 9leIigion tuib ^ojicilbemohatie. 281 

buic^ nichts beirren laffen. Slber aQein l^Uft ba§ nid^tS, iDenn 
e^ ftd) barum Iianbelt anbem über bie ^inbemiffe I|intüeggiil|elfen^ 
bie für fie auf bem äßege jum @Iauben liegen, ^ei jebem Siebe^^» 
bienfte mu§ mm bie 9iot^ beffen empfinben, bem man l^elfen roitt. 
3n imferm ^aät tiei^t baS, mx muffen un8 m ben Äonflift ©er» 
jf^en fönnen, in Tod6)tm bie SWenfc^en unferer 3^^/ ^^^ wb 
ntörig, ben glauben an einen @ott, ber @ebete erl^ört unb baS 
Unrecht ftraft, verlieren. (Sä mu^ laut unb perftänblid^ burd^ bie 
kxcä^ tönen: mir ^aben aud^ bie @r!enntnig^ bie eud^ in 93ec« 
roirrung bringt, aber mir fürd^ten fie nid^t, fonbem mir freuen 
un^ beren mie aller a33a!^rl)eit. 2Bir muffen jeigen, ba^ mir 
ben Sonflift, ber ben 2lnbem 9lot^ mad^t, aud^ empfinben, aber 
mit i^m fertig merben. 

3)er ftonjlilt l^at feine äu^erfte Schärfe in bem Äontraft ber 
bciben ©ebanfen, auf ber einen Seite ber lebenbige @ott, ber mit 
feiner Mmad^t ben ©inn unb SBerftanb ber Siebe in aEe^ ®e* 
fc^^en bringt, auf ber anbem ©eite bie buri^gängige @efe^= 
md^igfeit aÖeö ©efd^el^en^, bie SSerftiüpfung ber Urfa^en unb 
SBirtungen in einer enblofen SBelL 6§ ift nid^t meine SWeinung, 
baß mir berufen feien, bie SUlenfc^en über biefen ©egenfa^ i^inmeg* 
jubringen. 3)er äJorfa^, biefeS ^oblem ju löfen, ift ebenfo 
jimmoü, mie ber SBorfa^ bie fojiale ^i^age ju löfen. 5Die fojiale 
Jrage ift ba§ 83emu§tfein ber SWenfd^l^eit oon ber 9lotl| il^rer 
©ef^i^te. Unb jener ®egenfa^ bilbet bie gorm be§ geiftigen 
2eben§ für alle SJlenfd^en, bie ^ölenfd^en fein unb fxd^ auS ber 
9latur t|erau§arbeiten moKen. ©olange ba§ 3lufftreben au§ tl^ier:' 
if^en 3^ftäTiben ju menfc^lic^er ©eftttung bauert, fo lange mir 
im ^I^ifd^e leben unb unfer ^leifd^ bdnbigen motten, bemegen mir 
ung in bem Oegenfa^ jener beiben ©ebanfen. ®er eine ©cbanfe 
entf priest. bem 3^^ i>^nt mir juftreben, ber anbere ben t^atfä^lid^en 
3uftcnben, t)on benen mir aufftreben. 

(fö !ommt alfo nidf)t barauf an, jenen Oegenfa^ ju überminben, 
fonbem i^ ju oerfte^n, innerlid) bamit fertig ju merben. SJlan 
fann auf ©erfd^iebene S38eife bamit fertig merben. 3)er SÄate* 
rialiSmuS ber ©ojialbemofratie mirb bamit fertig, inbcm er bie 
Oebonfenreil^c befeitigt, bie bem 2lufftreben beä 2Äenfc^en aud 



282 ^txxmann, fReltgton imo ©oatalbemofratie. 

bem t^icrifd^en fieben entfprtd^t. aSiete emfte ß^^riften loerben ba^ 
mit fertig, inbem fte bie ©ebanfcn ignorieren, bie ber 9bitur tl^r 
9ied^t geben. SBir bagegen n^iffen, ba^ ein folc^eS gemattfameS 
93orgel^en an ben Sl^atfad^en be§ fittlic^en fiebenS unb ber 9latur 
bod^ ju ©c^anben wirb. SBir werben mit jenem ®egenfa^ fertig^ 
inbem wir einf el^en, ba^ bie c^riftlid^e Sfteligion ftdrf er wirb, totan 
fte mit bem ®Iauben an ben lebenbigen ®ott bie (Srfenntni^ ber 
@efe^mä§ig!eit unb ber @nbIofigfeit ber 9latur oerbinbet, unb in* 
bem mir einfel^en, ba^ bie d^riftlid^e Sleligion gang anbere ©rfinbe 
1^, ate bie fd^mäd^tid^en SSerfuc^e, jenen Oegenfo^ aufeulöfen, 
ber nun einmal ein Seftanbt^eil unfereS eigenen SebenS ift. 

Unfer ©taube mirb ftSrfer, menn mir unS fetbft mit ber ffir^ 
fenntni^ burd^bringen, bie von 2lnbem gegen ben ©tauben auf* 
geboten mirb. SDSir gtauben an einen aQmäd^tigen ®ott, beffen 
tiebeDoQeS £l^un mir in unfern (Srtebniffen Derfpüren. Slber unfer 
@inbru(f t)on ber Slltmac^t ©otteS ift ftarler, menn mir unS fügen 
fönnen, ba^baS einzelne ©reigni^, ba^Sott feinem ^nbe ant^ut, 
in fi^ fetbft unerme^Iid^ ift, meit e§ unferm ©rfennen fic^ cnt* 
tlüUt cää ba^ gefe^mä^tge ^robuft einer enblofen 3Bett. 9Ber 
baS gefetien l^at, ba^ er bann erft red^t bie ätltmad^t ©otteS an« 
beten lernt, menn er ben ©ebanfen ber9latur burd^bac^t unb oor 
feiner SBa^r^eit fi^ gebeugt ^at, l^at bem äJlateriatiSmud feine 
SBaffe entmunben imb gebrandet fie im 3)ienfte ber Sieligion. 

2lber freitid^ fönnen mir baS nur, menn mir oorljer bamit 
angefangen l^aben, eines tebenbigen @otte§ inne ju merben. 3)ie 
Slatur mad^t feinen 3Äenf^en fromm, unb bie ©rfenntniä ber 
SRatur auc^ nic^t. Unfere ©egner berufen fid^ auf ben* QroaxiQ 
ber ^ai^aiftn, gegen bie alte SBünfc^e nid^t auf!ommen. Stber 
mir gtauben bod^ auc^ nic^t, meit mir molten, fonbem meil mir 
muffen. 38ir berufen unS auc^ auf £^atfac^en, bie aQeS 
äBünfd^en einer armen SRenfc^enfeete überbieten, aber uniS mol^r« 
l^aftig atS Sl^atfac^en jmingen. 3)a l^ören mir freitid^ fd^on ben 
^ol^n beS Sojiatbemotraten, ber unS juruft, mir fennen biefe 
Si^atfad^en. C^n geftorbener SRenfd^ mirb mieber tebenbig unb 
fä^rt gen ^immet, baS ift fo eine Si^atfad^e, bie i^r ^eitSt^ot« 
fad^e nennt. Unb bamit fotd^e 2:^atfad^en aud^ fidler feien, r^ 



^exTtnann, Steügton unb ©ojtalbeinolratie. 283 

i^ euc^ ein, ba^ ein Siteraturfomplcj, bie 95ibcl, ein wunberbar 
entftanbeneS SBud^ unfel^Ibarer ®otteSn)orte fei. 

2)arauf erroibem nnr, bag ift fc^on rid^tig, ba8 ift für 
unfern ©laubcn eine S^^atfad^e, in ber er freubig lebt, ba§ ^z^u^ 
(SfyA\tu^ auferftanben ift oon bcn Sobten, lebet unb regieret in 
feoigfeit . Slber fo unoerftänbig fmb wir nid^t, ju meinen, ba^ 
imfer @Iaube burd^ ben SwanQ biefer a:^atfac^e begrünbet werbe. 
S)enn ba« fann freilid^ ein Äinb feigen, ba^ ein 2Jlenfd^, ber 
iw^t auf gang anbere SBeife jum ®Iauben gefommen ift, in 
fo(^ 2:]^atfac^en nid^tS n)eiter fe^en tann aU 3Sl&tä)zn ober 
^o^ft 8n)eifel^afte ©efd^ic^ten. SBir fmb aud^ nid^t fo unbarm* 
^ei^ig, ben @o3iaIbemo!raten oor fold^e 23^atfac^en ju fteQen, unb 
i^ jujumut^en, er foQe fid^ burc^ fie bejmingen laffen. 9Bir 
tonnen i^n gar nid^t oor eine fold^e S^atfad^e fteQen benn er 
tarn fte nic^t feljen. SBenn roir aud^ no(^ fo oiel baoon rebeten, 
er ^ört bod^ nur unfere SBorte, aber bie Si^otfad^e fielet er nid^t. 
Sßir Eönnen e§ au^ nic^t einmal mflnfc^en, ba^ er ftd^ bereit 
erlldre, er moQe biefe Xl^atfad^e onerfennen. 3)enn ein SRenfc^, 
ber fid^ in fotc^er äJerfaffung beflnbet, barf fi^ beffen nid^t oer- 
Steffen. <£r märbe tflgen, menn er eS tl^äte. 3^^ ^9^ ^^^^ 
forbem mir il|n ni^t auf. @onbem mir rid^ten an il^n bie finq)(e 
{^orberung, er möge ftd^ S^l^atfa^en anfeilen, bie aud^ er al§ 
folc^e fe^en !an. 

SSBenn mir mit bem Sogialbemolraten reben unb menn mir 
vmS felbft bie SebeniSfrage beS (Staubend fteQen, fo appeQieren 
loir an 2:^tfad^en, bie auf unS ben Sa>m% beS Sßirflic^en 
ausüben, aud^ menn unfer @laube in ber 9lotI| beä £ebenS un§ 
tierlaffen ju l^en fd^eint. 3Benn bie Sojialbemofraten auf bad 
(S^ftent^um )u fpred^en tommen, fo fpotten fie ftetd über 
fob^ 2)inge, bie il^nen not^menbig fremb unb unperftdnblid^ fein 
mfiffen. 3)er @pott mirb il^nen nic^t angered^net, benn fte 
mtffen nid^t, ma8 fte t^un. SBol^I aber mirb i^nen mie und 
SOen ongere^net, menn fie ftc^ vor ben 2:^atfac^en oerfd^lie^en, 
bie fie aiä fotd^e tennen. Sie pflegen ben ßinbrud ju l^aben, 
ba| bie 9teligion ben äJlenfd^en in eine SRegion ber ^l^antafte 
einfütire, bie von bem 8oben ber 2;i^atfa^en meit abliege. äBir 



284 ^etimann, dieltgton unb @o)talbemoiCatte. 

muffen iJ^nen alfo Bewcifcn, ba^ in ber d^riftüc^en SReKßion baS 
®cgentl|eil gemeint wirb, 

®ott ^at ben 9Wenf<^en in bie mirfUi^e SBelt gefteflt, ba 
miU er fi6) finben taffen, S)e§!^alb ift e§ eine ©arbinalfünbe bcS 
SÄenfd^en, wenn er fid^ in n)itlffirlid^e unb leü)enf(^aftli^e ®e* 
banfen gurüdtjieiit, in ®ebanfen bie i^m gefallen unb ber SBBirf* 
lid^feit roiberfpred^en. 3)er ©ojialbemofrat bel^auptet^ ba^ eS 
nichts als ©igennu^ in ber SDBelt giebt 9lun fo bemeifen wir 
itfm, ba§ e§ Siebe giebt. Unfer ®laube weijs, ba§ mit ber Siebe 
bie SÄad^t über alle SDinge ift. Ob bie Siebe unfern (Segnet 
retten ober i^n oerftocfen mirb, ba8 roiffen mit nid^t; aber fte 
roirft. @ie ^at einen 93unbeägenoffen in feinen eigenen ©ebonfen. 
@r l^anb^abt no^ bie fitttid)en äRajsftäbe. (Sr mi^t an iJ^nen, 
roenn nict)t fic^ fetbft, fo bo^ SInbere. S)ur(^ feine Suft, über 
feine geinbe ju rid^ten, bur^ feinen ^a§ bleibt er, ber nur eine 
9ktur ju tennen meint, in bem ©anne ber anbem ^olfte beS 
2öirtlict)en, ber fittlid^en SBelt ©o lange er bie ^eud^etei, ben 
^odimutt), ben unbarmherzigen (Sigennu^ unb bie Untreue no^ 
l^affen fann, fo lange fann er aud^ bie Siebe no^ feigen. 

©e^l^alb mu§ ber ®^rift bem ©ojialbemofraten gegenüber 
mit bem tierjl^aften 93efenntni6 l^erau^rüdEen, ba^ unfer @laube 
auf ntd^tS meiter berul^t, afö auf ber Sl^atfad^e, ba§ in biefer 
SBelt ba§ perfönlid(e Sehen 3»^fw ®^rifti jU finben ift. SSSer 
nod) ein SSerftänbni^ für emfte Siebe l^at unb beiS^olb bag 
perföniid)e Seben 3>^fu feigen fann, fann ein ©l^rift n>erben. 
aSer bie 2:l|atfad^e, ba^ ein SÄeufdE) in biefer SBelt fo empfunben 
unb gemollt, fo t)on fid) unb oon unS gebadet l^at, bead^tet unb 
fi<^ }U ^erjen nimmt, banac^ fid^ felbft unb bie SBelt beurtl^eilt, 
ber wirb ein ©l^rift. 9lur ber moralifd^ ganglid^ abgelebte @t^ 
nuj^menfd^ famt fein (S^rift werben. 2lber ber SJlenfd^ nnrb 
t^atfäc^lii^ fein ©^rift, ber ber gefdE)id^tlid^en SEBirflii^feit 3*fu 
ben Sftüden fe^rt, obgleid^ er aui^ einmal t)on bem munberbaren 
©e^alt biefe§ g^ftumS ergriffen morben ift. 3Bir glauben an 
®ott, mir freuen unS feiner ®nabe unb fürd^ten fein ®eric^t, 
weil 3>cfu§ fo in biefer aSBelt gelebt l^at unb mit fold^r 3ii^>^^* 
fi^t JU. fid^ felbft geftorbcn ift. SDBir finben barin bie ffirlöfung. 



^ertmonn, 9ieItgtoii unb @o)taIbeinoItatie. 285 

bog ein folc^er @laube in un§ entfielet unb n)irlt. äBtr Iiatten 
jebcn aWmfd^en für einen ®]^riften, ber nm 3f«fu njiQen an ®ott 
glaubt, unb fo an bem perfönlid^en fieben 3f^fu ben ^t feineä 
eigenen inneren fiebenä finbet. SBenn n)ir ben (Spöttern unb 
Jferirrten gegenüber bie ^rifttidie SJerfünbigung junäc^ft ouf 
biefeä SRaa^ befdjrdnfen, fo bieten n>ir il^nen eine SRal^rung, bie 
fie gebraudien fönnen, unb fül^ren fxe oor X^ai^ai)tn, bie fte 
md(t I|inn)egfd^affen !önnen. 

2:^ut nun bie et)angelifd)e Äird)e in biefer Sejiel^ung ben 
Strmen gegenüber il^re ^jKd^t? ^ä) oemtutlie, ba§ wir alle in 
ber Äunbgebung d^rifttid^en Sefenntniffe§ un8 oiel ju fetir buri^ 
bie änfprüd^e berer beftimmen laffen, bie o^ne Wxf)t fid) ben 
rounberbaren SRcid^tl^um reügiöfer Srfenntniffe au§ ber ^eiligen 
Schrift aneignen. ®icfe rooKen in ber SRegel fein anbere§ ^rift= 
Iic^e§ 95etenntni^ ^ören, afö bag möglict)ft oollftänbige unb ent= 
nrictelte. 3)a§ finb nun im SBergleid^ mit ben 3Äenfct)en, bie um 
ben @Iauben an @ott ju ringen ^aben, bie SReid^en. ®a§ ®oan:= 
gelium aber foK ben Strmen geprebigt werben. 3Bir tl)un fel)r 
Unred^t, menn wir jenen 3lnfprüd(en nadigeben. ®enn wenn jene 
reichen ©Triften überl^aupt emft ju nel^men fmb, rocS nid^t immer 
ber gatt ift, fo merben fie fidjerlid^ burd^ ba^felbe 3^i*9^i& ^on 
6^riftu8 befriebigt ba§ aud^ ber roeit oon ®ott abgefommene 
9Renfd^ jU faffen oermag. ®§ giebt gemi^ feinen emften ©Triften, 
bem e§ nid^t bie ^öd^fte greube märe, wenn itim au^ einer ort^o* 
bojen ober liberalen ^rebigt ber^err -Qefug entgegentritt unb in 
feinem innem fieben oerftanblid^ gemad^t mirb ate ber S^S^^S 
}um SJater für unS SCHe. 

• Ueber ben ©inn be§ (SoangeliumS foKten mir unter cinanber 
uneinig fein? SBo ift ber S^rift, ber ju leugnen oermöd^te, ha 
fei aSertünbigung be§ @oangelium§, mo bag innere fieben ^efu 
einer SÄenfc^cnfeele fo na^e gebrad^t mirb, ba^ fie um feinetroitten 
eine rechte gurd(t oor ®ott unb eine red(te ß^t^^^fi^^t i^ f^i^^^ 
Siebe fa§t? 3)arin finb mir einig unb werben e§ bleiben, wenn 
nur jeber auf feiner ©tufe beg ©laubeng fid^ eingeftel^t, ba§ 
er noc^ nid^t fertig ift, fonbern ba$ ein unabfefjbarer SReid^* 
t^um religiöfer Kraft unb @rfenntni§ nod) oor i^m liegt, ben 



286 ^errmann, SHeligton unb @o)ta(bemo!ratte. 

anbete beft^en unb befeffen l^aben. S)em (S^riften, an bem ^efitd 
fein SDSerf getl^an f)at, nDtrb e§ nid^t f d)n)er^ ft<^ boS eingugefle^ 
unb banac^ ju l^anbeln. 

9lun bie^^ nmS uniS einig mad)t, ift au<^ unfere @tarfe 
gegenüber ben ffiömonen biefer 3^tt- 3)er ^err, ben bie SEBett 
nid)t fennt, ift bod^ i^r ^err. 



287 



dvktnnm vnx bte Sieftti CEiDttes? 

6ine Unterfud^ung über 2lbäquat^cit unb ^fnobSquatl^cit ber 

d^riftlid^en ©ottcScrfcnntniS. 

93on 
SRif fteifille 

in Stuttgart. 



L 

Unter ben mächtigen SBorten be8 9t ZJ8, in roctd^en bie 
TMd}'/ypi(; ber Olmibenben über ben in ®l^rifto erfd^toffenen SReid^* 
tum l^erporbrid^t ift eined ber mäd^tigften jeneS SBort be§ $aubti^ 
über bie Xiefe ber ffirfcnntniS, roel^e bur^ ben ®eift ^[efu S^rifti 
uns gegeben ift: t6 y^p itveöiia navta lpst>y^, xal ta ßd^ tod 
*«)ö (1. gor. 2, 10). Sfm SSuc^e ^ubifl^ rietet bie ^elbin be8 
SoQeiS an bie ättteften ber belagerten ©tabt, welche burd) ^p 
fe^ung eine8 2:ermin8 für bie gdttlid^e ^ilfe ben SRatf^luf ©otteS 
eclunben n)oI[en, bie rügenben äßorte: Kai vöv xopiov navToxpd- 

Topa IfsrdCets, xal oodiv liciTVcoaea^s &oc to5 aicavoc* oti ßd^«; 
xopSioc av*p(bicoo oo)f eopujoete, xal Xöfoi)? TfJ<; Stavoiac aotoö 
oö Xi^esd«* xal icöc töv *eöv 8? licoiYjoe ta wdvta raöta epeuvTjosTs, 
xal tdy vo6v aötoö lÄtfvcöoeo^e, xal töv XoYtojJiöv a&toö xara- 

voT^oete; {^vb. 8, 13. 14). aSemteffene Si^orl^eit ift eS, einen 
(Sinblict in bie liefen ber göttlid^en ©ebanfen ei[^n)ingen ju n)oIlen! 
Sber gonj anberS ift eS, n)enn @ott felbft unS bie (Sinfid^t in 
biefclben erf^Ue^t SSäie „bie 3::iefe eine§ SÄenf^en^ei^eng" nur 
ber ®eift be« 3Renfd)en fetbft fennt, fo burd^fd^aut nur ber @eift 
©otteS felbft feinen ©inn unb SRatfd^Iu^. „2Bir aber l^aben ben 



288 dieifd^Ie, (Srlennen toir bie %it^tn ©otted? 

®cift, ber aus ®ott ftammt, empfangen/' fo triumphiert ber 
2tpofteI ; barum f)abtn xoix aud) bie ®inftd(t in „bie liefen ®ottcS", 
in feine innerften ©ebanfen. ©o mand^eS altteftamentlid^e 3^i^9wi^ 
oon ber unerforfd)lid^en ®rl|aben^eit ®otte§, meld^eS bnxä) ben 
Sobpreig ber göttlid)en ©rö^e bod^ ben leifen ©d^merj über ba§ 
menfd^Ii^e SJKd^tmiff en l^inburdjHingen lä^t, tönt au§ in bem ©iegcS- 
lieb be§ ^$aulu§: „3)enn wer ffoi ben ajerftonb be§ ^erm er- 
fannt, ba§ er il^n meiftem fönnte? mir aber l^aben ©l^rifti SBer- 
ftanb." — Um fo gemaltiger ift biefeS 2Bort, afö ?ßautu§ ba§ 
SBerftanbniS ber ©otteSgebanfen nid(t auf Slpoftet ober fc^rift* 
geleierte 2:t|eologen befd^ränft, fonbern mit feinem i^fietc alle @m« 
pfänger be8 @eifte§ @otte§ baran 2:eil nel^men Id^t; für ben 
®eifte§empfang aber befielet ja nur eine 95ebingung auf unferer ©eite: 
®Iaube an S^riftum Qefum. 

aSBorte ber ©(^rift oon einer fold^en ^ol^e, ju welcher mir 
nur al^nenb un§ erljeben f önnen, ^ben ober ftetS nid^t nur etroa§ 
®r]^ebenbe§, fonbern aud^ etmaS 9lieberfd^Iagenbe§ für un§. 
SBie menig Don jenem Sfteid^tum ber ©rfenntni^ ift unfer ©cftt^! — 
®ie ©rfal^rung baoon mirb un8 perft ju einem ©eric^t über 
un§ felbft. SBoIiI ift ja ba§ slS^vat ta (tootf^pta ein göttlicl>e§ 
Xaptajia: e§ fte^t ebenfo mie bie bamit oermanbtc @abe ber irpo- 
«pjTsfca (1. ®or. 13, 2) im Söer^dltniS su bem SRa^e be§ ®laubenö 

(9tÖm. 12, 6: ette Trpo^Tslav, xata t/jv avaXoY^av Tfjc «latsftx;), 

baS {t^tpov Tciotsüx; aber ift felbft mieber abl^fingig oon ber oui^- 
teilenben ©nabe ©otteS (3löm. 12, 3 : exacj-n^) &<; 6 *86c ijiiptacv 
(t^pov «bteox;). Qebod^ Wunen mir @otte§ ®nabengobe nur in 
ber freien ^ingobe unfereg ^erjenS, in bem üÄaxo6etv t^ süaY^eXui» 
(9iöm. 10, 16) empfangen. Unferer Unempfänglic^feit für ®ottc8 
^eiföbotfdt)aft l^aben mir e§ bal^er juerft beijumeffen, menn an^ 
bie ®abe ber @r!enntniS fparli^ imb @otteg ^eiföratfd^tu| in 
oielen ©türfen un^ verborgen bleibt. 

aiber foltte mirflid^ oHe Unmiffen^eit in biefer iBejie^ung 
blo^ unfre ©d^ulb fein? 2)aburd^ ba§ mir unS bemühen, noij 
fct)ärfer mit un§ felbft in'§ ®erid)t ju gef)en, f^minbet ber nieber^ 
f(^tagenbe ©inbrucf nid^t, ba^ eine ©diranfe ber ©infi^t in ©otteö 
9BiKen un8 nid)t blo^ als ungläubigen unb fleingl&ubigen, fonbern 



^leif^te, dhrlenncn toir bie liefen ®otted? 289 

attd^ ot^ enblt^en in ber Q^t lebenben SRenf d^ geftedEt ift. ®ibt 
e§ bod^ f&t und bunfle SRätfel int eigenen fieben roit in bem 
ftcmbcn Seben, meld^g wir ntitfül^lenb ju einem ©tficf be8 eigenen 
£dben§ maij^en, ^^ü^rungen, n^eld^e al§ ^etl^dtigungen einer fieiligen 
Siebe und nid^t oerftänbli^ ftnb. Sßol^I !5nnen xoxx auc^ in 
fot€i)em {^Ue burc^ bie Eingabe an bie geiftigen äBirfungen 
3efu G^rifti bie ®en)i^^eit und retten, ba^ ber ®ott, roet^er 
und aud unferer Unl^eiligfeit pr @elig!eit fällten xoiU, eine in 
rnifer Seben (»ereinroirfenbe SBirtli^feit ift; biefe Oenji^l^eit gibt 
auc^ bie ^aft, ber buntlen Sebendfül^rung bad ,,^ennod^" bed 
<^Iaubend entgegenjufe^en. älber liegt nid^t gerabe in biefent 
„^ttrnoä)", liegt nid)t barin, ba^ wir t)or bem Dermirrenben @in* 
brud eined SebenSgefd^irfS ju ber oerftanblici^en (Srmeifung ber 
Siebe @otte§ ftiel^en muffen, jugleic^ bad ®eftänbnid, ba^ mir 
bort einem und unoerftänblidien SRatf d[|lu| ©otteä gegenüberftel^en ? 
Unb gibt eS nid^t Sebendfül^rungen, bei benen mir für unfer ir== 
bifd^ed Srfennen aud^ gar !eine äJlöglid^feit abfetzen, jemald Aber 
iene Sage und ju ergeben unb bad oft red^t fampfedmübe „3)ennoc^" 
in ber friebeoollen Älarl^eit bed Jöerftänbniffed ber göttlid^en 2Cb= 
^c^ten auftulöfen? 2ln mand^em ®robe muffen mir und fagen, 
bo^B mir burd^ ben 93erfud^, bie umnad^teten SBege bed abge^ 
fd^loffenen Sebend mit bem Si^t ber göttlid^en ^eildgebanfen p 
burd^bringen, ni^t ®otted älbfid^ten auf^eQen, fonbern nur unfer 
9Kd^tmiffen beleud^ten mürben. — <3e meiter oer§meigt bie ^n^ 
fammen^onge finb, bie mir }u überfd^auen l^ätten, befto enger be- 
gtenjt crmeift fid^ unfer (grfennen. 3)arum bietet und befonbcrd 
bie @efd^irf(te ber äJötter unlödbare fragen, unb ed ift nur 
©dbfttäufd^ung, menn mir über ber fjreube, im großen Oanjen 
bie gdttlid^e Seitung }u einem 3^^^ ^^^ P entbedten, unfere Un^^ 
loiffen^eit im ®injetnen und perbergen. SBo^t glauben mir ald 
(E^riften, bajs bad (Snbe ber S03ege ©otted ein emiged 9%eid^ ber 
©ered^ägfeit unb ©etigfeit ift; mol^l feigen mir bod ®oangeüunt, 
burd^ mel^ed biefed Sleirf) allein gefc^affen merben fann, im 93or= 
bringen begriffen ; aber mir feigen aud) t)erf djlungene Ummege unb 
gifidtf^ritte. a)ie (grftärung, bag mir l^ierin ®eri^te ©otted über 
bie menf^U^e Sünbe erblicf en muffen, gibt und mol^I einiged fiid^t. 



290 Sletfd^Ie, (SxUmtn toix bie 2:tefen ®ottHl 

aber fein DoQeS 9$erftätibniS, ba bog äRa^, naä) tpeld^em (Sott 
feine ©erid^te s^n^^^t^ ^^ ^^^ SSerl^ältniS ber @trafgerid^te jur 
93em)irfli^ung feiner ^riebenSgebonfen über bie äJlenfd^l^eit unS 
nid)t burc^ftd^tig ift. 3>ie ^etrad^tungen über bie göttliche Leitung 
ber @t^ä)\ä)tt, in n)eld^en eine d^riftlid^e ©efd^i^töpliilofopl^ie ft(^ 
ben)egt, mad^en uttiS bal^er n>o^l ntand)ntal ben (Sinbrud, ba^ fte rec^t 
geiftooC ftnb, bo^ wir fpüren oft red^t wenig oon ber über* 
jeugenben ©idjerl^eit be8 ®eifteS, ber „alle S)inge, aud^ bie liefen 
@otte§, erforfd^t." — 9Äu§ nun aber bie Unburc^bringü^feit fo 
ntand^er Seben^* unb ©efd^ii^tSrötfet nid^t baS freubige 3^ugntS 
pon bem und gefd^enften 9teid^tum ber ^enntnid gar fe^r bei 
un§ bämpfen? 9lud^ ber Slpoftel, n^eld^er in 1. Sor. 2, 16 bie 
grage „tic — l^va) voov xoploo ;" nur citirt, um fte in ber trium* 
p^ierenben Wxttooxt „r^(Ji6i<; 8h voov XptoToö Ix^fiev" aufjulöfen^ 
fü^rt bod^ SRönt. 11, 34 biefetbe S^age abermate an, um bei 
aller anbetenben greube über bie erfd^Ioffenen SDSunber beS göttü^cn 
(£rbarmeniS unb bei aller ©laubeniSjUDerftd^t über bcS 3^^^ ^ 
götttidien ^^ül^rungen bod^ baS bemfitige 3^U8^^ bopon nid^t feilten 
ju laffen, mit unerforfd^Iid^ feine @eri^te unb unergrünbttd^ feine 
aOBege finb. 

S)ie fiebenS« unb @efd^id^tSratfeI, n»el^e unfere (SrIenntniS 
oon ®otte§ 3latfd(lüffcn einengen, legen ftc^ juerft auf unfer 
©emüt mit i^rem umfd^attenben 3)un!et: menn unS @otte§ ^eilS* 
gebauten in ben @d^idtungen eines SRenfd^enlebenS unterzugehen 
ober in ben SSranbungen beS Söölf erlebend fic^ ju oerüeren fd^einen, 
fo entfielt ein 9tingen beS ^rjenS bamad^, bie befrembli^en 
S^atfad^en bo^ aU 3Ber!e beS guten |gnäbigen SBiQenS ®otte§ 
ju oerftel^en. 3)abei füllen mir aber bie Unjut&ngtid^teit aaiif 
unfered SSerftanbeg gegenüber ber Slufgobe, bie unenblic^ 
aSerjmeigungen bed jeitlid^en ©efd^el^enS afö 3ÄitteI jur SJer* 
mirflic^ung bed emigen göttlid^en ^rotdi }U begreifen unb fo 
alled (Sinjelne sub specie aetemitatis ju betrauten. — Sluf bem 
^oben bed d^riftlid)en ©laubend ermad^fen aber aud^ nod^ anbere 
5t:agen, meldte juerft unferem SSerftanb ju fd^affen mad^en, barai 
aber aud) auf ba§ ©emüt brüdfen. 2lud^ bei biefen ^Problemen 
fteigcn ©darauf en oor und empor, metd^e unfere d^rifüid^e ©loubend« 



Sleif^Ie, Srfennen »ii bie liefen ®otteiS? 291 

ectenntniS umlagern. @ie br&ngen ftc^ un§ auf, inbem mix auf 
bie 3:i^ac^e flogen, bajs olle ®ebanten, rüAä)z roxx a(S S^^rtften 
fikr ©otteS 9Befen, 3BiIlen unb 9Ber{ uniS maci^en, Don 3iox^ 
ftcllungen unfercr bilbcrfc^affcnben ?ß^antaftc nidit nur 
umffnelt, fütibem butc^oben ftnb. 

3)ie fraftigen 9lnt^ro|yomorp]^i§men unb SlntEiropopat^ien beS 
alten SieftamentS n)erben oft fd^on bent SSerftanb t)on ftinbem jum 
Sbifto^. Sßie üiele grote^^fmnßd^e ^BUber fügt bod^ ber eine 
^alm 18 in wenigen SSerfen (98. 7 — 17) jufammen, um bie @r« 
fdietnung ^ffüvcüji'S ju f c^ilbem ! @t n^ol^nt in feinem erl^abenen 
^Waft, bort bringt be§ ^^ommen ®efd(rei in feine O^ren; oon 
bort ftcigt er ^erab, SBoßenbunfet unter feinen gü^en; auf bem 
Scrub fä^rt er balier; fRauä) fteigt auf au8 feiner 9lafe; axß 
feinem 9Runbe frij^t baS geuer; feine Stimme läj^t er ertönen, 
feine ^nb greift auS ber ^ftl^e l^erab, ben frommen oon ben 
SBiberfad^em ju retten, über meiere er ergrimmt ift. S)er ®ott 
beS aßen S^toment« freut ftd) unb trauert, liebt unb l^a^t, fül^It 
9RitIeib unb wirb oom S^xn bemegt, Iä|t fl^ gereuen, ma§ er 
beft^loffen, unb eifert um feine ®I)re, er lä^t fid^ l^uIbooH ftimmen 
unb lagt pd| reijen. — 3>aS neue Sieftament erfpart bem mobemen 
fiefer fol^ ftarte oxdvJaXa; aber ein SBeltbilb finblic^er 2lrt ift 
QXiä) ffxtx ber SRal^men, in meldten 3f^fu SluSfagen über ®ott ein» 
gefügt pHb: ®er ^immel ift ®otte8 2:l)ron (SWatt^. 5, 34. 23, 22) 
unb bie (grbe feiner ^^e ©dt)emel (5, 35); bort im ^immel, ju 
bem man betenb bie Sttugcn ergebt (3Äarc. 6, 41. 7, 34. Suc. 18, 13. 
ogL 3fo^. 11, 41. 17, 1), mo^nt ®ott, 6 Tua-riip 6 Iv oopavotc; bort 
fc^en bie Sngel baS 3lngeftd)t beSfelben (aJlatt^. 18, 10), bort 
^c^t ^ube über ben iSünber, ber 93u§e tl|ut (fiuc. 15, 7), bort 
ftnb bie Flamen ber treuen Sfünger aufgefd^rieben (fiuc. 10, 20), bort 
ip i^r fio^n il^en aufbehalten (3Katt^. 5, 12. 6, 20 u. d.); oon 
bort oben ^er ftammt ®t)riftu8 {^of). 8, 23 : i^io ex täv ävco tl^i), 
vtm bort ift er l^erabgeftiegen {^o^. 3, 13 u. ö.), um f|ier auf 
erben „mit ®otte8 fjinger" feine SBerfe ju t^un (fiuc. 11, 20); 
bort fitft er jur Siedeten ber Äraft, Don bort mirb er mit be« ^immefe 
SBotten erfc^einen (3Rarc. 14, 62) ; borttiin wirb er bie Seinigen l^olcn^ 
in be8 gSaterg ^au8, roo oiele SBol^nungen ftnb (^o^. 14, 2. 3). 

Srit14rift f&T Xtitoto%it unb ttixdtt, 1. ^a^rg., 4. $eft. 19 



292 SReifd^Ie, (Sxlennen tott bte Sitefen ®otteiS? 

älber muffen n)ir nid^t noc^ anbete SSorfteQungen^ mit meieren 
ba^ Seben unfercr <^rtfttid(en ®otte§erfenntni§ t)iel inniger pcr^ 
bunben ift al§ inabdquat bejeid^nen? S)a^ ber SSater im ^immel 
aud^ im SBerborgenen fielet (ajlt. 6, 4 u. ö.), ba§ er mei§, xoa^ 
mir bebürfen (6, 8. 32), ba^ er ni(^t roilt, ba^ eine» ber deinen 
Derloren gel^e (18, 14), ba§ er freunbtid^ (Suc. 6, 35) unb 
erbarmunggDoII (6, 36), ba§ er langmütig ift ober feinen 
ainSermd^Iten (18, 7), ba§ er bef d^Ioffen l|at, ilinen bog 9*cic^ 
ju geben (12, 32), ba§ er il^nen t)ergiebt (SÄt. 6, 14), ftitj, 
ba^ er i^r Sßater ift: baS aUeS gel^ört bod^ jum 9Aar! ber 
c^riftßd^en ®otte<Sanfd^auung. 9Jlit biefen ©ebanfen über @ott 
l^aben mir jebod^ eben fooiele 3^9^ unfereS menfd^Iid^en ®eiftc§^ 
lebenS auf il^n übertragen; inbem mir i^n ober jugleici^ ote 
ben ^erm beS $immel§ unb ber @rbe (9Rt. 11, 25) unb als ben 
©d^öpfer beg SWenfd^en (19, 4) anbeten, mäd^ät er über alle 
3Jlenfd^enäl^nIid)!eit unS I^inauS unb bie freubige 3^^^^^^^ n)iQ 
uns entfd^minben, ba^ mir mit unferer ^riftlid^en @otteSer!enntniS 
bie liefen ®otteS foKen erforfd^en fönnen. 

Sie fd^arfe ^ritif, meldte oon p^ilofop^ifdjer ©eite 
über ben 93egriff eines perföntid^en ®otteS ergangen ift, l^at baS 
3[]^rige getl^an, bie Qi^^^öfliiöt^^it unferer ®otteSerfenntni8 unS 
Dorjurücfen. äBol^I liegt bie Kaffifd^e $eriobe biefer ^tü fd^on 
geraume 3^it l^inter unS; aber cS märe umfonft, fic^ bamit ju 
trdften. 3)enn bie fritifd^en ®ebanten, meldte bamalS auSgefproc^ 
morben fmb, ermeifcn il^r fortleben nid^t nur babur^, ba^ fte 
l^eutjutage t)on einem immer ja^lreidjeren ©l^or — unb jmar o^ne 
bie Haffifd^e Änappl^eit unb 0arl|eit — enbloS oariirt merben, 
fonbern aud^ baburd^, ba^ fte unS felbft beunrul^igen, bis mir il^nen 
feft in'S 2lngefic^t gefeiten ^aben. gaft nur gelegentlich fyd 
^, ®. 5^*^ i^ ^^^ 2luffa^ „über ben @runb unfeteS 
®laubenS on eine gflttlid^e SDBeltregierung" (juerft erfc^ienen in 
gic^te'S unb 9liet^ammer'S ^ß^ilof. ^foumal 95b. VEI. 1798) ein 
fd)arfeS Urteil barüber auSgefprod^en, ba^ man ein befonbereS 
SBefen als Urfad^e ber moralifd^en SBeltorbnung annel^me unb 
il^m ^erfönlid^feit unb SBemu^tfein beilege. „ffiaS nennt il^r benn 
. . . ?ßerfönlid(feit unb 95emu^tfein? bod^ mol^l baSjenige, maS 



9telf4U, (kennen totr bte liefen 9otteS? 293 

i^r in eud^ fclbft gcfunben, an eud^ fetbft fcnnen getcmt unb mit 
biefem Slanten bejeid^net l^abt? 3)ag i^r aber biefeS ol^ne ^ 
fc^ränfung unb Snblid^feit fd^Ied^terbingS nid^t benft, nod^ benfen 
Umt, !ann au^ bie geringfte Slufmerlfatnf eit auf eure (Sonftruftion 
biefe§ SBegrip leieren. ^f)x mad^t fonac^ biefeS äBefen burd^ bie 
Beilegung jeneS ^räbifatS ju einem enblid^en, ju einem 3Befen 
eures ©letd^en, unb il^r l^abt nic^t, tok if)x xooUttt, ®oü gebadet, 
fonbem nur eud^ fetbft im 3)enfen oerpielfdltigt . . . ^f^x 
^bt ..... inbem il^r bergleid^en äBorte oorbringt, gar nid^t 
gebort, fonbem blo§ mit einem leeren ©dralle bie Suft erfd^üttert. 
^^ eiS eud^ fo ergel^en merbe^ fonntet i^r o^ne SAü^e DorauiSfel^en. 
$tfyc feib enblic^; unb mie fönnte hcS @nbtidi|e bie Unenbtid^feit 
umfaffen unb begreifen?" (SBerfe »b. VIII. (5. 187). SBolirenb 
^c^te in fd^n»armenber ^egeifterung für ben überfc^mänglid^en 
©ebanfen ber moralifd^en SBeltorbnung bie älbdquotl^eit beS ^e- 
griffg ber 5ßerfonIid(feit beftritten ^aüt, ^at 3). gr. Strauß in 
feiner „cfiriftl. ©laubenäle^re" (Sttb., ©tuttg. 1840) mit jener 
falten Säarl^eit, bie feine ©tdrfe, mie feine ©c^ranfe ift, bie p^iIo= 
fop^ifd^en unb t^eotogif c^en B^^S^iff ^ gefammelt unb geprüft, um 
bog Urteil ju fpred^en: „$erfflnlid|feit ift fid^ jufammenfaffenbe 
@e{bft^t gegen StnbereS, meines fte bamit von fxä) abtrennt; 
^bfolut^eit bagegen ift boiS Umfaffenbe, Unbefd^ränfte, baS nid^tS 
als eben nur jene, im Segriff ber $erfönlid^!eit liegenbe StuS« 
fc^He^ttd^teit t)on ftd^ au§fc^lie^t: abfolute ^erfönlid^feit mitl^in 
ein non ens, bei meld^em fic^ ni^tS benfen to^t (93b. I. ©. 504 f.). 
Sine ber göttlichen @igenfc^aften um bie anbere mu^ bafür 3^U0ni^ 
ablegen, ba^ e§ ,,ein SBiberfprud^ in fid^ ift, von einem perfönlid^en 
©Ott ober göttlid^er ?ßerfönlid^feit ju fpred^en." 3)ie SluSfagen 
ber c^riftli^en @Iauben8te^re, ba§ ®ott miffe ober motte, ba§ er 
einen S^^ oermirflid^e, ba^ er l^eilig, ober ba^ er bie Siebe fei, 
fmb nur ein ätuSflu^ „bed allgemeinen, burd^ aUe ^Begriffe göttlid^er 
€igenfd^aften fi^ I^inbur^iel^enben Stnti^ropopot^idmuiS," meld^r 
mit bem Segriff be§ 2lbfoIuten unoerträgü^ ift. 

3)iefe Äritif jmingt ben 3::^eoIogen, fid^ fetbft barüber ju be* 
finnen, mie meit feine ©otteSerlenntni^ reid^e. SDie8 um fo me^r, 
ate i^m I>iermit ni^t blo^ ein miff enf d^afttidjeS Problem gefteßt mirb, 

19* 



294 9leifd^Ie, C^nnen toit bie liefen ®otteiS? 

fonbctn eine ^agc> töel^ tief ing ß^riftenlcbm efaigteift %n 
ftd^ felbft erfol^rt bieg ber Sl^eologe; ic^ xo^, tote fo mctiui^^ 
bcm fein ©tubium bie ^^oge inS ©ewiffen geioorfen l^at," ob bic 
d^riftli^e ©otteSanfd^auung berni aud^ baS äßefen ®otteS toirfUc^ 
erreiche, babur^ in feinem eigenen inneren Seben nnb in feinem 
SBerufSnrirfen bebrangt roorben ift. Sal^menb legt fic^ ber ®e* 
banfe, ba^ oQe jene 3^9^/ ii^ n»etd^en n)ir ®ott als unfern ®ott 
unb SSater oorfteQen, ein @piel ber bid|tenben $^anta{te fden^ 
auf baS @ebet$Ieben ber (Seele. 3>er 3n)eifel an ber ^ered^tigung 
beS finbfidien „2)u" je^rt an ber 3ut)erp(i^t jum finblid^cn ®^et 
Unb TOer, von biefem 3w>^if^I betaftet, einer ©emeinbe ju fnrebigen 
unb baS @emeinbegebet ju fpred^en I|at, !onmtt lei^t in ein 
fd^Iimmeä @d^n)anfen jn^ifd^en jnoei 93er^altungiSn)eifen, t>on benen 
bie eine nur f^Iintmer ift^ als bie anbere: entn)eber beobad^tet 
er in feiner freien 9tebe eine angftlid^e @d^eu gegenüber ben 
,,nait)en ${|antaftet)orftellungen"^ n)obei i^m aber ber tebenbige 
SBiber^aU in ben ^et^en bet ^örer oerloren gel^t^ ober er 
arbeitet ftc^ gen^altfam in bie oom 3i^^if^t aufgelöfte ^l^antafte- 
vodt \)xm\n, n^obei ber lebenbige SBiberl^aQ int eigenen ^erjen il^m 
fel^It. Sie @rfa]^rung biefer 9lot ivornQt unS, mit unferem eigenen 
3tt>eifet uns auSeinanberjufe^en. können mir, fo mu^ unfere eigene 
^rage lauten, angeftc^tS ber ^til, mel^e bie ^l^antafteelemente 
in unferer dirifüi^en ©otteSanfd^auung uttS oorl^ält^ an ber 
freubigen Überzeugung feftl^alten, ba^ mir bie liefen ©otteS er» 
fennen? — SRit biefen UJerftanbeSfragen , oon benen fii) unfere 
©otteSerfenntniS angefochten fielet befd^äftigt ftd^ nun bie fotgenbe 
ältebitation ; im Saufe berf elben mirb baS 9lad^benlen cax^ ben fiebenS« 
unb ®ef(^d)t§rdtfeln jtd^ mieber jumenben, meldte Unfere @infi^t 
befd^ränfen. ^ teile meine @rmagungen mit als einer, bem ber 
SBegriff ber ^Theologia viatorum* fxä) eingeprägt l^at unb bet mit 
anberen viatores SSerftänbigung fud^t 2)ief e Theologia viatorum 
mu§ fid) ju befd^eiben miffen; xf)xt ©tärfe liegt barin, ba§ fie 
nid)tS fein miQ, als ex lumine gratiae in verbo patefacto accensa 
et modo ordinario — b. ^. per orationem, meditationem, ten- 
tationem — communicata (Gerhard, Loci. £eipjig 1885. Tom. 
I. pag. 4 b). 



r 



91 e i f d6 1 e , ^fennen toir bie liefen (Botted ? 295 

SBJie mir fd^etnt giebt c8 brei SBcge, auf bcnen jtiä^ gegen* 
über ber fritifd^en Slnfe^tung ber ^J^antafieetemente in unferem 
glauben ber Slnfpruc^, bof wir ©l^riftcn bie liefen ber ©ottl^eit 
ertemien^ behaupten la^t (Sntn)eber mu^ man nad^meifen, bag 
jene ^^ontafietiorftellungen nur fälf^Ii^r 3Beife für inabaquot 
«rft&rt merben, in SBol^rl^eit aber gerabe oon bem 9Bef en unb S93tr!en 
4Sk)tte8 bie jutreffenbe @r(enntniS \mS geben. Ober man mu| 
onnel^en, ba^ jene ^l^antafteelemente aUerbingS inaboquat fxnb, 
bog fie ftd^ aber auS unferer @otteSanfd^auung burd^ einen 
£&ttenmgiSpro^^ entfernen laff en unb ba^ eben burd^ biefe 9leinig« 
img unf ere8 ®otte§begriff8 bie ©inftd^t in bie 2:ief en OotteS ftd^ auf «= 
t^ Ober enbli^ : mir geftel^en i\x, ba^ unf ere ©otteSanfd^auung 
noc!^ einer @eite ^in in inabaquaten SSorfteQungen ft^ bemegt 
unb oon benfelben niemals gereinigt merben fann unb barf. Der« 
fu^n aber jugleid) ben 3laipm^, ba^ tro^, ya gerabe burd^ bie 
Sermiittung berfelben eine (SrIenntniS t)on ben liefen ®otte§ und 
gegeben ift SBir prüfen ber SRei^ nad^ biefe brei SBege. 

n. 

Jtdnnen mir ber 5tritif Zxoii bieten unb fagen: gerabe bie« 
jenigen 93orfteQungen^ burc^ meldte mir na^ ber 93el|auptung ber 
.Rritit bog erliabene SBefen ©otteS inS 3i^bif<^e unb SDlenf^Iid^ 
^abjie^en, ent^üSen tmS bie ^^orm beS SBefenS unb SBirtenS 
Lottes, fo mie boiSfelbe mirftid^ b. 1^. unabl^&ngig Don unferm 
fubjeltinen äSorfteQen befd^affen ift? ^ rol^rer ober in feinerer 
®eife fonn biefe able]^nenj)e Haltung gegen bie tritifd^en (Sinmcmbe 
Derfuc^t merben. 9Beit I^inter und Hegt |ene rol^ Stnftd^t, ba| 
^tt mirUid^ ein SBefen t>on menfc^enäl^nltc^er @eftalt fei unb 
y^ mir boä (Sbenbilb @otted in unferer &ibedgeftalt an und 
tragen. 2&ät, meldiie baS ^eibentum nod^ ni^t oöQig Dergeffen 
Ratten, ober ungebilbete ag^ptifd^ iDtön^e motten biefe SDteinung 
^en, oon ber ä(ngft getrieben, ba^ i^en ®ott genommen merbe, 
memt i^m bie feft umfd^riebene @eftatt abgefpro^en merbe. S)ie 
l>t^ilofop^fc^e ©pehtktion, meldte in ^lato'i @puren bie le^te 
Urfod^e ber ganjen raum^seitlid^n 9BeIt unb bad mai^rl^aft @eienbe 
m ber $Iud^t ber (Srfd^einungen ju erfaffen fud^te, bemäd^tigte ftc^ 



296 ^ti]ä)U, €rrennen toir bie liefen ®otted? 

aud^ ber d^riftlic^en @otte§IeI)re unb brad)te bie Überzeugung jum 
^\xx6)btn6), ba§ ant^ropomotp^e 3)arftellungcn ba§ SBefen ®otte§ 
nid^t ju erreid^en oermögeu. Unb aud) ber d^riftUd^e ©taube fdbft^ 
tpeld^er fid^ betenb ju bem aQmäd^tigen ®ott unb Später, „ju bem 
feiigen unb alleinigen ©ebieter, bem 9% egenten ber Stegierenben unb 
bem ^erm ber ^errf^enben, ber allein Unfterbüd^feit l)at", erljob^ 
mujste [xi) über alle äSorftetlungen, n>eld^e @ott in eine menfd^Iic^e 
©darauf e bannen, afö unjurei^enb l^inmegfe^en. Sin Sluguftin^ 
meld^er mit bem rafüofen g^rfd^en be§ ^l^üofoplien unb mit bem 
©elinen beS grieben fud^enben ajlenfd^en nad^ ber magren (Sx- 
fenntniS t)on @ott rang, füllte ftd^ bo^ fotange pon ber c^rift*^ 
li^n ®otte§anfd|auung abgeflogen, als er irrtümlid^er SBSeife in 
fie ^ineinbid^tete, ba^ fie „creatorem omnium in spatium loci 
quamvis summum et amplum, tarnen undique terminatuxa 
merabrorum humanorum figura contruderef* (Conf. Lib. VI» 
4. cf. Lib. V. 10: . . . „multumque mihi turpe videbatur, 
credere figuram te habere humanae camis, et membrorum 
nostrorum lineamentis corporalibus terminari"). Unfer d)riftttc^er 

©otteSglaube l^at fid) fo l^od^ über jene anttiropomorpl^en 93or* 
fteHungen erlioben, bof mir unS ni^t mel^r nerfuc^t füllen werben,, 
fie al§ abäquat }u Derteibtgen unb auf bie fem SBege unfere 
©nftd^t in bie 2:iefen ®otte§ ju retten. 

SJhir in einer feineren 2Beife fonn fid^ ber äJerfud^ noc^ 
l)en)ormagen, gerobe in ben fxnnli^ aufgeführten ©d^itberungen 
oon ©Ott ®ntl)üllungen über feine innerfte Statur ju finben. ©c^on 
in ber alten ^rd^e gab e$ £^eologen, meiere au§ ben SBorten ber 
©d(rift oon einer fieiblid(feit ®otte§ ^erau§lafen, baj5 bie göttlid^e 
©ubftanj in irgenb einer aBeife f örperli^ ju benfen fei ; fie fanben 
baburd) bie ]^eraHitifd(=ftoifd(e Seigre, ba§ aUeä 2Birttid^e förpcr*^ 
lid^ fei, au^ für bie 2:^eoIogie beftätigt unb fo mürben i^nen bie 
fc^einbar inabäquaten SluSbrudEämeifen jur 3lnbeutung tieferer p^ilo* 
fop^if^er SBa^r^eit über ®otte§ SaSefen. Qn &l)nüi)tx SBeife ^t 
au^ fpäterl^in bi§ in unfere 2:age eine oielgeftaltige S^eofopl^ie 
bie liefen ®otte§ ju erforfdjen genteint, inbem fie in ben fmnlic^ 
gefärbten 93ilbem, in meieren ©otte^ ®rfc^einung befc^rieben roirb^ 
tieffinnige Sluffd^Iüffe über bie 9latur in ®ott unb über bie auä 



9leifd^Ie, kennen toix bie 2:iefen @otted? 297 

®ott ^eroorge^enben ^dfte unb S33cfen fu^te, ^^oi) au^ auf 
biefem SEBcge mxh faum noc^ jemanb von un^ bcn 2lngriffcn bcr 
Sritif ju entrinnen unb ju ben reinen Quellen ^riftlidier Ootte^* 
erfenntntö ju gelangen l^offen. SlQjutief fülirt un8 bod) jener SBeg 
in ein Sanb abenteuernder ^^antafien unb aHjufem fül^rt er unS 
rocg non bem einfa^en ©l^riftenglauben unb oon ber in il^m be* 
fc^Iojfenen (SrfenntniS unfereS ®otte§ unb 95ater8. @S betreten 
i^n boc^ nur fol^e, roeld^e in ba§ ©piel il|re§ SEi^eS jt^ Dertiefen 
Tootten, ftatt burd^ ,,3efu S^rifti »erftanb" ein »erftänbni« ©otteS 
fic^ geben ju laffen. 

Um fo foliber unb um fo bringenber, gerabe oom ©tanbpunft 
be§ c^riftlid^en ©laubenS au8, erf^eint ein anberer Sßerfu^, bem 
SBorbringen ber jerftörenben Äritif eine ©renge jU fe^en. ®a§ 
biefclbe bie ftnnlid)'förperlid)en SBorfteCungen Don ®ott anfid^t, 
t^ut uns faum met)r roeti ; ju tief fmb mir felbft non bem ©lauben 
an ein geiftigeS 3Birfen unfereS ®otte8 burd)brungen. Slber menn 
e§ für unmögttd) erfldrt mirb, ®ott ^erfönlid^feit unb S5e* 
rou§tf ein jujuf^reiben, fo fc^neibet ba§ tiefer in hcß ^erj unfereS 
®Iauben§ ein, fi^onmegen ber oben (©. 291 f.) angefülirten neutefta- 
mentli^en SSorte, mel^e oon einem lebenbigen perfönli^en ®ott 
3eugni8 geben, ©otten mir barum nid^t freubig bie ^I|iIofopI|cn 
roittfommen Iiei^en, mel^e bem miffenfdiaftli^en Singriff mit 
roiffenfd^aftli^en ÜWitteln bie ©pi^e bieten unb ben S5emei§ bafür 
unternehmen, ba§ eS miffenf^aftli^ notmenbig, jum minbeftcn 
roiffenf^ftlic^ pläffiö \^h ®otte8 SBefen in ber „^orm be§ per* 
fonlic^en ©einS" ju benfen. Unter ben t^eiftifd^en ^t|iIofopt)cn, 
welche um biefen SemeiS jt^ bemühten, l^at mof|I faum einer mit 
feinem Serfud^ bei 2J)eoIogen unb 9K^ttI|eoIogen fooiel 95cifaü unb 
S)anf geemtet al8 £o^e. ^n feinem nad^benfü^en ®emüt l^at er bie 
Srage bewegt, mie jtd^ bie unabmeiSbaren Slnforberungen be§ ®e* 
niüt§ mit ben erweiterten ®rfenntniffen bcr erflärenben SGBiffen* 
f(^aft nereinigen laffen; unb fo wirb er in feinem „3Äifrofo8mu§", 
in meinem er bie ©rgebniffe feine§ SRa^benfenS jufammengefa^t 
^ot, auc^ baju geführt jU prüfen, ob ein 95egriff oon ®ott, roel* 
^er baS ^oftulat beS ®emüte§ unb beS ®eroiffen§ ju erfüllen 
geeignet ift, mit ben ®ebanfen oereinbar ift, roel^e un§ jur ®r* 



298 Sletfd^re, @rfennen )pir bie liefen ©otteS? 

fidrung bc8 aBcItlaufS nötig erfd^cincn (amfrofoämug. »onb IH. 
fönäf IX. (£ap. 4.). @in uneiAüd^cS aUumfaffcnbcS f^te<^t^in 
SleoIeS geiftiger 9latur gibt nad^ £o^e aQein bie genügenbe @r^ 
flärung für bcn gefe|(mä^igcn ^ufammcn^ang bcr 3)ingc 3)a^ 
bctnfettctt au^ bag^räbtfat ber ^crfönlic^feit aufommett müffc, 
]^at Sot>c nid)t ©d)ritt für ©d^ritt entroidfclt; er befc^rdnft ftd^ 
barauf ju jeigen, ba^ ber 93egriff ber ^erfönli^feit @otteg^ roel* 
d^er in ben religiöfen ®ebanfenfreifen auSgebilbet n)orben ift^ mit 
ber Sinjigfeit^ Unenblid)feit unb Unbefc^ranft^eit burd^ SlnbereS, 
TOel^e wir bem l^ö^ften 3Befcn juf ^reiben muffen, nid^t in lo* 
gif d^em äBiberfpru^ ftet)t. Gegenüber bem @a|e, bo^ ein ^ 
nur mögli^ fei im ®egenfa^ ju einem SH^t^^c^ unb baj5 barum 
von ©Ott, bem Unenbüc^en, Unbebingten unb Unbef^ränften ein 
perfönüd^eä S)afein ni^t bel^ouptet merben fönne, fommt er ju 
bem @rgebni§: „3)er ©ebanfe ber göttlidien ^erfönli^feit erforbert 
ni^t bie Slnnalime eineS Sleolen au^er i^m, burc^ ba5 er be* 
fdirantt märe, fonbem nur bie ©rjeugung einer 93orfteQung^n>eIt 
in i^m, ju melier er al§ ju feinen 3iiftänben fi^ im ©egenfo^ 
befinbet" (©runbjüge ber 9leIigionSp^üofopI|ie. Seipj. 1882. (5. 34.). 
3Bir brausen olfo ®ott, um il^n q(§ perföntid^ }u beuten, nic^t 
erft eine von il^m unabtiongige älu^enmelt gegenübei^ufteden, fon^ 
bem fönnen S)afein unb ^eftanb ber 9Belt als bie Slttionen bed 
(Sinen Unenblid^en anfeilen; ©etbftbemu^tfein l^at baäfetbe gerobe 
barin, ba§ e8 ber „innerlid^en ^obuftionen feiner eigenen f(^öpfc* 
rifd^en ^^antafie" (1. c. ©. 39) ftc^ bemujst ift Unb ba, genau 
jugefel^en, ba8 ©elbftbemu^tfein nur afö ©elbftgefttl^I, al8 un* 
mittelbare ffirfal^rung beS eigenen Seben« in ßuft unb Unluft, eine 
^erfönlid^Ieit ober ein ^ auSmod^t, fo fyÜKn mir oud^ @otteS 
^erfönli^Ieit un8 fo äu beulen, ba^ er bem „aSBert ober Unwert 
fold^er (innerli^er) ^robirftionen gegenüber ba« fül^lenbe Subjcft" 
ift, „baS in Suft ober Unluft, ©efatten ober afti^fotten, »iaigung 
ober SRipiOigung fte beurteilt" (ib.). S)en ^n^att bieferSorfteKungg^ 
roelt, mel^e bem unenbli^en (Seift au8 feinem eigenen ^fw^em 
entfpringt, fönnen mir ni^t ate einen unoeranberlid^en, nic^t als 
eine in fi^ felbft gegüeberte ru^enbe ^h^t unS oorftetten, fonbem 
eine anfangSlof e unb emige Semegung beS aSorfteOenS unb SBertenS 



F 



9letfd|Ie, (Bxltnntn mir bie Sltefen ®otte8? 299 



bcr probucirten aSorftcttungen muffen wir bei bem l^ö^ften SBefen 
anne^meit: @ott ift ooQfommene ^erfönlic^fett in biefer ttoxq 
bbenbigen, nur burd^ i^n felbft bebingten a:^ätigfeit Unfere menfd^* 
üd^ '^erfönlid^teit bagegen lebt in einer S^dtigfeit roel^e burd) 
oQmä^Iici^ von au^en an unS l^erantretenbe Steige gen)edt n>irb unb 
nxldie nac^ ©efe^en fid^ Dot^iel^t, bie roit nid^t felbft geftiftet 
^aben ; nie gibt und barunt unf er @elbftben)u^tf ein ein voQenbeteS 
Sefammtbilb unferS ^, roeber aikä beffen, roaä in Sinem be* 
jümmten 3^unft unf er innere^ SAtn auSmad|t^ nod^ aQer ber 
@ebanfenfreife, ©efül^Ie unb ^eftrebungen, in n)el^en im Saufe 
feiner jeitli^n (Sntmidtlung unfer ^d^ lebte. 9hir ein f^ma^e^ 
Slbbüb ber ooUf ommenen göttlii^en ^erfönlid^feit ift unS enbli^ 
@eiftem befd^ieben. 

aHan lefe in Sot^e'ä aWttrofoSmuS felbfJ biefe öetrad^tungen, 
bie nid^t ein bünfel^ftcr gürroi^ erfonnen, fonbem ein frommes 
fnmigeä ©emflt au!^ feinem ^nnerften l^erouSgeboren unb mit bem 
gonjen 9tei) einer ©prad^e doQ bi^terifd^en S^auenS ummoben 
^! @eben fie unig nid^t DoQe 93eru]^igung gegenüber bem 3^^^^!^^/ 
ob mir überl^aupt^ f o lange mir bie pfqd^ologifd^en formen unfereS 
perfönlic^en £eben8 auf ®ott anmenben^ in bie liefen @otteS ju 
fc^ouen oermögen? £o^ jeigt und jja;, mie mir gerabe baburd^, 
ba| mir bie formen unfered geiftigen SebeniS unb äBirfend, alter« 
\m^ ber enbli^en SBefc^dnttl^eit entfleibet, auf baä unenblic^e, 
imbä)ingte iffiefen übertragen, eine iBorfteUung Don bemfelben ge« 
»innen, meiere in fi^ felbft miberfprud^SloS ift unb gleid^ermajsen 
bod 39d>ürfniS ber t^eoretifd^en@rtenntniS unb beS @em&tS befriebigt 

3lber oermag benn mtrtlid^ imfer @ebanle ju einer Haren 
SorfteOung oon jenem emig fbttenben inneren Seben ©otteS ftc^ 
©ifjuf Urningen? So|e gibt un8 bie Serul^gung: „^vxn mir baS 
iimere fieben beS perfönlid^en ©otteS, ben Strom feiner ©ebanfen, 
feiner il^^Ie unb feines ^QenS, als einen emigen unb anfangs« 
lofen, nie in Stulpe gemefenen unb auS (einem @tiQftanb jur 93e« 
loegung angeregten b^eid^nen, fo mutigen mir ber G^nbilbungStraf t 
leine onbere unb größere Seiftung ju, als bie, meldte il^r oon jeber 
materialiftifc^en ober pant^eiftifd^nSlnft^t angefonnen mirb" (SRilrof . 
«b. m. » @. 577). Qn ber 2:^at, bafür bin i^ bem ^^ilofopl^en 



300 dleif^Ie, CErfennen mx bte Sliefen ©otteS? 

aufrid^tig banfbar, ba§ er mir ^ilfc Ictftctc jur Ueberroüibung bcä 
aSal^ncS, eine materialiftifc^e SBeltanf^auung mit il^ren unenbli^n 
©toffelementen, bie feit unenblidier Qext im unenbli^en Siaum 
gefe^mä^ig ftd^ bcroegen, ober eine pant^eiftifdie SBorfteltimg von 
bem emig fvi) entroideinben SlUleben ber SBelt fei rotffenfd^aftlic^ 
einfa^er (b. t). jur ©rtlärung ber SBirHid^feit geeigneter) unb 
Harer atö ber öegriff eineS perf önüd^en geiftigen fiebenS in @ott. 
älber menn jiene beiben älnftd^ten Don bem unbebingten @runb 
aller SBirHi^feit nid^t beffer baran jinb ate bie ^riftU^e, ift ba^^ 
rum fd^on bie le^tere in n)iffenfd)aftlic^er ©ejie^ung mefentlic^ 
beffer baran? So^e'S geiftooQe Sieranf^auli^ung be§ göttli^en 
perfönlid^en £ebend oermod^te mir bo^ niemals bie @id^erl^eit }u 
geben, ba§ nun mirfli^ ®otte§ Seben unb Sffiirfen fo, mie eS ift^ 
oon un8 bur^f^aut fei. 9Sor manchen ber 3Baffen, meldte einft 
(Strauß gegen ben 95egriff eines perfönüc^en ®otte8 gef^miebct 
^at, fülilte id^ mi^ au^ in So§e'8 SRüftung nic^t oöHig gef^ütjt. 
5ür ®otteS ®eift, ben mir nid^t in bie ©^ranlen bc8 enbß^en 
Semu^tfeinS bannen bürfen, foll ber ganje unenblid^ reid^e 3^1^^ 
feines inneren SebenS bur^fd^aubar baüegen: ,,für ®ott befielt 
bie ^ebingung ni^t, bie unS im ®anjen ber Sßelt an einen ht* 
ftimmten ^nft feffelt unb Wlt^, rocS au^er unS ift unb gef^ie^t, 
als oergangen ober tünftig auf biefen $erei^ unfereS unmittelbaren 
©rlebenS, unfere ®egenroart, bejie^en lä^t"; ate „bie umfaffenbc 
aSJefen^eit beS ®anjen ift ®ott jebem Il^eil biefer SBirflid^feit gleich 
na^e wie jebem anbem" unb für il^n fetbft l^at „leiner il^rer ein* 
gelnen ^nfte auSf^lie^Iid) ben fpecififd^en SBert ber ®egenmart; 
il|n befi^t für ®ott baS unenblid)e ©anje" (a. a. 0. @. 606). 
2lber beftel^t bann nod^ eine ©emegung, ein „Strom feiner ®eban{en, 
feiner ®efül^Ie unb feines aSSitlenS", in ®ott? l^aben mir bann 
ni^t eine emige Shil^e göttlichen ©^auenS ftatt ber innerlichen 
^^robuftionen feines fd^öpferifd)en ®eifteS? ^d) oermag jenes unb 
biefeS ni^t miberfpruc^SloS ju oereinigen, unb eS bebarf gar nic^t 
mel^r beS triumpl^ierenben 9la^n)eifeS Don @trauj3, ba^ bei ber 
3tnna{)me eineS intuitioen, alleS als gegenwärtig umfaffenben gött- 
liefen ®enfenS „atleS in einanber oerfd^mimmen mujs" (S^riftL 
®laubenSl. I. § 37), um mir baS ®eftänbniS abjunötigen, ba$ 



9leifd^Ie; €rlennen totr bie 2:iefen @otte8? 301 

wir mit uttfcrm 93egriff cincS perfflnlid^cn gctftigcn Sebcn§ baS 
uncnblid^c SBScfen boc^ nimmer crrcid^en: „©old^cS (Srfcnncn 
(seil, roic c8 ®ott jufommt) ift mir ju munbcrlid^ unb ju ^o^ ; 
ic^ tanxi^ m6)t begreifen" (^falm 139, 6). Ober fuc^en mir un§, 
bem ©ebanfenfluge bc§ ^l^ilofopt^en folgenb, einen Haren begriff 
t)on ©otteS SBillen ju mad^en! ®otte8 SEBotten, boS feinen 
SBxberftanb einer Slu^enmelt ju überminben Iiat, mu§ unmittelbar 
ittfammcnfalten mit feinem SSoHbringen ; @otte§ SBoQen wirb jum 
©clbftgenul feiner eigenen SBirffamfeit (So^e a. a. O. ©. 595 f.). 
(g§ ift, mie ©trau^ e8 auSbrüdft (a. a. D. @. 580, ogl. ben 
§ 38), „ein aSerlangen, ba§ emig geftiltt ift, ein <Sud)en, baS 
immer fd^on gefunben l^at, ein SBege^ren, ba§ mit bem ®rrei^en 
urainterf^eibbar ibentifd^ ift." 3)ie Spannung jmifd^en Qxotd unb 
® irflii^f eit ift aber unf erm SaSoHen roef entli^ ; nelimen mir fie meg, 
fo fliejst un§ ber 93egriff be§ aBottenS mit bem beS güt^len^ ju* 
fammen, unb aud^ biefer festere oerfc^mimmt un8. 

^nd) So^e oermag bie unferm perfönli^en @eifte§Ieben ent^ 
nommenen 93egriffe un§ nic^t fo jiQubereiten, ba§ fie auf bie ^orm 
bc§ göttüd^en SebenS unb Sffiirfeng ft^ ofine inneren SEiberfprud^ 
anroenben unb bod^ juglei^ in Rarer SBeftimmtl^eit benfen liefen- 
Unb nic^t nur menn mir x)on bem pl^itofopliifd^en 33egriff eineS 
unenblidien unbebingten @runbe8 aller 3BirfIid^feit auSget^en, fon:* 
bem au<^ menn mir in d)riftli^em ®Iauben an ®ott unS anbetenb 
ju bem ®ebanfen ergeben: „Stt H aotoö xal 8i' aoioö xal slg 

aöTÖv ta Tcdvra- aortf» t^ SöJa el(; tofx; aiÄvac', beftel^t jmifc^en 

®otte§ emiger Äraft unb ®ottt)eit unb ben ^tegorien beg menf^* 
üc^n ^erfonleben? eine unaufl^ebbare ^nlongruenj. Unb fo er* 
gibt fid^ un§ beim ÜberbtidC über ben erften SBeg, ben mir be* 
fc^ritten, ba§ er un§ nid^t ju einer abdquaten 6rfenntni§ oon 
ber 5orm bc§ göttlid)en SBefenS unb SEirfenS füljrt: nid)t nur 
biejenigen SSorftettungen bcS göttlichen ®afeinS, meld)e an ben 
formen mcnfd^endlinlic^er £eiblid)feit l^aften, bleiben meit l)inter 
ber @rö§c ©otteS jurüdt, fammt aü ben ^l^antafien, mel^e bie 
Sciblidffeit in'§ ®rote8fe ermeitem ju einem Organi§mu§ göttlicher 
Kräfte unb 5ßotenjen; fonbem audti bie äJorftellung oon einer 
^erfönlid^f eit @otte§ bleibt unjureid^enb, mögen nun bie pfgd^o* 



302 9letf(^le, (Mtnmn loir bte liefen (Botte«? 

togif^en begriffe nab auf ®ott angetDanbt ober juoor in pf)ilo^ 
fopl^ifc^er ©pefulation geläutert loerben. 2Bcr gleid^iool^I bte Sß>d* 
quat^eit biefer Segriffe burd^jufe^en fu^t unb nur babur^ eine 
©rfenntniS ber 2;iefen ®otte§ für bcn Sl^riften glaubt retten ju 
Wnnen, fpielt ein üerloreneä <5pieL 

m. 

38er nun aber l^teDon burd^brungen ift bem liegt ber ent« 
gegengefe^te 3Beg um fo naiver: rotan fogar ber Segriff ber 
geiftigen $erf5nli^feit ©otteS, üoQenbS aber bie iBorfteQung einer 
göttlid^en Seiblic^Ieit unS ju feiner in ftd^ n>iberfpruc^Iofen unb 
jutreffenben @rlenntnid ber 2)afeinä« unb SBirfung8n>eife ®otte§ 
fül^rt, nun fo geben n)ir, ftatt biefe inabäquaten Elemente ju oer:^ 
teibigen, fte einfad^ preis unb fud^en unfere eigene ©otteSertenntniS 
oon biefen ffirbenreften ju reinigen! 3)ann wirb unfer ®eift in 
®ofteS 2:iefen einzubringen oermögen! Um fo unbebentlid^er fteUt 
fid^ biefe Sat)n un8 bar, al£i n)ir fd^on in unferer ftinbei^eit fte 
betreten l^aben. S)a wir ate Äinber juerft neugierig»e^rfur^t3oolle 
f&iidt in bie SBelt beS ©laubenS tl^un burften, mad^ten mir unS 
ein lebenbigeS Silb oon bem ®ott, oon bem bie SRutter und er« 
jol^Ite. @o etma fteUten mir biefen grojsen ®ott und oor, mie 
(Si^norr'S Sttberbibel auf ü^ren Slattem i^n und geigte; \fodf 
broben über und im ^immel, ba mo bie SBelt ein (Snbe fyd, 
bauten mir und feine äBol^nung. 2)o^, ba mir größer mürben, 
überfam und eine äll^nung oon ber Unenbttc^feit bed SRoumed: 
jum ^immel l^inouff^auenb fagten mir und, bajs bei ben Sternen, 
JU benen unfer 9[uge reicht, bie SBelt nod^ (ein (Snbe 1^, f onbem 
ba^ ed meiter gei^t unb immer meiter; ed moQte und unl^etmlid^ 
merben bei biefem ®eban!en, unb ed mar und, ald ob auc^ ®ott 
in unbeftimmte f^eme rüde. @in ©ebante oon ber ^nfongd- unb 
Snblojtgteit ber Qt\t brängte, mol^I um ^ai^re fpäter, fid^ und 
auf. 3)a^ ©Ott f^on gelebt ^abe, ba ^ater unb SDtutter noc^ 
Hein maren, ba 3*fw^ (£I|riftud auf ber 6rbe mar, ba bie erften 
SRenfd^en im ^arabiefedgarten meilten, alfo oor langer langer 
3eit baoon maren mir ja f^on longft überjeugt; aber ba§ er 
fd|on gelebt, ald no^ fein SRenfd^ ba mar unb ald no(^ {eine 



fReifd^Ie, (Sxltmtn mir bie liefen ®otte8? 803 

9BeIt befianb, unb ba^ er leben iDerbe fort unb fort, ol^ne aQeS 
Suf^ören, toorb unS l^emac^ jur al^nenben ©etoig^eit Unb 
mccn6)et teilt oieQei^t cmd^ mit mir bie Erinnerung an bie bange 
Xngft, mit melc^er ber (rein formale) ©ebante ber <£n)ig!eit @otteg 
hcS ^erj beS ^inbeS erf&Qte. ^oä) mir gemö^nten unS aQm&^e« 
lid^ baron; aber immer bläff er mürben über biefem aUem bie 
gorben, mit benen mir ®ottcS SBilb un8 ausgemalt f)aittn, unb 
oud^ bie l^eube ®otte§ über unfer SBol^Ioer^alten unb feinen 
IbnniQen unb @c^mei^ über unf ere Unart tonnten mir nid^t metir 
mit berf elben fieb^aftigf eit na^fü^Ien mie in ber frül^ ^bl^eit S)ai^ 
SSerlorene lä^ ftd^ ni^t mieber geminnen; unb mögen mir aud^ 
mon^mol nod^ eine ftiUe (Setinfud^t nad^ jener farbenreid^en 
@IaubenSmeIt beS ßinbeS fütilen, in meti^er @ott uni^ fo nal^e 
gerfldCt mar, bo^ merben mir, aud^ menn bie SSelt be§ ©tauben^ 
uns feitbem nic^t fremb gemorben ift, beim fR&iblvi auf bie tinb« 
Ixift 33orftettung fagen: Ste ifiifova avijp, xanjp'ppca xä toö yrpciory 
(1. Kor, 13, 11). S)ie Steinigung unfereg ©otteSglaubenS oon 
ben ©ebilben ünbUc^er ^Ijantafiebid^tung bebeutete bod^ einen gort* 
f^ritt §u einer mürbigeren, ber ®rö§e unfereS ®Iauben5 ange^^ 
meffeneren SBorftellung oon @ott. — SBarum fottten mir benn 
Quf biefem SSiege ni<^t meitergel^en ? 

3)ie ^Begriffe, bie mir unferem perf6nlid^*geiftigen Seben 
cntne^en, beliolten, mie mir fairen, in i^rer Slnmenbung auf 
®ott ftetg etmaS Unjutreffcnbe« , rotnn fte ni^t fo ermeitert 
loerben, ba§ fie in'g Unbeftimmte jerflie^en. 3)o<^ marum un8 
Ijieroor f dienen? Sprengen mir bie ^orm, menn jie für ben 
9[n^, ben fie birgt, ju Hein ift! SGBenn bie aSorfteÖung oon 
einem SBoUen unb Sefd^Iiejsen, oon einem SBiffcn, oon einem 
Wohlgefallen ®otte§ unS unmiUtürtid^ ba^u oerfftl^rt, ®ott mi) 
Xncüogie ber menf^lid^en ?ßerf6nli^feit oorjuftellen unb il^ ba* 
mit ouc^ etmag oon ber @nbli^!eit berfelben ober oon i^rer SBe= 
fd)ran!tl^eit bur^ eine 2lu§enmelt anjul^eften, fo mu§ baS reine 
1)enfcn jene Sinologie abftreifen unb biejenigen aMomente ber 
@otte§ibec, meldte bann no<^ übrig bleiben, „in reiner @e* 
banfenform" barftetlen; bamit erft gelangen mir ju „ber objeftioen, 
imferer SJorfteEung oon ®ott innemol^nenben SBabrl^eit," jur 



304 fReifd^le, (Srfennen toir bie liefen ©otted? 

lüiffcnf^aftltd^cn ®r!cnntni§ bcr liefen ®otteS! — SBa§ bleibt 
benn nun, na^bcm btc pf^diologifc^en ^Begriffe beseitigt fmb, afö 
gereinigte ©ottedibee un§ übrig? än§ @rfa^ für bie pf^c^ologifc^en 
bieten jid^ jundd^ft bie teleotogifd^en incL caufalen ©runbbegriffe 
bar. (Statt beS aQntäd^tigen 9BiQen§ einer göttlid^en ^erfönlid^s 
leit ermatten n)ir ben SBettjroerf, bem ber gange SSeltlauf afö 
3Jlittel bient; oon ©otteS 2lßn>eiSl|eit bleibt bie ängemeffen^eit 
ber einjelnen 2ieile biefeS aßeltkufg jur Sßerroirfli^ung be8 93Belt^ 
iXütdS; (SotteS £iebe bejei^net ben unenblid^en SBeltgrunb als 
@runb einer jwedfDOÜen SBeltorbnung. — ^06) anö) in bicfer 
fjaffung ftedfen no6) aSorfteHung^elemente, njeld^e unferm enblic^en 
Seben in einer raum«jeitli<^en SBelt entnommen finb. 3)ai^in 
gel^ört j. 93., ba| Qwti unb 9)littel auSeinanbergel^alten werben: 
meil für unS, bie mir in SRaum unb 3^^ leben, bie SSorfteOung 
unferer Qxo^it, bie ^erbeifül^rung ber 9)littel jur ©ermirHic^ung 
unb bie aSermirflidiung felbft ou^einanbertreten, trennen mir and) 
in unferer iBorfteQung ben Sßell^med unb ,,bie enblid^e Slealiftrung 
begfelben burd^ ben SEeltproje^." S)ie Qtozdma^^hit ber SEBelt 
beftel)t aber, „benfenb aufgefaßt, melme^r . . . barin, bc^ allc§ 
in ber SSSelt in jebem 3Äoment mie ©elbftjmedf fo aud^ — unb 
eben baburd^ unb ni^t baneben aud^ noc^ — 9RitteI jum 3^«^ 
be§ Oanjen ift" (SSi ebermann, ^riftl. ©ogmatif. 1. 9lufl. 
§ 628). (Sud^en mir alfo jene ©d^IadCen uoltenbs megjuläutem, 
fo ba§ mir nur ba8 reine ®oIb miff enfd^aftlid^er ®otteSer{enntoiS 
übrig behalten! SBaS ift nun bie in reine ®ebanfenform gc- 
brad^te, oon allen ftnnli^en SBorfteHungen geläuterte ©otteäibee? 
©<^on mand^e fmb in energifd^er 3)enfarbeit biefen SBcg ge« 
gangen; fie tonnen un8 ate '^üifxtx bienen. — ^n unferer 
(3otte§anfd^auung, bie mir als (Sl^riften i)aiin, ftecft als baS 
eine in reinem 3)enfen ju erfaffenbe SKoment ber ^Begriff ber 
Slbfolutl^eit, berau^ rein logifc^:^metapt)9fifd^ ju geminnen ijl: 
fo belelirt unS einer jener ^ül^rer, ber feinen SSSeg oortrefflid) 
fennt unb ber bur^ feine ©l^rlid^feit unb Slüd^tem^eit 93ertrauen 
mecft. 3)aS 2lbfoIutfein aber bebeutet: „reineS ^nfx6)^ nnb 3)ur(^« 
fid^felbft^fein unb in ft^ ©runb^fein aHeS ©einS aujser ftc^" 
(93iebermann a. a. O. § 700). Sarin liegt fomol^I ein contra:^ 



IReifd^le, (Srfennen mx bie liefen (Botted? 305 

bifiortfc^er @egenfa| }ur räumlid^ « jeitli^en 9!)QfeittSfonn ber 
SBSett, alfo bcröcgriff ber 2;ranfcenbenj gegenüber bem räum« 
lic^^jeitlid^en ^ojejs be§ materieQen 3)afeiniS, atö audb ber @ebanfe 
einer ^ofttion biefeS ganzen 3)afeinSproceffeS burc^ ben abfoluten 
®rmib ber aBett, alfo ber 3mmanenj begfelben in biefer ^ojt* 
tiön beS 9laum' unb 3eit:=bafeinS ber SBäett (§ 701 u. 702). 
9iamt ift aber juglet^ ein anbereiS äJloment ber ©otteSibee vom 
reinen 2)enten erfaßt, nämli^ ber ®ebante, ba^ er reiner @ei[t 
ijl 3)0$ SBefen beS ©eifteS, n)eI^eS oom populären, oorfteUungS« 
madigen 93en)UJ3tfein al^ 3)en!^ SßtQenS« unb @efft]^l§oermögen 
gefd^ilbert toxxh, befielet, begrtffltc^ gefaxt, barin, ba^ berfelbe 
nic^t als etooS 9läumIi^«3^tUci^^ ba ift (alfo au^ nid^t in 
fmnRc^en SBorftellungen rtd^tig erf-annt njerben fann), fonbem ate 
2^tttigteit, Seben, ^n«fi^'fein feine SRealitot t^at, wie un8 ba8 
ttmnittelbarfte ®elbftben)u^tfein bezeugt; bcS SSefen (ober bie 
@u6jlan}) beS ©eiftei^ ift ber actus purus beS für^fid^^feienben 
3n«ftc^/feing (§ 703 2lnm. 2. 706. 716 änm. 3). aSäi^renb 
nun aber ber enblid^e ®eift bcS materieQe, seitlid^^räumU^e 3)a« 
fein eines leiblid^en Organismus jur 9}orauSfe^ung feiner 2:i^ätig« 
feit unb feines fJür^fic^^feinS ^at (§ 706. 708. 716 änm. 3), 
ift bagegen umgefel^rt ber abf otute ®eift in bem actus purus f eineS 

fiir-fi(i^'feiettben3itt*fici^*friiö bie SSorauSfe^ung unb ber Orunb 
oDeS nid^tsgeift^feienben flnnli^en enblic^en 3)afeinS (§ 709. 716 
Xnm. 3). S)amit ^aben mir ju bem ,,reinen, ®ott aQein abäqua« 
ten Segriff beS abfoluten (SeifteS" unS erl^oben. 9lud^ ben 
Segriff ber ^erfönlid^feit muffen mir, menn mir ©otteS SBefen 
in reinem S)en!en erfaffen unb nid^t blo^ nad^ älnalogie beS 
enbli^n menf^U^en ©eifteSlebenS inabäquat uorfteden moQen, 
ferne l^en, unb bamit fäQt juglei^ aQeS ^at^ologif^e, baS mir 
<mf @ott }U übertragen p^egen, l^inmeg. 3)ie @üte nnb Siebe 
(SotteS 3. 9. be}ei(^net, rein logifd^ erfaßt, ni^tS anbereS als 
„baS S)urc^ * jt4 * f elbft * beftimmt * fein jum 2lu8 * fxä) * f e^en beS 
SBeltproceffeS unb baS biefem als fein ®runb immanent = fein 
beS abfoluten ®otteS" (§ 712). 

^ol^in finb mir gelangt? ^at unS ber unauftialtfam oor« 
iDörtSeüenbe ©d^ritt beS logifd^en 3)enfenS auf bie freie tilgte 



806 % e i f 4 1 e , kennen mir bie liefen (Boited ? 

^dl^e gefül^rt, oon ber avS xoit nun bie liefen göttlid^en äBefenS 
oor unferem @etftej^aitge entfaltet feigen? ^ f\ä) toMvä) mein 
@eift in reinem 2)en!en über aQ bie trüben hiebet fmnIid^«enbH<^er 
aSorfteöung, bie „meiner Slugen melt* nnb erbgemä^ Organ" foufl 
umfd^Ieiem, ju erl^eben üermo^t? SBir gingen barauf au8, oBcS 
^at^ologifd^e in bem obäquoten 99egriff beS obfoluten ©eifteS 
untergel^en ju laffen; mobur^ ift eg überboten unb oerbrfingt? 
^benf alfö ift in jenem togif ^ gereinigtem 93egriff ber Siebe unb ®ftte 
@otteg ein ©runbbegriff unfere§ 2)en!en8, ber bei @runbe§ 
refp. ber realen Urfa^e übrig geblieben: er ift enti^olten in bem 
„3)urd^sfic^«^felbft*beftimmt*fein" beS obfoluten ©eiftcS, mit in 
bem „SluS^'fid^sfetien beg aSSeltproceffeS". SB3a8 bebeutet nun bicfcr 
(Stammbegriff unfereS 3)en!enS? 9Bir menben il^n urfprflngli^ 
an, um ju bejeid^nen, ba^ mir ^mei SSorgänge A unb B fei'd 
unfereS eigenen inneren SebenS, melc^eS un§ in unmittelbarem 
©rieben al8 mirfii^ jum SSemu^tfein fommt, fei'8 beS rdumli^« 
jeitlic^en ®ef d^e^enS, meld^eS fl^ unS in ber SinneSmai^me^mung 
oufbrängt, in unferem SSorfteHen in eine »on unferem fub|e(tiDen 
^Belieben unabl^dngige, unüerrüdbare, aud^ nid^t milOfürlid^ untju^ 
fe^renbe SBerbinbung mit einanber bringen muffen; mir ftjriren 
mit ber 2lnmenbung jene« SSegrip für un8 felbft bie älnmeifung, 
in unferm SSorfteQen ben Übergang non A }u B alS einen unS 
aufgenötigten }u ool^ie^en. ätber biefeS Sanb, bur^ meU^eiS mir 
smei Don unS oorgefteQte SSorgdnge an einanber !nüpfen, erfd^eint 
niemals in biefer SlbiStrattl^it; fomie mir jmei mirfßd^e 93organge 
in biefe S^ntl^efe bringen, mirb jenes jarte SBanb beS (Soufal» 
begriffe mit in^altooUeren 93orfteQungen ummoben: ftnb eS jmei 
ißorgänge beS inneren £ebenS, meldte mir in bie eigenartige 
caufale SBerbinbung bringen, fo gewinnt biefe SBerbinbung fofort 
i^re Seb^aftigteit burd^ bie no^erlebenbe (Srinnerung baran, mie 
in uns felbft, begiritet oon unferm @etbftbemugtfein unb Selbfi- 
gefügt, inl^altpoOe ©ebonfen, (Sntf^Iüffe, (Befühle aOer Wct nod^« 
unb ouSeinanber aufleben; ftnb eS bagegen jmei 93org&nge beS 
räumlid^-jeitlidien ©ef^el^enS, fo geminnt bie SSerbinbung 
berfelben in unferm 2)enlen einen feften ^alt burd^ bie anf^au« 
lic^e ißorftellung ber in 9iaum unb 3^it lontinuirlid^ oerlaufenben 



Sleifd^Ie, (Stlennen toit bie liefen ®otted? 807 

fi(|t6aren SSetänberungen, tpelc^e oon bem einen SSorgang ju bem 
onberen ^infiberleiten, ober aber bur^ bie g^ftftellung einer be^ 
tec^enbaten tJormel, roeld^e ba§ Sßert|ältni§ jroifd^en geroiffen 
Quantitatöbeftimmungen beS einen unb be§ anberen Vorgangs fo 
angibt bajs fx6) boSfelbe bei ber 93erbinbung aller glei^artigen 
Sorgänge als ehoaS ftetS SBieberfe^renbeg beobad)ten täjst. — 
3Bie fte^t e8 nun mit bem ©aufotbegriff in feiner Slnmenbung 
auf ®ott? Sä^t fic^, wenn mir in bem togifd^ geläuterten 93e* 
griff ber Siebe unb ®üte ©otteS bo^ no^ biefen 6kiufalbegriff 
müimäm, fomo^l bie tebenbig^gefü^lSma^ige (Erinnerung an ba§ 
eigene innere Seben ote bie rdumlid^sjeitlid^e Slnfc^auung, mie 
onc^ bie an SJla^ unb S^f)l gebunbene ^önnel l^inmegreinigen? 
SBenn mir x)on ber Siebe OotteS nur ,,baS S)urci^:^fic^*fetbft* 
beftimmt^fein jum 2lu8*fx^*f^^«^ ^^^ SBeltproceffeS unb bog biefem 
ate fein @runb ^mmonentfein be§ abfoluten OotteiS" afe ben reinen 
öebonfcninl^alt befleißen laffen, fo liaben mir ja in ber 2:i^at baS 
$at^oIogif^e unb überl^aupt bie un$ vertrauten Qü^t unfereS 
eigenen perfönüd^en Seben^ nad) Gräften ausgetilgt; aber, menn 
anbererfeitg ouc^ oon 9Ra§' unb 3ttl|foctl|ältniffen feine 9iebe fein 
!ann, fo fommt bod^ unfer öegriff @otte§ als beS abfoluten rein 
geiftigen äBeltgrunbeS loon bem @^ema ber räumlichen Slnf^auung 
nic^t loS: S)a8 2lu8«^ft^*fe^en, ba§ 3fntmanent4ein, ebenfo baS 
eJfir^fi^sfein, 3»^*fid^*fein, ®ur^:^fic^*fein .fäUt in ba8 ®ebiet ber 
fmnli^en 3lnf(^auung jurficf. 2ltlerbing8 fel^lt aUen biefen SMo«» 
menten unfereS SSegrip ber manc^faltige ^nl^alt, ber burd) bie 
{hinliefe äBal^mel^mung unS gegeben mirb ; mo^l aber haftet i^nen 
allen jum minbeften bie g^^w^ ^^^ finnlid^en Slnfd^auung, 
n&mlic^ baS @d^ema beS SfaumS unb ber Slaumbemegung an. 
ÄJraien mir mirtli^ mäl^nen, bamit „ben reinen, ®ott allein abä^^ 
quaten S3egriff" in unferem 3)enfen erfaßt px traben? SlUjubeut* 
li<^ gibt fic^ bod^ bie räumliche gorm als ein SWerfmal beS enb* 
liefen 3)afeinS ju erlennen, unb in aHjutlarem 3itfömment|ang 
fie^t bie räumli^e Slnfd^auung mit unferem enblidtien Semu^tfein, 
roelc^, Don äöal^me^mung ju SBBaI)mel)mung fortf^reitenb, nur 
in ber räumli^en Orbnung berfelben eine SrfenntniS geminnen 
tomi. 

Sntf^tift fftT X^eologie unb ftit^e, 1. ^^vg^ 4. C»cft. 20 



308 Sfleif^Ic, (irlemun loir bie Sliefen @otted? 

SBcr burd) bic fiäuterung bcr ©otte^ibce üon allen (Elementen 
fmnlid^cr SBorftcttung einen Südf in bie 3:iefen @ottc8 ju t^un 
^offt, ber mu| and) ba§ abstrafte 9laumfd)ema, an n)el^e§ ba§ 
„gereinigte SDenfen" nod) gebunben ift, al§ einen ©d^Ieier, ber bie 
9[u§fi^t trübt, empfinben. 9Rag bie räumli^e älnf^auung noc^ 
fo fel^r affeS fmniidien ^fi^Iialtg entf leibet fein, „un8 bleibt ein 
Srbenreft ju tragen peinli^, unb njär' er oon 2lSbeft, er ift nic^t 
reinlic^." Unb roenn wir il|n nun abjuftreifen fuc^en, roaS bann? 
©obalb wir beim 3)enfen be§ abfoluten OeifteS, roeld^er ®runb ber 
Sffielt ift, aud^ nod^ ber räumlidien ®onftruttion ju entfliei^cn unb 
babei bod^ etroaä 58eftimmte§ ju benfen oerfud^en, fteigt lieber 
bie 9lnaIogie unfereg eigenen geiftigen ßebenS vox un§ empor. 
^at bod^ au^, folange mir „ba§ ®urdE)=fid^'f^^&ft*&ßftt^w^t*fwn jum 
ä[usJ*fid^4^^^w ^^ SäeltproceffeS" frei oon allen patl^oIogif<^en 
©lementen im 3)enfen ju fiyiren fugten, immer nod^ unmillfürüc^ 
ein leifer ©efü^föton mitgejittert. ©o ergibt fic^ benn ein Sc^roan« 
fen jroifc^en jroei^olen: je^t beleben mir ben ©ebanfen, ba^ ber 
abfotute ®eift ©runb ber SBelt fei, bur^ bie 2lnatogie unfereS 
eigenen Innenlebens, um ber (Starrheit beS 9laumfd^ema8 ju ent* 
rinnen ; unb bann mieber mu§ bie abstrafte gorm raumli^er 2ln- 
fd^auung unS baju bienen, baS ^atl)ologif^e fern ju l^alten. Unb 
menn mir nun baS eine mie baS anbere auf}u^eben Derfuc^en, 
mo^in fül^rt bann unfer SGBeg? — „Kein SBeg! ^t^ Unbetretene, 
nid^t JU 33etretenbe." — 

Unfer 3)enfen erlahmt, wenn eS ben begriff @otte§ Don 
allem @innli^«9lnf^auungSma^igen läutern unb fo }u ben liefen 
®otteS bringen roiC. Slber mir finb ja ausgegangen oon ber 
eJrage, ob unb mie ber d^riftlict)e ®laube bie 2:iefen OotteS, fo 
mie eS il^m üerliei^en ift, ju erforfdt)en oermag. 3Bo bleibt benn 
nun unfer d^riftli^er ®laube, menn baS ®enfen auf jenen Steinig* 
ungSproje^ fid) einlöst? Qxo^\ SWögli^feiten fe^e id^ Dor mir: 
©ntmeber ber d^riftli^e ©laube mu^ felbft ft^ fo umjubilben unb 
}u läutern oerfu^en, ba| er mit jenem Streben jum reinen S)enfen 
gleiten ©d^ritt l^ält, mo nid>t gar i^m oorauSeilt; ober er mu§ 
ftd^ bef treiben, auf einer ©tufe ftel)en ju bleiben, auf meldte ber 
}um reinen 2)enfen emporftrebenbe ©eift als auf eine niebrige 



9lett4Ie, (Ertennen toit bie liefen ©otteS? 309 

^abfe^en mug. 93eibe 9Kd)tungen ftnb in ber ®efd)ic^te be^ 
S^riftentumS au^ iDirtti^ eingef dalagen tDorben; in ber erfteren 
9ii(^tung bewegt ft^ bie SR^ftit. 

äSSenn e§ bem 2)enfen nid^t gelingt, ben ©ebanten ©otteS 
oon aUen unjul&nglid^en älnfd^auungSelementen loäjulöfen, melmel^r 
ber Sbgrunb be§ 9U^t§ i^m entgegengä^nt , fo fann üieQei^t 
gerabe ber ©laube, al§ ein ^ö^ereS @^Quen unb ^ül^Ien be§ Un« 
auSbenfbaren, für basi ermattenbe 3)enfen eintreten. Unfcr ®eift 
ift pcn ben mannigfaltigen SinbrfldCen ber @innenn?elt erfüQt; 
roic jielien fie an il^nt vorüber in bunter ^arbcnpra^t, feffdnb 
unb blenbenb ! n)ie tönt unb flingt e«l um unsi l^er ! 9leueS, immer 
9leue§ ftürmt auf un§ ein. Unb boc^ — e§ ift immer baäfelbe; 
oKeS ift fuinlid^, e§ ift ©emegung ber ©toffe im SRaum; eg ift 
{eitn^, unb barum, auc^ mo mir ein un§ permanbteg Seben fällen, 
nxrö iffS? „@eburt unb ®rab, ein emigeS SÄeer, ein med^felnb 
Sieben, ein glütienb Seben!" Unfere @eele bürftet noj^ majorem 
Sein unb Seben. Unb ftel^e, gerabe inbem mir 9S3oge auf SBoge 
in bem nimmer rulienben uferlofen ©trom fommen unb get)en fetten, 
berfl^rt boS ©efül^I eine^ Unbegrenjten, @migen, Unenblid^en unfere 
Seele. SBor ber übermältigenben aWad^t be^f elben erbleid^en bie bunten 
5Mlber, wie au§ frembcr gerne flingen bie junor fo lauten Söne 
ju uns l^erüber ; bie ©eele entf ^lägt fi^ il^rer mie wirrer 2:räume, 
fie felbft aber f ammelt ftc^ unb rui^t in bem übermächtigen, über^ 
f(^n)engli^en @efül^l be§ emig ft^ gteid^en göttlid^en £tbzuä, be§ 
9lO'(£inen. Unb ob aud^ SBorte ju f^mad) fmb, baS SppT^rov, 
ba3 bie Seele gef c^aut I|at, ju f d^ilbem, fie f ü t) 1 1 boc^ in innigem 
Hhitjüden baS @mige unb bringt in fold^em @efü^l mit ber ©inne 
Äeij aud^ il^re fiüfte jur SRuI)e. ^^nn ba§ SBotIf ommene , bag 
unferm SBerftanb' „unbegreiflid^, uner fennbar unb unauSfpred^li^" 
ift, ;,erfannt, empfunben unb gefc^mecft mirb in ber ©eele, fo 
nrirb baS UnnoQfommene unb ©tüctmerf, nämli^ (Sreatürlid^feit, 
Oefc^affenl^eit, S^^eit, ©elbftl^eit, 2»ein^eit (baS ift: atte crea=^ 
tftrlid^e ©igenfc^aft, bamit ft^ bie ©reatur natürlicher SBeife 
felbft liebet, fud^et, begel^ret, eigenes SQßiHenS lebet, fid^ felbft unb bie 
gef c^aff enen 3)inge für etmaS l|ält unb ad^tet, bie bod) ni^tS fmb), alteS 
mfc^mä^t unb für ni^tS gehalten" (3luS ber „beutfd^en S^eologie"). 

20* 



310 IReifd^Ie, (Mttmtn mir bie liefen ®oiit»'i 

@o6aIb man ben 9Beg einfc^Iogt tait 3)urc^bred^ung ber 
füllen irbifi^ aSorftettcnS ju ben Sicfen @otte§ Dorjubringen^ 
tft bie foeben fut^ gefd^tlberte mgftifd^e grSmmigteit in bec Zfyit 
bie allein pötlig angemeffene ^orm ber iReligiofttfit. Unb finb e8 
nid^t roittlic^ ßd^ toö *soö, in roeld^e ber SÄ^ftiler al^nenb unb 
fÜl^Ienb fid^ oerfenft? — ^a, aber biefe liefen finb ein älbgrunb, 
in n)el^ent bo^ ^ untergel^t. 2)ie emften Slufgaben unfeteS 
fiebeniS, bie fieiben, wdi)^ rnii brüden, bie ^reuben, md^ itnS 
erl^eben, gel^ören ju ben gefd^offenen ®ingen, „bie bo^ ni^ts finb*% 
unb {tnfen in 9h(l^t8 jufantmen, für ,,bie anbad^tige @eele, bie ba 
gfinjlic^ gereinigt ift x)on oHen ©reaturen". S)a8 aber ift jcben* 
fattiS eine anbere f^römmigfeit al^ ber ®Iaube be^ €^riften 
an einen ®ott unb äktter, ber un§ ju einem Steid^ ber ©erec^tig« 
feit berufen f)at, ber burc^ bie SBo^ltl^aten im irbifd^en Sebcn, 
burc^ feinen ©onnenfc^ein unb Stegen, aud^ bie Ungere^ten jum 
^eig feiner Doterlid^en Siebe fül^ren roitl, ber unS bur^ SBiäf^ 
tigungen erjiel^t „säI t& at)(i^^pov ek t6 {tstaXaßelv rSjg aifiönfjToc 
auToö" (^br. 12, 10). SBenn mir olfo mit ber Sefeitigung aller 
patl^ologifd^en unb überl^aupt aller ftnntid^ - anfd^aulic^en ß^ge 
be8 ©ottegbegriffg ni^t nur im miffenfc^aftlid^n S)enfen, fonbem 
aud^ im religiöfen fieben (Smft mad^en moHen, fo muffen mir auf 
ben 2:rfimmem beiS ^riftlid^en ®laubenS eine gatQ anbere ^römmig« 
feit aufri^ten. 3)aä ift baS £ooS be§ ^riftlid^en @laubeng, 
menn man in ber fi&uterung ber @otteSibee t)on allen ^^ntafte« 
elementen bie roa^re ®otte8erfenntni8 fud^t: e8 mirb nur fein 
Unt)ermögen, bie 2:iefen ®otte§ ju erfennen, auSgefprod^en unb 
auf einen anberen glauben bie SSer^ei^ung übertragen, meld^ 
bem d^riftUc^en gegeben mar. — 

®8 gibt aber ja, wie mir fc^on angebeutet, nod^ eine anbere 
Stellung, mel^ ba$ jur gereinigten ©otteSibee aufftrebenbe 
2)enfen bem i^riftlid^en ®lauben anmeifen fann. äUlerbingS, fo 
fann man fagen, fallt man einer m^ftif^en 9}etigioftt&t anl^im, 
menn man baS religiöfe fieben auf bie ©tufe eineS miffenfdEiaft* 
li(^ gereinigten ©otte^begriffS liinauffd^rauben miQ. Slber baS iß 
eben ein perfel^lte« Untemel^men. SBol^l fann unfer 2)enfen afö 
reinem SJenfen eine miffenft^fttic^e SBerarbeitung unb fiduterung 



steifste, (Sxttnntn mix bte ^liefen (dotted? 811 

unferer SJorftellungen Domel^men; bagegen ,,tn un[eren eigenen 
religiftfen ®eifte§aften" muffen roir uni^ nohoenbig in ber gorm 
ber ißorfteDungen ben)egen. SBSoQten voxt btei^ oetgeffen, fo 
mürben wir mit unfcrm retigiöfen Seben in'§ fieere unS oer» 
(ieren; unb bie äR^ftit oerfäQt biefem ©eri^te, n)eU fie na^ bem 
f)am, wcS ivoax bem n)iffenfd^aftUci^en 3)en{en erreid^bar, ha^ 
gegen bem religiöfen ^emu^tfein flberl^aupt oerfagt ift 2)er 
(^ftlic^e @Iaube l^at mit feiner 93orfteQung eines perfönli^en 
Sottet bag ^öc^fte ergriffen, mcS in ber Sntmi^Iung be§ retigiöfen 
^9en)u|tfeinS fiber^upt möglich ift 3)enn ,,$erfönli(^leit ®otteS" 
ift biejenige retigiöfe aSorftettungSfotm, meldte bem rein miffenfc^aft» 
üc^n 33egriff beS abfoluten ®eifte§ entfpri^t: biefer le^tere fteUt 
bie „objeftiüe, unferer SBorftettung innemo^nenbe SBal^rl^eit/' 
ober eben nur für bog reine Renten l^erau« (95gL ©ieber* 
monn a. a. O. § 716, SKnm. 8. 9.). — 3)ie SReligion ^at bie 
SiBa^rtjeit in ber gorm ber SBorftellung; bie ^l^itofopi^ie 
^ bie SSorfteUung in bie t^orm beg 3)enfen§ au^utöfen: boS 
ifl jenes alte Sieb, meiere« einft, x)on ber ^egeTfc^n ^^ilofop^ie 
9te(ftimmig gefungen, bie ®eifter berüdEte unb hoS au^ je^t noc^ 
oielen in ben Oi^ren flingt. 

9[ber machen mit unS bie Sage beutlic^, in melc^ ^ier ber 
(^riftlid^e ©taube uerfetjt ift! @rft baS miffenfd^aftlid^e 3)enfen 
oermag bie „objeftioe unferer (retigiöfen) SBorfteltung innemoi^nenbe 
S^rl^eif' in il^rer Steinl^eit ju erfennto unb barjufteQen ; jmar 
joll aud^ im retigiöfen 93orftet(en biefe SBBol^rl^eit eingefd^toffen 
liegen, aber fie ift in i^m bo^ bnxöf fubjeftioe 3^1*'^*^^ o^^* 
unreinigt. 2)ie pi^ilofop^ifc^e ©Refutation ift eS atfo, metc^e 
ben ungetrübten 93tidt in bie 2;iefen ber ©ottl^eit ju tl^un permag 
ober menigftenS oerfud^, bem einfachen ©tauben ift er benommen. 
%,dft baS icvsu|ia ^ob, metd^eS bc iriateox: unS )U Ztil mixt, 
etforfc^t bie 2:iefen ©otteS, fonbem intetleftueßer Begabung unb 
p^ilofopl^fc^er ©c^utung ift biefeS ^rimtegium oorbel^atten. — 
%t^ auf biefer SSersmeigung beS SBegS fommen mir meit ab Don 
ber bem ^rifttic^n ©tauben jugefproc^enen l^öd^ften ©otteSerlennt» 
nis. Unb fo muffen mir, na^bem mir ben jmeiten Seg nun 
fncobirt ^ben, ung eingeftel^n : menn mir at(eS $at^otogifd|e unb 



312 9letf$(e, flennen toir bte liefen (Lottes? 

fct)lie§Uc^ anö) bcu 93cgriff bcr ^crfönlic^fcit von ©oft fcrnljaltcn 
Tooßen, um eine gereinigte ©otte^ibee ju erl^alten, fo gelangen 
roir roeber ju einem miffenfc^aftttc^ befriebigenben 3^^ «^^ ju 
einem ©vgebniö^ bei roeld^em ber d)riftüd^e ®laube fid) beruhigen 
fönnte. ©o fxnb mir nun auf ben britten ber SBege, meiere mir 
@. 295 un§ marfirt l^aben; I|ingemiefen: mir mü^en un§ nic^t ab, 
bie angefod)tenen SSorfteUungSelemente oon unferem d)riftü(^en 
®otte§begriff abjuftreifen; mir geftel^en and) ju, ba^ fte inabäquat 
finb, aber mir fteHen bie grage: ift nidit gerabe in biefcn 
inabaquaten SSorfteHungen eine abäquate ©rfenntniS ber liefen 
©otteS un§ gegeben? 

IV. 

Sei ber ^^Iiilofopl^ie fud^ten mir bi^l^er unfere ^Ufe. 9Äit 
pllilofopl^ifd^en SJlitteln I|at man baran gearbeitet, unfere aSor* 
fteUungen non @ott ate jutreffenbe SBefc^reibungen oon ber f^orm 
feinet 3Befen§ unb aBirfenS ju red^tfertigen; mit pl^ilofop^if^en 
SKittetn ^at man ^inmieberum eine gereinigte ©ottegibee ate ben 
@eban!engel^alt beig diriftlic^en ®otte§gIauben§ ^erauSjubeftiUiren 
gefud^t SDa mir nun aber meber bei bem einen nod^ bei bem 
anberen un§ jU berul^igen oermod^ten, unb jmar meber oom ©tanb- 
punft ber miffenfd^aftlict)en Äritif noc^ non bem be§ d^riftlic^en 
@tauben§ auS, fo fteKen mir un§ je^t lieber einmal ganj auf 
ben 93oben be§ ct)riftUc^en ©laubenS unb fragen: 9D8a§ 
tonn un§' pon ber 3BirKidE)teit ®otte§ burd^ ben oon <3[efu (S^rifto 
au^ge^enben ©otte^geift erfennbar merben, unb jmar in ber 
SBBeife erfennbar, ba§ mir gemi§ jxnb, barin eine rid^tige ßr» 
ienntnig jener SBirtlic^feit ju l^aben? 3ÄögIid^ ba§ ung erft auf 
biefem SGBege rec^t beutlic^ mirb, inmiefem mir überl^aupt non 
abäquaten unb inabaquaten 93egriffen in 93ejie]^ung auf @ott ju 
reben l^aben, fo ba§ oielleic^t aud) bie paraboye 5^age, mit 
meld^er mir ben oorigen Stbfd^nitt befd^loffen l^aben, il^ren guten 
@inn befommt. 

333a§ alfo mirb un^ burd^ ©l^riftum oon ®ottc§ SSSefen 
futtb? äBir f (Junten mit einem in ber d^riftlid^en ©laubenä» 
leljre eingebürgerten 3lu§brudt antmorten: ©otteS oUmdc^tigf 



9leifd^Ie, (Srfennen iDir bie %\tUn ©otteii? 313 

fftü\g/t Siebe. 9(6er ic^ fürchte, bo^ tpir uniS bamit nod) nid^t 
gcnügenb perftdnbigt Iiätten. ©oId)e furje Siiföntmenfaffungen 
fd^licgen bie ©efa^r in fic^, leere gormetn ju roerben; gerabe in 
ber 2:^eologie ift biefe ©efol^r befonber§ gro|. aDBir tl|un barum 
beffer baran, un§ felbft auf bie grage, intoietoeit ©^tiftuS un8 
eine richtige unb Hare ©ifenntniS oon ®ott gebe, ©c^ritt für 
©(^ritt bie Slntnjort ju fud^en unb bann erft ba^, worüber wir 
rniö ocrftänbigt l^aben, in ben fd^on geprägten 93egriffen unfereS 
d|riftlid)en @IaubenS jufammensufaffen. 

Stuf jene grage nun muffen wir junod^ft eine fd^einbar ah- 
(enfenbe 3(ntoort geben : @)^riftu§ gibt un§ bie @rf enntniS baüon, 
rocS un§ irbifd^en SRenfd^en ate l^öd^fteö Seben§jiel geftedtt ift. 
Sc^en roir freilid^ genauer ju, fo lenft un§ biefe Slntnjort feineä* 
loeg^ Don unferer ^al^n ab. ^enn feine @otte§anfd^auung !ann 
un$ Derftänblid) gemad^t merben, ol^ne ba^ n)ir bad £eben§iiel 
und beuttid^ mad^en, n)eIct)eS und oon berfelben in ätuSfid^t gefteKt 
wirb. SWag man mir j. 93. eine pantl^eiftifd^e ®otte§anfd)auung 
noc^ fo Iid)tootl barlegen unb mir bad 93er]^ältniS oon äBeltgrunb 
ober 8Q8eltgeift unb 3Belt nod) fo genau beftimmen, bieS 
olled bleibt mir bod^ nodf) eine bunfle Siebe, fo lange id^ nid^t 
oerftc^, meldjeS 2oo§ mir felbft l^ier jubefd^ieben mirb; nämlid) 
bod fiood, bei meinem ®ang burd^S Seben, bem „grembling§*9leife* 
tritt, ben über ©rdbem {)eiliger Vergangenheit id^ manble," baS 
gro|e Seben be«$ 31Q mitjugenie^en, meldied in 9latur unb ©eifteS« 
leben feinen unerf^öpflid^en SReid^tum entfaltet, felbft meinen 
^itrag jur 93oQenbung biefeS ^Q -lebend ju geben unb fo „mit 
5)anf bad fc^önfte Seben" ju empfangen „oom 3111 in'd Wl jurüdt." — 
ßbenfo bringen mir aud^ in bie ct)rifttid^e ©ottederfenntnid nur 
ein, wenn mir bad und geftedtte Sebendjiel oerftet)en. SBiel ^öl^er 
ift bodfelbe für ben ©injelnen ald beim ^ontl^eiSmud; ju einem 
eroigen ßeben fott ber @injetne perfönlid^ ooHenbet werben. 2lber 
road ift bad emige fieben? SSermögen mir in unferem jeitlid^en 
Seben bad überl^aupt jU erfaffen? — SlBo^l jeigt und S^riftud, ba^ 
ed nic^t im SBejt^ irgenb meld^er irbifd^er ©üter ftel|t; benn aud) 
bie größten ©d^ä^e trifft bie 3tage: me§ mirb fein, bad bu be- 
reitet ^afl? SQSol^l jeigt er und, ba^ nid^t ein dunerer 93ejx^ ober 



3U fftti\ä^U, (Sriennen xovt bie liefen (^otte«? 

eine äußere Stellung bie§ ewige Seben ausmacht, fonbem ba^ e§ 
inneriid)er 95eft^ ber Seele ift; benn nidjt barauf !ommt e§ an, 
ba| n)ir bie SBelt geroinnen, fonbem ba§ mir unferer ©eele niii^t 
perluftig gelten, ba§ unfere ©eele errettet werbe, ba^ fie Qx- 
quidCung unb ein unantaftbareS, unoerle^teS ®IM gewinne. 9l6er 
worin beftelit biefeS unoergänglid^e fieben fetbft? — 35on einer 
Seite l^er füf)rt un^ @^^riftuS bod^ in ein 93erftanbniS biefeS 
Seben§jiele§ ein: er wenbet fid^ an unfer ©ewiffen; er tnüpft 
an baS jungem unb Warften nac^ (Sered^tigfeit an. @tne 
©ered^tigjeit, bie beffer ift, ote bie ber ^l^rifäer unb ©c^rift^ 
geleierten, eine 93ollfommen^eit, weld^e a^nlid) ift ber SSoQfommen- 
^eit unfereg SBateriS im ^immel, eine Siebe, welche nid^t auf 
bie natürlidien Siegungen beiS äßol^lwollenä fid^ befd^ranft unb wd^ 
ben natürlict)en ^a^ gegen ben ^einb beftegt, ein S)ienen, weld^eS 
®^rifti 3)ienft für unS jum aSorbilb nimmt, wirb uni^ ate auf* 
gäbe oon il^ gefteQt. 3ßir felbft follen biefe 3(ufgabe atö un^ 
t)erbrfict)lid)e 9lorm für un§ anerfennen, wir felbft follen in ber 
©rfüHung berfelben einen bleibenben ©ei^alt unfereS inneren fiebenS 
gewinnen. SRag bieg aud^ nod^ nid^t baä ®an)e beS ewigen 
£ebeng fein, jebenfaUS gel^ört e§ wefentlid) }tt bemfelben. 9Rit 
Raren Sorten fprid|t bieS ber älpoftel ^auluä aai: folange »ir 
nict)t Siebe im ^erjen l^aben, ift unfer £eben nod^ leer, nichtig 
unb für unS felbft wertlos, eS ift, ob eS aud^ mit au^erorbentlid^ 
Oeifteggaben ausigerüftet wäre, ber aSergdnglic^feit unterworfen; 
in ber Siebe erft gewinnt e§ göttlichen, ewigen öeftanb. ^nbem 
aber bie Siebe, weld^e auf hcS ^eil ber 9lebenmenfc^en b^Hici^t 
unb um ba^felbe bemül^t ift, un^ als älufgabe gefteQt wirb, er« 
weitert ftd) baS SebenSjiel beS Sinjelnen ju einem ^beal menfc^« 
lid)er ©emeinfc^aft. ©lieber eines SfteidieS ber Siebe ju werben 
unb barin in ewiger ©ered^tigfeit, Unfd^ulb unb ©eligfeit ju leben, 
baS ift baS unS geftedCte SebenSjiel jiebenfallS nac^ feiner einen, 
nämlid) ber ftttlid^en Seite. — 3Bir bürfen aud^ füglic^ feigen, ba^ 
in biefer ^e^iel^ung eine rid^tige unb !lare @r!enntniS unS gu» 
gänglid) ift. äßol^l iff S ein ©rtennen befonberer 9lrt : eS ooQsie^t 
ftd) in einem innerlid)en JBerftel^en ber unS gefteHten älufgabe ber 
©ered^tigteit unb in einem innerlidien älnerfennen beS SBertS, ben 



9letf(^Ie, (SrTenmn iDtT bte Zit^tn (Sottet? 



315 



bie ©rfüBung berfclbcn für unS unb unfere Slcbenmcnfd^cn \)at; 
ober biefeg (Srtennen im @en)iffen ift bie aQein möglid)e unb ju^ 
reic^enbe @tfenntni§ beS un§ geftedten Seben^iiel^. SBl^ol^I ift 
boSfetbe fo umfaffenb unb ergaben, ba^ nid^t mit einem 3)lal bie 
ganje Siefe unb ber ootle SBertli be^felbcm in unferem ©emiffen 
im!§ aufgebt; aber ©d^ritt für (Schritt fann burd^ fold^e, meldten 
biefeö ^btal be§ ©injelnen unb einer menfd^Kd^n ©emeinfc^aft 
^Uer a\ä unS üor ber @eele ftel^t, oor ödem burc^ 6il^riftum felbft, 
ba^felbe aud| unS innerlid) tiax merben, menn mir un$ nur in 
iKiSfelbe hineinleben moDen. 

Aber menn mir miffen, ju meld^em l^öd^ftcn Qkl mir be* 
ftimmt {tnb, ift unS bamit bod^ nod) nid^t bie (SrfenntniS ©otteiS 
gegeben. 9Bir merben atf o nod^ meiter geführt mit unf erer 5^age : 
inmien^it ift un§ in Sl^rifto eine @rlenntnig ®otteS gegeben? 
®ie SBirflic^feit ®otte§ ift boc^ erft bann oon un§ erfannt 
loenn mir nid^t bloj^ ein £eben^iel oor unS feigen, nad^ meld^em 
wir felbft fireben foUen, fonbem un8 unter ben 838irfungen einer 
9la^t finben, meldte i)on unferen fubjieftioen ©ebanfen unabl^öngig 
i|i unb in unfer eigenes Seben eingreift, fo ba^ mir i^re 838ir* 
bmgen an unS felbft a\& etmaS äBirtli^ erfal^ren lönnen. ^n^^ 
tmemeit finb nun in Sl^rifto biefe SBirtungen ju finben? 9BaS 
fmb bie erfal^rbaren SBirfungen, meldte pon ber ?ßerfon ^t\n 
S^rifti felbft auSgel^en? — ^ie er fahrbaren SEBirfungen! nur 
fo bfirfen mir fagen, nic^t etma: „bie erfai^enen". ©inb bod^ 
Ke Srfal^rungen, meldte mir mirtlid^ in unferem £eben gemad)t 
^ben, etmaS red^t 3^pRtterte8; ein 3^wgnisl von ^t\vi 
e^fto mfi^te barum aud^ re^t bürftig unb jerriffen ausfallen, 
roenn mir Heingläubigen unb lauen ^[ünger beS ^crm nur baS 
jufommenfteUen moHten, maS mir im eigenen eng begrenzten Seben 
in oattem SWage erfaljren l^oben. aber e8 ift unS, bie mir inner« 
^b ber ©l^riften^eit fte^, burc^ 3fefu ©^rifti Sieben unb S^un 
felbfl, es ift unS meiter bur^ baS B^ugniS aöer ber SWänner, 
wl^ von ben erften Slpofteln unb ^auluS an in il^rem 
Glauben eine @rfa^rungSerIenntniS ber Sßirtungen (S^^rifti im 
eigenen &ben erftrebten (toö ^v^^vai autöv xal rJjv Sövapiiv rqc 

avadtdosoK; ahzob xal )coiya»y(ay iiad7][Ldt»v aotoo $^il. 3, 10) 



316 9leifd^Ie, Srfennen toit bie liefen ®otteg? 

unb fartf(i)rcitcnb geroarmcn, bie SWöglid^fcit eröffnet, oorouöal^iienb 
unb mitfül()Ienb ju perftel^en, toeldje SBirfungen Q^fu ®I)riftt von 
in ber ücrtrauen^PoHen Eingabe an feine ^erfon erfahren fönnen 
unb f ollen. aSeld^e SBirfungen ®]^rifti! aUerbingS ergibt fid^, 
je tiefer roir in baS Sßerftonbni§ einbringen, ba§ e§ eine ein^eit* 
Ud^e Sßirhtng ift, n^eld^e Don 'xi)m au^getit eine. äBirfung, bur^ 
weld^e unfer eigene^ Seben erft jur @in]^eit nottcnbet wirb; aber 
bod^ laffen fid^, weil aud^ unfere 9h)t unb unfer 93ebürfen in 
perfct)iebener 9tid^tung fid^ geltenb mad^t, oerfd^iebene ©eiten bcr 
®inen SEBirfung ©l^rifti unterfrf)eiben. 

Jftr'S @rfte wirb burd^ ^f^fum Sl^riftum, je unbefangener 
wir unö bem ®influ§ feiner ^erfon Eingeben, unfer ®eroiffen 
geroedtt. SBie bie erften ^iXnQtx balb burd^ ^[efu 3Bort, balb 
burd) fein S^un, balb burd^ feinen ftummen 93lidt befdjämt würben, 
fo f dalägt aud^ unS bag ®en)iffen, wenn wir ^^u Sieben, Z^^un 
unb Seibert nn^ ju ^erjen nehmen. 2lud^ wer ba meint, er l^abc 
e§ jU einem religiöfen unb fittlid)en K^arafter gebradjt, roirb 
boc^ burd^ ^efu ^erfon erft red^t barüber aufgeflart, rocS eine 
^^erfönlid^feit ift unb mie unfertig unb innerüd^ jmiefpältig mix 
i^m gegenüber baftel^en, gebrod^en in unferer ©laubenSüberjeugung, 
infonfequent beim Streben aud^ nad) unfern Ijöd^ften ftttlic^en 
Qbealen, gefeffelt oon einet gröberen ober feineren ©innlic^feit, 
aud^ bei eblem ^anbeln unb l^eroifd^em fieiben burd) mand^erlei 
uneingeftanbene ^lebenmotioe beeinflußt, nid)t frei oon jener 
Gfföxptai(;, meiere fid) barin gefäUt, ilire SRoHe mit 93eifatt ju 
fpielen. ®urrf) nid^tS !ann bie aSermorrenlieit unferer ftttlic^n 
^Begriffe mel^r gettärt unb bie fittlid)e @eIbfttäufdE|ung grünbttc^er 
jerftört werben, afe burd) jene unerbittlid)e Klarl^eit, mit metc^r 
^efug ®]^riftu8 ben aOSißen feines l^immlifd^en SBater« in SBBort 
unb SBanbel unS oorl^olt. SBenn mir aber jene bittem 235a]^r= 
Reiten mirflid) burd^ bie ^erfon 3*fu unS fagen laffen, fo ifl 
bafür geforgt, baß barauS nid^t ein ^aß gegen bie fxtttid^e 9Ba^r« 
^eit entfielet; benn gerabe an il^m ge^t und bie ^ol^eit be§ @uten 
aU be§ mal^r^aft SBl^ertoollen auf unb nur unter biefem (SinbrudC 
mirb aud) jeneS ©elbftgerid)t im ©emiffen aufgeregt. 

Um fo weniger fann ein SBiberftreben gegen ben unbefte^* 



9leif4re, €t!ennen mx bxt STUfen Gotted? 317 

(ic^ Sittenrichter in un$ auffomnten, aU er aud) nic^t ba§ 
SWnbefte jeigt oon jenem Xugenbftolj , ber von ber SBerül^rung mit 
bem iSfinber Jßerunreinigung ffird^tet. Steinen größeren SBormurf 
mußten ja feine @egner il^m ju mod^en olS ben: „fxtf) ha ben 
Steffer unb SBeinfdufer, ben ßöHner* unb ©ttnberfreunb" 
(9Rt. 11, 19). a)er ^^arifärDormurf : „3)iefer nimmt bie ©ünber 
an" (fiuc. 15, 2) ift in ber ganjen Sliriftenl^eit ju einem laut 
(mfjubelnben 3^wgni§ non ber jmeiten großen SBirfung geworben, 
iDetc^e von i^m au^gel^t: feine Siebe ju ben @änbem jerbrid^t 
bei un§ bog fd^eue 3Äi|trauen gegen ben, ber beffer ift afö mir, 
unb medt un§ ben Mut ju ber freubigen Überzeugung, ba§ and) 
tm nod^ für i^n unb bamit für ba8 Steid) ber ©ered^tigf eit, in bem 
er felbft lebt unb auf ba§ fein ganjeiS Streben gerid^tet ift, ba 
finb. 3)iefe Überzeugung, ba§ mir bod) nod^ ju Sl^rifto unb 
ber reinen SQSelt, in meldjer er lebt unb mebt, get^ören, ift 2:roft 
beS ®en)iffen§ angejtd^tg ber ©c^ulb, burd) meiere mir oon bem 
Äcic^ beg ®uten un§ getrennt ffil|len b. f). aSergebung ber 
S<^utb. SQSer fic^ von ^erjen oertrauenSPoH an ^t^iim anfc^üe^t 
unb fein Sebcn an feine ^erfon unb ©adje fettet, ber l^at fd^on 
bie 93ergebung ber ©finben; ^at bo^ QfefuS bei jener ©ttnberin, 
roelc^ an ii^n ben ©ünberf)eilanb fid) anMammerte, eS ate eine 
ooKenbete, an i^rem 2:^un erfennbare Sl^atfad^e bejeugt, ba| i^re 
Silnben il|r vergeben fxnb. ®a§ ift bod) bie gemaltigfte SBirfung, 
roel^ ^fu ^rfon auf bie ^erjen ausübt, ba^ fid) ©ünber 
tro^ i^rer ©ünbe in feine ©emcinfd^aft aufgenommen unb jum 
eroigen fieben berufen ffil^Ien b. \), Vergebung pnben. 

SfBer aber bie a3eru^igung beS frieblofen ©emiffenä burc^ 
^efu ©ünberliebe gefunben l^at, bei bem l^ört mit ber SÄngft be8 
®eroiffen§ nid^t etma bie 5«infüf)tigfeit beSfelben auf. ^m @egen* 
teil! eine britte SBirfung, bie von ^efu auSgel^t, ift bie a3elebung 
ber J^age: „bin id) feiner aud^ mert?" ©o mie bei einem 
3ac(^g ber antrieb gefd^affen mürbe, avS feinem ^aui^ unb 
&ben roegjuf Raffen, maä ©l^rifti unmert mar, fo gel^t oon Qefu 
für aOe, meldte fid^ ber aWadit feiner ^erfönlic^feit l^ingeben, 
ein antrieb unb eine Kraft baju au§, nun aud) in feinem 
(Seifte JU manbeln. ®r rid^tet nid|t nur bie ©tumpf^eit. 



318 9tetfd^Ie, (Srfennen toir bie 2:iefen @otted? 

n)eld)c fid) oon bcn mand^crlei eTCt*o[tiai n^c oapx6<; l^intreiben 
lä^t, fonbcrn rüttelt un§ borau§ auf jum Jrac^ten bamac^, ba^ 
auc^ mir ein fiebert im ®eift, ein Seben nac^ einem @efe^ unb bamit 
eine innere 5^eil>eit geroinnen; er perbammt nic^t nur unferc 
fiieblofigfeit, fonbem jiel^t un§ l^inein in ein ©treben na^ bcr* 
fetten Siebe, roeld^e er burd^ feine ^eilanbsliebe an un§ erzeigt. 
3)urci^ biefe SBSirfung auf bie ^erjen aber roirtt Sl^riftuS bircft 
für bie aSerroirMid^ung jener geiftigen ©emeinfd^aft ber 9)lenf(^^ 
roeldie }u bem un§ gezeigten fiebenSjiet gehört. @c^on rool^renb 
beS Sebeng Qt\\i ^at fid^ in benen, roeld^e um 3»^fum ate beti 
©ünberl^eilanb fid^ fd^arten, ein ©efül^I ber ©emeinfd^aft gebilbet 
@r l^at nid^t nur barum gebetet, bajj feine Sf^ger „ju einer 
©inl^eit coQenbet feien" (^[ol^. 17, 23), fonbern burd) fein gonjeS 
perfönlic^eS fieben übte unb übt er l^eute nod^ bie SBirfung auS^ 
ba| boi^ ®ebot ber brüberüd^en fiiebe ben ^erjen feiner äfö^^fl^^ 
als ein neueS @ebot ftd) einprägt unb ein ganj neueS SRotip jur 
©rfüQung beSfetten gegeben ift. 

3[nbem ber 93ann ber ©d^ulb gelöft unb eine fittlid^e ^et^t 
in unferm Offnem ongebal^nt roirb, werben jugteid^ aber au^ — 
unb baS ift afö eine oierte erfal^rbare SEBirfung :3efu S^rifli auf* 
jujdl^Ien — bie 93anbe gefprengt, roeld^e unf; nad) au§en i)m in 
ber perg&nglic^en, leibenSooQen 3Belt gefangen Ratten. @o würben 
bie erften jünger avS Serjagt^eit jur ftfil^n^eit, au8 ^irauer jur 
greube, avß fd^road^l^et^igem SBerleugnen ju freimütigem Selcnnt* 
niS, aug SeibenSft^u jur SeibenSbereitfd^ft, au§ a;obe8furc^t jur 
2:obe8übem)inbung erl^oben. ^^nm flo& bieS aUeS auS ber aJer* 
gemifferung barüber, ba§ ^fuS, i^r gefreujigter unb geftorbener 
aWeifter, in ®otte8f raft lebe, ^n nertrauenäooller Eingabe an i^it 
ate ben Sebenbigen erful^ren fte mol^t bie xotvcovla t«v ica^(i.dxaiy 
aoToo, jugleic^ aber bie Sraft, innerlich }U überroinben unb ft<^ 
auc^ in 2:rübfalen ju rül^men, unb eben barin erlebten fie bie 

§6ya|i.tc TTjc avaatdaecoc aütoö ($i^iL 3, 10). 9lun aber, ba 

fie burd^ baS ©d^auen be8 Sluferftanbenen baju geführt roaren^ 
bie pon i^m au8ge^enben fiebenSlrafte in i^rem eigenen fterbttd^ 
SeibeSleben ju erfahren, erfannten fie bcS emige fieben unb bie 
@otte«^errIic^Ieit auc^ fc^on in ber irbifc^en Srfd^einung ^u 



9leifd^(e, dhf ernten toit bie liefen ®otte«? 319 

e^rijü. Unb inbem fxc barauf un8 l^mtücifen, eröffnen fic aucl( 
nitS, bie imr (eine (Srf d^einungen beiS 3liiferftanbenen gefc^aut traben, 
ben ßugang ju benfetben Srfal^rungen, in voeli)tn fte (ebten. älls 
eine SBirtung 3*fu ®^riftt (önnen aud) wir in ber gifiubigen 
Eingabe an i^n, ber bie SBett flbenDunben f)at, bie ßraft 3 um 
inneren ©ieg über Seiben unb Xob erfahren unb bie @e* 
nn^^t eines eroigen feligen fiebenS geroinnen, ^ber oud^ Don 
biefer ^ilSroirfung S^^rifti gilt boS 9Bort: „nid^t aber mir adein!" 
3n ber ®emeinfc^ft mit Q^efu S^rifto bem Sebenbigen roiffen roir 
uns eis ©lieber einer neuen ©emeinfd^aft, roeld)e au§ 
ber natfirttd^^ oergänglid^en 9Renfd)]^eit gefammelt roirb unb in 
i^ geiftigen 93erbinbung mit ^efu @:^rifto ein fiber 2Belt unb 
3eit erl^abeneS ficben beft^t. SBir tonnten, unb jroar oöttig im 
Sinne beS 9leuen £eftament8, gerabeju fagen, ^riftlid^er @Iaube fei 
nickte anbereSol^ in ber neuen äBirflid^teit einer geiftigen ®emeinfd^aft 
leben, roelc^e burd) bie SBirfungen Qf^fu ®I)rifti gefammelt unb 
Sufammengei^Iten unb auS @finbe unb 93ergänglid|teit p eroigem 
Seben errettet wirb. 

Ätte bie SBirfungen ^fu ®f)rifti, bie roir genannt Iiaben, 
bienen boju, und unb anbere SRenfd^en bem ^öd^ften SebenSjiet 
Sujuffll^ren, roetdje? unS unb einer menfd^üc^en ©emeinfc^aft ge» 
fWtt ift; eben barin erroeift ftd^ aud) bie ©m^eitlic^feit be§ aBirfcnS 
Sl^rifti: in i^m roirb unS bie SQ8irfU(^!eit einer 9Äad^t erfalirbar, 
roeU^ rettenb unb ^eitbringenb in unfer Seben eingreift. SBir 
tdnnen oon ii^r, fo gut roie von unferm fieben^iel, eine richtige 
unb Hare (grienntnis geroinnen. SHlerbing« ift eg aud) l^ier nid)t 
eine (grfenntnig rein objjeftioer ärt : man !ann fxe nid)t erreid^en, 
o^e ba^ man ba8 ^eilanbgroirfen S^rifti ftd) p ^erjen ge^en 
la^ ober minbeftenS in bie Sage eine§ folc^en ftd^ perfekt, ber 
fi^ baSfelbe ju ^erjen nimmt, ^anbelt e8 fic^ bo^ barum ju 
ocrfie^, roaS roir für unfer Seben an Qefu ®I)rifto l^aben follen 
unb f önnen ; aud^ bie f d)on gemad^ten (Erfahrungen, auf roeld^e jene ©r* 
fenntniSftc^ beruft, finb ©laubenSerfa^rungen b.l^. fold^e, roeld^e nur 
ouS bem pertraueniSnoQen perfönlid^en S[nfd)tu^ an @;i)riftum ftc^ 
ergeben. @ine anbere ©rfenntniS gibt e§ l^ier nidjt unb fann e§ 
ni^t geben. 



320 9leifc^(e, €tfennen toit bie 2:iefen (SotteS? 

9Ber nun aber in ber ©laubenSerfal^rung baüon ftel^t, n>a§ 
un8 in ^f u ©l^rifto gcf d^enf t ift ber lann aud^ üerfte^en, roaS e§ 
mitbenmand^eriei ©efc^idfen unfereSSebenSinSBal^rl^itauf 
fid) l^at. ©ie fxnb nid)t }iel= unb jwedtlofe B^fätte, fxe fmb nirfjt 
bie 9BeUenf^Icige in bem ewig flutenben SebenSmeer beS Wi, 
welches au<j^ uxS emportauc^en lä^t eine 3^^^ lang mit fid^ trogt 
unb wieber in feine 2:iefe jiel^t; fonbern ate ©Triften leben n>ir 
beS @laubeng, ba^ aud) fte baju bienen, un§ jur @rreid^ung un« 
fereg ^öd^ften Sebengjieleg ju erjiel^en. SBir f ollen unb fonnen 
e3 erfal^ren, ba^ Seiben unb greuben be8 SebenS, aud^ SBerfuc^* 
ungen unb Anfechtungen bem, metc^er burd) G^tiriftum en)ige§ 
fieben in fxd^ mirfen lä^t, boSfelbe nid^t rauben, fonbern ba§ fte 
e§ fogar förbern unb befeftigen, ja ba§ fie bei un8 wie bei an^ 
bem, aud^ folange mir für bie SDBirfungen be§ ®eifte8 ©grifft norfj 
unempfänglich fmb, baju bienen muffen, biefe ©mpfongtid^feit }u 
medten. 2)a§ ift — eS tl^ut 9lot, bieiS f)eutjutage auSbrüctlid^ ju 
betonen — für ben ©Triften nid^t etma eine fubjeftioe jufoKige 
Slnfxd^t üon aSelt unb Seben, fonbern ber ©laube ru^t barin als 
in einer äBirflid^feit unb ber @(aube erf&l^rt eS au^, ^mar ni^t 
auf einmal, aber Schritt für Schritt bei einjelnen Scben^fül^rungcn, 
ba§ biefe erjiel^enben @inmir!ungen auf unfer fieben in ber ^Cffot 
eine SBirHid^feit fxnb, fo mirftid) ate unfer eigen <3fc^, meld^eS 
oon i^nen lebt, \a ber malere £t|atbeftanb, meld^em gegenüber oUe 
3ufäKigfeit be§ ®cfd^el^en§ bloßer ©d^ein, alle gefe^lic^ SRegel^ 
mä^igfeit be^felben blo^eS äRittel ift. Unb mer felbft al§ @tieb 
ber geiftigen ®emeinfd^aft fxct) mei|, meiere oon ®I)rifti ®eift lebt, 
ber glaubt unb erfälirt e§ menigftenS in einjelnen gallen, ba^ 
ebenfo, mie bie ^ü^rungen be^ SinjeUebeng @rjie^ung jum ^tte 
fxnb, aud^ burd^ bie 9Beltgefd^id)te bie S3ermirflic{|ung ber neuen 
5D}enfct)l^eit ©otteS fxd^ ooUjieiit. — 2lucl) oon biefem <Btvid nun 
tonnen mir fagen, ba^ eine fortfc^reitenbe ®r{enntni§ in biefer 
Sejie^ung un§ jugänglid^ ift, freilid^ nur bem, meld^er bie (5r* 
eigniffe in unferm fieben unb in ber ©efd^id^te nid)t blo^ in einen 
gleid)giltigen 9laturjufammen^ang eingliebert, fonbern [xä) in ii^re 
©ebeutung für unfer innerem ßeben unb für baS anbrer SRenfc^ 
I)ineinlebt unb bariu bie ©eifteSmelt fxd| erbauen fie^t, meiere auf 



9leif4Ie, ^fennen toir bie liefen ®otted? 821 

ber ©runblaflc bc§ naturgefe^lidicn ßiif^^inntenl^attgS afö ^öl^erc 
SBirflic^feit fic^ ergebt. 

SHe brci ©tödc nun, roetd^c wir al8 erfcnnbar für un§ auf* 
gqd^It ^aben, unfer Scben^ieC -Scfu (Si)n\ix SBirfen nad^ feinen 
üier i)erf^iebenen ©eiten unb bie etjie^enben SEBitfungen, meiere 
loir in unferen SebenSfü^rungen erfüllten, ftel^cn nic^t bejiel^ungg* 
lo3 ncbeneinanbev; fonbem e8 ift bei allem 9leict)tum ber 2luf* 
gaben unb ©rfal^rungen, welcher ftd^ in allem bem für unfer 
Seben auftaut, eine einl^eitlid)e ®rö|e, bie un§ barin er* 
fennbar roirb. SBir f ollen unb fönnen beffen inne werben/ ba^ 
wir in ber S08elt unb mit famt ber SBelt untet ber SBirfung einer 
Sftac^t ftelien, meldte unS in einer neuen geifligen ©emeinfd^aft ju 
einem emigen Seben erjiefjt: in ^efu (J^rifto mirft jxe auf unfer 
3nnere§ ein, in unferem ganjen Seben, ba§ mir nid)t felbft un^ 
gegeben l^aben unb beffen Sauf mir nic^t beftimmen fönnen, bürfen 
roir einen auf baffetbe Seben^jiel unS l)inlenfenben @influ§ er* 
fahren. 3)ie innere ©inl^eit ber oon un^ unterfd|iebenen ©tüdte 
ber c^riftlic^en @r!enntnig mirb aud^ baburd) noc^ beleud^tet, ba^ 
erft, mcnn bie SSirfungen 3f^fu ©l^rifti unb bie g^i^^iingen un* 
fcreS Seben§ oon unS oerftanben finb, aud) ein o o 11 ft ä n b i g e § 93 e r* 
[teilen unfereS Seben§jiele§ möglid^ ift: nic^t barin liegt baS 
^eil für un§, ba§ mir fitüic^e ©erec^tigfeit geminnen unb Siebe üben, 
\m nun in fittlid^er Sr^abenl^eit ein gottperlaffene^ götttidl(e§ 
&ben ju genießen; fonbem barin, ba^ mir un§ üertrauengooU 
Eingeben an bie SRac^t, meldte unS in unferm gattjen Seben, auc^ 
mitten in unferer ©ünbe unb SJlot, leitet unb erjiel^t, meldE)e burd^ 
K^riftum un§ ergreift unb burc^ SBol^ttl^at unb 3ö^tigung un§ 
für bie SBSirfung ©Ijrifti empfänglich mad^t, unb ba§ mir au§ ber 
banfbaren Eingabe an biefe unfer ^eil mirfenbe 3Äad)t felbft ben 
Sitttrieb fd^öpfen, auc^ ba§ 93efte unferem 3lärf)ften ju fct)affen. 
3)ie aSollenbung fann unS nur in einer ©emeinf df)aft merben, beren 
©lieber nid^t nur in gegenfeitiger Siebe, fonbem aud^ im ®anl 
gegen bie aJD[mod)tige ^eilige Siebe ®otte§, meldE)e in i^nen felbft 
bie Siebe gemirft I|at, i^re emige ©eligfeit finben. 

®amit l^abe ii) fd[)on ben 93egriff ber Siebe ©otte§ ge* 
braucht, um alleg ba§ juf ammen juf äff en , ma§ un§ ®t)riftcn in 



322 Steif^le, dEtfennen mir bte Xiefen ®otte«? 

unferm ©lauben erlemibar toitb. ^n bem 3Ra%t, als in Sl^rifti 
©cifteäToirfen unb unferen Scbengffil^rungen dnc ouf un8 eüuoir^ 
tenbe 9Rac^t jur @eliglett al§ eine erf a^rbate unb mel^t unb nte^r 
auc^ als eine erfal^rene SSitKi^feit unS aufgellt, ernennen mir 
®otteg aQm&d^tige ^ige Siebe. @ie ift unS nid^t me^r leere 
formet fonbem lebenSnoUer Segriff, n>enn wir ber 9Rad^t inne 
n)erben, xodäft unS burd^ S^riftum unb bie ^ül^rungen unfered 
SebenS auS ©ünbe, Seiben unb SBerganglic^feit — fonft unferm 
unentrinnbaren SooS — ju en)igem Seben ergebt, n)enn n)ir unS 
nur i^ren SQSirfungen l^ingeben. SBer beffen inne roirb, roirb 
®otteS inne; unb • feltf ante 93erirrung ift eS ju meinen, ba^ man 
bann erft nod^ nom S)en!en beS SJerftanbeS ben 93egriff einer bic 
ganjeSßelt lauftrenben Urfad^e entlegnen mflffe, um bie göttli^ 
äRad^t, bie mir im @Iauben Derftel^en unb erfal^ren, mtrflic^ su einer 
göttlichen ju ftentpeln. 

5ür bie ©tüdte nun, meld)e unS im @Iauben erfennbar wer- 
ben unb in meldten ber 93egriff ber göttlid^en Siebe Derftftnbli^ 
mirb, unfer Don @ott geftedtteS SebenSjiet, @otteg Onabenmert 
in Si^rifto unb ®otteS St^iel^ung burc^ unfer Seben gibt utiS 
^auluS fetbft an ber @teQe, Don metd^er mir ausgegangen fmb, 
ben fd|Iagenbften ätuSbrudt an bie ^anb: „^xx fyihm nic^t ben 
@eift ber SBelt empfangen, fonbem ben ®eift oon @ott ^er, ba{^ 
mirmiffen, maS unS oon (Sott ju Sieb getrau ift"; griec^ifc^: 
tA üico toö d-soo yapto^^vta -f^iiiv (1. Kor. 2, 12). 9Ud^tS 95effereg 
tonnen mir aud^ auf unfere §rage : äBaS mirb unS bur(^ Sl^riftutn 
oon ®otteS SBirtlic^feit in abäquater SBeife erfennbar? jur 
^ntmort geben alS: baS maS unS oon @ott ju Sieb get^n ifi 
unb mirb. 



^n je fc^arferem Sid^te nun aber biefe @rtenntniSgegenftänbe 
bem ©lauben beS G^^riften ftd^ jeigen, befto beutlid^er muffen au^ 
bie Orenjcn fid^ feftfteHen laffen, meldte @rfennbareS unb Uner« 
tennbareS oon cinanber fd^eiben. ®ie 3tt>^ifrf wnb Sebenlen, 
melc^ uns früf)er (Stbfd^nitt 1) in fd^manfenbem Umfang unb in 
unbeftimmter 2:ragmeite bie Sinftc^t in bie 2;iefen @otteS }u be« 



9teifd^Ir, (Stf ernten ton bie liefen ®otte8? 823 

Mlfm fd^ienen, loerben ftc^ l^ier meQeid^t als notoenbige ©renjen 
unferer @lauben$er!enntmS l^erauäfteQen. SSSte bie ftrittt ber 
t^oretif^en Vernunft boS fiebere Sanb ber t^eoretifc^en @rIenntniB 
umfd^reibt unb nn^ bauor beipa^rt, in ein fianb beiS @ci^einS unS 
abenteuemb ju oetlieren, fo mu^ bie ©elbftfritit beS @lau6enS 
uns ä^nlic^e 3)ienfte tl^un: fie leiert un§, hcS unerfd)öpflid^ reid^e 
Sebiet ber @IaubenSn)a]^r^eiten ju burd^forfc^en unb (SntMbxnqß' 
reifen im leeren Slaum ju unterlaffen, unb fte fd^ü^t un8 gegen 
abergloubifc^e ^urd^t Dor bem, wai jenfeitg ber ©renjen unferer 
@(aubenSer{enntniS liegen mag. 

(Bomoi)l baS SQSirfen 3efu ©l^rifti afö bie fjül^rungen unfereg 
£eben§ gehören ber SQ3elt an, in ber mir leben, aber inbem unS 
barin bie 9Rad^t ber ^eiligen Siebe ®otte§ aufgellt fiub fie unS 
nic^t me^r jerfplitterte unb sufäUige SSorgange in ber SBelt, fonbem 
SBBirfungen ber einlieitlid^en ^ad^t ^on meld^er mit unferem £eben 
auc^ aOeS @efd^e^en in ber 3ßelt abhängig ift unb burd^ meldte 
oHein unfer ^eil gefc^affen mirb. ®er betenbe ©laube erl^ebt 
fic^ über ba§ Vielerlei ber SBelt unb bie SSergänglid^feit beS 3^it* 
lebenS unb rul^t in ®otte§ Siebe, unb jmar, menn man fo miH, 
als in einem 9lbfolutum. I^ragt man nun: maS ift bie SBir« 
fungSmeife biefer abfoluten übermeltlid^en @rö^e, fo ergiebt ftd^ 
aus unferem d^riftlid^en ©lauben feine anbere 3lntn>ort als bie: 
%e 8Q8irfung8meife jeigt fiel) in ber SRenfc^engefd^id^te in ^f^fu 
E^rifto unb in unferem eigenen fieben in unferen SebenSfttl^rungen. 
Aber ein unermflblid^er grager mirb oielleid^t nod^ weiter fragen: 
©ie fmb biefe aCBirfungen felbft au8 ®otte8 SlBefen ju erHdren? 
9Bir ^aben jia einerfeitä baS £eben§iiet beS (Sinjelnen unb ber 
SMenf^^eit, anbererfeitS baS gef(^icl)tlid^e SBirfen ^t\vi ©l^rifti 
unb bie innerl^alb ber SBeltorbnung unS treffenben ßebenSgef d^idte, 
unb eben l^ierburc^ mirb jeneS SebenSjiel oerroirflidit; mie lä^t 
c8 fic^ nun aber au8 ®otte§ SBefen erflären, ba^ ber gefd^idjt* 
üc^ SBerlauf unb ba§ ®efc^el^en in ber 9latur auf jenen Qxozd 
^in gcorbnet ift? mie ift eben baSjenige SEBirfen ®otteg ju benfen, 
burc^ welches ba« 3^Micl)e in feiner Sttbjmedtung auf baS ^eil ber 
Slcnfd^en perurfad^t mirb? Unb mie ift bie 3)afein§form ®otteS felbft 
ju benfen, auS melier biefeS ttberjeitlid^e, jmedtoolle ©d^affen ^erpor» 

3eitf4Ttft fflT X^eoloflie unb Aird^e, 1. ^a%x^., 4. ^eft 21 



324 fHeifd^Ie, (Etfennen toir bie %\t^n ®otMl 

ge^t ? — SBir [teilen biefe S^ragen nur auf, weil fic bie unüberfc^reitbate 
©renje belcud^ten, roeld^e unferer ®lauben§erfenntni§ geftedt ift. 
2lu§ unferem ®]^riftenglauben, au§ unferev pertrauenSooUen ^in« 
gäbe an ^t^n ®f)rifti ®eifte§n)ivfen unb @otte§ erjiel^enbe ficbenö^ 
ffilirungen fönnen wir feine Slntoort auf biefelben fd^öpfen. ®ir 
müßten alfo, ba bie ©rfd^einung ber göttlichen Siebe in (S^rifto 
un§ eben nur @otte§ 3Q3irfen ju unferem ^eile al§ eine für un§ 
abfotute unb unerflärbare 2:t|atfad^e l^infteHt t)on irgenb roeld^en 
neuen (Srleuci^tungen mt)ftifdE)en @d^auen§ ober von p^ilofopI|ifc^en 
©pefutationen einen 3tuffci^lu^ über ®otteg überjeitticl^e 3>afein§» 
form unb SBirlung^meife erwarten. 3)iefe§ $tnau§ftreben über 
bie t)on ®ott in Qefu ©l^rifto erfd^toffene @r!enntni§ mürbe fi^ 
aber nur baburrf) räd^en, ba§ mir, inbem mir ®otte§ überjeitlic^e^ 
©ein unb SBirfen, burd) melcl(e§ er alle§ 3«itt^« jmedooOi fc^afft, 
unferm 3)enfen flar madjen rooUten, boc^ mieber in bie SBor- 
ftellung eine§ jeitlici^en 3Q3irfen§, fei'§ irgenb metc^er 9laturmirfung 
ober irgenb meld^er pfr)ct)ifc^en Jfiatigfeit, l^erabjtnfen mürben. 
SBie ®ott e§ anfängt bie 9Belt }U fi)affen unb ju lenfen, ba§ 
mu^ bem @lauben verborgen bleiben; fo f^arf finnig bie ®ebanfen 
fein mögen, burd) meldte man ®otte§ Übermeltlic^!eit unb -^nner- 
meltlid^feit (S:rattfcenbenj unb ^^wimanenj) in ber redjten SBeife 
au§jugleict|en unb fein ©Raffen unb ^ereinroirfen in bie SSett 
ober ba§ SSerl^ialtniS oon causa prima unb causae secundae ju 
befiniren fud^t, P^ ftammen nid)t au§ unferem ®tauben. — 3)ie 
fritifd^e 93eftnnung über bie ©renjen unferer ®lauben§erfenntni3 
lie^e fid^ burrf) eine pI|itofopl)ifc^e UnterfudE)ung be§3w>^^begriffg 
ergänjen unb beftätigen. ^ier nur fooiel! ^n unferem ©tauben 
mirb uns ein eint)eitlid)er geiftiger 3w>^<* unfereS SebenS unb ber 
SJlenfd^l^eit unb jugteid^ in bem gefd^ic^tlid[)en aSirten ©l^rifti unb 
ben jeitli^en Jütjrungen unfereS SebenS eine einlieitlic^e unfer 
fieben unb bie SBelt beftimmenbe 9)ladf)t oerftänblic^, bur^ meldte 
jener Qwtd l^erbeigefül^rt mirb. 2lu§ biefer SÄac^t, in ber unfer 
©taube ruf)t, afö au§ ber causa prima ju erftären, mie unb mo* 
burd) baS @efd^ic^tlid)e unb 3^^^*^^ öuf jenen 3"^^^ W Q^' 
fd^affen finb, ift fc^on au§ folgenbem ©runb unmöglich: ber ®e* 
griff biefer causa ift burc^ nid^tS anbereS aufgefüllt afö burc^ 



9letf4re, @rlennen tplr bie liefen ©otteiS? 325 

e6en baäjenigc, waS man barau§ erfldren möd^te, nämüc^ burd) 
bie ©rteimtni^ be§ cint^citlict)cn Qkle^, n)clci^e§ bur^ ftc \)nhzu 
geführt loirb, unb ber in fid^ eint^eitKd)cn SBirfungcn, bur^ rocld^c 
e§ Dermirflidit wirb. 2lu§ bcm telcologifd^cn SBcrftänbnig 
be§ 2Birfen§ ^cfu ®I|rifti unb bcr gfi^^^^fl^Ji un[ere§ ßebcnS 
Ia§t f«^ feine caufale @rtlärung berfelben l^eroorjaubem; ba* 
bur(^ ift eine ®rense unferer @IaubenSerfenntni§ aufgerid)tet. 

9lber xoit bürfen unS auc^ bem weiteren 3ugeftänbni8 "hid^t 
cntjielien, ba§ aud^ jenem teIeologifcI(en SBerftel^cn felbft eine not* 
loenbige Unoolltommenl^eit anhaftet. 3Bol^l foQ unb fann baS 
^t, ju melc^em mir berufen finb, t)on unS in al^nenbem ©louben 
unb feiigem ®rfal|ren erlannt werben. 9lber mir l^aben fd^on au§:» 
gefproc^cn, ba| unfer Olaube nur fd^rittmeife bie @rö§e beffen 
erineffen fann, moju un8 ®ott beftimmt l^at. 9lod^ mel^r aber 
gilt bieg pon @otte§ ^eil§abfidE)t mit ber SWenfd^l^eit, ba| biefelbe 
nur allmd{)lic^ in il^rem 9teid^tum un§ offenbar merben fann. 
2)urd) bie ©finbe, meldte un§ an niebrige unb gemeine 3icl^ 
unfere§ &zbtnS f^ffrft ift bie Klarheit bcr @rfenntni§ unfereg 
göttlichen 3^^^^^ ^^^ getrübt; ober auc^ fd^on baburd), ba§ mir 
al§ jeitlidie 9WenfcI(en mit unferem inneren fieben ftetS im SBerbcn 
begriffen fmb, ift e§ gegeben, ba^ aud) baS SSerftänbniS ber oon 
®ott un§ geftcßten 3tufgabe unb jugebadE)ten ®abe nur in all*» 
ma^Iic^er Sntmidtlung ju. ©tanbe fommt. ?lur inbem un§ felbft 
immer größere fittli^e 9luf gaben pc^ erfieben, nur ihbem mir 
immer mel^r in fieib unb 5^^ube be§ Seben§ isrmeff en lernen , ma§ 
Sc^n ift unb ma§ ma^r^aft glüdftic^ mad)t, nur inbem innerl^atb 
ber menfd)Kd^en ©emeinfd^aft unfere ®infid)t barein mäd^ft, morin 
eine ma^rliaft freie unb geiftige ®emeinfdf)aft xut)t, fann fidE) auc^ 
bie ®rö|e beS 3^^^^/ mel(i)eg mit bem SReid)e ®otte§ un§ unb 
ber SWenf d^^eit geftedtt ift , mef)r unb me^r oor un§ auf tf)un. 2)a* 
mit ba§ biefe§3i^I ^wr fcl)rittmeife oon unS oerftaitben mirb, 
fte^t e§ im 3iif ömmenl)ang , ba§ aud) in ber größten ®abe @otte§, 
in ©l^rifto, immer nod^ „©c^a^e ber Sffiei^^eit unb ®rfenntnig 
verborgen liegen" (®ot. 2, 3), oerborgen nämlid} für ein 
immer tieferes ©inbringen. 

Slu^erbem aber fönnen mir als jeitlidie SKenfd^en niemals 

21* 



326 IRetfd^Ie, C^fennen toir bie ^liefen ©otteS? • 

ein fertig abgefd^IoffeneS SSerftanbniiS havon i^aben, intoiefem bie 
®efd)irfe unfereS Seben^ unb ber Menfd^engcfd^ic^te al8 STOittel 
jur SBenoirflid^ung unferer emgen 93eftitmttung biencn. ^eitie^ 
biefer (Sefd^idCe fte^t }ufammen]^ang§toS ba; von feinem lajst fid^ 
be^l^olb , f olange man e§ md)t in feinem poKftänbigen 3itf<iinmen^ 
^ong auffaßt, ein umfaffenbeS teleotogifd^eS SSerftänbnig gewinnen. 
Um eines folc^en un8 rül^men ju fönnen, müßten mir bie @e* 
famt^eit unferer SebenSffil^rungen in bem erjiel^lici^en SBert, ben 
fte für unf er inneres Seben l^aben f oUcn unb f önnen , mir mü|ten 
unfer fieben in feiner ©inglieberung in ben Qvo^ ©otteS mit 
ber ganjen 9Äenfd)l^eit, mir müßten baS nerfd^lungene @emebe 
be8 gefci^id)tli^cn SebenS ber SBöIfer in feiner SJebeutung baffir^ 
ba^ ein iReic^ ©otteS avß ber natürlid^en SRenfci^l^eit l^erauS ge« 
bilbet mirb, überbüdten !6nnen. 9hin aber ftberfd^auen mir Don 
unferem eigenen fieben ftetS nur einen XtH, aud^ bie ^äfte unb 
Siegungen unfereS ^fnnem fmb un8 nie Pöttig burd^fid^ttg; 
baoon fobann, mie unfere inbipibueUen fiebenSfül^rungen ju benen 
unferer aJKtmenfd^en, mit meldten mir jufammenteben ober auf melc^ 
mir einmirfen, oon ®ott in SBejiel^ung gefegt ftnb, Knnen mir 
nad^ unferer Stellung im jeitlid^en Seben nur eine unpotttommene 
SSorfteQung l^aben; ooQenbS t)on bem gefd^i^tlid^en SSerlauf im 
®ro^en oermSgcn mir, bie mir an einen beftimmten Ort im 
Staum geftedt unb in einen beftimmten ätbfd^nitt beS jeitUd^en, 
taufal bebingten @efd^e^enS mit unferem eigenen fieben eingefügt 
pnb, nur einen bürftigen 3luSf^nitt ju überfeinen. — S)ie Un* 
DoOfommen^eit, meld|e ber ©laubenSerfenntniS beS enbtic^n 
SOteufd^en in biefem 3^itt^&«Ji anl^aftet, l^ebt 5ßaulu§ mit fc^rfer 
Betonung beS ©egenfa^eS ^mifd^en bem ^^t unb bem 2)ereinft 
ber emigen SBoHenbung l^erüor: „je^t ift mein ©rfennen ©tüd* 
merf, bereinft merbe id^ fo ertennen, mie ic^ felbft erfannt 
marb", nämlid^ pon bem ®ott, ber nic^t felbft in ben 3^itentauf 
gebannt ift, fonbem mit bemfelben aud^ mein seitlid^eS fieben 
georbnet ^at. ©erabe im ©ebenten baran, ba§ ber göttlich 
^eiteratfd^Iu^ über un8 mie über bie SJÄenfd^^eit immer nur in 
ben burd^ baS SRebium ber 3^itfi^f^i^ gebrod^enen ©traljlen oon 
uns gefd^aut merben fann, fagt er: „mir felien je^t mittelft etncS 



mctfd^Ie, (5r!enncn mir bie liefen (Botleä? 327 

Spiegefe in SRötfcIform; bercmft crft 2lttfleft^t ju Slngcft^t" 
(1. dox. 13, 12). ©elbft oott bcr zpofrizsia, iDcI^e ber Slpoftel 
fo ^(K^ rü^mt, unb Don ber l^öd^ftcn ifvwaig gilt c8: „^ropl^eticn, 
fie locrben il^r ®nbe finben"; „SrfenntniS fie wirb ein ®nbe 
^ben" (93. 8). Qft bod^ aud^ bie npo^r^z&ia nid^ts anbereS 
ate ein 3ufönimenfc^auen einjetncr gebrochener ©tral^len beS gött» 
tilgen ^eiteratfc^Iuffeg, roeld^c§ bie urfprünglic^e ungebroiä^ene 
@int|eit be§ gefamten göttlichen diati unb SBidenS nie DdQig 
erteilen fann, fonbem ftetS ben ©l^arafter be8 ©tüdtroerfg behält: 

h [jL§pot>c ifap '^ivtiyT)/LO\LQ^ xal ex (i^potx; 7cpo^Tr]Tsöojisv (98. 9). 

SBegen biefer Unfäl^igfeit, ba8 ©anje beS 3^itoerIauf§ gu 
überblicfen, bleiben unS fogar mforoeit, al§ ®otte8 ^eitejiel 
burc^ feine Offenbarung oerftdnblic^ geworben ift, bie SßSege 
SottcS ju bemfelben oft nod^ oerborgen. ^n bie fem ©inne 
rebct ©aloin in feiner Seigre t)on ber Providentia Dei mit ooHem 
Siechte oon einer voluntas abscondita unb oon arcana Dei 
consilia.* ©0 uni^riftlic^ bie J^tc^t "^äre, ba§ ®ott neben 
ober gar über feinem ^eifemilten, ben er unS oerfttnbigt l^at, 
norfi einen anbem entgegengef e^ten SRatf d^Iu| gefaxt l^abe , metd^er 
uns oerborgcn fei, fo d^riftli^ ift bie ©elbftbefd^eibung gegenüber 



*) Stuf^er^alb bed Sufammenl^angg ber $räbefttnattondIel^re enttoidelt 
(idtin einen unanfed^tboren S3egriff Don @otteä voluntas abscondita, nämlt(!^ 
in ber Se^re üon @otte8 SBorfe^ung. S3qI. Inst. Rel. Christ. (1559) XVII, 
2: .Verum quidem est, in lege et evangelio comprehendi mysteria, quae 
longe emineant supra sensus nostri modum; sed quoniam Deus ad ca- 
pienda haec mysteria , quae verbo patefacere dignatus est , suorum mentes 
intelligentiae spiritu illuminat, nuUa jam illic abyssus, sed via, in qua 
tato ambulandum est, et lucema pedibus regendis, et lux vitae, et 
certae conspicuaeque veritatis schola. At mundi gubernandi adrairabilis 
ratio merito abyssus vocatur; quia, dum nos latet, reverenter adoranda 
est.* — — «Ergo, quum sibi jus mundi regend! vendicet Deus nobis 
incognitum, haec sit sobrietatis ac modestiae lex, acquiescere summo ejus 
imperio, ut ejus voluntas nobis sit unica justitiae regula, et justissima 
causa rerum omnium. Non illa quidem absoluta voluntas, de qua gar- 
rinnt sophistae, impio profanoque dissidio separantes ejus justitiam a 
potentia; sed illa moderatrix rerum omnium Providentia, 
a qua nihil nisi rectum manat, quamvis nobis absconditae 
sint rationes. 



328 dletfd^Ie, (Sriennen toir bie 2:iefen ©ottee? 

oon ®ottcg 3ÄittcIn unb 333cgcn^ meiere jur ißerroirflic^ung feiner 
geoffenbarten ^eifeabfid^t mit un§ SÄenfd^en bienen. Sine npefent* 
lic^e S^ugenb be§ gläubigen g^l^rtften ift bie modestia , n)elc^e 
®ofoin in bief er Sejiel^ung f orbert , jene Unterorbnung aud^ unter 
®otte8 unoevftanbene gül^rungen, roetc^e jur c^riftlic^en 3)emut 
gel^ört ®erabe je mel^r xoxt in biefer modestia un§ üben unb 
bie oerborgenen SßSege ®otte8 un^ afö eine ®igie]^ung ju ber= 
fetben bienen laffen^ je weniger wir in eitlem gürmi^ ein SJer- 
ftänbni§ aQer 98ege ®otte§ unS anmaßen, befto mel^r merben in 
unferen eigenen fieben^fül^rungen bie ^eiföroege ®otteä unS auf- 
gefd^loffen werben. 9lur burd^ jene S)emut fann aud^ unfere 
fei'jg oormärtS fei'S rüdtmärtg fd^auenbe ^porftfüd über ®otte§ 
SBege in bcr ®efc^id^te oor ber ®efal^r bemal^rt merben, ba§ fie 
O-eXTjiiaTt avO-pcbffoo, ftatt otüö ^v£ö|iaTog äyioo erbrad^t merbe. 
9lac^ jmei oerfd^iebenen ©eiten ergibt fic^ alfo eine SBe- 
fd^räntung unferer ®lauben§erfenntnii8 oon ®ott. SinerfeitS fto^en 
mir an eine unüberfc^reitbare ®renje: fobalb man ®otte§ 
überroeltlid^e ®afein3s unb SBirfungSmeife erfennen unb barauS 
bie mirfUctie SJBett erHären miH, ergeben fid^ blo§ unlösbare fragen; 
jebe 2lntmort auf bief elben , ift bloßer ©c^ein. ^n biefer ißejiel^ung 

gilt ^, ba^ ®ott ift 6 |iövo(; l'*/a)v i^vaaiav, ywc olxÄv airpöc- 
iTov, 8v elSev ooSelc iv&pwTroiv ooSä tSsiv Sovatat (1. %\x(i, 6^ 16). 

2lnbererfeitS aber l^aftet audf) innerl^alb be§ ®ebiete§, auf meinem 
ftd^ unfere ®tauben§erfenntni§ unb ®Iauben§erfal^rung bewegen 
!ann, unferem ®rfennen eine Unfertigfeit an: fie ift eine immer 
erft im SBerben begriffene, fomeit eä ftc^ um bie SBertiefung in 
unfer ^ eilS jie l unb ®otte§ @abe in ©l^rifto i^anbelt, unb ebenfo ift fie 
eine Ytvwaxstv h. p^^pooc, menn e§ gilt bie SSorgänge im Seben bc^ 
©injelnen unb in bcr ®efd^i^te al8 3ÄitteI auf unfer unb anberer 
9Henfc^en ^eil ju bejiel^en. — <3n ber erfteren SHic^tung finben 
mir bie 333urjel ber äSerftanbeSrätfel, meldte im erften Slbfc^nitt 
uns aufftie^en, in ber festeren bie SBurjel ber SebenS* unb ©c- 
f^ii^tSrätfel, meiere mir oor unS feigen. 

®a8 ©rgebniS, ju metdfiem mir I)ier in 93ejiel^ung auf bie 
d^riftUc^e ®otteSerfenntni§ gelangt fmb, I|at feine ©onfequenjcn 
für eine SReil^e ber ^riftU^en Sel^rfö^e. 3Bir lönnen bie 



^tx]^U, €r!ennen totr bte liefen ®otte&? 329 

Jolgcrungen l^ier nid)t au^füt)rett, fonbcm nur anbcuten. iSie 
treten natürlich oor allem in bcr Seigre oon bcn göttlidf)cn ©igen* 
fc|aften l^eroor. 9lur foroeit finb biefelben ©egenftanb ber d^rift* 
lvi)tn ©lauben^erfenntniS, al§ fte eine ®ntfaltung be§ 95egriff§ 
ber allmäd)ägen l^eiligen Siebe @otte^ geben^ bie n)ir int ©lauben 
immer mel^r erfal^ren tonnen unb f ollen; bagegen fobalb wir un§ 
in ber Se^re t)on ber göttliclien Mmad^t — mit il|rer 3«ri^9ung 
in göttlid>e @roig!eit, SlUgegennjart unb SlHraiffenl^eit — um 
@otte§ übermeltlic^e ®ajein8= unb SBirfungSroeife, um ba§ 
Ser^altniä @otte^ al§ ber causa prima }U ben causae secundae 
unb um eine taufale @rflärung ber äBelt unb i^reS SSerlaufS 
(m§ ®ott bemül^en, fto^en mir an bie @renge ber c^riftlid^en 
Olauben^erfenntniS. ®ie[elbe ©renje ift unS auc^ in ber d^rift* 
liefen Seiire oon ber ©djöpfung unb aSorfel^ung @otte§, oom 
@ol)ne unb x>om @eift ©otteS unb i^rem SSerl^oItniS jum SSater, 
oon ber eroigen ©rmäl^Iung gejogen: fobalb man fic^ in biefen 
Se^rftücCen nic^t bamit begnügt, bie über alleS 3^^^^^^ unb @e» 
f(^id)ttic^e mächtige Siebe ®ottejg, ®nabe ^t\vi ®^rifti, SBirfungS» 
fraft bc^ @eifte§ für boS gläubige Vertrauen auf jujeigen, fonbern 
fu^ barauf einlädt, baS ^anb ber ftaufalität, burc^ roeld^eS 
S)afein unb SBeränberung ber äußeren SGBelt ober ba8 SßSerben be§ 
neuen SebenS in unferem Innern mit bem eroigen ®ott oerfnüpft 
ift, roiffenf(^aftlic^ ju beftimmen ober ©otteS überjeitlic^e 
©ubftftenjform ju fd^ilbern, fdUt man in'§ Uner!ennbare. Slu^er 
biefer unüberfc^reitbaren ©renje aber i^aben mir aud^ in biefen 
Sel^rftüden überall jene Unfertigfeit unferer ®laubenger!enntni§, 
meldte nic^t hcS ©anje beiS göttlichen ^eilSplanS auf einmal ju 
überblidten oermag. — ^d^ roei§ eS rooI)l: roer eine SReil^e oon 
oft befprod^enen fragen ber ©laubenSlel^re als unlösbar ablel^nt, 
fe^t jtc^ ber ©efal^r auS, ba§ er ber ^^rägl^eit be§ ®enlen8 ober 
ber Unfäl^igfeit ju t)öl^erem ©eifteSflug ober ber tJeigl^eit, 
roeldie mit ber ^erjenSmeinung nic^t offen l^erauSrüdten roiH, be* 
iid)tigt roirb. aber roer einmal mit ber öegrünbung unb Slrt 
bcr ^riftlic^en ©laubenSertenntniS aucl) il^re ®renje erfannt l^at, 
bem ift e§ innerli^ unmöglii^, burc^ fröt)lid^e§ ©peculiren über 
baS Unerfennbare fidf) jene aSorrottrfe ferne jU l^atten. @r mufe 



330 m\^^U, Stfennen tuir bie liefen ®otted? 

fic^ mit bcm SBorte (^aloin^ teuften : Eorum, quae scire nee datur 
Dec fas est, docta est ignorantia; scientiae appetentia insaniae 
species (Inst. Rel. Christ. [1559] lü, 23, 8). 



Unb nun, nac^bem n)ir in ^ejiel^ung auf unfere ^rifUic^ 
\ ©otteScrfenntniS in ©tanb gefegt fmb, @rfcnnbarc§ unb Uner- 
fcnnbarcS gegen einanber abjun>dgen, erl^eben n>ir roieber bie J^oge: 
(Mennen wir bie 2;iefen ®otteg? — 2luc^ je^t nod^ bürfen toii 
getroften SRutg antworten: ^, wir finb al8 ®^riften in ber 
©rfenntniS ber Jiiefen ©otteS begriffen. 3)enn bog, mcS 
uns im @Iauben an S^l^riftum perftänbtid^ unb erfa^rbar mirb, 
!ann mit feinem befferen Flamen bejeic^net merben ai§ mit bem 
Flamen: „a;iefen @otte8". ©erabe oom ©tanbpunft beS c^riflRc^en 
©laubenS au8 ermeift fic^ biefer 9lame cdä burc^ouS jutreffenb. 
SttlerbingS roer au§ fpecutatioem Qntereffe, um eine miffenfc^aft* 
tid^e ©rüärung ber äBelt au§ @ott geben )u fönnen, @ott ju er« 
fennen ftrebt, fönnte fagen: 2)ie liefen ®otte§ Hegen gerabe in 
bem, mos mir oIS unerlennbar bejeic^net l^aben. Sd^t ftc^ boif 
erft, menn bie 3lrt ber götttid^en Äaufalitdt ber SBelt gegenüber 
aufgelldrt ift, ®ott al§ @rf (drungSprincip oermenben. SlnberS mug 
ber urteilen, melc^er im @inne be§ d^riftlid^en ©laubenSlebenS ®ott 
fud^t. 3)an!enb, bittenb, oertrauenb in @ott rul^en unb pon it|m 
bie Äraft jur ©rfüUung feinet SBiltenS empfangen, baS ift bo^ 
gemi^ lebenbiger @;i^riftenglaube. 2)ag 2:ieffte im SBefen ®otte$ 
ift boc^ nun fid^erüd^ ba§, moran mir mit unferem SBertrauen 
uns ^ften unb morauS mir immer neue ftrdfte }um ©tauben, 
Sieben unb ^offen fd^öpfen fönnen. 2)iefe OueQe aber fliegt un$ 
gerabe in ©otteS Siebe, mit meld^er er unfer ^eil fd^affen rniH, 
unb in allen il^ren ©rmeifungen, oor allem in il)rer aOeä über* 
ragenben ©rmeifung in ^fu S^^rifto, aber aud^ in aUen i^ren 
©nabenfü^rungen, furj in allem bem, „maS unS pon ©ott ju Siebe 
getl^an ift." ^arin !ann unfer ©laube rul^en. SBenn ein ^aulu§ 
vox ©Ott ftd^ gered^tfertigt mei^, ^rieben mit ©ott ^at, aö ®otte§ 
Äinb unb ®rbe finblic^ freubig ift, ©ott banft, in ©ott fic^ 
rül^mt, il^m lebt, il^m bient, il|m ftc^ oerantmortlic^ fül^It, ©otteS 



SReifd^le, kennen ftir bie %xtftn @otted? 831 

Flamen anruft, ju ®ott fid^ befcnnt, fein (Soangelium tjcvfünbigt, 
fein SBert treibt feiner Sireuc fi^ unb feine ®emeinben befiel^lt, 
fö pertieft er ftc^ in attem bem immer unb immer mieber, mit aß 
feinen ©orgen unb flöten, mit all feinen greuben, mit all feinen 
Slufgoben unb SRäl^en in ba§ @ine: in bie ^eilige Siebe ®otte§, 
toeldje in 3*fw ®^rifto un§ unb ber gangen ©emeinbe erfd>ienen 
ift unb ung bur^ alle il^re ©c^ichtngen in S^l^rifto gu emigem 
Seben filieren miß. ^n biefer @r!enntni§ ©ottcS, nid^t inirgenb 
ipeldien älufHärungen über feine überjeitlid^e 3)afcin^form unb 
SBirlung^meife merben unS bie 9leici^tümer be§ SebeftS in unb 
mit ©Ott tunb, ebenfo aber bie Siiefen beS ©eric^tS, in meldte« 
toir hvLxä) fioiSfagung pon ®ott verfallen. 3Ber etn>aä von jenem 
&ben nerftanben l^at, fann nid^t jmeifctn, ba§ gerabe in ber ge* 
offenbarten Iieiligen Siebe bie Jiiefen ®ottejg fic^ ung er- 
fd|lie|en.^ 3)er altteftamentlic^e glömme fonnte no^ mahnen, er 
muffe ®ott mit ^ugen fd^auen, um in bie liefen feinet 9Befen§ ju 
blicfen; aber einem $l^ilippu§, ber erft Don einer ^eopl^anie hcS 
rechte YiYvoxjxstv unb 6pav töv nazipa ermartet, mirb bie Slntmort, 



' Steb^aber ber ^ftrefiologie feien borouf aufmetffam %tma^i, bag fd^on 
bie fLrianet ^«tiuii unb €unomtu9 bie SSegreiflid^feii bed göttUd|en 
SBefen« betonten. Eunomins be^au^tete fogar, mir erlennen ®ott fo fiut, ali 
er {tc^ {elbft erfenne. „(&t fagte gur 99egrünbung feiner ^nfid^t : Umfonft l^ätte 
|i4 ber ^err eine ^^üre genannt, menn niemanb ba toöre, ber jur (Erfenntnisi 
unb SBetrod^tung be§ Spätere) einginge, umfonft n^are er ber äBeg, toenn er 
benen, bie sunt SSater fommen tooUtn, biefed Üommen nid^t erleichterte; toie 
iDAre er ein 9(uge, toenn er bie SRenfd^en nid^t erleud^tet, unb baS 9(uge ber 
@ee(e nid^t erl^ettt, bamit fie il^n felbft unb boS Si^t über i^nen erlennen?" 
(S. €^r. SBaur, S^orlefungen über bie (!^riftU(!^e 2)ogmengef(l^i(!^te I, 2. 6. 104 f.) 
— @inb »ir olfo SCrianer? SIttem nad^ l^oben biefe bie ^egreif(id^Ieit hti 
göttlichen ä&efenis begl^olb bel^auptet, tt)eil fie aU ^riftötelüer überzeugt n^aren, 
ba| bem menfc^liil^en SSerftanbe, befonberiS unter ber S9ele]^rung beS 
Logos, eine ooKftänbige Srfenntnid ber gtoedfe^enben erften Urfa(!^e erreichbar 
unb in bem 93cgriff ber aY^wirjola unb beiS fd^affenben äBillend niebergelegt 
fei (S3gl. au4 ^arnad, ^ogmengefd^. II. @. 118.). — 2)aOon ober finb tt)ir 
loeit entfernt, loenn mir fagen, bog ftd^ bem glaubigen SSertrauen in (Sl^rifto 
bie unK ergreifenbe ^eilige Siebedmoil^t offenbare unb bag gerabe bie Urfft(!^- 
U^teit ®otted ber äöelt gegenüber bnrd^ ben SSerftanb nid^t nöl^er befiimmt 
toerben Ibnne. 



332 9leif4Ie, @r!ennen toir bie liefen ®ottcd? 

ba§ bic ©rtcnntniö ©ottc^ fid^ in ber @rfcnntniö ^^n ©^rifti, 
in bcm ©(^auen feiner ^errlid^teit unb bem 9ic^men oon @nabc 
um ®nabe erfüllt, 

®er Slu^brurf „xa ßd^ roö *eor>" ift aber nod) in einer 
befonberen SSejiel^ung felir treffenb jur SSejeid^nung beffen, n>a§ 
unferer ®lauben^er!enntni§ jugänglid^ ift. S33ir oerbinben mit 
bemfelben fofort bie aSorfteHung, ba§ etma« SßerborgeneS ba» 
mit bejeid^net fei ®otte§ l^eilige Siebe ift nun in ber 2:^at für 
un§ etroaS aSerborgeneS , fofem jte fidf) ni^t ate eine S^^atfac^e 
ermeift, 3Bo e§ fid^ um unfer ^eil unb Seben l^anbelt, tommt e§ 
einfad) barauf an^ ob mir un§ pon einer Tla6ft getragen unb 
oerforgt finben, meiere unfer §eil fd^afft. 2:t)or]^eit ift e8, eine 
göttüd^e Siebe nur avS feinen ©ebürfniffen l^erauS ju poftuliren; 
benn mögen mir nod^ f ooiel bebürfen, bie S'^age ift unb bleibt 
hod) bie, ob baS, xocS mir bebürfen, unS abl^ängigen @liebern 
biefer 3EBett auc^ mirtlid^ ju S:eil mirb, ob fid^ bie Siebe ®otte2 
burd^ a33ot)ltl^aten offenbart. 9lun mar ja aHerbingg Idngft in ben 
SBol^ltl^aten, mel^e burd^ Stegen unb ©onnenfd^ein unb fruchtbare 
3eiten ben 9Henf^en ju 2:eil mürben ober meiere burc^ ©toaö* 
leben, Sunft unb SBiffenfc^aft il^nen jufloffen ober meiere au§ ber 
Befolgung fittlidier Orbnungen it)nen ermud^fen, eine mandjfaltigc 
©rmeifung ber ®üte, aud^ ber ^eiltgfeit ®otte^, ber bie Unge- 
red)ten nic^t ju bauembem ®lüdt f ommen lä^t, ben aWenfdien ge* 
geben; fo mar benn audf) eine jerfplitterte @rfenntni§ oon xooffU 
tl^ätigen, aud^ ri^tenben 9Häd^ten, bie über bem Seben ber 3Jlenf(^en 
malten, i^nen aufgegangen, 2lber bie l^eilige Siebe ®otte§, mcldje 
biejenigen ju einem emigen Seben erjiel^t, bie fi^ it)r l^ingeben, unb 
biejenigen rid^tet, bie il|r fid^ DerfcliUe^en, mar bodf) „ein ©e^ini' 
nig, in emigen 3^iten oerfd^miegen", bis e§ in ber SBol^ltat, melc^ 
uns in ©tiriftuS gefd^enft ift, offenbar mürbe, ©o ift eS benn in 
ber 2:i^at ein ®rtennen verborgener 2:iefen ©otteS, menn mir w 
lynb xoo {>eoü ^ap^a^^vta rjfjLtv oerftel^en lernen. — Unbauc^ je^t, 
feit baS ®oangcUum buDon innerl^alb ber SÄenfc^l^eit geoffenbart 
ift, bleibt eS benen oerl^üllt, meldte eS nid^t oertrauenb ju ^erjen 
nel^men. SBie man bie Siebe eineS SSaterS ober einer SJlutter nur 
bann im maleren ©inne beS SBorteS erfennt, menn man ftd^ ban!^ 



IReifd^Ie, (Srfennen mx bie Xtefen ©oHed? 338 

bar unb oertraucnb i^r cr|d)Iic^t, ]o ge^t aud^ @ottc§ fiicbefi^tiefc 
nur bencn auf, welche auf ba$ il^nen geftccftc fittüdje ^eifejiel 
eingeben unb @otttö ^etlSmivfen ftc^ oertrauenSuoQ l^ingeben. 
SBo bic§ oon unferer ©citc unterbleibt, ba bleibt ber ^immeC 
e^m über unferm Raupte; bieS^iefen beig göttlichen 3Befen^ oer* 
mögen roir nur ju erforfc^en, inbem n)ir (£l^rifti ®eift auf unö 
roirten laffen. 

Slbft^tlic^ l^abe i^ oben (@. 330) bie gormulirung gerodelt: 
wir finb in ber @rfenntni§ ber 2:iefen ©otteö begriffen. SBir 
f)aben fd^on oben un§ Kar gemacht, ba§ unS ®l^riften nid|t eine 
fertig abgefc^Ioffene 6rtenntni8 in unferem ®Iauben gegeben fein 
!ann, fonbem nur eine im SBäerben begriffene. 9lun l^at un§ ju 
Snfang unferer Unterführung ber ^w^^^f^ beroegt, ob bie Seben§* 
rätfel, roeld^e auc^ für un8 ®I)riften beftel^en bleiben, nid^t mit 
bem großen SSSort be§ Slpoftete über bie @rfenntni§ ber Jiiefen 
@ottc§ im SBiberfpruc^ ftel^en. S)iefen 3K>^if^t fönnen mir jetjt 
in bem Urteil jur JRu^e bringen: unfere ®Iauben§er!enntni§ ift 
burtJ^ bie Unfertigfeit, mit meld^er fie bei un§ jeitlid^en SMenfc^en 
bel)aftet fein mu^, unb burc^ bie Seben^rätfel, oon meieren fie bem= 
gemd^ umringt ift, nid^t etroa oon bem B^fl^ng ju ben liefen göttlicher 
Siebe abgefc^nitten; rool^l aber ert)ält fte baburc^ jenen beftimmten 
®l)arafter, welcher aud^ in bem paulinifd^en Slu^brucf Ipsovdv ta 
^6L&q Toö i>£oö angebeutet ift: fie mirb ju einem nur allmdl^licr 
einbringenben ©rforfc^en ber 2:iefen ©otte^. 9lur baburd^, 
ba§ ®ott benen, meli^e il^m oertrauen, nic^t mit ®inem ©daläge 
in alten feinen gül^rungen feine ^eifeabfid^t ftar aufgellen lägt, 
lann er ben ©lauben in il)nen erjielien, ber auc^ auf bem bunflen 
SBege an ®otte§ offenbarer ®nabe fid^ genügen Idgt unb fo in 
Ättmpf unb Ueberminben ju männlicher geftigleit erftarft. 3)a8 
oHmdl^licre ^ortfd^reiten ber ®lauben^erfenntni§ ift alfo eine not« 
n)enbige Drbnung göttlid^er ®rjie^ern)ei§I)eit. ®erabe baburc^, 
bap ©Ott nur aUmatitid^ unb ftüdlmeife bie 3lbftc^t feiner Siebe 
uns aufleud^ten Idgt, mirb aber femer in un§ ber ©inbrudl le« 
benbig, bag fld^ un8 l^ier unerfc^öpflidre 2;iefen göttli^er l^eiliger 
Siebe auftl^un. @o mirb ber d^riftlid^en ©laubenäertenntniS gerabe 
burc^ il^re Unfertigfeit eine in biefem Seben nimmer rul^enbe 95e* 



334 9letfd^(e, (Srfenmn toir bie liefen ®otteif? 

iDegung gegeben: bei jiebem 2)unfel, ba$ ft^ un^ lichtet, toitb fie 
JU bem Sobprei^: „'i ßdfto«; irXoötoo xal aoytac xal yvw'jswi: d-eod!- 

baburd^ mirb fte loieber ju neuer Hoffnung belebt, ba^ auc^ bie 
noc^ unerforfdjlic^en ©eric^te unb unergrünblic^en SBege bem 
^eil^jiel @otte§ jufül^ten, unb fo ftrebt fie bem DoQtommenen 
©^auen entgegen, ba mix f o erfennen fotten, mie n>ir felbft erfannt 
mürben. 



SBir l^aben ben frül^ren 3^^if^tii gegenüber }U ermeifen 
gefud)t, ba^ mir, inbem mir uerftelien unb erfahren, mcS unS oon 
@ott }u £ieb getrau ift, mirftid^ in ber @rfenntnisf ber liefen 
©otte^ fortfd^reiten. %ber unfere älu^einanberfe^ung mit jenen 
^ebenfen möre unDoQftdnbig, menn mir nic^t auc^ barauf noif 
befonberg achteten, mie mir bie innerlid^ gemonnene (SrfenntniS 
Don ®ott auSjufprec^en vermögen. äBoQen mir biefelbe für und 
felbft jur noQen 2)eutlic^feit bringen unb inner(id^ ftd^ern, fo ba| 
mir fte un^ immer mieber neu beleben tonnen, motten mir femer 
anbere SMenfc^en in biefelbe einfül^ren, fo bebürfen mir einen oer* 
ftänbUc^en SluSbrud für baS, ma§ unS innerlid^ gemi^ unb 
tlar gemorben ift. .^nmiemeit ift nun ein obdquater SluSbrud 
möglich b. ^. ein fold^er, meld^er ftc^ mit bem, xocS innerlich oer« 
ftänblid^ unb erfal^rbar ift, oöttig bedft? — 

SBir fanben bei unferer Unterfud^ung ber @(auben^erfenntniS, 
ba| fte oon einem @ebiet beS Uner!ennbaren umgeben ift: mie 
@otteS überzeitliches 2tbtn bef Raffen ift unb mie er bie SBelt ju 
fc^affen unb ju tenten oermag, ift unertennbar. SBir bürfen ba* 
raus auc^ für ben ^uSbrudt ber @(aubengerfenntniS fofort bie 
Folgerung zielten: fobatb berfelbe in jeneS ®ebiet l^ineingreift, 
ragt er über baS l^inauS, maS unS innerlid^ erfennbar ift unb 
mu^ unjutreffenb merben. 2)iefeS ^inauSragen ergibt ft^ nun 
aber mit unabmeisbarer 9lotmenbigfeit. Qn bejeid^nen l^oben roxi 
bie unfer ^eit fd^affenbe SJlac^t, meldte mir in bem SBerf d^rifli 
unb ben gö^ningen unfereS Sebeng erfal^ren fönnen unb fotten. 
@obaIb mir nun bie @runbtl^atfad^e jum 9luSbrud( bringen 
motten, ba^ mir in biefen @inmir{ungen auf unfer geben eine 



9leif(|(e, @rfennen totr bie 2:Ufen ®otteS? 835 

einheitliche unfer £eben unb bie äBelt beftimmenbe 3Rad^t 
oertrauenb erfal^ren fönncn^ fo fönnen tplr baS gar nid(t axihti^ 
t^irn, aU inbem loir jur ^^f^w^wi^^föffung jener man^faltigen 
ffiirfungen in einer (Sinl^eit ben öegriff ber ©ubftanj ober beS 
2)ing$ anmenben unb fte als äBirhtngen beiS(Sinen ©dtteg 
(qeic^nen^ auf ben bamit aud^ ber begriff ber Urfac^e angemanbt 
ifl. 9lun fönnen wir ja atterbingä ben SSegriff ber ©ubftanj gauj 
abstraft aiS eine notn^enbige 3)enffunftion un8 }um 99erou^tfein 
bringen, näntlic^ als bie unter gen^iffen 93ebingungen notn^enbige 
Bufommenfaffung oerf^iebener ftnnli^ nnti^rgenommener ober 
innertid^ erlebter äJorgange in einer @in]^eit ; aber fobalb mir auf 
irgenb n)eld^e n>ii^ic^en 93organge, in biefem $aQ atfo auf bie 
erfa^rbaren ^ISroirfungen ©l^rifti unb unfere SebenSfü^rungen, 
biefe 3ufammenfaffung anroenben, gewinnt biefer ©egriff ber ©üb* 
fianj beftimmtere J^tm in unferer SBorfteHung : entroeber brängt 
fic^ bie 93orfteUung räumlid^er @ef^toffen^eit unb Slbgrenjung 
^roor ober aber bie (Erinnerung an bie @inl^eit unfereS ^en)u§t« 
feinS, n)eld^e n>ir felbft erleben, ober aber n>e(^fett einS mit bem 
anbem ab. ®ana baSfelbe l^at ft^ unS fd^on oben @. 306 f. für 
ben ^Begriff ber Urfac^e unb SDSirfung ergeben. — 2Bir bürfen 
uns alf ber S^^atfad^e nic^t oerf c^lie^en : f oba(b mx bie ^eilSn^ir» 
hingen, bie wir in :3efu ®t)rifto, in gö^^'^ngen beS eigenen fiebenS 
unb ber SSBettgef (^id^te erfal^ren fotten unb fönnen, in il^rer wirtlichen 
©nl^eitüc^feit für unfere SSorftettung fiyiren unb mit SBorten auS* 
brficfen, mifdjt fic^ auc^ eine beftimmtere ©eftaltung beS ©ubftanj* 
unb ^ufalitdtSbegriffS l^erein ; unb jmar barf, menn mir mirf Ud^ 
bie (S^riftenerfa^rung auSbrüdfen moQen, nic^t bie 9(naIogie beS ftnn« 
lic^ ma^me^mbaren 2)ingS unb ber pl^gftfc^en SBirtung, fonbem 
nur bie unferer öemu^tf einSein^eit unb unferer pfpc^if d^en 2:t|ätigfeit 
jur leitenben werben, ^aben mir boc^ jum SluSbrucf ju bringen, 
ba§ burc^ jene erfal^rbaren ein^eitüd^en ©inmirfungen auf unfer 
&ben unfer l^öci)fteS SebenSjiel, atfo ein einl^eittic^er 3«>^<* ^^^* 
beigeffil^rt mirb. ©o merben mir mit 9lotmenbigfeit auf bie 
Srinnerung an unfere nac^ Qtotdtn mirfenbe 2;^ätigfeit ^ingetenft 
unb bamit auf bie Sorftellung unb SBejei^nung ©otteS als eines 
bewußten SBefenS, ä^nlic^ mie mir fmb, beS göttlid^en SöirfenS 



336 9let{d^Ie, (Stiennen ittir bie Sltefen ®otteS? 

at^ einer betDU^ten S^ätigfeit, a^nltd^ tDte ipir fte üben. Sber in« 
bem tüir bieS als ganj notmenbig einfel^en, ^aben roir jugleic^ 
ünummunben ju geftel^en: eben biefe beftimmtere ^ftaltung un« 
ferer SSorftettungen unb Seseic^nungen beS ®otteS, ben mir ate eine 
SDSirHic^fcit erfal^ren foUen unb tonnen, greift in ba8 auc^ ffir 
unferen ©lauben unertennbare ®ebiet über; xomn voix oon SSBoQen, 
©efc^Iie^en, Sieben, Erbarmen ®otte§ reben, fo roenben roir bie 
pfi^^ologifd^en Kategorien auf @otte8 überjeitlid^eS fieben unb 
SBirfen an, ba§ bod^ unerfennbar ift, belegen ung alfo in biefe r 
©ejie^ung in inabäquaten SSorfteHungen. ^n biefer tritifc^en 
Sinfi^t f äffen jtd^ atte bie 3roeifel nnb ©ebenfen biefer Art 
Sufantmen, totli^t voix in ben erften Seilen auiSfprac^en. 

9lber mit ebenfo fefter @ntfd)iebenl^eit muffen unb bürfen wir 
nun aud^ ertlaren: 3)iefe SSorfteQungen finb nici^t ttioa ein mid^ 
fürlid^e^ @piel unferer bid)tenben ^l^antafte; {te ftnb aud) nic^t 
ein Ieibige§ 9lnl^dngfel ju unferer ®Iauben§er!enntni§, bog man 
mit bem freilid^ unerfüllbaren 9Bunfci^ betrachten mü§te, bajj e^ 
fid^ boc^ mö(^te l^inroegreinigen laff en. SBol^I fmb fte unjureic^enb, 
um bie unbebingte unb aQeS bebingenbe Kaufalität @otte8 i^rer 
5orm narfi ju beftimmen. Slber fic fmb bie notmenbigen unb 
jurei^enben SÄittel, um ba^jenige Don ®ott, mai^ mir im ©lauben 
richtig unb Kar ju ertennen oermögen, oerftänblid) }U bejeidjnen. 
®iefem ^f^^^It ber c^riftlid)en ©laubengerfa^rung fmb bie pfpc^o* 
togifrf)en unb etl)ifc^en 93egriffe, meldte ba§ 9lcue 2:eftament auf 
©Ott anmenbet, allein mirflic^ angemeffcn; nad^ biefer Seite 
l^in alfo fmb fie abSquat, unb bieg ift bie ^auptfa^e. — 2)ie 
cinfac^ften S3eifpiele illuftriren bieg. <3m 2lnfd^lu§ an O^fu 
SBorte unb anbere 3^u9^^ff^ ^^ 9lcuen 2:eftament§ bejeic^nen 
mir ba§ SBefen ®otte§ ate oäterlirfie Siebe. SSBoDen mir biefen 
2lu§brudE im§ beutlid) machen, fo werben mir fofort baran er« 
innert, mie ein 5Bater oon ®efül^len unb ©efinnungen ber Siebe 
gegen fein Äinb bemegt mirb, mie er biefelbeii in ©c^merj über 
bie 33o§l|eit unb ba§ Unglüdt, in ^reube über bie Jü^tigfeit unb 
ba§ ®lüci be§ geliebten ftinbe§ l^eroorbred^en lä^t, mie er bie« 
felben in Opfern, meld)e er fid^ innerlid^ abringt, unter fortge* 
fester Verleugnung be§ eigenen ^d^ in fräftige Saaten umfe^t Un» 



Sleifd^le, (SxUmtn toir bie Sliefen (^oiitil 387 

©iKfürlic^ Übertragen loir fotc^e§ auf ®ott. Slber n)ir ^aben in 
unferm ®Iauben feinen 93etr)ei§ für, rool^I aber oiele ©rünbe 
gegen bie 3lnna]^me, ba§ in ©otteS überjeittid^em Seben unb 
Sirfen Jreube unb ©c^merj, @ntfd^tu§ unb 3Bitten§impufö, ©etbft* 
wrieugnung unb Überroinbung äußeren SBiberftanbS jtc^ &\)nl\6) 
abfpiele n)ie in unferm jeittid^ t)erlaufenben, oietfad^ t)on ber 
3BcIt abhängigen ©eetenteben. ©leid^roo^l barf unS bie§ an bem 
ffiort von @otte§ SSaterliebe nic^t irre machen. SßSir muffen nur 
ouf ben regten ^fnfialt biefe^ SBorte§ achten. 3)aöfelbe I)ält un^ 
oor, mie in biefer 3Belt in ber mir ©^riftum l^aben, unb roie in 
unferem ganzen fieben für ha§, ma§ un§ ma^r^aft gut ift, mo^I 
geforgt ift unb roie mir biefe $eitemad|t erfahren fönnen unb foßen^ 
iDo^I auc^ fci^on }um £eil erfat)ren ^aben. Unb auc^ anberen 
oermögen mir mit unferem S^iiflniS von (Sottet Satertiebe bie %ii^ 
leitung baju ju geben, ba^ fte felbft für itjr 2^b^n biefelben @r= 
fa^rungen fid^ Idolen. 3Bcnn fte nur baju gelangen, fo faßt eö 
hiergegen ner^ältnigmä^ig menig inS ©emic^t, ob fie etma in 
naiüer SBeife au§ jenem ß^^fl^i^ ^^^ ^i^ ÜDleinung entnommen 
^ben, ba^ bie pfpd^otogifdien ©egriffe, meiere auf @ott angemanbt 
fmb, eine abäquate ©efd)reibung feinet Sebenö unb 3Birten§ 
geben. ©orooI)l ber nait) ©laubige atö berjenige ©laubige, roel^ 
(^er jtd^ fritifc^ über ben ©tiarafter jener SSorftellungeu befinnt, 
fann boc^ burd^ ba§ B^ugniö oon ©otte§ Sßaterliebe baju erhoben 
werben, ba§ er ftd^ in aufrichtigem wiatsosiv ba§ alte^, masJ un§ 
oon ©Ott iu Siebe getfian ift unb roirb, immer tiefer ju ^erjen 
nimmt unb fo in bie ©emeinfd^aft mit ©ott felbft unb in bie 
6rfal)rung oon feiner Siebe eingefül)rt roirb. 3Bem aber ba§ 
3cugni§ oon ©otte§ a3aterIiebebajuoerl)itft, für fein Seben feinen ©ott 
JU finben unb ju erfcnnen, ber roei§, ba§ ©otte§ Seben^tief en mit 
jenem Slu^brud beutlid^ unb ridittg bejeidinet ftnb. — 3Benn mir 
ferner ©otteS SiebeSroilten al§ altmäd^tig bejeic^nen, fo ift babei 
fein ttareg aSorftettungSbilb oon einem Sßotten, ba§ feinen SBiber* 
jionb f ennt, un§ möglich ; aber f lar unb beutlid) lenf t jene§ Söort 
un^ barauf l^in, ba^ ein noc^ immer reid^ereö, umfaffenbereg ©r» 
fahren beffen, roa§ un§ t)on ©ott ju Siebe gettjan ift, ja ba^ ein 
erfafircn in allen Sagen be§ Seben^, in allen SEBenbungen ber 



B88 9leifd^le, C^cfennen wir bie liefen ®otte<? 

®efd^i({e unS oIS baS ^ö^fte 3^^^ gefteift fei, ein S^ti, bem n>ir 
in unemtüblid^em ^ortfd^reiten nä^er fomnten foQen unb fönnen. 
— SHx6ft anber« ftel^t e8 aud^ mit bem jufommenfaffenben 83e* 
griff ber ^erfönlid^feit @otte8. SBereitmillig geben mir ju, 
ba^ un§ ani) biefer begriff, mag man aud^ ftc^ bemfi^n, bie 
3üge beS menfc^Iid^en $erfonIeben§ nur in abgeblaßter unb avS' 
geweiteter gorm fef^ul^alten, feinen Sluffc^tuß barüber gibt, mie 
®otteS fiber^eitlic^eg Seben unb SBirlen oor ftd^ gel^t, fonbem in 
biefer iBejie^ung in'8 Uner!ennbare fdQt. Unb bod^ mir ^aben 
feinen anberen 93egriff, mit meld^em mir bejeid^nen fdnnten, roo8 
jeber ©l^rift in eigenem ©rieben oon ®ott mirflic^ erfal^ren fann unb 
foQ. 2)ad äSemel^men unb &xf)ixm einer ^itte gel^t gemi| in 
®ott ni^t in ber $orm oor ftd^, in melc^er eine menfc^Ii^e 
$erfon eine ^itte ^ört unb erhört; mir l^aben fc^Iec^terbingd feine 
aJlittet, jemals ben SBertauf jenes SBorgang« in @ott ftar unb 
beuttid^ }u beftimmen. 3(ber mit bem Sßort: ,,mir glauben an 
einen perföntic^en ®ott", bejeugen mir für unS felbft unb für 
alte, meldte mir ju bemfelben ©tauben aufrufen möchten, ba^ 
mir einen ®ott l^aben, metd^er un8 in unferen innerften perfön* 
li^en SBebürfniffen feine ^ilfe erfal^ren läßt Um ben ^nfyxü 
jenes öefenntniffeS aber fc^arf ju f äffen, mflffen mir ben ^e« 
griff „^erfönlid^feit" als einen et^if^en 93egriff in Setrac^t 
jie^en. SBir reben oon ftttlic^er ^erf önlid^f eit ba , mo baS innere 
fieben eines 3Renfd^en burc^ ein^eitli^e fttttic^e 9lormen beftimmt 
unb baburc^ ju innerer ©inl^eit unb ju freier ©el^errfc^ung ber auf 
i^n einmirfenben SReije ber Slußenmett erl^oben mirb. SBenn 
nun auc^ bie Unterorbnung ber manc^fattigen triebe unb 9}ei« 
gungen unter ein unbebingteS @efe^ unb bie Verarbeitung ber oon 
außen empfangenen @inbrü(f e na(^ 9Raßgabe biefeS einl^eitlic^en 
®efe§eS, furg bie pfq^otogifc^e ^orm, in metc^er bie fi^ bilbenbe 
menfd^Iic^e ^erföntic^teit lebt, auf ®otteS emigeS SBefen nic^t 
jutrifft, fo glauben unb erfahren mir bod^ , baß bie manc^falägen 
^it^rungen unfereS £ebenS, audE) bie Sßenbungen ber SBeltgefc^id^te 
ftetig auf baSfelbe ein^eitli^e ftttlic^ « beftimmte ^eil l^infü^ren, 
melc^eS burc^ bie äBirfung Q^^rifti bei benen, mel(^e ftd^ il^r^im 
geben, gefc^affen mirb; unb eben bieS bejeid^nen mir mit bem 



^tx^^lt, erfcnnen toxi bie Xiefeit Ootte«? 389 

®Iauben an bcn pcrfönlidfien ®ott. SBcnn wir nur bittenb b. ^. 
mit bem ^erjUd^cn 3Bunfd)c, fein aSäirfen ju erfal|rcn> tinS \f)rti 
anvertrauen, gibt eS feine 9lot, bie un§ nic^t bur^ ifjn in ©cgen 
wriüanbelt , feinen SIRangel, ber un§ nid^t burc^ il)n roa^rt>aft 
geftiHt, fein norf) fo oerborgeneS 3lnliegen, ba§ nidit in feinem 
^ifön>atten berücfftc^tigt würbe; eg gibt aber au^ feine ©ünbe, 
über roeldje nidjt fein @erid)t erginge. 3)arum ob auc^ ba8 
finbüc^e „3)u", mit metd^em mir im @ebet un§ an ®ott menben, 
pon @otte§ SBefen nur ftammeft, fo ip biefe^ „3)u" bod) bie 
^^WQ jutreffenbe unb beutlic^e ^ejeidinung fomol^I für ba§, mag 
Don @(auben§oerftänbni§ unb »erfatirung fc^on in unferem ©ebete 
felbft }um SluSbrudf fommt, mie für alleö baS, mag mit burd)'§ 
@ebet erft noc^ erleben m6d)ten unb foUen. 

©0 ift e§ nun einmal @otte§ SBitte, ba§ au^ biefe« 
ftammelnbe SSBort, menn e^ nur an bie fieHen Offenbarungen 
®otte§ ft^ ^ält unb oon bem aeugt, n>a§ un§ in ^efu Sfjrifto 
unb in unferem ganjen Seben ju Siebe gett)an ift, ein Seben iftit 
®ott unb au§ ®ott fd)affen unb erhalten fann. SHlermegen f>at 
ja ©Ott , roenn er fein emigeS Seben in feinem ®eift ben SR^nfrf^en 
mitteilen will, ba§felbe in irbifc^e SBerf jeuge gefaxt. „2&ir 
liaben aber biefen ©d)a^ in t^önernen ®efäj3en/' baS gilt Don 
ben ^erfonen, n)eld)e bie Sräger ber göttlii^en @eifte§erleud)tung 
jtnb: ein irbifd)e§ Seben ooH Seiben, 93angen unb 2^ob! unb bod^ 
rooljnt barin unb mirft baburd^ bie Seben8= unb ®eifte§fraft 
@otte§. @§ gilt pon ben ©aframenten: fte finb menfd)lid)e ^anb* 
lungen, bei benen fc^mad(e, fünbige 3Renfcf)en sufammenmirfen, 
unb bod) offenbart fid) unb teilt pd) barin ba§ Seben Qefu ©lirifti, 
be§ ®efreuäigten, mit, ber in ©otte^fraft lebt. @g gilt att(ä^ Dom 
3Bort be§ ®ebetg, ber "ij^rebigt, be§ 93ef enntniff eg : e§ ift von 
ntenfd^lidjem 9Kunbe gerebet; e8 bewegt fid) in ben Sorfteöungen 
beö enblic^en ®eifte§, roeld^er nid)t in ba§ unjugdnglic^ STdf)t 
göttlichen emigen 3)afein§ unb ©df)affen^ fd)auen fann; auc^ nofi 
ber ©rö^e ber göttlid(en ©nabengaben, bie un8 offenbar fmb, 
rebet e§ oielfai^ in ©df)road)^eit, meldte biefe ©rö^e nur al|nt, 
nod) nic^t burci^fdf)aut. 3)ennod) aber jeugt biefe§ 3Bort t)on 
©Ott unb e§ oermag göttlid)e§ Seben ju erjeugen, jene^ Seben, 

3eUfil^nft ffir Z^eologtc unb ^irc^c, 1. da^rgv 4. ^eft. 22 



840 9leif4Ie, €rfennen toir bie Xiefen ®ottei? 

von TDeld^em tö l^cl^t: vovl 8k |iiv6t iciazi<;, eXTuig, aYdmQ, td 
xpla taöta, 

3)ie parabojce ^age, ob nid^t oielleic^t getabe in ben tnabaquaten 
SSorfteQungen beS dfriftlid^n @otteSbegriffS eine abäquote @rtenntniS 
ber 2:tefen ®otte8 un8 gegeben ift (©. 312)^ \)at nun i^ten guten 
@inn fflr unS gen^onnen unb eine bejoi^enbe 9(ntn>ovt gefunben. 



äBenn n)ir bei jebem 9(u8brudt beS ©ottedglaubenS eingig 
unb allein bamad^ fragen: inroieroeit ftnb bamit bie 2^iefen ber 
geoffenbarten göttlid^en Siebe ober td lyicb toö ftsoö /apta^dvta 
f^ftiv Kar unb beutlid^ bejeic^net? fo l^aben voit bamit au^ ben 
rid^tigen aWa^ftab fflr bie Beurteilung ber in ber ©efc^ic^te 
auftretenben ®otteSanfc^auungen. @oQen bie ^ortf^ritte 
in ber ®otte8erIenntni§ innerl^alb ber ®efc^id^te ber SDlenfd^^t 
etn)a barin liegen^ ba| fold^e Bef(^reibungen beS göttßd^en SBefenS 
auSgeflflgelt n)urben, bei meieren ftd^ eine einfachere n)iffenf^ftli(^ 
©rflärung ber SBeft au8 ®ott ergab? ober fotten bie gortfdjritte 
etn>a in ber energifc^en 9ieinigung ber ©otteSoorfteUung Don 
ant^ropomorpl^en (Elementen gu fuc^en fein? 9lun, bie ^rop^eten 
be8 211 ten 2;eftament§ l^aben roebcr in ber einen no^ in ber 
anbem Besiel^ung (Spoc^e gemad^t. Unbetümmert um jene Qx-- 
flarungSbebflrfntffe unb um bie @c^eu oor ftnnlic^en SSorfteQungen 
malen fie mit fräftigen 3^8^^ xf)xtm SBolf ein Wlb i^reä ©otteä. 
Unb bod^, mer miO eg leugnen, ba^ il^re äJertflnbigung eine neue 
^ö^ere @tufe ber ©otteSertenntniiS bejeid^net? 9ßarum bog? Klar 
jeigen fie il^rem SBolf, mag Qf^raelg 93eruf unb ©eftimmung ift. 
9tid^t Opfer bringen unb $efte l^alten unb freimiUige @aben letften, 
im Stempel erfd^einen unb fic^ büdfen nor @ott, ift bie ^öc^fte 
3lufgabe für Ö^rael, fonbem 9iecl)t unb ©ere^tigfeit üben unb 
bemütig auf ®ott oertrauen. Unb menn bie ^i^raeliten meinen, 
(Sottet SEBir!en gel^e barin auf, bem 93olf ^f^rael ©egen unb 
©d^u^ ju fpenbcn, feinen 2:empel ju befc^irmen unb alle geinbc 
balb in großem ©trafgerid^t niebcrjumerfen, fo öffnen il^nen bie 
^rop^eten bie Slugen für ©otteä malere« 2:^un: roo^l jeigen 
aud^ fie ©otteg fegenSoolleS SBirten in QSraete ©rrettung avä 



Stetf^IC; (irfennen toir bie Sliefen ®otteilt? 341 

M 

Slgqptcn unb in ber ©infül^rung in'§ fianb ©anaan imb in bcr 
ßrlöfung aii§ mancher JJ^inbcSnot; aber fie laffcn auc^ @otte8 
©eric^te über be§ SBoIfeS ©ünbe in ad bem Unglürf erfennen, bog 
fc^on über ^färael ergangen ift. Unb im 2lnfd^Iu§ hieran machen 
fie i^rem Sßolf Derftänblidi, ba§ e8, wenn e8 im Sünbigen fort^^ 
fa^re, (Sottet 3Birfen in weiteren großen ®erid^ten^ in ©d^roert 
unb ^eft, in geuer unb ©rbbeben, in Jrorfenl^eit unb ^eufd^redf en* 
plage, in f^inbeänerl^eerung unb ^inmegfül^rung, werbe ju erfal^ren 
^ben; fte ma^en il^nen aber aud^ einbringlic^, ba^ baS bußfertige 
Sott SS8ieberaufrid^tung unb eine ©cgen^füÜe, meldte au^ au§ bem 
Suin erroad^fen folle, werbe erleben bürfen. SBie wirb burd^ ben 
Suffc^Iuß über ^xadä öeftimmung unb über ®otte§ ©egenä* 
unb ©erid^tSroalten ®ott afö „ber ^eilige ^f^raefö", afö ber aß« 
mad)tige ^err aHer SBelt unb aller SSölfer, bem 3»^^^ ^«^ 
3i^raettten oerftänbüc^! 9Äit all il^ren anti^ropomorpl^en ©c^ilbe* 
rangen be8 forbemben, fegnenben unb ridjtenben ®otte8 eröffnen 
bie 5ßropI|eten bod^ neue Slidte in bie 2:iefen @otte8. SBon wie 
geringer bleibenber ©ebeutung finb im aSerglei^ bamit bie 
forgli^en Semül^ungen eineg ^l^ilo, ©otteg SBefen por jeber SBer* 
fmnlii^ung burd) bie ^^teilung einer beftimmten icoiöttjc ju be* 
roal^ren unb burd^ (ginfc^iebung non SJlittelmefen ba§ ÄaufalitätS* 
banb ju beftimmen, burd^ meldjeS ®ott unb aSäelt jufammenl)ängen! 
%xx wer rid^tiger unb beutlid^er Derftel^en unb erfal^ren leiert, unter 
löelrfier 9Wad^t unfer Seben unb bie SBelt ftel)t unb ju roeld^em 
3iel mir unb anbere 3)lenfd^en in ber Eingabe an jene SWac^t 
gelangen fönnen, begrünbet einen ^ortfdtiritt in ber ©efd^id^te ber 
@otte§ertenntni§. 

9lur unter biefer 35orau§fe§ung tonnen mir behaupten, baß 
in g^rifto bie oollfommene, nic^t ju überbietenbe Offenbarung 
©otteg un§ gegeben fei. ^efu8 t)at feine 2luffcf)lüffe barüber ju 
geben gel^abt, mie ©ott Siegen unb ©onnenfdjein mac^e unb an 
loelrfien Böfl^t^ ^^ ^om l^olien ^immel t)er ben Sauf ber irbifd^en 
5)inge lenf e ; er l^at, menn er aud^ alljuftarf e a5erfmnlid)ung meibet, 
boc^ o^ne ©d^eu in menfd^enSl^nliclien aSorftellungen ftc^ bemegt. 
9lber mir !önnen bie @rtenntnt§ nie au§fd)öpfen unb nie über= 
bieten, meldte un§ fein Seben unb SBJort oon ben 2^iefen ber l^eiligen 

22* 



842 fftti\ä^it, iSrfeimen mix bte 2:iefen ®otte«? 

ßkbe ®ottc§ eröffnet. — Unter benen, roeld^e gläubige ^Jünger 
bicfer Offenbarung waren, I)at ein Sut^er mel^r ate anbere @ott 
intö nai^ejmitdCen Derfud|t, nur um flar ju mad)en, n)ie er mit un$ 
umgel^t. £utl^er fud|t einen lebenbigen (SinbrudE t)on @ott in 
feinem ää^wen, ©dielten unb ©rollen, feinem ®rbarmen, 3:röften 
iinb 93er^ei^en in ben ^erjen ju ermecfen. 9lec^t einfaltiglic^ 
ftreid^t er bag au§, ba| mir einen SSater im ^immel ^aben. S)a 
fragt er etma: ,,^annftu haS glauben, ba^ @ott broben fi^e, 
unb nic^t fd|Iafe ober anberSmo l^infet)e unb bein oergeffen l^abe, 
fünbem mit marfem, offenen Slugcn fielet auf bie ©ercc^ten, bie 
ba @emalt unb Unred^t leiben ; n>a§ miUtu bentt !(agen, unb Un- 
mutlos werben über ©d)abcn ober Seib, fo bir miberfd^ret, fu er 
feine gnäbige 2tugen gegen bir menbet . . . ?" „3Bie er bic^ 
aufteilet mit gndbigen ladienben älugen, fo ^ört er auc^ mit (eifen, 
offenen Ofiren bein Magen, ©eufjen unb 53itten." — „838ieberitmb, 
ba§ atagefid^t be§ ^rm fielet auf bie ba »öfe§ t^un." — „2)a§ 
ift nic^t ein freunbüdier Slirf ober gndbig ©efic^t, fonbem ein 
fauer jomig änfe^en, barob fid) bie Stirn runjelt, bie 9lafe 
rümpfet, imb bie Stugen rot^ unb gliü^enb funfein, wie ein jomiger 
aWenfd) tl>ut" (S. 21. 2. 3tup. 9, 137). 2luc^ mit folc^em ein^ 
fältigen 3^"8^i^ ^^ ^^^ Sutl^r bod| tiefer in bie @rfenntni§ 
eingeführt, meiere oon ®l)rifto au§gel)t, ate bie ©c^olaftiter mit 
i^ren geläuterten Segriffen oon ®ott als actus purus, prima causa 
unb finis ultimus, unb mit il^rem Semü^en, gerabe ba§ für ben 
Glauben Unerf ennbare, @otteS SSertialtniS ju ben causae secnndae, 
bttrdi Segripjerglieberungen unb ffierftanbe5fd)lüffe auSjufüffen. — 
9Q3er biefeS Urteil für bie @efd|ic^te gewonnen ^at, xm^ qu(^ 
über bie @otte§anfd|auung feiner SKitdiriften billig unb gerecht }u 
urteilen. @§ tl^ut oor allem einem ©eelforger not, ba§ er barauf 
ju a^ten mei^, inwieweit aud| im unjutreffenben SSorftellungSbilb 
unb äluSbrudC eine @r!enntniS ber göttlid^en SebenStiefen i^m be« 
gegnen fann. ©ie ift oieUeidit bei einem ber vijictoi, welc^ 
©laubendin^alt unb 93orftellung§bilb nid)t gu fdieiben wiffen, me( 
tiefer afe bei un^, bie wir jwar tritifdi baS festere ju beurteilen 
wiffen, aber boc^ im ^ö^ften, namlid) in unferem eigenen 55etcn, 
aud| an bie Slnwenbung ber pf^djologifci^en $tategorien gebunben 



9leif(^le, exfeunen mir bie Xiefen Ooiteö? 343 

fmb, ja fogar von bem finnlid) = anf d)auUd)cn SSovftettung^bilb 
mo\)l nie oöUig loSfommen. 

V. 

^mit l^aben iDtr nun ouc^, mie id) meine ^ einen feften 
£tanb|)unft gegenüber ben Angriffen eingenommen, meldte mir 
gegen bie ©runbbegriffe be§ diriftUdjcn ©otteöglauben^ gerid)tet 
fe^en. (gin ©trau§ l^at (ogL ©. 293) fiege§gemiJ5 barauf l)ins= 
geroiefcn, ba$ mir ben Segriff ber ^erfönlid)feit mit bem ber 
äbfolut^eit, ober, fo fagen mir bafür, einer unbebingten, alte§ 
bAingenbcn Äaufolität nic^t miberfprud^SloS vereinigen fömxen. 
On biefem ^^unöe f)at er 9ied)t, ba mir über^oaipt ben lederen 
öegriff nidjt auSjubenfen oermögen. 3lber Strauß mit feinem 
p^itofopl^if^en 0nteUe!tuaIi8mu§ ift oon ber SßorauSfe^ung be« 
^rrfd|t, ba| mir, menn mir uon einem perfönlid^en ®ott fprec^en, 
eben barauf ausgeben, bie gorm be§ götttidf)en ®afein§ ju er* 
fennen unb eine ^rftärung ber SBelt aud @ott ju erreichen. 
2)arüber gel^t er an ber ^auptfadf)e oorüber, bojj mir mit jenem 
Sorte oielme^r bie ffirfal^rungen jufammenf äffen, meld)e unS im 
©tauben an ©^riftum jugängüdi ftnb, bie @rfa^rungen unferer 
2lb{)ängigfeit von einer ^Dladit, meldje unS innerhalb einer @e* 
menifc^aft ber ©laubenben ju unferem ^eil ergießt. 3)iefer 
reUgiöfe «gn^att beg ^riftlidien ©lauben^fa^e^ oon einem perföu;^ 
Uc^n ©Ott ift be^^alb oon Seiten be§ fc^arffinnigen ÄritiferS 
ouc^ unmiberlegt geblieben, ^ätte er oon biefer allein auSfc^lag:' 
gebenben ©eite au8 ben 93egriff ber ^erfänlid^feit (SotteS miber* 
legen motten, fo ^ätte er jeigcn mfiffen, ba| bie oermeintlid^en 
(Srfa^rungen beS ©Triften blo^e ^Cufionen feien, ober jum min* 
beften, ba| jene @rfaf|rungen mit bem begriff beS perfönlic^en 
@otteS unrid|tig unb unbeutlid) begeic^net feien. 

t^nlic^ ift es mit bem Singriff oon Q. ®. gierte: ^\ä)t 
barin ift fein geljler ju fud^en, ba| er ben Segriff ber ^^erfön* 
lic^feit für eine inab&quate Sefdjreibung ber göttlid^en 3)afein8meife 
erflarte. ffir l^at gang SRed^t mit ber ©rflärung: bie ^nt^i^mi 
©otteS „in einen ©egtiff ju f äffen unb ju befdireiben, mie e§ 
oon fic^ felbft unb anberen miffe, ift f^leci^tl)in unmögli^i^" 



344 ffiti\^lt, (Srfennen toit bte liefen ®otte«? 

(@erid)tL 93erantiDortung gegen bie Slnflage be$ 3lt^ei^muS. Qena 
1799. ©. 50). 5id)te'§ 5^f)Ier loar eä melmeljr, ba| er in 
bem 93egriff ber ^erfönlid^fcit nid^t bie notroenbige unb ju* 
treffenbe 93ejeid^nung ber erfalirbaren göttüdf)en Sebengroirfungcn 
ertannte. 3w><i^ ^^tte %xd)tt Diel melir afe ©trau^ ein SJerftdnb- 
nxS bafür^ ba^ e§, roenn n)ir t)on @ott reben^ um bie Sejeic^- 
nung einer SQäirHidifeit fic^ lianbelt, n)eld)e mir mit bem ©lauben 
beS ^erjenö ergreifen muffen. ®arum l|at er auc^ bie 3Beit* 
^ergigfeit, eS gutmütig ju belädieln, ba^ „bie fromme @infatt" 
©Ott „fo, mie er oor bem alten 2)re§bner Oefangbuc^e abgemalt 
ift, als einen alten SKann, einen jungen 3Äann unb eine 2:aube, 
fic^ bilbe, — wenn biefer @ott nur fonft ein moralifd^eS SBSefen 
ift unb mit reinem ^ergen an i^n geglaubt mirb" (Slppel* 
tatton an baS ^ublifum. ^ena*£i^. 1799. ©. 61). @r gefte^t 
aud^ in, ba^ ber Segriff eineS ejnfttrenben göttlid^en 3Befen§^ alfo 
bie Slnmenbung beS ©ubftanjbegriffS, unfd^äblic^ fei, wenn ber 
aWenfci^ bamit nur baS „unmittelbar in feinem ^fnnem fic^ offen* 
barenbe a5erl)ältni3 einer überfmnli^en SQäeft ju il^m" jufammen^ 
faffen motte (ib. @. 38 f.). Slber er oerfagt bo^ bem begriff ber 
^erfönlidifeit bie fd|ulbige Slnerf ennung , ba^ berfelbe nic^t bIo| 
unfd|äblid^, fonbem bie einzig jutreffenbe 93cjei(^nung beffen ift 
mai^ mir im ©tauben erleben foUen. SQäarum bieg? — gid^te'g 
moraüfdier ©taube ergebt fid) nur ju ber Übetgeugung, „ba^ e^ 
eine Sieget unb fefte Orbnung gebe, . . . nac^ meldf)er notroenbig 
bie reine moralif die 3)enf art feiig mad)e , f o wie bie finnlic^e unb 
f[eifd)lic^e unauäbleiblid^ um atte ©eligfeit bringe" . . .; „eine 
Orbnung, in meld^er aä^ fmnlidf)en 838efen begriffen, auf bie 
SKoralität attcr, unb oermittelft bcrfelben auf aöer ©eligteit ge* 
redf)net ift; eine Orbnung, beren ©lieb id| felbft bin unb avS 
meldjer ^eroorgetjt, bag id) gerabe an biefer ©tette in bem Softem 
beS ©anjen ftel)e, gerabe in bie fiage fomme, in welcher eS ^ic^t 
wirb, fo ober fo ju lianbeln, ol^ne Klügelei über bie folgen ..." 
(ib. ©. 35 f.). Sei biefem ©tauben rul)t bie Seele roo^l and) 
in einem Überfmnli^en, roeldjeS burd) „bie unmittelbar gebietenbe, 
unauSttlgbare unb untrüglidie innere ©timme be8 ©eroiffenS" 
ftd^ funb gibt unb an6) Urfad)e einer berarttgen Orbnung ber 



9teifd^Ie, €rfennen tou bie Stefen ®otted? 345 

fflclt ift ba^ lüir in il^r burc^ bie freie Erfüllung bcr 5ßPi^t 
lebiglic^ um bcr ^flid|t roiHen unfere ©eligfeit geiüinnen fönnen. 
Sfter in biefem ©tauben fet(lt etrooS, roag gerabe bem d^riftlid^en 
@laubcn [eine ftraft gibt: in ber ^pid^terfuQung foUen wir 
felbft unfere ©eligfeit f (Raffen unb jugleidi burc^ bie unmittel* 
bare Offenbarung be^ ftberfinnlic^en in unferm ©emiffen un5 
)u bem ©lauben erl^eben laffen, ba^ mit unS felbft aud^ bie 
gange SBSeltorbnung, beren ©lieber mir finb, oon biefem Über^ 
fmnlid)en abfängt unb gmar eben in ber äßeife^ ba| mir in 
biefer SQ3eltorbnung unfere ©eligfeit gewinnen fönnen. ^ier fe^lt 
ber offene 93lirf für haä, xocS ^uluä zä oirö toö *6oö yiapia^vca 
ij[itv nennt, oor allem für bie ©eiftegmirfungen Qf^fu ®^rifti, 
aber aud) für bie SebenSfü^rungen, mel^e un8 ni^t nur einen 
jwffenben ©toff für bie 93et^ätigung unferer fittli^en Rraft ju* 
ffiliren, fonbem unS ju unferem ^eil erjiel^en. SBSer nun ba8 
SerftanbniS bafür gemonnen ^at, ba| mir gerabe in ber Der* 
trauenSootten Eingabe an biefe ©inmirfungen ^rieben, Äraft jum 
OuteSt^un unb emigeS Seben flnben, ber finbet gerabe in i^nen 
bie einl^eitlid^e unbcbingte SJla^t ju unferem ^eil, Don ber mir 
mit famt ber SBJelt abl^ängen, unb bafür gibt e8 feine anbere 
^eic^nung, al^ bie 93erfünbigung oon ber Siebe ©otteä unb 
bamit Don einem perfönlid)en ©ott. f^ür ^^id^te fmb nur mir 
bie ^$erfönlid|feiten, meldie in ber Sßermenbung ber moralifd^en 
Jo^igfeit, bie il^nen gegeben ift unb in i^rem ©emiffen fid| funb* 
t^ut, unb in ber SBermertung ber Söeltorbnung, bie il^rer mo» 
ralifc^en Aufgabe angemeffen ift, fittlid)e greil^eit ober ©eligfeit 
ermerben ; nac^ ^riftli^em ©lauben bagegen merben mir freie ^er« 
fönlic^teiten nur in ber gläubigen Eingabe an bie in ^fu ©l^rifto 
unb in greub unb Seib unfereS SebenS fid^ offenbarcnbe 3Äad|t, 
mel^e auf unfer ^öd^fteö Seben^giel l^inmirft, in allen 9^öten 
unb Slnliegen bcn ©laubenben trägt unb fein ©ebet erhört, b. 1^. 
aber eben, perfönlid^e ©eifteS* unb fiebenSma^t ift. 

SRit unferer Sßerteibigung beS 93egrip ber ^erfönli^feit 
^ben mir eine anbere apologetifdie ©teUung eingenommen, afö 
fie m n unb in in Slnlel^nung an fio^e unb 93iebermann t)on 



346 9letfd^(.e, ^rleniten tuix bie %ie^tn ©otteS? 

unsJ gefc^ilbert lüovbcii ift; jugleic^ aber fönncn mir üon un* 
f.erem ©tanbpunft anä oottftänbig wüvbigeii, toaS in jenen anberö 
gerid)teten apologetifdien Scmüi^ungen 93ered|tigte§ liegt. S)arin 
|at ein SBiebermann ganj Sfiec^t: rocnn e§ gälte, bie ©üb* 
fiftenjn)eife be§ unbebingten alle§ bebingenben (abfoluten) 3ßefcn§ 
in ein^m t)öllig jutreffenben ©egriff ju beftimmen, fo müßten wir 
in ber 2:^at über bie 93egriffe be§ SBoIleng, SBiffenS, aSef^Iie^enS, 
bet Siebe^ beS ©rbarmenS unb bergl., roeld^en bie ©rinnerung 
an bie pfqd^olügtfdien 5^*^^^ unfereiB jeUIid^en ®eifteSleben§ 
immer an^a^et, ung ju erl^eben f uc^en. SB e n n e§ gälte ! 3lber 
gerabe barin liegt ber geljler biefer 2lpologetif, ba§ ftc nergeblic^ 
na^ bem „reinen, ®ott altein abdquaten 93egriff be§ abfoluten 
©eifteS" l^afd)t, ftatt mit ber fritifdjen ©infi^t fidf) ju begnügen, 
ba§ mir ba^ t)on ber SSelt unabl^ängige SBefen unb bie 3Belt 
fdiaffenbe SBirfen beS @otte§, beffen allmäcl)tige Iieilige Siebe in 
ii^ren SBirfungen innerljalb ber SBelt unferm ©lauben üerftänb* 
licfy ift, nie in einen abäquaten 93egriff ju faffen nermögen. 3)iefe 
fritifd^e ®infid)t lenft unfer 93emü]^en barauf l^in, nielmelir jene 
göttlid^en ^eilSmirtungen , meldf)e im ©tauben oerftanben unb er- 
fahren merben f önnen, in itirem eini^eittid^en 3^^/ ^^ ^^^^^ 3^' 
fammenfaffung in (St)u\to, in il^rem inneren SRei^tum, in i^rer 
SJlod^t über atteS in unferem fieben, in ilirer fegnenben ober 
rid|tenben ©ematt innerhalb ber ©efd^i^te ber SSölfer, unS unb 
anberen in mögti^ft fdf)arfer giyi^ung oerftänblid^ unb erfa^rbar 
}u madf)en. Sei öiebermann fetbft finbet fid^ (nergl. ®l^rifÜ. 
®ogm. 1. aiüfl. § 717 unb 738) bie ^fenntniö, ba§ bie „innere 
aSa^ri^eit", ber „fubftanaielle 3Ba]^rI)eit§fem" ber Sßorfteltung oon 
@otte§ ^erfßnli^tcit unb perföntidf)er SSorfel^ung in bem perfön^ 
üd^en SBedtifeloerfel^r be§ retigiöfen SÄenfd^en mit @ott gegeben 
fei. 9^un benn, auf biefe „innere a03al(rl|eit", bie mir im 
93egriff beS perfäntidien ©otteS auSfpredtien, ni^t auf ben un* 
faßbaren 93egriff beS abfoluten ©eifteö l^at au(^ bie ©rforfdiung 
ber liefen ®otte§ au^jugelien. 

fio^e feinerfeit§ l^at bar in ganj SRec^t, ba| er gerabe ben 
©egriff ber ^erfönlidtifeit um feinen ^reiS I)ergeben mitt unb 
bor rtKem aud^ bie ©emüt^bebürfniffe beS 9Äenf^en in il^m be* 



^ti\ä)U, C^rfennen tuir bie liefen @otted? 347 

fricbigt finbet. Stbcr gcrabe baö letjtere ift nic^t mit berjcnigen 
cdiorfc, it)eld)c befonbcrS ber cf)riftlici^c ©taube in biefem ^iinft 
oerlangen mu^, na^geroiefen. 2:äd)tige Slnfö^e baju finben fid^ 
roo^I in bcr Slnfnüpfung an ben ibealcn öcgriff ber fittlidjcn 
'?krfßnlid)feit 2lber ftatt nun über bie erfal^rbaren SBirfungen 
oufjuflären, welche einl)citUci^ unb ftctig auf ba§ ftttUd)e ^eiföjiel 
ber ©laubenbcn l^inroirfcn, unb babur^ bie Stnroenbung bc§Se= 
griffe "ißerfönUc^teit auf @ott afe richtig ju crroeifen , üerfällt So^e 
in ba^ falfc^e 93eftreben, bai^ 93erl)ältni§ ©otteä afö beö unbebingten 
ffieltgrunbeä ju ber t)on il)m bebingten 3B5ett nätjer ju befttmmen 
unb begreiflidi ju ma^en, ba§ in bem gßttlidien 33en)u|t]ein aSor= 
jiedungen, SEBittenSbeftimmungen unb ©efül^le boc^ roenigften^ 
ä^lic^ ablaufen wie in bem menf (i)Iid^en SJemu^tf ein. 21. 91 i t f d) I 
^t ba§ SHc^tigfte in So^e^ SKebitationen,. nämlic^ bie 2lnfnüpfung 
an ben 95egriff ber ooEfornmenen ftttUd^cn ^^erföntic^feit aufge* 
nommen ; bo^ milt e§ mir f d}einen, ba§ SRitf c^I feine SBerteibigung 
beö Segriffö ber ^erfönlid^feit nid)t mit ootter ©c^ärfe gegen 
So^e'S baran l^ängenbe Semäi^ungen, ba^ perfönlidie £eben unb 
ffiirfen ®otteS begreiflid) ju ma^en, abgegrenjt unb ba§ er bie 
Unjulängli^feit be§ ^Begriffs ber ^^Jerfönlid)feit, eine abäquate 
6rfenntni§ oon (Sottet 3)afein§form unb ^aufaUtätSüerl^ättnisf 
jur SEBelt ju vermitteln , nid}t Mar genug au§gefprod)en l|at 
(3L 9litfd)l, bie ^riftlid^e Seigre oon ber 9?ed)tfertigung unb 
aSerfö^nung. Sanb 3. § 30). 

VI. 

aBeId)e Slufgabe ergibt fid) für bie SBiffenf diaft bev d)rift* 
lid)cn ©laubenSlel^re, menn ftd| bie Srfenntni^ ber 2:iefen 
®Dtte§ in ber oon un8 bezeichneten SKc^tung beroegt? 2)er 
©egenftanb, mit weld^em fic^ bie d)riftlid|e ©laubenälc^re in§:: 
Sefamt ju bef^äftigen l^at, ift a\le§ haä, xoc^ un§ im @lauben 
an 3efum ®^riftum atö SBirtlic^feit gemi^ werben fott. Sie l^at 
über bie gefamte SBelt beö ®lauben§, meldie un§ irbifd^cn in ber 
3BeIt lebenben SJlenfc^en in ^i^fu ©^rifto afe eine neue SBirf* 
lic^teit aufgeben foK, un^ ju orientixen. @o ^at fie au^ in 
i^er @otteStel^re beutlic^ ju madien, maS unS pon @ott im Vertrauen 



348 Sletfd^Ie, d^rlennen tt)tr bie liefen ®otted? 

ju 3f«f u S^rifto afe loirHidj gcroi^ locrbcn foH. 3ur Sejeidinung biefet 
ju crleb^ben 3BirfIidf)feit l^at bic ®Iaubcn8leI)rc feine üöUig anbeten 
aJlittel afe bog c^riftü^e S^wfltiiS. SGBenn biefe§, wie wir oben 
un^ überjeugten, nur mit ^itfe beS SBegriffö ber ^rfonlic^feit 
unb perfönlid^en 9BoKen5 unb ^anbelnS eine Sllinung t)on bem 
SDSefen unfereS (Sottet geben lann, fo ift aud) bie d^riftlid^e 
©loubenSle^re baran gebunben. (Sim ©otte^Ie^re, welche fic^ 
barüber l^inroegfetjt, oerliert nur il^r Objleft, roeldje^ fie bod^ jeben» 
faKä mit bem (Skuben gemein l^aben foüte. @ie rebet melleic^t 
no(^ oon Sßer^filtniffen, mel^e einer fpe!uIatioen SEBelterfldrung 
TDon SBid^tigfeit fein mögen, aber nid|t mel^r oon ber aBirftic^feit, 
in welcher ber (Slaube lebt unb mit melier bie ®lauben§Iel^re, 
mcnn ftc nidf)t il^re^ eigenen SHamenS fpotten roiH, fic^ gu be* 
f^aftigen l^at. SWan ne^me jum 93eleg l^iefür bie 3)epnition oon 
Siebe @otte§, meldie mir @. 305 citirt l^aben, unb oergleic^e fte 
mit bem, ma§ mir @. 313—322 ate ben ^ni)aU beg ©laubenS* 
begrip ber gßttli^en Siebe ju entmideln Ratten! ^ne a)efi* 
nition bejeid^inet bog gar nid|t mel^r in oerftänblic^er SBeife, vocS 
ber einfädle ffi^riftenglaube meint, menn er oon ®ott unb ®otte8 
Siebe afe ber DueUe rebet, „barauS un8 aßen frü^ unb fpat oiet 
^eil unb ©Utes fleugt." 

aSenn aber bie ^riftlid^e ©laubenSle^re in i^rer Seigre oon 
©Ott aud) nichts anbereS als biefe SebenStiefen ©otteS unS 
meifen foK, in meldie fid^ ber c^riftlidie ©laube gu oerfenfen ^t, 
^at fie bann überl^aupt noc^ miffenf^aftlid)en ®l^arafter? 
wirb fie bann nic^t jur jufammenl^ängenben ^rebigt? — Sie 
rttcft in ber S^l^at oiel nä^er mit ber ^rebigt jufammen; aber 
um bie miffenfdiaftlic^e Aufgabe ber ©laubenSlet^re unb — nwS 
uns ^ier befonberS befdiöftigt — ber ©otteSlel^re in i^r braucht 
uns barum noc^ nid|t bange ju fein. @§ bleiben i^r brei mistige 
3lufgaben, meld)e nur mit umfaffenben miffenf^aftlid^en SWitteln 
il)rer Söfung aKmäi^Iici^ ndl)er geführt merben Knnen. 

©rftenS ^at bie bogmatifc^e ©otteSlelire, meftn fic aud^ nic^t 
oöUig anbere SJlittel gur ^ejei^nung ber äBirftid^feit ©otteS an» 
menben tann aU baS ©laubenSjeugniS, biefetben äftittel bo^ in 
anberer SBeife ju benü^en. @d)Ieierma^er l^t in bem § 16 



9letf<j^le, (SxUnmn n)ir bte liefen ®otted? 349 

feiner ®lavibtt\Slti)xt jioifdjen einem bidjterifd^en, rebnerifdf)en unb 
barfteltenb belcl^renben 3lu§brucf bcsi ©tauben^ untcrfc^ieben, um 
bann bic ©cgriff^beftimmung ju geben: „©ogmatifd^e @ä^e fmb 
@(aubengfä^e oon ber barfteQenb belel^renben ätrt, bei n)elc^en ber 
^öd)ft mögliche @rab ber Sßcftimmt^eit bejmerft mirb." 9lun ift 
in bicfem ©a§ aßerbingg eine äuffaffung ber c^riftlidien ®lanbtt\ä^ 
fa^e JU ©runbe gelegt, meldier idE| md)t oöUig juftimmen tann; 
ber § 15 fa^t fte in ben @a§ aufommen: „S^riftlic^e ©tauben^* 
fä^e finb Sluffaffungen ber d^riftü^ frommen ®emüt^Sjuftäube in 
ber 3iebc bargeftettt" Q6) möd)te bagegen, roie [c^on auö ben 
obigen Slnbeutungen ^eroorgel^t, bie ®efinition auf ftcUen : „ßl^rift* 
lidje ©toubengfä^e fmb 93ejeid|nungen bcrjienigen SQäirKi^feit, 
roeld)e bem SI)riftcn im Vertrauen ju ®t>rifto geroi^ unb erfal^rbar 
werben fott." 3)abur(i^ mitb oon t)om^erein bem SWi^oerftanbni^ 
begegnet, ba| e§ ftd^ in unferen ©laubenfä^en um ein nac^- 
träglic^e^ Objcttiuiren unferer fubjeftioen frommen ®emtttl>!^juftänbc 
^anbelt; tritt boc^ alä ein ^auptpuntt ba§ l^eroor: ber d^riftUd^e 
©laube ftel^t in feinem gangen SBerben unb SGBad)fen in Slb* 
t)dngigleit von einer objeftipen gefd^id)tUci^en ©rö^e, oon einer 
auf uns einmirfenSen SB3irHid)!eit, nämlidf) ber ?ßerfon ^efu ffi^rifti. 
Sr mürbe fi^ DoUenben in einem DoQftanbigen @rfaffen be§ 
®otte§, ber fid) in ®t(rifto an unS mirffam ermeist, unb aller 
ber SGBirfungen, roeld^ie er in ®f|rifto unb ben gül^rungen ber 
äBelt ausübt gum ^eil aller an i^n ©kubenben ober aud^ gum 
@eric^t über ben Unglauben, ©r mürbe fic^ DoHenben ! 3)enn 
mir befinbcn un§ immer nur in einer Sttnnäl^erung baju. ®ie 
öejeidjnung ber gu erfaf)renben 9Q3irflid|feit forbert aber, ba§ ftet§ 
iugleic^ ber SQäeg, auf melc^em man jur ©rfa^rung gelangen fann, 
beutlidi gemiefen mirb, nämlidi ber SBeg be§ irtateDetv. 9tun 
fonnen mir biefer 5<>^bcrung in ber %i)at in oerfd|iebener SBcife 
genfigen. 55egeifterung§t)oU fönnen mir mitten auf biefen 2öeg 
beS oertrauenben 9lal|en§ ju -Qfefu ®I|rifto un§ ftetten unb in 
lebenbigem 93ilbe mit beroegtem ©efül)I oon ber 5lBeIt ber SBirf* 
liifttxt jeugen, meldie auf biefem Söege unferem inneren 2luge 
fic^ jeigt. Ober mir fönnen an folc^e un8 menben, meldf)e in 
ber Stic^tung i^reS inneren fieben§ oon ber 95a^n besi «toteoetv 



350 dleifd^Ie, @r(ertnett toit bie Xiefeii Lottes? 

fid) oöüig fern galten ober loclc^e jögcrnb jwar in H)xtx 9ld^e fi^ 
bciücgcn, abtx fte nid)t ju betreten wagen, unb Unmn oerfu^n, 
bur(^ fanfteS ^i^fP^^^^^ P^ i>ttäw 8^ lodtn ober burc^ mächtige 
Überrebung fte mitjurei^en, ba^ fte fidf) mit un§ roenigftenö ein* 
mal Derfu^Smeife auf ben 3Beg be8 ®lauben§ oerfe^n intb 
mi^ufü^Ien oerfud^en, mie l^ier eine neue SSJett unS aufgebt 
@nbUc^ aber fönnen mir in rul^iger flarer ®arlegung^ in melc^cr 
„ber ^o(i)]i mogIid)e ®rab ber Seftimmti^eit bejmectt mirb", ju 
jeigen oerfudien, meldie ©egenftänbe ber ©laubenämelt bem ©lauben 
aufgellen unb in metdf)en erfal)rbaren aCBirlungen fte unS in im* 
ferem eigenen Skhtn beutUdi werben foUen, in meld^em 3ufammen» 
^ang fie aufgefaßt merben muffen, in meinem SBerl^ättniS fte ju 
ber finnlid^ mal)rnei^mbaren 3Bett fielen, in ber mir afe irbif^e 
SRenfd^en mit unferem Streben, Arbeiten, @enie|en unb Seiben 
leben, ©o ergibt fi^ un§, roenigftenS dl^nlid) mie für ©c^leier* 
mac^er, in ber bogmatifdien @otte«Iet(re bie Slufgabe, eine 3)ar* 
legung ber df)riftli^en ®rtenntni8 oon ©otteS 2:iefen ju geben, 
bei welcher ©d^ärfe ber ©egriffe im ©injelnen erftrebt, auf mog* 
üd^fte SSollfiänbigfeit 58ebad^t genommen, ber 3wföntmen^ang ber 
oerfd^iebenen ©laubenSerfenntniffe aufgeroiefen unb ber 335eg, gu 
il^nen ju gelangen, f lar angegeben mirb. 58ei biefer Arbeit tonnen 
mir un§ aber ftetä überjeugen, ba| ©djleiermac^er ganj mit dttdft 
fagt: „@g ift ber bogmatifdien öegriffäbeftimmung nid^t gelungen, 
ja man bürfte moI|l fagen, e§ fann il^r aud^ be§ ©egenftanbe« 
megen nid^t gelingen, ben eigentltd^en 3luSbrudE überall an bie 
(Stelle beä bilbli^en ju f e^en ; unb ber miff enfd^aftlidje 3Bert bog« 
matifc^er ©ä^e beruht alfo oon biefer Seite größtenteils nur auf 
ber möglii^ft genauen unb beftimmten ©rflärung ber oortommen* 
ben bilblic^en 2lu§brücfe" (§ 17, 2), Slue^ eine miffenfc^aftlic^ 
^f^diologie fann ja bie bilblid^en 2lu§brürfe, mit meieren mir bie 
öemegungen unfereS inneren SebenS bejei^nen, nie oöllig ab* 
ftreif en ; aber menn oon i^x biefe 2lu§brttde f o fijirt merben, ba^ 
in unmißoerftänbli^er SBeife eine beftimmte pf^diifc^e a:^ätigfeit 
burd) fie bejeid^net ift, fo genügen fte ooHftänbig auc^ für ben 
^iftorifer, ^uriften, ^öbagogen. ©o ift aud^ in ber Sogmatif 
unb il)rer fie^re oon ®ott ber bilblid)e SluSbrud ooUftdnbig g^ 



9leif(^(e, (kennen toir bie liefen @otted? 851 

nügcnb, rocnn er richtig unb bcutlid^ bcjcid^nct, xoa^ vm bcm 
Sänften normaler SEBeife erlebt loerben foll; er ift üiel beffer ate 
ein burd^ abStraftion oerbünnter Segriff, xoeldjer bieg imbeutüd^i 
mof^t. 

9[u§er biefer pofitiDen barftellenben 2lufgabe l^at bie @Iaii= 
ben^le^re in il^rer Seljre üon@ott für^ jroeite eineerfennt^ 
niSfritifc^e Aufgabe; fie t|at fo fd^arf unb offen rote wog* 
(id^ }u beftniren, roa^ bie @renje unb xoa^ bie Unt)oQfommenI)eit 
aller unferer @rfenntni§ oon ®ott ift unb bleiben nxu^, ebenfo 
TDO^ in unferem 9lu§brucf ber @lauben8ertenntni§, fotool^I in bem 
bogniatifd)en afö in bem erbaulidien, ftefcg unjutreffenb unb un* 
}ureic^nb bleiben mu^. 

Sieben bie erfenntni^fritifc^e Slufgabe ber S)ogmatif tonnen 
wir fürg britte il^re religiö§ = fritifd)e ober ©enfur* 
Aufgabe ftetten. ®erabe meil ber c^riftUd^e ©otteSgtaube mit 
feinem rein geiftigen, et^ifc^en :3n^alt me^r aU . jeber anbere 
©laube ber SWöglid^feit beraubt ift eine rein objettioe Slnfc^auung 
wn @otte§ 9Q3efen unb SBirfen ju geben, oielme^r ftet§ auf bie 
liefen @otte§, roeld)e im fittüd^en SRingen oon un§ erlebt werben 
foßen, l^inmeifen mu^, ift er aud^ ber @efa^r am meiften au^ge* 
fc|t burd^ einen SBol^n* ober ^f^glauben oerunreinigt ober Der- 
brangt ju werben, ^mmer me^r f oUen mir un§ mit unferm gaujen 
perf onlid^en fieben ber l^eiligen Siebe @otte§, meiere in ®t|rifto un§ 
fud)t, Eingeben; aber loie leicht erlahmen mir babei! SQSitt bo^ 
biefe Siebe un5 jttttid^ umbilben. ©tatt nun burd^ bie Offenl(eit 
gegen iiire ftttUdjen SBirfungen un§ aud) für eine immer tiefere 
@rfettntni§ (Büttel offen ju Ijatten, oerfefttgen mir un§ in ber ein» 
mal gemonnenen unuoHfommenen @rf enntniS al§ einem f eften 95efi^ ; 
ober mir f^affen, oor @otte§ Iieiliger Siebe flüd)tenb, un§ einen 
©Ott nad^ unferm ^erjen. 2)iefe fatfdf)en 9li^tungen, oon meld)en 
nrir uns felbft innerlidi bebrol^t fül|len, bredf)en im retigiöfen ©e- 
meinfc^aftsleben in ÜRaffenmirfungen ^eroor: inbem bie erftarrte 
ober nerfdifdjte ©ottc^anfd^auung in feften 93ejeid)nungen au^ge* 
inrogt unb fo in ber ©emeinfdiaft erl>alten unb fortgep^anjt mirb, 
rei^t ein glaubenSlofeS 5*itmal)r^alten einer oermeintlid) forreftcn 
&^re oon ®ott ober ein falfd)©^ ©lauben unb Seben in weiten 



352 fReifdJIc, iSrfcnnen toir hie 3:tcfen ®otte8? 

Äreifcn ein. ^n langfamcr gefd|id^tKd|er Senjegung ooQjogcn f4 
innerl^alb her c^riftüdicn Äirc^e fold^ie SBorgangc bcr etftarrung, 
aScrfälfdjung, SReinigung, SBcrticfung bcr ©ottcSerfenntniS. »ie 
c^riftlidjc ©laubeitglel^rc I|at ftd^ nun ju bemülien, in biefer 93e* 
jie^ung bag lebcnbigc ©eroiffcn ber cl)riftlic^en Kirche ju fein, ©ic 
f|at barübcr ju roadjcn, ba| in ber S^riften^eit, befonberg in ber ©e* 
meinbeperf ünbigung, nid^t Slnfc^auungen oon @ott ^errf c^cnb vmhta, 
in u)eld|en ber jtttttc^e ®mft beS d^riftlic^en ©otteSglanbenS ab* 
gef^roäc^t ober untgetelirt ©otteä @abe über ber ©etonung un* 
ferer ftttUc^en Aufgabe oertttrjt rofirbe; ba§ femer bie d^riftli^ 
®otteglel)re nid^t ate eine Summe oon SBa^rl^eiten angefe^ 
werbe, bie man fid^ ju eigen ma^en f önne, ot(ne fid| felbft @ott 
}u eigen ju geben; bag enblic^ überliaupt nid^t bie SÄeinung 
auffomme, bie ®rfenntni§ ber 2:iefen ®otte§ !önne in irgenb 
einem äugenblirf afö etmaS ^^rttge^ unb Slbgefd^Ioffene^ ange* 
fc^en merben. ^wc6) tlare 55ejeid|nunft f ol^er 3lbnormitaten ^t 
bie c^riftlic^e ©laubenSlel^re ii^re ©enfuraufgabe ju erfüllen, welche 
nur bie abroe^renbe, fritifd^e ©eite ber juerft genannten barpetlen* 
ben aufgäbe ift. 

aWit biefen brei Slufgaben ift ber ©otteSlcl^re ber 3)ogmatif 
eine miffenfc^aftlidie 3lrbeit gegeben, meldje fd^roieriger ift ate 
bie oirtuofe ^anbl>abung eine§ 3lb§tra!tion8oerfat>ren8 , burd) 
roeld|e§ bie „geläuterte ®otte§ibee" ju 2:age geförbert werben 
foß, ober ate bie geiftooUen ©rörterungen barttber, mie in ber 
S3eftimmung be§ ÄaufaIitdt§oert(äItniff e§ , in roeldtiem @ott jur 
SaSelt fte^t, Übermeltliifeit unb ^[nncrmeltUc^feit ®otte8 in ein 
labiles ©leid^gemic^t gebracht merben fönnen. ®el)ört boc^ gu 
jener 2lrbeit bie gdliigfeit, fid| in bie innere religiöfe ©tetlung 
be§ redeten ©Triften unb ebenfo be§ unooQtommenen unb irre» 
gel^enben ©Triften lebtiaft l)ineiniubenfen unb l^ineinjufü^len unb 
bod) bei aller Sebl^aftigfeit be§ 9Jiitfül^len§ rul^ig barüber ju reffe!* 
tiren unb e§ jur t)erftänblidf)en 3)arftellung ju bringen, maS @ott 
für ben einen in ber 9Q3eft feinet @lauben§, n)a§ er für ben an- 
bern in ber SQSelt feinet S33al)ne§ ift. ^ier greift auä) eine ge* 
fd)id)tlic^c3lrbeit oon unerfd)öpflid^em SReid)tum in bie @otte§* 
le^re ber 3)ogmatif ein: nic^t nur bie oerfc^iebenen ©otteöbegriffe 



IReif^Ie, (Sttenntn kptr bie Xiefen ®otteS? 353 

fmb in i^rer 9lufcinanbcrfoIgc ju rq)robuciren, fonbetn bie ©efdiid^tc 
beS @((m6enSte6en$, loel^eg in Derf^iebenem 3Sla^ in bie liefen 
Sottet eingebrungen ift, mu^ DetftänbUc^ gemalt n)erben. 9(n« 
jejtc^tö biefer f^roierigen unb unabfel^baren 2lufgaben, roeld^c ber 
Glaubenslehre, aber aud^ ber l^iftorifdien Sl^eologie in SBesiel^ung 
(Ulf bie d)riftlid|e ©otteSerfenntniS gefteUt jtnb, barf man auc^ bei 
ber I|5(^ften ©d^d^ung ber biSi^erigen Seiftungen fagen, ba^ ber 
Zoologie no(^ boS äJleifte p tl^un übrig bleibt. @ie barf aber 
biefe Arbeit nic^t abroeifen, weil fie auc^ für bog praftif^sfirc^* 
K^e fieben nötig ift. 2)ie ^rebigt unb ber firc^Iidie Unterricht 
erwartet t)on ber (SotteSlel^re ber S)ogmatif Älarl^eit barüber, 
iDeld^e 9Hd^tung einjuf plagen ift unb n)e(ci^e Slbn^ege ju Dermeiben 
fmb, wenn bie ^örer unb ©d^üler in bie ©rforfd^ung ber 2:iefen 
iSotteS foQen l^ineineingejogen merben. 

VII. 

SBenigftenS einige Folgerungen, rocld^e fic^ für bie ^re* 
bigt unb ben tirc^tidien Unterri^t aug unferer Unterfud^ung 
ergeben, follen l^ier ffijjirt werben. Qutx\t ®inige§ für bie ^re* 
bigt! 9lad) aßent wäre eS grunboerfeI>lt, roenn n)ir in unferem 
^ebigtjeugnig oon @ott unb ®otte§ Siebe ängftüd) fotd^e 2lu§* 
brüd^e meiben wollten, roeld^e anfc^aulid^e Silber ober bie äna* 
logie beS menfc^lid)en Seelenlebens jur Sejeid)nung beS göttlid^en 
SBefenS oerroenben. 3Bie unwirffam bleiben foldie ^rebigten, 
©eldie mit einer möglidift „gereinigten ©otteSibee" operiren! 3)a§ 
^t mancher unter un§ t)iellei^t felbft erfaliren; aud^ wer @e* 
(egen^eit geliabt l^at, ÜbungSprebigten junger Sfieologen ju l^ören, 
roirb baS beobad^tet ^aben. Sine ^ßrebigt alfo, meldtie jünben 
foü, nui§ auf j|ene§ , Streben Det^ic^ten. Slber eS märe übel, ja 
eä mdre ©ünbe, menn mir blo^, um red|t mirffam ju prebigen, 
ju ben un8 innerlid) fremben S33enbungen unferen 9Kunb ge* 
n)5{)nen mollten, o^ne ein tjöl^ereS SRed^t ober oielmel^r @efe^, 
roelc^eS bie 2lnmenbung jener SluSbrürfe gebietet. 2)iefe§ @efe^ 
ift uns aber gegeben in bem ©a§, melc^er bei unferem 9lac^* 
benfen über bie d^riftlid^e ©otteSerlenntniS [xd) ergeben l)at: ^n 
unferem SReben oon @ott finb biejenigcn 2lu§brüdEe rid^tig unb 



354 ffiti^^U, (&tUnmn mir bie SUfen <dotted? 

VKifyc, in welchen bie ei'fal^tbaren 2:iefen ber I)eiligcn Siebe @otte$ 
normal b. f). gemä^ bem (Soangelium t)on ^efu (S^viflo nnb 
juglcid^ beutlid^ unb Derftänblic^ bejetd^net werben. 3)a8 ift baS 
einzige objeftioc @efe§ ber SBa^rl^eit, n)eld)e§ einem ^ebiger 
fiir fein B^^Siii^ ^on @ott moggebenb fein mn% Snbjefti© 
n)al)rt(aftig rebet er fotonge, ate er oon @otte§ SBefen nur 
foId)e§ bejeugt roaä nac^ feiner eigenen Übeigeugung ein rec^er 
®^rift im ©tauben an ^fum ©l^riftum erfa^en fott unb fann, 
unb mag er felbft in feinem Seben ju erfal^ren ernftli^ perlangt 
3)amit ift unö ^rebigem bie grcil^cit gegeben, un§ ni^t bto^ auf 
ben ^ei§ unferer oft f o bürftigen ©l^riftenerfa^rung ju befd)ränfen ; 
jugteic^ aber finb mir bamit por ber miberlid^en unb feelengefä^r* 
liefen St^etorif geroamt, ju meld)er ein ^'ebiger nerfu^t ift 
fieiber nur ju oft f ommt e^ por : 3)er SÄebner bezeugt feinen 3«' 
l^örem mit einbringlid)en SBorten bag ©rögte oon @ott unb bcn 
2:iefen feiner l^eiligen Siebe, etma im 3lnfci^tu§ an bie (Schrift- 
fteUer besJ 9teuen 2:eftament§ ober an B^i^S^iffc anbcrer ctjnftUc^er 
©laubenSmänner , er ift audf) pon ber 3Ba^rt(eit feiner SEBorte 
„überjeugt", aber er mad)t fid) bod) nid)t Kar, ba§ er felbii 
bie ^iefe beffen, ma§ er oon @ott bejeugt, im ©tauben erfatiren 
foQte, unb pergi^t bie bemütl^ige 95itte, ba§ ®ott fie it|n cr= 
fat)ren taffe ; bamit aber oerrätf) er, ba§ auc^ feine ,,Überjeugung" 
entmeber nur ein äftl^ctifd^eS SBo(){gefatIen ober ein gemo^n^cit^- 
mäßiges e^ärmalir^atten, nict)t aber eine fetbftänbige ^erjen^* 
üba-jeugnng ift. dagegen barf ber ^ebiger getroft imb otjitc 
jebe SBerte^ung ber fubjcf tinen SQSal^rl^aftigf eit ba§ , n)a§ ein magrer 
©Ijrift Pon @otte§ 2:iefen fortfctjreitenb erfahren fott unb rocS 
er fetbft im ©tauben immer mel^r ju erfaljren oertangt, feinen 
3u^örem in fotct)en 3lu§brüc!en bezeugen, metct)e bie geift* unb 
tebenfctjaffenbe ©rö^e ©otte§ rid^tig unb perftänbtic^ bejeic^nen, 
auij wenn er fie fritifct) für unjurcidfienb l^atten mu^, bie %om 
bc§ inneren Sebcn§ unb emigcn @c^affen§ ©otte§ ju beftimmen. 
aWan fonnte aber ^twa ba§ menigften§ at§ eine gorberung 
ber SÖatirl^aftigfeit aufftetten, ba^ ber ^rebiger baf offene @c* 
ftänbni^ pon ber eben bejeid)neten Unjutänglid^feit ber gebrauchten 
Slu^brftrfe ablege. Sonft mürbe, fann man fagen, ber einfach 



9leifd|Ie, (Erfennen toir Me liefen (dotted? 355 

3u^9rer nur ba^u Derfül^rt, bag er bie 99ilb« unb ®Ieic^nidreben, 
in roeld^n roir aBein bie erfa^rbare Xiefc be^ göttUd^en SBefenS 
richtig begegnen, juglei^ für abäquate ^efd^retbungen ber en)igen 
gSttlid^en DafeinS* unb SBSirfungSroeife nc^me. ^^ glaube, wir 
bfitfen tro^ be8 3ugeftänbmffe§, ba^ wir fd(on ©. 337 gemalt 
^ben, biefe äRal^nung bod) nid^t einfad^ bamit abfertigen: e§ fei 
gleid^gilttg, ob ber ßui^öter jur (Sinftd^t in ben ©leid^niSd^ratter 
unfere§ 9ieben§ oon ®ott gelange ober nic^t n>«tn er nur im 
9ilb unb @Ieid>ni^ bie rechte fieben^ertenntni^ oon ®ott finbe. 
9Bir muffen oielmel^r jugeben: l^ier liegt eine @efal^r oor, burc^ 
roetd^e fogar bie ©efunb^eit be^ ©lauben^Ieben^ felbft bebro^t 
loerben fann. 9Ber nämlid^ an feiner ®otte§anfd^auung bie torrette 
unb aOein abäquate SSorfteKung oon ®otte§ emigem Seben unb 
Sdjaffen ju ^aben meint, tann über ber untrfigli^en ©otteSle^re, 
roelc^e er inneliat unb in ber Äirc^e anerfannt fe^en miß, leitet 
oergeffen, ba§ alle 3^w9«iff^ ^^^n (Sott i^n nur baju anleiten 
lOoKen, im eigenen fieben ftc^ ®ott ^injugeben unb il^n fo al§ 
feinen @ott in ber 2;iefe feiner Siebe fennen ju lernen. 9lur 
ein ©gmptom oon ber Ungefunbiieit biefeS ®^riftentebenS ift eS 
bamt, roenn ein tieWofe^ 93erbammen gegen ben geübt mirb, met» 
d)er einen ©nblid in ben ®Ieid^ni§c^arafter unferei^ 9{ebenS oon 
®ott l^at unb in ber 2)arfteßung ber normalen ^riftlid^en ©laubenS* 
erfenntnig fi^ freier bewegt, hinter folc^em gerben Slbur«» 
teilen über bie freiere (Sinftc^t oerbirgt fid) aber nur eine ©d^mäc^e 
beS untritifc^en ©tanbpunttS. S33er feinen Unterfc^ieb jmifc^en 
ber lebenbigen (£rfenntni§ ber 2:iefen @otte§ unb jroifdjen ben 
menfd(ena^nlidf)en Sßejei^nungen ju machen roei^, burd) meldtje 
mir rool^t bie Sldmac^tSgröge ber göttlidjen Siebe un§ gegenmärtig 
erhalten unb anberen bejeugen, aber bie unlösbaren Probleme in 
©Qie^ung auf ba§ göttliche fieben unb Sdjaffen nic^t jU löfen 
oermögen, ber ift ber ®efa]^r auggefe^t, burdi eine ^tif im 
Sinne oon ©trau§ fofort in feinem eigenen ©lauben inS SBanten 
9ebrad)t ju werben. ®ine fold)e Sritif erreicht aber ^eutjutage 
fogar oft ben einfad^ften SÄann unter unferen Qu\)ixtm. 3)a^er 
wirb bie ^rebigt in ber Iliat barauf 93eba(^t nel^men muffen, 
folc^er Rritif il^re SQäaffen ju entminben, inbem fte felbft über 

3eitfi^Ttft fftr Zlcorogie unb ttix^it, 1. ^üftxq^ 4. ^cft. 23 



356 9leif4Ie, (BxUmtn voix bie liefen dtoiHül 

ben ©teid^ni^d^arafter unferer 93orftenungen unb Sßorte 
von &oti auj^brädlid^e Selel^rung gibt. @d^n)ierig ift folc^ 
Untenoeifung aUerbingS. ^n bem loertüollcn öüc^lcin „^ux 
bäucrUd^cn ®Iauben§- unb ©ittcnlel^rc. 2. aiufi. ®oti)a 1890" 
(®. 44) lefcn loir: „SBcnn man bcn Gtonfirmanben fagt ®ott 
l^abe nidit Slrme unb SSeine toie n)ir^ bann l)ord^en fte fingftUc^ 
auf^ als foQte il^nen @ott genommen merben; bagegen atmen fie 
ipicber auf, wenn man il^nen fagt, ba^ bie l^eiligc ©d^rift oon 
©liebem @otte§ rebe, roa^ fie bamit meine unb ba§ mir in bem* 
fetten ©inne beim 93eten un§ Oott in menfc^Uc^er ©eftalt benfen 
bürften." ®ben bieffc Slotij jeigt aber au^ f^on, wie eine 93e- 
le^rung in biefem ^nfte möglid^ ift. „@anj getroft", fagt ber* 
fette 95erfaffer, ,,fann man bem SBauern pon ber Sntbedtung jenci^ 
frommen ©eifttid^en [be§ ÄopemifuS] SMitteilung machen, menn 
man i^m nur auc^ fagt, ma^ ber ^immel in ber ^eiligen Schrift 
3U bebeuten l^at, ba^ eS für unS nod^ ebenfo natürlich fei, un^ 
bie l^öl^iere, geiftige üotttommene SQäclt nid^t unter unfercn ^u^tm, 
fottbem l^odi über un§ t)orjuftetten, unb ba^ mir nad^ wie por 
beim 93eten jum ,^immet auffd^ouen unb un§ ba ®ott auf feinem 
S^ron, umgeben pon ben ®ngeln unb Seligen, benfen, fo ba& 
mir un8 ben ^immel, menn nur rein, fo fd^ön auämalen bürften* 
mie mir nur fönnten." S)arauf fommt e§ in ber Xi^at an, ba| 
mir unfere 3ul(örer felbft „bie ||öf|ere, geiftige oollfommene SBelt," 
bie reine SBelt, bie SBelt beS @^b(ttö in i)efu ®^rifto füllen unb 
finben, ba§ mir fie ©otte« 5reunblidf)feit unb @otte§ l^eiligen ©ruft 
in il^rem eigenen fieben erf ennen leljren ; bann bfirf en mir cö 
aud^ magen, i^nen bireft ju fagen, ba^ ©ott ni^t ©lieber ^be 
mie mir, unb nid^t an einem Orte beS 9laume^ mo^ne, ba^ ouc^ 
in feinem 3»wnem bie ©ebanfen, ©ntfd^lüffe unb ©efü^le fic^ 
nic^t fo ablöfen unb in gleid)er äBeife abfpielen mie bei unS seit* 
lid^en 3Äenfd^en, ja ba^ alte 3lu§brürfe, in meldten mir ©ottc^ 
emige @rö|e fd|ilbem molten, baju nic^t l^inreic^en. 

3)ie au^brürftic^e 95elel(rupg ift aber nid)t baS einjigc SKittel 
ber ^rebigt, menn fie bie ^örer oor einem falfd^en SßerftänbniJ 
ber bilblid^en SBejeidtinungen ber 2:iefen ©otteS bema^ren mill; 
§mei anbere SDlittel finb Steigerung unb SBariation berfelben. 



9leif4Ie, ürlennen iDtr bie 2:iefen ®otted? 357 

„5)er ^tmme( ift mein Sliron unir bie @rbe meiner ^ü^t ©d^emel" 
(3ef . 66, 1) : bamit ift- bet ^]}f>antafie eine (Srmeiterung jugemutet 
imrd> meldte i^r bie fdjarfen Umrijfe beS ftnnlid^en SBilbeS oet* 
fc^mimmen ; menn bet ^rebiger eine f old^e Sef d^reibung aufnimmt 
\o nimmt Qud> ber einfädle Q\xi)bxtt, öfyxt befonberS barftber ju 
teflehiren, 3^ron unb Sd^emel unb ^^ü^e nur aU SBilb unb 
iSltidfm^, an bem mir nxift ^aften bilrfen. Ober menn mir fagen^ 
ba^ ®ott feine f d^ü^enbe ^anb Aber baS ^aupt ber ©einen breite, 
ba§ er mit bem @d)atten feiner Slügel fie bed e, ba^ er un8 in 
feine 93aterarme fd)Iie{|e^ fo ift gerabe burd^ bie ausgeprägt fmh« 
lic^e @eftatt biefer 93Uber bafür geforgt, ba| fie afö 93Uber auf« 
gefaxt unb aU eine Einleitung baju Derftanben merben, im ^erjenS« 
glauben @otted SSaterliebe ju erfennen. ^nbem burd^ bie trdftige 
farbenreid)e ätuSmalung gleid^fam @ott unb fein äBatten mitten 
in unfere fid^tbare, greifbare äBelt l^ereingeiogen mirb, empftnben 
wir unmiQtfirlic^ nur um fo fd^Srfer ben Äontraft jroifd^en bem, 
mS mir ma^mel^men, unb bem, maS mir im (glauben erfahren 
foBen, unb gerabe baburd^ merben mir gebieterifd^ gejmungen, 
fiber baS @Ieid^nig ju ber @IaubenSmirIIid^teit unS ju erl^eben. 
3üid^ in bem oben (©. 342) angeführten Seifpiel auS Sutl^er ift 
gerabe burct) bie Steigerung bie ®ef a^r oermieben, ba^ ber bilbU^ 
S^rafter ber ©d^ilberung oon ©otteg äBefen Derfonnt merbe. 

9lod) einleud)tenber ift ba8 anbere SWittcl, bie SSariation 
unfercrer 95^eict)nungen. ($in ^ßrebiger, ber mirfttd) mit feinem 
großen @egenftanbe ringt, mirb aud> immer neue äBenbungen 
fud)en, um etmaS pon ben Siefen ®otte8 feinen ^örem ju er* 
fc^Iie^en. SKit ben ^rebigem l^aben t^riftlidje ®idf)tcr, uon ber 
übetragenbcn @rö§e ber ©rfenntnig ©otteS in Qefu S^rifto über* 
wältigt in immer neuen 3ungen bauon B^^tS^i^ abgelegt, ©ei i^nen 
erfüllt ftd^ etma« oon jenem SBort beS 2lpoftete, bag mir baS, waS 
mö oon ©Ott JU Siebe getrau ift auSfpred^en „nic^t in ©d^ulmorten 
menfc^Iid^er 3Bei«^eit fonbem in fold^en, mie fie ber ©eift le^rt" 
(1. Cor. 2, 13). glicht jebem, ber im ©eifte Qefu ®Wi lebt 
ifl bie ©eifteSgabe oerüe^en, in neuen ergreif enben SEBorten 
©otteS 2:iefen ju oerfünbigen; unb nichts ift oerberblid^er, cüi 
wenn ein ^ebiger nad^ !ünftlict)en SEBenbungen unb originellen 

23* 



358 9leif4le, ^tlennen mit bie 2:tefen (Sottet? 

9(u^brüd(en l^afc^t. älber jeher, ber Don ben ®e^eimniffen @otteS, 
meiere im @t)anflcüum geoffcnbavt fmb, ate ^rcbigcr öffentlich 
ju fpred^en l^at, tann unb foQ auS ber d^riftlid^en ^ebigt Don 
ber 9(pofteI S^xt an, auS ber d^riftlid^en Erbauungsliteratur, oxS 
ber <^riftlid^en S)id^tfunft immer neue StuSbrüde fd^öpfen, um 
auc^ in ben ^erjen ber S^ffbttt eine Offenbarung biefer ®e* 
l^eimniffe anjubal^nen unb „i^rer etlid^e ju geroinnen". aBetd^e 
3)land|fattig!eit un8 hierin ju ©ebote fte^t, jeigt am beften ein 
Süd in unfer ©efangbud^. SBlan bead^te nur in einem Sieb, 
roie bem ^. @erl^arbt'fd)en Soblieb: „^6) fmge bir mit ^rj 
unb SBlunb" ober bem Slbenbüeb oon 93. ©d^motf: ,,^irte beiner 
©djafe" ben Steid^tum ber ©c^ilberungen non @otte^ fiiebe unb 
35BaIten. SBenn mir benfelben aud^ in ber ^rebigt oerroerten, 
natürlid^ nid^t aU einen augevlid^en &6)mud ber 9tebe, fonbem 
3ur Sejeic^nung beff en, roa§ unS oon ©otteS ©nabenroirfen innerlid^ 
oerftdnblid) geworben ift, fo ift burd^ bie Slbroed^lung felbft fd^on 
bafür geforgt, ba^ bie ^örer nx6)t in bem einjelnen Slu^brud 
einen unfehlbaren 9[uffc()Iu^ über ©otteS SebenSform fud^en, fon^ 
bem nac^ bem @d^a^ lebenbiger ©laubenSerfenntniS fragen, xotU 
dftx in ben fd^road^en ©efä^en unferer SSorfteHungen unb SBorte 
geborgen ift. 

(SS !önnte bie Sefürd^tung rege roerben, ba^ burd^ foI(^ 
Slbroed^Slung roie aud^ burc^ bie Steigerung nur S^d^tt^f^fl^^i^ 
unb SBerroUberung in ber ^ebigtrebe einreibe. -Qfeboc^ gibt eS 
jroei ^auptnormen, burd^ roelc^e roir in Qnift gel^alten roerben. 
3)ie eine ift baS oben @. 353 f. auSgefprod^ene ©efe^ : &ngftli(^ }u 
oermeiben ift jjeber SluSbrurf, burd^ roelct)en bie Svä)bxtx ju irgenb 
roelt^en anberen ©rfa^rungen unb ©riebniffen getrieben roerben, 
als gerabe ju benen, ju roelc^en unS ©otteS Offenbarung in Q^riflo 
führen roid. 2)arin mu^ bie ©inl^eit bei aller äJland^fal« 
tigfett beS 9tuSbrud(S liegen. 3^^nt gilt bie jroeite 9lorm: 
bei atter ^eil^it, immer neue formen, aud^ je nad^ ben SBebfirf* 
niffen ber ßeit, für baS S^wfl'iiS ^^^^ unferem ©ott unb aSoter 
}u fud^en, mu§ bod^ aucl) in biefer beroeglid^en 9Raffe ein ©runb* 
ftod oon äSeseid^nungen erl^alten bleiben, roeld)er bie ©tetigfeit 
unb JRic^tigfeit beS c^riftli^en 3^ii9"iff^ verbürgt ^ SReuen 



Sletfd^le, (gcfennen toit bte liefen ®otUd? 859 

Sfftament ift biefer ®runbftod( ber ^uptfad^e nad) gegeben; 
emjelne 9ejeid)nungen , roeld^e in ber @efd|id)te ber d^riftlic^en 
förc^e oon ben ^laffitem be§ ©laubeni^jeugniffeS geprägt n^orben 
fmb, ftnb als unoertierbare (Srrungenf^aft baju gefügt n)orben. 
9)er eifeme ^eftanb liegt aber in ben Se^eid^ungen, burd^ n:)el(i^e 
3efu§ €^riftu§ felbft un^ ba^u anleitet, ba^ mir @ott (di 
[einen unb nnferen ^immlifd^en SBater erfennen lernen. — SB8ir 
bflrfen babei nnterfd^iben jn)if(i^en ben bire!ten Sejeid^nungen 
beö 3Befen§ ®otte8, njelc^e ®f|riftu§ anroenbet, unb jroifc^en ben 
@Ieic^niffen, beren ^orm felbft fd)on SSerroal^rung bagegen ein« 
legt, bie ftnntid>-anfd)auli(^en ober ant^ropopatl()ifci^en Q&Qt bireft 
(Ulf @ott }u abertragen. 903o ^efuS bireft ©otteS 903efen unb 
SBirten unS offenbart, roenbet er Dor allem bie einfaci^ften @runb* 
t^tigteiten unfereS eigenen Seelenleben^ bei ber Sejeid^nung 
@otte§ an: @ott fielet, n^ei^, miQ, befd^lie^t; nod^ me^r aber 
fagt er Don xi)m f old^e @igenf d^aften unb £{)atig!eiten auS, n>eld)e 
für uns aWenfdjen ein ftttlic^eg 3^beal in fid^ fc^lie^en. ^ierl^er 
gehören ^Begriffe roie Siebe, (Srbamten, ©ebulb, SBoßfommen^eit. 
Sud^ ber eigentlid^e ®otte§name beS neuen 93unbeä ,,^imnttifd^er 
SSater" ift oon biefer SÄrt: @ott ber rechte SJater, fo wie ein 
irbif^er SBater fein f oll te! 3f'ii>wn biefe etl^ifc^en Segriffe unS 
felbft eine 8lufgabe oon unerfd^öpflict)em 9leid^tum oorl^alten, treiben 
fte uns S^S^eic^, in ber (Srforfc^ung unb (Srfal^rung ber oäter« 
li^en gflttlic^en Siebe immer tiefer ju bringen, jugleic^ aber 
auc^ in immer weiterem Umfang unfereS SebenS unb beSöe» 
fc^ebenä in ber 3Belt biefe @rfa^rung }u fud^en. 3)iefe etl^if(^en 
^griffe, mit meldten bie ^tegorien beS perfönlid^en SebenS un» 
mittelbar oerbunben finb, bilben in ber SGBortoerfünbigung <3[efu 
K^rifti oon feinem SSater ben lebenbigen SBlittelpunf t ; fie fmb 
auc^ bie fefte 9lorm alter unferer 93ejeict)nungen oon ©ott 
9lur mos ju i^nen fic^ fügt, ift äd^t d^riftlid^. — ©egenüber 
biefem unantaftbaren Äem crfc^eint ber Stammen ber SBeltanft^au« 
rnig, in welchem ftc^ ®]^riftu8 bei feinem eS'rjTstaO'ai deöv bewegt, 
als ein oariablereS (Clement. Slber ber immer mieberfe^renbe 
^9riff rrSSater im ^immel" erinnert unS baran, ba^ boc^ aud^ 
bte ©runbsüge ieneS ünblic^en SBeltbilbeS für unfer Zeugnis oon 



860 SReifd^Ie, (Svfennen mir bie 2:tefen ®otted? 

@ott unDergänglid^e ^ebeutung Iioben. 9lid)t nur toegen ber un§ 
binbenbcn Slutorität (Sl^rifti, f onbcm auS inneren ©rünbcn ! SBit 
mögen no^ fo überjeugte ftopemifaner fein, bennod^ ifl ,,bcr ^im* 
mel broben", oon meld^ Stegen unb @onnenfd>ein ju uni^ ^v« 
nieber tommen, ein niemals aufjuIiebenbeS älnfd^auungSoerl^ättniS: 
von ^nb auf l^ängt mit ber 9lnf<j^auung t)on bem meiten, l^ol^ 
unb lid^ten ^immet broben unb oon unferer @rbe l^ier unten mifet 
inntgfteiS @emütl|gleben iufammen, fo gut n)ie mit bem (Segenfa^ 
oon Sid)t unb ^i^ftemi^. (5d)on bie ®ici^tfunft fann bal^r nie« 
malS jener 9(nfd^auung entraten, nod^ vid meniger bo^ (!^riftli(i^ 
3eugniiS t)on @ott, voAi)^ mtö oon Stinb auf etmod oon ®ott 
foK füllen unb finben t^ren. — Unter ben SluSbrüden, mel^e 
^fu§ gur ^eid^nung ®oitt» unb feines äBirtenS gebrauci^t finb 
enblic^ nur menige im engeren @inne be§ 9Borte§ ant^ropomorpl^if c^. 
9lur einzelne altteftamentlid^e älntl^ropomorpl^iSmen ^at ;3[efu§ fid^ 
angeeignet unb gmar fold^ ber geiftigften 3lrt (®otte§ 9(ngefid^t; 
@otteg S^inger) ; fte mal^nen mS in il^rer Spörlid^teit baran, ba^ 
aud^ mir (S^riften, menn mir ®oü^ perfönli^eS Sffiefen feftl^en 
moQen, und gmar oon ber duneren leiblid^en (Srf^einung ber 
menfc^Iid^en ^erfdnlic^leit nie oöQig loSjumad^en oermögen, oud^ 
nid^t gemaltfam toSgurei^en broud^en, ba^ eS ober in biefer SBe« 
giel^ung bod^ ^ilt, eoangelifd^e ^eufc^^eit gu magren. 

@c()on burd^ aft]^etifc()e 9lüd^td>ten ift bem ^^rebiger ein 
aWagl^alten geboten : eine Steigerung ber ©über bis in'8 ©roteSf e 
unb ^äglid^e ober ein {aleiboftopifd^er S03ec()fel berfelben mflrbe 
f(^on baburd^, bag ber gute @ef d^mad baran älnfto^ nel^men mü^te, 
ber maleren SBirfung ber ^ebigt (Sintrag tl^un. ^ meine ober, 
ba^ bie äftl^etifc^e 9lorm am fict)erften oon ung eingcl^alten wirb, 
menn mir bie oor^er genannten jroei ^auplnormen unoerrücft im 
3luge bel^alten, oor altem, menn mir in ^^^u QtnQnxi oon feinem 
^immlifd^en SBater unS gang einleben. — 9»^ mel^r mir unS fetbft 
oon <3fefu S^rifto in eine lebenbige Srlenntni« ber liefen @otteS 
einfül^ren laffen, bejio meniger merben un8 bie oon i^m ge* 
brandeten ^geic^nungen @otte8 no^ jene 3tt>^if^I erregen, bie 
mir oben S. 291 ff. auffül^rten; mir merben in il^nen oiel* 
mel^r ben oerftänbtt(^ften unb einfac^ften äluSbrud ber ®Iauben8« 



9leifd^Ie, exttmtn totr bte liefen Ootte«? 361 

erfenntntö entbedten, in loeld^ uti§ @^^riftuS fortfd^rettenb ein^ 
fugten miS. 

SufS ben beften eoangelif c^en ^^rebigern bev ®egenn>art 
(ie|cn fi<^ SBcifpiete bafür entnehmen, roic bie ridjtigc gtci^cit unb 
SRon^lfaltigteit mit ber @ebunben^eit unb (Sinl^eit be§ c^riftUc^en 
@lauben^SeugniffeS ft(^ Dereinigen la^t. 3Ber ber ^rebigt bie 
Aufgabe fteQt eine torref te £el^re über @oitti 9Bef en, (Sigenf ^ften 
unb SBerte al§ objeftive fertige @rlenntni^ glei(^ anberen SRefuI« 
toten menf(i^Iid)en (£rtennen§ einzuprägen, mag in ber ^ebigt ber 
@egenn>art bie ftd^ere 91u^e unb Sin^eit oermiff en. ^c^ n)i(I auc^ 
nic^t leugnen, ba^ fte }um Zeil in ein unftd^ereS S^aften oerfaUen 
ijl; aber ba8 manc^f altige 9Hngen ift boc^ oieQeid^t ein ätnjeid^ 
ber @infi(^t, ba^ burdi unfere ^rebigt bie 3^^^^^^^^ ^^^^ einen 
roo^tformutierten ©otteöbegriff, fonbem eine Einleitung empfangen 
foOen, felbft mit il^rem ©lauben unb fieben in bie Seben^tiefen 
@otteS einzubringen. * 



^ Statt aus brannten beutfdften ^rebigeni gerftüdette ^lluftTationen in 
bem 3u geben, ttnid id^ über bie SJlittel ber ^rebtgt bei il^rem B^ugnid Don 
®ott gefagt ^abe, teiU iii^ lieber ein sufammen^öngenbeS @tüd( aud einer n)o^I 
loentg befannten !Ptebigt be<S getoaltigen englifd^en 2)iffenter«®eiftli4en ©pur» 
geon in Überfettung mit. 2)a8felbe mag nn^ 2)eutfd^e in man^em aU 
OeifleietseugniS btü «e^centrifc^n ^rebigerd" anmuten, aber ed üerfud^t bo4 
in m&4tigem IBilbe oon ben 2:iefen göttliii^er Siebe B^ugnig gu geben; gu* 
gbi4 aber ift burdft üirtuofe ^ermenbung t>on Steigerung unb SBoriation ber 
Xutörilcle bem ^brer fofort !(ar gemod^t bag U)ir in S3ilb unb @(eic^ni)^ un9 
betoegen. 2)ie ^ebigt (t>om 15. Sug. 1886, Metropolitan Tabemacle Pulpit 
Nro. 1914) Rubelt über ben Sejrt ^er. 31, 3. 2)er le^te Seil ber ^rebigt 
Wfci aud, ba^ ber groge 3)e)]}eggrunb ber gottlid^en ©naben^üge ett)ig toäi^- 
tenbe IBiebe ift (ogl. Se^t: I have loved thee with an everlasting love). 
2)ie ^lörung biefeiS SBegriffiS ^troi^ toä^renbe Siebe' leitet ber ^rebiger ein 
mit ben äBorten: ^3^ brause niii^t I&nger ^uprebigen, aber eu4 broud^e id^ 
boau, bag i^r na^benlt. S9efd^reibung t^ut l^ier ni^t fo fe^r not, aU ^a^^ 
finnen unb Umfe|en in'd Seben. 2)en(t eud^, i^r l^örtet bie Stimme, meldte 
mit einem SBort ^immel unb €rbe f^uf ! 2)enlt eud^, i^r l^örtet fie aU eine 
no4 leife Stimme eud^ in't) O^r P&ftern: ,id^ f:iCiht bic^ geliebt mit etoig 
tod^renber Siebe; barum fyiht i^ mit Siebed^ulb bic^ gebogen', ^iedeic^t je 
toeniger id^ barüber rebe, beflo beffer; benn äBort'e tonnen baö UnouiSfpre^lic^e 
ni^t ouiSfpred^en. So^t nur euren @eift fic^ gana burc^bringen mit ber gott^ 
Ud^n Sttfi^erung: ,3(^ ^obe bi^ geliebt mit eioig toöf)renber Siebe'. IRe^mt 



8((2 SRcif^le, (itfennen toh bie liefen ®otte«? 

9lur ein SEBort noc^ übet bie ©otteSlel^re im fird^lici^en 
^ugenbunterric^t! ^laö) feinem ganzen le^rl^aften, nic^t t^^ 
torif^en (S^^aratter unb au^ 9lfi(fftd)t auf bie SHter^ftufe ber 

fie in euer ^nneted auf, tote @ibeon^ ^Ueg ben Sil^au einfog!" 9l(U^ btefer 
STlQ^nung, bag flc^ bie 3:iefen göttlid^er Siebe nur in peTf5nU(i^em (Stauben 
erforfd^en loffen, aeigt ber ^ebiger in ^rgem, bafi mit bem Saf^: »3d^ ^abe 
bi(| geliebt' eine DoQenbete »irflid^e 3:^atfod^e begeid^net fei unb bag biefe 
SDirftid^Ieit göttüd^er Siebe nid^t t)on und em|>funben toerben fann, o^ne bag 
tt)ir bie Siebe ertoibern. 9hin erft fud^t er bie 3ul^örer in bai S3er{!anbni< 
bed ^öd^ften, beS äBorteiS »mit eloig toä^renber Siebe' einsufül^ren. .@e^et 
ba bad ^o^e 9(1 1 er biefer Siebe: ,id^ f^aU bid( geliebt mit etoig u>&^renber 
Siebe'. 2td^ (iebte bic^, aU id^ für bid^ am iheuge ftorb; ja i^ liebte bi4 
tftngji sut>or, unb barum nur ftarb id^. 9^ liebte b\^, M id^ ben ^mmef 
fd^uf unb bie (Erbe, fd^on im ^inblid auf bein äBo^nen auf i^r; id^ liebte 
bid^, e^ id^ SReer ober @eflabe gefd^affen. %U biefe gro^e SBelt, bie 6onnc, 
ber ^onb unb bie ©terne im fersen ©otted no^ fd^Iummerten, gleid^ un* 
gebornen SB&lbern in ber QEid^elfapfel, ba liebte er fein SSoK. (&v fo^ fie in 
bem ®Ia8 ber 3ufunft mit t>or^ertt)iffenbem ^uge, dele Seben^alter, beDor 
Seben^lter begannen, unb bamaU liebte er fie mit ett>ign)ö^renber Siebe. §4 
giebt einen Einfang für bie SBelt, aber ed gibt feinen llnfang für bie Siebe 
®otte8 SU feinem 9)olY. — Unb bod^ erfd^5pft bieS nod^ nidftt ben @inn Mn 
,en)ig tDäl^renber Siebe'. €d ffai nid^t einen einzigen tlugenblicf jemals ge- 
geben, in toeld^em ber ^err fein SBoIf nid^t geliebt l^at. ^a tpor fein @ti0' 
ftanb, feine €6be, (ein 93rud^ in ber Siebe ©otteS gu ben Seinen. 2>iefe Siebe 
fennt leine SOeränberlid^f eit, feine tued^fetnbe Umfd^ottung. ^a »ir 
fteine JHnber toaren unb i^n ni^t su fennen Dermod^ten, liebte er uniS. 2)a 
toir uuDerßönbige junge SRenfd^en toaren, ouf tjerfel^rten SDegen ^inflürmenb, 
liebte er und. ^a n)ir ^lönner n)urben, l^art unb f^ioielig, ber göttlichen 
©nabe roiberftrebenb, bo 30g er und, ob aud^ n)ir i^m nid^t no^Iiefen; benn 
er liebte und aud^ su ber 3<it. (St liebt und biefen Za% fo flarf ald ie, 
felbft toenn er und oiettei^t je^t eben s^d^tigt. @eine Siebe iji ein Strom, 
immer ftiegenb unb überfliegenb : niemald n)irb er abnehmen, unb er fonn 
aud^ nid^t annehmen; benn er ift fd^on unenblid^. 

€ine Siebe ifl mein, bie fein SBed^fel mir raubt; 

9lid^t fo ^od^ ift bie $5^e ob meinem ^upt, 

9li(^t fo tief ift bie S^iefe, bie unten bro^t, 

Sie ift frei unb ift treu, pe ift flarf tote ber üob. 
,3d^ ^obe bid^ geliebt mit eioigio&^renber Siebe'. S^x mbget einen Sffug 
in bie 3 u fünft t^un; iljr loerbet biefe Siebe nod^ immer bei eu($ finben. 
(Etoig toä^renbe Siebe n)a4rt für immer unb en)ig. ®eu)if{e ®ottedgeIr(rtf 
()aben Uerfut^t, biefem SBort ,en)ig toäljrenb' bad ^era oudjuf^neiben unb axii' 
finbig 3U machen, bog ed eine begrensbare ^eriobe bebeutet; ober ed ift oer« 



^ietfdgle, ^fennen mir bie liefen ®otteS? 363 

Segler batf biefcr nidjt atte bu SDlittcI anipenben, idcIc^c ber 
^rcbigt ju ®cbot fielen. 85cf onbcr§ mit Steigerung unb Variation 
ber SSilber mu§ er oorfic^tig fein, njenn er nid^t t>enDirren roiH. 
aber bog 3irf ift ba§felbe roie in ber ^^rebigt 9hd^t oft unb 
einbringlid^ genug fönnen wir unS felbft unb einanber gegenfeitig 
eS fagen: e§ ift nichts bamit gefd^affen, n)enn unfere ^nber am 
<3<^(u^ i^re^ Unterrid^t^ bie @igenfd^aften @otteä rid^tig aufju« 
jaulen unb )u befiniren ober menn fieüber bie £rinitat§Ie]^re richtige 
3u§hmft }u geben n)iffen, e§ fei benn bag i^nen auä) haS oer« 
ftonblidi gemorben ift, ba^ fie im ©louben unb Seben allein @ott 
ret^t foflen fennen lernen. @ie ^aben nid^t ein SBort unferer ©e^^ 
le^ng über ®ott mal^rl^aft oerftanben, menn t^ il^nen nid^t 
aufgegangen ift, ba^ man boS alte^ al§ etmoS SQSirüid^eg erfal^en 
foU unb fann. darüber, wie biefeä 93erftclnbni§ gemedtt werben 
fann, f^at bie ^tec^etit älu^funft ju geben. @ooiel aber ergiebt 
ftc^ fc^on aui^ unferer Unterf uc^ung : mir muffen baS, maS ung 
oon @ott ju Sieb gettian ift, ben ^erjen ber ^nber nol^e ju 

gebend mit Seuten ^u ftxeiten, benen 3Botte reine gfeberbätte flnb, bamit ju 
fpielen. Huf^d aSerflorfie malert had, toaS erotg toä^renb iß, für immer unb 
cttig. 3^r unb td^, mir mdgen meiter leben, bis mir alt unb abgelebt merben; 
ober ber $err mirb und nid^t oerlaffen; benn ed fle^t gefd^rieben: ,3(j^ ffabe 
bi^ Qeliebt mit emig mft^renber Siebe', ä&ir merben gum Sterben fommen; 
fo \oU bad ein ftaumiged Ihffen für unfex Sterbebett fein: ,^ä^ i^aU bi4 ge« 
liebt mit emig ma^renber Siebe'. SBenn mir aufmalen in jener gefürd^teten 
%th, }u meld^er mir fidlem Saufed hineilen, merben mir unenblid^e Seligfeit 
finben in ,emig m&brenber Siebe'. SBenn bad ®erid^t oerfünbigt mirb unb 
ber Slnblict bed grogen, meigen S^l^roneS olle ^er^en gittern mad^t unb bie 
$ofaune ertont, über bie Silagen laut unb lang luib unfer armer Staub Don 
feinem ftiICen Grabe aufmad^t, merben mir unfere Srquidung finben in ber 
göttlid^en ^uftd^erung : ,^ä^ babe bid^ geliebt mit emig mäl^renber Siebe', äßälget 
eu(^ ^inab, i^r 3<italter; emig mö^renbe Siebe bleibt. Stirb ^in, Sonne unb 
Sbnb, unb bu, o S^it begrabe bid^ in bie CEmigfeit; mir broud^en feinen 
anberen ^immel ald biefen : ,3d^ l^abe bid^ geliebt mit emig mft^renber Siebe'." 
— ^iefe $Tebigt fümmert fid§ menig um eine mögUd^ft geläuterte abstrafte 
dottedibee; unb bod^, aud^ menn mir SSebenfen gegen biefe unb jene SBenbung 
^oben, mir merben nic^t leugnen, bag ber ©eift in il^r lebt, melier bie S^iefen 
(Botteg erforfd^t, nnb bai fie sugleid^ aud^ bie 3ul^örer Don einem befd^rönften 
^aften an einer ungureid^enben SBorftettung öon®ott ober öon einer Itnnlid^en 
^uffaffung beS ^immetd lodgureigen geeignet ift. 



864 Sletf^Ie, (grtennen toir bie Stefexi @otte$? 

bringen üerfuc^cn: oor allem bie ^erfon ^f^fu S^rifti unb ba§ 
©Ute, baS ®^riftu§ wx^ fd)enf en roill, juf ammen mit ber aufgäbe, bie 
er unSfteQt ebenfo ©otte« Söol^tt^aten unb l^eilf ame ßüc^tigungen, 
bie bag Äinb felbft freiließ faum erft ju erfahren beginnt, aber 
am Seben anberer SJlenfd^en mitfül^lenb fe^en fonn. 3)er ®otte§* 
begriff, in melc^em alleS ba8 jufammengefa^t mirb, wirb nic^t in 
manc^faltigen 93ilbem, fonbem in mögüd^ft wenigen ft^arfen S3e^ 
jeid^nungen ausgeprägt werben muffen, meldte jenen 3>nl|alt ric^g 
unb beuttic^ miebergeben uub bamit bie rid^tige ©laubenSerfa^rung 
ftdiem. 2)ie8 teiften aber feine anbem SB^ei^nungen beS SBefenS 
©otteg fo mie biejenigen, meldte 3f^fu§ ©^riftuö felbft un8 bar^ 
bietet (SBgL ©. 359 f.). SSSenn ber Sebenöin^alt biefer »ejei^' 
nungen ben Äinbem oerftSnbtic^ gemacht roirb, f o bürf en mir 
rootfl ani) im ^f^^wbunterridjt eine auSbrü(Hid)e SSelel^rung ba* 
rüber roagen, ba^ auc^ biefe Söejeic^nungen unb SBorte ftetS noc^ 
etma§ 99ilbtid>eS an fic^ ^aben unb an ©otteS SRajjeftat nicbt 
]^inanreid)en. Statt ber Steigerung unb SSariation ber Silber, 
burc^ meiere bie ^rebigt biefe öelel^rung unterftütien lann, bietet 
fid) im 3fi^ctti>ii^tevric^t ein anberer Slöeg. 3»efu8 felbft, ber 
ÜReifter auc^ ber pdbagogifc^en SBeiäl(|eit, geigt unS benfelben. 2Kit 
ber lid^ten ^lar^eit feinet fiel^renS, meiere aud^ bur^ jebe fritifc^e 
Unterfud^ung ber t)on il^ überlieferten SBorte nur um fo geller 
mirb, l|at er neben ber bireften Sejeid)nung ber oollfommenen Ei- 
ligen Siebe ©otteS nod^ eine reid^e unb mand^faltige Untermeifung 
barüber gegeben, roeffen mir unS ju ©ott oerfel^en foDen unb 
meffen er fid^ ju un8 nerfielit, nämlic^ in bergorm bei8@lei{^^ 
niffeg. ©erabe in i^rer urfprünglic^ften g^orm f feinen bie 
©leid^niffe 3»«fu eine oerfd^mommene Übertragung irbifc^er SSer* 
^ältniffe auf ©ott unb göttliche S)inge möglic^ft nermieben, oiel- 
me^r ©öttlid^eS unb Qrbifd^eS in Harer unb reinlicher SBergleid^ung 
unb bamit oud^ @d^eibung nebeneinanber gefteQt )u ^ben. ^ 9Bir 
tonnen nid^t beffer ©erfahren, ^n ©leidiniffen, nor allem in ben 
©leic^niffen 3*fu f^Übft ^aben mir baS fated^etifd^e SWittel, ba§ 
JU erfal^renbe SBefen ©otteg unferen ftinbem oerftänblic^ a« 



* »öl. «. 3ttltd^er, bie ©leidJnUreben 3efu. gfteibutö i. SB. 1888. 



laeifcile, (^rleimen toix bte 2:iefen (^otted? 365 

machen unb boc^ grobe aSerfinnüdjung ju mciben. S)iefen 2)ienft 
t^un fic freiließ im Unterricht nur, roenn fte reinlich als ®Icid)niff c 
bitt^gefü^rt werben. SBer in oorfc^nettem 3Klegorifiren ®ott felbft 
für ben ftönig ober ben ©aftgeber ober ben jümenben ^crrn ober 
gor ben l^arten ätid^ter erClärt, für ben ift jene pabagogifc^ 38ei§^eit 
3efu nerloren, n)eld)e an @te(te ber granbtofen ätnt^ropomorp^i^meu 
tmb ber 9(nt^ropopat^ie be^ Sllten X^eftamentS ium großen %z\l 
baS f(^Ud)te ©letd^niS fe^t. yixi)t in geifireid^er aQegorifd^er 
Spielerei, beren ffinftlid)ed @ttDzb^ bie ^nber bod^ balb jerrei^en, 
^ben nnr i^nen biefe ©leid^niffe nal^e ju bringen; fonbem flar 
uttb anfd^auUc^ Ilaben mir j. S. boi^ SSer^alten be^ irbif(^en 
äktter^ feinem oerlorenen (Sol^n gegenüber ju fdiilbim, um bann 
mit einem fd)arfen: „©eliet fo madjt e^ auc^ @ott" ju ber 9tn* 
menbung fiberjuleiten. ^ @o fönnen mir troffen, ben ^inbem e§ 



* 3n iated^ettfd^en Semtnarübungen l^obe i^ feinet 3^it groben mit bem 
oben geforberten Söetfa^ren gu matt^tn gefuc^l. 2)ie mir eingereichten €nttt)ürfc 
entnahmen in ber Siegel bem ©(eic^nid bie aKegorifc^e ^arftettung irgenb 
einer ©laubenSma^r^eit (5. SB. bem ©leid^nis ))om üerlorenen <5t^af bad ^^ema, 
ba% ®ott ber gute ^irte fei, ber und verlorene @4üflein fud^e) unb fud^ten 
mm bnt @toff t&r bie Kusfü^tung butd^ mdglid^ft auSgiebiged 9(u«beuten bev 
etü^elnen S^d^ il^ geminnen. 2)em gegenübet gab idg bie Stnioeifung: au a (ler- 
er fi fei ber im dleid^nid gefii^ilberte. natürlid^e Vorgang fo anfc^aulid^ toic 
mogIi(^ aud^ufü^ren unb babei 3um eins igen ®iU^ für aUe toeitere be» 
toillterte Ausmalung hau ^u machen, bog ber ^auptpunlt biefeS natürlid^en 
Vorgangs in fo fd^tfer SBeleu(!^tung, old nut m5gU(^, ben ^inbem xn*4 9Cuge 
foDcn muffe (s. 9^. loe^e greube, toie ber ^irte fein@4äflein loieber ^ot! — 
Sie unetttHirttt, hai bad tUine @enftom einen fo großen 93aum giebt, einen 
riel größeren, a(d mond^ei^ ted^t ftottlid^e ©amentom ! ) ; bann erftfoSeman 
jeigen, bai ed in biefem $unYt bei ®ott getobe fo ift ober mit bem ^leid^e 
i^otted getabe fo ge^t, unb man bürfe bied nun o^ne 9lüd(fid^t auf bie einzelnen 
3&ge bed (Sleid^niffeö in felbflänbiget Qebunfenbemegung flar mad^en, n)enn 
man^ nut altei fidler auf bad 3^^^ ]^inau9leite: in bem ^auptpunfte ifl ee 
olfo getobe fo toie im ®leid(nid (3. IB. fo grog. toie bie Qvtvibt bed Ritten, 
i^ bie Sfteube im ^immel übet einen 6ünbet, bet SBuge tl^ut. SBatum bad? 
Sßeil Gottes ^dd^^et Sßiffe bamit etfüflt ift! SBo^et toiffen loit, bog bxti 
Gottes ^öd^ftet Sßitte ift? SBie lönnen n)it felbft eS im ßeben erfaßten, bai 
(Bott ben 6ünbet tetten witt? 2C. 3C. S)atum alfo l^errfd^t Ofreube im 
^mmel, loenn bet ©ünbet getettet ift, getabe fo tt)te bei bem Ritten). @o 
oielen SSebenfen biefe ^ntoeifung begegnete, id^ fanb fie bo^ ftetd bemä^tt. 



366 ^leifdgle, ^rfennen xdxx bie 2:iefen ®otte«? 

innerlich flar ju madien^ ba^ fie S^nlic^eS, n)ie fte bei bem oer« 
lorenen @o^n in innerer 2:eilna]^me miterleben, anä) @ott gegen^ 
über erleben fönnen unb foQen, unb ba^ oiele (S^^riften auf (Scbeii 
fold^e^ n)irflid^ erlebt l^aben. SBir n)erben aber gebulbig unb ju^ 
trieben fein muffen, roenn bie ftinber eine fie ergreifenbe Sl^nuttg 
baoon l^aben, meiere ^liefen ©otteS in i^rem :&ben Don i^nen 
erfannt merben foQen unb n)elc^e gro^e unb felige Slufgobe ftc^ 
i^nen bamit eröffnet. Unnerftanb märe e8 ju meinen, ba| bie 
SKnber fd)on bie ^ödiften ^Begriffe unfereS @otte8gIauben5 in 
i^rer ganjen 3;iefe erfaffen fönnen, felbft menn fie biefetben am 
@d)lu^ \i)x^ä @:onfirmanbenunterrid^t§ gemanbt ju ^anb^aben 
miffen. • 

SB3er aber S^^fl^ baoon fein barf, mie ben Äinbem Don 
@otteS {^eiliger Siebe menigftenS fot)ieI oerftänbttd^ mirb, olS. in 
if)rem noc^ engen Ztbtn^^ unb ®eftc^t§{rei^ mögttd^ ift, unb 
mie barin ba§ JReic^ Ootteö aud^ il^nen ju Seil mirb, fül^It fic^ 
jum 2)an! bafür gebrungen, ba^ aud^ bie Unmünbigen fc^mt, 
tro^ i^rer finblic^en SSorfteQungen oon ®otte^ Seben unb @^affen, 
im @rforfd)en ber 2:iefen ©otteS ftelien bürfen. 3[uf biefem 9Bege 
{(Oben mir nur for^ufd)reiten, unb jmar mit finblic^em ^rjen. 3)er 
f orfd^enbe @eift, melc^er in bie Siiefen ©otteS einbringt, ift bod^ 
fein anberer, atS ber finbli^e @eift, roeld^er ruft: Slbba, liebet 
SSater. ©injig unb allein burd^ finblic^e§ icwtsosiv werben mir in 
ben Staub gefegt, „ju faffen mit allen ^eiligen, ^metd^eä ba fei 
bie 95reite, bie Sänge, bie 2:iefe, bie ^öl|e, unb ju erfennen bie oÄe 
SrfenntniS überfteigenbe Siebe S^rifti, bamit mir erfüllt merben 
jur ganjen ©otte^fütte" {®pi). 3, 18, 19). 



367 



Die (S)fenbarnn$ bittdi C^nflitB ttnb ba0 Itene Seflameni 

Lic. Odror ^ol^monti, 

^rofeffor ber S^l^eologie in (Biegen. 

I. 

<3efu3 S^riftuS ^at feine neue Se^re gebrad^t, fonbeun er ^at 
ein neue§ Seben mit ®ott unb por ®oü in feiner ^erfon t)or* 
geftettt, ©o fpridjt 21. ^axnad (3)09men9ef(^ici^te I, 1. 2tup[. @. 37) 
einen ^eute faft oon aden t^eologifc^en Siid^tungen anerfannten 
@ebanten aud. hinter allen SBorten ^fu fte^t feine ganje gott« 
offenbarenbe ^erfönlic^Ieit. SWan t)ergleid)e auc^ ba§ SBort Don 
8. 3Bei& (91. S. J^eologie § 1 c): „3>ie Offenbarung @otte§ in 
K^rifto })at f\6) nxi)t ooUjogen burc^ bie 3Witteilung geroiffer 5ßor* 
ftellungen unb Se^ren, fonbem burc^ bie gefc^ic^tlic^e 2^l)atfad>e ber 
6rf(^einung ®f)rifti auf ®rben, welche ber üerlorenen ©ünberwelt 
bo^ ^eil gebrad^t unb in bem gottgegebenen Einfang be^felben 
feine SSoHenbung garantiert l|at." ^iemit mil SBei^ natürlich 
ben DffenbarungSroert be§ ©elbftjeugniffeö ^^^n nid)t in ^rage 
sieben. 95ielmel|r ftellt er biefen 3Bert be§ SlBorteS ^tefu aus^brfidt* 
lief) feft (a. a. O. § 9 c). SBenn ^efu irbifd)4ebenbige^ SßJirten 
unbeftrittenerma^en in ber ^rebigt be^ @Dangelium§ gipfelte unb 
wenn er felbft bemfilft war, in feiner Siebe alle§ ba§ üerftänblid} 
ju mad^en, rocS feinen S^itfl^noffen an feinem Söirfen jundc^ft 
umjerftanblic^ mar^ fo roirb man aud) ror allem in feinem SBBort 
ofe bem treueften ©piegel feinet Innern bie ®otte§offenbarung 

' @o ftnb bie ©letd^niffe t)on ber @üuberliebe ©otteS Suc. 15, baS @Iei(^» 
niä öon ben Arbeitern im aöeinberß ajiat. 20, 1—16, bie ©teid&niffe t»om 
UnftQut unter bem SOßeiaen unb öom 9let 9JlQt. 13, 24—30. 47—50 oufäufafjen. 

3eitf(^Ttft tür X^cologir unb Aird^e, 1. ^ofira.. 5. ^eft. 24 



368 ^ol^mann, ^ie Offenbarung buic!^ <S^rifht# 

ju f ud^cn f)abcn : 3)urc^ fein Slöort ücrfel^rt er ja mit ben ©ünbem, 
weift fie auf bie fie fuc^enbe, oergebenbe Siebe @otte§ ^in; burd^ 
feine öu^prebigt beven ©eroalt freiließ nid)t im Älang ber Siebe, 
fonbem in ber 3Äad)t be§ neuen, bie ^ergen ergreifenben, in i^m 
lebenbigen ^bealS lag, befreit er fie gemaltfam au§ ber ftnec^t* 
fc^aft ber ©ünbe. @o fteHt er ftc^ gerabe aud^ burd) feine 
^^rebigtmirffamleit afö ba§ 2lbbilb feines ^immlifc^en JBaterS bar, 
ber bie Sßerirrten nic^t üon fid) ftöpt, fonbem freunblid^ aufnimmt. 

S)anac^ fct)eint boc^ bie 3Wögtic^!eit oor^anben ju fein, eben 
an ben überlieferten SBorten ^t^u bie OffenbarungSttiatfad^e feft» 
aufteilen unb barauS einen SRa^ftab für bie rerfite ^Beurteilung ber 
anbern ueuteftamentlict)en ©c^riftfteller ju geminnen. ®8 märe 
alfo ju jeigen, maS in ber 2lnfd)auung ^efu gegenüber allem ©iS* 
^erigen neu unb für bie befonbere, c^riftlid^e Sntroidflun^ grunb* 
legenb mar, unb mieroeit fi^ biefer ©e^alt in ben einzelnen 
neuteftamentlic^en ©d)riften mieberfinbet. ®8 ^anbclt fi^ ^ier 
alfo burd)auS ni6)t um eine Unterfc^eibung oon SBid^tigem unb 
Unwichtigem in ber ©c^rift nadf) einem im SSorauä feftfte^enben 
9ieligion§begriffe, mie fie @. S. 95 au er unb auc^ noc^ be 333ette 
erftrebten, fonbern um eine folc^e Unterfd^eibung oon religiös 9Bert* 
DoUem unb weniger SÖßertoollem, bie in ben biblifd^en 2^atfoc^en, 
in einer SSergleic^ung ber biblifc^en ©c^riften i^ren feften, gefdiic^t* 
lic^ gegebenen ®runb l^at. 

3)ie folgenbe 3lbt)anblung will nur bie OffenbarungSt^atfac^e 
aus ber ^rebigt ^^efu nac^meifen unb bie 2lnfct)auungen bcS ^auluS, 
beS ^ebräerbriefS unb beS «^ol^anneSeoangeliumS bejflgti^ i^rer 
3luffaffung biefer OffenbarungStf)atfac^e prüfen. @ine ooUftanbige 
3)arftellung ber oier 2lnfc^auungSn)cifen ift l^ier alfo nid^t beab- 
fid^tigt. 3[mmer^in wirb man ju erfennen nermögen, worauf eS 
mir bei einer fünftigen Bearbeitung ber neuteftamentlid^en S^^eotogie 
t)auptfäd)ti^ anfäme. 

IL 3)te ®otte8o{fenbarung in ber ißrebigt it\u. 

1. Qxxx 5^ftfteltung ber oerfd^iebenften 93cjie^ungen ber ^reblgt 
3efu pflegt man gegenwärtig jiemli^ altgemein oon feinem ®e* 
banfen beS @otteSreirf)eS auSjuge^en, <3efuS fnüpft aUerbing^ 



unb bofl 9leue Seftament. 869 

oidfarfi an bicfe ©laubcnSootftcttung an, in bcr fi^ bic Hoffnungen 
ber 3fracKtcn juf amntcnf a^ten ; aber aud> bie anbcre (Seite ber 
bamaügen jübifd^en J^ömmigfcit bie ©rfüttung be§ geltenben @e* 
fet(e§ bef ^äftigt i^n fe^r lebhaft : beibe§, bie Hoffnung be§ @otte§^ 
reiches unb bie 2luffaffung ber ©efe^eSpfli^t erfährt buvd) ifin 
eine njeitreid^enbe SBeränberung. Slber bie 33orftellung Dom @otte§* 
leic^ XDOt überl^aupt bamalS fliegenb ; eine neue älnf^auung {)ierüber 
braute 3*f^ i«it f^i^i^^ geltenben ©rö^e in augenfd)einli^en 
SBiberfpru^; bagegen boS pflid^tgemä^e fieben n^ar burd) baS 
®efe§ unb bie fid) an ba§ @efe^ anfc^Uegenbe Überlieferung auf^ 
peinlic^fte bi§ in bie Keinften ©injeC^eiten l^inein geregelt, ^be 
änberung auf biefem ©ebiet njurbe ate Slbfad von SlJlofe ober, 
wa^ feinesin^egS leichter {)ingenommen n:>urbe, als fträflic^e ©leid)« 
giltigfeit gegen ein Ifeiligeg ßerfornmen beurteilt*, ©o feigen wir 
benn aud^ wie ber SBiberfpruc^ gegen <3efu§ bei feiner Stellung 
jum ©efe^e beginnt unb nur bei feiner legten Verurteilung finbet 
e^ ber ^o^epriefter ratfam, ben 9Jleffia§anfpruc^ <3efu jur ©prad)e 
}u bringen, aber auc^ bas( erft, nac^bem ftc^ bie 3^it9^^ roegen 
feinet SBorteS gegen ben 2:empel nic^t liatten einigen tonnen 
(3Rarc. 14, 55—64). 

Seit feiner Jaufe burc^ <3of)anne§ lebt ja 3»^fu§ in bem ®e* 
bauten, bag er ber 3)leffia§, ber tünftige ft'önig be§ ®otte§reic^e§ 
ift (3narc, 1, 10. 11. — 8, 29. 30); erroei^, ba§ biefer aWcffias; 
M^ ^. 110, 1 jur »leckten ®otte§ fitzen foO (3Äarc.. 12, 36; 
14, 62) unb bereinft auf beS ^immelS SBolten mit ben @ngeln 
erfc^nen, baS (£nbgerid)t l)alten unb fein l)errlic^e§ 9teid^ auf 
erben aufrichten roirb (3Äarc. 8, 38—9, 1; 14, 62). ©einen Job 
beutet er feinen ^tfi^fl^i'^ ^^ ^ö^ notroenbige 3Äittel, biefe SBer« 
^^ung @otte§ roa^r ju mad^en (9Äarc. 8, 31 tjergl. 38). ©o 
ift eS 3U Derftel^en, n)enn er fein fieben al^ fiöfegelb jur @r^altung 



1 ®ottedtet4 unb ®efe^ Det^alten ft(^ )u einanber tote ^aggoba unb 
^lad^a. 2)ie ^oggaba toec^felt, bie ^olad^a bleibt. 93tgL ©d^ürer, ®ef(^. 
bes iüb. SBolted im Seitaltet 2t. d^^t. II, 285: »toaljrenb bie ^tudlegung unb 
ä&etterbtibung bed ®efe^ed eine toer^altnidm&gig ftreng geregelte toat, f^altete 
auf bem (Gebiete ber teligiöfen ©^ehilation eine fafi aügellofe äDiafüt." äBegen 
btt »erbinblic^feit ber ©alad^o f. ©an^ebtin XI, 3 (Sd^ürer IT, 273 «nm. 75). 

24* 



870 $ot|mann, ^ie Cffenbotung butd^ C^riftuS 

üieter bcjcid^net (SWarc. 10, 45 Dtgl. ^fofep^uS Slntiq. 14, 7, 1) unb 
roenn er bei ber Slbenbma^föeinfe^ung an bie mit feinem Xoi 
rollenbete ©unbeSfd^liegung bie Serl^ei^ung fnüpft, bereinft im 
Sieic^e @otte§ mit ben ©einigen oereint oon einem neuen @en)a(^fc 
be8 3Beinftod§ ju ttinfen (aWarc. 14, 24. 25) ^ Semgemä^ ^t 
feine ^rebigt l^auptfäc^li^ ben Qxotd, feine ^öret für ben ®n^ 
tritt in biefe^ ©otte^reid) tauglid) ju madien. liefen 3ioed l^t 
^efu§ mit bem Käufer ^[ol^anneg gemein (fiuc. 16, 16 =a»at 11, 12). 
2:auglic^ jum (Eintritt in ®otte§ JReid^ ift nur, mer im mefpani* 
fc^cn ©eric^te beftel)en fann. @o ift ^efu ^rebigt oor allem 
öu^rebigt, beftimmt burd) bie 9lä^e beS ©otteSreid^eS (3Jlarc. 1, 15. 
2uc. 13, 24—30). 

Sfn biefen ©ebanfen unterf^eibet ft^ ^fuS nic^t grunbfo^* 
lid) oon ber oor^erge^enben ^ropl^etie. ©ein SKefjioSanfpru^ 
märe, menn feine weiteren Unterfc^eibunggmerfmale ^injuffimcn, 
n)ot)l etroa^ 83efonbere§, aber nic^tg, roaS eine innere ©gcnart 
feiner ^rebigt begrünbete. S)a§ Qfraet nur burd^ ®ere(^rtg!eit in 
ba§ ©otte^reid) eingeben tann, liaben bie ^op^eten feit 2lmo§ unb 
^ofea immer mieber oer!ünbigt (2lmo§ 9, 8—15. ^ofea 2, 6—23); 
biefer ®eban!e l|at bie mofaifc^e ©efe^lic^feit erft ^eroorgebraciit, 
mie er je^t burd^ Öefu§ eine neue 2luffaffung beS pflic^tmä^igcn 
ficbeng fjeroorbringt. Q[n bem, ma^ bi^l^cr befprod^en mürbe, 
liegt alfo nid^t ber Offenbarung!§d)arafter ber ?ßrebigt ^fu. 

3lber l)ier fommt bei Qt\n^ ein ©ebanle jur ©eltung, ber 
nirgcnbg in ber t)orc^riftlid)en SÖßelt burc^gefü^rt unb jum (Srunb^ 
fa^ erl)oben mar. 3)urd^ bie fittli^en aBirtungen ber ^ebigt 
Qefu mirb ba§ ©otte^reid^ nid)t blo^ mie burc^ ©rfüßung einet 
notroenbigen S3ebingung ermöglicht, oielmel^r mirb e^ baburc^ un- 
mittelbar tierbeigefü^rt unb oermirflid^t. ^ feiner ©erec^tigfeit 
fc^affenben ^:ßrebigt erfüllt ^cfug feinen aHeffio^beruf; in biefer 
@erec^tig!eit fd^afft er ba§ ©otte^reid). 9hir fo fmb bie ©leid^^ 

' ^n ber ^6enbma^Uetitfe^img liegt alfo eine jmeifad^e S0eTtf((iltf"n(| 
beg ^obed 3ef u x>ox : tüdftd^tltd^ beS nun boHenbeten unb \>nxtS) i^n feineiSkoegl 
ßeftörlen ßebcnötoexfeä 3cfu ift 3efu Sob baö O^fer beS Set. 31 öerVifewen 
neuen SBunbeiS ; rüd rtti()tric^ ber no4 audfte^enben SBer^eigung bed ^errlid^feit«' 
reid^eS ift 3efu ^ob bad nottoenbige !Dlitte( i^rer ä^eTtoiTfUd^ung. 



unb bog 9leue 2:eftament. 371 

niffc pcrftänblid>, in iDeld^en er ba^ ®ottc§rcid) mit ber langfatn, 
aber o^ne 3utf|uu be§ ©ämann^ reifenben grud^t (SJlarc. 4, 26—29), 
mit bem au§ bem ©cnftom erroac^fenbenStrauc^ ober mit bem@auer* 
teige oergleid^t, ber ben ganjen Äud)en bur^bringt (Suc. 13, 18 — 21) ; 
nur fo fann er erfldren, ba§ ba§ ®otte§reic^ einem im 2lc!er oer- 
borgenen ©d>a^ ober einer auc^ nic^t leicht aufjupnbenben ^erle 
gleiche (3Rat. 13, 44 — 46) ; nur fo begreift man, mie ba§ ©otte^reid) 
nic^t au^erlic^ fid^tbar, fonbem inmenbig in ben ^erjen ber SDlen^^ 
fc^en Dor^onbcn fein foH (Suc. 17, 20. 21) ^ nur fo enblid), mie 
burd) Qt\u ©ieg über bie fünbigen 3Wäc^te ba§ ©otte^reic^ ge* 
tommen fein fann (2uc. 11, 20). 

2)er ©ebanle, ba§ ba§ Ootte^rei^ in ber fittUd)en SBSirfung 
3efu üor^anben ift, begeic^net jebenfatt^ bie diriftüc^e Offene 
barung^tfjatfac^e. 3Bir er!ennen in ^efuä ben 9Äeffia^, fobolb 
mir e^ in un§ erlebt l^aben, ba^ er mirtlic^ ba§ Ootte^reid^ ben 
SWenfd^en gebracht f)at. Slber maö ift benn nun biefeS ©otteS- 
reic^? S)ie Oteic^fe^ung ber fittlid^en Slöirfung S^rifti mit bem 
per^ei^enen ©otteSreid^ mirb gegenwärtig l^äufig in ber SlBeife 
erfldrt, ba§ man nid)t fomo^l oon ben SEßerfen ^[efu, ate üon 
bem obftraften ©egriffe eine§ SReic^e^ ausgebt, ©o ^at e§ Sant 
getrau, welchem bie neuere 2:^eoIogie in biefem ^^untte oielfad^ ge* 
folgt iftl 3Wan erfiärt mo^t, ^t\vß fönne fic^ boc^ nidjt ate 
S3ringer eines 9teid)e§ bejei^nen, menn er nid^t minbeftenS bie 
Stiftung einer ©emeinfd^aft im Sluge l^abe, bie eben hnxd) gegen- 
feitige^ fittlic^e§ ^anbeln oerbunben fei. 3lber fo gemi^ ber 
aWeffioö in ber jfibifd^en Sitteratur überall ate SBringer be§ ©otte^:^ 
reid^eS gilt, fo gemi^ ift er nirgenbS als Stifter einer ©emein- 

' Sut^cx ^at biefe 6teffe rid^tig überfe^t. evxöi; ift jtuax mandgmal 
— Iv p.ea<j) (ürgl. aJle^cr=SDßei6 3. b. ©t. ©rlmm s. h. v.) ; ed ifl qu(3^ ric^tiQ, 
ba6 3efud f(!^meTU4 meint, in ben ^erjen ber $^Qtifacr (ei baä (Boiitüxti^ 
DOTl^anben. ^ber.bie äBotte p.8xa icapat-rip-r^asw^, Ihob &ht yj exsl verlangen 
aU ©eftenfa^ bie SBegeid^nung eined Drteä, an bem bad ))or^anbene ©ottei^reic^ 
nid^t toa^Tne^mbor fein fann. 2)ie 9lebe mu6 mit Old^aufen ^^pot^etifc^ fiefagt 
toerben: «loenn bog ©otteSteid^ 3u tutS) tommt, fommt eS nid^t öugexlid^ ftd^t* 
bar, fonbem ift in eu^.' Citioad SS^ottloibriged (S3. äBeig) tonn td^ in biefer 
Srflftxung nid^t finben. 

• Slelißion innerhalb bex ©renken bex blofeen SJexnunf t. 2)ritteä ©tücf III ff. 



372 ^ol^mann, 2)ie Offenbarung burd^ G^l^riftud 

fct)aft ^ebac^t.« SKan !ann bie @(eban!en Dom @otte§retd^e unb 
pom aJleffiag nur mi^oerftel^cn, wenn man fte oon i^rem müttcr* 
liefen »oben, oon ber Sßorftettung loiSlöft, ba^ ^[[rael ba§ fflott 
©otteS fei. 2)ur(^ ben 9Weffia§ wirb bem Sßolfe @otte8 bie ^err» 
fd^aft über bie 3CBelt gegeben, ber aJleffia? finbet eine befte^enbe, 
längft befannte ©emeinbe oor.* 

Slber ift nicf)t oictteic^t auc^ gerabe ba^ ein 9leue^, ©c^5pferifc^e§ 
im Sluftreten ^efu, ba§ er ben 9Äe[fia^gebanten oon feiner natio« 
nalen ©diranfe gelöft unb in eine biö baf)in nid)t oor^anbene 9?er* 
binbung gebracf)t ^at? 3">^i ©leic^niffe namentlicf) finb fc^on frü^e 
fo gebeutet morben, ate ob ^z^n^ in itjnen ben 95orjug be§ 
ifraeüttfcf)en Sßolfe^ in J^t^age jiel>e. ©o ift ba§ ®Ieic^ni§ oom 
^eftma^I (Suc. 14, 16— 24 = 3»at. 22, 1—14) ganj offenbar fc^on 
oon 9Dlattl)äu§ oerftanben morben. 9iad|bem er gefd^ilbert ^at, 
mie bie erftgelabenen @äfte nid^t jur ^ocf)jeit be§ ^önig^fot^ne^ 
fommen motten, fä{)rt er 9}. 7 fort: „3)cr Äönig erjürnte, fc^icfte 
feine §eere au§, braci)te jeneSJlörber um unb jünbete i^re ©tobt 
an." ^ier ift entfd)ieben an ben "^oü ^^^ufalemg ju benfen unb 
bag @leici)ni§ fott ben Übergang be§ ®oangeIium^ oon ben ^[uben, 
benen e§ juerft geprebigt ift, an bie Reiben oorfü^ren. 2)er nur 
bei 3«attt)äu§ fte^enbe ©d^tu^ (S8. 11—14) jeigt bann an, ba^ 
audt) bie Reiben nid)t unbefel^en in§ ©otteSreid^ fommen. aber 
bei Sucag fe^It bie beutlic^e S8ejiet|ung auf bie 3^^t5rung ^xn- 
falemö unb menn ftatt beffen bei i^m anftette ber oielbefc^dftigten 
unb barum oerI>inberten ©rftgelabenen bie 3lrmen, Krüppel, 33Iin* 
ben unb Säumen liereingefül^rt werben, fo erinnert ba§ ni^t an 
ben ©egenfa^ oon <3uben unb Reiben, roof)l aber an ben ®egen* 
fa^ oon ©efunben unb Äranfen, ben <3efu§ aJlf. 2, 17 ate 33ilb 
für ®cred|te unb ©ünber gcbraucf)t unb befonberS werben mir an 
ben Sefc^eib erinnert, ben ^\n^ Suc. 7, 22 ben 2lbgefanbten beS 
2:äufer8 juteit werben l&^i, wo aucf) bie 9lrmut neben atter^anb 
förperlid)en @ebre(^en erfd^eint. ^n biefem Sefd^eib ift jebenfalö 
oon ber 93efel^rung ber Reiben nid^t bie SRebe. Slud^ ba§ @Ieic^« 



* aöeber, ©^flem ber oltf^nagoß. paläft. X^eolofli« XXII, nom. § 86. 
Bti^uxtx, a. Q. £). g 29. 



unb ba« 9^eue Sleftament. 373 

nis x>on bcn böfen SBcingärtncm (SWarc. 12, 1 — 12) barf nid^t 
auf ba§ aSer^ältniS Don ^uben unb Reiben ju ®t(ri[tu§ bejogcn 
werben, obgleich aud^ l)ier fd^on 2)latt^äu§ burd^ ©infd^oltung cineS 
35erfc§ (21, 43) biefe 3)eutung angebahnt ^at. @r unb bie beiben 
iinbem ©gnoptifer fagcn am ©diluffe au^brfidlid^, ba| ba§ ®leid^* 
ni§ ben augenblidtüc^en gü^^^^n be§ SSottc^ gegolten ^abc (SWt. 21, 24; 
ÜRc. 12, 12 cf. 11, 27; 12, 13; Suc. 20, 19); ba§ ganje SBol! 
ifl nac^ bet au§ 3f^f- 5 beJannten Megorie unter bem SBeinberge 
JU oerfte^en.* 

3luf bie ^Berufung oon Reiben jum ®otte§reid^ unter 3lu^' 
[to^ung einjelner ^ff^aeüten bejiefjt fid^ fidler ba§ SBort <3cju 
guc. 13, 28. 29 = SKat. 8, 11. 12, ba§ aber bamit bie Sinie ber 
$ropI>etie nicf)t über) d^reitet. ®benf oroenig ift ba§ 33Bort Suc. 4, 25 —27 
^ier JU oermenben, baS n)oI|I eine jeitroeitige SBirffamfeit ^eju 
auf I)eibnifd)em ^oben urfprünglid) red)tfertigt, aber ntd^t auSfagen 
voiü, ba^ baS @otteiSretd^ nun ben Reiben gegeben fei. ®anj 
unmi^DerftönbUc^ ift aber bie SBeifung an bie O^^S^^/ ^^^ ^^\ 
bem SBeg ber ©amariter unb Reiben ju gelten, fonbem fid^ 
nur an bie oerlorenen ©c^afe be§ ^aufeiS ^frael ju wenben. 
(SDW. 10, 5. 6.) 

3luf Stiftung einer ©emeinfd^aft ift eS alfo nid^t ju bejietjen, 
xotnn 3f^fuS fic^ ate ben SBringer be§ ®ottesreid^eS n)ei|. Qn 
bem ©teic^niS oom barmljeigigen ©amariter (Suc. 10, 30—37) 
ift freili^ auägcfprod^en, ba^ barml^erjige Siebe enger perJnüpft 
ate SBo{fegemeinfdt)aft unb e§ wirb bort ju fold^er SSerbinbung 
gemannt. 3lber gerabe in biefem ©leid^nil fommt ba§ 33Bort 
©otteSreid^ gar nic^t oor unb 3[efu8 legt bie 9Ba^rI>eit feinet @e* 
banfeng nid^t bar burdi Slbleitung au§ einem allgemeinem Se* 
griffe, fonbem burcf) Einleitung oon einer immer mieberliolbaren 



* 2)te fp&tere Stirbt ^at nod^ anbete ©leid^iuffe gerne auf bie S^etftogung 
ber 3uben unb bie Stnna^me bei Reiben gebeutet, ]o namentlid^ bie ©leid^niffc 
Dom SDeilorenen Suc. 15 (ütgl. S^ettuflian de pudicitia 7—9). ^ud^ ba8 
®Ieid^nid t)o\\ ben SlrbeiteTn im SBeinberg tourbe unb toitb o^ne irgenb 
toelt^en Stniag im ©leid^niffe felbft auf ba8 S^er^ältnid bon ^uben unb Reiben 
iura ®ottedretd^e belogen (fo ^ilgenfelb, ©c^olten). 



374 ^ol^mann, 2)te Offenbarung burd^ (^^riftud 

©rfa^rung*. 3lud^ töcnn ^cfu^ jeigt, ba§ in feinem 9leic^ bet 
Sinjelne burc^ dienen, nid^t aber burd^ @en)altt^ätigteit unb 
Unterbrüdtung gro^ fein muffe (SWarc. 10, 42—45), meift et 
blo^ ben Unterfd^ieb jmifd^en feinem SHeid^ unb ben 3Bettrei<^en 
nad), ol^ne in eine ©rövterung barüber einjutreten, ob feine 
JJorbcrung bem ^Begriffe cine§ SReic^eS beffet entfprid^t. 9lur 
einmal fprid|t fid) 3f^fu§ über gcmiffe notmenbige Sigenfc^aften 
eine^ 9tcid|eS au§; ba meint er aber nid^t etwa ®otte§ 9lcic^^ 
fonbem ba§ Sieic^ be§ Satan (SDIarc. 3, 24. = SRat 12, 25). 

^n jmei ©leic^niffen über ba§ @otte^reid() fommt ber @c^ 
banfe einer @emeinfd)aft aUerbingS jum äluSbrudC, im ®letc^niS 
oom Unfraut unter bem SEBeijen (3Äat. 13, 24 — 30) unb im 
©leic^ni^ üom 9le^ (SDIat. 13, 47—50), 3)ie ©emeinf^aft aber, 
t)on ber f)m bie SRebe ift, entfpridt)t in feiner SBeife ber ibealen 
@emeinfd)aft ber ©ered^ten, an bie man bei bem 933orte @otte§* 
reidt) fo gerne beult, fonbem gemeint ift baS ^^f^w^wtenfein oon 
SRettbaren uub rettungslos SBerlorenen in bem Äreife ber ©ünber, 
an meldtje fid^ ^efuS mit feiner ^rebigt menbet 3)ie übrigen 
Silber für baS ©otteSreid^ (©amenforn, ©enfEom, Sauerteig, 
"^erte unb Qi)a^ im 3ld!cr) paffen nid^t ju ber aSorfteUung einer 
©emeinfd[)aft, übcrfjaupt nid|t ju ber Sorfteltung eineg Sfteic^cS", 
n)of)l aber lehren fie unS, ba| 3[efuS in ben oon feiner $crf on 
auSgelienben fittlidien SBirlungen baS ^od^fte ©ut ben äJlenfd^en 
JU bringen fid^ beraubt ift. 3)ie langfam im aJlenfd^en reifenbe 
®erect)tigfcit ift bie ©etigleit, bie ^efuS aU 3Äeffia8 ben 3Renf(^en 
bringt, er erfüllt feinen gottgegebenen 93eruf, inbem er bie 
3Jlcnfd^en avS ber 9lot ber ©ünbe ju ber ©eligfeit ber ©ere^tig- 
feit l)infüH 

2. ^ie ^el^rfeite ber Slnfd^auung, ba^ bie ©ered)tigfeit baS 



1 @. mein „€nbe beS jftb. Staotömefend unb €ntfte^ung bed S^rifientum«' 
6. 320 ( -- Stabe, @t]6). bed »oI!e« 3ftacl 11, 592). gßenn 3af. 2, 8 bad ®ebol 
ber !Ra(J^ftenIiebe als v6p.o; ßaoiXixö^ be^etd^net to'nb, fo liegt aKerbiagd eine 
Säeate^ung \)on ßasiXix6^ auf bie S). 5 genannte ßaaiXsla na^e ; bod^ lann 
auc^ ^ier ber ^luSbrud einfad^ bad ^^auptgebot" be^eic^nen. (@o ®hmm 
8. h. V.; ^utl^er-^e^fdjlag unb ö. ©oben 3. b. ©t.) 

« »olbcnfpetger, a)aö ©elbftbeiüufetfein 3efu ©. HO. 



^ 



unb baS 9leue 3:eftoment. 375 

^ot^ftc ®ut fei, ift bic ©curtcUung bcr ©ünbc afö einer auf ben 
3Renfd)cn laftenben 9lot. <3efu§ oerf e^rt mit ben ©ünbetn. 
3)oburd| unterfd^eibet fid) feine ^'^ömmigfeit ebenfo fdiarf t)on 
ber regelred)ten pl^arifäif d)en grömmigfeit, wie fid^ feine 2ln* 
fc^auung t)on bem gegenwärtigen ©otte^reid^ t)on ber Ijerrfdienben 
äuffaffung beö @otte§reid^e§ unterfc^ieb. ®a§ ift S8en)ei§ genug, 
ba^ wir c§ l|ier nur mit einer anbem ©eite ber @otte§offen* 
barung in ©t^rifto ju tl^un l^aben. Qfe[u§ mu§ fid) oerteibigen, 
roeil er mit ben ©ünbem i^t (SJlarc. 2, 16. 17), meil er oon 
einer übel beleumunbeten g^^u fid^ falben lä^t (Suc. 7, 36—50); 
er ^ei^t feinen ä^itgenoffen ber ßößner unb ber ©ünber Oefelte 
(2uc. 7, 34); er oerurteilt eine auf ber 2J)at be§ ®l)ebrud|§ 
ertappte JJrau nid|t, fonbem malint fie jur 93efferung {^o% S, 
1—11); er ftellt gerabeju ba§ bemütige ®ebet be^ Qbümx^, ber 
feiner fittlic^en 9Ädngel gebenft, bem ®ebet be§ ^l)arifäer§ afö 
SWufter gegenüber, ber feine ^ünttti^teit in ber Seiftung cere* 
monieller Übungen x)or @ott ju rüljmen magt (Suc. 18, 9—14)*; 
unb er erflärt, bag bie ßöQii^it^ ^^^ S)irnen, bie fid) burc^ bie 
mad)tige ©eftalt be§ 2:äufer§ jur Umfel^r treiben tiefen, el^er in 
ba§ ^immelreidi fommen aU bie l^odiangefe^enen ^^^mmen ju 
3erufatem, bie ftd| an biefe ©eftalt ni^t feierten (aWat. 21, 
28-32). 

3[efu§ berüljrt fid^ l^ier mit ber aItteftamentUd)en ^^ßropljetie, 
lüie fie in ber Sleil^e oon 2lmo§ bi^ ^f^^'^i^i^ vertreten ift, in= 
fofem, afö er gegen bie I)errfd)enbe grömmigfeit anlämpft, meil 
fic geringwertigen §anblungen bie größte SQBid)tigfeit beimeffe, 
roa^renb fie bie einfad)ften ^flic^ten be§ SWenfd^en gegen ben 
9Renfd)en mi§ad)te. 3e[u§ tjerteibigt e^, ba^ feine 3iö^9^^ ^^^ 
Ijerlommücl^en gaften nid)t einl^alten (SWarc. 2, 18—22), ba^ fie 
ben ©abbat nid|t mit ber üblichen ©trenge feiern (SIÄarc. 2, 23—28), 
bo^ fte bie 9lein]^eitSx)orfd)riften übertreten (SJlarc. 7, 1 — 23), er 
beurteilt e§ ate oermerflidie ^eud^elei, menn man mit feinem 311* 
mof engeben, 93eten unb gaften oor ben 3Jlenfd^en gro^ t^ut 



' ähgl. boil @ebet bed Nechunja ben Hakkana beim ^inauSgel^en a\xi 
bem Sel^T^Qud (SSad^er, ^Qoba ber ^annaiten I 6. 59). 



376 ^ol^mann, S)ie Offenborung buT(^ S^rtftuä 

(3Äat. 6, 1—6, 16—18). ®t oertangt furje ©ebete (3nat. 6, 
7 — 8) unb ba§ uon if(m gefeierte ®ebct ift ein SRufter bcr S&tjc 
(Suc. 11, 2 — 4). ^m ©egenfafe gegen bie l^errfd)cnbe Slnfc^auung 
erßärt er bie Unterftü^ung ber ®Item für n)id|tiger al§ bie Oabe 
an ©Ott (SRatc. 7, 10—13); bie Sßerfo^nung mit bem Srubcr 
ift it)m bringlid^er als jebcS Opfer (aJlat. 5, 23-24); bie 
Seiftung be§ <3c^«ten an ben 2:empel ift unn)ici)tig gegenüber ber 
Übung beS 9led|teS, ber Sarml^erjigJeit unb 2:reue (fiuc. 11, 42 
=2nat. 23, 23). ^a, ^efuS finbet, ba& baS mofaif^e ©efefe nit^t 
bie c^öl^e ber rein fittlid^en gorberung innel^ält: cS achtet ouf 
äußere 9teinf(eit, bie bod^ religiös wertlos ift (SWarc. 7, 15); 
eS verbietet nur ben SWorb unb bod) ift fdjon Qoxn unb (Sdielts 
roort tjerroerpid^ (SKat. 5, 21 — 22); eS geftattet ben ®ib, ber bie 
Unn)at|rl(aftigfeit ber aJlenfd^en als 5Regel oorauSfe^t (3)lat. 5, 
33—37); eS erlaubt bie ©Ijefd^eibung, bie nad) ber ©^öpferorb* 
nung ©oheS oerboten ift (9Jlarc. 10, 1 — 12). 

3n biefer SSejie^ung fefet alfo 3[efuS bie 3lrbeit ber älteren 
^rop^eten fort. @d|on bei 2lntoS erHärt ©ott bem fünbigen 
aSolfe, ba§ 9BaIlfal)rtett, J^ftf eiern, Opfer unb ©efänge i^m ni^t 
gefallen, roo baS SRed^t nichts gilt unb ber SIrme unterbrücft wirb 
(5, 4—24). SBei §ofea (6, 6) ruft ©ott: «armljeraigfeit gefaßt 
mir unb nid)t Opfer, ©otteSertenntniS unb nid^t ©ranbopfer. 
®benfo will nad) Qt\a\a l, 11—17 ©ott nid^tS roiffen oon 
Opfer, 5«ftfeier unb ©ebet, forbert aber innere ^Reinigung, Stecht 
unb SBarm^erjigteit. 9lad) 3«id)a (6, 6-8) tann ©ott nic^t 
burd^ Opfer, felbft nid)t burc^ baS Opfer beS erftgeborenen 
©ol^neS oerföl^nt werben, mo^l aber forbert er©e]^orfam; Übung 
ber Siebe, ®emut. 9lod^ ^eremia tabelt baS SBertrauen auf ben 
Stempel ©otteS unb oerlangt ftatt beffen SBefferung beS Seben§, 
Stecht unb Qnd^t (7, 1—11). aWit S^remia oerftummt aber 
biefe 9iid|tung*. 0^^^ SBieberbelebung burdi ^z\n^ ift merfmürbig 

' S)er ©runb ift leidet ein^ufe^en. 3n ber 9}erbannung (S^e^UI, 
5S)euteroiefQia) giebt ed feinen Opferbienft unb feine Sfeftfeier; ^oggai unb 
Sad^orja treiben sunt 9leubau beS ZtmptU; ^aUa^i, 3oeI unb 2)euterofa$arja 
ftnb 93ertreter bed ausgeprägten ^ubentumS, ber erftc beS nomi^ifd^, bie (eibcn 
legten beä mefftanifd^ gerid^teten. 



w 



unb bQ«{ 9hue Sefiament. 377 



genügt Slber nirgenb§ pnbcn wir in bcr oor(^riftücf)en @ntit)idt* 
lung einen ?ßropt)eten, ber fii^ unter Slbfc^r oon ber I|en:fcf)enben 
Jtömmigteit ber afö oerroorfen geltenben SJlaffe be^ SBotfe^ ju* 
roenbet, um fte au§ i^rer Sßerroorfen^eit unb 95erlorenl^eit ju 
erretten. 

@§ IfQnbelt fid) nämlid^ burd)au§ ni^t blog barum, ba^ 
mit ber ©ettung eine^ fatjd^en ©egriffe^ oon ^^ö^^iö'^it aud) 
ber rechte SWajaftab ber ^Beurteilung fid) begreiflid^erroeife oer* 
fc^oben t)atte. SBo^t fagt 3f^fu§ ben ©i^riftgetel^rten unb ^^tiari» 
fäem nacf), ba§ fic blinbe ^üljrer ftnb, bie jetber ben redeten 
aScg nid^t fe^en (3nat. 23, 16. 24.— 17. 19. 26), ba& fie aÄüdfen 
feigen unb Äanteele t)erfd)Iingen (SWat. 23, 24), ba^ fie ben SHn- 
fpru^ erlieben, ben 9Wenfci)en ba§ ©otte^reic^ ju erfd^lie^en, aber 
in SBal^rtjeit fie am Eintritt in ba§felbe oerl^inbem, ja bafe fie 
au§ ifiren ^roöel^ten nici)t etwa Äinber @otte§, fonbern Äinber 
ber ^otte mac^n (9)lat. 23, 13. 15 — Suc. 11, 52). 2ltfo ba§ 
fte^t 3^efu§ atterbingS feft, bag in ber pt)arifäifd)en g^öntmigfeit 
nod) fein ®runb jur Seoorjugung einc§ SJlenfd^en gegeben ift. 
aber barum befd)önigt er bo^ feineSroegö bie ©ünben ber <3ött^^>^ 
unb 2)imen, benen er in freunblidiem JBertel^r bie 99otfrf)aft beS 
^immelreid^eS bringt. 2lu^ bei feiner Serteibigung biefe§ SSer* 
fe^rS ge^t er burd)au§ oon ber 2lnfd|auung au§, ba^ er feinet* 
roegg bIo§ mit nermeintUd^en , fonbern mit mirltidien ©ünbem 
ju t^un I)at. 

$Run erüdrt fd()on ber ©iraribe (12, 1 — 7)^: menn bu mo^I* 
t^uft, bead^te, mem bu e8 tl)uft. — 2:i^ue mol^l bem Ji^ommen unb bu 
wirft Vergeltung pnben, n)onid)t ooni^m, fo bodinom^öd^ften. Sticht 
foll fein ®uteS bem, ber auf S3öfe§ lauert, unb bem , ber für 93arm* 

^eriigfeit ni^t banft. 9lid(t nimm bid() be§ Sünberg an 

(|t7j ivTtXdßig Toö ajtapTwXoö). Sßerfage i^m baS 93rot — , bamit 



* SBalbetifpctöer (q. q. O. 6. 93 ff.) ^ot mit SHedJt batauf ^inö«tt)icfcn, 
bog bie Qpofal^tifd^'mefftamfd^ gerichtete gfrömmigfeit übet^au^t geneigt loat, 
boä 8Q^unQ8ioefen getinger ju tocrten. 3n ber Slntoenbung nuf 3«fu8 ©. 111 ff. 
fd^eint mir ber 9lad^n)ei8 su fel|len, meS^alb benn nun 3efud bie oon i^m aU 
tö<!^fted @ut Dorge^eate @ered^tigleit gerabe fo unb nid^t onberS auiSprögt. 

" 6. meine .«ntfte^ung be8 C^riftentum«* 6. 32. 33 (=©tabe II, 304. 305). 



378 ^ol^mann, 2)ie Offenbarung burd^ ^^riftuiS 

er bid) nic^t batnit bc^cvrfd^e. Slucf) ber ^ö^fte fyx^t bie 

Sfinbcr (xal 6 o^tato^ e(tt(3if)<36v aL^apztüko\i<;). — 3)cr ^^ari* 
fäi^mu§ ^at fid^ nun bic Stnfdjauung bc§ ©iraciben nuc tcihoeife 
angeeignet. Slber in 95ejug auf bag aSecljalten jum ©ünber ift 
er in berfelben SRiditung geblieben. 2)a§ fetien mir nic^t nur avS 
bem 3lnfto^, ben ^fu§ mit feinem SBerl^alten ben ^^^arif dem 
giebt (SDlarc. 2, 16. Suc. 7, 32. 15, 2), fonbem ebenfo au^ bem 
lalmub. @§ lommt l^ier ber ©egenfa^ oon Chaberim unb 
Anime-haarez b. 1^. ber ©egenfa^ Don ^l^arifäern unb SBoIf im 
£anb in Setrac^t^ $or bem amhaarez befd^äftigt man fid) nid^t 
mit ber Sliora (Pesachim 49 b); il^m ^ilft man nic^t bei ber 
Sl^eurung (Baba-bathra 8 b); nad^ Demai 2, 3 barf man i^m 
meber ctmaä oerfaufen nod^ oon i^m laufen, barf nic^t bei i^m 
(verbergen unb it|n nic^t mit feinem unreinen ©emanb beherbergen. 
9lad) Bikkurim 3, 12 barf ber ^riefter nur einem Chaber bie 
Srftünge fc^enten. ®§ ift tlar, ma§ bei ber ©^roff^eit biefed 
@egenfa^e§ ber SSormurf befagen moHte, Qt\ni fei <piXo^ teXwväv 
xal a|iapTa)X(bv (guc. 7, 34). 9lu5 feinem aSerfelir fd^lo^ man 
jurüdE auf i^n felbft. 

2lber ^t\)x^ wtx^, ba^ er afe 2lrjt ju ben Äranten unb nic^t 
ju ben ©efunben gefanbt ift (3Äarc. 2, 17). <3fnbem er bie Sfin- 
ber ate Srante bejeid)net, bie einen Slrjt nötig Ijaben, erfldrt er 
bie ©ünbe für eine 9lot, au^ ber man gerettet werben mu§. 6r 
mei^ fel^r n)ot)l, ba^ bie ©ünbe eine ^errfd^aft über bie SWen- 
fdjen aujgübt, ber er fid) nid)t o^ne SBeitereö entjie^en fann. S)ie' 
fer ©ebante liegt beutlidj au§gefprocf)en oor in bem SlBort über ben 
SRüdtfaa in bie ©ünbe (Suc. 11, 24—26): a)er au§ bem aRen^ 
fd^en vertriebene unreine ®eift finbet brausen feine Shi^e unb 
feiert be^tjalb in fein früljereS injmifc^cn gefegteä unb gefd^mü<ftc§ 
,^au§ jurüdt. 3)iefe 9Bot|nung gefällt il^m fo feljr, ba| er noc^ 
fieben ©enoffen l^olt, bie nun mit i^m in bem unglüdtUd^en SRen- 
fd)en Raufen. 2Jlan mirb fic^ l^infid^tlid^ biefer ©teile f^merlic^ 
mit bem ©a^e ^. ^ol^mann^ (^anbtommentar I, 141) be- 



1 2)ie ^Mtn bet SRif^na bei @4ürer II, 819 f. unb oufieibem 
331 ff. 2)aau ürgl. Söeber § 11. 



unb baB 9teue XefiQment. 379 

freunben : „2)ic ©tcße entl^ätt eine förmlid^e 2:i^eorie ber 3)amono-- 
logte unb f^tägt jebe 93ermutung blojser Slflomobation an fSolU^ 
meinungen, parabolifd^er SReberoeife u. bergt, nieber." ®erabe biefe 
©teile ift im Unterfd^ieb t>on pielen anbem ©teilen oon Keil, 
^ofmann, SWegev, S. 9Bei§* parabolifd^ oetftanben roorben. SJiele, 
bie gerne an rounberbare Teilungen burd^ 3f^fu§ glauben, werben 
cä afö etmaS feiner ^rebigt burd^auS grembartige§ emppnben, ba^ 
er eine folclie S^^eorie über ben JRüdtfall in beftimmte ^ranf^eiten 
oorgetragen l^abe. SBenn biefeä 9Bort irgenbroelc^en 3iiföwimen» 
^ng mit ber fonftigen ^rebigt ^efu l^at, fo mug e^ oom fitt* 
liefen ®ebiet Derftanben merben. (&^ bebeutet ein 9Bel^e über ben 
SKenfc^en, ber anfangt pon ber Snei^tfc^aft ber ©ünbe befreit 
meber unter biefe ^ecf)tfc^aft jurürffäHt. ®iefe unfelige ftnerfjt- 
fc^aft ber ©ünbe mirb unter bem SBilbe ber S8efeffent(eit oorge* 
fü^rt, ba ber aJlenf^ unter bie ^errfd^aft böfer, in feinem Innern 
^ufenber SJamonen !ommt. Qm ©leid^niä oom oerlorcnen ©ol^n 
fagt ber SBater: mein So^n mar tot unb ift mieber lebenbig ge* 
morben, mar oerloren unb ift micber gefunben morben (fiuc. 15, 
24. 32). 2)er Xote ift mittenlog, roirfung^IoS ; baS ^ier gebrauchte 
9Ub miU iebenfattS fagen, ba§ ber gerettete nic^t b(o^ oorbem 
ba§ ©Ute nic^t t^un mottte, fonbern ba§ er e§ nid^t t^un fonnte. 
SBenn ^\n^ fomit me^rfad^ ben 3wftanb be§ ©ünber§ mit bem 3u* 
ftanbe eineS IjeilungSbebürf tigen Äranf en oergleid^t, f o ift bamit für bie 
Deutung be§ ®leict)niffe§ oom großen ^^ftmal^I Suc. 14, 15 — 24 
bie Siic^tung gegeben. 2)ie 3lrmen, Jlrüppel, S8linben unb Sa^* 
men auf ben ©trafen unb ®affen, an ben fianbftragen unb 3äu* 
nen finb bie t)erad|tcten Ammehaarez gegenüber ben reidt)cn Chß.- 
berim, bie 3^fu 9Bort nid|t begel^ren, ba fte mit il^rem ©afeung§= 
n)efen Doßauf befdjäftigt fmb. ©ie roaren juerft gelaben ; oon ben 



' 6. ane^et-SBeife 8- b. 6t. 3n teiner % 2. X^eoloßie § 23 b jt^arf t 
9Bct6 ein: .3nbem ^ier bie S3efe[{en^ett )um paraboUf^en @egenbi(b bei 
@ünbe Qema(i^t loitb, ift biefelbe fetnedtoegö für einen bilblid^en ^udbrucf, 
lonbeni gerabe umgefe^rt für eine 9leaUtöt beö natürlichen SebenB erflärt, 
avLi beffen (Bebtet überall in ben Parabeln bie ^tnalogie bed ^ö^eren Ißebend 
entlehnt ftnb." Sei biefer ^tuffaffung ift es nur fd^roer, ein Ihiterium bafür 
iu ftnben, to>o 3efu 9lebe parabolifc^ unb mo fie mirftic^ gemeint ift. 



aUwartö gerühmten glommen war ein ©ingc^en auf ^efu 93u&« 
prebigt junäd^ft ju crroarten, aber fie latnen nid^t. 3)a loenbet 
ftc^ 3[eju5 bcn 3ött^^it:n unb ©ünbcm ju. Sßiciumftritten ift ber 
93efd^eib, rocld^cn ^\vS bcn jroei Soten beS 3»ol)annc§ gicbt 
(fiuc. 7, 22. 23). 2luc^ f)m fragt e§ fi^, ob bie ^»cilung ber 
SBtinbcn, fial^men, 3lu§fä^igcn unb Sauben, bie Srroedtung von 
Xoten als SBirttid^Jeit ober afö SBilb ber SRettung au§ ber ©ünbe 
urfprüngüd^ gemeint njar. ©yegetif c^ ift beibeS möglich ; aber n>er 
bie fittlid^e 2lrt ber ^rebigt ^t\n tennt, wirb nid^t ju ber an* 
nal^me geneigt fein, ba| 3f^fu§ bem 2:äufer, beffen rndd^tigen 9}u^=^ 
ruf er felber fo l^od^ fd^ätjt 08, 24—27), burc^ ^inroeiS auf äußere 
^eilrounber ben ©lauben an feine 9Äeffia§n)ürbe fräftigen rooUte,* 

^at alfo 3>^fu§ ben oon ber ©ünbe gefne^teten 3Renf^ 
mit einem Äranfen, oom S)cimon 95efeffenen, oergüd^en, fo oer* 
ftelien mir e§, menn er ba§ 3)ämonenau8treiben unb Teilungen* 
ooHbringen ate feine eigentüd^e 2lufgabe anfielt (Suc. 13, 32). 
3)iefe Slufgabe fteßt er an6) feinen ^füngern {^at 10, 8), unb 
bei i^rer SRüdfte^r erjagten fle il)m voll freubigen ©toIjeS, ba^ 
auc^ bie ©ämonen i^nen untertfian ftnb (fiuc. 10, 17). 3f^fu§ 
aber fielet in folc^er Teilung ber an allerlei ©ünbe tranfen 
a)lenfd)l^eit ba§ beutlid^e SÄerfmal, ba^ mit feiner je^igen SBirt* 
famfeit ba8 9leid| ®otte§ ben Sölenfc^en gegeben ift (3Äarc. 3, 
23—26; Suc. 11, 20), ja, ba| er felbft ber aJleffiaS ift (fiuc. 7, 
22. 23). 

3)ie Qixnht ift aber nid)t blo^ bie tieffte, fonbern au^ bie 
aUgemeinfte 9lot ber Sölenfc^en. 9Hemanb ift gut au^er bem einen 
©Ott (SKarc. 10, 18); oerglid|en mit i^m finb aUe 9Renf(^en 
fc^lec^t (fiuc. 11, 13). Unter ben fünf urfprünglic^en bitten beS 
-3üngergebete§ begießen fi^ jroei auf bie ©ünbennot (fiuc. 11, 4). 
®a§ @leicf)ni8 vom ©d^alfSfnei^t* fefet t)orau§, bag alle SJer* 
gebung brauchen (3Äat. 18, 23 — 35); mä^renb mir ben ©plitter 
au§ bem 2luge beS Slnbem jieljen motten, ift ein ganjer S3alfen 
in unferm 3luge (fiuc. 6, 41. 42). ^ebeS Unglürf anberer foll 



* 6. bie f«öne ©^ilberung bei Äeim, ßeben 3efu II, 359. 360. 

* aJigr. baS ©leic^ni« betf 3ofe ^aHo^n (iBod^cr, Somtaiten I, ?:) 



tinb baS Uteue teftament. ä8l 

\xSfydb an bic eigene ©trafipürbigfeit erinnern (fiuc. 13, 1 — 5). 
SBie bie ©efamtl^eit nnb ber ©injetne unter biefe ©eroalt ber 
Sfinbe geraten jtnb, bead^tet ^cfu§ nur infofem, al§ er bie 9Jlaci^t 
ber 5Berfuc^ung (aWarc. 9, 43—48) unb SBerfütirung (Suc. 17, 
1. 2) möglic^ft einfd)rän!en n)iH; aber n)ie er Ijiebei bie 3lnbem 
}um ©ebete ma^nt {Suc. 6, 4, SKarc. 14, 38, orgl. Suc. 22, 31. 32), 
fo fdiopft er bie 3iJ''^^fi^t 6^i \^^^^^ eigenen JRettung^arbeit 
^iq)tfäd)lic^ aus ber ®en)i|l^eit, ba§ au^ @ott fid^ über bie 
Mettung be§ ©ünberS freut. 

3. Qn ber ©ünberliebe ^efu offenbart fid) nämlicfi baS in^ 
nerfte 3Befen ®otte§ einer SSßelt, bie e§ bie; bal^in nid^t fannte. 
Unb biefe Offenbarung uoUjiel^t fid^ fo, ba^ bie Sünberliebe 
gleidjjeitig als baS SBefen ®otteS unb als ber l)öd|fte 
fiebenSjroedf ber SÄenfd^en unter einanber geglaubt 
unb anerfannt wirb. ®er fünberfud^enbe S^riftuS ift gleid^^ 
jcitig ^od^fte ©otteSoffenbarung unb l^öd^fteS Sßorbilb feiner @e* 
meinbe. 3)iefe ©ünberliebe wirb nur bann als baS SBäefen ©otteS 
oerftanben, wenn fie aucf) als ber fd^öpferifd^e OueH ber neuen 
@ered(tigfeit begriffen n>irb. ^nbem -QefuS ben ©ünbern ftd) 
rettenb juroanbte, ^at er nid^t nur ben äBiUen ©otteS ooll ge- 
offenbart, fonbern aud^ ben SWenfdien baS ©otteSreid) gebradjt.^ 



* %U »riiiöcr hti ®ottcdrei*e8 ift 3efuä ber ÜJleffiaä (maxc. 8, 29—9, 1) ; 
QU(^ bie beiben Flamen ©ottedfo^n unb SJlenfd^enfo^n toeifen auf bie SllelftaS* 
tofirbc ^in, loie bie clafftfd^e ©tettc SJlorc. 14, 61. 62 betoeift. flber ©otte« 
8o^n nennt ftd^ 3efud als ber le^te ©efanbte ©otteS, bem bad J&xU bed 
(Botte^tetdgeg Detl^eigen ift {33laxz. 12, 1— -11) ober aU ber, melc^er allein uoUe 
@ottederfenntnid beft^t unb bem in i^r aUe S)inge t)om 9}ater übergeben ftnb 
(Suc. 10, 21. 22). dagegen al§ SDlenftä^enfobn beaeid^net fidj 3cfu3 im 9ln« 
Wluft an S)an. 7. 13 (tjrgt. a^arc. 8, 38. 14, 62) unb aioar meint er in 
noUtm Sinflang mit bem urfprüngUd^en @inn ber 2)anielftelle, bag etft in 
bem Don i^m gebrad^ten ©otteiSreid^ ber SJlenfd^ ftd^ aU ftttlid^ed 9Befen im 
Unterfdiieb t)on ber tierifd^en 9lo()^eit ber äBeltleute beioä^re (!6uc. 9, 58 
ef. Suc. 13, 32), toie er aud^ bem tDeltflüd^tigen S^äufer gegenüber bie ed^te 
SRenf^entoeife einhält (Suc. 7, 33. 34). Über biefe« „t)or ben ^j^ilofop^ijd^en 
JBeflrebungen beS öorigen Sa^rl^unbertä unerPrte" moralifd^e ^umanitätd* 
ibeal (Salbenfperger ©. 137) örgl. meine entfte^ung beg e^riftentumS ©. 33. 
57. 58. 213—218. 322 (-^ ©tabe II, 305. 329. 330. 485-490. 594). 



882 ^ot^mann, l^ie Offenbotung burd^ (^l^rtftuiB 

$ier faffeu ftc^ aUe ©eitcn bct öetra^tung be8 SBerfcS g^rifti 
in eins jufammcit 

a. ^t^nS entnal^m aud^ für bcn ©ebanfen beS fünbcriicbcn« 
bcn ®ottc§ fein 93ilb ber xf)n umgebenben aJlcnfd^ennjctt. 9lber 
jnjeimat (fiuc. 15, 1 — 10) nimmt er ein SSilb, bei bem baS bem 
9Wenf d)en SBerlorene feine SWenf c^enf eele , fonbem ein fac^Iic^ 
SBefi^tum ift (ein ©d^of, eine 2)rac^me). 2)a§ britte 9M 
(fiuc. 15, 11—32) jeigt er allerbingS einen verlorenen SUlenj^en: 
aber nur ein SBer^ättnig giebt e§ in ber natürlichen SBelt^ roo 
aud^ bem ©ünber nod) Siebe entgegengebra^t wirb, boß 3Jer* 
flältni« eine« Sßaterg ju feinem ©o^ne (fiuc 15, 20—24). @^on 
ber Sruber beä verlorenen ©ol^ne§ fann biefe ©ünberliebe feineS 
S8ater§ nic^t me^r begreifen (fiuc. 16, 25 — 32). 

2lm meiften Sßergleid^ung8punfte mit biefem ©otteägebanfen 
<3efu bietet berjenige be8 ^oplieten ^ofeö (SBergt. ©tabe a. a. 
O. I, 579). ^ofea f Gilbert betanntlic^, wie ®ott ba§ fünbige 
Qffrael, fein treulofeg SBeib, bennod^ liebt unb burd^ ©trafen jur 
»u^e leitet (§ofea 2, 2—23). «ud^ bort fteUt bie treue Siebe 
be<g ^ropl^eten feinem eigenen treulofen SBeib gegenüber bie 
treue Siebe ®ottcS feinem treulofen Sßolte gegenüber bar 
(^ofea 1, 2. 3; 3, 1—3; ©tabe I, 578 2lnm. 2). Slber mie 
bie S^nli^feit ift aud^ ber Unterfd)ieb l^anbgreiflic^. SBei bem 
altifraelitifd)en ^ropl^eten l^anbelt e^ ft^ gemä| feiner Scitfteltung 
um baS 93er{)(ittni§ ®otte§ ju feinem aSolf, bei ^efuS um baö 
SBer^ältniö ®otte§ jum ©injelnen; bei ^ofea ift bie Ireue gegen 
baS treulofe SBäeib nur eben ein feiner perföntic^en (Srfal^rung ent= 
nommeneg 93Ub für ®otte§ Xreue gegen ^^frael ; bagegcn mirb in 
ber ©ünberliebe <3cfu bie ©ünberliebe ®otteS unmittelbar wirf* 
fam: ^t\n^ rettet biefelben ©ünber, bie @ott retten miU. 

3lber mie er felber mit feiner ©ünberliebe gegen bie ge* 
root^nte Übung oerftögt, fo ftögt aud^ biefer ®otteggebanfe auf 
l^eftigen SBiberfprudi ^ 3)a§ jeigt fd)on bie ®infü^nmg ht^ 93ru^ 
bev§ bc§ verlorenen ©o^neö, bem flar gcmad)t werben muj5, ba^ 
er fic^ über bie ©rrettung feine§ iBruber§ ju freuen ^at 

' 5örflL äöcbcr a. a. O. ©. 149. 150. 



unb bad 9leue ^eftament. 383 

(fiuc. 15, 25—32). SttuSfü^rlic^ jcigt 3fefuS in bcm ©Ictc^nig 
oon bcn Slrbeitem im SBcinbcrg, bie ju ocrfd^iebencr 3^it gciüor^' 
im, ho6) fd^lic^tid) benfclben 2oi)n crl^altcn, ba§ e8 ju ©otteS 
@flte paj8t unb feiner ©ered^gfeit nid^t roiberfprid^t, wenn er 
noc^ fpät bie @ünbet jur Su^e unb bamit jum ©otteSreid^ 
fü^rt (aKat 20, 1—16). ®in anber aRol jeigt er au8 ber ©r- 
fal^rungStl^atfad^, ba^ bie geretteten @ünber il^ mel^r Siebe er^ 
iwifen, ate bie von i^m gewonnenen grontmen, ba§ ®ott il^nen 
roirflid^ il^re gro^e ©d^ulb vergeben l^at (Suc. 7, 36 — 50). ©8 
ifl übrigens ni^t unroid^tig, barauf l^injuroeif en , bajs 3»^fu§ l^ier 
Sebenfen foldöer 2tnt(änger ober roenigftcnS ^w^öter ju lieben 
fu^t, bie aus ben pfjarifäijd^ gerid^teten Greifen ftammen. 

S)en ©Ott, ber bie ©iinber auS iljrer 9lot retten xoiVi, barf 
man nt^t burdi S3e]^arren in ber @ünbe ober burd) StüdEfaQ in 
fie perlenen: il^n mu| man fürd)ten, aber ni^t böfe SKenfdien 
(guc. 12, 4—7), aud) nid^t irbifdje 9lot (Suc. 12, 22—31), bag 
iö^fte ®ut, baS Sftei^ ©otteS, gibt ja ©ott ben ©einigen (fiuc. 12, 32). 
aSie ein SSater ni^t ftatt SBroteS einen ©tein, ftatt eines ^if^^^ 
eine ©erlange, ftatt eines ©ieS einen ©forpion giebt, fo erl^ört 
auc^ ©Ott baS antialtenbe ©ebet feiner grommen (Suc. 11, 5 — 13. 
18, 1—8). 2)aS aSertrauen auf bie Siebe ©otteS giebt bem 3Äen:= 
f^cn eine Äraft, ftart genug, um 95erge in'S SWeer ju ftürjen 
(SÄarc. 11, 23. 24). ©otcf)e Äraft ift ^auptfäd)lid) nötig für ben 
fittlid^en Äampf, worauf auc^ ber anfd[)Iie§enbe SSerS (25) beut- 
üc^ ^inraeift. 2)ie Siebe ©otteS, bie ben ©ünber rettet, finbct 
audfi am ©rabe fein ©nbe: ber ©ott Stbral^amS, ^[faatS unb 
SafobS ift fein ©ott ber Xoten (SWarc. 12, 18—27). ©o ift 
©otteS n)icf)tigfte ©igenfc^aft bie Sarm^erjigfcit, bie fid^ fd^on ba* 
rin funbt^ut, ba§ ©onnenfd)ein unb Siegen bem 93öfen mie bem 
©Uten gcfc^enft mirb (Suc. 6, 35. 36=2«at. 5, 45. 48). 9lac^ 
ber in ^[efu SSSirfen anfd)autid)en ©ünberliebe ©otteS i)at fid) alfo 
bie ganje ©otteSanfd^auung umgeftattet^ 

' ®otte8 treue Ißiebe unb bie i^r entfpted^enbe ^flid^t beS (SottoettTOueuiS 
finb freiließ (Brunbgebanfen bet altteftamentlid^en ^Religion, butd^ meldte fte 
fld^ als OffenbaTungSreligion t)on ben l^eibnift^en dleligionen untetfd^eibet. 
Hber biefe @ebanlen ru^en ^iex auf betn 9}aturgrunb, bog ^Ql^tDe ber ®ott 

Beitfd^rtft ffir 3:^ologte unb ftirt^e, 1. ^a^x^.. 5. ^eft. 25 



S84 ^ol^mann, ^ie Offenbarung butd^ €f|rtftu0 

b. @benfo gcftaltct aber bic ©ünberlicbc ^fu ha§ ganje 
btgl^cr gütige fiebenSibeat in bcbeutfamfter SBcife um. 9BeU bie 
©ünbe il^m bic tieffte 9lot ift, forbett ^f^fuS oor allem Sampf 
gegen fte. Äein Unrecf)t, baS man iljnen jufügt, barf feine ^ün%tx 
jur ©eroalt^ oerfüfiren (Suc. 6, 29. 30==aWat. 5, 38—42); lieber 
fdieiben fte fid) oon ben nädiften 2lngel)ürigen (9Äarc. 3, 21, 31—35. 
Suc. 9,61. 62; 14, 25—33; 12, 51—53), opfern ^ab unb ®ut 
(9Wat. 13, 44—46; SKarc. 10, 17—30), perjic^ten auf ^nb, 
gu§ urtb 2luge (SDlarc. 9, 43—48), ja auf baS irbifc^e &ben 
(aWarc. 8, 34 — 37), afö ba§ fie fid^ burd) ©ünbe oom t^od^ften 
®ute loärei^en taffen. Unb bie ©ünberliebe ^efu treibt fie, ouc^ 
anbere vox @ünbe ju beroaliren (Suc. 17, 1), vox aßem bie Sin« 
ber (95. 2). 3)enn nur ber fann in§ ^immetreid^ fommen, au§ 
ber ©ünbe gerettet n>erben, ber fein Seben gteic^fam non norne 
anfängt (SWat. 18, 3) ; ba§ £inb ftef|t nod) nic^t unter ber Rnec^t^ 
fc^aft ber ©ünbe (aJlarc. 10, 13—16). ©onft gilt bie Siegel, 
ba§ man bie anbem fo beurteile unb be^anble, mie man Don 
©Ott beurteilt unb betianbelt ju merbcn Ijofft. 9Kan foH rxx- 
geben, mie man oon @ott Sßergebung erliofft (SWat. 18, 21—35; 
SIÄarc. 11, 25; Suc. 11, 4), foll nid^t ridjten, bamit man nidit 
gerid)tet mirb, foll geben um ©aben ju empfangen (fiuc. 6, 37. 38). 
6benfo mirb 3^int)e§liebe geforbert, ba auc^ ®ott feinen 5«inben, 
ben unbanfbaren unb böfen SKenfd^en gütig fei (Äic. 6, 27—36). 
3ur aSerföf)nlid)feit wirb ermahnt, ba man fiel) mit feinem SBiber» 
fad^er auf bem 9Beg jum SRid^ter befinbe (fiuc. 12, 54 — 59): e§ 
ift bie§ nur bie Ee^rfeite ber SWa^nung ju ©ergeben, bamit man 
SSergebung empfange. 2)a nur ber ©ami^erjige ©arm^ei^igfeit 
^offen barf, mu^ ber ©ebanfe an bie eigene ©d^ulb jur SBo^U 
t\)at an anbem treiben (©leid^ni^ oom ungered^ten ^u§^ter 
fiuc. 19, 1— 9)>. ^ebe fiiebe§pflid|t oerftel)t ftd) alfo oon felbft 

3fTQel8 ifl. mt bem S)ränflen bei «Propheten ouf fitttidje Äeinieil er« 
fahren [it aQmä^IiiJ^ eine Umgeftoltung, bie i^r 3^«! ^ben erft in bei Cffen-- 
boTung in C^l^rifto erreidgt, bequfotge fid^ ®otte8 IBiebe in ber ^infü^rung bei 
6ünber4 gum fföd^ften ®ute, ber flttlic^en U^odfommen^eit ermeift. 

' B. meine (£nifief|ung beS (S^riftentumS 6. 312. 313 (^ Stabe 11, 
584. 585). 



unb bad 9leue S^eftament. 885 

für ben, ber ®otte^ SBcrgcbung l^offt, unb ititc SK^terfüHung 
genfigt ju ®ottc8 aScrrocrfungSuvtcit (aÄatt^. 25, 31 — 46; 
Suc. 10, 25—37; 16, 19—31). ©o beftc^t bic ®vö|e ber 
jünger £f)rifti nic^t im ^errfcf)en, fonbcm im fclbftlofcu 2)icttcn 
(3Rarc. 10, 41 — 45). @ic l^aben für bic anbem ju focgcn, mie 
bet ©d^affncr für feine aWitfne^te in ber 3lbn)cfent|eit be§ ^rrn 
(Suc. 12, 42—48). Me @abcn muffen treu im 3)icnfte ©otte^ 
Dermattet unb auSgenü^t merben (Suc. 16, 1. 2; 19, 11 — 27); 
aber meber ber SRu^m ber grömmigfeit nod) bie fiuft am (Sx- 
roerb bürfen jum ^anbeln treiben (9Rat. 6, 1 — 6; 16—18; 
fiuc. 12, 13—21, 33. 34; 16, 13). 3)er ganje (Smft ber 2e* 
benSoufgabe fpiegett ftd^ in bem ^ilbe, bemjufolge bie jünger 
fein foQen mie ^ecf|te, bie beS 9tac^tS mad^enb unb mit bren« 
nenben Radeln ben x)om g^fte l^eimtef(renben ^erm ermorten 
(fiuc. 12, 35-^tO); aber tcoi bicfeg @mfte§ fann ^efuS feine 
armen, ^ungemben, roeinenben, oon aller SBelt gel^a^ten ^fö^fl^^ 
feiig greifen: fte ^aben in i^m unb burd^ il^n etmaS, maS alle 
@€^at(e ber SSSelt übertrifft unb alle ßeiben ber ®rbe al§ gering- 
mertig erf feinen lä^t: ba§ ©oangeüum oon ber ©ünberliebe 
@otteS unb ba§ 3fi>ßö^ ^i^^ i^ oergebenber, l^elfenber Siebe feli* 
gen Seben§ (fiuc. 6, 21—23). 

IlL Paulus. 

a. ^aulug^ ^at bei feiner SBefe^rung burd^auS nirf)t mit 
feinem ganjen frül^eren ®tauben gebrocf)en. ®r mei^ (2. ®or. 1, 20) 
baj3 bie altleftamentlid^en Sßerl^ei^ungen in ®t|riftu§ i^re 99e* 
ftdtigung unb Erfüllung empfangen, ©ie finb Sttbra^am (@al. 
3, 8; SRöm. 4, 13, 17) unb bem jübifc^en 5ßotte (SRöm. 3, 2. 9, 4) 
gegeben unb faffen fid^ jufammen in ber SSertiei^ung beS ©otte^- 
rei(^e§, beS erfe^nten 3iefe (1. 2:t>eff. 2, 12; ©öl, 1, 13), ju 
meld^em nur rec^tfrfjaffene SWenfc^en gelangen (1. 6or. 6, 9. 10; 
®al. 5, 21). 3)enn nic^t ©peife unb Xranf ift bie ^rrli^feit 
biefeS SReic^e^ — baS oergefit mit bem nergfinglic^en ^l^ifc^ unb 



' %ii nid^t Don $aulud ^ertü^renb bleiben t>on ber folgenben Unter- 
fud^ung audgefd^Ioffen: bet 2. ^^enalonic^erbrief, ber Sp^efetbrief unb bie 
^f oialbTiefe. ^en ^oToneibrief ^aUe id^ für überarbeitet. 

25* 



386 ^ol^mann, ^ie Offenbarung butd^ (^^riftuS 

»tut (1. ©or. 15, 50. 6, 13) —, fonbem ©crcditigfeit bie aber 
mcf)t bto§ in SBortcn, fonbem aucf) in roirffamet S^at befte^t 
(1. ®ot. i, 20), 5^'icbe unb 5^eube im ^eiligen (^eifi (9töm. 

14, 17). 3)ie[c§ ©otteSreid) t)ern)irffid)t fid^ ooK erft bei bet 
©rfdjeinung bc^ aJlcffiag in bcn SBBotten (1. 2t|eff. 4, 15—17); 
feine 3>ftwß^^' werben baran teill^aben (1. 2:^eff. 3, 13; 1. ®or. 

15, 23); ju biefem ^xotd werben bie toten jünger enoecft unb 
bie tebenben oenoanbett (1. 2:^eff. 4, 16; 1. ©or. 15, 23. 
49—52; ^^ilp. 3, 20. 21; ©oI. 3, 4). ©ie werben mit i^m 
^errfd^en unb rieten (1. ®or. 4, 8; 6, 2. 3; SRöm. 5, 17); 
bann wirb aucf) bie Kreatur frei oon ber ^ed^tfd^aft ber 93er* 
gänglicf)feit (SRöm. 8, 19—22). 3)iefe ^errfc^aft beä aReffioS 
bauert bis jur 9lieberwerfung aDer g^inbe, bann übergiebt er fte 
bem Sßater (1. ©or. 15, 25—28). Um bie JBürger beS ©otte«»^ 
reid^eS non ben SBerlorenen ju fd)eiben, bringt aber bie (5t- 
fcf)einung beS aWefftaS oor aKem baS ©eri^t (1. X^eff. 1. 10. 
5, 2. 3; 1. ®or. 4, 5, 11, 32—34; 2. ©or. 5, lö; SRöm. 2, 
5. 6; 13, 2; 14, 10—12). 

b. 3:n biefen 3lnfc^auungen ftimmt ^auIuS burc^auS mit 
ber Sttuffaffung Q[efu überein. 33Bäl)renb nun aber -3efu§ fcl)5pfe' 
rifd^ frei ba§ SBefen ber @crcd|tigteit be§ ©otteSreid^eS unb eben^ 
bamit ba§ SSBefen ©otteS felbft in feinem fünberliebenben £^un 
unb SReben offenbart, untcrfud)t ber nur nac^fcf)affenbe ^auluS 
mül)fam unb forgfam bie SEBege, auf welchen ber SKenfd^ ju ber 
®ered)tigfeit bes; @otte§reid|e§ ju fommcn oermag^ 3unarf)ft 
bot firf) i^m als ein fold)cr 9Beg bie ©rfüQung be§ mofaifd^en 
©efe^eS (©qI. 3, 21). 2)iefe§ ©cfe^ ftammt oom ©inai (@al. 
4, 24) unb oerfprii^t Seben bem, ber e§ ^ätt (©at. 3, 12; SRöm, 

2, 13; 10, 5); eS oerflud|t aber jeben, ber e§ nicf)t I)dlt (®aL 

3, 10). 3)er Qube ift ftolj auf biefeS ©efet», baS iljn ®otte§ 



* €8 ift ein Erfolg bet burd^ SBoutÄ gfotft^ung ongcreflten tt)iffenj(%aft* 
lid^en (grfenntnis beä ?R. %., toenn ^eute ber ©o^ in 93aur8 «Paulu« (2. «ufl. 
öon 3elfet 1866 I, 6) üeraltet unb als falft^ cmiefen ijl: „baft ba« €^riflen- 
tum, n)Qd ed feiner untDcrfettcn ^iftorifd^en SBebeutung nad^ ifl, erft burd^ ben 
2H)ofteI <PouIu8 öeiüorben ift, ift unleußbare ftiflorifd^e Xl^otfod^e*. JBrgT. aud^ 
bie ^eute feltfam Hingenbe ^luffaffung bcö urd^rifllid^en ©emeinbeglauben« II, 134. 



unb bau 9leue Slcftament. 387 

SBUlcn Ic^rt um htS loittcn er fi^ afe SQäegtoeifer bcr 33Imbcn 
fü^It (SRöm. 2, 18—20). ®ie[e§ ®cfc^ ift Qmi^ tttocS ^crt»' 
li^eS (2. Sor. 3, 7); e« ift ^cilig. geregt unb gut (9iöin. 7, 12) 
gvcilic^ betrachtet «ßautuS bancben (®al. 4, 4. 9. 10) bic geier 
ber pom ®efe^ beftimmtcn S^fte ate ein ®efnccl^tetfcin unter bie 
Elemente ber aBcIt; er finbet femer ein 3^i^^" bcr aJlinber«^ 
n>€rtig!eit be§ ®efe^e§ auc^ barin, ba§ eS niii^t pon bem einen 
@ott, fonbem Pon ben pielen ©ngeln ftantmt, bie eg beSl^alb 
burc^ einen SBertreter gaben (®al. 3, 19). S38enn ^^aulu^ (®al. 
5, 14; «Rom. 12, 8. 9) alle ©ebote im @ebot ber 9lä(^ftenliebe 
jufammenfa^t, fo ^at er boS o^ne 3^^^!^^ ^"^^ ur^riftlid^e 
fie^rflberlieferung empfangen. ©trengftenS ^alt er aber baran 
feft, ba§ bie 93efc^neibung als Slbjeic^en be§ gefe^Ii^en 3fuben* 
tumS jum galten besf gaitjen ®efe^eS perpftid^te (®al. 5, 3), 

9iun ift aber ber aJlangel biefeS ®efe|^eS, ba§ i^m jmar bie 
Sbfic^t innemo^nt jum Seben ju führen, aber nic^t bie Kraft 
(SRöm. 7, 10; ®al. 3. 21). %x biefer ©c^roa^e leibet ba§ ®e^ 
fe^ bur^ ba8 ^teif^ (9töm. 8, 3). ^ier begegnet un8 nun bei 
^auluS biefelbe tiefe 2luffaffung beS ©ünbenelenbeS mie bei 
^efuS unb bemgemä^ baS SSerlangen na^ ber eben burd^ @^^riftug 
gebrad^ten ©rlöfung. SRöm. 7, 5 ff wirb gef Gilbert, mie in bem 
fleif^li^en SWenfd^en (93. 14) bie fieibenfc^aften gerabe burd^ baä 
®efe^ lebenbig werben, fofern erft baS aSerbot bie böfe fiuft 
wirft (93. 7). 2lu8 eigenfter SebenSerfalirung f^ilbert ^auluS bie 
Unfeligfeit beS SWenfd^en, ber innerli^ jmar bem ®efe^e ®otteS 
juftimmt, aber feine Äraft f|at, feine ®lieber bem ®ienfte ber 
©ünbe 8U entjie^en (9iöm. 7, 15—23). 2llfo bie im @efe^ ge* 
fuc^te ©ere^tigfeit mirb burd^ bag @efe^ nid^t erreid^t (SRöm. 9, 
31). S)urd^ baS @efe|^ fommt nur ©rfenntniS ber ©ünbe (9iöm. 
3, 20). Qgrft ba§ @efe^ mac^t alfo au§ ber ©ünbe eine ©^utb 
(SRöm. 4, 15; ®al. 3, 19); e§ fteigert baS ©ttnbenelenb ftatt cg 
}u minbem (9Wm. 5, 20; 7, 13); burd^ baS ®efe|^ gewinnt bie 
©flnbe i^re ^aft (1. ®or. 15, 56). @o medtt eS baS 93erlangen 
nad^ einem (Srlöfer (9töm. 7, 24), wirb alfo ein ®rjiet)er auf ben 
aWefftaS (®al. 3, 24). Übrigen^ wirft aud^ bei ben |>eiben baä ®e'^ 
roiffen ein ät)nlid)c§ ©d)ulb* unb @d)wäd^ebewu^tfein (SRöm. 2, 14). 



888 ^ol^monn, S)ie Offen6arung burd^ (^^rtftus 

3)er ®runb bicfer @d)ioäc^e ift bic ^eifd^e^natur ('Jdp^) be§ 
SWcnfc^cn (S«öm. 8, 3)'. 3)ag a)enfcn bcr odtpS ift feinbfdig 
gegen ®ott, fie fann fid^ nic^t unter ©otteS ®efe^ fügen (9l5m. 
8, 7). ®et fleif^Uc^e aJlenfd^ fann @otte« @efet| ni^t erfütten 
(SRöm. 7, 14). am i^leifc^e roofint nid^ts ©uteö (7, 18). 3)a^ 
jjleifd) roiberftrebt bem ®eift (®al. 5, 16. 17); feine 9Birfung§^ 
roeifen fmb bie oerfc^iebenften Safter, bie pon ®otte8 SRei^ au§* 
f erliegen (®al. 5, 19—21). ^ gleifd^e lebenb fann man ®ott 
nid^t gefallen (SRönt. 8, 8) unb ge^t bem 2;obe entgegen (SJ. 13). 
SJoQfommen gleid^bebeutenb mit odpS ftetft aud^ ber SluSbrudf 
Seib (od)|iÄ). $ßon feinen Sttften (iicid^^ioLi) ift 9flöm. 6, 12 bic 
SRebe, bie icpdSetc toö ocojiatoc 9iöm, 8, 13 finb offenbar ba§- 
felbe mag ®al. 5, 19 ta Ip^a rjjc oapx<Sg l^ei^t. 3)reimal (9löm. 
6, 6; 7, 24; 8, 23) ift ber fieib fo fe^r afe Präger ber ©ttnbc 
gebad)t, ba^ eine Befreiung au§ ber @flnbe nur aU (Sriöfung 
pom Seibe perftanben mirb. Sind) bie ®lieber (ta (jLdXnj) merben 
ftatt be8 %k\\i)tä ober Seibe^ genannt, SRöm. 6, 13. 19 nur atS 
SBerfjeuge ber (Sünbe; 7, 5 als aBirfungSort ber ©ünbe im 
SJlenfd^en; enbttc^ 7, 23 mirb auiSbrüctlid) baS ®efet( ber @ünbe 
in ben ®Iiebem ate bem ®efe^e ber Vernunft entgegenarbeitenb 
unb ben äJlenf^en unter ftd^ fned^tenb gefennjei^net. ®g ift 
ganj unfragüd), ba§ l^ier bie ^Terminologie ber an ^lato fid^ an» 
fd)liegenben ^^ilofopl^ie Pon ^auluS übernommen ift, meldte bie 
^örpermelt als Trägerin ber äJerganglid^feit unb @ünbe betrad^tete. 
Slber e§ fragt fi^, ob «ßauluS biefe ©ünb^aftigfeit beä ^leifd^ 
al§ etmaS feit ber ©d)5pfung 93efte^enbeg unb ob er fie ate un* 
abänberlic^ fortbauernb anfielt, ^ür if|n gipfelt jebenfaHö biefe 
ganje Slnfd^auungSrei^e in bem ®ebanfen, ba^ ber äRenfc^ unter 



' 3dg lann ber $lnfdgauung Iföenbtd (bie Sdegriffe üon gfleifd^ unb Qeifl 
im bibl. Sprad^gebtaud^ 1878) nid^t beitreten, koenn et unter adipS (im reltgtöfen 
©prad^gebraud^) aud^ bei $aulud ben gangen SJlenfd^en, fofem er o^nmäd^tige 
Areatur ift, Derfte^en toiU. 2)agegen entfd^eiben bie ©teilen, an benen au»pa 
unb pLiXiQ für adpS eintritt unb in benen bad Sfteifd^ unmittelbar al9 hai böfe 
$rincip im SRenfd^en genonnt ift. Slber ^autuiS gebraud^t eine nid^t t)on i^m 
ausgeprägte Terminologie unb meint geioig nid^t, bag bie 6ünbe in ber @inn* 
lid^Ieit aufgebe. ©. SBeig, ntl. 2:^eotogie § 68 a. 



unb ba« SReue 3:eflament. 389 

einet jum Sobc fii^renben ©ünbcntned)tfc^aft ftc^t. ^n biefer 
grunblcgcnbcn ©rfal^rung ftimmt ^aulu§ bur^au^ mit 3>^fu§ 
übercin. 

^IJauIu^ leitet nun biefe§ ©ftnbenelcnb beutli^ pon ber erften 
Sdjulb ber 2)lenfd|en ab unb jroar fü{)rt er e§ niii^t auf bie }u= 
crft oerfü^rte ®oa (2. ©or. 11, 3), fonbern auf 2lbam jurürf 
(9töm. 5, 12, 14) ^ 2lbam^@ünbe wirb mit bem Sobe^perljäng* 
nis über i{)n unb feine 9lad^fommen beftraft (9iöm. 5, 15. 18; 
1. 6or. 15, 22) unb jmar trifft ber a:ob m6) bie 9tad^fommen 
felbft bann, menn fte feine ©ünbe getrau l^aben, bie i{)nen an* 
gerechnet werben !ann (9löm. 5, 13. 14). ©efünbigt l^aben fie 
aUe auf ®runb be^ SobesJoer^ängniffeS (Slbra. 5, 12 cf. IV ®fra 
III, 7. 8)2. 3)ie ©terbHdjfeit ift eö offenbar, mag bie Sleif^eänatur 
fünbig ma^t (9iöm. 6, 12; 8, 11; 2. ©or. 4, 11). SJur^ ben 
Ungel^orfam be§ einen 9Wenf^en mürben fomit bie pieten tl^at^^ 
fäd)Iii ju ©ttnbem gemaii^t (SRöm. 5, 19). S)a§ ^:ßauluS ni^t 
oor bem ©ebanfen jurüdfc^rerft, @ott ftrafe bie Sünbe bur^ 
neue SJerftrirfung in ©ünbe jeigt feine 2lu§fü^rung über bie ®nt* 
|te()ung ber ^eibnifc^en Safter (9löm. 1, 18—32). 3)reimal 
(3}. 24. 26. 28) felfrt l^ier ber ©a^ mieber TuapdSwxev aoTooi; 6 
I ^söc (sc. el<; axa^ap'Jiav stg icddTj aTtjJitai;- st<; a§öxi|i.pv voöv). 

I ©0 beftraft @ott bie |)eiben, meil fie,bie il^nen gef^enfte ©otteg* 
erfenntniö nid)t in ber regten SBeife oermertet ^aben 08. 21 — 23. 
25. 28). Site ©träfe fann aber bie ©ünbe nur gebaut merben, 
m man i^re Wla6)t ate eine ferner auf bem äJlenfd^en laftenbe 
9lot empfinbct. 

c. 3)er in ber ©ünbe gefangenen aJlenfc^lieit fe^lt nun por 
allem bie frolfe 3iioerfid)t, auS biefem 3^ftanb ber ©ünbe einft 
lo§§ufommen unb bie erfel)nte ®ereci^tig!eit ju erreidjen. 2)iefe 
3uperft^t bringt i^r nun naii^ bem ©oangelium beg ^aulu§ ber 
SJleffiasi. 3)iefer SWeffiaS mirb ja noc^ pom ^immel ^er ju @e* 
ric^t unb ^errf c^aft erwartet (f. oben III a) ; aber er ift au^ ber 



' S3. 2Bet6 (91. 'S,, S^eologte § 68 b ^nm. 6) fd^eint mit l^ier gegen 
VficibeTer burd^auS im 9led^t an fein. 

* Xl^eol. ßitteraturatg. 1890 3lx. 17 ©. 321 meine 5tnaeige öon mUtx. 



390 ^ol^mann, 2)ie Offenbarung buK^ (Sl^rtfiuS 

ißerl^ei^nng gemd^ alS (Bofyx 2)QDtb^ nad) bem e^eif^ (9löm. 1, 
2. 3) pon einem Slßeibe geboren (®al. 4, 4). ®a^ aber ber fo 
©eborene roirüic^ ber SWeffio^ war, ift burd^ feine Sluferroecfung 
pon ben S^oten erroiefen (SRönt. 1, 4). 3)aburd) ift alfo für 
$aulud nic^t blo^ ba^ je^ige @ein be§ SRefftoS gar 9te^ten 
©otteS (SRöm. 8, 34)^ unb feine jufünftige ©rfd^einung in §en* 
Uc^feit (1. 2^^eff. 1, 10) ermöglid)t unb ft^er geworben; für 
^aulu!^ ift baburd^ au^ perbfirgt, ba^ biefer ©ol^n 3)aoib$ nac^ 
bem %lt\^6) in Straft ein @o^n ®otte8 mar xata irv6ö|i/x äymooövtj;, 
bag alfo in i^m etmoS lebte, maS über baS fterbli^e, fünbige 
(^eif^ llinauSragte. 

$ür baS ©pangelium beS $auluS mar nur eine 2;^atfac^ 
pon allen irbifc^en ©^idfalen Qefu pon entfdjeibenber SBebeutung: 
S)er ÄreuseStob (1. ©or. 2, 2, pergl. 2. ©or. 5, 16). Siefer 
^euje^tob be§ 9J2effiaiS I^ebt namli^ ben $lud^ auf, meldten ho^ 
@efe^ über feine Uebertreter perl^ängt 3)a^ gcf^ie^t folgenber* 
ma^en. 3)a8 ®efe^ perflud)t jeben ©efreujigten (®al. 3, 13. 
2)eut. 21, 23). ®ott l^at ftd) aber an biefen $lu^ beS ®efet|e$ 
fo menig gefe^rt, ba^ er ben gelreujigten 3^fu^ bur^ bie äluf- 
ermerfung als ben 9WeffiaS l^errlic^ bargetl^an l^at (SRöm. 1, 4). 
ällfo ift ber anefftaS beS ®efe|)eS ®nbe (9ldm. 10, 4). @;i|riflu^ 
^at uns loSgetauft pom $lud) beS ®efe^eS, ba er marb ein 
gluc^ für uns (®al. 3, 13). 3)eutli^er fonnte ®ott nid^t bat^ 
tl^un, ba^ er ben ®efe^eSfluc^ nid^t ad^te, inbem er ben 9RefftaS 
biefem ^l\x6) untermarf. ®aS ®efe^, baS ben SÄefftoS perurteilte, 
^atte über fxi) felbft baS Urteil gefpro^en unb fo galt fein Urteil 
über bie anbem nic^t mel^r^. 2lber ber SRefftaS, ber ju gunften 

' äBegen ber jübtfd^en S^orfieaun^), bag ber bei ®ott beftnblid^e ajleffiai 
fd^on Dor fetner l^errltd^en @rf(^einung bod ^eil ber Geredeten miU, f. meine 
Sntfte^ung bed 6:]^rtfientum8 6. 214. 215 (= 6tabe 11, 486. 487). Boml 
i^ fe^e, fe^lt biefer $unlt be« SRefftaSgloubenS in ber 2)arfteaung 64üreti 
(a. Q. O. II § 29 6. 445). 

"^ äBä^renb ^aulud an biefer ©teHe feine Sluffaffung bed %ohti 3efu 
ol^ne S9ilb audf^rid^t : benn mü^ ffihm, 1, 5 ff. tt)ar ber ®ef e^edfluc^ für i^n 
eine fel^r brüdenbe äBirHi^feit: finb bie übrigen iLugerungen be8 ^ofleU 
über ben äBert be8 Xobed (^^rifti aderbingd aU bilblid^e SBeaeid^nungen ber 
^eildt^atfad^e gemeint. %vx näd^ften mit ber ©alaterfteHe berührt ft4 ^L 2, li 



unb bad 9leue Seftoment. 391 

iyer ©einigen ben 5liict(tob am ^euje ftarb, l^at il^nen ebenbomit 
einen ©eroeiS feiner Siebe gegeben (@al. 2, 20). §ier berül^rt fid^ 
roieber bie 2ln[d)auung be§ ^auIuS mit ber ^[efu (ÜJlarf. 10, 42 — 45). 
Unb mit ber Sluf^ebung beS @efe^eSfluc^e§ bur^ ben ^eujeiStob 
be§ SKeffiaS ift nic^t bIo§ eine einjelne ©eite be^ ©ünbenelenbeS 
gel^oben: ®ott offenbart feine Siebe ben fünbigen aWenfd)en, in= 
bem er burc^ ben ^enje^tob feineS ©o^neS ben @efe^e§f[ud^ ju 
ni^te ma^t unb in ber ®eu)i§]^eit ber Siebe ®otte§ ift aud) bie 
@ennj3]^eit ber SRettung au§ bem ledigen @lenb ber ©flnbe gegeben 
(Stent 5, 8. 9; 8, 31. 32). 

3)iefe SRettung ift nun freilid) nur möglid^, menn irgenbmie 
bie burc^ älbamS ©d)ulb tieroorgerufene ©ünb^aftigfeit ber odpS 
aufgehoben mirb. ^ulu^ bilbet t|ier einen Gebauten a^nlid^ bem 
oon ber älufl^ebung bcS ®efe^eSflud)ed burd) ben oom ®e[e^ oer« 
fluchten aneffioS. ©er2Reffia^, ber !eine©ünbe fannte(2. ©or. 5, 21), 
fam in ®leid^^eit be§ f ftnbigen gteif c^e§ unb oerurteiltc ebenbabur^ 
bie ©ünbe im ^t^if^, bamit bie ®ered^tigfeit§forberung beS ®c= 
fe^eä burd^ bie ®Idubigen erfüUt mürbe (Sftöm. 8, 3). :3nbem alfo 
ber fünblofe 2«effta8 ^leif^eSnatur ^atte, tl)at ®ott bar, ba^ bie 
adpfi fortan fein ^inbemi^ ber ®erec^tigfeit fei. „®ott ^at ben, ber 
oon feiner ©ttnbe mu^te, jur ©ünbe gemad)t, auf ba§ mir mürben 
@otte§ SRe^tfii^affen^eit burc^ i^n." ^ier mitl ber fd)arfe 2luSbrurf 

«{taptiav iirotTjaev fagen, ba§ 3f^fu8 auc^ odpS ajjLaptiac an fi^ 

^tte (SRöm. 8, 3), bie aber bei il^m nxä)t jur S^atffinbe mürbe. 
SBom Sobe ß^rifti ift in biefeni »erfe (2. (£or. 5, 21) nic^t bie 
Siebe. 3)aS ift nun ber ®ebanf enfrei^ , avS bem l^erauS ftc^ bie 
Siebe ju bem um unfertmillen arm gemorbenen (2. ©or. 8, 9) unb 
fi(^ jur ftnec^t^geftalt emiebrigenben SWeffm« (^^ilip. 2, 6—8) 
erflärt unb um be^miUcn ^auluä me^rfadi ben ®el^orfam ©^rifti 



Xoona^ (S^tiftuS bie gegen uns jeugenbe ^anbfd^rift an bad Uteu) nagelte. 
2)08 SStIb bed ^affa^Iammd 1 €ot. 5, 7 lag na^e megen bes SobeetageS 3efu, 
uegen bet S3efreiung au» bei l!ne($tfd^aft bei ©d^ulb, megen bei befonbem 
%xi ber jfibifd^en gfeftfeier. 2)ad 93Ub t)on bem O^fex am S)erfo^nungdtag 
9l9m. 8, 25 mo^it $aulu8 beiS^oIb befonbexS aufagen, tt)etl et aU 3ube in 
biefem Opfer a^tttoeilig gefunben f^aitt, tt)a8 il^m ber Iheugedtob beS ^effiaS 
bauemb geioöl^rte. 



392 ^ol^mann, S)ie Offenbarung burd^ (^^tiftus 

(^tiilip. 2, 8; 9iöm. 5, 19; Od. 4, 4) betont. ®ic »firgfc^aft 
für bic 3Bal^r^eit bicfer ©cl/orfom^Iciftung ober bafür, baj8 in 
®I)rtftug ein ®eift ber ^eilig!eit oor^anben war, gibt bem Slpoftet bie 
ziat^afi)t ber 3luferftel|ung (S^rifti (S«öm. 1, 4). ^fir baö a)cn= 
fen beei ^aulu§ fd^üe^t aber anä) bie @rfd)einung be§ fünblofen 
3Re[fia§ im %ki\6) nid)t bIo§ bie 3RögIid)teit einer JRettung au§ 
ber ©ünbe in fi^ , [onbem * ben offenbaren SiebeSroitten @ottcö, 
biefe 5Rettung ju oollbringen. 

d. @§ ift nun oerftonbUd), ba§ ^aulu^, ber fid) afö ®cgen= 
ftanb ber ©ünberliebe ©otteS unb S^rifti roei^, bag in bicfct 
©ünberliebe gegebene §eil anfii^auUd^er unb au^fü^rüdjer f^ilbcrt 
al§ ®^riftu<g, ber ben ©ebanten ber ©ünberliebe erft offenbart unb 
oerteibigt. 3)a§ näd)fte Qkl ber @rlöfung§t^at be^ 9Weffiaö ift 
nun bie SRettung pont 3önie§geric^t (1. Sfieff. 1, 10). Sba nun 
bei biefem ®erid)t nad) allen paulinifd)en ©teilen (1. ®or. 4, 5 ; 
2. ©or. 5, 10; mm. 2, 5. 6; 1. ©or. 11, 32; JRöm. 13, 2; 
14, 10—12) ©ebanfen unb SBerfe eine§ 9Jlenfd)en auf i^re @üte 
unb 93ern)erflid)!eit geprüft werben, fo fommt e§ bei ber (Srlöfung 
offenbar oor allen 2)ingen an auf bie roirffame Befreiung oon 
ber ©ünbenmaii^t^ 3)al|er begegnet ung bei ^auluö oon ben 
frü^eften bi§ ben fpäteften 93riefen immer roieber bie frol^e 3^= 
oerfidjt, ba§ ber treue ®ott, ber fein gute§ SSSer! in einer @e= 
meinbe begonnen {)at, e§ burdjfü^ren unb fic bei ber äBieberhinfl 
be§ ^erm in untabliger ^eiligfeit oor bem Slid^terftul^lc bor* 
ftellen mirb. 2)iefer ©ebanfe ift gang unmi^oerftSnblic^ aug* 
gefprodien 1. S^eff. 3, 12—13; 5, 23; 1. ©or. 1, 8. 9; 
^iilipp. 1, 6; 9—11. Sfla6) ®al. 5, 5. 6 bitbet ben ©egenftonb 
ber d)riftlid^en @lauben§^offnung bie @ere(i^tig!eit, bie in t^ätiger 



' ^fleiberet («PauUniömug 6. 224. 263) mü nur in ber ©al. 6, 7. 8 
^ert)Otdet|obeneu (Songruenj bon ^tuiSfaat unb (Smte ben fittlid^en Hern ber 
fonft bei $aulu8 üorgetrogenen jübtfd^en äSergeltungdlel^re erbltclen. & fd^eint 
mir geh)aQi, eine fämtlid^en neuteftamentlid^en ©d^riften gemeinfame ^(nf^auung 
qU jübifdge 9}orQUdfe)}ung au !ennaet(l^nen. ^udg 93. SBetg (91. Z, Sl^eologte 
§ 98 c) tjermtttelt ben ®erid^töQeban!en mit ber 9led^tfertigungdle^re in einer 
m. (&. bie ®laubend)ut>erft(^t nur gef&l^rbenben SBeife. So fd^abet man bem 
reformatorifd^en ©ebanlen, bem man bod^ bienen tvitt. 



unb ba« 9leue Sefiament. 398 

Siebe jur (Srfd^einung lommt. 2. (S^ox. l, 22. 5, 5 ^eijst ber ben 
elften cfi^äfenttt ©otteSgeift baS ttnterpfanb beS ^eil^ (6 appa- 
߻v). Offenbor ift bamit bie bur^ ben Olauben bereite in i^nen 
ool^ogene innere Umgeftattung als Sürgfd^aft ber i^nen Derl^eige- 
nen ftttftdjen SBoHenbung gemeint. 9i5m. 6, 14 fagt ber SCpoftel : 
2)ie ©ünbe wirb nid^t mel^r über m6) l^errfci^en. ^lamentli^ aber 
fommt ^ier no^ SRöm 5, 15 — 21 in iBetrad^t^ 2(uS ben t^ier 
gegebenen Sergleid^nngen ge^t jebenfaltö ftd^er l^croor, ba^ na^ 
bec Snfd^ouung be§ ^auIuS fid^ an (S^riftuS ebenfo fieben unb 
©ered^tigfeit anf^Uegt t^i^ <in älbam 2:ob unb @ünbe. SBie bie bem 
tobe oerfaQene 5Kenfd)]^eit wirflid^ auc^ allgemein ber ©ünbe per* 
fiel, fo mirb fi^ aud^ bie mit bem emigen fieben befdienfte ä^enfc^« 
^it in t^ätiger ©ered^tigfeit beroälfren. 2)iefe @ered^tig!eit fommt 
aber nur juftanbe auf @runb be§ burd^ ©f^riftuS gefd^enften 
SebenS, mie bie Sünbe ber 9Wenf(^en auf il^ter bur^ 9lbam ^er* 
beigefülirten ©terbüc^feit berul^te. ^auluS betont aui^brücfU^ 
(S. 13. 14), ba§ ber 2:ob bie SWenf^en ol^ne eigene^ SBer* 
fc^ulben um be§ ©tammoaterS mitten traf, unb fo ift aud) feine 
SReinung, ba^ baS £eben ben ©laubigen nid^t infolge i^reS Zi)\xx\ä, 
(onbem um beS ©el^orfamS @^^rifti mitten }uteil mirb. 9lber 
biefeS @efd^{ beä £ebenS giebt i^nen oud) bie ^raft ber ©e^ 
rtc^tigfeit. 

S)iefer ©ebanfe beä ^auluS, ba§ fid^ bie ©laubenSjuper- 
fit^t beS 6^riften, bie fic^ auf S^^riftus; attein unb auf fein 
menfd^Hdt^e^ SBerf grünbet, por attem auf bereinftige ftttlid)e 93oQ:= 
enbung bejiel^t unb richtet, märe frageloS tängft mel^r betont unb 
anertannt, menn nidt(t ejegeäfd^e unb fonfeffionctte ©dt(roierigfeiten 
im SBege ftünben. Rubelt eS fi^ bod| l)ier für bie ©oangeli* 
\ijltn um ben primus et principalis articolus (Art. Smalc. IL, 1), 



^ 9Jlan üetfd^Uegt ftd^ boS SOetflänbnid biefer @teQe, Vomn man ntd^t 
beamtet, bai bie Häufung bei SSetgleid^ungen namentUd^ fß. 15—19 aud beut 
Aingett bed ^ofitU no4 bem flarften ^udbrud ]t\\\ta ©ebanfend f^tDoox^tf^l 
^emgema^ ^aben tt)tt, bo SB. 20 eine neue S3e)ie^unQ eingeführt tt)irb, in 93. 19 
bie (Erflatung ber frft^exen SBerfe. ^ier gilt eä aber feftju^alten, bag xa^- 
(OTcivac immer bie reale S}erfe^ung in ben betreff enben Suftonb aujBbrüdt, 
f. me^er'SBeib au fß. 19 %nm. 



■? 



394 ^ol^mann, 2)te Offenbarung burdg (^^rtftud 

bic Seigre pon bcv SRcii^tfcttigung. SRan tl^ut aber gut, biefcn 
©treit ber Äonfe[ftonen crft ju erörtern, ttad)bem bie SWeinung beS 
^:ßaulu8 fac^lic^ feftgeftcfft ift. 

S)ie ©ereii^tigfeit, bie bem ®f|riften oer^eifeen ift, erreicht et 
nid^t infolge ber @ef e^eSerfäUung ; benn bad ®efe^ fteigert nur 
©d^ulb unb ©ünbe ; aber er glaubt, ba§ ®ott i^ burd^ (£t>riftu§ 
biefc ©ered^tigf cit giebt : ber nid)t erreid^baren ®efe^e8gercc^tigfeit 
ftelft gegenüber bie juoerftc^tlid^ erl^offte ©(aubenSgerec^tigfeit 
aSon biefer perl^ei|enen unb geglaubten ©ere^tigfeit rebet ber 
^op^et ^abatul 2, 4 (@al. 3, 11; S«öm. 1, 17) unb pon 3lbra* 
^ant ^ei^t eS @en. 15, 6, ba^ il^m fein ®laube jur ®ere^tigteit 
gered^net rourbe. Se^tere ©teile njiH offenbar in if^rem urfprünj- 
lid)en 3^f^^w^^^f|tt^9 befagen, ba§ ba§ fefte ©ottoertrauen Slbra* 
]^am§ i^m oon @ott ate ein 3^i^^^ red^tf^affener ©eftnnung ge* 
beutet rourbe. 3luf ben ®t)riften übertragen (®al. 3, 6 ; 9fi6m. 4, 3) 
n)ürbe bai^ bebeuten, ba^ bie ®en)i|^eit, um (S^^rifti n)iQen funftig 
bie ®erec^tigteit }u errei^en, xf)m fd^on abgefe^en pon aQem Zifm 
als Qd6)tn felbftperftanblidi nid^t ber erl^offten fittli^en Soll* 
enbung, mol^l aber re^tfd^affener ®efinnung gebeutet werben fann. 
2)iefen ®eban!en fprid)t ^auluS SRöm. 4, 5 au8.^ 

9lun ift aber baburdt( eine SJerroirrung in bie (Sjegefe ge* 
fommcn, ba§ ber SRöm. 4, 7. 8 angeführte ^falm nic^t pon tünf* 
tiger ®ered^tigfeit, fonbern Pon ©ünbenpergebung unb 9li(^t- 
anrc^nung ber ©ünbe rebet S^ro^bem fagt ^ßauluig, ba§ biefer 
^falm ben SWann feiig preife, bem ®ott abgefel^en Pon feinem 
il^un ®ered^tigfeit jured^net (5B. 6). ^ier fc^eint alfo S^^^^^^i^fl 
pon ®ered)tigteit nid^tS anbere§ als ©ünbenpergebung ^u fein. 
Unb gemi^ ift beibeS auc^ als eine unb biefelbe ^anblung ®otteS 
gebad)t. ®enn für ^^auluS ift neben feinem ®eric^tSgebanfen ber 
©ebanfe ber ©ünbenpergebung nur möglid^, meil nac^ feiner SJor- 
ftettung bie Vergebung ®otte8 bie ©emi^^eit fünftiger fittli^er 
Sßollenbung in fxä) fd)lie§t. ®ott fann feinen ©ünber in ®naben 
annel^men unb i^n in ber ©ünbe laffen; inbem er it)n annimmt 

i 3n bet (Srnärung fttmme iü^ alfo mit ane^ex-aBei^ 3. b. ®t übeiein. 
9htT etfd^tDcrt fid^ SBetg bie fad^Iid^e ^uffaffung bur^ feine ^nf^auung tm 
ber dixaios'jvY) j^eoü. 



unb baS Jltut Slejlament. 395 

oer^ci^t er il^m bic ®erc(i^tigfcit, fpri^t er il^m grunbfä^üc^ bie 
©erec^tigfeit ju, bie t^at[ad)ttci^ erft fpdter erreid)t wirb. 

3)iefe 3wfP^c<^itng ber ©ereditigfeit ift alfo x^xtm SBäefen 
na^ ettDO^ einmaliges, für bie ©emeinbe ber ©laubigen in ber 
ßrlBfung burc!^ ©l^riftuS gegebene^, alfo fein ^roce^ unb pon 
ber älufgabe ber Heiligung (a^iaci^6<;) roo^l ju unterfc^eiben 
(2. gor. 1. 30). ®af|er rebet ^aulu§ fel^r oft oon einer in ber 
SJcrgangen^eit gefc^e^enen Stxauootc (j. 93. SWöm. 5, 1 entfpred^enb 
4, 25 roo bie SvmuAOK; fj(iA)v an bie Suferftel^ung ®^rifti ge* 
fnflpft ift, bagegen 5, 9 an baS a3lut, alfo ben a:ob ©l^rifti). 
Slnbererfeitg ift aber StxaUöotg auii^ bie fd)lie§lid^e ©erec^tfinbung 
bei ©otteg ©eric^t unb bemgemä^ iutflnftig (9töm. 3, 30. 8, 33. 
@al. 2, 16). 2)aS ftel|t ber (Sinmaligfeit burii^auS nic^t ent« 
gegen, ba baS fd^tie|li^e Urteil ©otteS nur anerfennt, n)aS in 
feinem erften Urteil gefegt mar. ©erabe barauf berul^t bie 
@lauben§gen>ig(^eit hz^ ©ere^tferägten, ba^ i^m oor allem eigenen 
2:^un baS ©anje be§ d^riftlic^en ^eileä juertannt ift. 3)a§ ift 
mi) bie SWeinung ber 9ief ormatoren. ^ 

2)ie SixatoaovT) ^eoö, h, ^eoö, 8ta ttCgtsox; Xpwroö (9löm. 
1, 17; 3, 22; 10, 3; 2. ®or. 5, 21; ^^ilp. 3, 9) ift alfo eine 
@abe t)on ©ott an bie SRenfd^en, aber nid)t bie il^nen oon ©ott 
oerlie^ene ftraft : — biefe bejeicl(net ^auluS mit bem 3Bort fltv65{jLa 
(®al. 3, 2. 14; 4, 6; 5, 19—23); aud> ift fie ni^t eine ben 
S^riften fd)on je^t an^aftenbe ®igenfd)aft, fonbem eine fold^e, bie 
i^nen für il^re aSollenbung oerI)ei|en ift. 9Jon ber Offenbarung 
biefer Stxatooovr] burd^ (£l)riftu§ ober ba§ ©oangelium fann ge»' 
fprod^en werben, meil fie ber porii^riftli^n Sffielt unbe!annt mar 
(SRSm. 1, 17; 3, 21); oon einer Unterwerfung unter fie rebet 
^auluiS, mie er überliaupt oon einer Unterwerfung unter ben 
c^riftli^n ©lauben rebet (SRöm. 10, 3; 2. Sor. 9, 13).^ 



^ S)te lat^ollf^e SJletnung t>on bet 9}cTbtenf}Ii(l^feit bet Qottgefd^enften 
deretj^tigleit ift ^ier ganslit!^ ausgefd^loffen, ba nod^ ber üTleinung bcd $autud 
iDie nad^ bet e^riftt felbft bie ©ered^tigteit bog iDefentlid^e ©tüdT be3 l^Dd^ften 
Quted ift. (^^riftuS allein ift ed, burd^ ben bem (Blauben bie ©eiDigl^eit ge» 
geben ift, au biefem ^öd^ften ®ute au fommen. 

* «nber« ^Peibeter, «PauliniSmu« ©. 175 ff. Urc^tiftentum S. 242 ff. 



896 ^ol^tnanu, 2)te Offenbarung hnx^ (E^rlfluS 

a)ein9emS^ fmb aße pauümfc^n ©teilen ju perfte^en, in 
benen ba§ SBort Stxaioov oorfommt. 3)eutli^ bejiel^t ftd^ bicfeS 
Sffiott in fe^r oieleu Ratten auf baS fttnftige ©erid^t, in n)elc^em 
©Ott ben SRed(tfc^affenen geteert fpriii^t. ©o ift e^ gebraust 1. 
©or. 4, 4; ®al. 2, 16. 17; 3, 11. 24; 5, 4; Sftom. 2, 13; 3, 
20. 30; 8, 30. 33. a)aneben bebeutet e8 aber aud) ^ufig bie 
grunbfä^lic^e ®eved)tfpred^ung bercr, bie im SJertrauen auf ®otte§ 
in S^rifto offenbare fünbenoergebenbe @nabe bereinft gerecht er* 
funben ju werben l^offen. ©o ift ba8 SBort gebrandet 1. 6or. 
6, 11. ^aulu8 \)&lt ber feineSweg« ftttlid^ oollenbeten Oenteinbe 
jur SBamung eine 2lu^ftl^lung folct(er Ungered)ter oor, bie nit^t 
ins ^immelreid) fommcn. 3)ann fäl^rt er fort: „unb fo feib i^r 
teitroeife gen^efen^ aber it|r ^abt eud^ gereinigt^ feib nun ge^Uigt 
feib gere^tgef proben". §iet ift ganj beuttid) bie äAeinung: 
grunbfä^Iid) gel^ören bie j^orint^er nid^t metir ber ©finbe, ber ^e 
tt^atföc^lid^ boc!^ noc^ unterliegen, ©o ift baS SBort Sixaioov 
au^ ju oerfte^en SRöm. 3, 24. 26; 4, 5. 5; 1. 9. 9lu^ ^ier 
bebeutet alfo „red)tfcrtigen" ein Urteil ®otte8 über ben SWenfc^en, 
aber nid^t baS Urteil, ba^ berfelbe ftttlid^ ooltenbet ift, fonbem 
ba^ er tro§ feiner je^igen ©ünb^aftigteit fittlic^ poUenbet n)erben 
fotl. ©Ott fpric^t i^m bie ®ereci)tigteit als ©efd^enf (9löm. 3, 
24; 5, 15. 16) ju, bie er bisher nidt(t l^atte. SJiefeä Urteil 
©otteS f^lie^t alfo notroenbig ein Urteil ber ©ünbenoergebung 
in fid) (SRöm. 3, 25; 4, 7. 8; 2. ©or. 5, 19), ba§ ^auluS gerne 
an ben Dpfertob ©iirifti anf^lie^t (1. ®or. 15, 3; ©al. 1, 4; 
gfiöm. 3, 25; 4, 25; 5, 9). 

e. ©8 ift l)ier nun nid)t unfere Slufgabe, bie reiche SKannig- 
faltigfeit ber 9tu|erungen beS ^auluS bejflglid) ber ©ntroidlung 
beS d^riftlid^cn fiebenS genauer oorjufü^ren. Präger biefer ßnt- 
roidlung ift ber wie urfprünglid) in Sl^riftuS (SRöm. 1, 4) fo nun 
in ben ©laubigen loirtfame ©otteSgeift (9löm, 8, 9). 3)iefer 

?lbet fo mug ^fleiberer bte ®txiä^tit>ox\itliun% beö ^ouIuiS füt eine auS ben 
3ubentum beibehaltene ^oifteOung galten (^aulinit^mud e. 262—^64; Ur> 
d^riftentum 297. 298) unb mug fc^Iieglid^ gtuei SSegriffe feftftetten, bie Fimmel- 
U)eit auiseinanberlie()en unb benfelben 9tamen dixaioaüv^} tragen (^auIinitnaU 
210. 211). 



unb baS 9leue S^eßoment. 897 

©otteSgeift oon bem allc^ @ute ftammt, wie oon ber odpS alle 
©unbe (®(iL 6, 19—23; 9iöm. 8, 5—10), tüirb infolge glauben«^ 
oottcn ^örenS (®al. 3, 2) empfangen. ©d)on im 2llten a:efta* 
ment oer^ei^en (®al. 3, 14) ift er nun ben oom ©efe^e^flud^ 
erlöften al8 ©eift ß^rifti oon @ott gefanbt (@al. 4, 6; gtöm. 8, 
9)'. ®otte^ ®eift mad)t auS ben SJlenfdien einen Siempel ®otte§, 
fo bag er nic^t mel^r fic^ felbft gehört (1. (Sor. 3, 16; 6, 19); 
er ocrbinbet ben ©injelnen mit feinem ^erm (1. (£or. 6, 17) unb 
bie e^riften unter einanber (1. gor. 12, 12; 13, 13; ^^i(p. 2. 
1). ®r ift ber |>err ber ®Iaubigen (2. ©or. 3, 3—8. 17), bie 
er }ur ®ottebenbiIbIid|teit oerHärt (2. ©or. 3, 18). ©o enoedt 
er ben um feiner ©ünbe loillen bem 2:ob oerfatlenen fieib ju 
neuem Seben (9töm. 8, 10. 11; ^^itp. 3, 21), bis ber fieib gana 
unb gar bem ®ottcggeifte entfprid^t (1. ©or. 15, 44). @o ift 
ber 3)ienft be§ 2lpoftel§ eine Staxovla 3tvs6|iato(; unb be§f|alb 
SvMLVQ^irrfi (2. ®or. 3, 8. 9). 3)er ®eift ®otteg lef^rt oor allem 
bie redete ®otte§erfenntni8 (1. ©or. 2, 10); i^n felbft oerftet)t 
nur, mer if|n befi^t (1. ®or 2, 14. 15). ©eine übrigen ®aben 
fmb oerfd)ieben (1. ©or. 12, 7—11; 14, 1). 93efonber§ 1^0^== 
gefdjä^t, au^ oon ^auluS, mirb bie ®loffolalie, ba ber ®eift 
für uns eintritt mit unau8fpreci^Ud)em ©eufjen, menn mir nid^t 
miffen, mie mir beten f ollen (9l5m. 8, 26. 27; 1. Sor. 14, 
1—27). ©d|on ermätint rourbe, ba^ ber ®eift 2. ©or. 1, 22; 
5, 5 als Unterpfanb be§ ^eite bejeic^net mirb, fofern er bie 
funftige 93ollenbung gemäf)rleiftet. ^tinli^ mirb eS ju oerftel)en 
fein, menn 5Röm. 8, 23 oon ber aizap^ri toö ^eojxaTog gefprodjen 
wirb, ©olange bie bort erfel>nte aTroXoTpoxat? toö oconaroi; t^iiäv 
nic^t eingetreten ift, ift ja ber ®eift no^ nirfjt jur SBoH^errfdiaft 



* (£i ifi für bie paulintfd^e ^tuffaffung bed ^^riftentumd beseid^nenb, bag 
^u[ud nirgenbd hai S3orl)anbenfein bed ©elftes S^^ttftt in bei 9Be(t on bie 
ftebigtiDirffantleit 3efu anfnüpft. @^ entf^rid^t feinem t^eologifd^en ^enfen, 
bag ber ®cift ®otte8 erft gegeben fein fann, nad^bem ber ©efe^eSflud^ befeitigt 
ift (@al. 4, 4—6). (Berabe biefe inerfn)ürbiQe Knfd^auung ^at fid^ ober in ber 
fir^üd^en ^fingflfeier Derfeftigt, nad^bem fie t>on ^poftelgefd^id^te (2, 33) unb 
So^nnedeDangeltum (7, 39; 16, 7) übernommen tuorben toar (f. mein ^o^anned« 
eDangelium @. 69). 



398 ^ 1 ^ m n n , ^ie Off enBorung burd^- (S^^riftuS 

Über ben aWcnfdien gelangt. Q^benfaUg ift alfo baS öfter« be* 
tonte SBirfen @otte§ in ben ©täubigen alä burc^ ben ©otteSgeift 
oermittelt gebac^t (^^itp. 2, 13; 1. Sf^eff. 3, 12. 13; 5, 23, 24; 
1. ©or. 8. 9; «ß^ilp. 1. 6). 

2)iefe älnfd^auung pon bem ©otteSgeifte als bem Präger be8 
gefamten c^riftlict(en Sebenä ift nun ol^ne Steifet me^r tl^o« 
logifd^er, afe unmittelbar religiöfer 2lrt.* 3)aS ©laubenSteben 
beS älpoftelS felbft rui^t burd^auä auf ber bem ®ebanfenfrei[e 
^fu nolltommen entfprec^enben 2ln[d^auung, ba§ burdi bie Siebes* 
tl^at ©l^rifti an ben ©ünbem bie rettenbe ©ünberüebe OotteS oer« 
bürgt ift unb ba§ biefe fiiebegtl^at ®f>rifti bie Seinigen ju einem 
neuen Seben treibt, meiere« in l^ilfreid)er bienenber Siebe fein 
®efe^ finbet. 

®ie neue ©otteSoffenbarung burc^ ©I^riftuS ift SRom. 5, .8 
am fd)drfften bejeid^net: „®ott bemeift feine Siebe ju un3 bamit 
ba§ ©f^riftuS für unS ftarb, ba mir no^ ©ünber waren." 3luf 
meld) gro^e Siebe ein S;ob für ©ünber l^inmeife, ift SB. 7 baran 
gezeigt, ba| fic^ !aum jemanb finbet, ber für einen Sftec^tfdjaffenen 
in ben 2:ob gel^t. 3)a^ ^t\v& in feinem 2:ob nur ben SBitten 
beS aSaterS oolIbrad)te, ift l^ier als bei bem 3ÄefftaS felbftoerftänb* 
tid^ oorauSgefe^t. SluS ber ©emi^l^eit biefer großen Siebe ©otteS 
gel^t nun aber l)erDor, ba^ bie ^riftlic^e Hoffnung ni^t taufc^en 
fann (93. 9—11. 93. 5). ®anj ä^nlic^er 2lrt ift bie ©tette 
SWöm. 8, 31—39: 3)ie Siebe ©otteS ^at ^\i) geoffenbart in ber 
Eingabe beS eigenen ©olineS unb perbürgt bie Erfüllung ber 
©^riften^offnung. 93ei biefer ©röge ber Siebe ©otteS füri^tet 
ber S^rift feinen 93erf läger, feinen SSerurteiler, feine Sßerfud^ung, 
bie it)n Pon bem 9WeffiaS . losreißen fßnnte, ber il^n geliebt ^ 
3)enn bie Siebe ©otteS, bie im SReffiaS ^[efuS fid^ offenbart, ift 
ftärfer als alle ©eroalten biefer SBelt. 3)iefer neuen ©otteSan* 
fd)auung entfpridit nun bie 9lnrufung ©otteS als beS 93aterS 
(aßßä 6 iratfip ®al. 4, 6; SRöm. 8, 15). 2)ie ©otteSfinbfi^aft, 
bie aus biefer Slnrufung erfd)loffen roerben fann (9l6m- 8, 16 
= ©al. 4, 6), menn fie aud) erft mit ber ©rbfd^aft beS ©otteS* 



' S3rgl. bie ^uffaffung $fletbeterd, ^aulinidmud 6. 199. 



unb baS IReue Seftament. d9d 

md)^ fid) DoH oern)irHid)t* (9iöm. 8, 23), ftel|t gegenüber bem 
früheren ^ec^tSberou^tfein (®al. 4, 1. 7), beffen SÄerfmal 3^urd)t 
mar (9iöm. 8. 15). 9?amentU(i| erfd)einen bie Übel teife afe 
gottgegebene 3RitteI ber SßerüoUfommnung (SRöm. 5, 3. 4) teifö 
aß geringfügig im aSergleid) mit ber tünftigen iBoflenbung (SRöm. 
8, 18). ©0 gel)ört fd)on je^t bem ©Triften atte^ (1. ®or. 3, 
22. 23); aße§ mu^ jum ^eil beffen bienen, ber ®ott liebt, mie 
er f\6) Don ®ott geliebt mei§ (SRöm. 8, 28). Siefeg Sßertrauen 
ftüt(t fid^ auf bie golgeric^tigfeit be8 göttad)en $anbeln§ (93, 29. 
30) unb ertlärt au§ ber ©emi^eit ber Siebe ®otte§ anä) bie 
Mätfet ber SRcIigion^gef^idite (Sftöm 11, 32 cf. @al. 3, 22). 

Slber nod) ^dufiger ift bie Siebe^t^at ©^rifti ate 93en)eg^ 
gruttb ju einem neuen, ber ©ünbe abgemanbten Seben gebadet. 
So ift pon ber Siebe 6;^rifti @al. 2, 20; 2. 6;or. 5, 14 bie 
Siebe. 3)iefe Stellen jeigen, ba§ bie innige 95ejiel)ung be§ ©r^ 
lofien JU feinem ©rlöfer e§ bem 2lpoftet verbietet, in ®l)riftug 
nur bog geoffenbarte ^htdi feinet eigenen pflid)tmä^igen SBir!en§ 
iu fd^ouen; oielmel)r l^anbelt er in banf barer 2lnerfennung ber 
J^at (£t)rifti, bamit (£^riftu§ nic^t oergebtid) geftorben fei (®al. 
1, 21 cf. 1. ©or. 8, 11). @r meife, ba^ bie ©laubigen ©^rifto 
ate Eigentum jugel)ören (1. ®or. 3, 24; 2. (£or. 10, 7); t|at fie 
borf) e;t)riftu8 loggefauft nom ©efe^egflud) (©al. 3, 13), entriffen 
ber argen SBelt (®al. 1, 4) unb itire (Srmerbung mit feinem 
geben bejal)lt (1. Kor. 6, 20. 7, 23). So gel)ören fie alfo nirf)t 
me^r ftc^ felbft (1. ®or. 6, 20), aber getiören aurf) niemafe in 
erfter Sinie einem 9)lenfc^en, bem fie etroa unter allen Umftänben 
ju gefallen fujdjten (1. ©or. 7, 23; 1. Sl)eff. 2, 4; ©al. 1, 10; 
9töm. 14, 18; 15, 1). SBie fte alg ©rben ber 3Q5elt über aüz^ 



^ ©ö entfprid^t bem ©otteSbegriff bcS ^auluS, baB bem S^riften in ber 
©egenlDart fd^on atleS hai irgenbmie gegeben ift, Xüai anbretfeit($ bo(J^ loiebet 
erfl in ber SSoffenbung i^m gegeben tnerben foQ. Sfür ©ott unb barum aud) 
für bie ©iQubenSgenjife^eit ift bief er ^rocc6 fd^on abgefdjlof Jen (9löm. 8, 29. 30 ; 
1. €or. 6, 12). 2öie bie Sixauooig (JHöm. 3, 30; 5, 1), fo ift bie ülod-eoirx 
(®Ql 4, 5. 6; 9löm. 8, 23), bie 'sonr^^Arx. (mm. 8, 24; 5, 9); ber «Y'-aa^o; 
(1. Sor. 1, 2; 1. 2t)efj. 5, 23); boS sv^ovstsO-a« Xp'.^jxov (©q(. 3, 27; 
SRöm. 13, 14) botb a(§ »ergangen, batb qIö sufünftig borgefteüt. 

3eitf(^Tift ffiT Z^eologie unb jtitil^e, 1. ^a^rg., 5. Joejl. 26 



^crr ftnb, fo barf fie nid)tö in bcr SBcIt bc^errfd)cn (1. Sor. 6, 
12). @o finb fie mit (£f)rifto gcioiff ermaßen ber SGBett gefrcujigt 
unb bcr ©ünbc gcftorbcn (@al.' 2, 20; 5, 24; 6, 14; SRöm. 6, 
5. 6. 8. 11. 13). ®asi ift grunbfä^Ii^ in bcr 2:aufc gcfc^cticn 
(9i6m. 6, 3. 4), mu^ ftd) aber tf)atfä^Iid) int Sebcn ocrroirf* 
lid^cn. 3)a^cr leiben bic ©täubigen mit i^rem »^errn (9tom. 8, 
17; 2. ®or. 4, 7—11; ®at. 6, 17; ©ol. 1, 24; ^:ßf|itp. 2, 17). 
93ci SKbfterben besJ äußeren 9Jien[rf)en reift nämlid) ber innere 
SJIenfc^ ju ber i^m beftimmten l^errlid^feit (2. ®or. 4, 16 -18). 
3)arin ift nun freilid) no^ nid)tS über bie befonbere 2trt d)rift* 
lid)cr Sittlid)feit auSgefagt. 

yim roirb 2. ©or. 3, 18, SRöm. 8, 29 ate ßiel be§ efiriften-^ 
lebend bie SSeripanblung in ba§ 95ilb ©firifti genannt, ber felber 
mieber 2. ©or. 4, 4 ba§ (äbcnbilb @otte§ ^ei^t (nrgl. 2. Sor. 4, 6)>. 
3)iefe SScrmanblung foU fic^ oottjieljcn unter fteter Slnfc^auung 
ber .^crrlid)feit be^ §errn (xaToirtpiCöixsvot), meld)e bie ^rrlid|= 
!eit @otte§ mibcrfpiegett. @§ fragt fxä) nun, meldte 9Jlertmale 
an bem SBilbe ®f)rifti üon ^^aulu§ regelmäßig l^eroorgel^oben 
merben. @g ift nur bie felbftnerleugnenbe Siebe im ©e^orfam 
gegen ©ott (®a(. 2, 20; 2. ©or. 5, 14; Siom. 15, 2. 3; — 
köm. 5, 19; ^:ßt)itp. 2, 8). Sllfo ift e§ ba§ pom 3Jilbe ©fjrifti 
gemonnene ^beal unb nirf)t bloß ein äußerlicher 3(nfd)luß an 
^efu aCBort, menn aud) 'ißaulu^ ba§ ©ebot ber 9läd)ftenliebe afö 
^ufammenfaffung alter ©cbote nennt (@al. 5, 14. SRöm. 13, 
8 -10), aU ©ctt)ätigung be§ ®lauben§ bie Siebe bejeid)net (®al. 
5, 6) unb bie ^flid)t einer alte umfaffenben Siebe immer roieber 
einfdiärft (1. SI)eff- ^. 9. 10; 5, 12—15; 1. ©or. 13; 2. ©or. 8, 
8. 24; @al. 5, 13; 6, 1. 2; SRöm. 12, 9. 14. 17. 20). So 
lebt alfo eiiriftug in ben ©einigen (©at. 2, 20; 2. (Sor. 13, 5; 



' !Die ^rnörung pflegt I)ier metftenS nur an bie t^erflarte Qeibüil^feit 
be§ erf)5^ten ^fjriftuä gu benfen; ahn tvenn fid^ bie Uiniuanblung in biefe^ 
S3ilb bod^ fd^on auf @rben unb gmar mittels fortgefe^tet ^nfd^auung üoll' 
gießen fott, fo ift babei bod^ ftd^er an bie ftttlid^e 93ert)oIItomntnung gebadet 
unb eS mu6 oud ben S9riefen be§ $au(ug erfennbor fein, meldte ^auptgüge 
biefcä Söitb ^()rifti i^m trägt. S)iefcr aCöal)r^cit fdftcint $fleiberer am nöd^ften 
gcfommen ju fein (^Pautinidmud 131—136). 



unb baS 9^eue %t^amtnl 401 

Köm. 8. 10; ®oI. h 28; «ß^itp. 1, 21) unb in feiner ganjen 
@emeinbe (1. (£or. 12, 12). ^\)n in ben einjclnen ©cmeinben 
}u ®cftalt unb Seben ju bringen, ift ber oft fdjmerjoolle Senif 
bc^ Slpoftcfe (@aL 4, 19). 3)ie ©laubigen jic^en in ber Saufe 
S^riflum an wie ein ©eroanb (@al. 3, 27); anbrerfeitig bejei^net 
^aulu§ aud) fo bie ganje fieben^aufgabe be§ ®t)riften (SRörn. 13, 14). 
3)er S^rift n)irb bei ber 2:aufe in ®t)riftum eingetaud)t (SRöm. 6, 3 ; 
@al. 3, 27) unb fein ganjeg ficben ooUjief)! ftd) nun iv Xpiarcp 
(1. J^eff. 1, 1; 2, 14; 4, 16; 1. ©or. 1, 2. 9. 30 unb fe^r 
oft). 3)en 2tbftanb foId)en ®f)riftenleben§ pon allem oovc^vift* 
liefen fa^t ^aulu§ 2. ®or. 5, 17 in bie äBorte gufammen: „ift 
einer in S^rifto, fo ift er eine neue fireatur; bog 9llte ift oer- 
gangen; fiel^e, e§ ift neu geworben." 

f. @§ ift nun bcutlid), ba^ bicfe ganje 9luffaffung be§ 
£t|riftentum§, wie fie in ben paulinifdien ©riefen oorliegt, äu^er- 
lid) betrad^tet rec^t roenig Serül^tung^punfte mit ber ^rebigt 
3efu bietet. Stber ebenfo tlar bürfte fein, ba^ gerabe bie ^aupt- 
\ai)t, ber OffenbarungsJgel^alt be§ ®t|riftent{)um8, in beiben SBer« 
!ünbigungen ooUfommen übereinftimmenb niebergelegt ift. 3)ie 
SRettung ber ©ünber burd) (£^riftu§ ift aud) für ^^aulu§ ebenfo 
Offenbarung ®otte§, mie ^^rincip eine§ neuen fieben§. ®ie 2lrt, 
roie ^aulu§ fi^ biefe Stettung im (Sinjclnen bad)te, ift freilid) 
nic^t fomo^l burd^ bie lebeubige 9lnfd)auung be§ 3öir!en§ ^efu, 
al§ oielmelir burd) bie befonbere tl)eologifc^e Schulung be§ 
3lpoftefe bcftimmt. ®efd)id)tlid)en SBert ^atte aud) fie, ba fie 
o^ne Srage burc^ i^re Betonung weniger, augenfälliger ^aupt^ 
fachen ein leicht bel)ältlid)e§ ©c^ema von ®lauben§iuaf)r^eiten 
barbot, ha§ ber SKuöbreitung be^ ®^riftentum§ felir förberlic^ mar. 
aber ber bleibenbe SBert be§ ^aulini§mu§ mirb nici^t l)ierin, 
fonbern in ber SReii^tfertigungglel^rc be^ 3Ipoftete ju fud^en fein, 
ba bie in i^r niebergelegte ©lauben^juoerfid^t bie für ben 93eftanb 
be§ S^riftentum^ burd)au8 notioenbige menfc^lic^e Slntmort auf 
bie in Sl)riftug gegebene ©otteöoffenbarung barftellt. 



26^ 



4ÖÖ |)oI^mQnn, 3)ic Offenbarung b\n^ (S^riftu« 

IV. ^eferfierfertef. 

1. 6tnc mcrfn)ürbtgc Umbicgung be§ ^aulint^muS^ bietet bie 
9ln)d)auung be§ §ebväerbrtef§ bar. ©ein SBerfaffer ift toic famt* 
lic{)e neuteftamentlic^e ©(i)riftfteUet überjeugt, ba§ ba§ @nbe ber 
aSelt nat)e fei (1, 1; 9, 26). &t fte^t ben ©erid^tStag ^cran-^ 
ndi)zn (10, 25). 9Rur eine furge SEBeile unb ber J?ommenbe roivb 
ha fein (10, 37). ©emeint ift (£t)riftu§, ber jum jroeiten 9WaI 
benen, bie it)n erwarten, jur ^Rettung erfc{)einen wirb (9, 28). 
2luf ben xatpö^ ivs^jTYjXü)^ (7, 9) folgt alfo ein atojv jjl^XXiov 
(G, 5), ber mit bem xatpoc Siop^wGStt)? beginnt (9, 10), eine 
oixoo|i.sv7j (2, 5) ober ttöXic: (13, 14) (isXXooaa. S)ann foU ba§ 
Sßeränberlic^e entfernt werben, aber baö Unoeränberlic^e (ta [i-ij 

oaXsoöjj.sva) in einer ßa^siXeia aoaXsotoc (12, 27. 28) bleiben. 

^n it)r fmb entlialten bie (i^XXovta a^ad-A (9, 11; 10, 1). 

. 91un ift aber biefe fünfrige ©tabt f(i)on bereitet (11, 16) 
unb jroar feftgegrünbet üon @ott, i^rem Äünftler unb Serf- 
meifter (ts/vitt^c %al S7j[xtoof.Yo^)/ ein l|immlifc{)e§ SSaterlanb, ha 
wir auf ber @rbe @dfte unb ^reniblinge ftnb (12, 13—16). 
®a§ ift bie längft bereite ©tötte ber 9Ju^e (4, 3), in xotldjt ba^ 
Sßolt ®otte§ eingetjen fott (4, 9). @§ ift ba§ tiintnilifdje 
^erufalem, bie ©tabt be^ lebenbigen ®otte§ unb ber 95erg ^m 
(12, 22). 2)ort ift ba§ waf)xt, üon @ott, ni(i)t üon einem 
9)lenfd)en aufgerict)tete .fieiligtuni (8, 2), ba§ Urbilb, wonad) ÜJlofe§ 
bie ®tift§I)ütte baute (8, 5), ba§ $au§ (Sottet (10, 21). S)a§ 
alle^ gebort alfo bem .^immel (8, 5; 9, 23), nid)t biefer Sd>0' 
pfung an (9, 11).'-^ 

2luf biefe unficl)tbaren, aber ge^offten 3)inge rid)tet f\6) ber 
©taube (11, 1. 13). 35enn ben ©rben ber 9?erl)ei§ung, junäd)ft 
2lbra{)am Ijat (Sott eiblid) bie Unroanbelbarfeit feinet SBiüen^ 



* fflrgl. mein „Sotjonneäcöttnöelium" 1887. ©. 176. 177. 

" S)ic S^orftcllung eineä l^immUJci^cn ^crufalem finbet fidj QUd^ ©aL 4,26, 
5(poc. 21, 2. 9lber lücnn 3cfu8 (§cbr. 6, 20) aU «p6Spo|Ao; feiner ©löubiflen 
in boö f)immU|(i^c Heiligtum einging, njenn er eine 6o^^; Kpo^'^a-ro^ xal C«»^« 
ba^in einiüci^te (10, 20), fo bo^nt jtd^ borin eine Seiifeitigfeit beö ^tiUi on, 
bie ber onf eine bieöfeitige 3«^"»ftöljerrlid)fcit gcrid&tetcn urd^riftlit^en §off' 
nurig entgcgenfte()t. ®od^ örgl. awti) f)u^\i 2. ©or. 5, 8; W^P- 1» ^3. 



' unb ba§ 92eue Xeftament. 403 

jugefid)cvt. ©o rci(i)t ifjrc Hoffnung fcft unb fid)cv in bic gött= 
lid)c ^ctt l)incin, vok bcr 2lnfcr in bcn SWccrc^grunb (6, 13—19). 
auf bie Jrcuc bc§ t)cvl)ci§enben @ottc§ fid) ftu^cnb barf fic nidjt 
roanfcn (10, 23). 9lbcv bie vlzkn ©laubigen bei> alten 93unbc§ 
i)aht\i bie 98erl)ei^ung nid)t erlangt, bimit fie nid)t oline un§ jur 
SBoUcnbung fänten (11, 39. 40). 3hix oon ferne liabcn fie bie 
Serl^eigungen gefd^aut unb begrübt (11, 13). 

9lun aber gel^ört jum §eil§}iel, ba^ man an ber ^eiligfeit 
be§ ^errn teilnimmt (12, 10); oline Heiligung mirb niemanb ben 
.g>errn fd)auen (12, 14), alfo namentlid) fein Trdpvo^* unb ßeßirjXo^ 
(12, 16, üergl. 13, 4). 5Darum mu§ man bi^ auf§ 93lut ber 
©ünbe miberftelien unb burd^ 3ö^ttgung be§ ^errn fid) jur @e= 
rec^tigfeit meifen laffen (12, 4—11). ©olc^e ©ered^tigfeit fjaben 
auc^ bie oord)riftUd)en Jtommen im ©lauben geübt (11, 4. 7. 33). 
infolge feiner glaubcn^DoHen Hu^bauer, meldier feiger Kleinmut 
gegcnüberftel^t, foH ber ©ered^te leben ^10, 35—39) unb bie 93er= 
^ei^ung ererben (6, 12). ^n allen biefen 2lnfd)auungen bejietit 
]i6) alfo ber ^ebräerbrief nid)t auf ba§ gefd)id)tlic^e Sebenömerf 
3efu. Unb bo^ t|at ba^felbe aud) für il)n lieroorragenben SBert. 

2. ©liriftn^ batint nad) bem ^ebräerbrief einen neuen, le* 
benbigen SBeg ju ©ott (10, 20), ber öorlier nic^t offenbar mar 
(9, 8), fo ba^ man je^t ©ott mit Jreubigfeit nalien fann (4, 16; 
7, 19; 10, 22); er ift ber SBorldufer feiner ©laubigen (6, 20). 
©0 l^at er burd^ feinen 2;ob bie ©laubigen oon ber 2:obe§furd)t 
befreit, inbem er nämlid^ ben 2^eufel, ben 3Wad)tl)aber über ben 
Job, t)crmd)tete (2, 14. 15). ®a§ ift mol)l fo ju oerfletien, ba§ 
bic 3Wenfd^en oline ©liriftug im S^obe jur ©träfe il^rer ©ünbe ber 
©emalt be^ Seufel^ verfielen, wa^ fie il^r Seben lang ängftigen 
mu^te ; burc^ ©l^riftuö aber ift ber 2^ob jum SJlittel ber ©emeinf df)af t 
mit ©Ott gemorben. Sllfo ift burd) ®l)riftu§ SBergebung ber ©ünbe 
errei^t (10, 18). 3)iefe§ §eil ift gegeben bur^ ©lirifti Stob (2, 14). 



' 3Benn äöeig ). b. @t. fel^r ftd^er be^au^tet, bag icopvo; {|tet nur ben 
abtrünnigen na(i^ altteftamentlic^em Sptad^gebraud^ begei^nen fann, fo koeig 
i(^ bo(^ nidjt, ob nid^t itopveta wörtlich Qenommen aud^ ein oaiEpsiv ctizb xr^q 
yaptTO(; xoö O-eoö im ©inne beS SOerfaRcrä bcbeuten fttnn, bcfonberä bo 13, 4 
bie to5rtIi(^e ^uffoffung gerabeju geboten ift. 



404 ^ol^mann, 3)ie Offenbarung burdj ß^^riftug 

2)er ^cbraerbricf bejcid)nct nänilid) ben Slbenbma^ls^iüortcn 
Qz\n unb ät|nlid)en 2leu§evungcn bc§ ^aulu§ cntfpred^cnb ben 
Job ^efu afe Opfer jur ©ttnbenoetgebung; nur betont er ben 
2:I|atfad)en cntfpred^enb (3Warc. 8, 31 — 9, 1), mel^r afe ba§ fonft 
gefd|iel)t bie freie ©elbftentfd)lie§ung <3efu ju bicfem Opfer. 
3fefuS erfd)eint bemnad) nid^t bIo§ afe füt)nenbe§ Opfer (7, 27; 
9, 26; 10, 10. 14), fonbem ebenfo ate opfernber ^o^erpriefter 
(2, 17; 3, 1; 4, 14; 5, 5. 10; 6, 20; 7, 26; 8, 1; 9, 11). 
2)emgemä^ roirb Qefu ©ingang in ben ^immel mit bem (Eingang 
be§ ^ol)enpriefter§ in ba§ 2ltterf)eiligfte am SBerföfinungsifefte ocr* 
glid)en (4, 14; 6, 20; 9, 12. 24; 10, 20); ^efuS bringt ba^in fein 
eigen Slut (9, 12. 14), roie ber ^ol)epriefter (9, 7) frembeS (9, 25), 
ndmlid^ folc^e^ oon SBibbern unb ©tieren (9, 12. 13). 3lud) ^fu 
fef)Ite nid)t bie göttliche 93erufung jum ^ofienprieftertum (5, 5 — 10); 
ba^ alte 2:eftament roeift felbft über ba§ ^rieftertum beS (Stammet 
Seüi l^inmeg auf bas; al)nenlofe, emige ?ßrieftertum ajieldiifebcte 
l)in (6, 20 — 7, 17) ; biefe^ emige §ol)eprieftertum übt ^fu§ burd) 
fortbauernbeä Sletten nnb gürbitten für bie ©einigen (7, 23 — 25 
üergl. 9löm. 7, 34). dagegen genügt fein einmalige^ Opfer 
(7, 27 ; 9, 25. 26 ; 10, 10. 14) ftatt ber l)äufigen früt)eren Opfer, 
bie burd) it|re ^äufigfeit nur il^re in ber 93efc^affenl)eit beS Qt^ 
opferten ©egenftanbeS berut)enbe (9, 9. 10. 13. 14; 10, 4. 11) 
Unjulänglid)teit bemiefen fjaben (10, 1—3). Siebet bo^ ba§ alte 
2;eftament au§brücfU^ üon einer 9lbfd)affung biefer unnü^en unb 
ungenügenben Opferorbnung, bie nur bie Hoffnung auf beffere^ 
meden fottte (7, 18. 19)* ju gunften eine§ neuen auf befferen SJcr* 
l^ei^ungen rul^enben 93unbe§ (8, 6 — 13). 2)er ajiittler biefeS 
neuen SBunbe^ ift ©tiriftu^ (8, 6; 9, 15; 12, 24.) 

3. @in Seftament (SiadV/xT]) roirb giltig mit bem Job bc8 
©rblaff erS ; aud) ber alte 93unb mürbe mit 93lut eingeroeil|t ; olinc 
93Iut gibt eä im ®efe§ feine ©ünbenoergebung (9, 15—22): 

* 3)cr Sludbruc! EnetgaftoY-^j xpetttovog eXutSo? cntf^)tid&t genau bem 
§luSbruif be« ^aulu« icat8aY«)Y^? ^-^ Xp'.axov ©al. 3, 24. Slber ^auluif ^at 
butd^meg bie jübifd^e Sebendovbnung, ber ^ebtaerbrief bie jübif^e ©otte^btenf!' 
orbnung oor ^ugen. S)aS ift um fo merfmürbtgeT, aU na(^ ®al. 4, 10; 5, 2 
bie ©alater gerabe bie iübif(i(ie ©ottcdbienfloibnung übernehmen n)ottten. 



unb bod 9leue Seftoment. 405 

lauter ©rünbc, wes^t)alb bcr aWittIct bc^ neuen 33unbe^ fterben 
mu^tc. 9lun ^anbelt e^ fid) aber barum, bie SEBirtung feinet 
Jobeg genau fcftjuftetten. 3)ie Slufgabe beö ^ofienprtefters ift 
nac^ 2, 17 ba§ tXdoxs'^O'ai ta^ a(iapTiac toö Xao'j, nad) 5, 1 ba§ 
jrpoa^sfjstv Smpa ts xal O-uotag oTtep a|xapTUüV (orgl. 5, 2. 3 ~ 7, 27 ; 
S, 3; 9, 7). 3)iefc ©aben foÜten fein 5ovd|isvai xatd aovetSTjaiv 
csXsccb'^at Tov XaTpeoovTa (9, 9 ; 10, 1). (Statt TsXetoOv ftef|t 9, 14 
xaO^ptCstv (r?iv oovsiStj'jiv aTcö vsxpcbv Sp^wv). 3)iefer le^te SluS- 
brurf wirb roieberum burd) 10, 2 erflärt, loonad) ba§ 3^^^ ^^ 
Opfert ift {lYjSsjitav lyetv sti auvst^Tjatv a(i.apTMi)v too^ XaTpsoovta^ 

airaj TcsxaO-apwji.svo'jg. ^ft fc^on f|ier ganj beutlid) bie Tilgung 
bc^ ©d(ulbben)u|tfein§ aU 3ict be§ Opfert angegeben, fo tritt ba§ 
nod) Harer tieroor, roenn 95. 3 für T>yBi$rpi^ a|xapTid)v ber Sluö- 
brud avd(jLVYj'5i(; a(i.aptMi)v fte^t. S)iefelbe ©cbeutung bc§ xa^apioiiö? 
iiiap-ctibv (1, 3) ergiebt fid) auig 9, 22, roonad) burd) 93Iut faft 
alle§ nad) bem @efe§ gereinigt roirb (xa^apiCstat) unb e§ of)ne 
SlutDergie^en feine Vergebung (a^sot?) giebt. 

(St)rifti Opfer f)at alfo jiebenfaÜg SBergebung ber ©ünbe bjn). 
Tilgung ber (Sd)ulb gebrad)t (1, 3 xa&apiqiöv twv aji/xpiiÄv 
3rot7jad|isvo^ orgl. 9, 22). 3)arauf mu^ fid) au^ 10, 4 ber 3Iu§= 
brurf (i'farpstv d[iapuag bejie()en, ba begrünbet werben fott, roe^* 
l)alb bei ben altteftamentUi^en Opfern bie avdiivTjii^ ajiapTiwv 
immer lieber enüad)te. ®eögleid)en ift oline ä^^^if^t überall ba, 
mo unmittelbar an ben Opferbegriff angefnüpft wirb, nur ©ün= 
benuergebung, nid^t etma SBredjung ber ©ünbenmac^t gemeint: fo 

9, 26 aO-^Tirjatg xffi a[JLapTtac; 9, 27 tcoXXwv avsvsYXsiv a{i.apTia(;; 

10, 11 TcepteXeiv Ä(i.apTta<;; 10. 10, 29 ÄfidCeo^ai (t)rgl. 9, 13 
a^tdCstv = xa^aptCetv) ; 10, 14 tstsXsuoxsv (ürgl. 93. 18 ä^6'5t^)^ 

©0 ift benn aud) bei ben Slu^brürfen Xotpoxitg (9, 12) unb 



* SQJcnn alfo teXetoöv unb ÄY'.aCe'-v im Sufammenl^anö mit ber Opfer» 
üorfltHung auf bie burd^ 9leinigung üon ber @((ulb beioirlte 3)oQenbung 
beaU). äBei^e an ®ott fid^ begießen, fo fd^Itegt boS nic^t aud, bag in anberm 
Sufammen^ang biefelben SSerba bie bur^ fittli^e Arbeit ju beniirfenbe ä^oQ« 
enbunfl bejU). aößei^c an ®ott bebeuten TeXeiwd-ei? 5, 8. 9; &-^i6z'ri<; unb 
d^taofjLo? 12, 10. 14). aJlerfujürbiöertoeife toitt man batb bei xsXetoöv (^f(ei= 
berer), balb bei ä-^idi^iv (SDÖei^) nur eine Söebeutung julaffen. 



406 ^ol^mann, ^ie Offenbarung burd^ ^^riftuS 

a;roX'jT(>o)<3ic (0, 15 üvgl. 11, 35) an biefe SBirtung bc§ 3'obe^ 
®l)vifti ju beuten, roobei e§ loegen 2, 14. 15 angejeigt fein bürfte, 
an ba§ jener ©teile freiüd) nid)t burdiau^ entfpredjenbe 93ilb einer 
Soöfaufung au§ ber ©eroalt be§ 2:eufet§ ju benfen*. SEBi^tiger 
ift, ba§ ftd) nad) 9, 15 biefe So§faufung burc^ ben 2:ob Sljrifti 
nnr bejiel^t auf bie unter beut erften ?)unb gefd)et|enen Übertretungen, 
alfo auf bie ©ünben oor, nid)t e oa in bem ©l^riftenftanbe. W)n^ 
lid) roirb e§ aud^ ju t)erftef|en fein, toenn 9, 25. 26 lierporgel^oben 
toirb, ba§ fid^ (Jl^riftuS nid)t oftmals barbrad)te, fonbern einmal i^rl 
oovTeXeiqf twv aujbvwv. ®§ entfprid)t ba§ bem ©ebanfen be§ ©ü^n- 
opferig (5, 1 — 3; 10, 1 — 4) unb aud) bie ©diilberung be§ neuen 
SBunbesI bei Qeremia 31, 31—34, bie in unferm SBrief 8, 8—12; 
10, 16. 17 angefül)rt mirb, mei^ nur oon ©ünben unter bem 
alten, nid)t unter bem neuem 93unbe, ba bann @ott fein ©cfe§ 
in baS ^erj feinet 93olte§ gefd)rieben l^at. 

2)emgemä^ wirb oon ben burd) bcS Opfer ©tirifti ©ereinig^ 
ten erroartet, ba§ fie bem lebenbigen ©ott bienen (9, 14), ba| 
fte fid) tieiligen (10, 14; 12, 14), mie ©ott t)eilig ift (12, 10); 
fie f)aben ben tieiügen ©eift empfangen (Den ©eift ber ©nabe 
10, 29) unb au^er bem ebeln ©otteSroort auc^ bie Kräfte ber }u* 
fünftigen SEBelt gefd)medtt (6, 4. 5); eS mirb bie ®rjiel)ung§ab* 
fic^t ©otteS bei ©enbung ber Übel betont (12, 4 — 11), mie benn 
auc^ ©l^iiftuS felbft im Seiben ©eI)oifam lernte unb fo oottenbet 
marb (5, 8. 9; 2, 10; 7, 28). Sßon einer t)immlifd)en 95e* 
rufung (3, 1) ju ettjigem ©rbteil (9, 15) mirb gerebct; bie 5^om» 
men foUen ben ©tauben an ba§ fünftige §eil ate ein fie jur 
SluSbauer ermunternbe§ QxA unoerrüdt feftl^alten (3, 14; 5, 11. 
19; 10, 19—23; 35—39); e§ wirb gemünfdjt, ba§ ©ott bie 
Sefer in allem ©uten ftärfe, feinen SBiUen ju t^un (13, 20. 
21). 91ad) 13, 21 oottbringt ©ott baS oor xi)m mo^tgefdUige 
in uns burd^ QefuS S^riftuS. 5Dal)in gel)ört nod), ba^ ©^riftuS 
ein fortbauernbeS Reifen in ben a5erfud[)ungen (2, 18), ein Sietten 

' SDÖo X6Tp(ü5:(; ober a:toX'kp(u3i<; ftattftnbcn mu6, ifi Oor^ex BooUa (2, 15 
Uröl. aTtaXXdjTfj). %btx naä) 2, 14 loirD ber 2f"nb öernidjtet, nad^ 9, 12. 15 
tperben bie ©laubigen nur üon i^m loööelauft, örgl. aOflarc. 10, 45. 1. €or. 
6, 20; 7, 23; ©oI. 3, 13; 4, 5; ^oc. 5, 9; 14, 3. 4; 2. ?etr. 2, 1. 



unb baö Sleue S^cftamcnt. 407 

unb Gintrctctt für feine (Staubigen jugefdjrieben roirb (7, 25); 
aud) wirb benen, bie ju @ott nat^en, eine ^itfe jur rerf)ten ßcit 
(suxatpoi; ßoTj&sta) t)ert)ei|en (4, 16). 2lber jugefid)evt roirb 
i^nen bod) nur boS SBorl^anbenfein bc§ jenfeitigen bju). Kinftigen 
^cife (4, 9; 6, 13—20; 10, 23); ob ber ®injelne biefe§ fic^er 
Dor^anbene ^eil erreid)t ober nid)t, ba§ t)ängt oon feiner gebul* 
bigen Stu^bauer ab (3, 14; 4, 1. 2. 11; 6, 11. 12; 10,36—39; 
12, 14—16). 

2Wan fönnte ja nun beuten, ba§ im t^ebräerbrief ber @e= 
banfc ber göttlidien ^eilöroirfung nur gegen ben anbem ber 
mcnfc^tidjen ^flic^terfüttung jurürftrate, n)ie ba§ aud^ bei ^aulu§ 
^ufig ber ^U ift. Dl^ne 3^^^^frf tonnte aud) ^aulu§ fd^reibcn, 
ba^ ®t|riftu§ allen il|m ©el^orfamen ber 93egrünber eine§ eroigen 
^eilei^ rourbe (5, 9). 2lber ftatt ber pauUnifd)en (Stauben^juoer- 
fitf)t, bic ben (Sinjetnen be§ ®rfoIg§ feiner ^eiügungSarbeit um 
ber Sreuc @otte§ mitten oon oorn Iierein gemi§ mad^t, tritt 
ung im ^ebroerbrief eine burd^auö anbere 2lnfd)auung entgegen.^ 

4. SKn oier bebeutfam lieroortretenben ©teilen be^ 93rief§ 
(2, 1—4; 6, 4—10; 10, 26—31; 12, 18—29) wirb oor einem 
Serfi^crjen be§ fünftigen ^eileS in einer SBeife gemamt, ba§ 
jeber ©ebante an @otte§ fud)enbe Siebe unb Streue r)erfd)minbet. 
3)ie erfte unb bie beiben legten ©teilen entfpred^en fxd) bi§ in bie 
ßinjell^eitctt genau. Sie Übertretung be§ mofaifdien @efe^e3 
würbe Ijart beftraf t (2, 2) ; feine Kare 9Jli^ad)tung mit bem 2:obe 
(10, 28); bie ®rfd^einungen bei ber (Sefe^gebung am ©inai maren 
\o furd)tbar, ba§ aud) Sffiofe^ in gurd)t unb gittern geriet (12, 
18—21): nun aber ift bie burd^ ben ^enn gebrad)te, oon ®ott 
burd) allerlei 3Bunber beftätigte SRettung oiel größer, alfo audf) 



* ©elbftDerftanblid^ mugte man b